Wie war das wirklich in der HJ?
Meldungen
präsentiert von Michael Palomino

Zeitzeuge Kurt-Jürgen Voigt: <"Wir weinten
unter dem Kopfkissen">
aus: Spiegel online; April 2010;
http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/5985/_wir_weinten_unter_dem_kopfkissen.html
<Der
Krieg beendete die Jugend: Schon als 14-Jähriger spürte Kurt-Jürgen
Voigt, wie sich nach dem deutschen Überfall auf Polen sein Leben an der
Flensburger Förde veränderte. 1941 musste er ins Drill-Lager der
Hitlerjugend. Nach überstandener Tortur erwartete ihn zu Hause eine
gefährliche Aufgabe.
So als wollte er uns noch einmal zeigen,
was das Leben wert war, kam 1939 der Sommer in den schönsten Farben
über uns. Es sollte der letzte Sommer vor dem großen Krieg sein. Die
Flensburger Förde glitzerte, eingerahmt vom Grün der Wälder. Dampfer
fuhren und die weißen Segel auf dem blauen Wasser machten den Anblick
zu einem impressionistischen Gemälde. Mitten in diesem idyllischen
Sommer verkündete die Stimme des Führers über die Volksempfänger das
Unheil: Deutsche Truppen fielen in Polen ein. "Es ist Krieg", raunten
alle im Haus und auf der Straße mit zitternden Stimmen. Manche weinten.
Das Ausmaß der Katastrophe, die noch vor uns lag, konnten wir nicht
einmal erahnen.
Der Krieg hatte unser Leben schnell im Griff.
Meine Mutter erinnerte sich an den Winter 1917, an die ekelerregenden
Dinge, die sie gegessen hatte, um den Hunger zu bekämpfen. Jetzt waren
die Vorboten des Hungers wieder da: die Knappheit, die Mühsal des
Sparens und Rechnens, die Lebensmittelkarten und die Schlangen vor den
Geschäften. Der Winter wurde hart und streng, die Förde gefror. Der
Fisch wurde knapp. Aber der Krieg war noch weit weg. Nur langsam
drängte er sich unbarmherzig in unser Bewusstsein: Die Nachrichten, die
Feldpost und die schwarz umrandeten Todesanzeigen in den Zeitungen
sprachen eine deutliche Sprache.
Kritik an diesem Krieg vernahm
ich nirgendwo. Dafür sprach man oft von der Pflicht, die zu erfüllen
der "Führer" von uns erwarte. Auch in der Schule. Ich war 14 Jahre alt
und fragte mich, ob ich eines Tages auch in den Krieg ziehen würde, den
ich mir nicht vorstellen konnte. Noch war alles offen.
"Der 'Führer' wird schon wissen,
was recht ist"
Nachdem
Verdunkelung angeordnet worden war, kaufte ich schwarze Rollos und
bastelte so lange, bis durch keines der Fenster und keine der Türen
noch ein Spalt Licht drang. Unser uniformierter Blockwart überwachte
jede Wohnung und jedes Haus der Siedlung. Für jedes Loch im Rollo
drohten empfindliche Strafen. Der Mann meinte es ernst, denn nun hatte
er die Befehlsgewalt, die ihm im zivilen Dasein abgegangen war.
Die
höheren Dienstgrade innerhalb der Marine-Hitlerjugend, deren Mitglied
ich war, und die Lehrer in der Schule mühten sich, uns Vertrauen in die
übermenschlichen Fähigkeiten des "Führers" einzubläuen, den Glauben an
die geradezu mythische Kraft deutscher Soldaten und die
Unüberwindlichkeit deutscher Waffen. Der "Führer", hieß es, marschiere
in Polen ein, um Rache zu nehmen für das Ungemach, das die Polen den
Deutschen angetan hatten. Heute wissen wir, dass das Propaganda war.
Holland, Frankreich, Dänemark und Norwegen wurden überfallen. Der
"Führer" wird schon wissen, was recht ist, dachten wir. Mein Vater
schien am Sieg der Deutschen keinen Zweifel zu haben.
Nachdem
deutsche Flugzeuge im November 1940 das Stadtzentrum der englischen
Stadt Coventry in Schutt und Asche gelegt hatten, übten wir mit
Gasmasken für den Fall eines Vergeltungsschlags mit Gasbomben. Ich
schleppte schwere Eimer voller Sand und Wasser auf den Hausboden und
übte, wie man die giftigen Stabbrandbomben wirksam löschte. In der
Schule sammelten wir Geld für die Auslandsdeutschen. Mutters leicht
verstaubten Pelz brachte ich zur Sammelstelle der Winterhilfe, in der
Hoffnung, er würde im klirrenden russischen Winter einem Landser die
Haut wärmen.
Ein deutscher Jungmann weint nicht
1941
wurde ich durch die Vorgesetzten der Marine-Hitlerjugend auf die
Seesportschule Prieros im Spreewald geschickt. Ich sollte die
seemännische "A-Prüfung" ablegen. Mit Marschpapieren und dicken
Stullenpaketen ausgestattet, saß ich zusammen mit drei anderen
Hitlerjungen im Zug nach Berlin. Rauchende, trinkende und lärmende
Soldaten gaben ihre Fronterlebnisse zum Besten und wurden bewundert.
Endstation war der rauchgeschwärzte Lehrter Bahnhof, auf dem ein großes
Schild mit den Worten "Räder müssen rollen für den Sieg!" prangte.
Schwestern vom Roten Kreuz reichten Saft und Ersatzkaffee. Man gab uns
den Befehl, zu unserer Nachtunterkunft loszumarschieren. Trübsinnig und
hungrig latschten wir durch dunkle Trümmerstraßen, vorbei an
fensterlosen Ruinen. Bis wir vor der alten Kaserne irgendeines
Regiments standen und ein mürrischer Wachmann uns unsere Stubennummer
zubellte. Nachts gab es Bombenalarm. Die stickige Luft im Keller
brummte. Luftminen barsten in der Nähe. Dann gab es endlich Entwarnung.
Die
Seesportschule in Prieros war ein Heim der Marine-Hitlerjugend für die
vormilitärische Ausbildung, ein Drill-Lager, malerisch gelegen am Ufer
der träge dahinziehenden Dahme. Um den Fahnenmast mit dem Hakenkreuz
gruppierten sich weiße einstöckige Häuser. Ein müder Friseur raspelte
uns nach unserer Ankunft die Haare auf Streichholzlänge. Wir bekamen
weißes Drillichzeug zum Anziehen, viel zu große Marschstiefel und
traten an. Wachführer Fleischhauer richtete sein Säufergesicht auf die
jungen Männer und brüllte: "Ich schleif euch die Eier!" Ich hatte den
Eindruck, dass er hilflos war und litt. Wie sollte er diesen Sauhaufen
bloß zu richtigen Menschen machen? "Ich lache nie", schrie er uns an,
"und wenn ich lache, lacht der Teufel."
Wachführer Kizina, auch
er ein Trinker vor dem Herrn, ließ Tränen, wenn unsere schwermütigen
Seemannslieder auf unseren Märschen den Wald durchwehten und die
Jungmänner im Drillich unter den Angriffen stechwütiger Moskitos aus
den Sümpfen der Spree seufzten. Mancher weinte still in die Kissen,
wenn der Wolf im Hintern saß nach all den endlosen Kilometern und die
Fersen unter dem baumwollenen Fußlappen sich bis aufs rohe Fleisch
wundgescheuert hatten. Aber ein deutscher Jungmann weint nicht - nur
verstohlen nachts unter der Decke. Hitlerjungen und Jungmädel redeten
im Heim übrigens nie miteinander. Nur beim Morsen in der großen Halle,
im singenden Geklacker der Tasten, konnte man das "Ditt-da-Diditt"
heraushören, was unter Kennern der Morsesprache heißt: "Ich liebe Dich!"
Sehnsucht nach Licht und Freiheit
Der
Krieg diktierte unser Denken, unsere Gespräche, unsere Beziehungen.
Menschen im Krieg sind nicht sie selbst, sondern unwichtige Figuren
eines Spiels, dessen Regeln sie nicht durchschauen. Auch deshalb
flüchteten wir in das sogenannte Puschenkino nebenan, das man in
Hauslatschen betreten konnte. Für 50 Pfennige sahen wir nach der
"Deutschen Wochenschau" und dem Kulturfilm über freundliche
Blindschleichen oder bärtige Geigenbauer in Mittenwald Filme aus
deutscher Produktion: "Oh, diese Männer", "Geheimakte WBI", "Der große
König", "Maja zwischen zwei Ehen", "Der Meineidbauer", "Der dunkle Ruf".
Im
Englischunterricht verteilte der Studienrat Adressen von Frontsoldaten,
denen wir schreiben sollten. Ich schrieb einem Leutnant, erhielt
Antwort mit einem Foto, auf dem er vor seinem Bunker an der Ostfront zu
sehen war. Er schrieb, er habe sich gefreut über das Feldpostpäckchen.
Drei Tage später fiel er. Als ich die Nachricht in Händen hielt und mir
die Tränen herunterliefen, spielte man im Radio die Soldatenhymne "Lili
Marleen", ein Lied, das auch die Engländer einträchtig mitsangen.
Irgendwann
war das Drill-Lager überstanden, und es ging zurück nach Hause. Im
örtlichen Rathaus wurde ich per Handschlag für das sogenannte
Polizeischnellkommando vereidigt. Geschützt mit einem Helm musste ich
bei Bombenalarm mit dem Fahrrad durch die Gegend fahren, die
Einschlagstellen notieren und später melden. Derweil bellte die Flak
und schoss feindliche Flieger vom Himmel. Das Fahrrad putzte, hütete
und reparierte ich so gut es nur ging. Es war ein unersetzliches
Verkehrsmittel - und noch dazu mein Freund. Auf ihm bewältigte ich den
Schulweg, erforschte die Gegend auf einsamen Pfaden. Ich fürchtete um
die Schläuche, sie mussten immer wieder geflickt werden. Aber ich
sehnte mich nach Licht und Freiheit. So sehr, als hätte ich gewusst,
dass ich bald Bekanntschaft mit der Enge und Dunkelheit der
Schützengräben machen würde.>