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DDR-Zeit (Teil 1)

Stasi ruinierte ganze Familien, weil Familienmitglieder bei der Stasi waren -- die Thälmann-Insel vor Kuba -- Geisterstadt im Brandenburger Wald: Sowjetstadt ist heute leer -- DDR-Museum mit Sachen aus dem Sperrmüll -- Pastor in Schweden war Stasi-Spitzel und verriet Studenten, die fluchtwillig waren -- Facebook-Webseite "DDR-Kinder" -- als die Mauer in Berlin den Schulweg versperrte -- Zwangsarbeit in der DDR: Es war nicht nur Ikea -- DDR-Bürger wurden an BRD-Pharma als Versuchsperson verkauft, ohne das Wissen der DDR-Bürger -- 3000 gefangene Kinder nach dem Mauerbau -- jüdische Ausreise aus der DDR -- Pharma aus dem Westen führte in der DDR Menschenversuche durch, mit Todesfällen -- Staatsreisen der DDR-Regierung - und die Gegenleistung wurden zu teuer -- algemeiner Antisemitismus in der DDR gegen "Judenknechte" --

Meldungen

präsentiert von Michael Palomino

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23.5.2012: <DDR: Wie die Stasi die Familien ihrer Leute ruinierte> - Stasi-Familienmitglieder mussten schweigen und verdrängen

aus: Welt online; 23.5.2012;
http://www.welt.de/kultur/history/article106353568/Wie-die-Stasi-die-Familien-ihrer-Leute-ruinierte.html

<850.000 Menschen beschäftigte die DDR-Staatssicherheit insgesamt. Aber wie die Arbeit für den Repressionsapparat sich auf die Familien auswirkte, wurde bislang weitgehend ausgeblendet.

Von Andrea Backhaus

Wie er diese Frage gehasst hat. "Was macht denn dein Vater?" Seine Antwort, sagt Frank im Film, war immer gleich. "Er ist Polizist. Ende. Aus." Frank, Jahrgang 1964, zupft an der Schiebermütze. "Aber alle wussten, dass wir im Stasi-Block wohnen." Das Lügen, erzählt Sabine, Jahrgang 1962, sei ihr als Kind nie schwer gefallen. Was hätte sie auch erzählen sollen? "Bis ich 18 war, wusste ich nicht, was mein Vater den ganzen Tag trieb."

"Stasi-Kinder – Mein Vater war beim MfS" heißt die Dokumentation, die die Journalistin Ruth Hoffmann zusammen mit dem Filmemacher Thomas Grimm für den MDR produziert hat. Ausgangspunkt für den Film war Hoffmanns Buch "Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat", das sie nun in Berlin vorstellte und mit Zeitzeugen diskutierte.

Die Filmausschnitte hinterließen beim Publikum im Literaturhaus gleich zu Beginn eine Ahnung von der düsteren Beschaffenheit eines Teils des DDR-Systems, der so erschreckend wie unerforscht ist: Inwiefern herrschten auch in den Familien der Stasi-Mitarbeiter Angst und Kontrolle? Was ahnten die Kinder von der Arbeit ihres Vaters? Welche Auswirkungen hatte der Sicherheitswahn von Stasi-Minister Erich Mielke auf ihren Alltag?

Scham, Verdrängung, Schweigen

Hoffmann leistet mit ihrem Buch Pionierarbeit. Bis heute gibt es weder wissenschaftliche Studien noch eine Debatte über das Leben der Hauptamtlichen des MfS, nicht im Internet, in den Medien oder auf dem Buchmarkt. Sechs Jahre lang hat Hoffmann recherchiert. Jahre, in denen sie, wie sie sagte, die Gründe für diese Leerstelle immer wieder selbst zu spüren bekam: Scham, Verdrängung, Schweigen.

Wie notwendig die Aufarbeitung ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Eine Viertelmillion Menschen arbeiteten hauptamtlich für die Staatssicherheit, 91.000 noch im Oktober 1989, Menschen, die bei ihrem Berufsantritt einen lebenslangen Eid auf die Stasi ablegen mussten. Mindestens 600.000 waren in den vier Jahrzehnten der DDR zusätzlich als Inoffizielle Mitarbeiter registriert. Die meisten von ihnen waren Männer – und Väter. Einher ging damit, wie Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, sagte, eine "Reproduktion des Apparats in der Familie", die in der Historie beispiellos sei.

In den Berichten der dreizehn Kinder, die in Hoffmanns Buch zu Wort kommen, offenbart sich nicht nur die perfide Akribie, mit der der MfS jede Bewegung seiner Angestellten überwachte. Sie zeigen auch den Druck, der auf den Familien lastete und der Verpflichtung geschuldet war, sich und seine Angehörigen "auf Linie" zu halten. Hoffmann entwirft ein Bild jenseits festgelegter Typologien, wiewohl mit wiederkehrenden Motiven.

Lieder werden vom Vater bewilligt

Da ist Frank Dohrmann, dessen Vater in der Abteilung Grenzkontrolle und Tourismus am Flughafen Berlin-Schönefeld die Pässe der Ein- und Ausreisenden kontrolliert und auch zu Hause ein klares Regiment verfolgt. Jedes Lied, das gehört wird, muss zuvor vom Vater bewilligt, jede Einkaufsliste der Mutter vorgelegt werden, dazwischen Frank, der an der kühlen Beherrschtheit der Eltern fast zerbricht.

Da ist Martin Kramer, dessen Vater in der Spionageabwehr schnell aufsteigt und der dem Sohn, der ausgerechnet in Russisch schlechte Noten nach Hause bringt, brüllend die Hefte auf den Tisch knallt. Einige Väter sind aufstrebende MfS-Funktionäre mit mustergültigem Lebenslauf, andere Mitläufer, denen die Eintrittskarten für den Vergnügungspark Plänterwald wichtiger sind als das Parteiabzeichen.

Der Vater als Antiheld: Wie sehr der Gesichtsverlust das Leben der Kinder bis heute prägt, zeigte das Aufeinandertreffen von Thomas Raufeisen und Edine Gade, die Hoffmann in ihrem Buch ebenfalls porträtiert und deren Lebensläufe auf abstruse Art miteinander verwoben sind. Raufeisen wuchs in Hannover auf, wo sein Vater für das MfS den Touristikkonzern Preussag ausspionierte. Als ein Oberleutnant des MfS – Werner Stiller, Edine Gades Vater – 1979 in die BRD überlief und Teile des DDR-Spionagenetzes enttarnte, drohte auch ihm die Verhaftung.

Zwei Jahre in Bautzen II

Das MfS beorderte seinen Agenten in die DDR; dort erfuhren die Söhne vom Doppelleben des Vaters, der innerhalb von Sekunden, wie Raufeisen sagte, ein Fremder wurde. Die Familie, unzufrieden mit der DDR, plante ihre Flucht, flog auf, wurde verhaftet. Thomas Raufeisen verbrachte zwei Jahre in der Haftanstalt Bautzen II.

Edina Gade indes machte sich nach der Wende auf die Suche nach dem verlorenen Vater. Der hatte in der Zwischenzeit auf dem Gardasee Surfen gelernt, in Tokio und Paris gelebt und sich in Frankfurt am Main ein luxuriöses Leben aufgebaut. Den Kontakt habe sie mittlerweile abgebrochen, sagte Gade. Nachfrage aus dem Publikum: "Weil er zu lange weg war?" "Nein", sagte Gader, "weil er doch mein Land verraten hatte.">

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Welt
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26.5.2012: <"Aktion Ungeziefer": Wie die SED Tausende DDR-Bürger deportierte> - Zwangsumsiedlungen aus dem Grenzgebiet: Deportation von über 10.000 "unzuverlässigen Elementen"

aus: Welt online; 26.5.2012;
http://www.welt.de/kultur/history/article106378285/Wie-die-SED-Tausende-DDR-Buerger-deportierte.html

<Vor 60 Jahren begannen in der DDR die Zwangsumsiedlungen aus dem Grenzgebiet. Mehr als 10.000 "unzuverlässige Elemente" wurden deportiert. Doch viele wollten sich nicht vertreiben lassen.

Von Michael Cramer

Bewaffnete Volkspolizisten drangen im Morgengrauen in die Häuser ein und gaben knappe Anweisungen: "Fertig machen. Sachen packen. Zu Ihrer eigenen Sicherheit müssen Sie den Grenzkreis sofort verlassen." Die Menschen durften noch ein paar Habseligkeiten zusammensuchen, dann wurden sie auf die Lkw verladen und in hastig errichtete Notquartiere in der gesamten DDR gebracht.

Diese erste große Zwangsaussiedlung aus dem deutsch-deutschen Grenzgebiet trug einen besonders diffamierenden Decknamen: "Aktion Ungeziefer". Viele der Betroffenen leiden bis heute an der Erinnerung, so ihr Zuhause verloren zu haben.

Flucht über Berlin

Die Aktion, vor 60 Jahren am 26. Mai 1952 vom Ministerrat der DDR beschlossen, wurde begleitet von der Einführung einer fünf Kilometer breiten Sperrzone entlang der 1394 Kilometer langen Grenze. Es wurden Wachtürme errichtet, mannshohe Zäune gezogen und ein 500 Meter breiter Schutzstreifen angelegt, der nur bei Tageslicht und mit Sonderausweis betreten werden durfte. Damit war es faktisch nahezu unmöglich, von Ost- nach Westdeutschland zu fliehen.

Von Ende Mai bis Anfang Juni 1952 wurden dann über 10.000 DDR-Bürger aus der Sperrzone als "unzuverlässige Elemente" zwangsumgesiedelt. Mehr als 3000 Betroffene entzogen sich durch Flucht in den Westen der unfreiwilligen Ansiedlung in anderen Regionen der DDR – die wenigsten über die Demarkationslinie. Die gängigste Fluchtmöglichkeit war damals der Weg über Berlin.

Zwar durfte das Stadtgebiet von Ost-Berlin auch von DDR-Bürgern nur mit Genehmigung betreten werden. Doch weil diese Kontrolle nicht perfekt sein konnte und in Berlin der S- und U-Bahn-Verkehr nicht unterbrochen war, nutzten viele das Schlupfloch über West-Berlin, das sich mit dem Mauerbau 1961 allerdings für die DDR-Bürger schloss.

Abschied auf Nimmerwiedersehen

Anfänglich richtete sich die Zwangsumsiedlung nur gegen sogenannte feindliche, verdächtige und kriminelle Elemente, die schnellstmöglich aus dem Grenzbereich entfernt werden sollten. Das konnten Bauern sein, die sich der Kollektivierung widersetzten, oder politisch Missliebige. Manchmal genügten aber auch Denunziationen, um auf die Liste der "feindlichen Elemente" gesetzt zu werden.

Die Zeit, in der Menschen von den Nazis als "Ungeziefer" nicht nur diffamiert, sondern auch verschleppt und ermordet worden waren, lag erst wenige Jahre zurück. Dass die SED-Ideologen trotzdem diesen Namen verwendeten, zeigt, wie gleichgültig ihnen – trotz ihrer Selbstadelung als "Antifaschisten" – die Lehren aus der Barbarei des Nationalsozialismus waren.

Für die Zwangsumgesiedelten war der Abtransport aus ihren Häusern in den meisten Fällen ein Abschied auf Nimmerwiedersehen. Die entvölkerten Dörfer, zum Beispiel Stresow an der Elbe oder Libau bei Sonneberg in Thüringen, wurden im Zuge des weiteren Ausbaus der Grenzsicherungsanlagen oft dem Erdboden gleichgemacht. Gleichzeitig hatte die Staatssicherheit verfügt, Stillschweigen über das Geschehen zu wahren. Eine Entschädigung für den Verlust von Haus und Hof war nicht vorgesehen.

Verstärkungskräfte mussten anrücken

Aber die Menschen in den betroffenen Grenzregionen wollten sich nicht so leicht vertreiben lassen. Vereinzelt stellten sich ganze Dörfer dieser Zwangsmaßnahme entgegen, sodass die Umsiedlung nur unter Einsatz von Verstärkungskräften und um einige Tage verzögert stattfinden konnte.

Für Aufsehen sorgte die Massenflucht aus Billmuthausen in Thüringen. Nach der Verordnung vom 26. Mai 1952 befand sich das Dorf in der 500-Meter-Schutzzone und konnte nur mit einem Passierschein betreten werden. Am 27. Mai startete eine Stunde nach Mitternacht die "Aktion Ungeziefer".

Die zweite Welle traf Billmuthausen am 4. Juni ab 0.45 Uhr. Etliche Familien mussten umgehend unter polizeilicher Aufsicht ihre Häuser verlassen und wurden unter Zwang ins Hinterland umgesiedelt. Am 20. Juni überschritten sieben Familien mit 34 Personen und ihrer Habe die Demarkationslinie nach Bayern. Von nun an war das Dorf zur Hälfte verödet.

"Nur die Toten durften bleiben"

Nach dem Mauerbau erfolgte ab September 1961 die nächste Umsiedlungswelle. Sie hieß scheinbar harmlos "Kornblume" und entwurzelte DDR-weit rund 2000 Menschen. Im Januar 1965 wurde in Billmuthausen mit dem Abriss der Dorfkirche die endgültige Zerstörung des Dorfes eingeleitet. Am 1. September 1978 verließ die letzte Familie den Ort. Der Rat des Kreises meldete am 4. Dezember 1978 den Vollzug der "Grenzmaßnahme Billmuthausen".

Erst nach der Grenzöffnung am 9. November 1989 konnten die früheren Bewohner an den Standort ihres Dorfes zurückkehren. Die Inschrift auf einem Gedenkstein lautet: "Hier stand von 1340 bis 1978 das Dorf Billmuthausen. 1978 zerstört, die Einwohner vertrieben. Nur die Toten durften bleiben.">

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Spiegel
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20.6.2012: <Ernst-Thälmann-Insel: DDR unter Palmen> - Fidel Castro benannte 1972 eine Insel vor Kuba nach Thälmann

aus: Spiegel online; 20.6.2012;
http://einestages.spiegel.de/s/tb/25061/ernst-thaelmann-insel-fidel-castros-symbolisches-geschenk-an-die-ddr.html

<Brüder, zur Sonne: Vor 40 Jahren widmete Fidel Castro der DDR eine Insel vor Kuba. Honeckers tropischer Außenposten wurde zum Mythos, Schlagerstars besangen seine Schönheit, dann geriet er in Vergessenheit. Bis das Kleinod 2001 wiederentdeckt wurde - als 17. deutsches Bundesland.

Von
Danny Kringiel

Barfuß schlenderten DDR-Schlagerstar Frank Schöbel und seine Frau Aurora Lacasa den weißen Strand der unbewohnten Palmeninsel hinab. "Die schwere Wärme und der Wind…", so begann er seinen Lobgesang auf die Schönheit des Eilands. Aurora hauchte zurück: "Die Blumen, die so leuchtend sind." Und gemeinsam: "Insel im Golf von Cazones, von Cazoooones!"

Es war der Sommer 1975, als Schöbel und Lacasa für den Dreh eines Musikvideos auf die kleine Insel südlich der Küste Kubas reisten und mit hochgeschlagenen Hosenbeinen den "Playa RDA", den "Strand der DDR" hinabspazierten. Früher hatte man die 20 Kilometer lange Tropeninsel klangvoll "Cayo Blanco del Sur", weiße Insel des Südens, genannt. Jetzt war sie die "Ernst-Thälmann-Insel" - ein Stückchen DDR, mitten in der Karibik. Irgendwie jedenfalls.

Begonnen hatte ihre Geschichte bereits am 19. Juni 1972, vor genau 40 Jahren: An jenem Tag empfing der neue SED-Generalsekretär Erich Honecker am Flughafen Berlin-Schönefeld hohen Besuch: Fidel Castro. Das Empfangskomitee sang kubanische Lieder, adrette Stewardessen überreichten dem Regierungschef Kubas Blumen und einen Berlin-Plüschbären.

Der revanchierte sich mit einem Geschenk der besonderen Art: Vor den Augen der SED-Führungsspitze holte er eine Landkarte hervor und breitete sie feierlich aus. Er zeigte auf ein winziges Eiland in der Schweinebucht und erklärte, dieses solle von nun an "Isla Ernesto Thaelmann" heißen, benannt nach dem KPD-Vorsitzenden, den Hitler im August 1944 erschießen ließ. Zur Besiegelung der symbolischen Überreichung unterzeichneten Castro und Honecker gemeinsam die Karte. Das SED-Organ "Neues Deutschland" berichtete am folgenden Tag voll Begeisterung von dem Akt der "unverbrüchlichen Freundschaft zwischen Kuba und der DDR".

Kommunistisches Denkmal mit Lacheffekt

Reine Freundschaft dürfte jedoch nicht der einzige Hintergrund des Geschenks gewesen sein: Es heißt, Honecker habe den unter US-Embargo stehenden Kubanern damals im Gegenzug sechs Prozent der DDR-Exportanteile für Weißzucker zugesprochen.

Und Castro setzte als Zeichen seiner Dankbarkeit sogar noch einen drauf: Zu Ehren des Namenspaten der Insel ließ er am "Playa RDA" noch im Sommer 1972 eine vier Meter hohe Ernst-Thälmann-Büste errichten und am 18. August im Beisein einer mit Fischerbarkassen eingeschifften DDR-Delegation einweihen. Majestätisch sollte Thälmann auf die Brandung hinausblicken - doch bei der Konstruktion hatte man den Standort bedauerlicherweise ein wenig zu nah am Wasser gewählt, so Frank Schöbel 2007 im Interview mit dem MDR: "Ich sehe noch heute, wie Ernst Thälmann da auf dieser wunderschönen Insel steht, und er kriegt immer volle Kante Wasser ins Gesicht." Er habe sich damals "totgelacht" über diese unbeabsichtigte Ironie.

Der Traum vom DDR-Urlaubsparadies schien perfekt - und blieb doch ein Traum, wie sich der Sänger erinnert: "Wir konnten ja kaum nach Ungarn fahren. Wie sollten wir dann in die Karibik fliegen?" Und so konnte sich kaum jemand für Schöbels Lobeshymne auf die DDR-Insel begeistern: Das Lied schaffte es nie auf eine Platte. Bald schon geriet die "Insel im Golf von Cazones" wieder in Vergessenheit.

"Wir wollen unsere Insel zurück!"

Jahre zogen ins Land. Gorbatschow läutete Glasnost und Perestroika ein, die friedliche Revolution überrollte die DDR und irgendwann sangen die Scorpions "Wind of Change" vor dem Brandenburger Tor.

Erst im Jahr 2001 stolperten Redakteure des Berliner Internetmagazins "Thema1" durch Zufall wieder über die Geschichte von der Honecker-Insel vor Kuba: "Ein Leser", sagte "Thema1"-Chefredakteur Marcel Henninger im Februar 2001 der "Welt", "fand auf dem Dachboden seiner Oma einen Zeitungsausschnitt, in dem über die Insel berichtet wurde und rief uns an." Die Redakteure schlussfolgerten: Hatte die Insel damals der DDR gehört, dann musste sie mit deren Zusammenbruch doch eigentlich nun zur BRD gehören! Und so meldeten sie am 12. Februar 2001: "17. Bundesland vor Kuba - Fidel schenkte uns eine Sonneninsel!" Euphorisch verbreiteten Redaktionen von der "taz" bis zur "Bild" die frohe Kunde weiter.

Doch die Ernüchterung kam bereits am folgenden Tag: Das Auswärtige Amt kommentierte, die Umbenennung im Jahr 1972 und die Übergabe der Karte seien ein rein "symbolischer Akt" gewesen und hätten absolut "nichts mit Besitzverhältnissen zu tun". Die Isla Ernesto Thaelmann gehöre nach wie vor Kuba.

Matthias Kästner, ein Bankkaufmann aus Pirmasens, wollte sich damit nicht abfinden. Er fand: Wenn die geschichtsträchtige Insel nicht schon der BRD gehörte - dann musste man sie eben kaufen. Gemeinsam mit Freunden gründete er die "Initiative Ernst-Thälmann-Insel" und machten sich unter dem Slogan "Wir wollen unsere Insel zurück!" auf die Suche nach zahlungskräftigen Investoren. Von dem Umstand, dass Kuba in der Vergangenheit kapitalistische Invasoren eher mit Militärgewalt abgewehrt als ihnen bereitwillig Land verkauft hatte, ließen sie sich nicht beirren. Selbstbewusst erklärten sie auf ihrer Homepage: "Wenn der Preis stimmt, ist nichts unmöglich."

5 DM pro Quadratmeter Tropen-DDR

Für rund 50 DM, so das Angebot der Initiative, konnte man die Option auf etwa 10 Quadratmeter der Insel erwerben. Auf diese Weise, so ihr Plan, würde man bei Verkauf aller Optionen auf die 30 Millionen DM kommen, die ihren Berechnungen nach erforderlich waren, um Kuba das Eiland zu entlocken. Sogar "Insel-Makler" wurden angeworben, die gegen Prämien Parzellen weiterverkaufen sollten. Mitinitiator Marcel Wiesinger träumte in der "taz" schon einem Ferienparadies für Ostalgie-Jünger - inklusive täglicher Strandgymnastik mit Erich-Honecker-Animateuren.

Aber der Erfolg blieb aus: Außer den Initiatoren war niemand bereit, in den Inselkauf zu investieren, für den es keinerlei Sicherheiten gab - außer dem vagen Versprechen der Initiative, beim Scheitern des Deals die angesammelten Millionen eben irgendeiner gemeinnützigen Organisation zu spenden ("Denkbar wäre beispielsweise die Unterstützung von Straßenkindern in Lateinamerika"). Und so geriet die "Isla Ernesto Thaelmann" erneut in Vergessenheit.

Reist man heute nach Kuba, um der "Honnie-Insel", wie sie einst spöttisch in der DDR genannt wurde, einen Besuch abzustatten, so prallt man an dem Schutzwall der kubanischen Behörden ab. Ohne amtliche Erlaubnis ist niemandem ein Besuch des kleinen Eilands gestattet, das mitten in einer militärischen Sperrzone liegt. Und eine amtliche Erlaubnis wird nicht erteilt.

Wer es trotzdem unter Bestechung einheimischer Fischer mit einem gecharterten Boot dorthin schafft, entdeckt den Grund: Der Hurrikan Mitch, der 1998 über Kuba fegte, hat den steinernen Ernst Thälmann aus seinem Fundament gerissen und umgestürzt. Nun steckt der gefeierte Märtyrer buchstäblich den Kopf in den Sand.>

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Spiegel
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2.7.2012: <Militärruine Vogelsang: Geisterstadt im Brandenburger Wald> - wo einst die Sowjetsoldaten lebten, ist heute eine Leere

aus: Spiegel online; 2.7.2012;

http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/24972/geisterstadt_im_brandenburger_wald.html

<Als die Soldaten gingen, blieb nur eine leere Hülle: In der gigantischen Kaserne Vogelsang lebten bis 1994 Zehntausende sowjetische Soldaten. Fotograf Jörg Rüger hat die verfallenen Wohnhäuser, Kinos und Arrestzellen der Anlage besucht - und ihre bedrückende, aber auch nostalgische Atmosphäre in faszinierenden Bildern eingefangen.

Vogelsang ist ein kleines Dorf nordöstlich von Berlin, knapp hundert Einwohner, eine Bahnstation. Ein ruhiger Ort.

Im angrenzenden Wald versteckt liegt jedoch noch ein anderes Vogelsang. Eine eigene, von der Umgebung völlig autarke Stadt mit Wohnhäusern, Hallen, Kinos und einer Schule. 15.000 Menschen lebten einst dort, ruhig war es selten. Vogelsang war die Heimat sowjetischer Soldaten, in den Hallen standen Kampfpanzer, Haubitzen und Geländefahrzeuge, in den Kinos amüsierten sich die Angehörigen.

Vogelsang war eine der größten Sowjet-Garnisonen außerhalb der Sowjetunion, Stützpunkt der 25. Panzerdivision, fast 40 Jahre lang lebten hier Soldaten der "Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland", bis sie 1994 abzogen.

Seither verfällt Vogelsang, die verlassene "Stadt im Wald". Doch auch heute, fast zwei Jahrzehnte später, gibt es noch Leben dort. Wer über das Gelände streift, begegnet Damwild, Waschbären und wild lebenden Schafen oder Ziegen. Auch von den sowjetischen Soldaten, die hier einst den sozialistischen Bruderstaat DDR beschützen sollten, sind noch Spuren sichtbar.

Die meisten Häuser auf dem Gelände der Kaserne, so viel wird schnell klar, waren Unterkünfte für Soldaten. Von außen gleicht eines dem anderen, doch drinnen offenbaren sich Unterschiede. Denn an der Art der Heizung zum Beispiel lässt sich noch heute festmachen, ob die Bewohner einfache Soldaten oder Offiziere waren. Mannschaftsdienstgrade mussten mit "Kanonenöfen" leben, die Bessergestellten fanden in ihren Stuben schmucke, gekachelte Öfen vor. Besonders auffällig: die Fenstergitter in Form einer strahlenden Sonne, oftmals aber wenig kunstvoll ausgeführt.

Die Unterkünfte wie auch die gigantischen Maschinen- und Fahrzeughallen oder die Waffenkammern waren in den Standardfarben grau, blau, grün, gelb und ganz selten auch in rosa gestrichen. Aus fotografischer Sicht ist das sehr gefällig - diese Farben können eine ganz besondere Lichtstimmung zaubern.

Auf der Erkundungstour durch den verlassenen Ort stößt man aber auch immer wieder auf Gebäude und Räume, die für die Angehörigen der Soldaten vorgesehen waren - und die verdeutlichen, dass die Kaserne wie eine autarke Stadt funktionierte: So gab es Kindergärten und eine Schule.

Ein Areal auf dem Gelände war noch einmal gesondert von einer hohen Mauer umgeben und mit Stacheldraht gesichert. Es ist das Areal mit den Arrestzellen. Klein, niedrig und zum Teil ohne Fenster. Einziges Möbel war eine Holzpritsche, die sich von Wand zu Wand streckte und so nur noch wenig Raum ließ, um überhaupt aufrecht stehen zu können. Schwer vorstellbar, dass man Menschen unter diesen Umständen eingesperrt hatte. Aber die in die Wände eingeritzten Botschaften der Inhaftierten sind ein eindeutiger Beleg.

Die Natur holt sich die "Stadt im Wald" seit beinahe zwei Jahrzehnten zurück, bald wird sie ganz verschwunden sein, so wie die Menschen, die sie vor Jahren verließen. Nur Vogelsang wird nicht verschwinden. Er existiert weiter, als kleiner Ort nordöstlich von Berlin, knapp hundert Einwohner, ein Bahnhof. Und viel Ruhe.>

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n-tv online,
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14.7.2012: Ein DDR-Museum mit Sachen aus dem Sperrmüll

aus: n-tv online: "Alltagskultur der DDR"Aus Stalin- wurde Eisenhüttenstadt; 14.7.2012;
http://www.n-tv.de/panorama/Aus-Stalin-wurde-Eisenhuettenstadt-article6034041.html

<Von Andrea Beu

DDR-Alltagsgeschichte ohne Ostalgie: das "Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR" in Eisenhüttenstadt zeigt, dass das geht. Es wurde von einem Westberliner gegründet, der viele Ausstellungsstücke vom Sperrmüll holte. Anhand der Gegenstände wird vom Leben in der DDR erzählt - mit kritischem Abstand.

Eisenhüttenstadt war die erste sozialistische Musterstadt der DDR. Sie entstand Anfang der 1950er Jahre bei Fürstenberg (Oder), als Wohnstadt zum Eisenhüttenkombinat Ost (EKO). 1953 erhielt sie den Namen Stalinstadt, ab 1961 hieß sie dann Eisenhüttenstadt. Die auf dem Reißbrett entstandene Stadt sollte den Arbeitern ein paar Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges moderne Wohnungen, ein Theater, Versorgung und Kinderkrippen bieten.

In der Nähe des Stahlwerkes wurden Wohnkomplexe mit Arkaden, Fassadenschmuck, Balkonen und Grünflächen hochgezogen. Es sollte eine Vorzeigestadt werden, vor allem Richtung Westen - es herrschte schließlich Kalter Krieg. Während in den ersten Aufbaujahren Arbeiterpaläste entstanden, wurden die Gebäude der insgesamt sieben Wohnkomplexe zuletzt immer schmuckloser. Drei von ihnen stehen heute unter Denkmalschutz - andere der einst begehrten Wohnungen wurden wegen Leerstandes abgerissen.

Mit dieser Entwicklung und der in der gesamten DDR befasst sich das "Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR" (DOK) in einer ehemaligen Kinderkrippe der sozialistischen Musterstadt. Die Idee dahinter: Sammlungsgründer Andreas Ludwig (der Westberliner entstammt der Geschichtswerkstätten-Bewegung) sah nach Mauerfall auf dem Gebiet der Ex-DDR die Sperrmüllberge wachsen. Plötzlich überflüssig und ausgemustert, erzählten all diese Gegenstände vom Leben in der DDR. Zu schade zum Wegwerfen, fand Ludwig - fing an zu sammeln und gründete das Dokumentationszentrum.

150.000 Dinge angesammelt

Seit seiner Gründung im Jahr 1993 trug das DOK aus tausenden privaten Schenkungen unzählige Dinge aus der Hinterlassenschaft der DDR zusammen. Der Bestand wuchs bis heute auf 150.000 Objekte an. Das DOK dokumentiert nach eigenen Angaben "die lebensweltlichen Dimensionen der Geschichte der DDR, die Sicherung der Alltagskultur zum Zweck der Bildung und Forschung, der Anschauung und der Kommunikation zwischen Ost- und Westdeutschen, zwischen den Generationen und Kulturen." Die Dauerausstellung wird ergänzt durch wechselnde Sonderschauen. Derzeit (noch bis 5. Mai 2013) ist das "Alles aus Plaste. Versprechen und Gebrauch in der DDR".

Die Erforschung und Darstellung des DDR-Alltags in Ausstellungen birgt immer auch Risiken: So einige "DDR-Museen" müssen sich den Vorwurf der Verharmlosung der DDR-Diktatur, der Ostalgie, der unkritischen Darstellung der Vergangenheit gefallen lassen. Aus der Ostalgie-Welle der letzten Jahre erwuchs eine Ost-Retro-Industrie mit Gebrauchsgegenständen und solch albernen Auswüchsen wie etwa dem T-Shirt mit FDJ-Aufdruck (die FDJ war der sozialistische Jugendverband der DDR), die es in der DDR niemals gab - dort wurde das uniforme FDJ-Hemd getragen. Hier wird das FDJ-Zeichen zum Logo wie Adidas und Coca-Cola.

Mit Witz und kritischer Distanz

In diese Falle tappt die Ausstellung in Eisenhüttenstadt nicht. Sie zeigt durchaus mit Witz und einer kritischen Distanz ein vielschichtiges, vielfältiges Bild des DDR-Alltags in all seinen Facetten - sowohl Öffentliches als auch Privates. In zehn thematisch gegliederten Räumen werden aus dem riesigen Fundus aus 150.000 Objekten 650 gezeigt. Historische und rückblickende Tonaufnahmen ergänzen die Schaustücke, die Fotos, Dokumente und Gegenstände aus Alltag und Arbeitswelt.

Im Treppenaufgang empfangen den Besucher bunte "sozialistische" Glasfenster mit glücklichen Kindern und Muttis. Die Schau geht zeitlich chronologisch vor, fängt an mit der Nachkriegszeit, mit Lebensmittelmarken und den schwierigen Bedingungen des Aufbaus und endet mit dem Umbruch 1989. Ein besonders spannendes Ausstellungsstück ist der Gründungsentwurf des "Neuen Forums" von 1989 - eine der wichtigsten, prägenden Bürgerbewegungen, die in der DDR in der Wendezeit entstanden. Die DDR-Opposition bekommt ohnehin viel Platz eingeräumt - wohl sogar mehr, als sie in der real existierenden DDR tatsächlich hatte.

Das DOK erinnert aber auch an Versorgungs-Engpässe, sogenannte Bückware, an Missstände in Betrieben, an Bespitzelung, stinkende Autos, kaputte Häuser und lächerliche hohle Propaganda-Slogans. Sie zeigt Packungen mit Kaffeeersatzpulver für 22 Pfennige und De-Luxe-Kaffee für über 20 DDR-Mark für die 250-Gramm-Dose, aber auch eine Altbau-Wohnungstür (aus der Berliner Kollwitzstraße) mit dem typischem Zettel samt Stift an der Tür - Telefone gabs nur wenige (in Berlin hatte jeder vierte, DDR-weit jeder siebte Haushalt einen Anschluss), daher waren diese papierenen Tür-Nachrichten ein gängiges Kommunikationsmittel, vor allem bei jungen Leuten.

Erinnern und Lernen

Wer die DDR selbst noch bewusst erlebt hat, wird hier in seine Kindheit und Jugend zurückgeführt. Die Gefühle reichen von amüsierten "Ach guck mal hier, kennst du das noch? Das hatten wir doch auch!"-Erlebnissen bis hin zu "Ein Glück, dass das vorbei ist". Die Diktatur ist stets präsent, nostalgische Gefühle kommen da kaum auf und beschränken sich eher auf rein Privates wie vergangene Moden, Musikstile oder Möbel. Für Westdeutsche hingegen wartet die Ausstellung sicher mit der einen oder anderen Überraschung auf. Eine Zeitreise zum Erinnern und Dazulernen.

Die erklärende Beschriftung der einzelnen Ausstellungsstücke ist in der Regel umfangreich und informativ, mit einzelnen etwas irreführenden Mängeln. So ist etwa an einer Schallplattenhülle von Nina Hagen nicht vermerkt, dass diese gar nicht aus der DDR, sondern aus der Zeit stammt, als die Sängerin schon in den Westen gegangen war. Und das Benzinspar-Plakat ist ganz sicher auch kein ostdeutsches Produkt.

Dass das DOK mit finanziellen Mitteln und mit Personal nicht gerade üppig bestückt ist, sieht man der Schau aber generell nicht an - sie wurde mit viel Sorgfalt und Liebe und sicher mit großem persönlichem Aufwand der Macher gestaltet. Leider ist das Haus derzeit von Schließung bedroht. Es wird zu gleichen Teilen von der Stadt, dem Landkreis und dem Bundesland Brandenburg getragen - und überall sind die Kassen leer. Eisenhüttenstadt ist mit 54 Millionen Euro hoch verschuldet und kann seinen Zuschuss zum DOK von etwa 75.000 Euro ab 2013 nicht mehr aufbringen, auch wenn es das gern würde.

Auch der Landkreis Oder-Spree ist klamm und will seinen Finanzierungsanteil von 55.000 Euro streichen. So droht die einzigartige Sammlung ihre Heimat zu verlieren und auf dem Müll zu landen. Museumsleiter Ludwig hat die Hoffnung aber noch nicht ganz aufgegeben. Die Zukunft des DOK ist jedoch mehr als ungewiss.

Viele Ostdeutsche - und auch Westdeutsche - haben vergessen, wie öde in der DDR vieles war. Aber "es war nicht alles schlecht": Auch an diesem mittlerweile geflügelten Wort ist was dran. Die gesamte Bandbreite kann man sich in Eisenhüttenstadt anschauen. Diese Zeitreise lohnt sich.

Quelle: n -tv.de>

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Welt
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Schweden 27.7.2012: Pastor war Stasi-Spitzel und verriet u.a. Studenten, die nach 1968 fluchtwillig waren

aus: Welt online: Schweden: Pastor als langjähriger Stasi-Spitzel enttarnt; 27.7.2012;
http://www.welt.de/politik/ausland/article108392714/Pastor-als-langjaehriger-Stasi-Spitzel-enttarnt.html

<In Schweden ist ausgerechnet ein Pastor als früherer Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit entlarvt worden. Der Geistliche soll Studenten verraten haben, die nach Westdeutschland fliehen wollten.

In Schweden ist ein Pastor als langjähriger Stasi-Spitzel enttarnt worden. Eine von seiner Lutherischen Gemeinde in Luleaa angeordnete Untersuchung habe ergeben, dass der immer noch tätige Pfarrer Aleksander R. parallel zu seiner Kirchenarbeit lange Zeit Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit gewesen sei, sagte die Anwältin der Gemeinde, Anna Wernqvist.

Laut Ermittlungsunterlagen besteht "kein Zweifel", dass es sich bei dem 68-Jährigen um den Agenten mit dem Decknamen "Thomas" handle.

R. habe "wissentlich und willentlich" mit der Stasi zusammengearbeitet und dafür eine finanzielle Entschädigung der Behörde bekommen, heißt es in dem Untersuchungsbericht des Stasi-Experten und Politologen Helmut Müller-Enbergs. Demnach war der Pastor 25 Jahre für die Stasi tätig. Er habe unter anderem Studenten verraten, die 1968 aus dem Osten Deutschlands fliehen wollten.

Untersuchung eingeleitet

Die Gemeinde Luleaa hatte bereits im vergangenen Jahr eine Untersuchung gegen R. eingeleitet, nachdem sein Name in einem schwedischen Buch über die Stasi aufgetaucht war. Die Ermittlungen wurden jedoch aus Mangel an Beweisen eingestellt. Zudem bestritt der Pfarrer wiederholt die Anschuldigungen.

Nach neuen Enthüllungen einer Zeitung im April nahm die Kirche die Ermittlungen aber wieder auf. Der Anwältin der Gemeinde zufolge hat R. nun bis Mitte August Zeit, zu dem Untersuchungsbericht Stellung zu nehmen. Im September soll dann ein Gremium entscheiden, ob er weiter Pastor bleiben darf.>

Kommentar

Und wenn wir weiterraten, dann kommt man automatisch darauf, dass vielleicht auch noch Stasi-Spitzel in anderen Nachbarstaaten Deutschlands leben: Schweiz, France, Benelux. Die Stasi hatte ihre Ohren überall und manipulierte Leute überall, und die Seilschaften funken wahrscheinlich zum Teil bis heute noch - und beschaffen sich laufend neue "Arbeit" mit der Verfolgung gewisser "verdächtiger" Leute. Die Verfolger selbst dürfen dabei nie als "Verdächtige" erscheinen, sondern suchen die "Zusammenarbeit" mit gewissen Geheimdiensten grosser Kontinente. Wunderbare Spionagewelt. Das heisst: Die DDR-Spionagewelt breitet sich über die ganze Welt aus...

Michael Palomino, 27.7.2012

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August 2012: Facebook-Seite "DDR-Kinder"

http://www.facebook.com/pages/DDR-Kinder/186558768070116

DDR-Museum
DDR-Dauerausstellung
DDR-Rezepte
Pionier-Lieder
Honecker-Brille
DDR-Spielplatz
DDR-Kraftverkehr
etc. pp.

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Spiegel
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9.12.2012: Zwangsarbeit in der DDR: Es war nicht nur Ikea

aus: Spiegel online: Zwangsarbeit in der DDR "Dann habe ich heimlich losgeheult"; 9.12.2012;
http://einestages.spiegel.de/s/tb/26057/zwangsarbeit-in-der-ddr-ikea-neckermann-und-quelle-profitierten-von-der-ausbeutung.html

<Weit mehr Westfirmen als Ikea verdienten an dem System der Zwangsarbeit in der DDR. einestages sprach mit Zeitzeugen über zerschundene Rücken für Luxusfernseher, passiven Widerstand beim Kamerabau - und erklärt, wer die größten Profiteure der Ausbeutung waren.

Von Christoph Gunkel

Da war dieses kleine Loch in der Fabrikmauer, die einzige Verbindung zwischen zwei gegensätzlichen Welten. Recht und Unrecht, bezahlte Arbeit und Ausbeutung, das alles auf engstem Raum, in einer Fabrikhalle, getrennt nur durch diese Mauer mit dem Loch.

[Wachmänner mit Knüppeln]

Fernseher fuhren im Minutentakt auf einem Fließband durch diese Öffnung. Auf der einen Seite montierten Männer die Geräte zusammen, hängten schwere Bildröhren ein, löteten Lautsprecher an. Wachmänner mit Knüppeln kontrollierten sie, denn die Männer waren Häftlinge - Zwangsarbeiter der DDR. Dann kamen die Fernseher per Fließband auf die andere Seite der Fabrikhalle. Dort standen die regulär entlohnten Techniker des VEB Fernsehgerätewerks Staßfurt bei Magdeburg bereit, um die Endmontage zu verrichten.

[Kaputter Rücken, Dunkelhaft - bis heute Schmerzpatient]

"So zeigte der Sozialismus sein wahres Gesicht", sagt Andreas P. 35 Jahre ist es nun her, dass er als Zwangarbeiter in Staßfurt schuften musste, weil er als 19-Jähriger bei einer verbotenen Demo gegen den verhassten Staat erwischt worden war. Es waren zwölf Monate, die sein Leben veränderten: die erste Beziehung, die die Haft nicht überstand; der Rücken, der danach so kaputt war, dass Andreas P. heute Schmerzpatient ist; die Dunkelhaft, die er nicht vergessen kann. Über den Lohn für dieses Jahr Akkordarbeit kann er nur lachen: insgesamt 350 Ostmark.

Der Fall Neckermann - [Ikea vertuscht eigene Studie]

Dass DDR-Zwangsarbeiter für Ikea jahrelang Möbelelemente herstellten, ist schon länger bekannt. Kürzlich hat das schwedische Unternehmen erneut für Aufregung gesorgt, als es zur Aufarbeitung der eigenen Konzerngeschichte eine privat finanzierte Studie anfertigen ließ - die Untersuchung dann aber bis auf ein paar dürre Ergebnisse nicht veröffentlichte. Dieses PR-Desaster hat die Debatte auf Ikea verengt und den Blick dafür verstellt, dass sehr viel mehr Akteure von dem System der Zwangsarbeit profitierten.

[Neckermann, Quelle, Karstadt - zum Beispiel billige Fernsehgeräte]

Etwa die westdeutschen Versandhäuser Neckermann, Quelle sowie die Warenhauskette Karstadt. Das behauptet zumindest Andreas P. im Gespräch mit einestages. "Wer damals in der Bundesrepublik billig einen Fernseher gekauft hat, hat ihn mit großer Sicherheit von uns bekommen." Wie er sich da so sicher sein kann? Andreas P. lacht auf. "Solche guten Farbfernseher hatten wir nicht in der DDR." Außerdem habe mitunter "Neckermann", "Palladium" (eine Technikmarke von Neckermann) oder "Universum" (eine Handelsmarke von Quelle) auf den Geräten gestanden.

Tobias Wunschik findet diese Schilderungen glaubwürdig. Wunschik ist Experte für den DDR-Strafvollzug bei der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. Bei seinen Recherchen ist er kürzlich auch auf Staßfurt gestoßen: "Das Versandhaus Neckermann ließ im VEB Fernsehgerätewerk Staßfurt, in dem unter anderem 200 Häftlingsarbeiter als Außenkommando arbeiteten, Fernseher des Typs N-Electronic 1002 herstellen."

Die Konzerne schauten bewusst weg

[Bettwäsche von DDR-Zwangsarbeiterinnen für den Quelle-Versand]


Der Fall Neckermann ist damit erstmals durch Akten belegt. Unter Forschern schon länger bekannt, wenn auch nicht für Fernseher, ist das Beispiel Quelle: Zwangsarbeiterinnen aus dem Frauengefängnis Hoheneck nähten in den achtziger Jahren heimlich Briefe in die Bettwäsche ein, die sie im Akkord herstellen mussten; Quelle-Kunden fanden die versteckten Botschaften später.

Und Karstadt? Auf Nachfrage sagte der Konzern, er prüfe "seit mehreren Monaten sehr ernsthaft", ob es Verbindungen von Karstadt zu Zwangsarbeit in der DDR gegeben habe. "Bislang ist zusammenfassend festzuhalten, dass die eingeleiteten Maßnahmen keine Anhaltspunkte dafür erbracht haben." Zwar seien Karstadt und Quelle bis 2010 selbständige Schwesterngesellschaften gewesen, doch Karstadt habe mit Quelle "in keinem Haftungsverbund" gestanden und sei nicht der Rechtsnachfolger des insolventen Versandhauses.

[Das Geschäft mit dem Billiglohnland DDR]

Neben diesen juristischen Argumenten berufen sich Firmen heute gerne darauf, dass sie ja nicht wissen konnten, unter welchen Bedingungen ihre Produkte in der DDR hergestellt wurden - schließlich durften sie keine eigenen Werke in der DDR eröffnen. Sie haben bewusst die Augen verschlossen, glauben dagegen viele Historiker. "Zumindest die großen Unternehmen im Westen hatten etliche Hinweise auf Zwangsarbeit", sagt Experte Wunschik. Doch das Geschäft mit dem Billiglohnland DDR lief zu gut für moralische Bedenken.

"Wie ein KZ" - [Wohnbaracken hinter Stacheldraht und Wachttürmen]

Zu spüren bekamen das Männer wie Andreas P. Seine Schinderei begann jeden Morgen um sechs Uhr auf dem Appellplatz des Strafgefangenenlagers Athensleben. "Das Lager sah aus wie ein KZ", erinnert sich der heute 55-Jährige. "Alles war mit Stacheldraht umzäunt, an jeder Ecke war ein Wachturm, in der Mitte standen unsere Wohnbaracken aus Holz." Nach dem Morgenappell wurden die Arbeiter der Frühschicht per Bus in das 20 Minuten entfernte Fernsehwerk Staßfurt gekarrt.

["Arbeitsverweigerung" mit Dunkelhaft bestraft]

Nach ein paar Wochen konnte Andreas P. nicht mehr. Das Heben der schweren Bildröhren war Gift für seinen Rücken. Seine Wirbelsäule war schon vorher geschädigt gewesen, selbst beim Militär hatten sie ihn ausgemustert. Doch nun wurden ihm die ärztlichen Atteste und sein Jammern als Arbeitsverweigerung ausgelegt. Die Strafe: eine Woche Dunkelhaft. Er schrie. Aus Wut. Und gegen die Einsamkeit.

[20% Westprodukte - 80% für die DDR selbst]

Doch nicht nur Versandhäuser aus dem Westen profitierten von Männern wie ihm. "In der aufgeladenen Diskussion um Ikea wird völlig vergessen, wer die Hauptprofiteure der Ausbeutung waren", betont Forscher Wunschik. "80 Prozent der Zwangsarbeit kam der DDR-Wirtschaft zugute, maximal 20 Prozent der Produkte und Waren gingen in den Export." Der größte Nutznießer der Zwangsarbeit war also der SED-Staat. Er war es, der internationale Vereinbarungen zur Gefangenenarbeit systematisch brach, Häftlinge oft kaum geschützt gefährlichen Giften und Maschinen aussetzte - und das alles auch noch als Erziehung durch Arbeit verkaufte.

"Diese Brut!"

[Arbeitskräftemangel in der DDR wurde durch Gefängnishäftlinge ausgeglichen - Lohn wurde von den Haftanstalten "zum grössten Teil einbehalten"]


In Wahrheit ging es darum, Engpässe zu überbrücken. Denn der Arbeiter- und Bauernstaat litt permanent unter einem Mangel an Arbeitskräften. Häftlinge mussten etwa im berüchtigten Chemiedreieck bei Bitterfeld Aufgaben übernehmen, die sonst niemand machen wollte. Und sie waren jederzeit und überall flexibel einsetzbar, wenn es in einem Betrieb mal hakte. Die finanzielle Ersparnis war dagegen eher zweitrangig: Schließlich bezahlten die DDR-Betriebe den Haftanstalten Löhne für die Zwangsarbeiter - diese wurden von den Anstalten allerdings zum größten Teil einbehalten.

[Passiver Widerstand, indem Metallteile auf den Boden fallen - Versetzungen und Verlegungen heben die Moral nicht]

Wulf Rothenbächers Wut richtete sich deshalb auch nicht gegen Westfirmen. Sondern gegen das System, die DDR. Rothenbächer, ebenfalls Zwangsarbeiter, war mit seiner Frau bei einem Fluchtversuch geschnappt worden. Im Dezember 1970 saß der HNO-Arzt deswegen im Cottbuser Gefängnis und überlegte, wie er seinem Staat, "dieser Brut", am besten schaden konnte. Die Lösung: so schlecht wie möglich arbeiten.

In Cottbus mussten die Häftlinge Metallteile für den Dresdner Kamerahersteller Pentacon stanzen, deren billige Spiegelreflexkameras auch in den Kaufhäusern der Bundesrepublik angeboten wurden. Rothenbächer aber zog jeden Tag ein surreales Theaterstück ab.

"Ich habe meinen Arbeitsablauf bis ins Groteske verzerrt", erzählt er, und man spürt noch heute seine Genugtuung. "Leider sind mir ständig Metallteile runtergefallen, die ich dann umständlich suchen musste. Ich war halt ungeschickt! Zu den Aufsehern habe ich nie ein böses Wort gesagt, sondern mich immer hoffnungsfroh gegeben und gesagt: 'Ich kann das noch nicht so gut, aber das wird schon!'"

Natürlich wurde er nicht besser. Der Arzt arbeitete so miserabel und langsam, dass er eine irrwitzig niedrige Normerfüllung von nur fünf Prozent schaffte. Und immer mehr Häftlinge machten es ihm nach.

Das trieb die Aufseher zur Weißglut. Die Arbeitssaboteure wurden in andere Abteilungen versetzt, sie kamen in schlechtere, völlig überfüllte Zellen, doch es half nichts:Ihre Leistungen blieben ungenügend. Selbst beim Ausgang im Hof stolperten sie ständig, statt im Gleichschritt zu marschieren.

Versteckte Tränen

[Einzelhaft im "Tigerkäfig" - und dann von der "BRD" freigekauft - Gründung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte]


Irgendwann machte die Haftleitung Rothenbächer als Rädelsführer aus und sperrte ihn in eine winzige, vergitterte Einzelzelle, die als "der Tigerkäfig" berüchtigt war. Man sagte ihm, dass er dort den Rest seiner Haft verbringen müsse. "Da habe ich fast die Fassung verloren. Als ich sicher war, dass mich kein Wärter beobachten konnte, habe ich losgeheult."

Bereut hat der 71-Jährige seine Sturheit dennoch nicht. Für sein Selbstwertgefühl sei es besser gewesen zu provozieren, als sich zu arrangieren. Nach sieben Wochen Einzelhaft wurde er als politischer Häftling von der Bundesrepublik freigekauft. Dort führte Wulf Rothenbächer seinen Protest gegen das Regime fort: Mit der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte klärte er die nächsten 18 Jahre über Menschenrechtsverletzungen in der DDR auf und bemühte sich um die Freilassung politischer Häftlinge.

Auch Andreas P. wurde schließlich aus der DDR ausgewiesen. Nach der Wende, Jahre vor der Ikea-Affäre, schrieb er Karstadt, Quelle und Neckermann an, um auf sein Schicksal aufmerksam zu machen. Er bekam nie eine Antwort. >

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n-tv online, Logo

28.12.2012: DDR-Bürger wurden an BRD-Pharma als Versuchsperson verkauft, ohne das Wissen der DDR-Bürger 

aus: n-tv online: Westfirmen testeten im Osten: DDR kassierte für Pharmaversuche; 28.12.2012;
http://www.n-tv.de/panorama/DDR-kassierte-fuer-Pharmaversuche-article9866996.html

<Menschliche Probanden für medizinische Großversuche sind ein seltenes Gut. In den 80er-Jahren lösten Pharmafirmen aus dem Westen das Problem mit Hilfe des DDR-Regimes. Gegen hunderttausende D-Mark organisierten die Ost-Behörden Testpersonen. Allerdings ohne deren Wissen.

Westdeutsche Pharmaunternehmen haben nach einem Bericht des Berliner "Tagesspiegel" in den 1980er Jahren im großen Stil Experimente an offenbar ahnungslosen DDR-Bürgern vorgenommen. Das Blatt beruft sich auf Unterlagen des einstigen DDR-Gesundheitsministeriums, wonach 50 Unternehmen in den Jahren 1983 bis 1989 insgesamt 165 Studien dort in Auftrag gegeben haben. Für eine einzelne Studie zahlten die West-Unternehmen demnach bis zu 860.000 D-Mark (etwa 440.000 Euro).

Dem Bericht zufolge, der auch frühere Veröffentlichungen zu diesem Thema aufgreift, wurden die Tests in DDR-Krankenhäusern zumindest teilweise ohne Wissen der betroffenen Patienten vorgenommen - was sowohl nach westdeutschem Recht wie auch nach DDR-Recht illegal gewesen wäre. In sieben Fällen verfügt das Blatt nach eigenen Angaben über entsprechende Aussagen oder Belege. Auch seien in den Akten des DDR-Gesundheitsministeriums keinerlei Einwilligungserklärungen von Patienten zu finden. Mehrere beteiligte Unternehmen gaben allerdings an, alle Vorschriften seien eingehalten worden.

Vor allem ostdeutsche Politiker reagierten empört. Die Grünen-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, Katrin Göring-Eckardt, sprach von einem "besonders drastischen Fall von Skrupellosigkeit". Devisen seien der DDR-Führung offenbar wichtiger gewesen als die Gesundheit der Bürger. Linken-Fraktionsvize Dietmar Bartsch nannte das Vorgehen sowohl der Unternehmen als auch beider deutscher Staaten "menschenverachtend".

Unions-Fraktionsvize Arnold Vaatz sagte, die Hauptschuld liege aus seiner Sicht bei den Behörden der DDR: "Die wollten Geld verdienen, und das Politbüro der SED hat das ermöglicht." Allerdings bescheinigte Vaatz auch den westdeutschen Pharmakonzernen "kriminelle Energie". Vaatz sowie der Stasiakten-Beauftragte Roland Jahn forderten weitere Aufklärung der Vorgänge.

"Offiziell nichts gewusst - [Kohl-Regierung mit Gesundheitsministerin Rita Süssmuth]

Zuvor hatte unter anderem bereits der MDR über solche Studien berichtet. Die damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU) hatte in diesem Zusammenhang dem Sender gesagt, ihr seien solche Studien nicht bekannt gewesen. Der damalige Präsident des für die Zulassung von Arzneimitteln zuständigen Bundesgesundheitsamts, Dieter Großklaus, sagte nun dem "Tagesspiegel": "Offiziell habe ich nichts von Pharmastudien in der DDR gewusst."

[Todesfälle durch illegale Grossversuche]

Früheren Medienberichten zufolge sollen auch Patienten gestorben sein, die an den Studien beteiligt waren. Die Rede ist im "Tagesspiegel" beispielsweise von einem herzkranken Lehrer, dem offensichtlich Placebos statt Herzmedikamenten verabreicht worden seien. Eine andere Studie in einem Magdeburger Krankenhaus war einem vom MDR dokumentierten Schreiben zufolge 1989 nach mehreren Todesfällen abgebrochen worden.

Quelle: n-tv.de , AFP>

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Welt
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5.1.2013: 3000 gefangene Kinder nach dem Mauerbau

aus: Welt online: "Freigekauft": Beate - das einzige Kind, das die DDR verließ; 5.1.2013;
http://www.welt.de/vermischtes/article112411534/Beate-das-einzige-Kind-das-die-DDR-verliess.html

Buchempfehlung: "Freigekauft. Der DDR-Menschenhandel. Fakten, Bilder, Schicksale." Kai Diekmann (Hg.), Piper Verlag, 17,99 Euro.

<Als 1961 die Mauer gebaut wurde, blieben über 3000 Kinder in der DDR zurück. Eines durfte offiziell das Land verlassen: Beate Kernke. Knapp 50 Jahre danach richteten sich wieder Kameras auf sie.

Von

Wer das Bild sieht, der vergisst es nicht mehr. Das kleine Mädchen, ihr ängstlicher Blick unter der dunklen Ponyfrisur, der ganze Körper eine einzige Abwehr. Neben ihr kniet ein Mann in Uniformmantel und mit Militärmütze. Er schaut sie an, das Kind aber vermeidet den Blickkontakt, schaut stattdessen Hilfe suchend in die Kamera.

49 Jahre später ist das Kind eine Frau geworden - etwas zu früh gealtert vielleicht, trotz der noch immer dunklen Haare. Wenn sie lacht, kehlig und laut, sind Zahnlücken zu sehen. Doch das hält die 54-Jährige nicht vom Lachen ab. Selbst als sie dem Kamera-Team erzählt, warum sie als Kind in der DDR ohne Eltern aufwuchs, lacht sie nur und zuckt mit den Schultern: "Meine Mutter musste wohl arbeiten. Sie gab mich zu Oma. Ich glaube, sie hat zu viel Party gemacht. Ich weiß nur, dass sie lange weg war."

Unbekannter Aspekt des Mauerbaus

Nun hat ihre Geschichte drei US-Filmemacher dazu bewogen, einen Dokumentarfilm über sie zu drehen. "The Forgetting Game" heißt der Film, der ein Schicksal aus der Zeit der deutschen Teilung noch einmal beleuchtet. Und ein Streiflicht wirft auf einen unbekannten Aspekt des deutschen Mauerbaus: Nach der Schließung der Grenze saßen auch Tausende von Kindern in der DDR fest.

[Kinder blieben in der DDR - Kinderrückführungen - 1972 noch 1179 Kinder in der DDR gefangen]

Kinder aus West-Berlin oder Westdeutschland, die die Ferien bei ihren Großeltern verbracht hatten. Aber auch Jungen und Mädchen, deren Eltern der DDR bewusst den Rücken gekehrt hatten und anderswo eine neue Existenz aufbauen wollten. Die Kinder wollten sie nachholen, irgendwann. Doch dieses Irgendwann wird in den Wochen nach dem August 1961 ein Nirgendwann.

Nach Unterlagen, die die Autoren des Buches "Freigekauft" zusammengetragen haben, saßen 1972, trotz gelegentlicher, von der BRD teuer erkauften "Kinderrückführungen" noch immer 1179 Kinder in der DDR fest. Dass überhaupt Menschen das Land verlassen durften, war ein Geheimnis der DDR-Führung.

Beate Kernke sollte ausreisen

Offiziell stellte man sich in Ost-Berlin auf den Standpunkt, dass die Lösung für die "in gewissenloser Weise" zurückgelassenen Kinder einfach sei: Die "Freigekauft"-Autoren zitieren den Anwalt Friedrich Karl Kaul: "Sollen doch diese Eltern zurückkommen, dann können sie bei uns in der DDR vernünftig zusammenleben." Das jedoch wollten nur die wenigstens. Auch die Mutter des Mädchens auf dem Foto wollte es nicht.

Und nur einmal gab es Bilder wie das aus dem März 1963: Das kleine Mädchen neben dem Mann in Uniform, der nicht ihr Vater ist. Neil M. Clark heißt er, arbeitete für das amerikanische Rote Kreuz. Sein Auftrag an diesem Tag hatte einen Namen: "Beate". Beate Kernke, so heißt das fünfjährige Kind auf dem Foto, das zu seiner mittlerweile in den USA lebenden Mutter ausreisen sollte.

In den USA lebt Beate Couturier, so heißt sie heute, noch immer. Und es ist der Verdienst von Produzent Pulkit Ditta und Regisseur Russell Sheaffer, dass ihr Schicksal nun sichtbar geworden ist. Denn "The Forgetting Game" handelt nicht nur von dem Foto. Er handelt von einem Menschenleben, das von der deutschen Teilung geprägt wurde. Aber auch von einer Begegnung, die nicht nur das Leben von Beate, sondern auch das von drei anderen Kindern beeinflusst hat.

"Sie hatte Angst, das hat man gemerkt"

Das Team rund um Datta und Sheaffer ("Ich wuchs mit Beates Geschichte auf. Meine Familie war in den Austausch verwickelt und ich habe die Geschichte nie mehr vergessen") hat das junge Mädchen von damals wieder aufgespürt.

Aber sie haben auch nach der Familie des Rot-Kreuz-Offiziers gesucht, der Beate damals am Bahnhof Friedrichstraße in Empfang nahm, und sie danach für einige Wochen beherbergte. Sieben Kinder hatte Clark, einige von ihnen nur wenig älter als Beate. Einer der Söhne, Steven Clark, erinnert sich an den Tag vor der Begegnung: "Da kommt ein Mädchen zu uns. Benehmt Euch. Sie kommt aus Ostdeutschland. Alle sind da arm", habe der Vater seiner Familie erklärt. Clarks erster Eindruck von dem Mädchen, das dann kam: "Sie hatte Angst, das hat man gemerkt". Angst und Ungewissheit, sie waren nichts Neues im Leben von Beate.

Geboren wurde sie im Jahr 1958. Ihr Vater ist unbekannt, ihre bei der Geburt noch junge Mutter nennt ihn weder ihr noch ihren Angehörigen. Bei denen gibt sie das kleine Mädchen auch schon bald nach seiner Geburt ab. Doberlug-Kirchhain heißt der Ort in Brandenburg, in dem Beate nun bei ihrer Oma aufwächst. Die Mutter geht nach Berlin. Dort lernt sie einen amerikanischen GI kennen. Sie verliebt sich, wieder einmal. Doch diesmal hält die Liebe. Das Paar heiratet und verlässt Deutschland. Ihr Kind lässt sie zurück, wieder einmal.

"Okay, Du bist jetzt frei"

Beate selbst spürt den Verlust der Mutter nicht. Sie lebt gerne bei ihrer Oma, auch wenn die Verhältnisse ärmlich sind. Johanna Kernke zeigt den Filmemachern Fotos von damals. Zu sehen ist Nachkriegsarmut, die nahtlos in DDR-Tristesse überging. Verfallene Gebäude, aber ein Garten zum Spielen und eine liebevolle Großmutter. Die Familie, Vertriebene aus Schlesien, hält zusammen. Beate schläft bei der Oma im Bett und wird verwöhnt, so gut es geht.

Doch im Hintergrund wird bereits gerungen um das Kind. Ihr US-Stiefvater bemüht sich fast ein Jahr lang schriftlich um die Tochter seiner Frau. Erst fragt er bei der US-Regierung an, vergebens. Dann beim Roten Kreuz. Es kommt der März 1963. Die Fünfjährige fährt zum ersten Mal in ihrem Leben Zug. Daran kann sie sich erinnern. Und dass jemand zu ihr sagte: "Okay, Du bist jetzt frei".

Gut fühlte sich die neue Freiheit zunächst nicht an. Vor dem Offizier an ihrer Seite hatte sie Angst. "Er war so groß und trug diese verrückte Uniform", sagt Beate Couturier in die Kamera. "Ich hatte große Angst". Nur, dass sie neue Welt so anders war als die alte, das gefiel dem Kind damals gut. "Es war wie von Schwarz-Weiß auf Farbe, der Wechsel von Ost nach West", erinnert sie sich.

Ob sie noch lebt?

Schwarz-Weiß ist auch das Foto, das Beate neben ihrem Ersatzvater zeigt. In einer Einstellung des Films hängt es an der Wand, im goldenen Rahmen. Die Wohnung gehört Pamela Clark, Neil M. Clarks ältester Tochter. Sie wirkt gerührt, wenn sie vor den Kameras von der kleinen Beate spricht.

"Sie war sehr süß, sehr niedlich. Sie hat viel gelacht". Wie eine kleine Schwester für ein paar Tage sei der Besuch gewesen. "Wir haben einen historischen Moment erlebt", erinnert sich Pamela Clark. Es ist dies der einzige offiziell verbürgte Fall eines Kindes, dass die DDR verlassen konnte. Ein Kind, das ihr zur Freundin geworden war. Und das sie nicht vergessen konnte, genau wie der Rest der Familie Clark.

Auch im Film zu sehen ist ein Veteraneninterview mit Neil M. Clark (er starb 2006, im Alter von 86 Jahren). Ein typischer US-Rentner sitzt da vor der Kamera. Windjacke, Brille, Basecap. Ob er wisse, fragt die Interviewerin, was aus dem "young girl" geworden sei? Nein, sagt er, und ringt merklich nach Worten. Ob sie noch lebt? Die Frage habe er sich oft gestellt, sagt Clark. Und dass seine Tochter versucht habe, Beate zu finden.

Ja, bestätigt Pamela Clark. Sie habe ihre Freundin von damals im Internet gesucht. Aber nichts. Selbst an die US-Talk-Ikone Oprah Winfrey habe sie sich gewandt. Ob die das Mädchen von damals nicht finden könnte. Doch Oprah habe nicht geantwortet. Die Kamera läuft weiter, zeichnet Rührung auf. "Wir würden gerne wissen, ob wir ihr Leben verändert haben!", sagt Pamela Clark.

Erinnerungsstücke vorbereitet

Beate Couturier lacht. Wie das gewesen sei damals? Der Neuanfang in den USA? "Ich habe an einem Tag noch deutsch geträumt. Am anderen englisch. Keine Mischung." Es ist dies wohl ein Talent, das Beste aus der Situation zu machen. Nicht zurückzublicken, auf die Dinge, die nicht gut gelaufen sind. Was für Dinge das sind, verrät den Filmemachern etwa Beates Halbschwester Britta.

Und nicht nur das. Ohne sie wäre "The Forgetting Game" nicht gedreht worden, denn erst über sie kamen die jungen Filmemacher (beide sind erst 26) auch auf die Spur von Beate. Für den Besuch des Filmteams hat Britta Wyrick Erinnerungsstücke vorbereitet. Beates Mäntelchen etwa, das von dem berühmten Foto. Knallrot ist es. Und das Kuscheltier von damals ist in Wirklichkeit eine Puppe. Auch sonst ist nicht alles so wie gedacht. Die vermeintlich hartherzige Mutter? "Sie hat Deutschland sehr vermisst", verrät deren Tochter aus der US-Ehe.

Alkoholprobleme, Depressionen. Immer wieder sei die früher so lebenslustige Irmgard in ihre alte Heimat gereist. Als das nicht mehr ging, kompensierte sie den Verlust anders. "Die letzten Jahre ihres Lebens hat sie nur noch Deutsch gesprochen", sagt Britta. Beate selbst fasst das Schicksal ihrer Mutter, die sie so lange allein ließ, ohne jeden Vorwurf zusammen. "Sie hat nicht viel erzählt. Zu traumatisch. Ein Leben zwischen zwei Weltkriegen."

Ihre eigenen Traumata geht Beate ähnlich unsentimental an. Aus dem herumgeschubsten Kind wird ein "troubled teenager", eine Schulschwänzerin, eine Ladendiebin. "Beate hatte Probleme mit Beziehungen", sagt die Schwester. Aber sie sagt auch: "Sie ist die klügste und meinungsstärkste Frau, die ich kenne." Stark will Beate auch sein. Sie geht zur US-Airforce. Die Strukturen tun ihr gut. Nur privat, da läuft es schlecht.

Gänse, Hunde und Kinder

Auch Beate trinkt. Mit den Männern gibt es Probleme. Der Vater ihrer zwei Kinder schlägt öfters zu. Und so macht Beate das, was sie gelernt hat: Sie fängt woanders neu an. Sie zieht nach Alaska, träumt davon, dort eine Bar aufzumachen. Dann lernt Beate jemanden kennen, der Ruhe in ihr turbulentes Leben bringt. Rick, ein gemütlicher Mitfünfziger mit Vollbart. Er bewohnt gemeinsam mit Beate ein heruntergekommenes, liebevoll-chaotisch eingerichtetes Haus. Viel Geld ist nicht da, so wie schon damals in Doberlug-Kirchhain. Es wird noch mit Holz geheizt, es ist ländlich, Gänse laufen umher und Hunde, viele Hunde. Dazu einige Kinder.

Ein Mädchen ist darunter, es sieht mit seinem runden Gesicht ein wenig so aus die kleine Beate damals, nur in blond. Es ist Beates Enkeltochter. Deren Mutter, Beates Tochter Serena, hat ihr Kind bei der Oma gelassen. Manchmal, so scheint es, wiederholt sich Geschichte. Serena ist heroinabhängig. Ihre Mutter, das spürt man, hält nicht viel von ihr. "Sie hat in ihrem Leben nie etwas zu Ende gebracht". Das Kind aber, es ist das ein und alles seiner Oma.

Die kleine Aralyn hat Struktur in Beates Leben gebracht. Die 54-Jährige hat noch einmal zu studieren begonnen, will zur Buchhalterin umschulen. Endlich Geld verdienen! Kehliges Lachen.

"Wichtiger Teil meines Lebens"

Harte Schale, weicher Kern. Erst am letzten Tag der Dreharbeiten willigt Beate in die Bitte der Filmcrew ein. Es soll einen Kontakt geben zwischen ihr und den Clark-Kindern. Videobotschaften werden ausgetauscht. Beate fasst sich kurz, wirkt dabei grob, fast abweisend: "Ich erinnere mich. Ihr ward nett. Eine Mail wäre schön." Pamela kommen trotzdem die Tränen, als sie den Film sieht. Sie antwortet: "Ich freue mich, dich zu sehen. Ich würde dich gerne sehen und wissen, wer Du bist. Du warst ein wichtiger Teil meines Lebens."

Am 9. August 2010 ist es dann soweit. 47 Jahre nach dem ersten Treffen sollen sich Beate und Pamela wiedersehen. Dazwischen liegt ein ganzes Leben, mit seinen Höhen und Tiefen. "Ich bin sehr aufgeregt", sagt Pamela in die Kamera. Nervös wippt sie auf den Fußspitzen, während sie im Flughafen wartet. Dann ist Beate da, nicht zu überhören mit ihrem lauten, kehligen Lachen. Umarmungen, Tränen, es gibt viel zu erzählen. Beim Familientreffen – auch Pamelas Brüder sind dabei – ist die Anspannung verflogen. Zeit für Erinnerungen.

"Are you Oma?"

An eine Zeit, in der zwei politische Systeme die Welt in zwei Teile getrennt hatten. In der große Ideologien offiziell herrschten, aber der Alltag, das Empfinden der Menschen so ganz anders war. Die Familie Clark, die das Mädchen aus Ostdeutschland so schnell lieb gewann. Oder die mittlerweile zu kalifornischen Teenagern herangewachsenen Schwestern Beate und Britta, die Besuch bekamen von der "kommunistischen" Oma aus der DDR. Wir dachten, da kommt jemand, der ist schwarz angezogen und ganz traurig, erinnert sich Britta.

Das Gegenteil war der Fall. "Are you Oma?", fragten sie die attraktive Dame im lila Kleid und mit der glitzernden Perlenkette dann ungläubig. Ja, sie war die Oma, und dabei so ganz anders als gedacht: "Ich bin a happy communist", habe die Großmutter ihnen lachend erklärt. Und ihren Enkelinnen einen Klaps auf den Po gegeben: "Ihr seid gute deutsche Mädel!" Anekdoten, die auch Beate Kernke amüsieren. Mehr aber auch nicht. Von dem Mädchen auf dem Foto damals hat sich ihr Leben weit entfernt.

Sie selbst hat das berühmt gewordene Bild nicht aufgehängt. Gefreut aber hat sie sich doch über den Besuch des Filmteams, verrät Russell Sheaffer: "Ich habe mich immer gefragt, wann endlich jemand kommt, der einen Film über mich dreht". Ein Traum im Leben der Beate Kernke, der sich doch noch erfüllt hat.

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Spiegel
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18.2.2013: <Juden in der DDR: Flucht aus dem besseren Deutschland>

aus: Spiegel online; 18.2.2013;
http://einestages.spiegel.de/s/tb/27803/julius-meyer-organisierte-1953-die-flucht-der-juden-aus-der-ddr.html

<Erst wurde er verhört, dann organisierte er den Exodus: Vor 60 Jahren verhalf der SED-Volkskammerabgeordnete Julius Meyer Hunderten Juden zur Flucht nach West-Berlin. Er hatte sich in der DDR vor Verfolgung sicher gefühlt - ein Trugschluss.

Von Wolfgang Brenner

Viele von denen, die Nationalsozialismus und Krieg überlebt hatten, hielten die DDR für das bessere Deutschland. Ein antifaschistischer Staat, gegründet unter anderem von Menschen, die unter Hitler im KZ gesessen hatten. Ein solcher Staat musste ein guter Ort sein. Erst recht für Juden.

So ähnlich wohl dachte der Jude Julius Meyer. Die Nazis hatten ihn 1943 verhaftet, sie hatten ihn erst nach Auschwitz und dann nach Ravensbrück geschickt. Dem Holocaust entronnen, glaubte er an einen Neuanfang auf deutschem Boden. In Ost-Berlin übernahm er den Vorsitz der sich langsam wieder formierenden jüdischen Gemeinde, nach der Gründung der DDR wurde er dort Präsident des Verbandes der Jüdischen Gemeinden und saß für die SED in der Volkskammer.

Dass es nach dem Tod von Millionen Juden je wieder antisemitische Kampagnen in einem deutschen Staat geben könnte, konnte sich Julius Meyer nicht vorstellen. Erst recht nicht auf dem Territorium der DDR. Ein fataler Trugschluss.

Es sollte nicht lange dauern, da wusste Julius Meyer, dass er in Ostdeutschland nicht mehr sicher war. Er nicht, und auch nicht die wenigen hundert Glaubensbrüder und -schwestern, die dort noch lebten.

Verhör durch die eigene Partei

Anfang 1953 wurde der Volkskammerabgeordnete Meyer von der SED vor die Zentrale Parteikontrollkommission bestellt. Wirklich überraschen konnte ihn das nicht. In der Partei hatte er sich über die Jahre Feinde gemacht, weil er mit Nachdruck für ein Gesetz eingetreten war, das den Opfern des Faschismus eine Wiedergutmachung sichern sollte.

Ein Anliegen, das er etwa mit dem SED-Funktionär Paul Merker teilte, das die Parteiführung um Walter Ulbricht aber ablehnte, weil sie auf der Position beharrte, dass die Kommunisten nicht schuld am Nationalsozialismus gewesen seien und deshalb auch nicht dessen Erbe zu tragen hätten. Dafür, dass sich die Genossen eigentlich dem Antifaschismus verschrieben hatten, gebrauchten sie in ihrer diesbezüglichen Stellungnahme 1952 allerdings eine bemerkenswerte Formulierung: "Von jüdischen Kapitalisten zusammengeraubte Kapitalien" seien kein Gegenstand der Wiedergutmachung.

Meyers Befragung dauerte mehrere Stunden. Was ihn dabei am meisten verunsicherte, waren die bohrenden Fragen nach seinen Verbindungen zu einer amerikanischen Hilfsorganisation, dem American Jewish Joint Distribution Comittee, kurz: Joint. Gegründet 1914, um im Krieg bedrohte Glaubensbrüder in Europa zu unterstützen, hatte sich Joint während der Nazi-Zeit um verfolgte Juden gekümmert, Ausreisemöglichkeiten sondiert und sogar Pakete nach Theresienstadt geschickt. Nach dem Krieg war sie die wichtigste Hilfsorganisation für die Überlebenden des Holocaust in Europa und schickte Care-Pakete in die DDR.

Als Meyer nach der Befragung endlich gehen durfte, wartete ein sowjetischer Offizier auf ihn. Auch er wollte von Meyer mehr über dessen Verbindungen zu Joint erfahren. Der Offizier ging dabei offenbar einem konkreten Verdacht nach: Er mutmaßte, dass die jüdischen Gemeinden im Ostblock über die Hilfsorganisation politische Anweisungen aus den USA bekämen.

Ärzteverschwörung in Moskau

Ernsthaft besorgt war Meyer schließlich, als er am 13. Januar 1953 von einer ungewöhnlichen Meldung erfuhr, die die sowjetische Nachrichtenagentur TASS verbreitete: Sowjetische Behörden hatten eine Verschwörung einflussreicher Ärzte des Kreml-Krankenhauses aufgedeckt und die Rädelsführer verhaftet. Diese Mediziner hätten ihre exponierte Position dazu genutzt, kommunistische Funktionäre durch falsche Behandlungsmethoden zu ermorden. TASS veröffentlichte sogar die Namen zweier prominenter Opfer der angeblichen Ärztebande: der bei sowjetischen Künstlern gefürchtete Stalin-Vertraute Andrej Schdanow und Politbüromitglied Alexander Schtscherbakow. Beide waren schon seit einigen Jahren tot.

Von den sieben inhaftierten Ärzten waren vier Juden, die drei anderen wurden als "verkappte Juden" bezeichnet. Angeblich hatten sie Verbindungen zu Joint. Deren Unterorganisation in der Sowjetunion hatte Stalin schon 1938 verboten, die Helfer aus dem Land geworfen, nachdem sich diese enteigneten jüdischen Händlern angenommen hatten. Nun, 1953, beschuldigte Stalin die Hilfsorganisation offen der Spionage.

Die verhafteten Professoren, so verlautete alsbald, hätten zugegeben, die Ermordung Stalins und seiner Helfer geplant zu haben. Eine landesweite Kampagne machte Stimmung gegen Juden. In der gesamten Sowjetunion weigerten sich die Menschen, sich von jüdischen Ärzten behandeln zu lassen. Vereinzelt kam es zu Übergriffen. Der Prozess wegen der sogenannten Ärzteverschwörung war für März anberaumt.

"Großmutter im Sterben"

So lange wollte Julius Meyer nicht warten. Er fürchtete, dass er bald nicht mehr auf freiem Fuß sein würde. Um Zeit zu gewinnen, ging er zum Schein auf die Forderungen der Staatssicherheit ein. Er fertigte Spitzelberichte an, hütete sich aber davor, Namen von Juden zu nennen, die Care-Pakete empfangen hatten.

Parallel traf er Verabredungen mit dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in West-Berlin, Heinz Galinski. Sie entwarfen einen Evakuierungsplan für die Juden in der DDR und vereinbarten eine Parole: "Großmutter im Sterben" lautete das Signal. Sobald sie diese Nachricht erreichte, sollten sich alle ausreisewilligen Juden mit ihren Angehörigen auf den Weg nach Berlin machen. Einige holte Meyer persönlich mit dem Auto in die Hauptstadt. Erstaunlicherweise ging nichts schief. Über Ost-Berlin erreichten alle Beteiligten im Februar 1953 den Westen.

Dass eine solche landesweite Aktion über die Bühne gehen konnte, ohne dass die Staatssicherheit Wind davon bekam, ist schwer vorstellbar. Zu vermuten ist eher, dass es die Politführung angesichts der historischen Belastung Deutschlands als klüger ansah, die jüdischen Mitbürger auf diese Art entkommen zu lassen, als ihnen auf Druck aus Moskau hin einen peinlichen Schauprozess machen zu müssen.

Exodus endgültig

Dazu allerdings wäre es schon aus einem anderen Grund nicht gekommen: Stalins Tod am 5. März 1953 änderte die Dinge grundsätzlich. Die Ärzte wurden rehabilitiert und konnten dem verstörten Sowjetvolk mitteilen, dass ihre Aussagen durch Folter erzwungen worden waren.

Die Flucht der Juden aus der DDR indes war endgültig. Mehr als 500 von ihnen waren Julius Meyer 1953 in den Westen gefolgt. Unter ihnen Vorsitzende und Beisitzer der jüdischen Gemeinden von Leipzig, Dresden, Halle und Erfurt. Aus Berlin-Niederschönhausen floh das gesamte jüdische Kinderheim gemeinsam mit seinen Betreuern. Auch den Ost-Berliner Kammergerichtspräsidenten Heinz Freund und Heinz Fried, den Direktor der Wasserbetriebe, zog es nach West-Berlin.

Was diese Abwanderungsbewegung für die jüdischen Gemeinden bedeutete, zeigt eine Statistik des Zentralrats der Juden in Deutschland: 1989, im Jahr der Wende, lebten in der DDR nur noch 400 Mitglieder der jüdischen Gemeinden, allein 250 davon in Ost-Berlin.

Julius Meyer hatte sich nach seiner Flucht in den Westen noch bis Mitte der siebziger Jahre einen Kampf mit bundesdeutschen Gerichten geliefert, die seinen Anspruch auf Entschädigung nicht anerkennen wollten. Als der westdeutsche Staat ihm auch noch den Status eines politischen Flüchtlings verweigerte, wanderte er mit seiner Familie nach Brasilien aus. Dort starb er 1979.


Zum Weiterlesen:

Annette Leo: Die 'Verschwörung der Weißen Kittel'. Antisemitismus in der Sowjetunion, in: Jan Foitzik (Hrsg.): Das Jahr 1953. Ereignisse und Auswirkungen, Potsdam 2004>

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Der Standard online, Logo

13.5.2013: Pharma aus dem Westen führte in der DDR Menschenversuche durch, auch mit Todesfällen

aus: Der Standard online: Pharmakonzerne führten Menschenversuche in der DDR durch; 13.5.2013;
http://derstandard.at/1363710778554/Pharmakonzerne-betrieben-Menschenversuche-in-der-DDR

<In Akten wird von mehreren Todesfällen berichtet.

Hamburg - Westdeutsche Pharmakonzerne sollen in mehr als 50 DDR-Kliniken hunderte Medikamentenstudien in Auftrag gegeben haben. Wie das Magazin "Spiegel" aus seiner neuen Ausgabe berichtete, dienten bis zum Mauerfall 1989 in rund 600 DDR-Kliniken mehr als 50.000 Menschen als Testpatienten etwa für Chemotherapie-Mittel und Herzmedikamente - oft ohne es zu wissen.

Mehrere Testreihen hätten zu Todesfällen geführt und mussten abgebrochen werden, berichtete das Magazin unter Berufung auf bisher unbekannte Akten des DDR-Gesundheitsministeriums, der Stasi und des Instituts für Arzneimittelwesen.

Den Akten zufolge starben bei einem Test des Hoechst-Medikaments Trental zwei Kranke in Ostberlin. In der Lungenklinik Lostau bei Magdeburg seien zwei Patienten gestorben, die mit dem von Sandoz entwickelten Blutdrucksenker Spirapril behandelt wurden - der Versuch wurde abgebrochen.

800.000 Mark pro Studie

An der Universitätsklinik Charité in Ostberlin ließ Boehringer-Mannheim die als Dopingmittel verwendete Substanz Erythropoetin (Epo) an 30 "unreifen Frühgeborenen" erproben, zitiert das Magazin aus den Akten. Bayer habe Nimodipin, ein Mittel zur Verbesserung der Hirndurchblutung, unter anderem an Alkoholikern im akuten Delirium testen lassen. Diese konnten aufgrund ihres Zustands nicht um Einwilligung gefragt werden.

Die Hersteller boten demnach bis zu 800.000 D-Mark pro Studie an. Manager der Westberliner Schering AG hätten der Charité sogar ein Testvolumen von jährlich sechs Millionen D-Mark angeboten. Führende Mediziner an der Charité waren sich laut Gesprächsprotokollen der Motive der Konzerne bewusst. So habe Schering im Westen wohl "generelle ethische Probleme: der Mensch als Versuchskaninchen", sagte damals ein zuständiger Charité-Arzt. Die DDR riskiere, wegen der Tests als "günstige Teststrecke" bekannt zu werden.

Patienten oft im Unklaren

Patienten seien über Risiken und Nebenwirkungen oft im Unklaren gelassen worden. Noch im März 1989 habe sich Hoechst laut Sitzungsprotokoll einverstanden erklärt, "dass der Aufklärungstext beim Prüfer verbleibt und nicht dem Patienten ausgehändigt wird". Weiter heiße es in dem Protokoll: "Die Einwilligung des Patienten wird durch Unterschrift des behandelnden Arztes und eines Zeugen" dokumentiert.

Die betroffenen Unternehmen weisen laut dem Bericht darauf hin, dass die Vorgänge weit zurücklägen. Klinische Tests würden prinzipiell nach strengen Vorschriften erfolgen. Der deutsche Verband Forschender Arzneimittelhersteller sehe "bisher keine Verdachtsmomente, dass irgendetwas faul gewesen wäre", schreibt das Magazin. (APA, 13.5.2013)>

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Welt
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11.8.2013: Staatsreisen der DDR-Regierung - und die Gegenleistung wurde zu teuer

aus: Welt online: Als Egon Krenz die Lust auf teure Reisen verging; 11.8.2013;
http://www.welt.de/geschichte/article118872393/Als-Egon-Krenz-die-Lust-auf-teure-Reisen-verging.html

<Während die DDR-Bürger von Reisen nur träumen konnten, jetteten Spitzenfunktionäre um die Welt. Dafür wurden Gegeneinladungen erwartet, die nach einer Notiz von Egon Krenz den Finanzplan sprengten.

Von

Wer als DDR-Bürger reisen wollte, der hatte es bekanntlich schwer. Der Zugang zur Welt war stark beschränkt, und wer eine der begehrten Fernreisen über das Reisebüro der DDR oder Jugendtourist ergattern wollte, brauchte viel Glück und Geduld beim Schlangestehen. Umso erstaunlicher die handschriftliche Notiz eines DDR-Bürgers von 1979: "In diesem Jahr werde ich keine Reise mehr machen!!" Doppeltes Ausrufezeichen, "keine" unterstrichen. Genossen, belästigt mich bitte nicht weiter mit Auslandsreisen!

Ja, auch Egon Krenz hatte es schwer. Denn von ihm stammt der Seufzer: "Keine Reise mehr!" Als Erster Sekretär des Zentralrats des Jugendverbandes FDJ war er einer der Spitzenfunktionäre der DDR – und in dieser Funktion so etwas wie der Vorsitzende eines florierenden Reiseunternehmens für aufstrebende Führungskräfte der DDR. Als Chef der FDJ war er selbst der gefragteste Reisende.

Schauen wir doch mal in seinen Reiseplan für 1979. "Lieber Egon", schreibt ihm seine rechte Hand Jochen Willerding, "es liegen uns gegenwärtig mehrere direkt an Dich gerichtete Einladungen befreundeter Jugendorganisationen vor. Das sind: UNJA (Algerien), UTOJ (Tunesien), ASHEED (VDR Jemen), GFIY (Irak), RYU (Syrien), JRDA (Guinea), JAAC (Guinea-Bissau), UJSC (Kongo), VdSAJ (KDVR), SDNL (Finnland)."

Die Abkürzungen sind keine Fluggesellschaften, sondern sozialistische Jugendorganisationen, kommunistische Bruderverbände. Überall auf der Welt finden in den 70ern und 80ern "Internationale Jugendkonferenzen" und "Freundschaftswochen" statt. Da muss man doch hin – auf ein Grußwort und überhaupt.

Zum Urlaub nach Nordkorea

Der Erste Sekretär Krenz entscheidet handschriftlich: Japan – "ja". Österreich – "nein". Moçambique – "später". Bulgarien – "Entscheide ich nach dem Besuch in Moskau". VDR Jemen – "Eventuell!!". Zypern – "ja". Vietnam, Laos, der andere Jemen, Algerien – "ja, ja, ja". Helsinki – "Entscheiden wir operativ!"

Fährt er nicht selbst, fahren andere ranghohe FDJ-ler. Böse nur, wenn man aus dem Reisekader geschmissen wird. Dann streicht Krenz den Namen eigenhändig durch. Doch gereist wird immer. Die Weltrevolution ruht nicht. Während die hohen Genossen ständig unterwegs sind, versucht der einfache Genosse daheim, mühsam einen Platz im betriebseigenen Ferienheim im Thüringer Wald zu ergattern. Das kann man nicht vergleichen – das eine ist politische Pflicht, das andere sind private Ferien? Nun ja, auch bei den Chefs mischen sich Privates und Politisches.

Der Genosse Aurich zum Beispiel legt seinen Besuch beim ungarischen Jugendverband in seinen Sommerurlaub am Balaton. Und der Genosse Hartmut König (der schrieb den Text zur Jugendhymne "Sag mir, wo du stehst") macht 1980 in Nordkorea Urlaub. Kein Witz.

Ein Delegation für 6131,81 Mark

Und Egon Krenz? Der kann sich des Urlaubsdrucks befreundeter Länder kaum erwehren. Die Genossen aus Rumänien rechnen "mit einem Freundschaftsbesuch oder Urlaubsaufenthalt Deinerseits 1982 in der SSR". Krenz handschriftlich dazu: "Bitte keine exakten Absprachen treffen! Dieses Jahr werde ich auf keinen Fall nach Rumänien reisen!" Kann man irgendwie verstehen.

Aber warum wird so stark um die exklusiven DDR-Besucher geworben? Ganz einfach – in vielen Ländern hofft man auf eine Gegeneinladung, Flug und Unterbringung inklusive. Eine Reise nach Ost-Berlin, ein Aufenthalt im Interhotel. Die schwedische Jugendorganisation, die griechischen Kommunisten, die panafrikanische Jugendbewegung – alle wollen vorbeikommen. Dazu noch die Privatreisen vieler hoher Genossen, mal der Brigadegeneral und Vorsitzende des Komitees für Revolutionäre Jugendzentren Somalias, mal der neue Präsident des Allgemeinen Verbandes Palästinensischer Studenten. Meistens bringen die noch eine Entourage mit.

Der Finanzplan der FDJ für Delegationsempfänge wird ständig überschritten. Statt der geplanten 3949 Mark für den Genossen Tudew ("2 Gäste" schreibt Krenz doppelt rot unterstrichen dazu) kostet der Aufenthalt nach zehn Tagen schon 6131,81 Mark. Und ein internationales Rundtischgespräch im Studentenlager Plänterwald, für das 250 Mark eingeplant wurden, endet mit einer 640-Mark-Rechnung. Man hat es an dem Abend wohl ordentlich krachen lassen.

"Das sieht nach Touristik-Programm aus"

Als sich im September 1982 eine indische Jugenddelegation für stramme vier Wochen DDR ankündigt – das Besuchsprogramm ist schon voll durchorganisiert – , reißt Krenz der Geduldsfaden. Wütend schreibt er seinem Stellvertreter Willerding: "Ich verstehe, dass eine Delegation, die aus Indien kommt, ein bis zwei Wochen bleibt, weil die Verkehrsverbindung einen kürzeren Besuch kaum ermöglicht. Eine Delegation, die allerdings vier Wochen in der DDR bleibt, ist ungewöhnlich, was sich ja letzten Endes im Finanzplan widerspiegelt, der noch ungewöhnlicher ist."

Fast täglich seien Essen, Empfänge und Imbisse eingeplant und dazu noch eine Tages-Verpflegungspauschale von 30 Mark für jeden. An manchen Tagen summiere sich das auf krasse 70 Mark pro Person. "Ich halte das für übertrieben. Wir müssen uns wieder daran gewöhnen, dass ein Gespräch auch bei einer Tasse Kaffee geführt werden kann, und die ist meines Wissens nicht teurer als 75 Pfennig."

Und ganz am Schluss dieser internen Hausmitteilung über die Inder-Delegation kann sich Egon Krenz ein P.S. nicht verkneifen. "Manche Tage sehen mir sehr nach einem Touristik-Programm aus", schließt er sein Schreiben. Ach, immer dieser Reisestress. Vermutlich hat Egon Krenz bei all den An- und Abflügen die Mauer um sein Land einfach nie bemerkt.>

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Deutsche Wirtschaftsnachrichten online,
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17.11.2013: Allgemeiner Antisemitismus in der DDR gegen "Judenknechte"

aus: Deutsche Wirtschaftsnachrichten online: Klassen-Kampf gegen „Judenknechte“: Der linke Antisemitismus in der DDR; 17.11.2013;
http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/11/17/klassen-kampf-gegen-judenknechte-der-linke-antisemitismus-in-der-ddr/

<Gregor Gysi beklagt den linken Antisemitismus. Er sollte ihn nicht überraschen: In der DDR waren antisemitische Klischees Teil der Propaganda gegen den Kapitalismus. Führende Journalisten wurden nahtlos von Autoren für SS-Blätter zur Elite der DDR. Die Säuberungen in der UdSSR hatten ihr Pendant in einer antisemitischen Kampagne in der DDR. Viele der antisemitischen Muster haben die DDR-Zeit überlebt. Er gibt eine bemerkenswerte Kontinuität des Antisemitismus von der Nazi-Zeit bis zum Ende der DDR - und darüber hinaus.

Gregor Gysi sagt in einem Interview mit der Welt:

In der DDR gab es immer gute offizielle Beziehungen mit der PLO und gar keine Beziehung zu Israel. Deshalb gibt es im Osten bei vielen, zumindest in meiner Partei, ein schlechtes Gewissen. Als ich eine andere Politik machte gegenüber Israel, wurde das dort deshalb auch offen angenommen. Im Westen hatte die Bundesregierung immer gute Beziehungen zu Israel, aber kaum Beziehungen zur PLO. Wenn man in der Opposition zur herrschenden Politik war, stellte man sich deshalb aufseiten der Palästinenser, zumal sie die Schwächeren sind, keinen eigenen Staat haben.“

Diese Darstellung entspricht nicht den Fakten, im Gegenteil: Es gab eine hasserfüllte Politik gegen Israel, die ganz offen und sehr gekonnt alle bekannten antisemitischen Klischees bedient. Vieler dieser Denkweisen finden sich bis heute bei den Linken wieder: Antisemitismus und Kapitalismus-Kritik gehören in der Geschichte des linken Diskurses zusammen – und leben mindestens unterschwellig bis heute weiter.

Michael Maier hat in seiner im Jahr 2000 in einer vom Koebner Institut für Deutsche Geschichte der Hebräischen Universität Jerusalem veröffentlichten Untersuchung etwas anderes herausgefunden. Der Titel der Untersuchung: „Antisemitismus in den Medien der DDR. Stereotypen, Ideologie und die Täter von einst. Über Kontinuitäten im zweiten deutschen Staat.

Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten dokumentieren im folgenden einen Auszug.

Der Antisemitismus erfolgte in der DDR in unterschiedliche Phasen. Die stalinistischen Säuberungen fanden ihr Echo auf deutschem Boden genauso wie, wenngleich erst sehr spät, Glasnost und Perestrojka. Den Juden gegenüber hielten sich im wesentlichen die bekannten Positionen: Was das Dritte Reich betraf, so war für die DDR das Thema auf ihrem Territorium erledigt, weil der BRD die alleinige Nachfolge zugewiesen wurde. Antisemitische Ausschreitungen in Westdeutschland wurden mit Entrüstung angeprangert. Die Entnazifizierung war in der SBZ „entschlossener und konsequenter als in den Westzonen umgesetzt“ worden. Allerdings: „Die Entfernung ehemaliger NSDAP-Mitglieder aus allen wichtigen Stellungen diente … nicht nur der Abrechnung mit dem Nationalsozialismus, sondern sollte zugleich den kommunistischen Führungsanspruch im Zuge der ‘antifaschistisch-demokratischen Umwälzung’ durchsetzen.“

Mit den Reparationszahlungen an die Sowjetunion betrachtete die DDR ihren Beitrag zur Wiedergutmachung vor der Geschichte als geleistet. Die Juden in der DDR genossen dieselbe Freiheit wie die Christen: Ihre Religion wurde als Relikt aus einer unvollkommenen Welt gesehen. Der Umgang mit den außerhalb der DDR lebenden Juden war von den geopolitischen Interessen des Ostblocks geprägt. Amerika war der Hauptgegner im Kalten Krieg und außerdem der Sitz des internationalen Finanzkapitals. In der Nahostpolitik bekämpfte die DDR Israel mit den schärfsten rhetorischen Waffen, unterstützte die arabischen Feinde des jüdischen Staates und gewährte Terroristen Unterschlupf.

Der „Fall Paul Merker“

Wie sehr antisemitische Stereotypen in der Gesellschaft der DDR vorhanden waren, zeigt der „Fall Paul Merker“.[58] Merker vertrat als führendes Mitglied der Partei eine moderne Haltung zum Judentum, weil er als Emigrant in Mexiko eine klare Sicht gewonnen hatte als jene, die innerhalb Deutschlands von einem System ins andere wechselten oder aber auch jenen, die ausschließlich in Moskau geschult worden waren, um in der DDR führende Funktionen zu übernehmen.

Merkers Positionen deckten sich im wesentlichen mit denen jener Intellektuellen, die durch die Erfahrung des Nationalsozialismus dem Kommunismus grundsätzlich sympathisierend gegenüberstanden.[59] Merker musste, in die DDR zurückgekehrt und in den Sog der antisemitischen Welle der sogenannten Moskauer Ärzte Prozesse geraten, am eigenen Leib erfahren, dass es nicht mehr der theoretisch-humanistische Ansatz war, der die politische Gestalt der DDR prägte, sondern eine diktatorische Bürokratie, eingebunden in den unzweideutigen Frontverlauf des Kalten Krieges.

Die Führung der SED wählte als ihren Beitrag zu Stalins antisemitischem Säuberungsprogramm keinen Juden: „Die Ursachen mögen in einem zweifellos bei DDR-Offiziellen vorhandenen deutschen Schuldkomplex gegenüber Juden zu suchen sein. Ein offen zur Schau getragener Antisemitismus hätte zudem das ohnehin geringe internationale Prestige des ostdeutschen Staates und seiner Führung enorm beeinträchtigt.“[60]

So entschied man sich für eine andere Strategie als die tschechoslowakische KP, die 1952 im „Prozess gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörungszentrums mit Rudolf Slánsky an der Spitze“ unmissverständlich die jüdische Herkunft der vermeintlichen Staatsgegner hervorhob: „Das Bild einer ‘jüdischen Weltverschwörung’, von Hitler nur sieben Jahre früher gezeichnet, lebte im Prager Prozesssaal wieder auf … Der Slánsky-Prozess hatte für Stalin einen ähnlichen Stellenwert wie die Reichspogromnacht vom 9. November 1938: Die Reaktion des Auslandes, aber auch der Bevölkerung, sollten zeigen, ob bei den weiterreichenden Repressalien mit irgendeinem manifesten Widerstand zu rechnen war.“[61]

Dabei ist anzumerken, dass der  Pogrom von 1938 bei der Bevölkerung keineswegs zu jenem durchschlagenden Erfolg geworden war, den sich die Nazis gewünscht hatten: „… Der Kristallnacht-Pogrom hat gezeigt, dass die deutsche Öffentlichkeit alles andere als enthusiastisch auf die Plünderung des (jüdischen) Eigentums und die Niederbrennung der Synagogen reagierte. Der Pogrom war nicht ‘spontan’, sondern zentral vom Regime koordiniert, welches über die Vorbehalte in der Bevölkerung durch die Geheimdienstberichte genau informiert war. In der Konsequenz wurde Gewalt gegen die Juden künftig geheim und in einer ‘ordentlicheren’ Weise durchgeführt.“[62]

Zwar kann nicht angenommen werden, dass die DDR-Führung in bewusstem Rekurs auf die nationalsozialistischen Erfahrungen ein derart strategisches Kalkül verfolgte, als sie mit Merker einen Nicht-Juden als Hauptopfer in einem antisemitischen Prozess wählen würde – bemerkenswert ist die Parallele offensichtlicher Skrupel jedenfalls. Allerdings dürften andere Gründe den Ausschlag für die Wahl Merkers zum „Hauptangeklagten“ gegeben haben: „… In Deutschland selbst schien jede Regierung, die auch nur den leisesten Versuch machte, den Juden zu schaden, politisch und moralisch für immer geächtet. Am wenigsten war denkbar, dass der offizielle Kommunismus, die SED-Führung, die Solidarität mit den Juden aufkündigen könnte … Nach der Barbarei des Nazismus schien es unmöglich, dass eine antijüdische Politik in dem Land, von dem der Holocaust ausgegangen war, mehrheitsfähig werden könnte.“[63]

Neben diesen Bedenken dürften auch machttaktische Erwägungen innerhalb des Ostblock-Gefüges eine Rolle gespielt haben, zumal Stalin Ulbricht stets zu schwächen suchte und durchaus politischen Nutzen darin gesehen hätte, Ulbricht mit dem „Odium des Antisemitismus zu belasten“:[64]Ulbricht und seine Anhänger durften im Interesse des eigenen Überlebens Stalins Weg der offenen Judenverfolgung nicht mitgehen … Es erschien ihnen opportuner, ‘zionistische Abweichungen’ von der Parteilinie im Kontext ihrer Kampagne gegen ‘Westemigranten’ zu bestrafen. Ein Jude wie Abusch[65] hätte als ‘deutscher Slánsky’ Ulbricht weit mehr geschadet als genützt. Auch in einem Schauprozess mit antisemitischer Komponente schien ein Nichtjude als Hauptangeklagter besonders prädestiniert. Dann fiel es gegebenenfalls leichter, den Vorwurf des Antisemitismus zurückzuweisen.“[66]

Dessen ungeachtet präsentierte die SED mit den am 4. Januar 1953 im „Neuen Deutschland“ die „Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slánsky“, in welchen etliche antisemitische Klischees eingesetzt wurden.[67] Paul Merker hatte allerdings doppeltes Pech. Auch seine jüdischen Mitstreiter distanzierten sich von ihm, nicht zuletzt, um selbst der Verfolgung zu entgehen.[68]

Die Vernehmungen von Paul Merker sind aufschlussreich. In der DDR-Bürokratie eigenen Sachlichkeit lassen sich die bekannten Schemata wie etwa jenes der jüdischen Weltverschwörung erkennen.[69] Ein in die Zelle Merkers eingeschleuster Stasi-Spitzel mit dem Decknamen „Erich“ berichtet: „Am 29.1.53, als Merker von der Vernehmung kam, erzählte er folgendes: ‘Es ist ja wie bei den Faschisten. Heute wurde mir vorgeworfen, ein ‘Judenknecht’ zu sein, weil ich 1942 einen illegalen Artikel gegen den Antisemitismus in Deutschland  geschrieben und verbreitet habe.“[70] Von einem Verhör am 9. Februar zitiert der Stasi-Mann Merker mit den Worten: „Am Abend waren wieder alle drei Halunken über mich hergefallen und haben auf mich eingeredet … Man nennt mich einen König der Juden, weil ich einen Artikel in allen Auslandszeitungen, welcher für die Juden war, geschrieben habe.“[71]

Und an anderer Stelle berichtet „Erich“ über Merkers Erzählung von einem Verhör: „In sachlicher Form wurde ich gefragt, ob ich zionistischen Organisationen angehöre, man möchte gerne, dass ich ein Jude bin.“[72] Auch wenn die DDR also auf die unmittelbare Verfolgung von Juden verzichtete, zeigt der Umgang mit Paul Merker dennoch Bemerkenswertes. Der Antisemitismus war für die SED-Führung eine Option. Er blieb im Repertoire und wurde, wie jede andere politische Maßnahme, ins Kalkül gezogen. Aus taktischen Erwägungen kam es jedoch nicht zu einer direkten Umsetzung.

Zugleich war, wie die Vernehmungen Paul Merkers zeigen, das ganze Repertoire antisemitischer Stereotypen bei den meist schlichten Fragestellern und Stasi-Spitzeln mit Händen zu greifen: Bilder wie „Judenknecht“ oder „König der Juden“ sind in einem Staat ohne Antisemitismus schwer denkbar. Die Merker-Affäre führt jedenfalls vor Augen, dass es mit einer echten „Läuterung“ in der DDR nicht weit her war. Wenn die Juden nicht unmittelbar verfolgt wurden, so verdanken sie dies nicht der neuen Gesinnung, sondern dem Zufall der Geschichte und der Berechnung der Machthaber, die aus der Verschonung der Juden einen größeren eigenen Vorteil zu ziehen suchten. Das Damoklesschwert über den Juden blieb jedoch.

Die latente Bedrohung entkräftet ein weiteres Argument, welches zur „Ehrenrettung“ der DDR gerne angeführt wird. Anders als in der Nazi-Zeit hätte es unter kommunistischen Vorzeichen keinen Zustand der Unentrinnbarkeit gegeben; ein sicheres Leben sei, im Falle der Aufgabe des Judentums, stets möglich gewesen. Diese Theorie ist angesichts der Willkürherrschaft nicht aufrechtzuerhalten: Wie hätten sich Juden existenziell schützen sollen, wenn das Regime sogar dazu bereit war, aus Nichtjuden wie Merker eine Symbolfigur der Judenverfolgung zu machen?

Im Gegenteil: Die Ereignisse nach der Veröffentlichung der „Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slánsky“ führten zu einer nachhaltigen Verunsicherung bei den Juden und zu einer breiten Fluchtwelle: „… Nachdem am 14. Januar 1953 die ‘Prawda’, tags darauf das ‘Neue Deutschland’ eine erste Meldung über die Verhaftung jüdischer Ärzte in Moskau veröffentlichte, die als Agenten des JOINT, ‘der internationalen jüdischen bürgerlich-nationalistischen Terrororganisation’ angeblich bereits mehrere sowjetische Partei- und Staatsfunktionäre ermordet hätten und planten, auch Stalin umzubringen, wurde allen Juden in der DDR bewusst, wie gefährlich die Situation für sie war.“[73]

Die SED-Funktionäre wussten, dass sie in eine heikle Lage geraten könnten. Hermann Matern, der Leiter der Zentralen Partei Kontrolle Kommission (ZPKK), zur Strategie: „Der RIAS trommelt, dass wir plötzlich Anti-Semiten geworden sind, weil bei den Gaunern auch Juden sind. Uns ist Religion und Hautfarbe gleich, aber das, was jetzt ist, ist eine Klassenfrage und keine Rassenfrage. Wir reden auch nicht von Semiten, sondern von ‘Zionisten’.[74] Offenbergs Bewertung dieser Aussage ist treffend: „Das kam eher einer Legitimation der antisemitischen Motive als einem Dementi gleich.“[75]

Dass die Geschichte mit dem Tod Stalins eine Wendung nahm, kam den Juden in der DDR zu Hilfe. Der Preis war jedoch hoch. Die meisten jüdischen Gemeinden waren durch die Flucht nicht zuletzt der Vorstände enorm geschwächt; den einzelnen Juden war die Unberechenbarkeit des Systems vor Augen geführt: „Der Bericht eines Beobachters des Jüdischen Weltkongresses in Berlin vom 27. Februar 1952, kommt zum Schluss: Obwohl es nicht zutrifft, dass rassische Gesetze in der Sowjetischen Republik erlassen wurden, wurde mir bestätigt, dass ‘streng vertrauliche’ Rundschreiben an Partei- und Regierungsinstitutionen gesandt wurden mit der Aufforderung, die Namen von Juden und gemischter Herkunft, die in politischen und administrativen Organisationen aktiv sind, bekanntzugeben.“[76]

Welche Gefühle solche Gerüchte bei den Juden in der DDR auslösen mussten, liegt auf der Hand, war doch klar: „Die Juden, als Juden, werden zumindest der Illoyalität verdächtigt; sie gelten als Sicherheitsrisiko, mit all den Konsequenzen, die sich aus solch einer Klassifizierung in einem totalitären System ergeben.“[77] In den Medien kam es zu „Säuberungen“, die vielleicht nicht spektakulär, deswegen jedoch nicht minder brutal erfolgten: „Prominente jüdische Opfer dieser Kampagne waren der Chefredakteur des Neuen Deutschlands, Lex Ende, und der Chefredakteur des Deutschlandsenders, Bruno Goldhammer … Erich Jungmann, wie Merker während der Zeit des Nationalsozialismus im mexikanischen Exil und dann Mitglied des Zentralkomitees der SED, wurde im März 1953 aller seiner Funktionen – er war Herausgeber der Berliner Zeitung und der Geraer Volkswacht – enthoben.“[78] So hatte die Entwicklung die Hardliner gestärkt; die Juden in exponierter Stellung waren jedenfalls beschädigt worden.[79]

Ex-Nazis als Meinungs-Macher

Der Schriftsteller und Literaturhistoriker Alfred Kantorowicz kommentierte am 30. November 1952 in seinem Tagebuch die Berichterstattung über den Slánsky-Prozess im „Neuen Deutschland“: „Das ist die Sprache Streichers, die Gesinnung Himmlers, die Atmosphäre der Gestapoverhöre und der Volksgerichtshof-Verhandlungen unter Freislers Vorsitz, der ‘Moral’ der Menschenschlächter von Dachau und Buchenwald, der Vergaser von Auschwitz und Maidanek. Hitler, du hast Schule gemacht – nicht nur im Westen … , sondern auch im Osten.[80] Dies ist auch auf die Tatsache zurückzuführen, dass sich die DDR trotz einer nach außen sorgfältigen erscheinenden Entnazifizierung tatsächlich in vielen Bereichen noch der Tätergeneration aus dem Dritten Reich bediente. Darüber können auch die antifaschistischen Kampfparolen und die immer wieder an den Tag gelegte „Moral des Abscheus“ gegenüber antisemitischen Auswüchsen in der BRD nicht hinwegtäuschen.

Noch 1988 bemerkte Isaac Neumann, ein halbes Jahr lang Rabbiner für die jüdischen Gemeinden der DDR, er sei besorgt über die Entwicklungen in der DDR, weil die Regierenden „den Antisemitismus niedergemäht“, ihn jedoch „nicht entwurzelt“ hätten.[81] So einfach wäre das auch gar nicht gegangen: Wie die Bundesrepublik war auch die DDR nach 1945 gezwungen, mit dem vorhandenen Volk zu leben und arbeiten. Eine Auswechslung der Bevölkerung war unmöglich, zudem drängten vordergründige Probleme nach einer Lösung. Das Land war wirtschaftlich und gesellschaftlich neu zu organisieren – und das unter den noch unerprobten sozialistischen Idealvorgaben. Die drängenden Fragen lauteten: Wer gehörte zur herrschenden Klasse, wie konnten die Eigentumsverhältnisse neu geordnet werden, wo war die Bourgeoisie, wer entsprach dem Typ des Werktätigen?

Die Erklärung der Gesellschaft aus den Produktionsverhältnissen speiste zudem die Illusion der „Machbarkeit“: War der dialektische Materialismus einmal durchgesetzt, würden sich alle Probleme von selber lösen. Wer sich bessern wollte, konnte dies tun; nachgeholfen wurde schon sehr bald unter dem Gesichtspunkt der Machterhaltung. Die Säuberung als politisches Instrument war ein probates Mittel, die Kriterien waren willkürlich. In der Zeit unmittelbar nach 1945 war es nicht selten blinder Eifer, der die „Aufarbeitung“ vorantrieb.

Dabei ist zu bedenken, dass „Anfang und Ende der DDR … eng mit der Entwicklung in der Sowjetunion verknüpft“[82] waren. Die Bemühungen des Sowjets um rasche und gründliche Entnazifizierung stießen an die Grenzen des physisch Machbaren. So beklagte der spätere Spionage-Chef der DDR, Markus Wolf, wie schwierig eine Säuberung im Berliner Rundfunk an der Masurenallee war, zu deren Durchführung er von den Sowjets hinbefohlen war. Der Sendebetrieb war noch zum großen Teil von jenen durchgeführt, die es unter den Nazis getan hatten. Wolf wird mit der Bemerkung zitiert: „Wir sind hier 6 Mann Deutsche und 1 Major mit 600 Mann der ‘Alten’. Ein Ausmisten ist leider nur zu einem kleinen Teil möglich.“[83]

Die Wirrungen der Nachkriegszeit führten gelegentlich zu groteskem Unrecht: „Im Lager Fünfeichen war ein ehemaliger ‘S-Bahn-Führer’ drei Jahre eingesperrt, weil die Sowjetmacht die Berufsbezeichnung ‘als SS-Bannführer’ missverstand.“[84] Die gefürchteten „Waldheimer Kriegsverbrecherprozesse“ hatten zwar eine formal-juridische Grundlage,[85] entsprachen aber „nicht einmal ansatzweise“ den Bestimmungen des „Gerichtsverfassungsgesetzes und der Strafprozessordnung der DDR“[86] Das Hauptproblem für die nachfolgende DDR bestand daher darin, dass trotz einer zahlenmäßig umfangreichen Entnazifizierung viele ehemalige Parteigenossen auch in die neue Gesellschaft integriert wurden, ohne dass es zu einer echten Läuterung gekommen wäre. Die dafür erforderlichen Kriterien waren kaum zu formulieren, von einer Überprüfung der inneren Einstellung ganz zu schwiegen.

Der Ansatz der DDR, ehemalige Nazis dann zu integrieren, wenn sie sich um die Produktion besonders verdient gemacht hatten,[87] erscheint als denkbar ungeeignet, um eine veränderte Gesinnung zu erkennen. Ganz zu schweigen von der Frage, wie weit die verbliebene Überzeugung in der späteren Arbeit für den Sozialismus – reflektiert oder unbewusst – Bedeutung erlangte. In vielen gesellschaftlichen Milieus lassen sich daher bemerkenswerte Kontinuitäten erkennen. Dies gilt zum Beispiel für die Staatssicherheit: „Ehemalige Gestapo-Informanten, welche bereit waren sich als Informanten für den neuen Ostdeutschen Staatssicherheitsdienst (Stasi) zu betätigen, wurden großzügig belohnt.[88]

Für das Medienwesen machte Simon Wiesenthal in einer Pressekonferenz am 6. September 1968 in Wien erstmals auf den Umstand aufmerksam, dass es sich nicht um bedauerliche Einzelfälle, sondern eine politisch gewollte Tendenz handele. Wiesenthal diagnostizierte, dass die Sprache der DDR-Propagandisten erheblich aggressiver sei als jene des Journalisten in anderen Ländern des Ostblocks.[89] Anlass für die Untersuchung des „Dokumentationszentrums des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes“ war die Berichterstattung über den Sechs-Tage-Krieg gewesen. Dabei schränkte Wiesenthal die Bedeutung der Presse in kommunistischen Ländern zwar grundsätzlich ein: „Wir müssen verstehen, dass die Presse und Propaganda in einem totalitären Staat eine besondere Rolle spielt. Sie wirkt nicht meinungsbildend oder willensbildend unter der Bevölkerung, sondern vermittelt Befehle von oben, um richtungsweisend zu sein, denn es gibt keine öffentliche Meinung, nur, die eben von oben kommt …[90]

Allerdings: „Diese Überlegungen erklärten aber noch nicht den großen Unterschied zwischen dem Ton in der DDR und den übrigen Ostblockstaaten; der Verwandtschaftsgrad zum Nationalsozialismus musste im Pressewesen ein höherer sein. Ein kleines Experiment bei der Analyse der Texte führte zu einem verblüffendem Ergebnis: Wenn man in den Kommentaren der DDR-Blätter das Wort ‘Israeli’ durch ‘Jude’ sowie ‘fortschrittliche Kräfte’ durch ‘Nationalsozialismus’ ersetzte, glaubte man plötzlich eine Vorlage aus Goebbels’ Propagandaministerium vor sich zu haben. Die Ähnlichkeit der Gedanken und Begriffe ergab sich aber auch, wenn man den umgekehrten Weg ging und probeweise Artikel aus der NS-Zeit mit Vokabeln aus dem DDR-Wortschatz ausstattete.“[91]

Wiesenthal sieht die Ursache für dieses Phänomen in einer über weite Strecken nachzuprüfenden Identität der Täter, wobei er auf die Schwierigkeit der Recherche hinweist, „da sich unsere Untersuchungen gegen fest im Sattel sitzende Funktionäre des Propagandaapparats, gegen anerkannte Autoren und Redakteure in leitender Stellung richteten … Das Ergebnis hat alle Erwartungen – oder Befürchtungen – übertroffen.“[92]

Wiesenthal kam auf insgesamt 39 Fälle[93] zu sprechen, in welchen nach den Recherchen seines Dokumentationszentrums ehemalige hochrangige Nationalsozialisten mehr oder weniger übergangslos in den Propagandaapparat der DDR übergewechselt hatten: „Da gibt es ehemalige Parteigenossen, SS-Männer, SA-Führer, Vertrauensleute der Gestapo, Angehörige von Propagandakompanien, Mitarbeiter des NS-Rundfunks, des ‘Völkischen Beobachters’, des ‘Schwarzen Korps“, Beamte des Propagandaministeriums, Mitglieder des SS-Rasse- und Siedlungs-Hauptamts, Angehörige der berüchtigten ‘Legion Condor’. Sie tragen heute Orden der DDR, bekleiden in vielen Fällen die Stellung eines stellvertretenden Chefredakteurs (der wenige Repräsentationspflichten zu erfüllen hat), bilden in einigen Blättern – wie in der Redaktion des ‘Neuen Deutschland’ und der ‘Deutschen Außenpolitik’ – eigene Nazi-Cliquen.“[94] Wiesenthal analysiert die Entstehung des Phänomens: „Diese Leute in diesen Funktionen zu beschäftigen, ist für die Machthaber auch bequem: Da sie das System der Diktatur bereits gewohnt sind, lassen sie sich  leichter lenken als auf dem Boden der Demokratie gewachsene oder jüngere, von revolutionären Ideen geleitete Journalisten. Ebenso bequem ist es für die NSDAP-Anhänger selbst – sie können ihre alte Linie unter einem anderen Machthaber weiter pflegen.“[95]

Die Kritik betrifft nicht nur ehemalige NS-Größen oder Kriegsverbrecher, sondern auch Mitläufer und einfache Parteigenossen. Die Integration  war in der DDR dank des deutschen Nachkriegskonsenses kein Problem, da dieser auf einem „formal-autoritären Pflichtbewusstsein welchem Staat gegenüber auch immer“[96] beruhte: „Ein solches System war geradezu prädestiniert, Mitläufer des NS-Regimes zu absorbieren, denn sie waren Ein- und Unterordnung gewohnt, wobei in der Geschlossenheit des DDR-Systems niemand öffentlich Rechenschaft über seine NSDAP-Mitgliedschaft ablegen musste.“[97]

Wiesenthals Untersuchung ist eine Momentaufnahme. Aber sie erfolgte zu einem Zeitpunkt (1968), als die DDR in ihrer „Blüte“ stand. Für die Frage, inwieweit antisemitisches Gedankengut für die Berichterstattung von Relevanz gewesen sein könnte, sind einzelne Biografien höchst aufschlussreich.

So diente unter dem ehemaligen NSDAP-Mitglied Karl Blecha als dem Pressechef der DDR-Regierung[98] Hans Walter Aust als Chefredakteur des DDR-Organs „Deutsche Außenpolitik.“ Aust hatte unter anderem für das SS-Organ „Schwarzes Korps“[99] gearbeitet. Dr. Richard Arnold, Chefredakteur des NDP-Blattes „Der nationale Demokrat“ hatte in seinem für die Personalakte der NSDAP verfassten Lebenslauf geschrieben, er sei „zuständig für die vollständige Entjudung des deutschen Geisteslebens. Diese Entjudung ist nicht nur personell durchzuführen – durch Beseitigung aller Juden und Judenknechte aus Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Es geht um die Tilgung jeglicher Spur Judengeistes aus der deutschen Kultur.“[100]

Die Bücher Kurt Hertwart Balls, Mitarbeiter des Propagandaamtes der DDR, waren vom Reichssender Leipzig 1936 als „Kampfschriften des nordischen Geistes“ empfohlen worden.[101] Ball wirkte außerdem von 1932 bis 1935 als Hauptschriftleiter der antisemitischen Zeitschrift „Hammer“.[102] Johannes Caspar, Redakteur der „Mitteldeutschen Neuesten Nachrichten“, hatte im „Waldheimer Tagblatt“ die Nürnberger Rassengesetze als „notwendiges chirurgisches Heilverfahren“ bezeichnet.[103] Horst Dreßler-Andreß, Regisseur, Oberspielleiter und Mitarbeiter des Agitprop, war Präsident der NS-Reichsrundfunkkammer gewesen und galt als solcher Begründer der gesamten NS-Rundfunkpolitik.[104]

Lieselotte Otting, im Zentralvorstand der LDP verantwortlich für das Referat Kultur und Publizistik, war in der NS-Zeit Förderungsmitglied des berüchtigten „Lebensborn e.V.“ gewesen, einer Einrichtung, die nach Himmlers Definition der „Förderung des rassebewussten Geschlechtsverkehrs der SS und zur Aufnordung des deutschen Volkes“ diente.[105] Reimund Schnabel, Redakteur der „Neuen Zeit“ und Mitarbeiter des „Deutschland-Senders“, war 1938 vom Reichsjugendführer belobigt worden, weil er „in vier Fällen jüdische Elemente, die sich in die HJ-Führerschaft eingeschlichen hatten, entlarvte und pflichtgemäß der Bestrafung zuführte.“[106]

Heinz Thiel, Redakteur der SED-Zeitung „Freiheit“, hatte 1940 in einem Bericht über eine Säuberungsaktion gegen sowjetische Heckenschützen geschrieben, „ es sei ein Symbol, wie die asiatischen Untermenschen von den Tigern unserer tapferen Waffen-SS wie Wanzen zerquetscht werden.“[107] Max Hartwig wurde nach dem Krieg persönlicher Referent des Vorsitzenden der Ost-CDU, Otto Nuschke. In seinen Aufgabenkreis fiel die Publikationspolitik der Partei. Er hatte der SS angehört. 1939 arbeitete er in der Kommandatur des KZ Oranienburg, später in Buchenwald. Der berüchtigte SS-Obergruppenführer Theodor Eicke übernahm Hartwig in die Totenkopf-Division.[108]

Ein besonders bemerkenswerter Fall ist Dr. Karl-Heinz Gerstner. Er war einer der Stars der DDR-Medienwelt: Seine Tätigkeit als Chefreporter bei der „Berliner Zeitung“, eine sonntägliche Wirtschaftsbetrachtung im Radio und schließlich die TV-Sendung „Prisma“ verhalfen Gerstner zu landesweiter Bekanntheit. Simon Wiesenthal nennt ihn einen „Günstling von Kriegsverbrechern zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilte Otto Albertz und führt an, dass er für die Wehrmacht eine Broschüre mit dem Titel „Verniggertes Frankreich“ verfasst hat.[109]

Als Gerster 1999 unter dem Titel „Sachlich, kritisch, optimistisch“ seine Memoiren herausbrachte, schien er schon zu ahnen, dass es Diskussionen geben könnte. Jedenfalls fällt bei seinem Buch auf, dass er über weite Strecken in großer Selbstgefälligkeit seine Märtyrerrolle während des Krieges betont.[110]

Götz Aly, der das Buch rezensierte, ging mit Gerstner hart ins Gericht: „Seinen Eintritt in die NSDAP am 1. Mai 1933 will er nur aus ‘Hass gegen Hitler’ vollzogen haben, ‘um etwas gegen die Nazis’ zu tun. In den zeitgenössischen Dokumenten des Auswärtigen Amts liest sich das anders. Zum Beispiel meldete Gerstner 1942 seinem Chef: ‘Eine sehr erfreuliche Erscheinung ist der junge rumänische Wirtschaftsjournalist Matresco, der von den nationalsozialistischen Wirtschaftsauffassungen und der deutschen Mission in Europa überzeugt ist. Im Übrigen ziehen wir Matresco näher an die Botschaft heran.’ Im Spätsommer 1944, als Frankreich schon halb befreit war, regte Gerstner an: ‘Die Widerstandsbewegung ist gegen die alten politischen Routiniers aufzuhetzen. Die radikalen wirtschaftlichen und politischen Erwartungen der Widerstandsbewegung sind gegen die von den Engländern und Amerikanern unterstützte kapitalistische Reaktion auszuspielen und umgekehrt.’“ [111]

Simon Wiesenthal hatte den Verdacht geäußert, Gerstner habe sich als Agent provocateur betätigt.[112] Aly sieht Gerstners Verhalten in Paris eindeutig: „… Wenig widerstandsfreundlich hatte sich (Gerstner) am 27. November 1941 in Paris um 14 Uhr verhalten: Auf einem markierten Fußgängerübergang herrschte lebhafter Passantenverkehr. Gerstner hielt mit seinem Dienstwagen angeblich vorschriftsmäßig an, um, ‘als die Fußgänger nicht zur Seite gingen, mehrmals zu hupen’. Weiter heißt es in dem Bericht: ‘Ein Franzose, der sich hierüber offenbar ärgerte, trat daraufhin mit seinem Stiefel heftig an den Kühlerschutz des haltenden Wagens’ und versuchte dann, in der Menge zu verschwinden. Aber Gerstner setzte ihm nach, nahm ihn fest und ließ den ‘Täter’ (Herrn Aubrie, Carte d Identité No 129 6219, Serie B) durch die Deutsche Botschaft dem Wehrmachtskommandanten von Groß-Paris melden, mit der ‘Bitte um entsprechende Veranlassung’ zwecks Ahnung dieser ‘eindeutig deutsch-feindlichen Kundgebung‘. [113] Außerdem belegt Aly Gerstners Tätigkeit Spitzel-Tätigkeit für die Staatssicherheit als Informeller Mitarbeiter mit Feindberührung, wofür Gerstner ein Zusatzgehalt bezogen haben soll.[114]

Codewort Antizionismus

Einer der dominanten Begriffe der DDR-Propagandasprache war jener des „Zionismus“ bzw. „Antizionismus“. Der Begriff wurde meist als Gegenstück zum Antisemitismus verwendet. Dies ermöglichte das moralische Wohlbefinden, weil immer darauf verwiesen werden konnte, dass man sich ja explizit gegen den Antisemitismus ausgesprochen hatte. Diejenigen, die gegen die Zionisten wetterten, waren ebenso „politisch korrekt“ wie die Zuhörer oder Leser. Für sich betrachtet, wohnt der Idee eine gewisse Logik inne; erschließt es sich doch dem gesunden Menschenverstand sehr leicht, dass es gute und böse Juden gibt. Mit der Rede von den „Zionisten“ waren immer zugleich die „guten“ Juden ausgenommen. So wurde suggeriert, das es niemals ein rassistischer Ansatz war, sondern eine wissenschaftlich-objektive „Analyse“, deren Parameter unstreitig vom sozialistischen Erklärungsmodell rührten. Dies sei im Interesse der Verbesserung der Welt nicht nur zulässig, sondern gefordert.

Wie sehr jedoch unter dem Stichwort „Zionismus“ Stereotypen konserviert wurden, die als antisemitisch zu qualifizieren sind, belegt die exemplarische Analyse zweier Texte: In der „Diskussion mit dem Leser“ erläutert der stellvertretende Chefredakteur der „Neuen Zeit“, worum es geht.[118] Ein Leser „Jean Pierre Jolly“ aus Paris stellt die Frage: „In Ihrer Zeitschrift wie in anderen sowjetischen Presseorganen stößt man oft auf Artikel, die den Zionismus und die Zionisten scharf kritisieren. Aber ist das richtig? Können doch Attacken gegen den Zionismus objektiv dazu beitragen, dass der Antisemitismus auflodert.“[119] In der Antwort wird der Antisemitismus als Werk der Juden dargestellt. Es wird behauptet, „dass der Antisemitismus für die Zionisten von Vorteil ist … In Wirklichkeit, so paradox das auch zuerst scheinen mag, können sich gerade die Zionisten eine Verwirklichung ihrer Pläne ohne den Antisemitismus nicht vorstellen. Nicht von ungefähr lehrte einer der Begründer des Zionismus schon Ende des 19. Jahrhunderts: ‘ … Der Antisemitismus als starke und eher unterbewusste Macht wird den Juden nicht schaden. Ich halte ihn für eine Bewegung, die der jüdischen Individualität nützlich ist.‘ Ein anderer Führer des Zionismus, Ben Gurion, viele Jahre israelischer Regierungschef, sagte, das beste Mittel, die Juden im Ausland zur Emigration nach Israel zu veranlassen, sei es, die schlimmsten Formen des Antisemitismus zu verbreiten … Unwiderlegbare Beweise wurden publik, dass gerade Agenten zionistischer Geheimdienste Synagogen anzündeten.“[120]

In der „Jungen Welt“ werden weitere Facetten geliefert. Auch hier handelt es sich um einen Artikel in didaktischer Form. Ein Leser „Gert Schuchard“, diesmal kein Internationalist, sondern einer aus Brandenburg, fragt: „Was verstehen wir unter zionistischer Lobby?“[121] Die Antwort des Redakteurs erweitert die Definition der grundsätzlich perversen Juden, die ihre Verfolgung selbst inszenieren, um die Dimension des kapitalistischen Ausbeuters: „Maßgebliche Kreise der jüdischen Bourgeoisie und Großbourgeoisie machten sich diese zionistische Idee zu eigen. Doch nur wenige ihrer Angehörigen waren bereit, Bürger des gewünschten Staates zu werden. Sie setzten sich in ihren Heimatländern für seine Gründung bzw. Unterstützung ein. Dadurch wollten sie ihre Position im internationalen Konkurrenzkampf stärken … Der Begriff ‘Lobby’ ist hier dem Sprachgebrauch des bürgerlichen Parlamentarismus entlehnt … wo er Einflussnahme außerparlamentarischer … Interessengruppen auf das Parlament meint … Die zionistische Lobby ist in den USA besonders stark. Dort leben etwa 6 Millionen Juden, also doppelt soviel wie in Israel. Sie sind in einigen Bundesstaaten konzentriert … Das erlaubt es dem … Zionismus, die Anhänger … wirksam zu mobilisieren. Zugleich stehen finanzkräftige Kreise hinter ihm … Der Einfluss der zionistischen Lobby in imperialistischen Staaten – insbesondere in den USA – ist noch groß.[122]

Die Juden werden in diesen Beschreibungen als besonders heimtückisch beschrieben. Sie zünden ihre eigenen Synagogen an, sie selbst schüren den Antisemitismus. Sie bilden die Weltverschwörung der Hochfinanz und sind zugleich zu feige, selbst nach Israel zu gehen. Sie saugen das Volk aus, um ihre Machenschaften zu finanzieren. Sie sind außerhalb des Volkes, weil sie nicht im Parlament, sondern in einer dubiosen Lobby agieren, dunkle anonyme Gestalten also, derer habhaft zu werden schwer ist. Sogar ein Präsident der USA wird als Zeuge bemüht: „’Noch nie ist auf das Weiße Haus so heftiger Druck ausgeübt worden’, stellte der damalige Präsident Truman rückschauend fest.“[123]

Womit implizit gesagt wird, dass die Juden sogar schlimmer sind als die amerikanischen Imperialisten, zu denen der Präsident der Vereinigten Staaten in der sozialistischen Lesart ohne Fragen an führender Stelle zählte; was müssen also das für Juden sein, wenn nicht einmal der mächtigste Feind des Kommunismus mit ihnen fertig wird? Schließlich geht es um viel: „Mit Hilfe des großen Netzes seiner Organisationen in verschiedenen Ländern um mit finanzieller Unterstützung des Monopolkapitals wirkt der Zionismus heute als direktes Werkzeug des Imperialismus und der gesamten internationalen Reaktion in deren globalem Kampf gegen die Kräfte des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus.“[124] Besonders heftige Definitionen („Unter Zionismus verstehen wir heute die chauvinistische Ideologie und reaktionäre Praxis der jüdischen Großbourgeoisie, ihrer Finanz-Industrie-Oligarchie mit ihren Machtzentren in den USA, in Westeuropa und in Israel … Der zionistische ‘Philosoph’ (Anführungszeichen sic!) Buber schuf die rassistische ‘Bluttheorie’ nach der alle Juden der Welt aufgrund ihrer angeblich ‘rassischen Bestimmung’ als ‘auserwählt’ zu gelten hätten, was in der Praxis bedeutet, dass Juden unter allen Völkern der Welt – gemäß göttlicher Vorsehung – eine Vormachtstellung einnehmen müssten.“)[125] werden im Nachsatz („Es muss jedoch betont werden, dass nicht alle Juden zugleich auch Zionisten sind.“)[126] wieder eingeschränkt. Gerade diese Relativierung hat es in sich: „Nicht alle“ bedeutet im Kontext eindeutig, dass die Mehrheit der Juden die internationalen Blutsauger sind; „zugleich“ muss wohl so gelesen werden, dass es eine Veranlagung des Juden zum Zionisten und also zum weltweiten Ausbeuter gibt.

Natürlich bedienen sich die Zionisten aller denkbar schlechten Methoden („Hetze der Zionisten entlarvt“,[127] „Zionisten säen Völkerzwist“,[128] „Zionistische Schläger und Mafia-Gangster“,[129] „Es begann mit einem Lynchmord“,[130] „Die zionistischen Hexenköche“,[131] „Sie drillen eine neue Herrenrasse“,[132] „Hintermänner des Zionismus: Gangsterbosse und Börsenmagnaten“),[133] natürlich wird diese Art der „Berichterstattung“ verteidigt („Untaugliche Versuche, Antizionismus als Antisemitismus zu diffamieren“),[134] natürlich werden Juden[135] und jüdische Kommunisten („Kampf des Zionismus ist Klassenkampf“)[136] oder verlässliche Vorzeige-Juden[137] als Zeugen für die gute Sache bemüht. Selbst Jahre nach dem Fall der Mauer treten solche immer noch auf.[138] Sie alle können jedoch , schon rein quantitativ, den Eindruck nicht verwischen, dass unter einem neuen „Fachbegriff“ altbekannte Feindbilder verwendet wurden.

Kontinuität bis heute

Die Selbstdarstellung der DDR als völlig neue, von der deutschen Geschichte losgelöste Einheit, führte in mehrerer Hinsicht in die Irre: Trotz der ideologisch motivierten Entnazifizierung war es für viele „gelernte“ Antisemiten möglich, in der DDR wieder tätig zu werden. Sie schrieben, analysierten und kommentierten für eine Publikum, welches durch die nationalsozialistische Schule des Hasses gegangen waren. Für die Politik, die den Medien übergeordnet war und unmittelbar steuernd tätig wurde, gilt Ähnliches. Antisemitische Denkmuster aus marxistischer Tradition und Lehre kamen in der DDR zum Tragen, indem vor allem das Bild des „unrechtmäßig reichen Juden“ neu interpretiert wurde.

Das Zerrbild ist bei den frühen Sozialisten des 19. Jahrhunderts begründet und wird durch die verkürzte Faschismus-Definition von Dimitroff dekretiert, weil diese die Subsumption der Juden unter den Begriff des „Finanzkapitals“ ermöglicht. Im Kontext mit dem kapitalistischen Imperialismus bedroht das Judentum in Gestalt des Zionismus den Deutschen unmittelbar und aggressiv. Der Jude ist außerdem – so erweitert die DDR-Berichterstattung die Darstellung – bösartig und pervers, er schreckt vor nichts zurück. Er zündet seine eigenen Synagogen an, um seine Feinde zu diskreditieren. In Israel hat sich die Bösartigkeit des Juden sogar soweit entwickelt, dass es keine Unterschiede mehr zwischen den Nationalsozialisten und den Juden gibt. Der Jude saugt Deutschland aus, indem er von der BRD Wiedergutmachung kassiert, um dieses Geld für Waffen zu verwenden, mit denen er dann seine Feinde heimtückisch töten kann und dies auch mit unangemessener Brutalität tut.

Die Geschichte ist damit an ihren Anfang zurückgekehrt. Über die Verwendung zahlreicher bekannter Stereotypen hinaus kann sich der Deutsche der DDR sogar als entlastet sehen, was seine Vergangenheit anlangt. Schließlich hat man es, wie die Lage im Nahen Osten zeigt, mit einem Feind zu tun, der sich selbst der nationalsozialistischen Methoden bedient. Daran ändert auch die militante Anti-Faschismus-Maschinerie nichts, die in der DDR unablässig wirksam war. In ihrer hölzernen Abstraktheit, ihn ihrem hohlen Pathos und nicht zuletzt aufgrund der maßlosen Überzogenheit hat die Propaganda in dieser Hinsicht versagt. Der diskrete Unterton, der den Juden verteufelte, war wirkungsvoller als die bombastischen Moralpredigten gegen den Antisemitismus.

Anmerkungen:

[49]  Clemens Vollnhals (Hrsg.), Entnazifizierung. Politische Säuberung und Rehabilitierung in den vier Besatzungszonen 1945-1949, München 1991, S. 43

[50]  Vollnhals, ebd.

[51]  Dass sich die Haltung der DDR gegenüber den jüdischen Gemeinden etwa ab 1985 zu entspannen schien, war außenpolitische Taktik: Die SED suchte, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, eine Annäherung an die USA. Weil sie ihren eigenen Klischees stets aufgesessen war, glaubte sie, durch Hofieren der jüdischen Gemeinden und der internationalen jüdischen Organisationen in den USA Eindruck schinden zu können. Dazu: Ulrike Offenberg, Seid vorsichtig gegen die Machthaber. Die jüdischen Gemeinden in der SBZ und der DDR 1945 bis 1990, Berlin 1998, S. 208. Die Autorin verweist unter Zitierung von Lothar Mertens, Das Buch Mormon oder Kommunistisches Manifest? Die Mormonen in der DDR., in: Voigt/Mertens, Minderheiten und Übersiedler, S.173-188, auf einen ähnlichen Umgang mit den Mormonen, Offenberg, ebd. S.314

[58]  Ausführlich dargestellt, in: Illichmann, ebd. S. 82 ff.

[59]  Vgl. etwa Lion Feuchtwangers Ansichten, in: „Exil“, Berlin 1963, S. 684 ff.

[60]  Angelika Timm, Israel in den Medien der DDR, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bd. 2 (Hrsg.) Wolfgang Benz, Frankfurt/Main 1993, S. 159

[61]  Keßler, ebd. S. 86

[62]  Wistrich, ebd. S. 74

[63]  Keßler, ebd. S. 88

[64]  Keßler, ebd. S. 89

[65]  Alexander Abusch, Vertrauter Paul Merkers in der Emigration und Mitglied des Parteivorstandes der SED, 1950 aller Parteifunktionen enthoben; zu seiner Person, vgl. Illichmann, ebd. S. 86 ff.

[66]  Keßler, ebd. S. 89

[67]  Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slánsky, in: Einheit. Zeitschrift für Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Sozialismus. (Hrsg.) ZK der SED, 8. Jg., Heft 2, Februar 1953, S. 205

[68]  Siehe etwa die Aussagen Leo Zuckermanns, in: Gen. Zuckermann, 10.11.1950 (Befragungsprotokoll der ZPKK), in: SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/4/112, B1. 419 ff., zit. n. Illichmann, ebd. S. 91

[69]  Etwa in: Vernehmungsprotokoll des Häftlings Merker, Paul, 16.1.1953, in: BStU, 192/56, Bd. 2, B1. 52 f., zit. n. Illichmann ebd. S. 97

[70]  Bericht, 31.1.1953, in: BStU, 192/56, Bd. 3, B1 167, zit. n. Illichmann, ebd. S. 97

[71]  Bericht, 11.2.1953, in: BStU, 192/56, Bd. 3, B l 387, zit. n. Illichmann, ebd. S. 97 f.

[72]  Bericht, 6.3.1953, in: BStU, 192/56, Bd. 3, B1 342, zit. n. Illichmann, ebd. S. 99

[73]  Ulrike Offenberg, ebd. S. 84

[74]  Matern über die Aufgaben der Parteikontrollkommissionen nach dem ZK-Beschluss über Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slánsky. SAPMO-BA, DY 30/IV 2/4/445, B1. 33, zit. n. Offenberg, ebd. S. 84 f.

[75]  Offenberg, ebd. S. 85

[76]  Greta Beigel, Recent Events in Eastern Germany, New York 1953, S. 17

[77]  Beigel, ebd. S. 19

[78]  Vgl. Angaben bei Jerry E. Thompson, Jews, Zionism and Israel. The Story of the Jews in the German Democratic Republic since 1945, Ann Arbor/Mich. 1978, S. 126, zit. n. Timm ebd. S. 158 f.

[79]  Auch Albert Norden und Hermann Axen bekamen die Folgen zu spüren: „Axen wurde aus dem Sekretariat des Zentralkomitees der SED ausgeschlossen, Norden verlor seine Funktion als Leiter der Presseabteilung des Amtes für Information der DDR-Regierung“, zit. n. Angelika Timm, Die DDR, die Schoah und der offizielle Antizionismus, in: Mario Keßler (Hrsg.), Antisemitismus und Arbeiterbewegung, ebd. S. 69

[80]  Alfred Kantorowicz, Deutsches Tagebuch, Zweiter Teil, Berlin 1979, S. 335, zit. n. Maser, ebd. S. 344

[81]  AP-Meldung vom 3.5.1988, zit. n. Offenberg, ebd. S. 316

[82]  Olaf Kappelt, Die Entnazifizierung in der SBZ sowie die Rolle und der Einfluss ehemaliger Nationalsozialisten in der DDR als ein soziologisches Phänomen, Diss., Schriftenreihe Studien zur Zeitgeschichte Bd. 13, Hamburg 1997, S. 224

[83]  Peter-Ferdinand Koch, Die feindlichen Brüder, DDR contra BRD, Bern 1994, S. 222, zit. n. Kappelt, ebd. S. 426

[84]  Michael Klonovsky, Jan von Flocken, Stalins Lager in Deutschland 1945 – 1950, Berlin-Frankfurt/Main 1991, S. 26, zit. n. Kappelt, ebd. S. 232

[85]  Befehl 201 der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) und Direktiven Nr. 24 und 38 des Alliierten Kontrollrates, zit. n. Kappelt, ebd. S. 234

[86]  Klonovsky, ebd. S. 213, zit. n. Kappelt, ebd. S. 234

[87]  Vgl. dazu Kappelt, ebd. S. 321 ff.

[88]  Mary Fulbrook, German National Identity after the Holocaust, Cambridge 1999, S. 56

[89]  Simon Wiesenthal auf einer Pressekonferenz am 6. September 1968 in Wien, in: „Die gleiche Sprache. Erst für Hitler – jetzt für Ulbricht“, Eine Dokumentation der Deutschlandberichte, Wien 1968

[90]  Wiesenthal, ebd. S. 6

[91]  Wiesenthal, ebd. S. 15

[92]  Wiesenthal, ebd. S. 16

[93]  In den folgenden Wochen enttarnte Wiesenthal 244 ehemalige nationalsozialistische Parteimitglieder in der Hierarchie der DDR, in: Hella Pick, Simon Wiesenthal. A Life in Search of Justice, London 1996, S. 213

[94]  Wiesenthal, ebd. S. 17

[95]  Wiesenthal, ebd. S. 17

[96]  Rainer Eckert, Alexander von Plato, Jörn Schütrumpf (Hrsg.), Wendezeit – Zeitwende, Zur „Entnazifizierung“ und „Entstalinisierung“, Hamburg 1991, S. 15, zit. n. Kappelt, ebd. S. 175

[97]  Kappelt, ebd. S. 176

[98]  Wiesenthal, ebd. S. 26

[99]  Wiesenthal, ebd. S. 26

[100]           Wiesenthal, ebd. S. 27

[101]           Wiesenthal, ebd. S. 26

[102]           Ehemalige Nationalsozialisten in Pankows Diensten, 5. ergänzte Ausgabe, Berlin 1965, S. 12, zit. n. Kappelt, ebd. S. 89

[103]           Wiesenthal, ebd. S. 26

[104]           Wiesenthal, ebd. S. 28

[105]           Wiesenthal, ebd. S. 30

[106]           Wiesenthal, ebd. S. 34

[107]           Wiesenthal, ebd. S. 37

[108]           Wiesenthal, ebd. S. 38

[109]           Wiesenthal, ebd. S. 29

[110]           Karl-Heinz Gerstner, Sachlich, kritisch, optimistisch. Sonntägliche Lebensbetrachtung Berlin, 1999

[111]           Götz Aly, Kritisch, optimistisch, verlogen, in: Berliner Zeitung, 26.2.2000

[112]           Wiesenthal, ebd. S. 29, unter Berufung auf die Widerstandsgruppen Pierre Reval und Jacques Robinet.

[113]           Aly, ebd.

[114]           Aly, ebd.

[118]           Vitali Tschernjawski, Diskussion mit dem Leser, Neue Zeit (Moskau), deutsche Ausgabe, Nr. 37/Sept. 1977

[119]           Tschernjawski, ebd.

[120]           Tschernjawski, ebd.

[121]           Martin Robbe, Was versteht man unter zionistischer Lobby?, in: Junge Welt, 27.2.1975

[122]           Robbe, ebd.

[123]           Robbe, ebd.

[124]           Ali Ashour, Ein Werkzeug der internationalen Reaktion, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, Berlin   1986, 150, 3/86, S. 428

[125]           J.C., Vormachtstreben – auch mit der „eisernen Faust“, in: Ostseezeitung, 9.1.1985

[126]           ebd.

[127]           Neues Deutschland, 21.2.1971

[128]           Neues Deutschland, 25.2.1971

[129]           Berliner Zeitung, 10.11.1972

[130]           horizont, 18. April 1971

[131]           Unsere Zeit, 20.2.1971

[132]           Presse der Sowjetunion, Hefte 45, 17.2.1971

[133]           Presse der Sowjetunion, Hefte 45, 1.2.1971

[134]           Die Wahrheit, 1.3.1984

[135]           So etwa in „Die Wahrheit“, 9.12.1975, Wie ist das mit dem jüdischen Problem? In dem Beitrag schreibt eine anonyme Jüdin, eine angebliche „Leserin unserer Zeitung“: „Wie wesensnah der Zionismus dem Rassismus und Faschismus ist, beweist, dass der Staat Israel zu Südafrika und zu Chile beste Beziehungen unterhält.“

[136]           Meier Vilner, Chef der israelischen KP, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, 1/76, S. 61 ff.

[137]           Wie etwa in: Neue Zeit, Moskau, 2/76, Interview mit dem „namhaften sowjetisch-jüdischen Dichter“ Aron Vergelis, S. 12 ff.

[138]           Etwa der Shoah-Überlebende Fritz Teppich in einem Leserbrief („In ureigener Sache“), in dem er „die Verfälschung des Antizionismus in Antisemitismus“ zu den „bösartigsten Varianten der Geschichtsklitterung“ zählt, in: Neues Deutschland, 31.5./1.6.1997

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