|
|
|
Deutsches Kaiserreich 1871-1918 ("Zweites Reich"). Meldungen
Wie war das denn im Kaiserreich - ach so schön oder ach so brutal? - Todesstrafe mit Guillotine in Berlin-Plötzensee - sie zogen in den Krieg, um stark zu werden -
![]()
Meldungen, präsentiert von Michael Palomino
Teilen:
20.1.2010: Die Henker im Zweiten Deutschen Kaiserreich - mehr Arbeit als Vermutet
aus: spiegel online: Todesstrafe im Kaiserreich: Kopf ab, Kopf ab, Kopf ab. Todesstrafe in Deutschland. Zum Henker mit ihm; 20.1.2010; http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/5916/zum_henker_mit_ihm.html
In Sachen Rassismus und Todesstrafe herrschen über dem Zweiten Deutschen Kaiserreich unter Bismarck und Konsorten grosse Tabus. Hier wird ein Tabu über die Todesstrafe im Kaiserreich gebrochen. Das Tun des Köpfers und Scharfrichters Schwietz in seiner "Wirkungsstätte" in Berlin-Plötzensee wird hier ein bisschen ausführlicher präsentiert und an Fällen dokumentiert. Aber lesen Sie selbst:
<Im Kaiserreich galt ein Leben nicht viel, ohne Zögern verhängten Gerichte die Todesstrafe. Dann reisten Scharfrichter wie Lorenz Schwietz mit dem Beil an, um ihr blutiges Handwerk zu erledigen. Neu ausgewertete Akten zeigen, dass die Henker seiner Majestät weit mehr Menschen köpften als vermutet. Von Stefan AppeliusAls der 31-jährige August Hennig von mehreren Polizisten begleitet in einer Kutsche vor dem Potsdamer Landgericht am Nauener Tor eintrifft, haben sich dort zahllose Schaulustige versammelt. Im Gerichtssaal herrscht an diesem 30. April 1906 großes Gedränge, auch die Pressetische sind dicht besetzt. Mehrere Damen aus der Gesellschaft sind erschienen, unter ihnen Erbprinzessin Pauline von Wied, die Tochter des Königs von Württemberg. Alle wollen den Mann sehen, von dem es in der Zeitung heißt, er sei eine Bestie. Den Mann, der sich seiner Festnahme durch eine spektakuläre Flucht über die Dächer Berlins entzog und den man erst nach Wochen in Stettin dingfest machen konnte.
Hennig ist ein mittelgroßer Mann im schäbig grau-grünen Sommermantel mit eingedrücktem braunem Filzhut, Halbglatze und derben Gesichtszügen. Als Halbwüchsiger hatte er einem Berliner Schneidermeister Drohbriefe geschrieben: "Bringen Sie am Montag zur zweiten Brücke vor dem Schlesischen Thore die Summe von 300 Mark, sonst sind Sie acht Tage später eine Leiche! Cassini, Räuberhauptmann." Sechs Jahre Zuchthaus gab es dafür.
Diesmal lautet die Anklage auf Raubmord. Staatsanwalt Mendelsohn wirft ihm vor, einen jungen Mann in ein Waldstück am Wannsee gelockt, ihn dort erschossen und ausgeraubt zu haben. Zeugen und stichhaltige Beweise gibt es nicht. Die Ankläger reimen sich den möglichen Tatablauf selbst zusammen. "Ebenso gut könnten Sie beweisen, der Mond sei ein Pfannkuchen. Das sind doch alles bloß Hypothesen", wehrt sich der Angeklagte vor Gericht. Der Mord gehe auf das Konto eines Komplizen: "Ich habe den Raub begangen, ich will mich nicht reinwaschen und habe viel auf dem Kerbholz. Um mildernde Umstände zu bitten, wage ich selber nicht, aber wir leben in einem christlichen Jahrhundert, und da sollte man einem Menschen nicht die Möglichkeit abschneiden, noch einmal ins Leben zurückzukehren." Als Hennig die Geschworenen bittet, im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden, bricht das Publikum in lautes Gelächter aus.
Der Federstrich des Kaisers
Der Prozess endet bereits nach zwei Verhandlungstagen. Und gerade einmal zwei Stunden brauchen die Geschworenen, um Hennig schuldig zu sprechen. Dann verhängt der Richter die Todesstrafe. Der Verurteilte nimmt den Spruch äußerlich völlig regungslos entgegen. Erst als der Richter ihn auffordert, sein Gewissen durch ein offenes Geständnis zu erleichtern, sprudelt es aus ihm hervor. Er sei unschuldig, die Beweisführung des Staatsanwalts sei "total falsch" gewesen. Doch niemand will Hennig jetzt mehr hören.
Als ein Wiederaufnahmeverfahren abgelehnt wird, gibt es nur noch eine Hoffnung: die Begnadigung durch den König von Preußen. Mehrere Monate vergehen, während Hennig im Moabiter Untersuchungsgefängnis auf die Entscheidung des Monarchen wartet. Wilhelm II. hat alle paar Wochen über das Schicksal zum Tode verurteilter Untertanen zu entscheiden. Jahr für Jahr lässt er einige von ihnen enthaupten. Mit einem Federstrich seiner Majestät wird das Urteil Ende November 1906 rechtskräftig. Weil Wilhelm II. "der Gerechtigkeit freien Lauf" lassen will, wird Hennig mit einer Droschke in das Strafgefängnis Plötzensee transportiert. Man sperrt ihn in die Mörderzelle, nur ein paar Schritte vom Richtplatz entfernt.
Inzwischen ist Lorenz Schwietz, 56, aus Breslau mit vier Gehilfen in Berlin eingetroffen, per Eisenbahn, dritter Klasse. Fahrtkosten und Spesen erstattet die Justizkasse. Im Gepäck des Quintetts befinden sich ein mehrere Kilogramm schweres, geschliffenes Handbeil, eine rotgestrichene Richtbank und ein massiver Holzblock. Auch ein schwarzer Zylinderhut gehört zur Ausrüstung. Schwietz ist gelernter Fleischer - und amtiert sei einigen Jahren als königlich preußischer Scharfrichter. Nun hat er den Auftrag erhalten, dem verurteilten Mörder August Hennig mit einem einzigen, wohlgezielten Hieb den Kopf vom zu Rumpf trennen und ihn so vom Leben zum Tode zu befördern.
Blutiger Rekord
Schwietz hat in Ausübung seines Amtes allerlei erlebt. Mal rutschte ein gefällter Kopf auf eisglatten Steinboden mehrere Meter weit und kam erst an einer Mauer zum Stillstand. Ein anderes Mal verfingen sich die Barthaare des Delinquenten im Richtblock und der säuberlich abgetrennte Kopf blieb am Holzklotz hängen, während die Arterie des Unglücklichen stoßweise Blut verströmte. Erst im Vorjahr schlug Schwietz in pommerschen Schneidemühl einer jungen Mutter ihren Kopf ab, die kurz zuvor in der Todeszelle ein Kind entbunden hatte. Einen blutigen Rekord hat er 1901 im westpreußischen Graudenz aufgestellt. Da enthauptete er innerhalb einer Dreiviertelstunde vier Zuchthausinsassen nacheinander. Reden darf er darüber allerdings nicht - die preußischen Scharfrichter sind vertraglich dazu verpflichtet, über ihre Vollstreckungsaufträge strengstes Stillschweigen zu bewahren.
Die Tradition des Berufsstandes will es, dass der Scharfrichter am Tag vor der Hinrichtung einen Blick auf den Delinquenten wirft. Als so der Wärter am späten Nachmittag des 4. Dezember 1906 die Tür der Mörderzelle aufschließt, hinter der August Hennig schmachtet, ist es draußen schon dämmrig. Ist der Delinquent eine kräftige Person oder eher schmächtig, wirkt er ruhig oder könnte er durchdrehen? Vor allem aber nimmt der Scharfrichter Hals und Nacken des Verurteilten in Augenschein.
Als sich die schwere Zellentür wieder hinter dem Scharfrichter schließt, verliert der verurteilte Hennig die Fassung. Die ganze Nacht hindurch brüllte er immer wieder denselben Satz: "Was wollt ihr denn von mir?!" Als er am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang aus der Zelle geholt wird, kommt kaum mehr als ein heiseres Kreischen aus seiner Kehle.
Weit mehr Hinrichtungen als bekannt
Auf dem Gefängnishof Nr. 4 ist der Richtblock aufgebaut. In einer Ecke sitzen Staatsanwalt Mendelsohn und zwei Richter an einem schwarzbehangenen Tisch. Ein paar Meter weiter stehen etwa zwei Dutzend Männer: Bürger aus der Gemeinde Plötzensee, meist Offiziere und Juristen, die als Blutzeugen an der Exekution teilnehmen. Vor ihnen hat man eine Kette von Gendarmen postiert. Nachdem der Staatsanwalt August Hennig das Urteil mit der Unterschrift des Königs verlesen und gezeigt hat, versinkt der in Apathie. Die Gehilfen des Scharfrichters legen ihn auf die Richtbank. Auf die Frage nach seinem letzten Wunsch reagiert er nicht. Einer von Schwietz' Gehilfen presst Hennigs Kopf in die dafür vorgesehene Mulde. Jetzt geht alles sehr schnell. Der Scharfrichter hebt das Beil nur halb hoch. Ein Knirschen, ein Blutstrom, und das Haupt von August Hennig rollt in den ausgestreuten Sägespänen. "Herr Staatsanwalt, das Urteil ist vollstreckt", meldet Schwietz.
Minuten später ist die Leiche des Unglücklichen, in einen einfachen Sarg geworfen, auf einem Bretterwagen zum benachbarten Mörderfriedhof unterwegs. Verlesung und Vollstreckung des Urteils haben nur anderthalb Minuten gedauert. "Die Hinrichtung selbst, namentlich so, wie ich sie ausübte, ist eigentlich gar keine Strafe für das Furchtbare, was diese Leute begangen haben", rechtfertigte Lorenz Schwietz nach seiner Pensionierung gegenüber einem Journalisten seine Tätigkeit. "Das einzige, was für die meisten furchtbar ist, sind die letzten Stunden, die Zeit von dem Augenblick an, wo sie wissen, dass sie tatsächlich das Leben lassen müssen."
Wie viele Menschen im Kaiserreich ihren Kopf verloren, wird wohl nie genau rekonstruiert werden können. Die Hinrichtungen zu Kaisers Zeiten wurden im ganzen Reich ausgeführt, an mehreren Dutzend Orten von verschiedenen Scharfrichtern; die Akten darüber sind größtenteils verlorengegangen. Doch allein von Lorenz Schwietz ist dokumentiert, dass er insgesamt 123 Opfern den Kopf abschlug, den meisten mit dem Beil, einigen auch per Guillotine. Die Auswertung alter Akten des Preußischen Justizministeriums im Geheimen Staatsarchiv Berlin zeigt: In Deutschland wurden vor dem Ersten Weltkrieg mehr Menschen hingerichtet als bisher angenommen - und viele davon aufgrund von Urteilen die auch aus damaliger Sicht höchst zweifelhaft erscheinen.
Wo ist das Richtbeil?
Ein längst vergessenes Thema? Nicht für die Laubenpieper der Kleingartenkolonie Heideschlösschen in Berlin-Charlottenburg. Sie erfuhren eines Tages, dass sich ihre Parzellen direkt an dem früheren Mörderfriedhof befinden. Der wurde vor langer Zeit aufgelöst, heute befindet sich auf dem Gelände eine Spedition. Doch die Kartoffeln der Gartenfreunde wuchsen jahrzehntelang in blutgetränkter Erde.
Das letzte Opfer von Scharfrichter Schwietz übrigens war er selbst. Nach dem Tod seiner Frau und dem Verlust seiner gesamten Ersparnisse in der großen Inflation lebte Schwietz zwei Jahre zurückgezogen in seiner fast ständig abgedunkelten Wohnung. Im Mai 1925 setzte er seinem Leben von eigener Hand ein Ende - mit einer Revolverkugel. Wenige Wochen zuvor hatte der Henker in einem verzweifelten Versuch, zu Geld zu kommen, eine eherne Regel seines Gewerbes gebrochen und sein Richterbeil öffentlich ausgestellt, auf dem er fein säuberlich den Namen jedes Opfers eingraviert hatte. Das schaurige Erinnerungsstück, so legen es die Akten nahe, gibt es immer noch - vermutlich in der Asservatenkammer eines Berliner Museums.>
=====
25.9.2011: <Erster Weltkrieg: Sie zogen fröhlich in den Krieg, um stark zu werden>
aus: Welt online; 25.9.2011;
http://www.welt.de/kultur/history/article13621506/Sie-zogen-froehlich-in-den-Krieg-um-stark-zu-werden.html
Texte zur Bilderstrecke:
Der Artikel:
<19 Zeitzeugen hat der Schwede Peter Englund durch den Ersten Weltkrieg begleitet und ihre Erfahrungen ausgewertet, nicht "was", sondern "wie" er war.
"Ich war noch nicht besonders weit gekommen, als ich spürte, dass irgend etwas knirschend unter mit nachgab. Es war ein Skelett, dessen Knochen von einer Armee Ratten abgenagt worden waren": Alfred Pollard (1916). Mit 21 Jahren trat er in die britische Armee ein.
"Auf den Feldern in der Umgebung sind scharlachrote Tupfer von Mohn zu sehen, außerdem Gänseblümchen und einzelne Kornblumen. Ein Feld mit Mohn hat etwas so Tröstliches und Heimatliches an sich": Florence Farmborough (1917). Die Engländerin war 27 Jahre alt, als sie Krankenschwester in russischen Diensten wurde.
"Wie hässlich ist doch der Krieg ... Gleichzeitig redet man heutzutage so viel von Kultur: Man möchte den Glauben an die Kultur und (andere) Werte verlieren, wenn sie so wenig respektiert werden wie hier": Kresten Andresen (1914). Der Däne (l.) diente in der preußischen Armee, seit er 23 Jahre alt war.
"Der Pianist mit dem boshaften Gesicht spielt immer noch. Ich erkenne es wieder – es ist die Musik, die ich einst zu Hause gespielt habe, im Zimmer eines Mädchens, zu dem ich gegangen war, um ihm Lebewohl zu sagen": Pàl Kelemen (1915). Als 20-Jähriger kam der Ungar zur österreichischen Kavallerie.
"In dieser Klammer ein sinnloses Dahinleben, wo man aufgehört hat, an die Zukunft zu denken, weil man sie nicht mehr zu erforschen wagt, ein Leben, das gleichförmig hin und her baumelt, festgehakt an ein paar unveränderlichen, frustrierenden Erinnerungen": Paolo Monelli (1918). Er kam im Alter von 23 Jahren zu den italienischen Gebirgsjägern.
"Die Nachwelt wird also ein bildliches Zeugnis des Krieges vorfinden, das große Mängel hat. Zum Beispiel: Es zeigt uns nicht, dass es in den Häusern fast ganz dunkel ist, wegen der Beleuchtungsvorschriften": Michel Corday (1917). Der französische Beamte war 45, als er den Krieg kennenlernte.
"Als die letzten roten und goldenen Strahlen der Sonne in der dunklen Tiefe des Himmels erloschen waren, stiegen die klagenden Laute des Muezzins von den Minaretten auf, um den treuen Anhängern des Propheten mitzuteilen, dass der Engel des Todes seine Flügel über einer Wüste ausgebreitet hatte": Rafael de Nogales (1917). Der Südamerikaner war 35, als er sich zum Dienst für den Sultan meldete.>
Schönheit, Schrecken und wie es sich anfühlte: Peter Englund erzählt den Ersten Weltkrieg in neunzehn Einzelschicksalen.
Es ist ein Morgen im Spätsommer, der mit einem Versprechen beginnt: endlich an die Front. Als der Mann nach frühem Wecken und feierlichem Gottesdienst, begleitet von Hurrarufen, Trommeln und dem Gesang der umstehenden Dorfbewohner, zum Bahnhof marschiert, überkommt ihn ein Gefühl von Stolz, Wehmut und Glück. In den Krieg ziehe er nicht um des Vaterlands willen oder der Ehre wegen, hatte er tags zuvor notiert, sondern um sich selbst zu stärken, seinen Willen und seine Haltung.
Die Größe dieser Stunde! Er steigt in den Zug, der so voll ist, dass die Männer aus den Fenstern quellen, jubelnd, ungeduldig, erwartungsfroh. Erst langsam, dann immer schneller rattern die Freiwilligen durch die warme Luft, hinein in einen Kampf, von dem noch keiner die Ausmaße erkennt. Sie sind jung, zwanzig, dreißig, der Weg an die Front ist für sie der erste Schritt in die Welt am Beginn des Jahrhunderts: the great war, la grande guerre, der große Krieg - endlich.
Der strahlende Aufbruchsmoment jenes Augustmorgens liegt bald hundert Jahre zurück. Inzwischen hat er sich in den Rahmen der Geschichtsschreibung gefügt: Bekannt sind die Zahlen; gesehen die Bilder von versengten, blutstarrenden Feldern und Menschen, denen die Moderne ins Gesicht geschrieben steht, während ihre sterbenden Körper in mittelalterlicher Brutalität verdreht sind; gelesen sind die Gedichte, Romane, Essays, die vom Gemetzel aus den Schützengräben erzählen.
Die Stimme der aufgeklärten Vernunft sagt: Hunderttausende stürzten sich, übermütig, abenteuerwild und kampfesgeil, in eine Schlacht, die in Europa begann und irgendwann die ganze Welt umspannte. An ihrem Ende, vier Jahre später, sind rund 17 Millionen Menschen umgekommen und tiefe Furchen in die politische Landschaft eingegraben, die bald darauf zu einem nächsten Krieg führen werden.
Heute ist die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts zwar historisch nachvollziehbar wie die Kampfeslinien auf einer alten Karte, ihre innere Verfasstheit aber bleibt im Dunkeln. Das Düstere an diesem Krieg, jene kollektive Verfinsterung des Verstandes: Warum strahlten sie damals anders, nämlich wie eine Erleuchtung und Befreiung, anziehend, glitzernd, funkelnd?
Offenbar liegt jenseits der Felder, Berge und Täler zwischen Portugal und Russland noch eine andere, innere Landschaft: eine Gefühlswelt, die den Krieg trug, vielleicht sogar hervorbrachte. Wer sie erkennen will, muss sich ins Erlebte versenken. Das jedenfalls ist die Grundidee des schwedischen Historikers Peter Englund, der den Ersten Weltkrieg nun als Panorama der inneren Wahrnehmung in Alltagsszenen aufblättert.
Er habe nicht beschreiben wollen, was der Krieg war, sondern zeigen, wie er war, stellt Englund im Vorwort seines Buches klar: Ihm gehe es weniger um die Rekonstruktion eines Ereignisverlaufs als um Eindrücke, Erlebnisse und Stimmungen.
Rußverkohlte Bäume und stille Dörfer
Und so hat er sich in das Innenleben von neunzehn Menschen hineingedacht, sich in ihre Tagebücher, Notizen und Briefe versenkt und ist ihren Weg durch die vier Kriegsjahre nachgegangen: nach Verdun, Hartlepool oder in die Karpaten, durch blumenumkränzte Mobilmachungen, rußverkohlte Bäume und stille Dörfer, in denen vom Krieg nichts zu hören ist außer Donnerhall in der Nacht.
Ein romantischer ungarischer Kavallerist, der in Oxford Geige studiert hat, tritt auf, eine zupackende Ambulanzfahrerin, die aus Australien kommt, aber in Serbien arbeitet, ein skeptischer Neuseeländer, der für die Briten kämpft, ein rotblondes deutsches Mädchen, das zum ersten Mal von der Westfront hört: Es sind Individuen, nicht ihre Funktionen, die Englund interessieren, er erkundet ihren Alltag und die Frage, wie aus ihm heraus eine Kraft entstand, die sie schließlich kollektiv verschlang.
Nun ist es das Wesen der populären Geschichtsschreibung unserer Zeit, narrativ zu verfahren, dabei aber keine monumentalen Erzählungsklötze aus der Vergangenheit zu schlagen, sondern historische Tiefe aus Einzelschicksalen entstehen zu lassen.
Seine neunzehn Personen, vom Südamerikaner bis zum Russen, hätten eines gemein, schreibt Englund: Der Krieg raube ihnen etwas Entscheidendes, "ihre Illusionen, ihre Hoffnung, ihre Mitmenschlichkeit, ihr Leben". Klingt das nicht wie die Botschaft eines getreuen Archivars, der wohlmeinend und milde über Vergangenes urteilt, dessen Porträt einer historischen Atmosphäre aber etwas grobkörnig ausfällt?
Wie auch Alltag nicht einfach aus einer Serie von Erlebnissen besteht, sondern aus Augenblicken, die überhaupt erst die Wahrnehmung wecken, so handelt die Großaufnahme der Epoche nicht von "dem Menschen", wie ihn die humanistische Pathosformel kennt. Nein, es geht hier um die Spannung zwischen Erlebnishunger und dem Schrecken des Erlebten, wie sie sich in jener Zeit aufgebaut hat.
Peter Englund hat lange Jahre als Kriegsberichterstatter gearbeitet, in Kroatien, Afghanistan, Irak. Inzwischen ist er der Sprecher der Schwedischen Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt. Nun wäre es zu schlicht, aus den Eigenheiten seiner Biografie auf den Stil der Geschichte zu schließen - dennoch finden sich beide Pole: der Bericht aus der Mitte des Geschehens und das literarische Erzählen.
Ausschnittsfetzen aus einem Tagebuch
"Sommerabend, warme Luft, leise Musik in der Ferne", eine "mondklare, sternenhelle Nacht", ein Wind, bei dem "die Kastanien aus den Bäumen regnen" - mit solchen Worten fasst Englund die Stationen ein, an denen seine neunzehn Personen auftreten: Momente einer äußeren Atmosphäre blitzen auf, Wetter, Geräusche, Gerüche. Erst dann folgen Ausschnittsfetzen aus einem Tagebuch oder Brief. So entstehen Erzählungsszenen, die wie kurze Lichter in der Landschaft aufscheinen.
Das ist eine Poetik der Stimmung, wie sie vor allem in Romanen anklingt, etwa Thomas Manns "Der Tod in Venedig" oder Jean-Paul Sartres "Der Ekel". Wer ist also Peter Englund, der erzählende Historiker – eine postmoderne Variante des schreibenden Kriegsbeobachters Ernst Jünger, der sich gelegentlich das moralische Gewand eines Erich Maria Remarque umhängt?
Stimmungsbeschreibung als monumentaler Kriegsbericht, subjektiv zugespitzte Objektivität: Ist die Lehre wirklich die, dass Geschichte dann aufregend wird, wenn sie von der Literatur lernt, von den Menschen und ihren Leben, wie bereits einige Kritiker staunend festgestellt haben? Nein. Eben gerade nicht.
Man muss nicht Immanuel Kant bemühen, um zu wissen, dass es einen erhabenen Schrecken gibt, der sich von der unmittelbaren Erfahrung unterscheidet. Eben dieser ist es, den der Historiker wiederauferstehen lässt: Er erklärt keine Ideen, er zeichnet Bilder, opalfarbene.
Heraus kommt ein Gesamtkunstwerk, das eben nicht nur brave Anmerkungen verdient, zur Genrefrage etwa oder den Parallelen zu Walter Kempowski, der mit seinem "Echolot" ein ähnliches Projekt für den Zweiten Weltkrieg schuf. Englund zeigt etwas Unerhörtes: dass die Dekadenz der Jahrhundertwende eben nicht nur ein Phänomen der Kunst war, sondern eine Grundstimmung des Aufbruchs, Vitalismus im Alltag.
"Die eben noch so tröstliche Kontur ..."
Vielleicht ist es das, was nicht nur jene Zeit, sondern auch den ersten großen Krieg der Welt einzigartig machte: der Moment, an dem Schönheit in Schrecken kippt – oder, mit Rainer Maria Rilke, den Englund an den Anfang seiner siebenhundert Seiten stellt: "Alles, was sich an Qual und Grauen begeben hat, alles das ist von einer zähen Unvergänglichkeit, alles das hängt an seiner schrecklichen Wirklichkeit. Die Menschen möchten vieles davon vergessen dürfen, ihr Schlaf feilt sanft über solche Furchen im Gehirn, aber Träume drängen ihn ab und ziehen die Zeichnungen nach. Und sie wachen auf und trinken, wie gezuckertes Wasser, die halbhelle Beruhigung. Aber die eben noch so tröstliche Kontur wird deutlicher als ein Rand von Grauen."
In wenigen Wochen beginnt in England die "remembrance season", die auf den Gedenktag zum Waffenstillstand am 11. November 1918 hinführt. Engländer tragen in jenen Herbstwochen kleine Mohnblumenblüten aus Plastik an ihren Mänteln. Sie erinnern an die Blumen der Felder von Flandern, die, wie es in dem Gedicht von John McCrae heißt, Reihe um Reihe blühen auf den Gräberwiesen, ganze Landschaften voll. Wenn die Blume im Knopfloch die Erinnerung nach außen sichtbar macht, macht Peter Englund sie im Innern lebendig.>
=====
21.10.2011: Historiker Fritz Fischer: Deutschland wollte 1914 schon ganz Europa haben als Gegenpol zur den "USA"
aus: Welt online: Erster Weltkrieg: Deutschlands "erhebliche Verantwortung" für 1914; 21.10.2011;
http://www.welt.de/kultur/history/article13669463/Deutschlands-erhebliche-Verantwortung-fuer-1914.html
Der Historiker Fritz Fischer wies vor 50 Jahren Deutschland die Hauptschuld für den Ersten Weltkrieg zu. Bis heute streiten Historiker über diese These.
Vor 50 Jahren erschien im Droste-Verlag Düsseldorf das Buch "Griff nach der Weltmacht" des Hamburger Historikers Fritz Fischer, das wie kein zweites Geschichtswerk eine heftige Kontroverse nicht nur in der Historikerzunft, sondern in politischen Kreisen und der breiten Öffentlichkeit auslöste.
Der Erste Weltkrieg 1914-1918
28. Juni 1914. Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand (r.) wird bei einem Besuch in Sarajevo erschossen. Das Attentat löst eine Kettenreaktion aus.Nicht erst unter Hitler, sondern bereits unter Kaiser Wilhelm II. im Ersten Weltkrieg habe Deutschland, so die aufregenden Thesen Fischers, weitreichende Eroberungen und Annexionen in West und Ost mit dem Ziel angestrebt, das europäische Festland zu beherrschen und somit zum Rang einer Weltmacht auf Augenhöhe mit den USA aufzusteigen.
Mit den unbeholfenen Versuchen des Bonner Auswärtigen Amts, den aus der Reihe tanzenden Hamburger Ordinarius mundtot zu machen, war die weltweite Skandalisierung des Buches perfekt. Vor allem auch im englischsprachigen Ausland wurde das fast 900 eng bedruckte Seiten umfassende Werk mit Begeisterung rezipiert.
Für die jüngere deutsche Historikergeneration wurde die leidenschaftlich geführte Fischer-Kontroverse der 60er-Jahre geradezu richtungweisend. Der Disput griff weit tiefer als etwa der spätere Historikerstreit oder die Aufregung über Goldhagens Buch und die Wehrmachtausstellung.
Mit seinen unzähligen Quellen aus den Akten der Reichskanzlei und des Auswärtigen Amts, allen voran dem "Septemberprogramm" des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg vom 9. September 1914, wirkte Fischers Werk wie ein Dammbruch, dessen Fluten das Lügen- und Legendengewebe der alten vaterländischen Geschichtsschreibung fortrissen und die Kontinuitätslinien in der deutschen Geschichte von Bismarck über Wilhelm II. und Hindenburg bis Hitler bloßlegten.
Die politische Brisanz dieser Erkenntnisse wird verständlich, wenn man sich die nervöse Unsicherheit der jungen Bundesrepublik auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges vor Augen führt: Das Erscheinen von Fischers Buch fiel zeitlich zusammen mit dem Berliner Mauerbau, den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt und dem sensationellen Prozess gegen Eichmann in Jerusalem.
Namhafte Historiker, darunter einige, die selbst im Ersten Weltkrieg gekämpft und in ihren Schriften gegen die "Kriegsschuldlüge" von Versailles protestiert hatten, zogen betroffen gegen den als Nestbeschmutzer diffamierten Kollegen zu Felde. Fischer, ein Empiriker mit theologischem Hintergrund, behauptete sich mutig mit dem Hinweis auf seine Quellen und verschärfte sogar mit der Zeit seine Position.
Was ist nach 50 Jahren von alledem geblieben? Mitte Oktober 2011 trafen Historiker aus aller Welt in den heiligen Hallen des Deutschen Historischen Instituts im Londoner Bloomsbury Square zu einer Konferenz über Fischers Werk zusammen. War Fischers "Griff nach der Weltmacht", so wurde gefragt, nicht vielleicht doch ein Akt der Reue für seine eigene braune Vergangenheit, die er allerdings nie geleugnet hat?
Nein, kam die Antwort; sein Tagebuch lasse erkennen, dass seine Abkehr vom Nationalsozialismus bereits 1942/43 begonnen habe; im Übrigen hätten seine Reisen nach Amerika in der Nachkriegszeit ihn längst zum überzeugten Liberalen bekehrt.
Junge Assistenten waren Fischers Stütze
Einen tiefen Eindruck auf die Konferenzteilnehmer machten die Mitteilungen der anwesenden Zeitzeugen darüber, wie sehr sowohl Fischer als auch sein Hamburger Erzrivale Egmont Zechlin auf die Zuarbeit jüngerer Kollegen angewiesen waren.
Weit über die Hälfte des Entwurfs wurde von Fischers Doktorand Imanuel Geiss auf seiner alten Remington-Schreibmaschine geschrieben; das maßgebliche Kapitel über die Julikrise 1914 hingegen von Fischer selbst in die Maschine getippt, während ihm Geiss – mit den einschlägigen Dokumentenbänden auf dem Knie – den Text diktierte. Während Helmut Böhme den Entwurf des einleitenden Kapitels zusteuerte, formulierten Zechlins Assistenten Helmut Blei und Volker Ullrich in den Räumen nebenan die Entgegnungen ihres Professors. In einer Art Stellvertreterkrieg der Assistenten wurden somit strittige Punkte ausgefochten.
An den deutschen Kriegszielen im Ersten Weltkrieg, die Fischer in solcher Quellenfülle aufgedeckt hatte, sei nicht zu rütteln, stellten die Historiker in London fest. Diese Ziele gingen weit über Mitteleuropa hinaus und setzten eine Niederwerfung sowohl des französischen als auch des russischen Weltreichs, letzten Endes gar den Untergang des britischen Empires, voraus. Selbst im internationalen Vergleich, so die einhellige Meinung der Tagung, seien die 1914 im "Septemberprogramm" Bethmann Hollwegs anvisierten Herrschaftspläne atemberaubend.
Die größenwahnsinnige Zielvorstellung eines von Finnland bis zum Kaukasus reichenden Imperiums im Osten, die 1917/18 mit der Machtübernahme Lenins und dem Diktatfrieden von Brest-Litowsk vorübergehend in Erfüllung ging, müsse als Grundursache für den Krieg angesehen werden.
Ein Buch als Quellen-Fundgrube
Fischers Kapitel über die Umwälzungsbestrebungen der kaiserlichen Regierung in Polen und im Baltikum, in der Ukraine und in Georgien, im Iran und in Afghanistan, in Irland und Mexiko dienen Historikern noch heute als wahre Fundgrube bei der Erforschung eines überaus heiklen aktuellen Themas.
Und wie steht es mit der leidigen Frage der sogenannten Kriegsschuld, die von Anfang an den Angelpunkt der Fischer-Kontroverse bildete? In seinem zweiten großen Buch "Krieg der Illusionen" hatte Fischer seine Position mit Hinweis auf den berüchtigten "Kriegsrat" vom 8. Dezember 1912 noch radikalisiert. Überraschend gab es unter den Historikern eine weitgehende Übereinstimmung darüber, dass die Bedeutung der durch die Balkankriege ausgelösten Mobilisierungskrise vom Winter 1912/13 bislang unterschätzt worden sei.
Nicht nur in Deutschland und Österreich-Ungarn, sondern ebenso in dem nach der Revolution von 1905 rasch wiedererstarkten Russland, in Frankreich und Großbritannien seien damals grundlegende militärpolitische Entscheidungen gefällt worden, die anderthalb Jahre später mit schrecklichen Folgen zum Tragen kamen. Keineswegs eine "Alleinschuld" Deutschlands, die Fischer auch nie vertreten hat, wohl aber die "erhebliche" Verantwortung der Berliner Reichsleitung für die Auslösung des Kriegs im Sommer 1914 trat unmissverständlich zutage.
Fritz Fischers vor 50 Jahren so umstrittenes Werk hat sich als erstaunlich langlebig und fruchtbar erwiesen. Das Buch ist vollgestopft mit Quellen, die uns bisweilen erschreckende Einblicke nicht nur in die deutsche, sondern auch in die gesamteuropäische Vergangenheit gewähren. Am Ende überwog in London daher nicht moralische Schuldzuweisung, sondern Trauer um die fast zehn Millionen Männer, die an der Somme, bei Verdun, an der Ostfront oder auf hoher See ihr junges Leben lassen mussten.>
=====
30.5.2000: <Fritz Fischer: Die Revision des Geschichtsbildes>
aus: Welt online; 30.5.2000;
http://www.welt.de/print-welt/article516356/Die_Revision_des_Geschichtsbildes.html
Standpunkt
Vor wenigen Monaten verstarb Fritz Fischer im Alter von 91 Jahren - in diesen Tagen ehrt eine wissenschaftliche Veranstaltung sein Lebenswerk. Der Ordinarius für Mittlere und Neuere Geschichte hat von 1947 bis 1972 am Historischen Seminar gelehrt und die Aufmerksamkeit der internationalen Fachwelt auf Hamburg gelenkt.
Sein 1961 erschienenes und in alle Weltsprachen übersetztes Buch "Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschlands 1914/18" löste die "Fischer-Kontroverse", den ersten bedeutenden "Historikerstreit" nach dem Krieg aus. Es provozierte weit über die historische "Zunft" hinaus in Politik und Öffentlichkeit ebenso leidenschaftliche Ablehnung wie ermunternden Zuspruch. Fischer brach mit liebgewordenen Tabus und handelte sich dafür als Wissenschaftler von Kollegen den ebenso verletzenden wie abwegigen moralischen Vorwurf der "nationalen Nestbeschmutzung" ein. Er setzte mit überzeugenden Argumenten die deutsche Verantwortung für den Ersten Weltkrieg sehr viel höher an. Gleichzeitig vermittelte Fischer der bis heute anhaltenden höchst kontroversen Diskussion um Kontinuitätslinien deutscher Groß- und Weltmachtpolitik von der Bismarckzeit bis 1945 wichtige neue Impulse. Er rückte den Ersten und den Zweiten Weltkrieg, wilhelminische und nationalsozialistische Außenpolitik, ohne deren rassebiologische Radikalisierung zu verkennen, macht- und hegemonialpolitisch sehr viel enger zusammen, als dies die apologetische Sicht vom unheilvollen und unerwarteten "Betriebsunfall" im Jahre 1933 wahrhaben wollte.
Fischer hat entscheidend an der "Internationalisierung der deutschen Geschichtswissenschaft" (V. Berghahn) nach dem Krieg mitgewirkt. Die durch ihn eingeleitete kritische Revision des deutschen Geschichtsbildes nach 1945 mit neuen, modernen Fragestellungen und Perspektiven ist heute weithin Gemeingut der Forschung.>
=====
21.11.2011: Ein Kriegsmuseum am Ort der ersten Marneschlacht von 1914
aus: Welt online: Erster Weltkrieg: Wo Frankreich den Schlieffen-Plan durchkreuzte; 21.11.2011;
http://www.welt.de/kultur/history/article13724663/Wo-Frankreich-den-Schlieffen-Plan-durchkreuzte.html
Frankreichs Museum des Ersten Weltkriegs
- Auftakt zum Maschinenkrieg: Am Ort der ersten Marneschlacht 1914 erinnert Frankreich mit einem eindrucksvollen Museum an den Ersten Weltkrieg.
Didier Pazery Fliegerbomben gehören zu den mehr als 30.000 Objekten des Ersten Weltkriegs, die der Fotograf Jean-Pierre Verney im Laufe seines Lebens zusammengetragen hat.
Europa gerät gerade aus den Fugen, da ist es keine schlechte Idee, sich kurz zu vergewissern, wofür dieses Europa eigentlich steht. Und wie die Welt aussah, als es dieses Europa noch nicht gab. Wer der Frage nachgehen will, fährt am besten nach Meaux, eine blass-vernebelte Stadt 50 Kilometer östlich von Paris, dessen größte Attraktion bis vor acht Tagen die Kia-Filiale war.
Jetzt hat Meaux eine neue Sehenswürdigkeit, am 11. November, dem Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges, eröffnete Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy das Musée de la Grande Guerre – eine wuchtige Blechschachtel, die der Architekt Christophe Lab auf die Rübenäcker gesetzt hat. Der Bau ruht mit seiner porösen, kettenhemdartigen Metallfassade auf zwei massiven Stelen und schmiegt sich dennoch sachte in die hügelige Landschaft.
Blick in den Schützengraben
Gelungen ist auch das in die Betonplatten vor dem Eingang eingelassene, angedeutete Panorama des Kriegsschauplatzes, auf das Filmprojektionen geworfen werden. Wendet man den Blick nach oben unter das ausladende Vordach, schaut man durch ein Fenster direkt in einen Schützengraben.
Auf der Höhe hinter dem Museum prangt ein schwulstiges Kriegsdenkmal, das die Amerikaner 1932 den Franzosen zur Erinnerung an gemeinsame Kämpfe daließen. Hier vor den Toren von Meaux tobte Anfang September 1914 die erste Marne-Schlacht. Hier brachten französische und britische Truppen gemeinsam den deutschen Schlieffen-Plan zum Scheitern – und der kaum begonnene Krieg verwandelte sich in jenen wahnwitzigen Grabenkampf, der vier quälende Jahre lang bis dahin unvorstellbare Menschen- und Materialmengen vernichtete. Am Ende war Europa verbrannt, eine Generation geopfert und die Saat für den nächsten Krieg gelegt.
Meaux ist also ein trefflicher Ort für ein Museum, das an die Entstehung des Wahnsinns erinnert. Der Bau öffnet seine Tore zu einem Zeitpunkt, wo eine Neudefinition der Erinnerungspolitik an den Gründungskonflikt des 20. Jahrhunderts ansteht. Lebende Zeugen dieses Konfliktes gibt es nicht mehr, in Frankreich starben die letzten beiden „Poilus“ – wie die französischen Soldaten genannt wurden – im Jahr 2008, beide 108 Jahre alt. Der letzte deutsche Veteran starb ebenfalls 2008, er war 107.
In kaum drei Jahren, Sarkozy wies in seiner Eröffnungsansprache darauf hin, werden wir zum 100. Jubiläum des Kriegsausbruchs von einer massiven Erinnerungsmarktoffensive überrollt werden. Angesichts dieser Aussicht hat es etwas Rührendes, dass das Musée de la Grande Guerre auf die Sammelleidenschaft eines einzelnen Mannes zurückgeht: Der Fotograf Jean-Pierre Verney, heute 65 Jahre alt, begann schon als Kind sich für den „Großen Krieg“ zu interessieren, an dem sein Großvater teilgenommen hatte.
20.000 Objekte, 30.000 Dokumente
Mit 14 Jahren bekam er sein erstes Buch. Nach seiner Militärzeit begann er zu sammeln: Bücher, Schulfibeln, Plakate, Sammeltassen, Uniformen, Klappspaten, Waffen, Gasmasken, Fliegerpfeile, Geschosshülsen, Prothesen und Handgranatenmodelle, die dann im Laufe der Kriegshandlungen immer raffinierter und effizienter wurden.
Die Geschichte dieses Krieges, das ist eine der Erkenntnisse, die sich an Verneys Sammlung ablesen lässt, ist eine Geschichte der rapiden Beschleunigung der industriellen Kriegstechnik. Es war ein Krieg, der mit Pferden, Keulen und Bajonetten begann und vier Jahre später mit Panzern und Flugzeugen endete. Verneys Sammlung wuchs in Jahrzehnten auf über 20.000 Objekte und 30.000 Dokumente. Er wusste nicht mehr, wohin mit ihr.
Zum 90. Jubiläum der Marne-Schlacht schlug er 2004 dem Bürgermeister von Meaux, Jean-François Copé, eine Ausstellung vor. Copé, im Hauptberuf Generalsekretär der Regierungspartei UMP und ambitionierter Aspirant auf die Sarkozy-Nachfolge ab 2017, erkannte die Gelegenheit, sich selbst ein Denkmal zu setzen und zugleich seiner politischen Heimat einen Dienst zu erweisen. Für 600.000 Euro kaufte er Verney die Sammlung ab, weitere 28 Millionen trieb er auf, um das Museum zu errichten.
Unter der wissenschaftlichen Leitung des Historikers Marc Ferro begann man 2006 mit der Konzeption der Ausstellung. Dabei herausgekommen ist ein Parcours mit 13 zeitlichen Etappen und zehn Themenschwerpunkten: Der Besucher beginnt im geistigen Klima der Vorkriegszeit, in der sich der im Krieg von 1870/71 geborene Revanchismus auf preußenfeindlichen Senftöpfchen ebenso niederschlägt wie in Schulfibeln.
Weniger wäre manchmal mehr gewesen
Diverse Filmbeiträge und Texttafeln zeichnen in der Folge den Weg von Sarajewo über die totale Mobilmachung, den Grabenkampf, die industrielle Beschleunigung des Krieges, die Ausdehnung zum Weltkrieg und schließlich über den Waffenstillstand 1918 bis zu den Versailler Verträgen nach. Die chronologische Erzählung wird ergänzt und unterbrochen durch thematische Nischen, in denen es etwa um das technisch „Neue“ an diesem Krieg geht, den „Alltag im Schützengraben“, „Körper und Leiden“ oder die Rolle der Frauen in den Kriegsgesellschaften.
Marc Ferro hat die Gefahr erkannt, die darin bestand, in der schieren Menge der ausstellbaren Objekte den Überblick zu verlieren. Ganz bannen konnten die Ausstellungsmacher sie jedoch nicht. Gerade in den thematischen Nischen wäre eine weitere Konzentration auf weniger, aussagekräftigere Objekte wünschenswert gewesen. Dass ein Fliegerpfeil eine Waffe ist, die völlig archaisch und zugleich radikal modern ist, lässt sich mit einem einzelnen besser zeigen als mit zehn, die nebeneinander in der Vitrine hängen. Ähnliches gilt für die Körperprothesen, deren didaktische Wirkung sich erhöhen ließe, wenn man anhand ihrer auch die Geschichten ihrer Träger erzählen würde.
Etwas unglücklich wirkt sich die Entscheidung aus, in der Halle des Museums unter einem an der Decke baumelnden Flugzeug und einem geparkten Brieftaubenlastwagen, mehr oder minder gefechtsgetreue Nachbauten eines deutschen und eines französischen Schützengrabens zu quetschen. Mehr als Abenteuerspielplatz-Aura strahlen diese nicht aus, auch der Gefechtslärm vom Band sorgt hier weder für Erkenntnisgewinn noch für wohligen Schauder.
Die hier verbauten Ressourcen hätten besser genutzt werden können, um die grundsätzlich interessante These, welche die Ausstellung durchzieht, deutlicher herauszuarbeiten: Wie eine europäische Gesellschaft die den Ritualen des 19. Jahrhunderts verhaftet war, in bunten Uniformen mit Federbüscheln am Helm singend in den Krieg zog, und in ihm die zermalmende Macht der Technik des 20. Jahrhunderts kennenlernte.
Wer diesen Krieg überlebte, ging bestenfalls traumatisiert in Tarnkleidung aus ihm hervor, schlimmstenfalls als prothesengestützte Menschmaschine mit zerschossenem Gesicht. Trotz einiger Schwächen in der Konzeption lohnt sich der Besuch, und es ist das Verdienst des Musée de la Grande Guerre, dass es eindringlich daran erinnert, das ein friedliches Europa ein fragiles Gebilde ist – und ein ziemlich großer zivilisatorischer Fortschritt. >
|
|
|
|
|
|
Fotoquellen
[1] Kopfabschneider auf Plakat von Benevol:
http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/5916/zum_henker_mit_ihm.html
[2] Kopfabschneider-Zeichnung von Wilhelm Schulz, Scharfrichter mit Zylinder:
http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a5916/l1/l0/F.html#featuredEntry
[3] Scharfrichter Schwietz, Portrait:
http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a5916/l2/l0/F.html#featuredEntry
[4] Prinzessin Pauline und Prinz Friedrich:
http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a5916/l3/l0/F.html#featuredEntry
[5] Kaiser Wilhelm II., Portrait mit Orden an seiner Brust:
http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a5916/l5/l0/F.html#featuredEntry
[6] Guillotine in Berlin-Plötzensee:
http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a5916/l5/l0/F.html#featuredEntry
[7] Scharfrichter Schwietz, Risszeichnung:
http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a5916/l7/l0/F.html#featuredEntry
[8] Anzeige einer vollstreckten Köpfung von 1923:
http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a5916/l8/l0/F.html#featuredEntry
^