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Libanon. Meldungen

Eigenheiten aus dem Libanon

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präsentiert von Michael Palomino

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27.8.2010: Die junge Generation im Libanon will kein Arabisch mehr sprechen

aus: 20 minuten online: "Hi kifak, ca va": Der Libanon hat ein Sprachproblem; 27.8.2010;
http://www.20min.ch/news/ausland/story/Der-Libanon-hat-ein-Sprachproblem-17026160

<Der Libanon hat ein Sprachproblem

von Zeina Karam, AP

- Der Libanon bangt um den Erhalt der arabischen Sprache. Die Jugend bevorzugt Englisch und Französisch. Die Folge ist ein kurioser Sprachenmix.

Die libanesische Jugend will nicht [mehr] arabisch lernen.

Maya Sabtis Kinder sind im Libanon geboren und aufgewachsen, doch sie sprechen nur gebrochen Arabisch und maulen, wenn sie ein arabisches Buch lesen sollen.

«Ich versuche sie dafür zu interessieren, aber ich kann ihnen keinen Vorwurf machen», sagt Sabti über ihre acht und zehn Jahre alten Sprösslinge. «Handys, Facebook, Filme - alles, was für sie wichtig ist, ist auf Englisch.»

Schon lange ist eine mit englischen und französischen Brocken durchsetzte Alltagssprache im Libanon gang und gäbe. Nun befürchten viele, dass die junge Generation allmählich nichts mehr mit der Amtssprache Arabisch anfangen kann. Schon nehmen sich Bürgerinitiativen der Sache an.

«Die jungen Leute entfernen sich zunehmend vom Arabischen, und das macht uns grosse Sorgen», sagt die Dichterin Suzanne Talhuk. Sie leitet «Feil Amer» (Imperativ), eine voriges Jahr gegründete Organisation zur Förderung des Arabischen. «Wenn die Menschen eines Landes keine gemeinsame Sprache mehr sprechen, gehen gemeinsame Identität und Sache verloren.»

Arabisch ist die Muttersprache von über 280 Millionen Menschen. Die klassische Schriftsprache ist in allen arabischsprachigen Ländern gleich, doch die Aussprache ist unterschiedlich. Und fliessend Arabisch zu sprechen, heisst noch nicht, es auch lesen und schreiben zu können.

Selbst Politiker kommen ins Stottern

Auch im Libanon ist Arabisch die offizielle Verkehrssprache. Doch viele der vier Millionen Einwohner sind stolz darauf, auch des Französischen - der Sprache der früheren Kolonialmacht - und des Englischen mächtig zu sein. Im Gespräch geht es oft bunt durcheinander. Eine gängige Begrüssungsformel, die sich sogar auf T-Shirts und Tassen im Andenkenladen findet, lautet: «Hi kifak, ca va?» - das englische «Hi» kombiniert mit dem arabischen und dem französischen Ausdruck für «Wie geht's».

In den meisten Schulen werden schon früh drei Sprachen unterrichtet. Viele Eltern schicken ihre Kinder auf englische oder französische Schulen, wo Arabisch erst an zweiter oder dritter Stelle kommt. Bei jungen Leuten ist es üblich, besonders auf Facebook oder in SMS Arabisch mit lateinischen Buchstaben zu schreiben.

Selbst Politiker sind nicht gefeit. Voriges Jahr offenbarte Ministerpräsident Saad Hariri bei einer verstolperten Rede im Parlament Probleme mit dem Hocharabischen - zum Amüsement der Abgeordneten und vieler anderer, die das Video davon auf YouTube betrachteten.

Ehrgeizige Eltern, dröge Lehrmethoden

Der Libanon steht mit seiner Besorgnis nicht allein. Nebenan in Syrien verlangt eine Vorschrift, dass auf Schildern von Geschäften, Restaurants und Cafés mindestens 60 Prozent der Aufschrift in Arabisch gehalten ist. Doch Libanon ist weltoffener und daher ein Sonderfall, wie Munira al-Nahed von der Stiftung Arabisches Denken erklärt.

Durch seine Vielfalt an Volksgruppen und Religionsgemeinschaften war es schon immer offener gegenüber Einflüssen von aussen. Zudem leben schätzungsweise acht Millionen Menschen libanesischer Herkunft in aller Welt verstreut; viele von ihnen kommen regelmässig zu Besuch und beherrschen häufig nicht viel Arabisch.

Al-Nahed gibt zum Teil den Eltern die Schuld, die zu Hause mit ihren Kindern Französisch oder Englisch sprechen in der Annahme, dass sie Arabisch sowieso aufschnappen. Doch das hat genau das Gegenteil bewirkt und Arabisch an dritte Stelle verdrängt. «Es ist ein Punkt erreicht, wo junge Leute im Libanon sich schämen, Arabisch zu sprechen. Am Golf oder in anderen arabischen Ländern ist das nicht so», sagt sie. Schuld sind ihrer Ansicht nach auch Lehrmethoden, die die Kinder häufig nicht ermuntern, Arabisch zu sprechen, und die die Sprache als öde und kompliziert erscheinen lassen.

Studenten scheitern am Alphabet

Talhuk und ihre Organisation versuchen das zu ändern. Die Gruppe ging an libanesische Universitäten, um die Einstellung zum Arabischen zu erkunden, und liess Dutzende Studenten das arabische Alphabet aufsagen: Die meisten kamen über den fünften Buchstaben nicht hinaus. «Nicht nur, dass sie ihr arabisches ABC nicht können. Sie fragten sich auch, warum sie sich die Mühe machen sollten, es zu lernen, und was sie davon hätten», sagt Talhuk.

Um auf das Problem aufmerksam zu machen, veranstaltete ihre Organisation kürzlich ein ganztägiges Arabisch-Festival unter dem Motto «Wir sind unsere Sprache». Es gab eine Bücherausstellung, Musik und Lesungen und Plakate mit Parolen wie «Bring deine Sprache nicht um» und «Lehre deinen Sohn Arabisch sprechen».

Sabti besuchte mit ihren Kindern die Veranstaltung in der Hoffnung, ihnen einen Anstoss zu geben. «Wir brauchen mehr solche Unternehmungen», findet sie. «Ich hoffe, das hilft jungen Leuten zu erkennen, dass wir eine schöne Sprache haben, die wir bewahren sollten.»

Der Student Jussuf Dachil glaubt allerdings, dass das Problem eher in einem Mangel an libanesischem Nationalgefühl liegt: «Leider mögen wir alles, was importiert wird - einschliesslich Fremdsprachen.»>






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