Städtebombardements Zweiter Weltkrieg
7.10.1944-30.3.1945: Antwerpen V1- und V2-Terror
Der NS-Raketenterror der Westfront über Antwerpen gegen den
alliierten Nachschubhafen - "Wunderwaffen"-Einsatz in Begleitung zur
Ardennenoffensive - Schutzring "Antwerp X" - Propaganda und Zensur.
Chronologie
aus Webseiten
präsentiert von Michael Palomino (2008)
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Karte: V2-Abschussrampen
und Ziele der V2 in Belgien: Antwerpen, Diest,
Hasselt, Tournai, Mons und Lüttich werden mit V2 beschossen von den
Abschussrampen in Holland (Staveren, Dalfsen, Hellendoorn) und
Deutschland aus (Burgsteinfurt, Hachenburg und Merzig). [3]
Die Schutthalde in Antwerpen
an der Bontemantelstraat, verursacht durch den V2-Raketeneinschlag vom
28.10.1944 [6]
 Bruchstücke
von V2-Raketen aus Antwerpen [9]
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Karte mit den
V2-Raketeneinschlägen auf Antwerpen und Umgebung 7.10.1944-27.3.1945
[gemäss 4]
4.9.1944
Antwerpen wird britisch besetzt -
alliierte Nachschubbasis
Antwerpen wurde am 4. September 1944 britisch besetzt. Nun sollte auch
die Besetzung der Hafenanlagen folgen, die noch in NS-Hand waren. Die
NS-Führung wusste dies und plante Gegenmassnahmen [1].
ab Anfang Oktober 1944
V1 und V2 gegen London und
Antwerpen - die Propagandawirkung - Positionen der Abschussrampen
Als Reaktion auf die Einrichtung von Antwerpen als Nachschubbasis gab
Hitler an SS-General Hans Kammler den Befehl heraus, die V1 und V2
exklusiv nur gegen London und Antwerpen abfeuern zu lassen. Für
Antwerpen galt der Codename "Anton". Der Bevölkerung von Antwerpen
wurde bald klar, dass die Nazi-Zeit für sie noch nicht ganz vorüber
war. Die deutschen "Wunderwaffen" sollten nun die historisch Hafenstadt
bombardieren, 175 Tage lang [1].
Dabei erreichten nur ca. 30 % der gegen Antwerpen abgeschossenen
V2-Raketen die Stadt. Die anderen 70 % kamen irgendwo rund um Antwerpen
herunter, oft aber auch sehr weit entfernt. Faktoren waren vor allem
der Treibstoffmangel und der dürftige Entwicklungsstand der Rakete [1].
Die Raketenoffensive gegen Antwerpen wird bei den Historikern bis heute
[2008] in ihrer Wirkung unterschätzt, denn diese Raketenoffensive wurde
für die Alliierten ein grosses
Hindernis. Der Hafen blieb zwar offen, aber die deutsche Propaganda gab
vor, dass der Hafen von Antwerpen damit zerstört werden könnte, und
dass der Vormarsch der
Alliierten verhindert werden könnte. So wurde die deutsche Bevölkerung
in einen falschen Glauben versetzt und unterstützte das Hitler-Regime
zum grossen Teil weiterhin bis zuletzt. Diese Propagandawirkung war
fatal [1].
[Diese Propagandawirkung durch die
V1 und V2 wurde auch ins Ausland weitergegeben, wo Nazi-Kreise
ebenfalls auf den Endsieg Hitlers hofften: in der Schweiz, in Italien,
in Ungarn etc. (Schlussfolgerung Palomino)].
[Hitler litt an starkem Parkinson
[2], und eigentlich war der Hitler-Trottel
gar nicht mehr urteilsfähig, aber die noch dümmeren NS-Offiziere waren
nicht fähig, Hitler abzusetzen. So führte eine Dummheit eine weitere
Dummheit in die Grube...
(Schlussfolgerung Palomino)].
Die V2 kam zuerst. Sie legte nach ihrem
erdbebenartigen Aufschlag und der nachziehenden Rauch- und Staubwolke
ganze Strassenzüge in Schutt und Asche. Metallteile flogen - je nach
Aufprall - 100e Meter weit herum, und in der weiteren Umgebung gingen
alle Fensterscheiben zu Bruch, wurden Dächer abgedeckt und fiel
der Verputz herunter. Der Anflug konnte kaum beobachtet werden, weil
die V2 viel zu schnell war. Die Menschen in Antwerpen mussten mehr und
mehr in Ruinen leben, und der Winter 1944/1945 war einer der kälteren
Sorte [1].
Von der V2 blieb nach einem Aufschlag jeweils nur die lange Brennkammer
übrig, die in der ganzen Stadt gefunden wurde und in den Vororten
normalerweise im Boden vergraben wurde. Die 600 kg schwere Brennkammer
fiel nach dem Einschlag manchmal auf Menschen und tötete so viele
Leute. Die V2-Treffer ereigneten sich normalerweise immer am Tag, nur
selten in der Nacht. Der Einschlag glich einem stäkstmöglichen
Donnerschlag [1].
Bis zum 25. Oktober 1944 flog keine V1 gegen Antwerpen, sondern es
flogen wegen schlechten Wetters und starken Winden nur V2-Raketen.
Positionen von V2-Abschussrampen
Die
V2-Abschussbatterien gegen Antwerpen waren an mehreren Orten
aufgestellt. Folgende V2-Batterien feuerten auf Antwerpen:
-- die erste und die dritte Batterie der Art. Abt. 485 und die neu
aktivierte Batterie SS 500 aus einer Position nahe Burgsteinfurt [heute
Steinfurt bei Münster, an der deutschen Grenze zu Holland]
-- die zweite und dritte Batterie der Art. Abt. 836 aus einer Position
bei Merzig [Saarland, nordwestlich von Saarbrücken]
-- die erste Batterie griff Antwerpen auch von einer Position bei
Hermeskeil an [an der Grenze von Saarland und Rheinland-Pfalz] [1].
7.10.1944
V2-Treffer auf Brasschaat bei
Antwerpen: keine Toten
Am 7. Oktober 1944 traf eine V2 den Vorort Brasschaat ca. 8 km
nordöstlich von Antwerpen entfernt, ohne Tote. Die Zeitungen meldeten
eine Explosion, nichts über die V2, sondern empfahlen, bei Sichtung
einer deutschen Bombe in Deckung zu gehen, obwohl die V1 gar nicht
flog, und obwohl
man gegen die V2 nichts machen konnte [1].
13.10.1944, morgens
V2-Treffer auf Antwerpen an der
Ecke Schildersstraat / Karel Rogierstraat: 32 Tote
Am Freitag, 13. Oktober 1944 am Morgen zerstörte ein V2-Treffer in
Antwerpen mehrere Gebäude an der Ecke Schildersstraat / Karel
Rogierstraat. Die Rakete wurde vom Bataillon 836 aus Merzig abgefeuert.
Berichte besagten, dass unter den Tonnen von Schutt viele Menschen
begraben wurden. Ungefähr 100 Bauten wurden beschädigt, 43 Häuser total
zerstört. Beschädigt wurde auch das Königliche Kunstmuseum. Die
anwesende Bevölkerung begutachtete die Schäden. Dies waren die ersten
V2-Todesopfer von Antwerpen. Die Bevölkerung hatte 32 Tote und 45
Verletzte zu beklagen. Die Zeitungen meldeten eine Explosion, nichts
über die V2, sondern empfahlen, bei Sichtung einer deutschen
Bombe in Deckung zu gehen, obwohl die V1 gar nicht flog, und obwohl
man gegen die V2 nichts machen konnte [1].
Nachmittag
V2-Treffer auf Antwerpen
Die anwesende Bevölkerung begutachtete die Schäden. Die Ängste in der
Bevölkerung stiegen an, aber Panik gab es noch nicht. Die Zeitungen
meldeten eine Explosion, nichts über die V2, sondern empfahlen, bei
Sichtung einer deutschen
Bombe in Deckung zu gehen, obwohl die V1 gar nicht flog, und obwohl
man gegen die V2 nichts machen konnte [1].
Das englische Geschwader in Deurne - nicht weit von Antwerpen entfernt
- bekommen die V2-Treffer auf Antwerpen zum Teil mit [1].
15.-19.10.1944
Mehrere V2-Treffer auf Antwerpen
[1]
19.10.1944
V2-Treffer auf Antwerpen an der
Kroonstraat in Antwerpen-Borgerhout: 44 Tote
Beim V2-Treffer am 19. Oktober 1944 in
Antwerpen-Borgerhout an der Kroonstraat wurden 44 Menschen getötet und
98 verwundet. Dreistöckige Häuser wurden weggesprengt und es blieb nur
noch eine Mauer. 25 Häuser wurden zerstört. Die Zeitungen meldeten eine
Explosion, nichts über die
V2, sondern empfahlen, bei Sichtung einer deutschen
Bombe in Deckung zu gehen, obwohl die V1 gar nicht flog, und obwohl
man gegen die V2 nichts machen konnte [1].
25.10.1944
V2-Treffer auf den Flugplatz von
Antwerpen-Deurne: 5 Tote
Beim V2-Treffer auf ein freies, erdenes Feld gleich am Flugplatz von
Antwerpen-Deurne wurden 5 Menschen getötet und ein Dutzend weitere
verletzt. Die Leute wurden herumgewirbelt, und es entstand an
Flugzeugen hoher Sachschaden. Der Krater im Feld rauchte. Wenn die
Rakete auf die Landebahn aufgeschlagen wäre, hätte es noch mehr Opfer
gegeben. Die Zeitungen meldeten eine Explosion, nichts über die V2,
sondern empfahlen, bei Sichtung einer deutschen
Bombe in Deckung zu gehen, obwohl die V1 gar nicht flog, und obwohl
man gegen die V2 nichts machen konnte [1].
ab 25.10.1944
V1-Treffer auf Antwerpen
Die V1-Flugbomben machten der Bevölkerung mehr Angst als die V2, denn
die V2 kam so schnell, dass man nichts mehr tun konnte, während die V1
der Bevölkerung grosse Angst einjagte, weil sie noch während des
Anflugs sichtbar war und lebensrettende Massnahmen ergriffen werden
konnten [1].
28.10.1944
V2-Treffer auf Antwerpen an der
Bontemantelstraat: viele Tote
Beim V2-Treffer auf Antwerpen an der Bontemantelstraat wurde ein
regelrechtes Massaker angerichtet. Die Bontemantelstraat gehörte zu den
am dichtesten bewohnten Teilen von Antwerpen. Die Zeitungen meldeten
eine Explosion, aber nichts über die V2, sondern empfahlen, bei
Sichtung
einer deutschen
Bombe in Deckung zu gehen, obwohl die V1 gar nicht flog, und obwohl
man gegen die V2 nichts machen konnte [1].

Die
Schutthalde in Antwerpen an der Bontemantelstraat, verursacht durch den
V2-Raketeneinschlag vom 28.10.1944 [6]
1.11.1944
Alliierte Besetzung der
Hafenanlagen von Antwerpen
Die Besetzung der Hafenanlagen von Antwerpen von Süd-Beveland und auf
der Halbinsel Walcheren erfolgte durch kanadische und britische
Truppen. Nun musste das Gebiet
noch zwei Wochen lang von den Minen geräumt werden, die die
zurückweisenden NS-Truppen hinterlassen hatten [1]. Fortan wurden 80 %
des westalliierten Nachschubs über Antwerpen abgewickelt [11].

Westalliierte
im Hafen von Antwerpen, ab 15. November 1944 ca. [5]
Die Positionen der
V2-Abschussrampen im November 1944
-- alle drei Abschussbatterien der Art. Abt. 485 schossen eine Zeit
lang von der Region Burgsteinfurt aus gegen den Hafen Antwerpen
-- die Batterie SS 500 wechselte von Burgsteinfurt an eine neue
Position in Holland nähe
Hellendoorn [zwischen Amsterdam und Enschede]
-- die drei Batterien der Art. Abt. 836 schossen bis Dezember alle drei
von Hermeskeil aus, dann wurden sie an den Rhein an die Front beim
Westerwald verschoben [1].
ab 10.11.1944 ca.
Aufstellen eines
Flak-Verteidigungsrings gegen die V1: "Flugbombenkommando Antwerpen X"
Am 10. November 1944 wurde in Antwerpen [1] unter dem amerikanischen
Brigadegeneral Clare Hibbs Armstrong [11] ein "Flugbombenkommando
Antwerpen X" eingerichtet [1]. Armstrong hatte zuvor den Luftschutz der
AAA ("Anti Aircraft Artillery") um Paris befehligt. Die
Luftverteidigungsoperation um Antwerpen war ebenfalls streng geheim, um
die Gefahren während der alliierten Landung zu vertuschen [11].
Amerikanische, britische und polnische Einheiten von ungefähr 22.000
Mann sollten - in drei Artilleriebrigaden aufgeteilt - in einem Ring
rund um Antwerpen einen Schutzwall gegen die Flugbomben bilden [1]. Das
polnische Regiment der Polnischen Freiheitsarmee war innerhalb der
britischen Einheiten organisiert [11]. Feldmarschall Montgomery hatte
verlangt, dass das Antwerpen-X-Kommando ("Antwerp X Command") 50 %
aller V1 herunterholen sollte [1]. Der ehrgeizige Brigadegeneral
Armstrong jedoch strebte eine viel höhere Abschussrate an [11].
In drei verschiedenen Verteidigungsringen rund um Antwerpen wurden 100e
Geschütze aufgestellt. Antwerpen X ("Antwerp X") verbrauchte in den
nächsten 6 Monaten fast eine Million Stück Munition bei über 50 %
Abschussquote [1]. Gemäss Zeitzeugen wurden auf allen nur möglichen
freien Flächen Luftabwehreinheiten installiert, mit Flugabwehrkanonen
(40 und 90 mm sowie Maschinengewehre), mit Radar-Einheiten,
Waffenstäben und Suchscheinwerfern. Beim Herannahen einer V1 wurde aus
allen Rohren in die Luft geschossen, um mit einem "Eisernen Vorhang"
die V1 herunterzuholen [11].
Das Kommando hatte in Aktion schlussendlich 32 Tote und 298 Verwundete
zu beklagen [1].
Trotzdem erreichten
viele V1 ihr Ziel. Nach dem Abstellen des Motors stürzte die V1 in
einer bogenförmigen Linie ab und die 1000 kg Sprengstoff explodierten
dann am Boden. Die Bewohner mussten sich daran gewöhnen, nach dem
Abstellen des V1-Motors innerhalb von 15 bis 20 Sekunden Schutz zu
suchen und die Explosion abzuwarten. So konnten viele Leute ihr Leben
retten [1].
16.11.1944
V1-Treffer an der Durletstraat auf
das Buben-Waisenhaus: 36 Tote
Beim V1-Treffer auf Antwerpen an der Durletstraat auf ein
Buben-Waisenhaus wurden 36 Kinder getötet und weitere 125 verwundet.
Noch am Tag danach war das Rote Kreuz daran, die Leichen wegzutragen
[1].
Die alliierten Medien duften bis April 1945 nichts über die
Raketeneinschläge von Antwerpen berichten, um den deutschen
Nazi-Generälen und Raketenkommandos nicht Informationen zu liefern, wo
die Raketen eingeschlagen waren, sonst hätte die deutsche Seite ihre
Zielgenauigkeit noch verbessern können. Also blieb die Bevölkerung
weiter ohne offizielle Information über das, was mit ihrer Stadt vor
sich ging [1].
[Ergänzung: Es ist anzunehmen, dass
die Spionage präzise Informationen über die Einschläge weitergegeben
hat. Die alliierte Zensur wollte scheinbar in der Endphase des Krieges
keine negativen Meldungen mehr verbreiten, um die Heimatfront im
letzten Kriegswinter bei Laune zu halten.
(Schlussfolgerung Palomino)].
17.11.1944, morgens
V2-Treffer auf das
St.Joanna-Institut an der Ferdinand Coosemansstraat: 32 Tote
Beim V2-Treffer auf das St.-Joanna-Institut an der Ferdinand
Coosemansstraat starben 32 Nonnen unter den massiven Trümmern. Die
alliierten Medien duften bis April 1945 nichts über die
Raketeneinschläge von Antwerpen berichten [1].
27.11.1944, 12:10
V2-Treffer auf die Kreuzung Teniers Plaats beim Hauptbahnhof: 126 Tote
Beim V2-Treffer auf den Teniers Plaats beim Hauptbahnhof um 12:10
mittags wurde die Kreuzung zur Hauptverkehrszeit getroffen. An dieser
Kreuzung kamen oft alliierte Convoys vorbei, wie auch um diese Zeit.
Die Rakete traf auf einen Gegenstand über dem Boden auf und explodierte
über dem Boden, so dass kein Krater entstand. Gleichzeitig war die
zerstörerische Wirkung furchtbar. Menschen wurden zerfetzt, Autos
explodierten oder gerieten in Brand, deren Insassen wurden verbrannt,
die Glasscheiben der Trams barsten und verletzten die Passagiere.
Fussgänger und Polizisten wurden bis zu 60 m weit weggeschleudert,
brennend tot oder lebendig. Der Körper eines verbrannten
Verkehrspolizisten wurde auf dem Dach eines Hotels 60 m weiter weg
aufgefunden. Der zweite Verkehrspolizist war in Stücke zerrissen.
Gleichzeitig wurde eine Hauptwasserleitung getroffen, so dass die
Kreuzung bald unter Wasser stand und die Körperteile der Toten im
Wasser schwammen. Das rote Wasser floss in die Gulis. Es waren 126 Tote
zu beklagen, darunter 26 amerikanische und britische Soldaten, und
weitere 309 Personen waren verletzt. Die Überlebenden vergassen nie den
Anblick von Leichen und Blut auf dieser Kreuzung, der durch die
deutsche V2 verursacht worden war. Die Verletzten kamen nach der
Behandlung bei der Rot-Kreuz-Station nach Hause und die Angehörigen
wurden durch die halb verbluteten und blutenden Menschen, die noch
Glassplitter in den Haaren hatten, erschreckt [1].

Antwerpen, Teniers
Plaats an der Keyserlei mit dem Aufschlagpunkt der
V2 vom 27. November 1944 |

Antwerpen, Teniers
Plaats an der Keyserlei nach dem V2-Treffer vom 27.
November 1944, Überlebende und Leichen neben einem Tram ohne Fenster
|

Antwerpen, Teniers
Plaats an der Keyserlei nach dem V2-Treffer vom 27.
November 1944, Überlebende und Leichen auf dem Strassenpflaster |
Die alliierten Medien duften bis April 1945 nichts über die
Raketeneinschläge von Antwerpen berichten [1].
28.11.1944
Eröffnung des Hafens von Antwerpen
für die Alliierten
Nach der Eröffnung des Hafens von Antwerpen begann sofort der
Nachschub, der von 9000 belgischen Zivilisten abgewickelt wurde. Allein
für die Sicherung des Hafens hatte man seit dem 4.9.1944 fast drei
Monate gebraucht. Die Hafenanlagen waren überraschenderweise intakt,
anders als in Brest oder in Cherbourg, wo die Hafenanlagen zerstört
waren. [1]
Dezember 1944
Flugbombenkommando Antwerpen-X: 52
% Abschussquote gegen die V1
[1]. Die Abschussquote konnte bald auf 60 % gesteigert werden [11].
16.12.1944: 15:20
V2-Treffer in das Kino Rex in
Antwerpen: 567 Tote
Es war der erste Tag der Ardennenoffensive. An diesem Nachmittag des
16. Dezembers 1944 war das Kino Rex in Antwerpen an der Keyserlei-Allee
mit fast 1200 Plätzen proppenvoll. Während des Films "The Plainsman"
mit Gary Cooper und Jean Arthur traf eine V2-Rakete genau auf das Kino.
Es blitzte plötzlich im dunklen Raum. Dann explodierte die V2 auf
halber Höhe, und dann krachten die Balkone und die Decke herab, bei
einer gleichzeitigen ohrenbetäubenden Explosion. Es war ein Massaker
mit 567 Toten (davon 296 Soldaten aus den USA, Grossbritannien und
Kanada), 291 Verletzten (davon 194 Soldaten) und 11 zerstörten Gebäuden.
Gemäss James Mathieson vom britischen Geheimdienst traf die V2 genau an
der Stelle des Films, als "Gary Cooper einen Indianer gefangengenommen
hatte, der ihn davon informierte, dass General Custer und seine Truppen
ausgerottet worden seien." Mathieson war im obersten Balkon und wurde
nur von der Decke begraben. Er wurde von ein paar Ziegelsteinen
getroffen und bewusstlos in ein Spital eingeliefert. Die Menschen im
Parterre hatten keine Chance zu überleben [1].
Die Rettungsteams brauchten 6 Tage, um alle Toten zu bergen, und die
alliierten Behörden brauchten über eine Woche, um den bis zu 5 m hohen
Schutt
wegzuräumen. Amerikanische und britische Teams beteiligten sich mit
Kranen und Lastwagen. Die Spitäler und Gesundheitsdienste waren
überfüllt. Später wurden viele Leichen am Zoo der Stadt zur
Identifizierung ausgestellt. Es war die höchste Todesrate einer Rakete
in Europa [1].
Die Angabe, der Film sei "Buffalo Bill" gewesen, ist falsch. Antwerpen
erhält den Ruf als terrorisierte Stadt des schnellen Todes ("The City
of Sudden Death"). Die Spannung und die Angst in der Stadt stiegen an,
Panik blieb aber aus. Die alliierten Medien duften bis April 1945
nichts über die Raketeneinschläge von Antwerpen berichten [1].
Vom 10. bis zum 16. Dezember wurden durch die V-Waffen ungefähr 761
Zivilisten getötet [1].
ab 16.12.1944
Schliessung von Theatern und Kinos
- Versammlungsbeschränkung - Flucht aus Antwerpen
Nach dem Schock des V2-Treffers im Kino Rex wurden alle Theater und
Kinos geschlossen, und es wurde befohlen, dass sich nicht mehr als 50
Leute zusammen an einem Ort aufhalten durften. Diejenigen Bewohner, die
es sich leisten konnten, verliessen die Stadt und suchten sicherere
Orte auf. Antwerpen wurde so zu einer düsteren und halbverlassenen
Stadt. Die Bewohner, die blieben, fühlten sich nun wie belagert [1].
Die Ardennenoffensive - Belgier
werden hoffnungslos
In den Wochen der Ardennenoffensive erschwerten die V-Waffen den
Nachschub an die überdehnten, alliierten Linien. Hitler hoffte,
Antwerpen zurückzuerobern zu können und die amerikanischen und
britischen Kräften teilen zu können [1].
Das Raketenmassaker in Antwerpen zusammen mit der Ardennenoffensive
liess die Bewohner von Antwerpen zur Einsicht gelangen, dass der Krieg
noch lange nicht vorüberwar, und dass noch mehr Zivilisten und Soldaten
sterben mussten, bis Nazi-Deutschland besiegt sein würde. Die
Bevölkerung wurde mutlos und musste sich bewusst werden, was Hitler
noch alles für Waffen zur Verfügung hatte. Der verstärkte
V-Waffen-Beschuss hätte kaum zu einem schlimmeren Zeitpunkt kommen
können, denn die Kombination von zerstörten Häusern und dem schweren
Winterwetter provozierten eine grosse Angst in der Hafenstadt [1].
17.12.1944
V2-Treffer auf den britischen
Geheimdienst von Antwerpen
Beim V2-Treffer auf den britischen Geheimdienst von Antwerpen starb die
gesamte Geheimdienstgruppe um James Mathieson. Mathieson, der seit dem
Vortag seit dem V2-Treffer auf das Kino Rex im Spital war, war nun der
einzige Überlebende der Geheimdienstgruppe. Die alliierten Medien
duften bis April 1945 nichts über die Raketeneinschläge von Antwerpen
berichten [1].
23.12.1944 ca., 14:30
V2-Treffer auf einen Friedhof von
Antwerpen
Während eines Begräbnisses von Opfern des Kino Rex vom 16.12.1944 auf
einem Friedhof von Antwerpen schlägt um 14:30 am anderen Ende des
Friedhofs eine weitere V2-Rakete in eine Häuserreihe ein. Die Zeit
bleibt den Anwesenden unvergesslich. Die alliierten Medien duften bis
April 1945 nichts über die Raketeneinschläge von Antwerpen berichten
[1].
Unauslöschliche Erlebnisse der
Bewohner von Antwerpen
-- z.B. V2-Explosionen neben Pferdewagen und zerfetzte Pferde, die
tagelang
auf der Strasse lagen
-- V1-Flugbomben flogen über Beerdigungszeremonien hinweg, wo Opfer der
V-Waffen beerdigt wurden
-- Bewohner der zwei nördlichen Vororte Antwerpens konnten an klaren
Tagen die V2-Starts von Hoek van Holland oder Den Haag gegen London
beobachten, etwas mehr als 50 Meilen von den Vororten Antwerpens
entfernt [1].
Ende 1944
Bilanzen für die Region Antwerpen
(Antwerpen Stadt und Hafengebiet, linkes Ufer und 8 Vororte mit 500.000
Bewohnern)
-- V-Waffen-Treffer: 590
-- zerstörte Wohnhäuser: 884
-- unbewohnbare, beschädigte Wohnhäuser: 1200
-- schwerbeschädigte Gebäude: 6000
-- beschädigte Gebäude: 23.000
-- Todesopfer: 1736
-- Verletzte: 4500 [1].
Es wurde die gesamte Region getroffen. Es gab keinen Ort, wo es keine
Schutthalden gab [1].
1.1.1945
V1-Treffer auf Antwerpen
[1]
Januar 1945
Flugbombenkommando Antwerpen-X:
Abschussquote 64 %
[1] Mit der Einführung neuer Technologie konnte die Abschussquote
laufend gesteigert werden. Zuerst war da das Waffenführungsradar
("gun-laying radar") SCR-548, das automatisch dem Geschoss folgte.
Zweitens war da das automatische Zündersystem ("radio proximity fuze"),
das automatisch das Geschoss ab einer gewissen Distanz zum Explodieren
brachte. So erhöhte sich laufend die Abschussquote, je mehr die
Soldaten mit der neuen Technik umgehen lernten [11].
2.1.1945
20 V1-Treffer auf Antwerpen
[1]
Harter Winter und harte allgemeine
Bedingungen in Antwerpen - kaum militärischer Effekt der V-Waffen -
Hafen Ghent
Der Winter war hart, und der viele Schnee behinderte die Hilfskräfte
enorm. Die Gemeindebehörden bemühten sich, die ausgebombten Menschen in
anderen Quartieren unterzubringen, aber die Behörden waren damit fast
überfordert. Mit Hilfe der Alliierten, darunter auch Ärzte,
Krankenschwestern und Soldaten, konnte man die Versorgung der vielen
Verletzten bewältigen. Die Rettungskräfte waren oft mit über 50 Leichen
pro Tag konfrontiert, und ausserdem bestand immer die Gefahr, dass
Wände oder ganze Gebäude einstürzen würden und sie begraben würden [1].
[Im Dritten Reich wurde die
Rettungsarbeit wegen der grossen Gefahren an Zwangsarbeiter übertragen].
Die V-Waffen trafen den Hafen aber kaum. Fortlaufend wurden die Schiffe
entladen und die Waren weitertransportiert. Ein Schiff sank durch einen
V2-Treffer und 16 weitere Schiffe wurden zu einem gewissen Grad
beschädigt, die Kruisschans-Schleuse wurde beschädigt, mehrere
Rangierbahnhöfe wurden getroffen, und zweimal wurde die
Hoboken-Ölstation getroffen [1], so das Feuer einen Monat lang brannte
[11]. Insgesamt war das Bombardement keine
schwere Behinderung der Hafenaktivitäten. Die Reparaturen waren immer
schnell erledigt. Die Zivilisten, die am Hafen arbeiteten, bekamen von
den Alliierten einen Extra-Bonus im Gehalt, das so genannte Bibbergeld,
eine literarische Beschreibung dafür, dass die Arbeit im Hafen unter
V-Waffen-Beschuss mehr Stress provozierte und zum "Bibbern" verleitete.
Der Hafen von Antwerpen konnte durch den V-Waffen-Beschuss bis März
1945 aber nie seine volle Kapazität entwickeln. Die Alliierten wichen
zum
Teil auf den Hafen von Ghent aus [1].
Januar-Februar 1944
Viele V1-Treffer auf Antwerpen -
die V1 wird zu einer grossen Plage
[1]
Ende Januar / Anfang Februar
Höchste Konzentration von
V-Angriffen
[1]. Die höchste Zahl V2-Treffer auf Antwerpen ist 26 pro Tag [11].
Februar 1945
Flugbombenkommando Antwerpen-X:
Abschussquote für die V1: 72 %
[1]
Hitler verliert die
Ardennenoffensive - der V-Beschuss auf Antwerpen geht weiter
[1]
März 1945
Nachlassen der V-Angriffe
[1]
Die Abschussrampen mussten immer mehr nach Mitteldeutschland verlegt
werden, so dass Antwerpen ausser Reichweite geriet und der Beschuss mit
V-Waffen nachliess. Ausserdem konnten auch immer mehr V1-Flugbomben
abgeschossen werden [1].
Gleichzeitig erreichten die Abschussquoten im Frühling 1945 nun 98 %
[11].
27.3.1945
Der letzte V2-Treffer: in
Antwerpen-Mortsel: 27 Tote
Beim V2-Treffer in Antwerpen-Mortsel sind 27 Tote und 62 Verletzte zu
beklagen. Es war der letzte V2-Beschuss von Antwerpen [1].
Durch den Vormarsch der Westalliierten müssen gerät Antwerpen für die
V2 ausser Reichweite [1].
30.3.1945
Der letzte V1-Treffer: in das
Boerentoren-Hochhaus
Beim V1-Treffer in das Boerentoren-Hochhaus traf die V1-Flugbombe das
Hochhaus zwischen dem 4. und 5. Stockwerk, explodierte aber nicht. Die
Beobachter auf dem Dach spürten nicht einmal den Einschlag [1].
Durch den Vormarsch der Westalliierten müssen gerät Antwerpen für die
V1 ausser Reichweite [1].
März 1945
TIME magazine über Antwerpen:
"City of Sudden Death"
Die amerikanische Presse, die die Aktivitäten am Hafen von Antwerpen
und in Antwerpen mitverfolgte, sprach während der letzten V2-Einschläge
mit vielen US-Soldaten im Hafenbereich. Auch die Soldaten mussten den
Terror der letzten 4 bis 5 Monate ertragen [1].
April 1945
Berichterstattung über den V1- und
V2-Beschuss auf Antwerpen
Erst ab April 1945 durften die alliierten Medien über die
Raketeneinschläge auf Antwerpen berichten. Erst jetzt wurde die
alliierte Zensur aufgehoben [1].
Insgesamt konnten über 70 % der V1 und V2, die den Raum Antwerpen
erreichten, durch die Flak-Einheit "Antwerp X" abgeschossen werden.
Ohne die Abwehreinheit wäre der Nachschub über Antwerpen zum Erliegen
gekommen und das Dritte Reich hätte Zeit zur weiteren Massenproduktion
der V2-Rakete bekommen [11].
[Ergänzung: Wenn der Krieg länger
gedauert hätte, wäre über Deutschland auch die Atombombe zum Einsatz
gekommen].
Juli 1945
V-Waffen auf dem Groenplaats
(Grünplatz) zur Schau gestellt
Die V-Waffen wurden innerhalb der alliierten Kriegsmaterialausstellung
der Westalliierten auf dem Groenplaats für jedermann zugänglich
ausgestellt [1].
![Antwerpen Groenplaats (Grünplatz), Kriegsmaterialausstellung Juli 1945, Ausstellung der V1-Flugbombe [13] Antwerpen Groenplaats (Grünplatz), Kriegsmaterialausstellung Juli 1945, Ausstellung der V1-Flugbombe [13]](1944-10-07-bis-1945-03-30-Antwerpen-V1,V2-terror-d/1945-07-groenplaats-V1-ausgestellt-66pr.jpg)
Antwerpen Groenplaats (Grünplatz), Kriegsmaterialausstellung Juli 1945,
Ausstellung der V1-Flugbombe [13] |
![Antwerpen Groenplaats (Grünplatz), Kriegsmaterialausstellung Juli 1945, Ausstellung der V2-Rakete [10,13] Antwerpen Groenplaats (Grünplatz), Kriegsmaterialausstellung Juli 1945, Ausstellung der V2-Rakete [10,13]](1944-10-07-bis-1945-03-30-Antwerpen-V1,V2-terror-d/1945-07-groenplaats-V2-ausgestellt-55pr.jpg)
Antwerpen
Groenplaats (Grünplatz), Kriegsmaterialausstellung Juli 1945,
Ausstellung der V2-Rakete [10,13] |
Bilanzen
[Die Bilanzen sind z.T. völlig unterschiedlich].
V1
-- abgeschossene V1-Flugbomben gegen Antwerpen und Umgebung: über 4000
[1], oder gemäss des Jubiläumsbuchs "Antwerpen 50 Jaar Bevrijd"
["Antwerpen 50 Jahre befreit"] 12.000
[12], oder gemäss alliierten Aufzeichnungen 2448 [11]
-- V1-Treffer auf militärische Ziele: gemäss alliierten Aufzeichnungen
211 [11]
-- V1-Treffer im Stadtzentrum: 106 [1]
V2
-- abgeschossene V2-Raketen gegen Antwerpen und Umgebung: 1700 [1],
oder 1341 [11]
-- nur ca. 30 % der gegen Antwerpen abgeschossenen V2 trafen die Stadt
[1], bzw. nur "wenige" erreichten ihr Ziel [11]
-- V2-Treffer im Stadtzentrum: 107 [1]
-- Antwerpen erhielt in 6 Monaten über 1600 V2-Treffer, mehr als London
[1]
-- Antwerpen und die Vororte erhielten pro Tag durchschnittlich 3
V2-Treffer [1].
Todesopfer und Verletzte
-- Tote und Verletzte durch die V1 und die V2: über 30.000 [1]
-- Tote in der Provinz Antwerpen durch V1 und V2: 3700 [1] oder über
7000 [11]
-- Tote in der Provinz Antwerpen durch die V2: 2910 [4]
-- Verletzte in der Provinz Antwerpen durch V1 und V2: ca. 6000 [1]
[Hier stimmen die Zahlen innerhalb
der Quelle [1] nicht überein, und die verschiedenen Quellen haben
grosse Differenzen (Schlussfolgerung Palomino)].
Durchschnittliche V1-Treffer auf Antwerpen pro Tag 1944 / 1945:
V1-Treffer pro Tag im Dezember 1944: 4
V1-Treffer pro Tag im Januar 1945: 4
V1-Treffer pro Tag im Februar 1945: 12
Die höchste Rate wurde Ende Januar / Anfang Februar erreicht. Im März
1945 ging die Rate stark zurück [1].
V2-Einschläge auf Antwerpen und Umgebung
7.10.1944-27.3.1945
|
|
|
Wohnungsschäden
|
Einwohner
|
| Gemeinde |
Einschläge |
zerstört |
nicht
wiederherstellbar |
schwer
beschädigt |
leicht
beschädigt |
Tote |
Vermisste |
Verletzte |
| Antwerpen |
459xxx |
698xx |
1553xxxxxx |
5596xxx |
20.689xxx |
1969 |
32 |
3557xx |
| Berchem |
36xxx |
108xx |
598xxxxxx |
1737xxx |
3792xxx |
99 |
1 |
120xx |
| Borgerhout |
36xxx |
185xx |
618xxxxxx |
1106xxx |
2908xxx |
284 |
3 |
570xx |
| Deurne |
68xxx |
248xx |
945xxxxxx |
2225xxx |
6751xxx |
213 |
13 |
423xx |
| Ekeren |
60xxx |
25xx |
89xxxxxx |
47xxx |
2779xxx |
24 |
- |
57xx |
| Hoboken |
39xxx |
71xx |
249xxxxxx |
953xxx |
1329xxx |
46 |
- |
137xx |
| Merksem |
53xxx |
147xx |
421xxxxxx |
1074xxx |
3468xxx |
122 |
1 |
81xx |
| Mortsel |
41xxx |
39xx |
138xxxxxx |
637xxx |
2875xxx |
83 |
- |
110xx |
| Wilrijk |
65xxx |
146xx |
133xxxxxx |
939xxx |
1528xxx |
70 |
- |
72xx |
| Total |
857 |
1662 |
4744 |
14.314 |
46.119 |
2910 |
50 |
5127 |
Quelle:
Stadtarchiv Antwerpen>
aus: http://www.peterhall.de/srbm/v2/structure/unit20.html (2008) [4]
|
Karte mit den
V2-Raketeneinschlägen auf Antwerpen und Umgebung 7.10.1944-27.3.1945
[gemäss 4]