[6.6.1944:
Alliierte Invasion in der Normandie
Zwei Jahre zu spät erfolgt die Eröffnung der Zweiten Front in der
Normandie. Die Küste
ist inzwischen zum "Atlantikwall" geworden [1]. Daraufhin warten die
Alliierten den
ganzen Sommer ab, ob das Attentat des deutschen Widerstands auf Hitler
gelingt. Wenn das Attentat am 20. Juli 1944 gelingt und Hitler ermordet
wird - so
spekulieren die westlichen Alliierten - so könnte man kampflos und ganz
schnell nach Berlin fahren [2].
[1]
http://www.geschichteinchronologie.ch/eu/F/Tewes4_dt-besatzung-Normandie.html
[2] Valentin Falin: Zweite Front;
http://www.geschichteinchronologie.ch/2wk/Falin_schachspiel31-1944-juni-juli.html
Eine Woche nach der Normandie-Invasion beginnt der Beschuss Englands
mit der V1, der wiederum auf englischer Seite die Diskussion um einen
Gaskrieg in Gang setzt:
[13.6.-1.7.1944: Diskussion um
Giftgaskrieg - Churchills Giftgas - Hitlers Giftgas]
Bis zum heutigen Tag [1964] ist den Deutschen nicht bekannt, welche
entsetzliche Gefahr ihnen im Sommer des Jahres 1944 drohte. Denn der
britische Premierminister Winston Churchill war damals bereit, den
Giftgaskrieg als Vergeltung für den deutschen V-Waffen-Beschuss zu
entfesseln.
Hätte Churchill sich durchgesetzt, dann wären die Trümmerfelder der
deutschen Städte zu Massengräbern von vielen Millionen geworden. Die
Bevölkerung war nämlich gegen einen Giftgaskrieg aus der Luft so gut
wie schutzlos.
Aber auch der unweigerlich erfolgende deutsche Vergeltungsschlag gegen
England mit Giftgas hätte viele Millionen Opfer gefordert. Denn die
deutschen Chemiker hatten einen "Maskenbrecher" entwickelt, ein
neuartiges Giftgas, gegen das die englischen Gasmasken nicht schützten.
Die ersten Julitage des Jahres 1944 waren Tage, in denen die Welt den
Atem angehalten hätte, wenn sie gewusst hätte, was ihr drohte.
[6.7.1944: Churchill präsentiert dem
Unterhaus Totenzahlen durch die V1]
Am 6. Juli 1944, genau einen Monat nach Beginn der alliierten Invasion,
steht Winston Churchill vor dem überfüllten britischen Unterhaus und
gibt den Abgeordneten Rechenschaft über den Stand des Kampfes gegen die
deutschen V1-Bomben.
Die britischen Zeitungen schreien nach Vergeltung für diese
"barbarische (S.253)
Art der Kriegsführung gegen Zivilisten, gegen Frauen und Kinder". Seit
dem 15. Juni explodieren täglich rund hundert V1-Köpfe in den Strassen
von London. Eine dieser fliegenden Bomben hat 130 Zivilisten und
Offiziere bei einem Gottesdienst in der Garde-Kapelle getötet. Einer
anderen sind 198 Menschen zum Opfer gefallen.
Als der Premierminister die Höhe der Menschenverluste durch die V1
bekanntgibt, herrscht Todesstille im Unterhaus.
"Heute morgen, bis sechs Uhr, sind 2752 Todesfälle registriert worden",
erklärt Winston Churchill. "London bietet dem Feind ein 30 Kilometer
breites und 25 Kilometer tiefes Ziel. Daher ist die Stadt ein in der
Welt einzigartig dastehendes Ziel für eine Waffe von so geringer
Präzision."
Über 1000 fliegende Bomben sind bereits in London explodiert. Jeder
Abgeordnete hat die riesigen Krater gesehen, die von den tonnenschweren
Geschossen in die Häuserzeilen gerissen worden sind.
Winston Churchill hebt seine Faust und schüttelt sie drohend. "Die
fliegende Bombe ist eine Waffe, die nach Konstruktion, Zweck und
Wirkung im buchstäblichen Sinne des Wortes wahllos treffen soll. Die
Einführung einer solchen Waffe durch die Deutschen wirft schwerwiegende
Fragen auf, mit denen ich mich heute jedoch nicht befassen will..."
[Gespräche über Gasbomben zwischen
Churchill und Stalin schon ab 1942 - ein GB-"US"-Geheimkomitee über
Gaswaffen am 6.7.1944 - die "Amis" blockieren die Gasbomben - die
Briten wollen als "Strafaktion" eine Stadt in Schutt und Asche legen -
die "Amis" wollen nur "militärische Ziele" - Verkehrsnetz in der
Normandie zerstört]
In den streng geheimen Diskussionen der verschiedenen
Verteidigungsausschüsse sind diese "schwerwiegenden Fragen" jedoch
schon in allen Einzelheiten besprochen worden. Churchill hat sich schon
1942 mit dem Problem der Anwendung von Giftgas auseinandergesetzt und
Stalin erklärt, dass er über genügend Vorräte von Gasbomben verfüge,
die er abwerfen lasse, wenn ihm von den Deutschen ein solcher Schritt
aufgezwungen werde.
Am selben 6. Juli, an dem Winston Churchill vor dem Unterhaus spricht,
beraten die anglo-amerikanischen Militärs in einem Geheimkomitee, das
den Decknamen "Armbrust" trägt. Gegenstand der Besprechung: Welche
Massnahmen sind gegen die deutschen V-Bomben notwendig?
Kühl und sachlich schlägt der britische Delegationsführer die Aufnahme
des Giftgas-Krieges vor. "Gasangriffe sollen nach unserer Ansicht
zuerst gegen die Abschussrampen der Raketen gerichtet werden", sagt er.
Die amerikanischen Konferenzteilnehmer sind schockiert. Sie denken an
die Schrecken des Gaskrieges von 1915 bis 1918. Sie denken daran, dass
der Gaskrieg durch internationale Vereinbarungen geächtet ist. Den
Amerikanern ist auch das vielsagende Wort "zuerst" nicht entgangen.
"Zuerst" (S.254)
sollen sich die Gasangriffe nur gegen die Abschussbasen richten. Und
dann? Hitzig leisten die Amerikaner Widerstand.
"Wenn der Gaskrieg erst einmal ausgebrochen ist", sagt ihr
Delegationsführer beschwörend, "dann lässt er sich nicht mehr auf
Angriffe gegen bestimmte Objekte - wie die Raketenabschussbasen -
beschränken. Für die Einführung eines allgemeinen Gaskrieges aber gibt
es militärisch keinen triftigen Grund. Wir lehnen diesen Vorschlag
kategorisch ab."
Die Engländer bestehen darauf, dass er dennoch dem alliierten
Oberkommandierenden, General Eisenhower, unterbreitet wird. Aber auch
General Eisenhower sagt: "Nein!"
Die englische Delegation macht nun einen anderen Vorschlag. "Wir
beantragen, dass eine deutsche Grossstadt so lange mit Bomben aller
Kaliber belegt wird, bis sie dem Erdboden gleichgemacht ist. Die
deutsche Bevölkerung soll durch Flugblätter darüber aufgeklärt werden,
dass diese Angriffe ausdrücklich als Strafe für den V-Waffen-Beschuss
erfolgen."
Gegen eine solche "Strafaktion" erheben die amerikanischen Mitglieder
des "Armbrust-Ausschusses" keinen Einspruch. Aber auch diese Angriffe
müssen erst von General Eisenhower, dem alliierten Oberkommandierenden,
genehmigt werden.
"Ich halte nichts von Vergeltungsangriffen. Bitte widersetzen Sie sich
dem britischen Antrag", instruiert Eisenhower seine Delegation mit
einem handgeschriebenen Zusatz auf dem Memorandum.
Die Amerikaner erklären den Engländern bei der nächsten
Ausschusssitzung: "Derartige Vernichtungsangriffe auf nichtmilitärische
Ziele stellen nur eine weitere und gefährliche Ablenkung der alliierten
Luftstreitkräfte von den eigentlich kriegsentscheidenden Angriffszielen
dar. Angriffe auf die deutsche Zivilbevölkerung kommen Hitler nämlich
sehr gelegen, wenn wir dafür seine Kriegsindustrie verschonen."
[Dabei laufen "amerikanische"
Unternehmer im Dritten Reich weiter für die Wehrmacht, samt
Antiklopfmittel...]
Die Amerikaner sind seit Beginn des Krieges entschiedene Gegner des
Flächenbombardements ganzer Städte. Sie wollen gezielte Bombenangriffe
auf kriegswichtige Objekte fliegen. Und sie glauben, dass dies möglich
ist. Die Engländer haben immer widersprochen. Sie behaupten: Es ist
unmöglich, bestimmte militärische Ziele innerhalb einer Stadt zu
treffen, ohne gleichzeitig schweren Schaden in den Wohngebieten
anzurichten. Bis zum Winter 1943 dürfte das auch wahr gewesen sein. Die
Amerikaner haben bei Tag kaum besser getroffen.
Aber in letzter Zeit hat das Bomberkommando selbst den Amerikanern die
besten Trümpfe geliefert. Vier Monate lang haben die britischen Bomber
(S.255)
Nacht für Nacht das Verkehrsnetz im Norden Frankreichs und in Belgien
als Vorbereitung für die Invasion mit Bombenteppichen belegt. Die
Zerstörungen sind so schwer, dass die Deutschen nur tropfenweise
Nachschub an die Invasionsfront bringen können. Die französische
Zivilbevölkerung aber hat nur eine geringe Zahl an Toten zu beklagen.
Die britischen Bombenschützen haben wahre Wunder an Treffsicherheit
vollbracht. Nicht umsonst hat Premierminister Churchill seinen Freund,
den Luftmarschall Harris, gewarnt: Rücksichtlose Bombenangriffe würden
vielleicht die französische Zivilbevölkerung auf die Seite Hitlers
treiben. Das muss vermieden werden.
[Auch in Frankreich werden ganze
Städte bombardiert, was hier nicht erwähnt wird. Die Franzosen an der
Küste fluchen auf die Engländer, weil die Küstenstädte z.T. nur noch
eine Trümmerwüste sind].
Die misstrauischen Amerikaner glauben schon seit einem halben Jahr,
dass die Engländer auch in Deutschland militärische Ziele besser
treffen könnten, wenn sie nur wollten. Seit den Angriffen auf
französische Städte hat General Eisenhower dafür den Beweis. Deshalb
lehnt er jetzt einen Vergeltungsangriff für den V-Waffen-Beschuss auf
London ab.
Aber die Engländer wissen, wie man widerspenstige Verbündete
herumkriegt.
[Churchill hat Roosevelts Truppen
auch nach Afrika gelockt, obwohl schon alles für eine Zweite Front
vorbereitet war...
(aus: Valentin Falin: Zweite Front)]
[20.7.1944:
Das Hitler-Attentat
misslingt - nun müssen die Westalliierten sich nach Berlin kämpfen
Da das Hitler-Attentat misslungen ist, sind die Spekulationen der
Westalliierten nicht aufgegangen. Die Fahrt ohne Kampf nach Berlin
findet
nicht statt, sondern es wird ein mühsamer Kampf um jede Provinz.
Gleichzeitig hat Hitler die deutsche Bevölkerung noch mehr hinter sich.
Die alliierte Forderung nach einer "bedingungslosen Kapitulation" lässt
grosse Gegenenergien gegen die Alliierten wachsen. Die
alliierten Städtebombardements werden nun neu aufgenommen, und die
deutschen Generäle sind ihrerseits nicht fähig, Hitler zu umgehen und
die Westalliierten nach Berlin durchzulassen, um den Kommunismus an der
Oder aufzuhalten. Am Ende kommen die
Westalliierten aber nur bis zur Elbe, und Stalins Rote Armee besetzt
Berlin.
(aus: Valentin Falin: Zweite Front)].
[21.7.1944: Die Entscheidung für
Stuttgart als Vergeltungsangriff für die V1: eine Stadt, die Teile der
V1 herstellt]
Am 21. Juli wird ein neuer Ausschuss eingesetzt, der die Massnahmen
gegen Hitlers "Wunderwaffe" koordinieren soll. Der Vorsitzende, Air
Commodore C.M. Grierson, ist Engländer und einer der entschiedensten
Verfechter des "Terrorbombardements". Nur wenige Amerikaner sind bei
der ersten Sitzung anwesend.
"Wenn General Eisenhower Vergeltungsangriffe untersagt", erklärt ein
britischer Luftmarschall, "dann fliegen wir selbstverständlich auch
keine Vergeltungsangriffe. Ich würde vorschlagen, dass wir statt dessen
eine Reihe von vernichtenden Angriffen gegen eine deutsche Stadt
fliegen, in der Einzelteile für die V-Waffen hergestellt werden. Ich
denke an Stuttgart mit seinen Spezialfabriken für Düsenmotoren,
Zündkerzen, Einspritzpumpen, Elektroaggregaten..."
Der Ausschuss stimmt dem Vorschlag einstimmig zu. Der
Vergeltungsangriff für den deutschen V-Waffen-Beschuss findet trotz
Eisenhowers Einspruch statt. Er heisst jetzt nur nicht mehr
Vergeltungsangriff.
[Ergänzung:
V-Waffenteile auch aus der neutralen Schweiz
Auch die Schweiz produzierte mit
ihrer Präzisionsindustrie wichtigste Komponenten für Hitlers V-Waffen.
Aber die Schweiz ist Spionage-Drehscheibe, und deswegen kann man dort
"nichts machen". Die schweizer Bevölkerung weiss von den V-Teilen
nichts, die
in der Schweiz produziert werden, denn die Geheimhaltung innerhalb der
Nazi-Oberschicht der Schweiz, deren Repräsentanten meist an deutschen
Universitäten studiert haben, funktioniert gut...
(aus: Markus Heiniger: 13 Gründe. Warum die Schweiz im Zweiten
Weltkrieg nicht erobert wurde)]
Quellen von Irving und den deutschen
Journalistenkollegen über Churchills
Plan, Deutschland mit Giftgas einzudecken
Der britische Vorschlag, den Luftgaskrieg als Antwort auf die deutsche
V-Waffen-Bombardierung zu eröffnen, wurde am 6. Juli 1944 gemacht
(siehe die offizielle amerikanische Kriegsgeschichte "The Army Air
Forces in World War II", Bd. III / 534). Darüberhinaus unterrichteten
wir uns bei General Sir Frederick Pile, Mitglied des Crossbow
Committee, und bei dem Stellvertreter von Harris, Sir Robert Saundby.
Das Bomberkommando hatte mehrere für den Gaskrieg ausgebildete und
ausgerüstete Staffeln. Einzelheiten über das Crossbow Committee in
"Defence of the United Kingdom", S. 385, und RAF History, III / 165.