Dimitri, ein geistig
erfülltes Manegen- und Bühnenleben
als Clown
Artikel aus arte, swissinfo und riffraff.
Inhalt
Dimitri, clown!
Lebensbericht mit Zitaten
aus: Maike van Schwamen für
die Monatszeitschrift "ARTE
Magazin": Dimitri, clown! in: arte-tv, 9.3.2005; http://www.arte-tv.com/fr/art-musique/special-cirque/723116,CmC=724062.html;
Übersetzung von Michael Palomino
Die Clowns? Die findet man
offensichtlich
im Zirkus - und manchmal auch woanders, wenn man genau hinsieht. Nach
drei Saisons mit dem Zirkus Knie
war Dimitri wieder am
Theater
interessiert, für das er immer noch eine Leidenschaft besitzt. Wir
konnten Dimitri in Basel kennenlernen.
Und da war er: Ein kleinerer gut gekleideter Mann kommt die Tür herein
und berichtet der Serviererin, dass er ein Rendez-Vous mit einer
Journalistin habe. Mit seiner Riemen-Aktentasche könnte man ihn auch
für einen Professor halten. Er dreht sich um, sieht mich und kommt mit
einem freundlichen, fast scheuen Lächeln auf mich zu. Sein Händedruck
ist sanft, aber nicht ohne Kraft, angenehm.
Dimitri, damit verbunden ist auch eine Art Beatles-Frisur, vorher
braun, jetzt eher schon etwas grau geworden. Aber dies ist der
einzige Wechsel, der in seiner langen Karriere stattgefunden hat. Er
kommt aus dem Tessin, aber
seit langem ist er auch über die Grenzen des
Bundesstaates weit bekannt; der grosse kleine Clown aus Ascona hat das
Publikum schon in Paris, New York und in Tokio begeistert; und auch in
Australien, in Südamerika und in China wollte man ihn sehen; unter dem
Patronat des Zirkus Knie, des Big
Apple Circus New York
und vielen anderen, aber vor allem
auch als
Alleinunterhalter.
Effekte, die jeder auf der Welt versteht:

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Dimitri:
Szene mit
Mini-Trompete
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Dimitri:
Szene mit
Mini-Akkordeon
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Neben mir redet und redet er, manchmal innehaltend "um ein bisschen zu
überlegen, um gute Antworten zu finden". Ist er ein Mensch, der die
Zusammenhänge erkennt? "Ja, das ist wahr". Dimitri hat es ja gar nicht
gern, mit dem immer wieder aufkommenden Klischee des traurigen Clowns
verbunden zu werden - und seine Arbeit hindert ihn nicht daran, sich
mit den grossen aktuellen Problemen zu beschäftigen: "Man kann sein
Leben nicht nur damit verbringen, indem man lacht oder Witze macht".
Sehr bald hatte er gemerkt, dass ihm eine weitere Aufgabe zukomme als
nur
"eine junge und charmante Frau zum Lachen zu bringen".
Dimitri ist mit Haut und Haar Clown, von ganzer Seele. Er war es immer
und wird es immer sein. Übrigens gibt es keinen anderen Weg: "Ein Clown
zu sein ist eine riesige Aufgabe, das kann man nicht als Halbtagsjob
erledigen". Es erstaunt ihn nicht, dass sich immer weniger Leute mit
Clownerie beschäftigen - jedoch ist es immer wieder eine Freude für
ihn, wenn der eine oder andere Schüler seiner Schule in Verscio
(Hochschule für Bewegungstheater,
gegründet 1975 im Tessin) sich
der
Karriere widmen!
[Dimitris Drang zur Clownerie ab
7 Jahren - Pantomime bei Marcel Marceau - Zirkus Knie]
Dimitri hat mit 7 Jahren erkannt, dass die Clownerie ein Beruf werden
könnte. Seine Begeisterung war grenzenlos. Es ergab sich ein Weg für
ihn, und dem ist er gefolgt, zuerst etwas zufällig mit dem Töpferberuf;
mit dem Geld, das er durch Töpferei verdiente, hat er Kurse besucht:
Ballet, Akrobatik, Theater, Musik und Tanz. Im Jahr 1954 trifft er in Paris den Pantomimen Marcel Marceau
und wird sein Schüler,
dann 1958 Mitglied seiner Gruppe.

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Marcel
Marceau, geb.
1923, eröffnende Geste
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Marcel
Marceau mit Rose:
"Träumen ist stille Handlung."
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Marcel Marceau war
immer sein Idol, "und ich hatte mir gesagt, dasselbe wie er zu tun,
aber
eben als Clown: Ich wollte alle möglichen Clownerien in Szene setzen".
Am Ende der 1950-er Jahre kam Dimitri dann ins Tessin zurück und
spielte fortan allein auf der Bühne.
Bescheiden, aber nicht ohne einen gewissen Stolz, versichert Dimitri
dass er der einzige Clown ist, der im Zirkus eine Theaterausbildung
hat. Dies ist ab 1970 der Fall. Fredy
Knie Senior, damaliger Direktor
des schweizer Nationalzirkus mit demselben Namen, sieht den Clown in
Aktion und beschliesst: Er will ihn unter seiner Kuppel haben.

Fredy
Knie senior
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Zirkus Knie: Signet / Logo
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[Die
Karriere der Kinder - Schriftstellerfreunde Grass und Frisch, Vorbild
Miller]
Dimitri
verbringt beim Zirkus Knie drei Spielzeiten, zweimal in Begleitung
seiner Frau Gunda und mit vier seiner Kinder. "Der Zirkus ist eine
Künstlerwelt mit etwas bürgerlichem Element: Ein Zirkus ist ein eigenes
Dorf, ein wanderndes Dorf". Dimitri kann sich mit seinen
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Charango: eine 10-saitige
Gitarre aus Nord-Argentinien und Bolivien
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Kindern ganz
zu Hause fühlen; und sie bekommen denselben Virus mit auf den Weg. David und Masha absolvieren die
Artistikschule in Budapest,
sind unter verschiedenen
Zirkuskuppeln präsent und machen ihre Tourneen um die ganze Welt.
Danach folgen sie dem Vater mit einem Weg ins Innere, sie verlassen die
Manegen und spielen hauptsächlich in
Theatern. Nina, die Jüngste,
singt
Volkslieder und spielt virtuos Gitarre und Charango.
Aber Dimitri hat auch noch andere künstlerische Ideen, die ihm
gefallen: Er malt, er liest, er besucht Museen und liest Bücher von
Schriftstellerfreunden wie Günter
Grass und Max Frisch.
"Ich ernähre mich von
Kunst, ich erfreue mich daran, wie wenn es Nektar wäre", sagt er.
Dimitri, der in jungen Jahren den Salto rückwärts beherrschte und auf
dem Seil tanzte, und der sich heute noch mit 70 Jahren auf
Elefanten getraut, ist nicht nur ein Unterhaltungskünstler: Er ist ein
Poet. Dabei zitiert er gerne Henry
Miller: "Der Clown ist ein
handelnder Dichter."
Auf der Bühne lässt Dimitri die Grenzen zwischen Zirkus und Theater
verschwinden. Der Clown, der fröhlich
und traurig ist, der stolpert
und sich nacheinander einige Zähne ausschlägt, beherrscht gleichzeitig
die subtile Sprache der Komik. Seine "Nonna", die nichts anderes als
die ursprüngliche Grossmutter aller Komödianten ist, in Rüschen
eingewickelt, bezaubert sein Publikum heute noch, wie wenn er 20 Jahre
alt wäre.
[Der Film "Dimitri - Clown"]
Dimitri hat ein solch reiches Leben erlebt, dass er in einigen
Stunden gar nicht alles erzählen kann, noch weniger in 80 Minuten. Aber

Schweizer
Dokumentarfilmer Friedrich Kappeler, Portrait
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dies erfordert die Bandlänge. So lange
ist der Dokumentarfilm mit der
Unterschrift von Friedrich Kappeler,
der in die schweizerischen Kinos kommt. Seit der Premiere von "Dimitri
- Clown" in Zürich aber ist Dimitri etwas frustriert, versichert
er,
denn es hätte noch so vieles zu erzählen gegeben...
So aber kann er noch davon träumen, seinen eigenen Film zu drehen, ein
tragikomisches Werk, poetisch, über einen Bahnhofsvorstand - einen
Stummfilm, und womöglich
schwarz-weiss.
[Die Szene handelt von einer stillgelegten Bahnlinie im
Tessin und
einem leeren Bahnhof mit einem verlorenen Bahnhofsvorsteher].
"Also, ich habe meinem
Produzenten gesagt: Du siehst, Kaurismäki
kommt her, macht einen Stummfilm und hat einen
Riesenerfolg damit,
denk mal ein bisschen darüber nach."
Der Film "Dimitri - Clown": Dimitri, Familie,
Elefanten, und ein Filmtraum
Film von Friedrich Kappeler - mit Dimitri; Schweiz 2004, 80 Min.,
Dialekt,
K/8, Dokumentarfilm, Kinostart: 11.11.2004; aus:
http://www.riffraff.ch/index.html?/Programm/Filme/Film0370.html
In seinem ersten Film nach dem Publikumsrenner MANI MATTER
- WARUM SYT DIR SO TRUURIG? vermittelt uns der Schweizer Regisseur Friedrich Kappeler
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Dimitri mit Frau Gunda
und 5 Kindern
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einen
Einblick in das poetische Universum des
Menschen Dimitri. DIMITRI - CLOWN erzählt uns Dimitris Geschichte und
seine Geschichten, zeigt uns, wie Dimitri lebt, lässt uns teilhaben an
seinem Werdegang und Schaffen, an seinen Vorbildern, an seinen
Gedanken, an seiner Musikalität, an seiner Vorstellung von Poesie und
vom Zirkus als Gesamtkunstwerk. Dabei erweist sich Dimitri immer wieder
als wacher Zeitgenosse.
Ganz wichtig für Dimitri ist seine Familie, seine Frau Gunda und die
fünf Kinder. Was die Kinder machen, wie sie ihre Jugend erlebt und
welches Verhältnis sie heute zu ihren Eltern haben, ist ebenso eine
Geschichte in diesem Film, wie Dimitris leidenschaftliche Beziehung zu
den Elefanten.
Und dann bleibt da noch dieser eine grosse Traum von Dimitri: der Traum
vom Kino, wie ihn sein Vorbild Chaplin
gelebt hat. Deshalb begegnen wir
in DIMITRI - CLOWN nicht nur einem Engel und einem Teufel, die Dimitris
Antlitz tragen, sondern auch einem tragisch-komischen Bahnhofsvorstand,
der auf verlorenem Posten zu einer Art Filmclown wird.
Dimitri: Mit 70 Jahren weiter aktiv und ideenreich
aus: SwissInfo: Dimitri feiert seinen 70. Geburtstag und 35 Jahre für
sein Theater; orig.: Dimitri fête ses 70 ans et les 35 ans de son
théâtre,
17.9.2005; aus:
http://www.swissinfo.org/sfr/swissinfo.html?
siteSect=105&sid=6094619;
Übersetzung von Michael Palomino
Am 18. September feiert
Dimitri seinen 70. Geburtstag. Der berühmte
"traurige Clown" wird dann zum Ehrenbürger der T

Dimitri mit der Gitarre als "trauriger Clown" /
"clown triste"
|
|
essiner Ortschaft Verscio, wo
sein
Theater, seine Schule und wo das Dimitri-Museum "Museo Comico"
steht. Es sind drei
Festtage vorgesehen.
Dimitri wurde unter dem eigentlichen Namen Dimitri Jakob Müller am 18.
September 1935
in Ascona (TI) in eine
Deutschschweizer Künstler-Familie
hineingeboren. Sein Vater ist
Bildhauer, seine
Mutter macht Stoffplastiken.
Dimitri weiss schon mit sieben Jahren,
dass er
eines Tages die Leute zum Lachen bringen will. Sein offizieller Name
ist aber schon seit Jahren Jakob
Dimitri.
Am Anfang der 70-er Jahre richtet er sich mit seiner Frau Gunda in der Ortschaft Verscio ein.
Das Paar hat fünf Kinder. Drei davon, David,
Masha und Nina, machen
eine künstlerische Karriere. Mathias ist
Designer und Ivan arbeitet
für
das Rote Kreuz.
Mit 70 Jahren kann der tessiner Clown gleichzeitig auch weitere
Jubiläen feiern: 35 Jahre für sein Theater, 30 Jahre für seine Schule,
und 5 Jahre für sein "Museo Comico"
(Komik-Museum).
[Samuel Becket: "Das letzte Band"]
Vor 40 Jahren hat der schweizer Schriftsteller
Max Frisch geschrieben, dass Dimitri
ein "bedeutender Clown" sei.
Ein Zitat von Max Frisch:
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Max Frisch Portrait |
"Schaut ihn an, sage ich, das ist ein wirklicher Clown. Was ist ein
wirklicher Clown? Das weiss ich nicht, aber schaut ihn an: Er kann
schon allerhand und immer noch etwas mehr, und dann ist er selig, wenn
ihm noch mehr gelingt, sogar das Unglaubliche. Man freut sich wie mit
einem Kind, das die Tücke aller Dinge entdeckt und wie durch ein
Wunder nicht strauchelt. Ich bin in jedem Augenblick gespannt, aber
dann hat immer jemand gelacht, als wäre er allein, nicht wie man über
einen Witz lacht, sondern gelacht vor Freude wie ein Kind; das war ich
und der Clown heisst Dimitri."
(aus:
http://www.riffraff.ch/index.html?/Programm/Filme/Film0370.html)
Trotz seines Alters leidet der Ruf
Dimitris nicht. Seine Fähigkeiten zeigt er unter anderem auf der Bühne
im Stück von
Samuel Beckett "
Das
letzte Band". Die Premiere war bereits am 6. Juli
in Verscio.
"Ich bin glücklich, dass ich mit 70 Jahren noch spielen kann, dass ich
mich noch auf der Bühne zeigen kann", erzählt Dimitri beim Essen. Als
"Krapp" in "Das letzte Band" reizt ihn das Clowneske, das
tragikomische dieser Rolle.
Zahlreiche Pläne
Derjenige, der Schüler von
Marcel
Marceau war, der grösste Mime der Welt, der ihn
übrigens besucht hat, der wird im November vor allem in Zürich und
Basel Auftritte haben, und auch in Deutschland wird man Plakate sehen.
Der Heimathafen von Dimitri bleibt aber immer Verscio, ein
982-Seelen-Dorf bei Locarno, dessen Name bei den Theater-Amateuren der
Schweiz und Europas bekannt geworden ist. Dort haben der Clown und
seine Frau 1970 ihr Theater gegründet, 1975 ihre Schule, 1978 ihre
Compagnia, und im Jahr 2000
ihr
Museo Comico.

Dimitri und Gunda
"Ich habe mein Werk fast vollendet", sagt Dimitri, "aber ich habe immer
wieder neue Ideen!" Pläne sind im Kopf des Clowns reichlich vorhanden,
wobei die Frisur des Clowns oft mit derjenigen von Aussenministerin
Micheline Calmy-Rey verglichen wird.
Der 70-er möchte noch einen "komisch-poetischen" Film und einen
Narrenpark realisieren. Mehr
sagt er nicht.
Ähnlichkeiten?

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Dimitri-Portrait
mit
Lächeln
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Micheline
Calmy-Rey, Bundesrätin und Aussenministerin der Schweiz
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Von Natur aus menschlich
Während des Gesprächs denkt er an eine Nummer: Er würde so tun, als ob
er eingeschlafen sei und die Welt verlassen hätte, um gute Werke zu
tun. Einfach so. Die
Zuschauer würden den Saal verlassen und denken, "er sei wirklich
gestorben", und alle machen Witze.
Hinter seiner Maske als Clown steckt ein von Natur aus menschlicher
Mensch, der sich oft mit der Idee des Todes beschäftigt, und der an die
Reinkarnation glaubt. Im sozialen Engagement hat sich dieser Mann immer
auf die Seite der weniger Betuchten gestellt, auf die Seite der
Asylbewerber und der Obdachlosen.
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Dimitri im Interview: Kosmopolit, das Lächeln, Pazifist
und Helfer
aus: SwissInfo: Dimitri: Das
Lächeln als Talent, 2004 zum Film "Dimitri
- Clown"; http://www.swissinfo.org/sfr/swissinfo.html?siteSect=105&sid=5419747;
Zwischentitel zur Orientierung in [eckigen Klammern] von Michael
Palomino
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Dimitri mit Gitarre ein Lied spielend unmaskiert
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Dimitri als Mime, Dimitri als Clown. Eine
Begegnung, um das neue Jahr mit einem Lächeln zu
begegnen. Swissinfo traf den Künstler in
Verscio bei
Locarno anlässlich der Vorstellung
der italienischen Ausgabe seiner
Autobiografie.
[Dimitri im Teatrino - sein
Lebensgefühl als Kosmopolit und seine immer verständliche Kunst]
Mit seinem roten Schal und seiner Gitarre
erscheint
Dimitri und empfängt uns im Teatrino - kurz vor der Präsentation der
italienischen Ausgabe seiner Autobiografie, vor dem Verkauf ans
Publikum.
swissinfo: Man spricht häufig von Ihnen als
einem
Deutschschweizer Künstler, der ins Tessin übersiedelt ist. Wie fühlen
Sie sich dabei?
Dimitri: Ich fühle mich als Kosmopolit und bin
deshalb
nicht an eine besondere Sprache gebunden. Geboren bin ich in Ascona,
meine Vorfahren stammen aus Russland und
der Schweiz, und ich spreche Deutsch und Italienisch. Ich fühle mich
international.
swissinfo: Wie positionieren Sie sich, als
Mensch und
als Künstler, zwischen den nationalen Kulturen?

Dimitri: Szene mit dem Liegestuhl.
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D.: Meine Kunst beruht auf einer nichtverbalen
Ausdrucksweise, auf einer Körpersprache, der Komik und Musik, also auf
einer Art Universalsprache. Diese wird an allen Ecken und Enden der
Welt verstanden. So fühle ich mich nicht mit einer bestimmten Kultur
verbunden. Ich fühle mich als Weltbürger.
swissinfo: Der Zirkus Knie hat Sie berühmt
gemacht.
Fühlen Sie sich deshalb in seiner Schuld? Obwohl Sie in Ihrem Buch
schreiben, dass das Zirkuspublikum nie ins Theater kommen würde?
D.: Was diesen Aspekt betrifft, sollen von
Beginn weg
keine Zweideutigkeiten aufkommen. Das Zirkuspublikum ist sehr wohl auch
im Theater willkommen. Doch oft handelt es sich um ein Publikum, das
weniger an intellektuellen Inhalten interessiert ist, sondern mehr
Freude an volksnahem Spektakel hat. Dank meinen drei Saisons beim
Zirkus Knie
konnte ich mich bei einem grösseren
Publikum bekannt machen, und damit
die Leute in mein Theater
locken.
[Das Lächeln und die
Lebensfreude auf der Erde]
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Dimitri-Portrait mit Lächeln in seiner Autobiographie.
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swissinfo: Ihr Lächeln
ist Ihr Aushängeschild.
Wie
entstand es, und wie konnten Sie sich damit bekannt machen?
D.: Ich kann nicht sagen, wie mein Lächeln
entstanden
ist. Es mag ein Geschenk der Götter sein, der Natur oder meiner Mutter.
Das Talent dazu hat mir wohl das Schicksal geschenkt. Doch das genügt
nicht. Man muss es entwickeln und am Leben erhalten. Man muss es
ausnützen, pflegen und auf eine positive Art auch nutzen.
swissinfo: Was glauben Sie, wird in der Schweiz
genügend gelacht?
D.: Ja. Ich glaube wirklich, dass das Publikum immer
zum Lachen aufgelegt ist, einfach weil es das liebt. Ich glaube auch,
dass das auf der ganzen Welt ähnlich ist. Die Leute lachen einfach
gern. Doch wenn wir beispielsweise die Schweiz mit einem Land in
Südamerika vergleichen, sehen wir, dass die Südamerikaner trotz ihrer
Armut und den ungleich schwierigeren Lebensbedingungen viel mehr lachen
als die Schweizer. Sie haben eine Fröhlichkeit, die wir Schweizer,
obschon es uns besser geht, nicht kennen.
swissinfo: Welchen Platz nehmen die Liebe und
der
Humor in Ihrem Leben ein?
D.: Laut meiner Einschätzung gehören Humor und
Liebe
zusammen. Wenn es nämlich in der Komik, im Gag, keine Zuneigung für den
anderen gibt, funktioniert das ganze nicht. Oder es funktioniert zwar,
aber der Effekt ist ein anderes Lachen, ein böses, sarkastisches, fast
schon teuflisches... Ich übertreibe jetzt etwas, aber so was gibt es
jedenfalls auch. Man muss, finde ich, immer mit dem Herzen lachen. Ich
möchte das Herz und den Geist der Leute treffen. Aus ihrer Stimme soll
ein reines Lächeln oder Lachen kommen. Wie jenes der Kinder, unschuldig
und wohlwollend.
[Mime und Wort - Marcel Marceau]
swissinfo: Sie sind ja auch ein grosser Mime.
Welche
Beziehung hat ein Mime zu Worten?

Pantomime von Marcel Marceau, erschrockene Geste.
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D.: Man sagt ja, dass Mimen, wenn sie einmal zu
sprechen begonnen haben, nicht mehr aufhören... Ungefähr so wie ich das
im Moment mit Ihnen mache. Doch Spass beiseite. Mein grosser Meister
Marcel Marceau hatte mir
beigebracht, dass durch die Mimik gewisse Szenen und Ausdrucksweisen
viel intensiver, stärker, eindrucksvoller und ergreifender wirken. Er
hatte mir immer gesagt, dass die grossen Gefühle des menschlichen
Wesens besser wortlos ausgedrückt werden. Das gilt für die Liebe, den
Hass, den Schmerz und die Freude.
[Dimitri: Pazifist und Helfer
für die Schwachen]
swissinfo: Was ärgert Sie? Auch im Bereich der
Gefühle
und des Verhaltens?
D.: Schlecht ertrage ich Hass, Aggressivität,
Heuchelei, Krieg, die Absenz von Dialog und von Verständnis. Auch das
Fehlen von Respekt und von Toleranz gegenüber Leuten, die anders sind
als wir, ertrage ich nicht.
swissinfo: Sie waren immer ein aktiver Mensch,
ein
unersetzlicher Weggefährte von Kaplan Cornelius
Koch, ein Fürsprecher von Flüchtlingen und Benachteiligten. Wie
schätzen Sie heute die humanitäre Politik der Schweiz ein?
D.: Die unnützen Kriege, die unsere Welt
überziehen,
machen mich sehr traurig. Sie treffen mich persönlich, und zeigen sich
am Schicksal der Frauen, Männer, Kinder und ganzer Völkerschaften.
Deshalb möchte ich als Künstler einen kleinen Beitrag leisten, indem
ich Petitionen, Proteste und Manifeste unterschreibe, und öffentlich
für etwas einstehe. Deshalb habe ich auch Cornelius Koch, dem Kaplan
der Flüchtlinge, geholfen, wie ich konnte.
Dimitri-Plakat gegen
Ausgrenzung von Behinderten zur Abstimmung 2003.
Text:
"Volksabstimmung am 18. Mai 2003. Dimitri ist Clown und Künstler. Und
[er] entdeckt immer wieder künstliche Hindernisse - auch für nicht
Behinderte. JA zum freien Zugang zur Behinderten-Initiative."
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[Friedensarbeit: "Das Meer
besteht aus lauter Tropfen"]
swissinfo: Wie schätzen Sie die Rolle und den
Einsatz
der Intellektuellen für die Zivilgesellschaft in diesem Land ein?

Ein Tropfen Frieden
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D.: Ich finde, Künstler und Intellektuelle in
der
Schweiz sind genügend aktiv. Sicher wirkt ihre Stimme nur wie ein
Tropfen, der ins Meer fällt.
Doch das
Meer besteht aus lauter Tropfen.
Zum Beispiel denke ich an die Genfer Initiative. Sie setzt sich über
die Zivilgesellschaft für die Wiederaufnahme des Friedensprozesses
zwischen Israelis und Palästinensern ein. Ein Projekt, das von
Bundesrätin
Micheline Calmy-Rey
gefördert wird.
swissinfo: Sie haben Calmy-Rey erwähnt. Viele
Leute
sehen im Lächeln von euch beiden etwas Gemeinsames...
D.: Ja, das stimmt. Es bestehen leichte
Ähnlichkeiten.
Nicht nur in der Art des Lächelns, auch in der Frisur. Als wir uns am
Filmfestival in Locarno trafen, haben wir uns bestens unterhalten und
darüber hinaus auch bestens verstanden.
swissinfo, Françoise Gehring
(Übertragung aus dem Italienischen: Alexander Künzle)