Encyclopaedia Judaica 1971
"Sowjetunion": Die jüdische Geschichte über Birobidschan
1928-1970
Wie Birobidschan eine Hoffnung für jüdische Siedlungen wurde,
und wie die jüdischen Hoffnungen durch die globale Politik zerstört
wurden
aus: Birobidzhan; In:
Encyclopaedia Judaica 1971, Bd. 4
Übersetzung von Michael Palomino (2007)
<BIROBIDSCHAN, umgangssprachlicher Name der Region (Oblast) in der
russischen SFSR. Die offizielle Bezeichnung lautet "Jüdische autonome
Region" [oder auch "Jüdisch-autonome Region], russisch Yevreyskaya Avtonomnaya
Oblast). Es handelt sich dabei um einen Teil des Gebiets
Chabarowsk (Kol. 1044)
(kray) im sowjetischen Fernen
Osten. Die Region befindet sich zwischen dem 47° 40'-49° 20' Nord, und
130° 30'-135° Ost.
Gegen den Westen, Süden und Südosten ist die Grenze der Fluss Amur, der
gleichzeitig die Grenze zur chinesischen Mandschurei darstellt. Das
Gebiet der Region umfasst 36.000 km2.
[Man vergleiche: Die Schweiz hat 40.284 km2.
Birobidschan
ist also fast so gross wie die Schweiz, aber mit weniger Bergen].
[Allgemeine Bevölkerungszahlen von
1959, 1961 und 1970]
Am 1. Januar 1961 betrug die geschätzte Bevölkerung der Region 179.000
Einwohner. Die Hauptstadt Birobidschan hatte 49.000 Einwohner. Die
jüdische Bevölkerung der Region betrug im Jahre 1959 14.269 Einwohner
(8,8 % der Gesamtbevölkerung). 83,9 % der Juden lebten in Städten und
städtischen Gemeinden, nur 16,1 % in Dörfern. (Es wird angenommen, dass
die jüdische Bevölkerungsanteil bis 1970 weiter zurückgegangen ist).

Karte von Russland mit der Jüdischen autonomen Region

Karte von Birobidschan mit der Position an der Transsibirischen
Eisenbahnlinie
|
Karte von der Jüdischen
autonomen Region mit den Nachbarprovinzen Amurskaya und Chabarowsk, und
mit China im Süden
|

Die Fahne der Jüdischen autonomen Region Birobidschan
|

Das Wappen der Jüdischen autonomen Region Birobidschan
|
 Karte
(1930 ca.) der Jüdischen autonomen Region Birobidschan (so gross wie
die Schweiz) mit Städten, Flüssen und Kolchosen, und mit der
Transsibirischen Eisenbahnlinie, mit den Ortschaften Birobidschan,
Bira, Londoko, Obluchje, Kuldur, Smidowitsch, Wolachajewka, Amurzet,
Leninskoje, und die Grenzstadt Chabarowsk, mit den Kolchosen Birofeld
und Valdheim (auch: Valdgeym), und mit den Flüssen Amur, Bidschan und
Bira.
|

Karte
der Jüdischen autonomen Region und Birobidschan mit hebräischen
Bezeichnungen und Relief, ca. 1930
|
[Verkehr und Industrie (1971)]
Die Stadt liegt am Bolschoi-Bira-Fluss (Bolshaya Bira River) und an der
Transsibirischen Eisenbahn, die sich durch den nördlichen Teil des
Landes von West nach Ost hinzieht. Die Industrien sind u.a.
Maschinenindustrie, Transformatoren, Textilien, Kleider, und
Möbelindustrie.
[Das Klima in Birobidschan (1971)]
Das Klima wird durch den vorherrschenden Monsun und die umgebenden
Berge im Westen und im Norden beeinflusst. Das Klima ist gegen Süden
immer angenehmer. Die günstigsten klimatischen Bedingungen herrschen am
Fluss Amur im südlichen Teil der Region. Der Winter ist kalt und
trocken, mit nur wenig Schnee. Der Frühling ist mild, der Sommer ist
heiss und feucht, und der Herbst ist trocken und angenehm.
[Landschaft (1971)]
Birobidschan hat zahlreiche Flüsse und Seen, und Fisch ist im Überfluss
vorhanden. Der Grossteil der Gegend hat fette, aber gleichzeitig sehr
feuchte Böden. Ein beträchtlicher Teil ist Sumpf, und etwa ein Drittel
ist bewaldet.
[Bodenschätze und Landwirtschaft
(1971)]
Birobidschan hat einen überreichen Mineralienreichtum, und der
Grossteil ist nicht kommerziell ausgebeutet, ausser Zinnerz, das die
Basis der nationalen Metallwerke ist, die "Khinganolovo".
Landwirtschaftlich werden Getreide, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Gemüse
und andere Ernten angepflanzt.
[Die Umstände in den 1920-er
Jahren waren schlecht]
Nun, als die Zeit der jüdischen Siedlungen begann, waren in der Region
aber noch praktisch keine Strassen vorhanden, und das Land, das für die
Landwirtschaft so geeignet ist, hatte keine guten Einrichtungen.
Gleichzeitig herrschten klimatisch strenge Bedingungen, die "Gnus"
(örtliche Bezeichnung für blutsaugende Insekten), und auch die
sanitären Bedingungen waren nicht sehr befriedigend.
[Die Faktoren für die
Entscheidung, Birobidschan für die Juden zu öffnen]
Die sowjetische Entscheidung, Birobidschan für die jüdische Ansiedlung
auszuwählen, wurde durch mehrere Faktoren beeinflusst. Der
entscheidende Faktor war der Wunsch, die Sicherheit der sowjetischen
Grenzen im Fernen Osten zu verstärken, hinsichtlich der Nähe zu Japan
und der Gefahr einer Invasion von Chinesen. Die Siedlung Birobidschan
wurde nach der japanischen Besetzung der Mandschurei 1931-1932 für die
UdSSR sehr wichtig.
Da die sowjetische Regierung in den späten 1920-er und frühen 1930-er
Jahren versuchte, ihre Beziehungen mit dem Westen zu verbessern, könnte
das Birobidschan-Projekt auch dahingehend eine Rolle gespielt haben,
dort die jüdische und pro-jüdische öffentliche Meinung zu beeinflussen.
Mit dem Aufbau neuer Siedlungen für Juden in Birobidschan sollte auch
jüdische Finanzhilfe aus dem Ausland verbunden sein, und so sollte auch
die Erschliessung der dortigen Bodenschätze erleichtert werden.
Darüberhinaus schienen solche Siedlungen auch eine Teillösung für
diejenigen sowjetischen Nationalitäten zu sein, die in wirtschaftlichen
Schwierigkeiten waren. Einigen Leuten, die in der *Yevsektsiya aktiv
waren (Kol. 1045)
(der jüdische Teil der Kommunistischen Partei), schien Birobidschan
eine ideologische Alternative zur zionistischen Idee [die Idee eines
Gross-Israel].
[Die politischen Schritte
bezüglich Birobidschan: Untersuchung 1927 - "Jüdisch autonome Region"
1934]
Der erste offizielle Schritt in Richtung der Verwirklichung des
Projekts war im Sommer 1927 die Entsendung einer wissenschaftlichen
Delegation nach Birobidschan, um die Machbarkeit einer
landwirtschaftlichen Siedlung zu untersuchen. Die Empfehlungen führten
am 28. März 1928 zu einer Resolution des Präsidiums des Zentralen
Exekutivkomitees der Sowjetunion. Das Komzet (Komitee für jüdische
Landsiedlungen) wurde mit der Überwachung der jüdischen Siedlung in der
Region betraut.
Der "Distrikt Birobidschan" (rayon) wurde im Jahr 1930 eingerichtet. Am
7. Mai 1934 wurde ihm durch ein Dekret des Zentralen Exekutivkomitees
der Statut "Jüdische autonome Region" (J.A.R.) verliehen.
Die jüdische Einwanderung nach Birobidschan begann im April 1928, und
lief unterschiedlich stark weiter. Die Kolonisierung schritt unter
schwierigsten Bedingungen voran, speziell zu Beginn. Das erste Jahr war
speziell schwierig, mit schweren Regenfällen, Überschwemmungen, und dem
Ausbruch von Anthrax (eine Pferdekrankheit). In den folgenden Jahren
erreichte eine vergleichsweise grosse Anzahl jüdischer Siedler
Birobidschan.
Aber die unpassenden Integrationseinrichtungen, und die schwierigen,
klimatischen Bedingungen, trugen in beträchtlichem Ausmass dazu bei,
dass nur eine kleinere Anzahl Siedler sich hier für immer einrichteten.
Von den Siedlern, die zwischen 1928 und 1933 hier ankamen, verliessen
über die Hälfte wieder das Land.
[ab 1928: Das Judentum ist über
dem Birobidschan-Projekt gespalten]
|

Hausbauarbeiten
in der Kolchose Valdheim
(Valdgeym) 1929-1931
|
Das Birobidschan-Projekt provozierte unter den Juden, die in der UdSSR
in der jüdischen Siedlungstätigkeit engagiert waren, und unter den
Yevsektsiya-Führern, eine Kontroverse. Unter den Kritikern waren
Michael (Juri) *Larin und Abraham Bragin, die beide in der jüdischen
Siedlerbewegung aktiv waren. Larin argumentierte, dass andere Gebiete
der Sowjetunion, speziell die Krim, für jüdische Kolonisation viel
geeigneter waren.
[Auf der Krim war aber kaum noch Platz].
Das Birobidschan-Projekt fand in Michael Kalinin, dem titularischen
Staatschef, einen brennenden Befürworter. In einer Rede vor dem
Kongress der Gesellschaft für jüdische Siedlungstätigkeit (Ozet) im
Jahre 1926, erklärte er vor der Gründung des Birobidschan-Projekts:

Michael Kalinin, Portrait 1919
"Das jüdische Volk hat nun die grosse Aufgabe vor Augen, seine
Nationalität zu bewahren. Für dieses Vorhaben muss sich ein grosser
Teil der jüdischen Bevölkerung in eine kompakte
Landwirtschaftsbevölkerung verwandeln, wobei es sich um mindestens
einige 100.000 Seelen handeln sollte.
Bei einem Empfang, der im Mai 1934 den Repräsentanten der Moskauer
Arbeiter und der jiddischen Presse gegeben wurde, schlug er vor, dass
die die Gründung eines jüdisch-territorialen Zentrums in Birobidschan
der einzige Weg sei, den nationalen Status der sowjetischen Juden zu
normalisieren. Er drückte auch seine Hoffnung aus: "Innerhalb eines
Jahrzehnts wird Birobidschan das wichtigste und wahrscheinlich das
einzige Bollwerk der jüdisch-nationalen, sozialistischen Kultur sein".
Und: "Die Umwandlung der Region in eine Republik ist nur eine Frage der
Zeit."
|
![Lazar Kaganovich, Portrait [er gab Befehl zur Ermordung von Millionen und zu haufenweise Kirchenzerstörungen] Lazar Kaganovich, Portrait [er gab Befehl zur Ermordung von Millionen und zu haufenweise Kirchenzerstörungen]](EncJud_Birobidzhan-d/005-Lazar-Kaganovich-portrait.gif)
|
Lazar Kaganowitsch,
Portrait [Er gab Befehl zur Ermordung von Millionen und zu haufenweise
Kirchenzerstörungen]
|
Der Besuch von Lazar *Kaganowitsch in Birobidschan vom Februar 1936,
ein Jude [ein Massenmörder] und Mitglied des Politbüro, beflügelte die
jüdische Führung der Region in grossem Masse.
Birobidschan erweckte im weltweiten Judentum grosses Interesse, (Kol.
1046)
speziell unter jenen, die an einen jüdischen *Territorialismus
glaubten. Die Tatsache, dass die jüdische Siedlungstätigkeit in
Birobidschan mit der Intensivierung der antijüdischen Repression in
Nazi-Deutschland zusammenfiel, trug ebenso dazu bei, dass Juden von
ausserhalb der Sowjetunion die Idee unterstützten. Fast alle Teile der
zionistischen Bewegung waren aber dagegen.
Jüdische Organisationen ausserhalb der UdSSR, die an den jüdischen
Siedlungsprojekten in der Sowjetunion beteiligt waren, wie z.B. der
*Agro-Joint (American Jewish Joint Agricultural Corporation), und die
*Jüdische Kolonisierungsgesellschaft (Jewish
Colonization Association (ICA) nahmen generell einen neutralen
Standpunkt ein. Der *Ort-Verband (Ort-Farband) gab an die Entwicklung
von Industrie und Werkstätten beschränkten Kredit. Jene jüdischen
Organisationen im Ausland, deren Mitglieder zum grossen Teil aus
Kommunisten und ihren Sympathisanten bestanden, unterstützten den Plan
ohne Vorbehalt.
Unter den Organisationen, die am meisten aktiv waren, war das Icor
(American Association
for Jewish Colonization in the Soviet Union), das eng mit dem Ozet
zusammenarbeitete. Im Jahre 1929 organisierte das Icor eine
wissenschaftliche Delegation aus amerikanischen Landwirtschafts- und
Siedlungsspezialisten, um die Möglichkeiten für eine weitere
Kolonisierung von Birobidschan zu erkunden. Die Organisation Ambidjan
(American Committee for the Settlement of foreign Jews in Birobidzhan)
unterstützte die jüdische Siedlungstätigkeit in Birobidschan für eine
kurze Zeit Mitte der 1930-er Jahre und nach dem Zweiten
Weltkrieg. Weitere jüdische Organisationen, die Birobidschan
unterstützten, waren in Kanada, Westeuropa, und in Südamerika.
Vertreter der argentinisch-jüdischen Organisation Procor (Society
to assist the Productivization of the economically ruined Jewish Masses
in the Soviet Union) besuchten Birobidschan im Jahre 1929. Diese
Organisationen propagierten auch die Kolonisation von Birobidschan mit
Juden aus dem Ausland, neben ihrer Tätigkeit, Sitzungen abzuhalten,
Publikationen herauszugeben und Geldsammlungen zu organisieren.

Feldarbeit in Birobidschan im Jahre 1931
[1930-er Jahre: 1400 jüdische
Einwanderer in Birobidschan]
Also erreichten in den frühen 1930-er Jahren ungefähr 1400 jüdische
Einwanderer von Ländern ausserhalb der Sowjetunion Birobidschan. Es
waren Juden aus den USA, aus Südamerika, aus Europa, aus Palästina, und
anderen Ländern.
[1930-er Jahre: Das
politisch-jüdische Leben in Birobidschan - Jiddisch und Russisch als
Sprachen]

Encyclopaedia Judaica (1971), History, Band 8, Kolonne 742:
Birobidschan,
Strassenbild der
Stadt Birobidschan in den frühen 1930-er Jahren. Jerusalem, C.A.H.J.P.
Von Beginn weg - und speziell in der Mitte der 1930-er Jahre, wurde bei
der jüdischen Siedlungstätigkeit alles unternommen, um den jüdischen
Charakter von Birobidschan auszuprägen. Es wurden jüdische
Kollektiv-Bauernhöfe eingerichtet, und jüdische Dorfräte organisiert.
Juden besetzten die Schlüsselpositionen der Region. Y. Levin, einst im
Parteiapparat in Weissrussland und im Sekretariat des Ozet aktiv, wurde
im Jahre 1930 zum ersten Parteisekretär des Distrikt Birobidschan
bestimmt. Nach der Errichtung der J.A.R. ["Jewish Autonomous Region"]
im Jahre 1934, wurde ein weitere Jude, M. Khavkin, zum ersten Sekretär
des örtlichen Parteikomitees bestimmt. Joseph Liberberg, der Kopf der
jüdischen Abteilung der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, wurde
zur selben Zeit zum Vorsitzenden des regionalen Exekutivkomitees
bestimmt. Er war einer jener Intellektuellen, die durch seine
Wohnsitznahme in Birobidschan andere in ihrer Pionierarbeit
inspirierten.

Encyclopaedia Judaica (1971): Birobidzhan, Band 4, Kolonne 1046: Der
Bahnhof
von Birobidschan 1935 ca., ein einfacher Holzbau
Hinsichtlich des Gebrauchs des Jiddischen als offizielle
Regionalsprache wurden einige Resolutionen verabschiedet, zusammen mit
Russisch. Es wurden Schulen eingerichtet, wo Jiddisch die Lehrsprache
war, und es wurden Experimente gemacht, Jiddisch sogar in
nicht-jüdischen Schulen zu unterrichten. Strassenschilder,
Bahnhofsschilder, und (Kol. 1047)

Synagoge aus Holz in Birobidschan, 1935 ca.
|
![Postmarks of Birobidzhan in Russian and Hebrew from 1935, 1947 and 1955 [1955 only in Russian] Postmarks of Birobidzhan in Russian and Hebrew from 1935, 1947 and 1955 [1955 only in Russian]](EncJud_Birobidzhan-d/008-poststempel-v-Birobidzhan-1935-1947-1955-55pr.jpg)
Poststempel
von Birobidschan in Russisch und Hebräisch von 1935, 1947 und 1955
[1955 nur in Russisch]
|
Poststempel wurden zweisprachig gehalten, in Russisch und Jiddisch
[Hebräisch?]. Eine jiddische Zeitung und Zeitschriften wurden
publiziert. Im Jahre 1934 wurde ein jüdisches Staatstheater eingeweiht.
Ebenso wurde in Birobidschan eine Regionalbibliothek eingerichtet, die
nach Shalom Aleichem [jüdischer Schriftsteller] benannt wurde. Sie
umfasste eine beträchtliche Sammlung von jüdischen und jiddischen
Büchern. Die mittleren 1930-er Jahre waren eine Zeit der grossen
Hoffnung für die Entwicklung von Birobidschan als ein Zentrum der
jüdischen Siedlungstätigkeit und der jüdischen Kultur in der
Sowjetunion.
[Ergänzung:
Birobidschan wurde vom American Joint Distribution Committee ausserdem
als ein Auswanderungsland für verfolgte, polnische Juden angesehen.
Siehe das Buch von Yehuda Bauer über das American Joint Distribution
Committee, das Kapitel
über Birobidschan].
[1936-1938: Stalin-Säuberungen
zerstören die jüdische Führung in Birobidschan]
Dann aber waren die Säuberungen der Jahre 1936 bis 1938 für die
Entwicklung und für die eher schwache Struktur der aufkeimenden
jüdischen Staatlichkeit in der J.A.R. ein schwerer Schlag. Führende,
jüdische Persönlichkeiten der Region, wie Liberberg, wurden
beschuldigt, Nationalisten und Trotzkisten zu sein. Sie wurden ihrer
Posten enthoben und liquidiert. Die Säuberungen betrafen speziell die
Einwanderer aus dem Ausland. Das Resultat war in den späten 1930-er
Jahren ein vernichtender Rückschlag in der regionalen Entwicklung.
Trotz der optimistischen Pläne für eine weitere jüdische
Siedlungstätigkeit in Birobidschan blieb nun die Anzahl Juden bis zum
Zweiten Weltkrieg unter 20.000.
[1939-1940: Neue Projekte für die
Umsiedlung von Juden von den neuen Westgrenzen nach Birobidschan]
Die sowjetische Annexion der Baltenstaaten und Teile Westpolens und der
Bukovina in den Jahren 1939-40 [und Bessarabiens] hatte zur Folge, dass
die jüdische Bevölkerung in der UdSSR stark anstieg. Während dieser
Zeit wurden Pläne geschmiedet, jüdische Siedler von den annektierten
Gebieten nach Birobidschan zu bringen.
[Die Deportationen wurden dann auch durchgeführt, aber nur halb so weit
bis Sibirien und in Konzentrationslager].
[1941-1945: Die Kriegszeit mit dem
Holocaust bringt für Birobidschan eine neue Bedeutung]
Der Ausbruch des sowjetisch-deutschen Krieges im Jahre 1941 hinwiederum
setzte diesen Plänen ein schnelles Ende. Wenn auch während der
Kriegsjahre kein nennenswerter Anstieg der jüdischen Bevölkerung zu
verzeichnen war, so bekam die eigentliche Idee von Birobidschan als ein
Zentrum der jüdischen Staatlichkeit in der Sowjetunion eine neue
Bedeutung. Der Holocaust und das Anwachsen des Antisemitismus in der
UdSSR in den Kriegszeiten bewirkten unter den sowjetischen Juden eine
Wiederbelebung des Interesses an der J.A.R. Nach dem Krieg wuchsen die
Gefühle an. Ausserdem hatten sowjetische Juden, die in den Osten der
Sowjetunion geflohen waren und nun in den Westen in ihre Heimat
zurückkehrten, dort sehr grosse Schwierigkeiten. Diese Faktoren
bewirkten eine neue Hinwendung zu Birobidschan.
[Ergänzung: Birobidzhan hatte ein
riesiges Glück, nicht japanisch besetzt zu werden
Birobidschan wurde vom Krieg nicht betroffen, weil die japanische
Regierung mit Stalin am 13. April 1941 einen Nichtangriffspakt
abschloss, dem der Hitler-Stalin-Pakt im August 1939 vorausgegangen
war. Wenn Hitlers Plan, die Sowjetunion von Osten und von Westen
gleichzeitig in die Zange zu nehmen, aufgegangen wäre, dann hätte die
die jüdische Bevölkerung von Birobidschan die harte japanisch
antisemitische Besatzung erleben müssen, wie dies in Indonesien und in
anderen Teilen der japanischen Besatzung der Fall war. Somit war es ein
riesiges Glück, dass Birobidschan vom japanischen Recht nicht betroffen
wurde.
Siehe: Valentin Falin: Zweite Front (1995)].
[1945-1948: Grosser jüdischer
Siedlerstrom nach Birobidschan]
Darüberhinaus hatte sich die Hoffnung auf eine jüdische
Siedlungstätigkeit auf der Krim nicht verwirklichen lassen.
Birobidschan bleib somit die einzige Alternative für eine kompakte
jüdische Siedlungstätigkeit. Die Behörden der J.A.R. erhielten in den
Nachkriegsjahren eine Fülle von Anfragen für die Einwanderung nach
Birobidschan, und zwischen 1946 und 1948 erreichte ein neuer jüdischer
Siedlerstrom die Region. Artikel in der Zeitung Eynikayt, das Organ des Jüdischen
Antifaschistischen Komitees, betonten die Idee einer jüdischen
Staatlichkeit in Birobidschan. Der sowjetisch-jüdische Schriftsteller
*Der Nister, der einen Siedlerzug begleitete, schrieb:
"Es gibt da einige Reisende, deren Absichten nur materialistisch sind,
und andere, die weitere Absichten haben, in Zusammenhang mit einem
nationalen Charakter ... und da sind auch die brennenden Enthusiasten,
die bereit sind, alles aufzugeben, um dort leben zu können ... und
unter diesen ist ein ehemaliger Palästina-Patriot, ... Obwohl er in den
50-ern ist, ist er während des ganzen Tages von drängender Natur und
kann in der Nacht keinen Schlaf finden, in der Hoffnung, seine neue
Unternehmung dort verwirklichen zu können. ... "
(Original:
"There are some travelers whose intentions are only materialistic, and
there are others whose intentions are different, of a national
character ... and there are also burning enthusiasts, ready to give up
everything in order to live there ... and among them a former
Palestinian patriot, ... Although in his fifties, he hustles about
during the day and is sleepless at night, hoping to see his new
enterprise come true. ... ")
Die kleine Nachkriegs-Einwanderungswelle nach Birobidschan vergrösserte
die jüdische, dortige Bevölkerung um einen Drittel [um die Hälfte, von
20.000 auf 30.000], der grösste jüdische Bevölkerungsstand, den die
Region je hatte. Die Nachkriegszeit erlebte eine Zunahme der Anzahl
Juden in der örtlichen Verwaltung, und eine Intensivierung der
jüdisch-kulturellen Aktivitäten. Unter den aktiven, örtlichen,
jüdischen Schriftstellern, die in der "Sowjetischen
Schriftstellergesellschaft der J.A.R." waren, fanden sich Buzi Miler,
Israel *Emiot, Hayyim Maltinski, Aaron *Vergelis, und andere. Ausserdem
wurde wiederum Hilfe von Juden aus dem Ausland zugelassen.
[ab 1948: "Sowjetische"
antijüdische Politik unterdrückt das jüdische Netzwerk in der
"Sowjetunion"]

Karte der Jüdischen, autonomen Region (Jewish AO), mit Birobidschan und
anderen Städten und Flüssen, 2000 ca.
Das Revival von Birobidschan als ein jüdisches Zentrum kam Ende 1948
zum Stillstand, als die sowjetische Politik die jüdischen Aktivitäten
in der gesamten UdSSR zu unterdrücken begann und Säuberungen
durchführte. Während bei den Säuberungen der späten 1930-er Jahre vor
allem einzelne Juden betroffen gewesen waren, die öffentliche Posten
bekleideten, so war es nun ab 1948 anders. Das Ziel war nun die
Zerstörung jeglicher Art jüdischer Aktivität in der Region. Somit
wurden nun also die meisten der örtlichen, jüdischen Schriftsteller
inhaftiert, das Jüdische Theater in Birobidschan (Kol. 1048)
wurde geschlossen, der Unterricht auf Jiddisch in den örtlichen Schulen
wurde unterbrochen, und eine grosse Anzahl jiddischer Bücher wurde aus
der Shalom-Aleichem-Bibliothek entfernt. Die jüdische Einwanderung nach
Birobidschan wurde gestoppt, und die jüdische Bevölkerung schrumpfte
nun beträchtlich.
[Ergänzung: Die Gründe für die
neue, antijüdische Politik in Moskau: Israel geht mit dem CIA und den
"USA"
Der Wechsel der "sowjetischen" Politik kam aufgrund der jüdischen
Regierung in Israel mit Ben Gurion, der mit seinen kriegerischen
Freimaurerfreunden ein Israel ohne Grenzen ausgerufen hatte (siehe:
Israel; In: Encyclopaedia
Judaica, Bd. 8), und zusätzlich hatte dieses Israel den rassistischen
Herzl und das Erste Buch Mose als Grundlage mit dem Anspruch, ein
Gross-Israel bis zum Euphrat zu schaffen. Die jüdische Regierung machte
auch mit dem CIA der Freimaurer-"USA" gemeinsame Sache, so dass die
"Sowjetunion" sich politisch durch die Freimaurer-"USA" mit Westeuropa,
Israel, Indien und Japan eingekreist fühlte. Die Situation der
Einkreisung wiederholte sich, denn die Sowjetunion war schon durch
Hitlers Drittes Reich und Japan eingekreist gewesen. Alle Unterstützung
des "sowjetischen" Regimes in der UN für die Gründung Israels, und alle
Hoffnungen, dass Israel ein "sowjetischer" Satellitenstaat werden
würde, waren nun umsonst. Somit wurden die Juden in der "Sowjetunion"
zum kompensativen Sündenbock. Die Juden in der "Sowjetunion" wurden nun
als nationale Feinde im eigenen Land betrachtet, und gleichzeitig
durften sie aber auch das Land nicht verlassen (Eiserner Vorhang), denn
ihre Arbeitskraft wurde zum Wiederaufbau der "Sowjetunion" dringend
gebraucht. Die jüdischen Strukturen wurden in der Folge durch die
Sowjetisierung Schritt für Schritt zerstört - mit antisemitischen
Propagandakampagnen, Massenverhaftungen jüdischer Vertreter,
Gulag-Strafen, Schulschliessungen, Synagogen wurden beschuldigt, als
kapitalistische Spionagezentren zu dienen usw.
Siehe: Benjamin Pinkus: The Soviet Government and the Jews].
[1953-1970: Russen übernehmen
Birobidschan - Juden werden zu einer kleinen Minderheit]
|

Bira River
|
Die Zeit nach Stalin brachte für das jüdische Leben in Birobidschan
keine grundlegende Änderung. Die jüdischen Bewohner machten im Jahre
1959 weniger als 10 % der allgemeinen Bevölkerung aus. Die
Positionen in Partei und Verwaltung wurden nicht generell von Juden
gehalten, und die jüdische Landwirtschaft war beinahe nicht mehr
existent. Die einzige Kolchose mit einer vergleichsweise grossen,
jüdischen Mitgliederzahl war die Kolchose Valdheim, neben der
Hauptstadt; aber jetzt ist sie zu einem Zweig der Grosskolchose "Ilichs
Wills" geworden, und die jüdische Bevölkerung nimmt ab.
Schlüsselpositionen wie Sekretär oder Vorsitzender von lokalen oder
regionalen Parteikomitees (die Region hat fünf Verwaltungsbezirke)
werden allgemein nicht von Juden gehalten, auch wenn im Jahre 1970 Lev
Shapiro zum Ersten Sekretär der regionalen Kommunistischen Partei
ernannt wurde. Von den fünf Abgeordneten im Nationalkongress der UdSSR
ist nur eine Minderheit jüdisch. Der einzige Ausdruck jüdischer
Kulturtätigkeit im Jahre 1970 war eine dreimal pro Woche erscheinende
jiddische Zeitung, die aus zwei Blättern bestand, Der Birobidzhaner Shtern, wobei
praktisch kein jüdischer Inhalt existierte, bei einer Auflage von 1000
Exemplaren. Einige Strassenschilder waren noch auf Jiddisch, und die
Shalom-Aleichem-Strasse blieb eine der Durchgangsstrassen der
Hauptstadt. Es gab eine Synagoge, aber alle offiziellen und
öffentlichen Tätigkeiten wurden ausschliesslich auf Russisch
abgewickelt.
N.S. Chruschtschew, der sowjetische Premier und Erste Parteisekretär,
gab in einem Interview für den Figaro
an, das am 9. April 1958 erschien:
"Es muss zugegeben werden, dass, wenn wir eine Bilanz ziehen wollen,
wir zugeben müssen, dass die jüdische Siedlung in Birobidschan ein
Fehlschlag war."
(orig.:
"It must be admitted that if we strike a balance we would have to state
that the Jewish settlement in Birobidzhan was a failure.")
Im weiteren Verlauf beschuldigte er aber die sowjetischen Juden, die
gemäss Chruschtschew die kollektive Arbeit und die Gruppendisziplin
ablehnen, für den Fehlschlag. Es ist schwierig, den Fehlschlag des
Birobidschan-Experiments auf einen einzigen Grund zurückzuführen. In
der Geschichte des jüdischen Volkes gehört Birobidschan zu einer Serie
von anderen schiefgegangenen Versuchen für eine planmässige jüdische
Massenansiedlung, die Landwirtschaft als Basis hatte. Oft wird einfach
gesagt, der Fehlschlag sei absehbar gewesen, weil man die ultimative
Rückkehr zum Zion verneint habe.
Wenn wir aber den Zusammenhang mit der sowjetisch-jüdischen Realität
betrachten, so fällt auf, dass der Fehlschlag ohne Zweifel auf die
Stalinschen Säuberungen zurückzuführen war, die in den Jahren 1936-1937
und 1948-1949 stattfanden und (Kol. 1049)
dem Projekt und den kurzen Entwicklungszeiten eines jüdisch-autonomen
Lebens und Kultur in Birobidschan ein brutales Ende setzten.
Tabelle: Juden in der Autonomen jüdischen
Republik (Birobidschan)
|
Jahr
|
Anzahl
Juden
|
| xxxxxx1928xxxxxx |
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx400xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
| xxxxxx1929xxxxxx |
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx1200xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
| xxxxxx1930xxxxxx |
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx2600xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
| xxxxxx1931xxxxxx |
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx3500xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
| xxxxxx1932xxxxxx |
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx7000xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
| xxxxxx1933xxxxxx |
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx6000xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
| xxxxxx1934xxxxxx |
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx8000xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
xxxxxx1935xxxxxx
|
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx14.000xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
| xxxxxx1936xxxxxx |
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx18.000xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
| xxxxxx1937xxxxxx |
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx19.000xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
| xxxxxx1945xxxxxx |
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx20.000xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
| xxxxxx1948xxxxxx |
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx30.000xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
| xxxxxx1959xxxxxx |
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx14.269xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
|
(aus:
Birobidzhan; In: Encyclopaedia Judaica 1971, Bd. 4, Kol. 1049)
|
Bibliographie
-- S. Schwarz: The Jews in the Soviet Union (1951), Index;
-- S. Schwarz, in: J.
Frumkin (Hrsg.): Russian Jewry 1917-1967 (1969), 342-95
-- A. L. Eliav (Benami): Between Hammer and Sickle (1969), 176-88
-- S. W. Baron: The Russian Jew under Tsars and Soviets (1964), Index;
-- J. Lvavi: Ha-Hityashevut ha-Yehudit be-Birobidzhan (1965)
-- A. G. Duker: Jewish Survival in the World Today (1939), 47-59
-- A. G. Duker,
in: Contemporary Jewish Record (March-April 1939), 24-26
-- J. Emiot: Der Birobidzhaner Inyen (1960); Jews in Eastern Europe
(1966ff.), Index;
-- Z. Katz, in: Bulletin on Soviet Jewish Affairs, 2 (Juli, 1968)
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(1970), 62-75 (incl. bibl.)
[J.Lv. / Shi.R.]>
Sources
|

Encyclopaedia
Judaica: Birobidzhan, vol. 4, col. 1044
|

Encyclopaedia
Judaica: Birobidzhan, vol. 4, col. 1045-1046
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Encyclopaedia
Judaica: Birobidzhan, vol. 4, col. 1047-1048 |

Encyclopaedia
Judaica: Birobidzhan, vol. 4, col. 1049-1050 |
Birobidschan heute
Heute ist Birobidschan eine Station der Transsibirischen Eisenbahn.
(http://www.transsib.ru/Eng/city-dvost.htm (2007)
Die Stadt Birobidschan hat 87.000 Einwohner. Die
Durchschnittstemperaturen sind im April +3, im Juli +20, im Oktober +2,
und im Januar -22 Grad Celsius.
(http://www.trans-sib.de/city-dvost.htm (2007)


Bahnhof
von Birobidschan mit russischem und hebräischem Schriftzug, 1998
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Birobidschan, Bahnstation, Lokomotive mit Kommunistenstern, 2004 ca.

Zentralplatz
von Birobidschan, 2005 ca.
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Jiddische Sommerkurse in
Birobidschan, Logo 2007, mit der Transsibirischen Eisenbahn und
Birkenwäldern
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Karte der Stadt Birobidschan am Fluss Bira im Jahr 2000 ca.

Sonnenuntergang bei Birobidschan am Fluss Bira
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Synagoge von Birobidschan, 2002 ca.

Jüdischer
Friedhof in Birobidschan, 2005 ca.
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Jüdisches Kulturzentrum in Birobidschan, 2004 ca.
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Neue Synagoge in Birobidschan von 2004, Fassade
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Neue
Synagoge in Birobidschan seit 2004, Saal
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Rabbi Mordechai Sheiner, in Birobidzhan seit 2002, Portrait
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Wohnbezirk von Birobidschan, 2004 ca.
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Steppe
in der Jüdischen autonomen Region
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Smidowitsch
(Smidovitch), Bahnhof, 1998 ca. |

Chabarowsk
(Khabarovsk) mit Brücke über den Fluss Amur, 1998 ca.
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19.8.2010: Anmerkungen von Jurij Below zu Birobidschan (JASSR / JSSAR)
E-Mail von Jurij Below vom 19. August 2010 (europäische Zeit), redigiert von Michael Palomino

Namenssäule "Birobidschan" in kyrillischer und hebräischer Schrift |

Birobidschan in Russland, Karte 2010 |
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Jurij Below gibt eine kleine, politische Zusammenfassung über Birobidschan. Dabei stellt sich heraus,
-- schon die Zaren haben Juden ins Gebiet von Birobidschan vertrieben
-- Lenin liess dort die jüdischen Strukturen vernichten
-- während des Krieges 1918-1921 flüchteten ca. ein Drittel der Juden nach Charbin
und z.T. bis in die "USA", ein anderer Teil wurde durch die
Weisse und die Rote Armee aufgerieben und zum Teil getötet, und Juden, die in
Charbin geblieben waren, wurden reportiert und zum Teil ermordet oder
in den GULAG gesteckt
-- 1929 wird unter Stalin eine neue die JSSAR gegründet und massenweise Juden dorthin verbannt
-- 1949 wird der Gold-Skandal mit dem Gold von Kolyma aufgedeckt, wo
die jüdischen Organisatoren des Gulag massenweise Gold nach China und
Japan abgezweigt haben. Als Folge werden die Republik Birobidschan
aufgelöst, die Regierung und 30.000 weitere Juden komplett
erschossen und die restlichen Juden in Birobidschan festgesetzt
-- es folgen drei Wellen der Judenverfolgung mit ca. 1,5 Mio. Opfern
-- dann folgen eine neue Gründung der JSAG unter Chruschtschow 1961,
unter Breschnew wird die Autonomie wieder gestrichen, unter Jelzin wird
eine neue eingerichtet, unter Putin gleich wieder gestrichen etc.
Der Text von Jurij Below:
[Die Flüsse Bira und Bidschan]
<Birobidschan ist die Gegend zwischen den Amur-Zuflüssen Bira und Bidschan, etwa 150 km
westlich von Chabarowsk, der Hauptstadt der einstigen JSSAR (Jüdische
Sowjetische Sozialistische Autonome Republik), die 1929 bis 1947 so hiess.
[Erste Vertreibung von Juden ins
Gebiet von Birobidschan unter Zar Ivan IV - Juden in Birobidschan
bekommen unter Zar Alexander III das Bürgerrecht]
In der Tat, die ersten russischen
Juden wurden durch den Zar Ivan IV Grozny (also "der Schreckliche") in dieses
Gebiet aus Moskau und Kernrussland zwangsvertrieben. 1880 hat Zar Alexander
III durch die Abkommen mit dem Gouverneur von Sibirien, gen. Skobelew,
den ungeklärten Status der Juden, welche zwei mal versuchten, sich als
Staat der Juden dort zu etablieren, zu lösen. Unter der Voraussetzung, dass sie von diesem Traum Abstand
nehmen, wurden sie nun als Bürger des Russischen Imperiums anerkannt.
[Krieg von 1904 - Birobidschan mit 300.000 Juden bleibt russisch]
1904 führte Russland wegen der Mandschurei Krieg gegen
Japan (der letzte Staat der Mandarinen, mit Hauptstadt
Harbin und mit dem letzten Imperator Pui Ji, der Anspruch auf Birobidschan hatte).
Zwar erlitt die russische
Flotte dort eine grosse Niederlage, aber Zar Nikolaus II unterschrieb in
Port-Arthur mit Pui Ji doch einen Friedensvertrag, und die "jüdische Provinz Russlands" blieb weiterhin unter dem
Schutz von Moskau, weil die Chinesen und Japaner systematisch "Pogrome" gegen
die Juden veranstalteten. In St. Petersburg hat Zar Nikolaus II dann die jüdische
Autonomie garantiert (damals etwa für 300.000 Juden).
[1917: Lenin lässt jüdische Strukturen in Birobidschan liquidieren und Hebräisch verbieten]
Am zweiten Tag der Machtübernahme
durch die Bolschewiki im Jahre 1917 liess Lenin "reaktionäre, jüdische Strukturen in
Ostsibirien" liquidieren, und mit seinem Dekret Nr. 3 verbot er auch Hebräisch (Iwrith) als "reaktionäre
Sprache".
[Judenverfolgungen 1918-1921: Flucht von ca. 100.000 via Charbin in die USA - Massenmord an den verbliebenen 100.000]
Im Verlauf des "Bürgerkrieges" 1918-1921, also während des Roten Terrors,
wurden Juden
dann
durch die Weisse Armee und durch die Rotarmee systematisch
verfolgt, so dass 1921 dort noch etwa 100.000 Juden blieben (fast
100.000 flüchteten nach Charbin [Mandschurei] und dann via Shanghai und
Hongkong weiter in die USA. Der Rest von über 100.000 Juden wurde
zwischen den feindlichen Parteien aufgerieben und getötet (russische
zarentreue Weisse Armee und die bolschewistische Rote Armee). Man kann
durchaus von einem Willen zur
Ausrottung sprechen, der diesen beiden russischen Armeen innewohnte.
Der Oberkommandeur der
Russischen Armee, Admiral Koltschak, wurde durch die Bolschewiki
gefangen genommen, und Lenin telegrafierte nach Chabarowsk: "Sofort vor
Gericht stellen und erschiessen".
[Sowjetische Besetzung von Charbin - Rückdeportation der verbliebenen Juden und Erschiessung oder GULAG]
Die Sowjets besetzten Charbin, und die
Juden, die noch dort geblieben waren, wurden in die UdSSR
zurückdeportiert und wurden entweder als "Spione und
Landesverräter" sofort
exekutiert oder mussten für 25 Jahre in den GULAG.
[Stalin versucht, restliche Juden nach Kasachstan zu vertreiben - Gründung JSSAR 1929 - Massenverbannung nach Birobidschan]
Nach Lenins Tod
versuchte Stalin die Juden aus dem Grenzgebiet nach Kasachstan und
insbesondere nach Buchara und Samarkand zu vertreiben, denn er wollte
doch die Stadt Wladiwostok vor Korea sichern und besetzte Te Tju Che
(Wildschwein-Wald). Chabarowsk sollte vor den Chinesen gesichert
werden. Bei Chal Kin Gol (Ussouri Tiger-Taiga) besetzte Stalin zum
grossen Teil die Mandschurei und auch Port-Arthur (erst 1961 wurde
Port-Arthur durch Chruschtschow an China zurückgegeben). Der
Krieg im Osten unter Stalin dauerte drei Jahre (1926-1929), und danach
wurde schliesslich die JSSAR gegründet, als Teil der UdSSR. Iwrith
[Hebräisch] blieb verboten, aber Jiddisch zugelassen. Stalin
liess in der Folgezeit viele Juden nach Birobidschan verbannen, so dass
dort 1940 über
600.000 Juden lebten.
1947 wurden jüdische Organisationen in
der ganzen "UdSSR" verboten. 1948 [nach der Israel-Gründung und dem Bündnis der Zionistenregierung mit dem CIA]
wurde die JSSAR, die sich illegalerweise genannte "Judenrepublik" nannte, aufgelöst und dabei als "Nest der reaktionären Zionisten und Agenten des
Weltimperialismus" bezeichnet.
[Der Gold-Skandal von Birobidschan (1949) und die Eliminierung der jüdischen Republik]
In
der zweitgrössten Stadt [der Provinz Birobidschan], Smidowitsch, kam dann 1949 die "Verschwörung" mit illegalen
Goldtransporten aus Kolyma ans Licht:
In der JASSR an der chinesischen Grenze wurde das Gold von Kolyma, zu
99,999 raffiniert und in Barren gegossen. Über 10.000 jüdische
Gulag-Angestellte ("Zionisten") überwachten dabei die russischen
GULAG-Sklavenarbeiter. Und die jüdischen Gulag-Angestellten hatten nun
einen erheblichen Teil des Goldes durch China und Japan an Moskau
vorbeigeschafft bzw. "abgezweigt". Der Skandal hatte Konsequenzen:
Birobidschan wurde aufgelöst. 1949 wurden in Chabarowsk [an
der Ostgrenze von Birobidschan] 37 Regierungsmitglieder von
Birobidschan und über 30.000 als "Volksfeinde" bezeichnete Leute der
jüdischen Bevölkerung erschossen. Der Rest wurde
offiziell zu
Verbannten an Ort erklärt, und jedes Recht, sich frei zu bewegen, wurde
ihnen abgesprochen. Die russischen Gulag-Häftlinge dagegen mussten
ständig feiern, wenn jeweils eine Gruppe der jüdischen Regierung nach
Chabarowsk zur Erschiessung abtransportiert wurde.
[Dieser Gold-Skandal in Birobidschan fehlt bei Pinkus].
[1950er Jahre: Judenverfolgungen in drei Wellen]
Es wurden nun - in einer
wahnsinnigen Sippenhaft-Orgie - die drei letzten Wellen der
Judenverfolgung in Gang gesetzt. Prof. Dmitri Kurganow (Historiker,
kein Jude, war aber auch 25 Jahre im GULAG wegen antisowjetischer
Propaganda) schätzt die Zahl der Opfer der stalinschen Massnahmen gegen
Agenten, Verräter und Zionisten auf mindestens rund 1,5 Mio.
[Chruschtschow installiert wieder ein JSAG]
1961 installierte Nikita Chruschtschow
wieder ein "Jüdisch-sowjetisches autonomes Gebiet" (JSAG)
und liess auch gleich Juden zwangsübersiedeln, die seither in
Usbekistan und Kasachstan lebten. Und bald lebten im JSAG wieder
300.000 Juden.
[Breschnew lässt die Autonomie wieder abschaffen - es bleibt ein "jüdisches Kreisgebiet"]
1966 - nach der Absetzung von Chruschtschow und der Machtübernahme von Leonid
Breschnew - wurde die rein formelle Autonomie auch noch abgeschafft, so dass bis zum Ende der "UdSSR" nur der Jewrejskaja Oblast ("Jüdisches Kreisgebiet") innerhalb der Provinz Chabarowsk übrigblieb.
Präsident Medwedew besuchte im Mai
2010 die jüdisch-autonome Republik Birobidschan und "versprach mehr
Engagement für das vergessene Land der Juden"
("St. Petersburger Nachrichten", Mai
2010)
[1992: Bezeichnung
"Judenrepublik" (JR) und JR-Fahne verboten - Jelzin gibt neue Autonomie
- Putin verbietet wieder alles - neuer Name und neue Fahne 2001 -
Verbot der neuen Fahne 2005 und neueste Fahne mir Regenbogenfarben]
1992 erklärte sich Birobidschan als
"Judenrepublik".
Moskau hat diese Bezeichnung nicht akzeptiert wegen des Protestes aus
Israel, das behauptete, dieser Name sei von "Antisemiten" in der Zeit
der Weimarer Republik benutzt worden. Die JR-Staatsflagge mit
Davidstern wurde verboten. Die Duma (Parlament) hat jedoch unter Boris
Jelzin 1994 das Gebiet den "Juden" wieder zuerklärt, mit Autonomie.
Nach dem Tode Jelzins machte Wladimir Putin als Präsident wieder eine
Kehrtwende und verbot offiziell die Flagge, die Insignien und die Hymne
und drohte, "die Juden aus diesem Gebiet endgültig zu vertreiben". Im
Jahre 2001 beschloss die Duma endlich die neue offizielle Namengebung, und zwar "Jüdisch-autonomes Gebiet
der russischen Föderation" mit der russischen Staatsflagge mit dem
Davidstern drauf. 2005
wurde die Staatsflagge mit dem Davidstern dann aber gleich wieder verboten. Die neue Flagge
erinnert nun an die Regenbogenflagge der Homosexuellen. Der neue Name der Republik
heisst "Jüdisch-autonomes Gebiet".
Die schweigende "offizielle Webseite¨ - Chabarowsk ist jüdisches Zentrum - Remigration nach Birobidschan]
Auf der Webseite des
Jüdisch-autonomen Gebiets findet man kein Wort über Lenins Dekrete,
kein Wort des immer wieder unterbrochenen Status des "Gebiets" und
Stalins Befehl von 1948 über die Liquidierung der Judenrepublik
den "Prozess in Chabarowsk", und über die Hinrichtung der
Regierung in Chabarowsk 1949. Das ist das einzige Gebiet in der UdSSR,
wo es die Begriffe "Stalinka", "Leninogorsk", "Komsomolskja",
"Sowjetsk" und auch "WKP /b/ -Kommunistische Partei" (Bolschewiki)
immer noch gibt. In Chabarowsk dagegen leben über 250.000 Juden.
Ich finde es ganz merkwürdig: Nun
leben dort etwa 48 % Chinesen, 49% Ukrainer und Russen, und etwa 12.000
Juden. Im Januar remigrierten aus Israel ca. 600 Juden nach Birobidschan zurück. Für Moskau selbst ist dieses Gebiet von "grosser, strategischer Bedeutung"
(Wolf Schirinowski).
Die Juden in Birobidschan scherzen mit der Frage: "Lenin, Stalin, Breschnew, Schirinowski und auch Netanajahu -
alle sind gegen uns, nur Adolf Hitler hatte uns keine Schaden angerichtet. Wen
sollen wir nun lieben?" Die Antwort: "Natürlich den... Oder?".
"Ejnigkejt" (Tageszeitung in Jiddisch [der russischen Juden]) vom 15.08.2010 hat Netanjahu in eine Reihe
mit Stalin eingeordnet.
Also, historisch gesehen ist Birobidschan der erste jüdische
Staat seit dem Pogrom von Kaiser Titus um 70 A.D. Dann kam Israel hinzu, aber beide jüdische
Staaten sind immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Und vor allem klappt es immer
wieder nicht, der Region Birobidschan einen dauerhaften Namen zu geben. Immer wieder wird der Name abgeändert...