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Die nationalsozialistisch orientierten Front-Organisationen in der Schweiz 1930-1957

Nazitum in der Schweiz  - zwei Mal "Frontenfrühling" 1933 und 1940 - Anpassung, Verbote und Zensur


von Michael Palomino (1998 / 2005 / 2010 / 2012)

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aus: Walter Wolf: Faschismus in der Schweiz. Die Geschichte der Frontenbewegung in der deutschen Schweiz 1930-1945. Flamberg-Verlag Zürich 1969.

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Kapitel

Zusammenfassung
1. Fronten ohne Bindung an das Ausland
2. Fronten mit Bindungen an das Ausland
3. Bünde von Auslandschweizern in Deutschland
4. Hitlers Stellung zur Schweiz und deutsche Eroberungsabsichten
5. Antiliberalismus in der Schweiz
6. Antidemokratismus in der Schweiz
7. "Frontenfrühling" und Nazi-Euphorie in der Schweiz nach Hitlers Machtübernahme 1933
8. Die Vorstellung der Autoritären Demokratie über einen schweizerischen "Führerstaat"
9. Die Hoffnungen der Nationalen Front auf Verwirklichung des Einparteienstaates - der Kampf um die Macht

10. Reaktion der Front nach den Niederlagen 1935: Anlehnung an das Ausland
11. Gleichschaltung der Nationalen Front. Die Judenverfolgung in Deutschland  wird von der Nationalen Front in der Schweiz kopiert
12. Frontistengruppen von Schweizern im Ausland
13. Offiziere als Mitglied der Nationalen Front
14. Der Gegenpol zu den nationalsozialistisch-frontistischen Parteien: Sozialdemokratie  und kommunistische Partei 1918-1933 und der Wandel bis 1938
15. Österreich-Anschluss als heilsamer Schock für die Schweiz
16. Der erste Niedergang der Nationalen Front 1935
17. Gründung des "Bund treuer Eidgenossen" BTE
18. Die Nationale Front behält Kontakt zu Stuttgart - der Tod der Nationalen Front
19. Kriegszustand und Zensur in der Schweiz zugunsten der "Neutralität" 1939-1945

20. Hoffnung auf einen zweiten Frontenfrühling nach Frankreichs Niederlage ab Juli 1940 - Massnahmen des Bundesrats gegen die Frontisten
21. Die Forderungen nach Anpassung während des Russlandfeldzugs - zunehmender Verrat - Todesstrafen
22. Verbot der frontistischen Partei "Sammlung" / "Gemeinschaft"
23.
Auseinandersetzungen nach 1945



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Zusammenfassung
Die Nazis in der Schweiz spalten sich ab 1933 in viele verschiedene Organisationen und sind nie geeint. Ab 1935, v.a. aber nach der Besetzung Österreichs 1938 und der CSR 1939 sind die Nazibewegungen in der Schweiz dem Untergang geweiht. Da nützen auch alle militärischen Siege der Wehrmacht nichts. Nach Stalingrad 1943 lösen sich die Nazi-Bewegungen nacheinander auf. Das zerstörerische geistige Potential ist insgesamt als erheblich zu beurteilen.

Michael Palomino
März 2005



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1.
Fronten ohne Bindung an das Ausland

Das Aufgebot (1930/1933-1957)

Begründer: der Freiburger National-Ökonom Jakob Lorenz
System: Demokratie

Wirtschaft: Klassenkampf durch Korporationen und Verständigung ersetzen
Kultur: "christliche" Werte und Grundsätze, katholisch (S.28-29)

Die Katholische Front / Front der militanten Katholiken (1933-1938 ca.)
in den Kantonen Sankt Gallen, Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden, Thurgau
Zeitung: "Das neue Volk", herausgegeben von den Gebrüdern Carl und Fridolin Weder, die dann auch die "Front der militanten Katholiken" gründen
Programm: Rekatholisierung des "Vaterlandes", Protestantismus sei eine menschliche "Erfindung" [wie wenn der Katholizismus keine menschliche Erfindung wäre]
Gegner:
-- v.a. Kommunisten
-- ausserdem: gegen Sozialismus und Liberalismus gerichtet.

Zuerst wird mit Hitler sympathisiert, dann mit Österreich, dann aber Absterben der Gruppe, weil Hitler ein Neuheidentum begründet (S.30-35).

Die Neue Schweiz (1933-1936)
Gründung Ende März 1933 in Zürich
Zeitung: "Neue Schweiz"; Hauptakteur: der Berner Regierungsrat Fritz Joss
System: Demokratie
Wirtschaftsprogramm: sittliche und politische Erneuerung, v.a. Mittelstand und Handwerk stärken
Gegner: Sozialisten, Grosskapital, Bolschewismus
Kultur: protestantisch, für Schutz von Familie und Kultur.

Schon Ende 1933 erfolgt eine Spaltung zwischen Theoretikern und Pragmatikern.
Ab Juni 1934 wird ein "Führer" als "oberster Landesleiter" ernannt, der Pfarrer Erwin Joss.

Die Gruppe hat Berührung mit der Nationalen Front. Radikalisierung.

Im April 1935 Austrittswelle. Im Dezember 1935 wird das Zeitungsorgan "Neue Schweiz" eingestellt. Anfang 1936 erfolgt die Auflösung der Gruppe. der Rest tritt zur Bewegung "Das Aufgebot" über (S.35-38).

Bund für Volk und Heimat BVH (1933-1936)
wird volkstümlich "Bund vornehmer Herren" genannt. Gründung Ende März 1933 in Langenthal.

System: Patriotismus, Föderalismus, Demokratie.
Wirtschaftssystem: Privateigentum, Förderung des Unternehmertums und der freien Berufe, des Bauernstands, der Bodenständigkeit
Gegner: Materialismus, Marxismus, Gewerkschaften, "Entartung" des Parlamentarismus.
Kultur: christlich, heimatliche Tradition, einflussreiche Herren.

Schon Ende 1933 erfolgt die Spaltung. Eine Gruppe sympathisiert mit dem 3.Reich und träumt von einem "Sammelbecken vaterlandstreuer Bürger". Der Traum erfüllt sich aber nicht.

Juni 1936 erfolgt die Auflösung. Der Rest bekommt die Empfehlung, der Schweizerischen Vaterländischen Verband beizutreten (S.38-41).

1940 unterschreiben einige die "Eingabe der 200" (S.41).

Heimatwehr (1925-1933)
Gründung 1925 zum Schutze der kleinbäuerlichen Existenzen ohne Fremdeinflüsse (S.53), Haupttätigkeit im Berner Oberland. Grund: Der BGB bevorzugt die Grossbauern (S.54).
Politik: Das "Heimet" erhalten:
-- Zinsreduktion / Moratorium
-- stabile Abnahmepreise
-- Importregelung / Importschutz
-- Drohung mit Steuerstreik, aber nicht durchgeführt (S.54).

Im Frühling 1933 kommt die Heimatwehr unter faschistischen Einfluss (S.53), und es werden mit der "Schweizerischen Faschistischen Bewegung" gemeinsame Aktionen unternommen. Am 17.10.1933 gemeinsames Pilgern nach Rom unter Fonjallaz und zwei leitenden Hematwehr-Leuten, schenken Mussolini einen geschnitzten Bären. Im Februar 1934 Zusammenschluss zur "Helvetischen Aktion".

Schweizerische Faschistische Bewegung 1933
Gründung durch Infanterieoberst und ETH-Dozent für Kriegswissenschaften Arthur Fonjallaz (S.57)
Sektionen: TI, VD, NE, GE, SO, ZH, GR, im Ausland auch in Mailand, Genua, Turin, Florenz, Rom als "Fascios".

Zeitungen:
-- Zürich: "Schweizer Faschist"
-- Lausanne: "Fasciste Suisse"
-- Lugano: "Fascista Svizzero" bis 1935 (S.61)

Politik: Glorifizierung des italienischen Faschismus, Zusammengehen mit der Heimatwehr
17.10.1933: gemeinsames Pilgern nach Rom, Besuch bei Mussolini (S.57)
November 1933: Fonjallaz wird aus der schweizer Armee entlassen
Januar 1934: faschistische Demonstrationen in Bellinzona mit Handgemengen, woraufhin der geplante "Marsch auf Bellinzona" behördlich verboten wird (S.61).

Zusammenschluss mit der Heimatwehr zur Helvetischen Aktion im Februar 1934 (S.55).

Schweizerische Faschistische Bewegung 1934-1936, Fonjallaz bis 1941
1935 können die Faschisten im Tessin und im Wallis kein einziges Mandat mehr erobern. Die Zeitung "Schweizer Faschist" wird daraufhin eingestellt und die Partei wegen Geldmangels aufgelöst (S.61). Fonjallaz macht allein weiter und wird 1940 wegen verbotenem politischem Nachrichtendienst zugunsten Deutschlands verhaftet, 1941 zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Freilassung 1944 stirbt er [Umstände?] (S.62).

Die Helvetische Aktion
ist der Zusammenschluss von Heimatwehr und der Schweizerischen Faschistischen Bewegung (S.55). Führer ist Fonjallaz von den Faschisten.
Gegner: Freimaurerei (S.54), Zinsknechtschaft, Marxismus
Politik: gegen fruchtlosen Parlamentarismus, gegen volkszersetzende Parteiherrschaft, Zusammenarbeit mit der Nationalen Front je nach Kanton (S.55).

Am 5. Mai 1934 erhält die Helvetische Aktion in Frutigen 40,4%, im Simmental insgesamt 11,4 (?).

Ende 1934 spaltet sich die Helvetische Aktion aber wieder auf wegen Streit um die Zusammenarbeit mit Faschisten (S.55).

Heimatwehr 1934-1946
Neue Statuten:
-- Verpflichtung zur Verfassung und zur Demokratie
-- gegen den unfruchtbaren Parlamentarismus (S.55).

Der Einfluss bleibt meist nur auf das Berner Oberland beschränkt (S.55).
1935 hat die Heimatwehr gegen die Jungbauern keine Chance. 1936 wird die Zeitung aufgegeben. Bis 1946 bleiben nur lokale Sektionen im Berner Oberland übrig, mit einem Mandat im Berner Grossrat (S.56).

 
1937
Faschistische Universität Lausanne ehrt Mussolini mit dem Ehrendoktortitel
Mussolini
bekommt von der Sozial- und volkswirtschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne zur 400-Jahr-Feier der Universität den Ehrendoktortitel (S.58-59).

Nationaldemokratischer Schweizerbund (1935-1943)
René Sonderegger
aus Appenzell gibt 1933 in Zürich ein Buch heraus "Die Schweiz im Umsturz". Er ist Mitglied bei der Sozialdemokratie und bei der Neuen Schweiz. Dies reicht ihm aber nicht. 1935 gründet er eine eigene Front: den Nationaldemokratischen Schweizerbund.

Politik: für Demokratie, gegen Rassenwahn, gegen Unkultur und Barbarei
Bei den Wahlen im Kanton Zürich erhält er aber kein Mandat. Sonderegger grenzt sich mit der Zeit immer selber aus: "Diese Republik kann Männer wie mich nicht gebrauchen". Entfremdung.

Im August 1940 kippt Sonderegger. In seiner Entfremdung beginnt er, die Grundwerte anzugreifen.
Neue Politik: Belebung des erstarrten demokratischen Systems.

Sonderegger:
"Die Belebung wird erst zurückkehren, wenn Hitler der Schweiz ihren Platz im neuen Europa zugewiesen haben wird."

Hitler vernichtet gemäss Sonderegger die Scheindemokratie. Hitler ist gemäss Sonderegger "der grösste und einzig praktizierende Staatsphilosoph, welcher die Demokratie zu erwecken imstande ist."

1940 behauptet Sonderegger in einem Brief an Bekannte, es existiere eine direkte Entwicklungslinie: Niklaus von der Flüe - Zwingli - Pestalozzi - Jacob Burckhardt - Hitler. Das 3.Reich wolle die europäischen Kleinstaaten, die es "aus strategischen Gründen" erobert habe, "keineswegs als Untertanenländer behalten" ...

Sonderegger pflegt seine Vision der gemeinschaftlichen Freiheit. Nationalsozialismus sei die Erkenntnis dieses Jahrhunderts. Aufgabe der Schweiz sei es, Nationaldemokratisches zu Nationalsozialistischem herüberzubringen. Die Neuordnung Europas stehe bevor, und die Schweiz müsse den Ereignissen zuvorkommen und sich freiwillig der neuen Lage anpassen.

1943 bricht Sonderegger mit dem Freiwirtschafter Werner Schmid. Schmid gibt im März 1943 den Sonderegger-Brief an den Vorstand des Freiwirtschaftsbundes und an die Bundespolizei. Sonderegger wird zur gestürzten politischen Grösse und zieht sich aus dem Nationalrat zurück (S.62-66).

Eidgenössische Front (E.F.)

Gründung Sommer 1931 als Aktionskomitee gegen die Einführung der AHV und gegen den mechanisierten Wohlfahrtsstaat.
Wirtschaftsprogramm: grösstmögliche ökonomische Freiheit, gegen Staatsinterventionismus.

Am 6. Dezember 1931 hat die Eidgenössische Front Erfolg, indem die Einführung der AHV abgelehnt wird, mit 513'485 Nein gegen 337'975 Ja.

Im "Frontenfrühling" 1933 kommt es am 1. April zur Neukonstitution in Bern unter dem Zürcher Anwalt Dr. Wilhelm Frick und Bruder Hans Frick, Pseudonym "Bubenberg".

Politik: aristokratisches Ideal, Führerstaat, antidemokratisch, gegen Parlamente, gegen Gewaltentrennung, von Bubenberg gesteuert. Also: autoritärer Staat mit freier Wirtschaft, bekommt Anhänger, mit Sympathien zum 3.Reich, mit Reichstagsbesuchen, mit Leistungsbewunderungen, aber  es wird keine Kopie des Hitlerismus angestrebt; keine Judenhetze, aber Befürworten des Ausschlusses von Juden, Marxisten und Sozialisten aus dem Staatsdienst und aus dem öffentlichen Leben (41-44).

Umtaufen in "Eidgenössische Aktion" - "Eingabe der 200"
Im Juli 1937 will die "Eidgenössische Front" E.F. keine Front mehr sein und tauft sich um in "Eidgenössische Aktion". 1939 löst sie sich auf. Der restliche Kreis um Bubenberg unterzeichnet am 15.11. und 12.12.1940 die "Eingabe der 200". Forderungen:
-- totale Zensur, um Hitler nicht zu "reizen"
-- Neutralität sei offiziell gefährlich gegen Hitler
-- Ausschalten "schädlicher" Politiker, Journalisten und Zeitungen
-- Überprüfung der laufenden politischen Prozesse und Strafuntersuchungen.

Erst am 22.1.1946 werden die Namen dieser Petition bekanntgegeben (44-46).

Schweizerische Bauernheimat
oder
Jungbauernbewegung "Schweizer Jungbauern"

Gründung nach dem 1. Weltkrieg als kulturelle Organisation mit Zentrum im Kanton Bern, Sektionen auch in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Zürich.
Kultur: Bekämpfung der Landflucht.

1930 rutscht die Gruppierung in eine Krise und wird als politische Organisation neu organisiert. Vertreter der Anliegen ist Dr. Hans Müller, der beim BGB keine Unterstützung sucht, sondern bei den Gewerkschaften und bei der Sozialdemokratie. Die Politik richtet sich gegen Bundesrat Rudolf Minger, den Freisinn und den BGB.

Bei den Nationalratswahlen 1935 stellen die "Jungbauern" eine eigene Liste auf. Dr. Müller wird aus dem BGB ausgeschlossen, führt eine eigene Jungbauernfraktion im Berner Grossrat an.

1937 "Führerkonferenz" in Moschberg. Andere "Jungbauernparteien" sind die "Demokratische Partei" in Graubünden und Teile der Bauernpartei im Kanton Schaffhausen. Die Partei spaltet sich in eine frontistische Richtung mit christlichen Grundsätzen, Führerkult und "nationaler Erneuerung", v.a. in Bern und in der Ostschweiz, 1938 im Kanton Bern mit 13,8%. Der andere Teil ist gewerkschaftlich ausgerichtet, bricht dann aber mit den Sozialisten und den Gewerkschaften, fühlt sich 1938 verraten, denn der Berner Regierungsrat stellt den Sozialisten zwei Sitze in der Exekutive zur Verfügung. Die Sozialisten packen zu und haben ab sofort die "Jungbauern" nicht mehr nötig.

Die Wiedervereinigung der beiden Richtungen erfolgt in totaler politischer Isolation.

Ab August 1940 werden die "Jungbauern" völlige Anhänger des 3. Reiches, proklamieren eine "Neue Zeit". Dr. Müller etabliert sich als Führer: Man solle sich Hitler anpassen und den Beitrag am neuen Europa leisten: Man soll den "Anschluss" nicht verpassen.

1941 löst sich die "Demokratische Partei" in Graubünden von den "Schweizer Jungbauern" ab.

Politik ab 1941:
-- Forderung nach Integration der Schweiz in die "neue Ordnung" in Europa
-- Forderung nach neuen frontistischen Bundesräten
-- Forderung nach Abtreten der demokratischen Parteiführer.

1942 bekommen die "Jungbauern" 11,8%. Die Parteimitglieder betreiben z.T. auch Spionage für Deutschland. Zwei werden als Landesverräter verurteilt. Bei den Nationalratswahlen 1943 erleiden die "Jungbauern" Verluste. In St. Gallen bleibt ein Restbestand, in Bern bleiben zwei Deputierte.

1946 allgemeine Auflösung und Übertritte zu den BGB-Fraktionen im Kanton Bern, Thurgau und Zürich. 1947 werden im Kanton St. Gallen die Jungbauern nicht mehr gewählt. Die Bewegung zieht sich aus der Politik zurück, nur noch "kulturelle" Tätigkeit (S.46-53).




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2.
Fronten mit Bindungen an das Ausland

Nationalsozialistische Eidgenössische Arbeiterpartei (NSEAP)
oder
Bund Nationalsozialistischer Eidgenossen BNSE (1931-1935)
gegründet 1931 vom eingebürgerten Deutschen und Architekten Theodor Fischer
Kampfblatt: "Der Eidgenosse"
Politik: Kopie der NSDAP, Pangermanismus, Führerstaat gegen den "jüdischen Ungeist", gegen "volkszersetzenden Liberalismus" und gegen "volkszersetzenden Marxismus".

1932 hält Hitler bei dieser Partei eine Rede in Radolfzell mit 5000 schweizer Zuhörern. Die Rede von Fischer beschwört einen gemeinsamen Kampf von Deutschland und der Schweiz um die Erhaltung von "Art und Seele". In derselben Art und Weise wird eine Rede in Freiburg i.Br. organisiert.

In der Schweiz hat die Prozess keinen Erfolg, sondern Prozesse wegen Verleumdung am Hals. 1933 während des "Frontenfrühlings" ist die BNSE schon am Absterben.

Der Pangermanismus der Gruppierung drückt sich aus durch Wolf Wirz.
Der Begriff Nation wird geistig und durch blutsmässig verbundene Menschengruppen verstanden. Die BNSE stellt damit die Existenz der Schweiz als solche in Frage, weil sie aus 3 Teilen "hochstehender europäischer Nationen" besteht. Wirz wird wegen Landesverrat angeklagt.

Im Juni 1933 tritt die Ortsgruppe Luzern unter Wirz zur Nationalen Front über, ebenso die Sektionen von Zürich, Bern und Aargau.

Am 1. August 1933 erscheint eine spezielle Ausgabe des Hetzblattes mit Hakenkreuz auf gelbem Grund.

1934 wird ein Pamphlet an die deutschen Reichszeitungen gegen die schweizerische Presse verschickt mit der Behauptung, dass "die Journalisten" in der Schweiz von aussen her bestochen seien. Die schweizer Staatsanwaltschaft erachtet dieses Pamphlet als moralischen Landesverrat und es kommt auch in diesem Fall zum Prozess.

Im Juni 1934 wird das Kampfblatt "Der Eidgenoss" eingestellt. Es werden nur noch Nachrichtenblätter verteilt.

Im Februar 1935 löst sich die NSEAP / BNSE auf. Der Rest schliesst sich dem "Volksbund an (Nationalsozialistische Schweizerische Arbeiterpartei NSSAP) (S.67-71).

Volksbund (1933-1935)
5. Oktober 1933 Gründung durch eine abgespaltene Gruppe der Nationalen Front von Basel-Solothurn. Gauführer von Basel-Solothurn ist Ernst Leonhardt. In dieser Gruppe sind auch Leute aus den Kantonen Bern, Aargau und Luzern. Führer des Volksbunds sind
-- Major Ernst Leonhardt
-- Oberst Emil Sonderegger
-- Hans Bosshard.

Politik: total pro-deutsche Einstellung, für Hitlerismus, mit Kopie der Judenhetze von Streicher. Juden werden als "Flöhe" und "Blutsauger" bezeichnet.

Schon am 11.3.1934 nach der Volksabstimmung kommt es zur Spaltung: Sonderegger und Bosshard gehen zur Volksfront, dann am 23.2.1935 zum Eidgenössischen Bund. Leonhardt bleibt als Führer des Volksbunds allein, v.a. mit Leuten aus Basel und Basel-Land. Im selben Jahr wird Leonhardt aus der Armee ausgestossen.

Im August 1934 treten Leute aus dem Nationalsozialistischen Eidgenössischen Kampfbund bei (NSEKB), v.a. mit Leuten aus Zürich (S.71-72)

Neuer Name: Nationalsozialistische Schweizerische Arbeiterpartei (NSSAP) (1935-1938)
Im Februar 1935 stösst der Rest der Nationalsozialistischen Eidgenössischen Arbeiterpartei (NSEAP) / Bund Nationalsozialistischer Eidgenossen (BNSE) zum Volksbund. Der Volksbund gibt sich den neuen Namen NSSAP. Erst jetzt schreitet die Staatsanwaltschaft ein und verbietet den Verkauf der Zeitung auf öffentlichem Grund: in Basel, Kanton Zürich und Kanton St. Gallen. Ab November 1935 muss die Zeitung in Couverts verschickt werden.

Am 1. Juli 1938 verbietet der Bundesrat die Verwendung fremdländischer Symbole in schweizerischen politischen Vereinigungen. Ende Oktober 1938 werden die Kundgebungen vom Bundesrat verboten. Am 10. November 1938 wird die Zeitung verboten. Am 10. Dezember wird die Gruppierung durch Leonhardt selbst aufgelöst.

Leonhardt selbst zieht im März 1939 nach Deutschland, wo auch andere ehemalige Leute des Volksbund für Deutschland Spionage betreiben. Im November 1939 finden gegen diese Leute vor Bundesgericht Prozesse statt mit Gefängnisstrafen von 1/2 bis 1 Jahr (S.72-74).

Schweizerische Gesellschaft der Freunde einer autoritären Demokratie SGAD (Ende 1938-1940)
Gründung Ende 1938 durch Ernst Leonhardt. Im März 1939 hält sich Leonhardt in Frankfurt auf. Flugblattkampagne mit Ernst Burri gegen die schweizerische Regierung, Verteilung durch ehemalige Volksbundleute an die Regierung, an Parlamentarier, an Armeeführer, an Zeitungen, bezahlt vom Berliner Propagandaministerium.

Ab August 1940 Tenor, die Schweiz solle sich endlich dem "Neuen Europa" anpassen, sonst gehöre die Schweiz zu den Verlierern. Forderung nach Abtritt der schweizerischen Regierung, denn die Schweiz habe sich gegenüber Grossdeutschland katastrophal benommen. Im Oktober 1940 deckt die Bundespolizei die Verteilerorganisation auf. Prozesse 1942-1944.

Ein Zerstörungsdetachement aus 2 Schweizern und 6 Deutschen begeht Sabotage an Flugzeugen und wird ebenfalls verurteilt. Im November 1940 wird die SGAD verboten und aufgelöst (74-76).

Eidgenössische Soziale Arbeiterpartei ESAP (1936-1940)
Gründung 1. Juni 1936 durch Abspaltung von der Nationalen Front.
Politik:
-- Neugestaltung des politisch/wirtschaftlichen und kulturellen Lebens
-- Vereidigung der Lebensrechte des schaffenden Volkes
-- Erhaltung und Erweiterung sozialer Errungenschaften, Propaganda in der Zeitung "Schweizervolk"

-- Personenkult: Gründer: Radiomechaniker Ernst Hofmann
-- Parteiblatt: "Landbote"
-- Ausrichtung: deutschlandtreu, z.T. rassistisch gegen die französische Schweiz, Unterstützung z.T. durch die deutschfreundliche Industrie.

Im Juli 1938 Aufnahme der Eidgenössischen Sozialen Volksbewegung, die seit 1934 durch die Abspaltung von der Nationalen Front unter Leitung eines Rechtsanwalts existiert.

1938 Forderungen nach Verbot der ESAP im Nationalrat. Am 25.11.1938 wird die Zeitung der ESAP "Landbote" von den Bundesbehörden verboten. Am 20. Oktober 1940 wird die ESAP auf Weisung deutscher Amtsstellen aufgelöst. Der Rest schliesst sich mit Hofmann dem "Bund treuer Eidgenossen nationalsozialistischer Weltanschauung" BTE an (S.76-78).

Bund treuer Eidgenossen nationalsozialistischer Weltanschauung BTE (1938-1940)


Gründung am 22.3.1938 (nach dem Österreich-Anschluss) durch die Abspaltung von der Nationalen Front.
Führer: Dr. Alfred Zander, radikaler Antisemit, betreibt seit 1934 einen geheimen Nachrichtendienst zugunsten Nazi-Deutschlands
Zeitschrift: "Schweizerdegen", alle 2 Wochen, finanziert von Deutschland, z.T. verboten
Leiter der "Nationalen Hefte": Dr. Hans Oehler
ebenso dabei:
-- Dr. Wolf Wirz
-- Benno Schaeppi
, früher Landespropagandaleiter der Nationalen Front.

Im März 1938 nach dem Österreich-Anschluss äussert Zander: "Auch für uns wird Ostern kommen."

Politik: pro deutsch, Rassismus, Antisemitismus, gegen den "jüdischen Bolschewismus".

September 1938: Nürnberger Parteitag: Hitler empfängt Zander im Sinn eines Anschlusses der Schweiz an Deutschland. Zander begeht in diesem Sinn Landesverrat.

November 1938: Verhaftung Zanders. Zander hatte schon einen Geheimsender vorbereitet.

Juli 1939: Urteile gegen Führer und Mitarbeiter des BTE mit 1 Monat Gefängnis bis 2 Jahre Zuchthaus. Der BTE entpuppt sich als deutsche Spionageorganisation. Auflösung am 22.10.1940 auf Weisung deutscher Amtsstellen. Anweisung, sich mit der ESAP zusammenzuschliessen (S.78-80).

Die ferngesteuerte Nationale Bewegung der Schweiz NBS (Juni 1940-19.11.1940)
Gründung im Juni 1940 als Sammelbecken für zersplitterte Fronten, rechtsradikale Gruppen und Bünde.

10. Oktober 1940 Einigungskonferenz in München von Dr. Hügel mit allen schweizerischen Frontenführern und Agent Dr. Ashton vom Generalkonsulat Zürich. Mit dabei:
-- vom BTE: Oehler, Schaeppi
-- vom SGAD: Burri, Leonhardt
-- von der NBS: Max Leo Keller.

Leonhardt und Keller streiten sich um den Führungsanspruch. Die ESAP ist abwesend. Es wird die Vereinigung von BTE und ESAP in die NBS vereinbart.

Max Leo Keller pflegt Kontakte zum Bundespräsidenten und zu Rudolf Hess. Keller setzt durch, dass die NSDAP ihn als Nazi-Führer der Schweiz anerkennt. Ebenso trotzt er der NSDAP die Zusicherung ab, dass Deutschland immer bei Keller um seine Meinung fragt, wenn bezüglich der Schweiz Entscheide getroffen werden.

Ab dem 22.10.1940, nach der Auflösung des Bunds treuer Eidgenossen BTE entspricht die NBS einer nationalsozialistischen Einheitspartei.

Leitung: Triumvirat Zander - Hofmann - Keller, von Deutschland von Dr. Klaus Hügel von der SS Stuttgart ferngesteuert. Keller verlangt vom Bundesrat ultimativ uneingeschränkte Versammlungs- und Agitationsfreiheit.

Alle Original-Anmeldungen der 2224 Mitglieder sind im SS-Tresor in Berlin aufbewahrt. Die Mitglieder haben den Glauben an den "Sieg" Hitler-Deutschlands, und so sei man auf den Anschluss an die neuen europäischen Verhältnisse vorbereitet.

Politik: 10 Gebote für die Mitglieder der NBS
1. totaler Führerstaat: "Der Entscheid der obersten Führung ist endgültig"
2. totale Disziplin: "Verletze nie die Disziplin
3. keine Diskussionen: "Vergeude nie deine Zeit in Schwätzereien und selbstgefälliger Kritik, sondern fasse an und schaffe"
4. Anweisung zum Stolz ohne Dünkel: "Sei stolz, aber nicht dünkelhaft"
5. das Programm als Gesetz: "Das Programm sei dir Gesetz, die Idee ein unantastbares Dogma"
6. Betragen und Auftreten immer als Repräsentant: "Du bist Aushängeschild der Bewegung, darnach richte dein Betragen und Auftreten"
7. treue Kameradschaft: Übe treue Kameradschaft..."
8. zäher Kampf mit Verschwiegenheit: "Im Kampfe sei zäh und verschwiegen! Mut ist nicht Rüpelhaftigkeit"
9. das Recht ist immer für die Partei: "Recht ist, was der Bewegung und deinem Volke nützt"
10. der "wahre Soldat": "Erkennst du diese Pflichten an, dann bist du wahrer Soldat deiner Idee..."

Die "10 Gebote" für NSDAP-Mitglieder sind nicht viel anders (S.81-87).

Am 19.11.1940 werden dem Bundesrat die Organisationsstatuten der NBA bekannt. Die NBS wird aufgelöst, da sie von Nazi-Deutschland abhängig ist. Das 3.Reich reagiert mit heftiger Propaganda gegen den Bundesrat, und auch die Nationale Front (S.87).

Die illegale NBS
Dr. Ashton
führt auf deutsche Weisung hin die NBA über das deutsche Konsulat in Zürich weiter, mit Tarnung durch verschiedene Namen für verschiedene Ortsgruppen. Der Rest schliesst sich der Nationalen Front von Tobler an (S.89).

Dr. Ashton kann über das Zürcher Konsulat verschiedene Nazi-Organisationen aufbauen:
-- schweizerische Sportschulen (SS), z.B. Kilchberg
-- Fechtbünde
-- die Soziale Volkspartei SVP
-- den National-Bernischen Sportverein NBS u.a.

mit Einladungen nach Deutschland zu Sportveranstaltungen, aber von der Bundespolizei aufgedeckt. Die Schweizerischen Sportschulen (SS) sollten einen Grundstock einer illegalen Schweiz-SS bilden und beim Hitler-Einmarsch in di Schweiz als Stosstrupp dienen.

ebenso:
-- Bund Nationalistischer Schweizerstudenten
-- Kampfbund Speer
-- Eidgenössische Arbeiter- und Bauernpartei (EABP).

Kellers Verhaftung - Freilassung auf Kaution und Exil bei den Hermann-Göring-Werken
Im Juni 1941 wird Keller verhaftet (S.89), am 10. Juni bei einer Grossaktion der Bundesanwaltschaft. Zu einem Prozess kommt es aber nicht, weil keine stichhaltigen Beweise vorliegen (S.101). Keller wird gegen Kaution freigelassen. Die Kaution wird von SS-Hauptamt bezahlt. Im November 1941 geht Keller nach Deutschland (S.89), am 19. November. Keller geht mit 4 Gesinnungsgenossen ins Reich nach Berlin, wird dort leitender Direktor der Hermann-Göring-Werke in Berlin und in Weimar, bezieht ein steuerfreies Jahresgehalt und spielt in den Schweizerbünden nur noch eine passive Rolle, wartet ab, bis er "gerufen" wird (S.101,103).

24. August 1941: Zweite Einigungskonferenz in Stuttgart unter Dr. Hügel. Dieses Mal wird die Konferenz zum Fiasko. Die Spaltung unter den Auslandschweizern bleibt: der BSG wie bisher, die NSSB unter Burri / Leonhardt neu (S.93-94).




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3.
Bünde von Auslandschweizern in Deutschland

Bund der Schweizer in Grossdeutschland BSG unter Franz Burri (1940-
gegründet im Juni 1940 in Stuttgart von Franz Burri, früher Arzt in Luzern, jetzt im SS-Hauptamt tätig
Fahne: schwarzes Hakenkreuz auf braunem Grund
Verbindungen zur Nationalen Front, zum Bund treuer Eidgenossen BTE, zur ESAP, zum NBS, zu Dr. Hügel in Stuttgart, zu Dr. Ashton in Zürich.

Führende Mitglieder: Schaeppi, Zander, Führer der ehemaligen deutschen Nationalen Front in Deutschland und ein Enkel von Hermann Greulich.

Burri ist die oberste Instanz, regelt Amtsverkehr, Geldverkehr etc., wird aber bald verdrängt. Im Mitgliedsbuch steht ein doppeltes Bekenntnis zur Weltanschauung Adolf Hitlers. Das Hakenkreuz ist auf dem Buchdeckel (S.89). Fahnenehrungen durch Hitlergruss sind Standard. Gelder kommen
-- vom Volksbund für das Deutschtum im Ausland
-- vom SS-Hauptamt
-- vom NS-Propagandaministerium Berlin.

Gleichzeitig ist der BSG dem SS-Hauptamt monatlich Rechenschaft schuldig (S.90).

Die Politik ist durch verbindliche "Literatur" abgesichert:
-- Hitler: "Mein Kampf"
-- Zander: "Eidgenossenschaft und Reich"
-- Oehler: "Nationale Hefte"
-- Rundschreiben des BSG.

Ausserdem wird der gesamte Schriftverkehr von der Gestapo zensiert. Ziel ist es, eine Kerntruppe von Nazi-Schweizern in Deutschland zu bilden. Die Schweiz soll spätestens nach dem "Endsieg" "eingemeindet" werden, wobei der "Führer" dies allein bestimmt (S.90).

Ministerliste für eine nazistische Schweiz - das "Panoramaheim"
Für die "Eingemeindung" wird eine Ministerliste für eine zukünftige schweizer Nazi-Regierung vorbereitet: Nazi-Minister sollen werden: Zander, Wechlin, Max Leo Keller, Ex-Oberst Gustav Däniker, auch gegen den schweizer Volkswillen. Damit ist der Landesverrat vollzogen.

Die Gruppe betreibt im Spionagezentrum "Panoramaheim" in Stuttgart militärischen Nachrichtendienst gegen die Schweiz. Das "Panoramaheim" fungiert auch als Auffanglager für nazistische schweizer Deserteure, die vor einer Strafe flüchten, geleitet von Schaeppi und Hügel (S.90).

Die vorbereitete Teilnahme an der Besetzung der Schweiz
Die Aktion "S", der Angriff gegen die Schweiz, ist beim BSG vorbereitet, inklusive Vernichtung aller Reichsfeinde in der Schweiz. Die Listen stehen bereit. Unter dem BSG werden schweizerische Truppenteile aufgestellt, um die Schweiz nazistisch zu besetzen, z.B. die "Schweizer Sturmbannen", die der Waffen-SS Soldaten zuführen sollten. Es ist ein "Klub der Vorbestraften", eine Art Fremdenlegion mit dem Beinamen "Himmelfahrtskommando" (S.92).

März 1941
Schaeppi tritt in Prag als sechster Schweizer der Waffen-SS bei, dient als Kriegsberichterstatter an der Front (S.92). Gleichzeitig bittet Zander den Bundesrat um Bewilligung für die Freiwilligenwerbung in der Schweiz für den Russlandfeldzug und unterstützt damit Burri / Leonhardt (S.97).

1946 kommt es zum Prozess gegen den BSG in der Schweiz mit 54 Angeklagten, mit Verurteilungen
-- wegen "Angriff auf die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft
-- wegen politischem und militärischem Nachrichtendienst
-- wegen Leistung fremden Militärdienstes oder wegen Anwerbung zu fremdem Militärdienst.


Die Strafen sind 6 Monate Gefängnis bis zu einmal 6 Jahre Zuchthaus (S.93).

Nationalsozialistische Bewegung in der Schweiz NSBidS unter Burri (1941-1945)
gegründet von Burri im April 1941, ab August 1941 in Verbindung mit dem Nationalsozialistischen Schweizerbund NSSB, gegründet von Burri und Leonhardt, der vom auswärtigen Amt in Berlin unterstützt wird und 2400 Anhänger hat (S.93-94) und eine radikale, nationalsozialistische Linie verfolgt (S.95) und Schriften vertreibt:
-- "Internationale Presseagentur" IPA
-- "Eidgenössische Korrespondenz"
-- "Informationen des NSSB" (S.93).

Durch die Kooperation mit einem Chauffeur in Lörrach werden die Schriften in die Schweiz an die Mitglieder des NSBidS geschmuggelt.

Die Schriften des NSSB für den NSBidS
-- Lob auf den Führer

-- Grossgermanische Einheitsidee / Anschlusspropaganda

-- "Wir Schweizer gehören zur Substanz des deutschen Volkes - ... als deutsche Menschen wollen wir deutsch denken und deutsch fühlen"

-- der Ruf: "Für uns gibt es nur einen Ruf: den Ruf des Führers des gesamten deutschen Volkes, den Ruf Adolf Hitlers"

-- "Höher als die Heimat steht die Pflicht dem deutschen Volke gegenüber, dem wir trotz Schweizerpass angehören"

-- "Wir werden nicht ruhen und rasten, bis das Hakenkreuz über der Kuppel des Bundeshauses flattern wird"

-- Aufsätze gegen den Bundesanwalt

-- Aufsätze gegen General Guisan und die Reduitkonzeption mit dem Vorwurf, Guisan ziehe den blutigsten Krieg einer würdigen Verständigung mit dem Nachbarn vor, das Volk als Opfer auf dem Altar der jüdisch-freimaurerischen Weltdemokratie, das Schweizervolk in Lebensgefahr, somit: Guisan sei der Staatsfeind Nr.1, der gefährlichste Landesverräter aller Zeiten, die Armee eine Verschwendung des Nationalvermögens (S.95).

Für die NSBidS sammelt Burri eigene Anhänger in der Schweiz, mit Unterstützung durch die deutsche Gesandtschaft in Bern.

Burri ist 1941 Mitglied der Gauleitung Niederdonau, ab 1942 Mitglied in der NSDAP (94-95). Im Januar 1941 verfasst Burri an Himmler eine Denkschrift, in der er vorschlägt, die SGAD-Mitglieder von Leonhardt als SS-Truppe anzuerkennen. Dies wird von Himmler und Heydrich aber verweigert (S.100).

Mitte 1941 gelangt Burri mit der Forderung an den Bundesrat, es sei "die Hälfte der mobilisierten schweizer Armee unter dem Oberstkorpskommandant Ulrich Wille für den Kampf gegen Sowjetrussland bereitzustellen (S.97).

1941 sind  ca. 40'000 Auslandschweizer im Deutschen Reich, davon aber nicht einmal 4000 in BSG und NSSB. Es finden nur kleine Versammlungen statt (S.98).

An Silvester 1942 wird Burri zum "deutschen Reichsbürger" deklariert, tritt fortan in Parteiuniform auf, mit dem Verdienstkreuz "1.Klasse".

Der NSBidS wird zur Filiale des NSSB, wird zur Konkurrenz zum NBS. Der NSBidS verteilt Flugblätter in einer radikalen nationalsozialistischen Linie wie der NSSB.

Am 18. Mai 1943 beschliesst der Bundesrat die Ausbürgerung von Auslandschweizern, befristet auf 2 Jahre, dann um weitere 2 Jahre verlängert für Leute, die sich "gegen die Sicherheit oder die politische Unabhängigkeit des Landes vergangen" haben. Von der Ausbürgerung betroffen sind u.a. Burri und Leonhardt, auch Zander und Schaeppi etc. (S.98).

Reibereien zwischen NSSB und NSB
Die Bünde betreiben gegenseitig Reibereien und Störaktionen. Gemäss deutschen Vorstellungen soll Keller die beiden Bünde auflösen und an deren Stelle eine einheitliche Bewegung gründen, den "Bund der schweizer Nationalsozialisten" (BSN).

Am 17. August 1944 findet in Berlin eine dritte Einigungskonferenz für die schweizer Nazi-Gruppen statt, wieder ohne Resultat. Burri ist isoliert, will eine Gegenkonferenz organisieren, was ihm aber untersagt wird. Keller gründet den BSN, hat nun die Plattform, um unter dem Schutz des genialen Führers in die Schweiz einziehen zu können (S.103).

Bis 1944 schnappt die Bundespolizei 48 Mitglieder des NSBidS und vollzieht Prozesse in Basel 1945-1946 (S.93-94).

Im Dezember 1945 wird Burri vom "amerikanischen" Militärbehörden gefasst und am 31.5.1946 abgeschoben. Prozess gegen Burri vor dem Bundesgericht am 20.4.-7.5.1948. Verurteilung zu 20 Jahren Zuchthaus wegen Angriff auf die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft (S.104).

Die Neue Front/Nationale Front 1930-1933 - Kampfbund 1933-1941 - Eidgenössische Sammlung 1941-1943

Rebellion im Freisinn 1928-1930 führt zur Gründung der Neuen Front / Nationalen Front
An den Akademikertagungen der freisinnigen Partei  wird am 30.6./1.7.1928 Kritik an den "alten Parteien" geübt. Am "Zweiten Akademikertag" am 23./24.11.1929 ergeht die Aufforderungen "der Alten" an "die Jungen", sich an der Polizei zu beteiligten. Die Zürcher Gruppe macht dazu einen Programmentwurf für den 21./22.6.1930 mit Forderungen:
-- Konzentration der Demokratie auf ihre wesentlichen Erscheinungen
-- Beschränkung des Stimm- und Wahlrechts auf Verfassungsfragen und Wahl der obersten Behörden
-- Beschränkung der Wählerschaft (Wahlzensus!)
-- Bekenntnis zur Landesverteidigung
-- Unterstellung aller Probleme unter ein Gesamtinteresse
-- rasches Erledigen der anstehenden gesetzgeberischen Arbeiten
-- "kraftvolle" Aussenpolitik.

Es wird aber keine Resolution verabschiedet.

Presse: "Monatshefte" von Oehler, und "Zürcher Student" von Tobler Vonwyl.

Am 21. Juli 1930 gründet die Zürcher Sektion aus "Unzufriedenheit" eine neue politische Gruppe:

-- die Neue Front als interne Zürcher Opposition im Freisinn (1930-1933)
und die Nicht-Zürcher gründen die
-- Nationale Front (1930-1933).

Die Neue Front (1930-1933)

führende Studenten: Hans Vonwyl, Robert Tobler (Redakteur der Zeitung "Zürcher Studenten"), Rolf Henne, Hans Oehler (Redakteur der "Schweizerischen Monatshefte").

Am 30.10.1930 gibt sich die "Neue Front" eigene Statuten, eine Neuordnung im politischen Kampf: Führer- und Ideengefolgschaft statt Parteien. Im April/Mai 1931 werden die Statuten ergänzt und ein internes Führerprinzip erlassen mit einem Ausschuss als "höchstes geschäftsführendes Organ".

Am 4. "freisinnigen Akademikertag" am 27./28. Juni 1931 wird in Solothurn das Programm der Neuen Front "Manifest der Korporativen" verabschiedet, mit der Forderung, dass die Pflicht des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft vor dem Recht des Einzelnen steht. Widerstand dagegen leisten Walter Stampfli (Solothurn) und Ernst Boerlin (Basel-Land). Das Manifest wird mit 57:31 Stimmen verworfen.

Im März 1932 hält im Rahmen der Neuen Front der österreichische Ständestaatstheoretiker Othmar Spann einen Vortrag an der Universität Zürich, mit scharfer Ablehnung der Demokratie.

Der Vortrag hat keine positive Wirkung in Zürich. Der kleine Studentenrat reagiert verstimmt.

Am 7./8. Mai 1932 hält die Neue Front eine Tagung in Flüelen ab. Die Zürcher Jungliberalen erklären sich selbständig und gründen eine eigene Sektion. Tobler proklamiert:
-- der Liberalismus sei z.T. von Faschismus und Nationalsozialismus abgelöst worden, und auch sonst müsste noch so manches "untergehen"
-- Tobler zieht Vergleiche mit dem Ausland.

Die Zürcher Studenten streben nach dem Ideal zwischen Kapitalismus und Sozialismus bzw. Marxismus. Sie sind diejenigen Studenten, die nicht gleichgültig sind. Statt der "Ungeist" des "Klassenkampfes" soll eine "Volksgemeinschaft" herrschen und so das Volk geistig gesunden.

1933 kommt in der Zürcher Studentenschaft eine Gegenbewegung auf, ein "Kampfbund gegen geistigen Terror". Der "Zürcher Student" geht von Tobler wieder in "neutralere Hände". Gleichzeitig kommen in der Neuen Front Tendenzen auf, sich mit der Nationalen Front zu vereinigen, weil die Ziele dieselben seien, und weil die Nationale Front einen "guten Kern" hätte (S.107-112).

Die Nationale Front 1930-1933
(S.113-115)

Gründung 20.10.1930 durch Hans Vonwyl, Jura-Student
Politik: geistig beschränkt, destruktiv und totalitär, völkisches, "alldeutsches" Denken in "arischer" Weise, Führerkult mit dem Wunsch nach einem "Führer" wie Mussolini oder später Hitler
Zeitung: der "Eiserne Besen"
Ziel: Verunglimpfung des Gegners, Polemik, billige Hetze gegen Juden und Polemik gegen die Demokratie, z.B. mit der Formulierung "politischer Saustall", Behauptung, eine "Gesundung der Gesellschaft" anzustreben ohne Duldung anderer Elemente.

Die Nationale Front sucht ihre Mitglieder v.a. im Proletariat: in Basel, Schaffhausen, Zürich, Bern, St. Gallen, Graubünden, Aargau, Thurgau. Am 30./31. Juli 1930 findet auf dem Acherberg bei Zurzach eine Tagung statt, die von Kommunisten als ein neuer "Rütlischwur" verhöhnt wird.

Eine Zusammenarbeit mit der NSDAP Ortsgruppe Zürich und dem Landesleiter der NSDAP Gau Schweiz, Gustloff, kommt nicht zustande. Die NSDAP lehnt auch die Zusammenarbeit mit dem Bund Nationalsozialistischer Eidgenossen unter Fischer ab.

1933 vereinigt sich die Nationale Front mit der Neuen Front  zum "Kampfbund Neue und Nationale Front", kurz "Nationale Front" (S.113-115).

Kampfbund Neue und Nationale Front, kurz: Nationale Front

(S.120-147)

22. April 1933 Verbrüderungsfeier zwischen den Zürcher Studenten-Radikalen der Neuen Front und der Nationaler Front unter Vonwyl. Redner sind
-- Georges Oltramare von der Union Nationale Genf
-- Wilhelm Frick von der Eidgenössischen Front
-- Ernst Biedermann von der Nationalen Front
-- Emil Sonderegger, ehemaliger Polizeikommandant.

Die Veranstaltung muss wegen hohem Zulauf wiederholt werden.

Die Landesleitung des Kampfbundes haben von der Neuen Front Rolf Henne, Rolf Tobler und Hans Oehler, von der Nationalen Front Ernst Biedermann, Alfred Zander und Eduard Rüegsegger. Landesführer ist bis 4. Februar 1934 Ernst Biedermann, dann Henne.

Am 13. Mai 1933 erfolgt der organisatorische Zusammenschluss. Fusionsverhandlungen mit der Eidgenössischen Front und der Heimatwehr scheitern. In Schaffhausen wird der Namenwechsel von der Neuen Front zum Kampfbund "Nationale Front" erst 1934 durchgeführt. Alle anderen Sektionen werden sofort in "Nationale Front" umgetauft.

Presse:
-- in Schaffhausen ab 8. April 1933 der "Steiner Grenzbote", später nur noch "Grenzbote"
-- bis August 1933 wird der "Eiserne Besen" herausgegeben, dann die "Front" und die "Nationalen Hefte".

Die "Nationale Front" organisiert Kampftruppen "Harst" für Saalschutz und Überwachungsdienst, in "zackiger" Art, mit dem Schlachtruf "Harus!" Die Versammlungen selbst sind manipuliert. Es werden Vorträge gehalten, Diskussionen sind verboten. Manche Versammlung kippt aber trotzdem zur Bestätigung der Demokratie, z.B. in Luzern oder Bischofszell. In der Innerschweiz hat die Nationale Front keine Chance wegen der Liberalismustradition.

Verbreitung der Nationalen Front

Beitritt:
Am 3. Juni 1933 tritt die Luzerner Sektion des "Bundes Nationalsozialistischer Eidgenossen" der Nationalen Front bei.

Kaum Einfluss der Nationalen Front in Glarus, Appenzell Inner- und Ausserrhoden, St. Gallen, Graubünden, Thurgau und Bern, z.T. wegen Konkurrenzorganisationen (S.116-120).

Die Schwerpunkte der Nationalen Front liegen in Aargau, Zürich und Schaffhausen. Fast jeder Zürcher Stadtkreis hat seine Sektion, und es existieren viele Sektionen auf dem Land. Fackelzüge am 1. August 1933. An der Universität Zürich und an der ETH Zürich existieren "Hochschulgruppen" der nationalen Front, mit Vorträgen, Flugblättern und mit Schlägereien.

Wegen einem Hilfswerk für deutsche emigrierte Professoren entfacht sich ein Streit um den jüdischen Einfluss oder um marxistischen Einfluss.

In Schaffhausen läuft die Mitgliederwerbung z.T. auf erpresserische Art ab, v.a. bei der Waffenfabrik der Schweizerischen Industriegesellschaft Neuhausen (wo auch der Direktor frontistisch ist; In: Heiniger: 13 Gründe).

Im Welschland hat die Nationale Front kaum Chancen, denn die welsche Bevölkerung kann sich mit den Parteielementen nicht identifizieren: Schlachtruf "Harus", Alldeutschtum, Monopolanspruch auf "arische" Gesinnung, Zentralismus, Rassentheorie etc. Die Aktivitäten welscher Frontgruppen, v.a. in Lausanne und Neuenburg werden in der Presse kaum beachtet. Im Tessin hat die Front keine Chance, denn dort hat die Bevölkerung schon Mussolini die Stirn geboten.

Häufiges Verhaltensmuster: zuerst Gutheissung, dann radikale Ablehnung
Die Bevölkerung heisst die Frontisten wegen ihrem Bekennermut und "vaterländischen" Geist willkommen. Ein paar Wochen später ist man aber gegen sie:
-- gegen den Hitlerwahn / Führerkult / Endsiegglaube
-- gegen Antiliberalismus
-- gegen Antidemokratismus
-- gegen Judenhetze und gegen das Verbot der Einbürgerung von Juden und Numerus Clausus
-- gegen Hakenkreuzler.

Die grosse Mehrheit der Bevölkerung hat nicht im Sinn, sich von Deutschland regieren zu lassen und die Demokratie abzubauen. Bei einer Rassen- und Stammesgemeinschaft wäre die Existenz der Schweiz auch gefährdet wegen der Mehrsprachigkeit.

Wahlen 1933: Enttarnung der Scheinheiligkeit
Wahlkampf in Schaffhausen und Zürich für Ständeratswahlen. Die Nationale Front gibt am 12.8.1933 eine Prinzipienerklärung ab:
-- die Nationale Front sei von ausländischem Einfluss unabhängig
-- die Nationale Front sei ohne fremdes Geld
-- die Nationale front bekenne sich zur schweizerischen Demokratie im Sinne eines ständisch gegliederten Volksstaates und einer starken Regierung
-- die Nationale Front bekenne sich zum Föderalismus
-- die Nationale Front lehnt jede Vergewaltigung der welschen und katholischen Minderheiten ab
-- die Nationale Front sei gegen Terrorakte und gegen Gewalt.

Die Worte sind aber unglaubwürdig uns stimmen mit den Taten nicht überein. Die Erklärung und die Artikel und die Hetze im "Eisernen Besen" sind das genaue Gegenteil.

Wahlkampf in Schaffhausen: Front-Kandidat Henne

-- mit grossem frontistischem Wahlkampf um das freie Ständeratsmandat. Gauführer: Henne
-- die Zusammenarbeit mit der katholischen Volkspartei kostet viel reformierte Wählerstimmen!
-- Ziel der katholischen Volkspartei ist ein Klostergründungsverbot und die Aufhebung des Jesuitenartikels. Aber wegen der älteren Generation beschliesst die katholische Volkspartei Stimmfreigabe
-- Henne bleibt in der Wahl Zweitletzter. Kommentar von Tobler in "Front" 5.9.1933:

"Heute bekennt sich mehr als Viertel des Schaffhauser Volkes zur Neuen Front ... Um den Endsieg braucht es uns da nicht mehr bange zu sein". Ebenso kommentiert die Zeitung "Ostschweiz".

1936 wird die katholische Volkspartei für ihre Zusammenarbeit mit den Frontisten bestraft und verliert die Mehrzahl der Stimmen bei den Gesamterneuerungwahlen.

Wahlkampf in Zürich: Front-Kandidat Tobler - die Bürgerlichen machen sich zum Spott

Die Nationale Front - so Tobler - werde keine gemeinsame Arbeit mit konservativen Parteien gegen die Marxisten machen. Bei Parteien wie Zeitungen herrscht darüber eine gespaltene und wechselhafte Meinung. Zum Schluss gehen alle rechten Parteien mit der Nationalen Front in den Wahlkampf, ausser die Demokraten.

Dem Kampf gegen Links möge man "vieles unterordnen, den Charakter aber nicht". Fast alle rechten Parteien machen sich dabei lächerlich, ausser die Demokraten, Marxisten und Sozialisten. Vom Basler, Berner und Luzerner Freisinn kommt harsche Kritik am Zürcher Freisinn: Der Zürcher Freisinn paktiere als Kalb mit seinem zukünftigen "Metzger". Nur eine Minderheit des Zürcher Freisinn wehrt sich gegen den Pakt mit den Frontisten, die monatelang gegen den Freisinn geflucht hätten. Die Jungliberalen verurteilen das Wahlbündnis aufs Schärfste.

Der Zürcher Freisinn wird von allen Seiten her verspottet. Die Zeitung des Freisinn, die Neue Zürcher Zeitung NZZ, wehrt sich gegen den Spott am 25.9.1933. Der Freisinn macht sogar am gemeinsamen Fackelzug mit den Frontisten mit, quittiert von einem Steinhagel der Sozialisten.

Bei der Stadtratswahl siegen die Sozialisten. Bei der Stadtpräsidentenwahl siegt der Sozialist Dr. Klöti. Bei den Gemeinderatswahlen nehmen die Frontisten dem Freisinn und anderen "Verbündeten" die Stimmen weg. Die Sozialisten können ihre Stärke behalten.

Das Parlament des Kantons Zürich ist mehrheitlich sozialistisch. Die Nationale Front hat die Bürgerlichen geschwächt und ist im Parlament selbst nicht zur Zusammenarbeit bereit.

Daraufhin distanzieren sich die Bürgerlichen wieder von der Nationalen Front, und die Sozialisten schlachten die Niederlage des politischen Gegners aus. Innerhalb der Nationalen Front kommt es zur Spaltung zwischen Zürich (Gauleiter Tobler) und Basel-Solothurn (Gauleiter Ernst Leonhardt). Leonhardt wirft Tobler Verrat vor (S.120-147).

Spaltung der Nationalen Front zwischen Zürich und Basel-Solothurn

-- durch den Streit um das Wahlbündnis in Zürich
-- durch Streit um die Judenfrage, denn die Forderung nach Ausbürgerung von schweizer Juden wurde aus den Statuten gestrichen
-- wegen persönlichen Anfeindungen zwischen Tobler und Leonhardt.

Die Leute der ehemaligen "Neuen Front" bilden weiter die "Nationale Front" mit Henne und Tobler etc. Sie streifen das nationalsozialistische "Importgut" und die radikalen Elemente ab.

Die Leute der ehemaligen "Nationalen Front" gründen am 5. Oktober 1933 den "Volksbund" unter Leonhardt, mit primitiver und extrem nazistischer Arbeit (S.151).

Die Judenfrage in der Nationalen Front
Tobler
ist gegen die Einbürgerung von Juden. Dabei sind gemäss der Volkszählung 1930 von 4'066'400 Einwohnern nur 17'973 Juden (S.151). Die Nationale Front aber betreibt antijüdische Politik auch an Universitäten mit dem Vorschlag, den Numerus Clausus einzuführen. Eisenegger von der Front-Sektion der Waadt fordert das Einbürgerungsverbot für Juden wie vor 1866 (S.152).

Die antijüdische Politik der Nationalen Front:
-- keine Einwanderung von Juden zulassen (S.152)
-- für die Ausweisung aller Juden, die ab 1914 in der Schweiz die Aufenthaltsbewilligung erhalten haben ("Front" 8.12.1933)
-- Juden werden als geldgierig und mit "Gerissenheit" verfemt
-- Juden seien verantwortlich für Arbeitslosigkeit und Krisennot
-- Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte (Flugblatt April 1934)
-- den Juden sitze die Kriminalität im Blute ("Nationale Hefte 1937 Aug./Sep.)
-- die Juden werden fr einen zukünftigen Krieg verantwortlich gemacht (Front National 13.6.1936)
-- die Juden werden für alles Schlechte verantwortlich gemacht (Front National 13.8.1938) (S.153).

Parolen gegen Juden:
-- man könne die Juden nicht bessern, sondern sich ihrer nur entledigen
-- Juda verrecke (Pfeffermühle-Krawalle 1934) im Stile des Radau-Antisemitismus (S.154).

Die Volksgemeinschaft, die von der Nationalen Front propagiert wird, soll also ohne Juden stattfinden, ein Widerspruch in sich (S.154).

Reaktionen auf die Judenhetze der Nationalen Front
Katholiken:
Die Presse "Schweizer Rundschau" befürwortet die antijüdische Haltung, sie sei ein "Gebot der Stunde" (2.5.1933). Das Organ "Aufgebot" stimmt der Judenhetze teilweise zu (S.154).

Sozialdemokratie:
wendet sich gegen die Judenhetze, denn dies sei "Sündenbockmystik" und eine Rückkehr in die Zeit der Hexenprozesse des Mittelalters. Emil Brunner (Prof. theol. an der Universität Zürich):

"Nicht die Juden, sondern die Griechen haben den Materialismus erfunden.
Nicht die Juden, sondern die Florentiner und Venetianer haben den Kapitalismus erfunden.
Nicht die Juden, sondern die Engländer haben den Liberalismus erfunden." (S.155)

(in: Neue Schweizer Rundschau, 7/November 1935, S.391).

Emil Jakob Walter (Dr.Phil., Stadtrat Zürich): Argument gegen Judenverfolgung:
Die grossen Industrieunternehmungen und führenden Bankinstitute seien von alteingesessenen schweizer Familien geleitet (S.155).

Konrad Falke, Dichter: Argumente gegen Judenverfolgung:
Der Name "Mensch" stehe in Gefahr. Die Judenfeindlichkeit entfesselt Instinkte, die "weder arisch noch nicht-arisch, sondern ganz einfach barb-arisch" sind (S.155)
(in: NZZ, 2005/5.11.1933; vgl. ferner: Bund, 266/16.5.1933; Arbeiterzeitung 138/16.6.1933).

Philipp Etter (lic.iur., Zuger Regierungsrat): Argument gegen Judenverfolgung:
"Eine Judenverfolgung, wie sie das neue Deutschland anbahnte, lehnen wir aus grundsätzlichen Erwägungen ab." (Zuger Nachrichten, 1.5.1933).

Die Protestantische Kirche erlässt am 30.12.1933 in der NZZ einen Aufruf gegen die Judenverfolgung:

"... Um der Liebe Christi Willen, die alle Rassenunterschiede überwindet und uns lehrt, uns als Kinder des einen Vaters zu betrachten, bitten wir unser reformiertes Zürchervolk, es möge sein Herz allen Gefühlen des Rassen- und Religionshasses verschliessen und Gerechtigkeit üben auch dem Volke gegenüber, das ... der Welt den Erlöser geschenkt hat." (S.156)

Reaktion der Nationalen Front: Judenhetze
-- Vertrieb der Protokolle von Zion
-- Vertrieb der entwerteten Expertise des Weisen von Erfurt Fleischhauer (Leiter der antisemitischen Propagandazentrale in Erfurt)
-- Prozess in Bern um die Protokolle von Zion mit Fleischhauer, Fleischhauer-Affäre
-- antisemitische Propaganda nach deutscher Vorlage und Rassenstreit (Tobler, Zander): "Reinerhaltung des (eigenen) Blutes" (Front 5.12.1936)
-- Gaube an den "Arier" als "heldischen Menschen des Nordens".

Reaktionen:
Dementis gegen die Rassentheorie:
Emil Sonderegger in "Die Schweiz im Umsturz" 1933) gegen das Ariertum in der Schweiz:

"Wir ... sind... keine Arier, sondern gangbarer Durchschnitt aus Helvetiern und Alemannen und haben eine gesunde keltische Grundlage aus der Zeit des heiligen Gallus ... Von den Hunnen, welche im Kloster St. Gallen etwas ungesittet auftraten, bis zu den Römern, Rätoromanen und Spaniern aus der Zeit der spanischen Erbfolgekriege haben wir allerlei mitbekommen, was mit der arischen Ausschliesslichkeit ... nicht in Einklang zu bringen ist."

Tribune de Genève 20.12.1933: gegen Rassismus:

"Cette idée simpliste, sans aucun fondement historique ou scientifique" ["Diese Idee vereinfacht, ohne historische oder wissenschaftliche Grundlage"].

Die Forderung nach rassistischer Staatenführung hat auch immer die Forderung nach Aufteilung der Schweiz zur Folge. Der Rassismus wird, wenn pangermanistisch zu Deutschland hin bzw. irredentistisch zu Italien hin gewandt, zum Landesverrat.




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4.
Hitlers Stellung zur Schweiz und deutsche Eroberungsabsichten

In der Hitler-Rede zum 1. Jahrestag der Machtübernahme am 30.1.1934 erwähnt Hitler, eine Nation sei auf der Einheit der Sprache aufgebaut. Indirekt meint Hitler damit, die Schweiz solle sich auflösen. Am 23. Februar 1937 sichert Hitler Alt-Bundesrat Schulthess zu, er werde die Neutralität der Schweiz respektieren (S.161).

Die deutsche Propaganda aber geht andere Wege und verlangt, so am 15.8.1933 in der NZZ, dass die 2,8 Mio. Deutschschweizer sich im Grossdeutschen Reich integrieren sollen gemäss NSDAP-Programm: "Zusammenschluss aller Deutschen zu einem Grossdeutschland".

Die Schweizer sollen kein Recht haben, ein eigenes Volk oder eine eigene Nation zu sein (in: Adolf Frei: "Die völkische Bewegung, eine nationale Gefahr", Zürich 1933).

Die Frontisten wiederum arbeiten Hitlers Eroberungsabsichten in die Hände, so z.B. der Basler Lokaldichter Dominik Müller, alias: Paul Schmitz (S.161-162).

Als Reaktion schreibt Konrad Falke in der NZZ am 10.9.1933 gegen den Anschluss:

"Sollte jemals irgendeiner Macht auf Erden der Ausspruch zugebilligt werden, uns Deutschschweizer nur deshalb zum Deutschen Reich zu schlagen, weil wir auch Deutsch sprechen, so würden wir lieber diese Sprache ... aufgeben." (S.164)

"Was dem nüchternen Schweizer ans Herz geht, das ist ... die gemeinsam erlebte vaterländische Geschichte, niemals ein Mythos von Rasse und Blut oder Sprache, gleichgültig, von welcher Front und in welcher Sprache ein solcher Sirenengesang zu uns herüberschallen möchte." (S.164-165)




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5.
Antiliberalismus in der Schweiz
(S.166-171)

Die Nationale Front
-- wendet sich gegen skrupellose Geld- und Profitwirtschaft
-- propagiert die "Überwindung" des Kapitalismus
-- wendet sich gegen Menschheits- und Gerechtigkeitsideale
-- propagiert die Einseitigkeit und die Intoleranz
-- behauptet, Menschenwürde, Menschenrechte und Freiheit seien ein Unsegen (in: "Front" vom l7.11.1933)
-- propagiert die "grosse Idee" göttlicher und menschlicher Verbundenheit (in: "Front", 3.4.1934).

Tenor: Der Liberalismus stelle sich der neuen Zeit und der Erneuerung entgegen.

Ebenso politisiert die katholische Volkspartei: Das liberalistische System von 1848 [mit der Einführung der Börse und der Spekulation] sei ein überflüssiger Luxus (in: "Ostschweiz", 4.4.1933). Es wird prophezeit, die Radikaldemokratie werde untergehen wie die Sozialdemokratie (in: National-Zeitung, 3.11.1933).

Josef Ebner
von der Katholischen Volkspartei behauptet, Nationalsozialismus, Faschismus und Frontismus seien die Gegenrevolution zur grossen französischen Revolution (in: Schaffhauser Zeitung, 26.7.1933).

Reaktionen

Parteitag SPS 24./25.2.1934, Robert Grimm:
Die Sozialdemokratie verwirft den Liberalismus in Sachen Wirtschaft, befürwortet den Liberalismus aber in Sachen Staat und Politik , denn Hitler hat die Sozialdemokratie in Deutschland vernichtet. Die Sozialdemokratie muss in der Schweiz verteidigt werden, mit Presse- und Versammlungsfreiheit. Nur so kann der Faschismus an der Machtübernahme behindert werden (in: "Rote Revue", Januar 1935). Die Sozialdemokraten erklären sich deswegen mit der Zusammenarbeit mit den Liberalen bereit.

Die Jungliberalen glaubten zeitweise, der Liberalismus sei überholt. Innerhalb des Freisinns kommt es zu Richtungsstreitigkeiten. Das Ideal der "Freiheit" wird hochgehalten (S. 166-171).

Konrad Falke kritisiert die nazistischen Frontisten, die die menschlichen Grundwerte in den Schmutz ziehen, in der NZZ vom 4.3.1934:

"Ihr seid wohl die ersten auf helvetischem Boden, die sich herausnahmen, die Begriffe Menschenwürde, Menschenrechte, Freiheit "Zauberspiegelworte" zu nennen und feierlich zu erklären: 'Unter dem Banner dieser Ideen streiten wir nicht'; und ihr habt offenbar keine Ahnung, dass es, nachdem diese Worte einmal gefallen sind, nur noch zwei Möglichkeiten geben kann: Entweder ihr erledigt die Schweizerische Eidgenossenschaft, oder aber die Schweizerische Eidgenossenschaft erledigt euch." (S.172)




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6.
Antidemokratismus in der Schweiz

Das Ablehnen der direkten Demokratie geht einher mit Appellen gegen Freiheitsrechte, gegen die demokratisch-parlamentarische Demokratie, z.B. in Vortragszyklen von Paul Lang (Schrift: "Tote oder lebendige Schweiz? Zürich 1932). In einem Vergleich zwischen Demokratie und Aristokratie folgert Lang:

-- alle Bürger haben gleichen Wert, gleiche Fähigkeiten, gleiche Macht, gleiche Souveränität
-- die Bürger haben aber verschiedene Fähigkeiten, verschiedenen Wert und sind in verschiedenen Funktionen
-- die Schweiz strebe den gesunden Ausgleich zwischen Demokratismus und Aristokratismus an

-- im 17./18. Jh. mit vorherrschendem Aristokratismus kommt aus dem Volk keine Erneuerung mehr, die Regierungsgewalt erfolgt nur über einige wenige Familien, dies sei die Entartung zur Oligarchie
-- die Französische Revolution habe den Umbruch gebracht, wo sich die Idee der Demokratie durchgesetzt habe (S.174).

Lang deutet den historischen Prozess als ein Pendel und stellt die Theorie auf, dass Demokratie und Aristokratie sich ununterbrochen ablösen. Dies sei das Gesetz des "historischen Kontrapunktes". Der Vorgang pendle immer zwischen Organik (Schöpfung, Opfermut, Wirken im Geist) und Mechanik (Routine, Mechanismus, Automatismus, mit ersterbendem Leben und Tod (S.174).

Lang meint in der Situation von 1932/1933:
-- das demokratische Prinzip habe sich erschöpft
-- das demokratische Prinzip habe zur Unterdrückung des Einzelnen durch die Masse geführt
-- das demokratische Prinzip habe die Elite vernachlässigt
-- das demokratische Prinzip sei in seiner Endphase von Entartung und Verfall gekennzeichnet (S.175).

Die Gegenbewegung, so Lang, sei von "Schmiedesohn Mussolini" und dem "Malergesellen Hitler" getragen, mit neuen politischen Ideen und neuen staatlichen Ordnungen: Faschismus, Action Française, Nationalsozialismus. Lang meint, die Dimensionen der Umwälzung würden die Dimensionen der Französischen Revolution oder der Reformation erreichen, ein welthistorischer Prozess, der jahrhundertelange Wirkung haben werde, und an dessen Ende die Überwindung der Irrtümer der Französischen Revolution steht (S.175).

Die Schweiz in der Entwicklung
Lang meint, die Schweiz könne sich dieser Entwicklung und politischen Bewegung nicht entziehen, denn Europa könne in seinem Zentrum keine erstarrte und entartete "Substanz ertragen" (S.175).

Die Tatsachen waren aber andere:
-- die Schweiz war Freiheitsinsel inmitten eines diktatorisch geführten Europa
-- viele ehemals diktatorische Staaten kehren ab 1945 zur Demokratie zurück
-- Langs Logik ist zu einfach, gewährt der Entwicklung keinen Freiraum
-- Lang unterschätzt die Wirkung und Vorarbeit des Geistes, glaubt, ein paar Jahre frontistische Propaganda genügten, um dem geistig-historisch gewachsenen demokratischen System das Grab zu schaufeln
-- Faschismus und Nationalsozialismus haben mit aristokratischen Idealen wenig gemeinsam, mit nackter, brutaler Gewalt aber viel gemeinsam (S.176).

Lang verkauft Faschismus und Nationalsozialismus als aristokratisch, obwohl diese totalitär sind. Er entscheidet sich für das totalitäre System aus Unwissenheit und lässt so landesverräterische Elemente aufkeimen (S.176-177).




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7.
"Frontenfrühling" und Nazi-Euphorie in der Schweiz nach Hitlers Machtübernahme 1933

-- die Führer der katholischen Kirche greifen den Liberalismus an und plädieren für den Frontismus
-- die katholische Bevölkerung wendet sich aber gegen den Frontismus und wendet sich der Demokratie zu

-- die Führer der protestantischen Kirche sind vorsichtig bei der Übernahme anderer, autoritärer Strukturen:
-- man solle sich ja nicht selbst aufgeben
-- eine "Erneuerung" erfordere Selbstbesinnung (Max Huber)
-- und man solle ja keine Freiheiten aufgeben.

Zeitungsstimmen:
-- deutsche Verhältnisse seien nicht auf die Schweiz übertragbar
-- Deutschland sei kaum an Demokratie gewöhnt, die Schweiz dagegen habe eine lange Tradition und viel Erfahrung
-- Deutschland sei ein traditioneller, preussisch-deutscher Autoritätsstaat, der jetzt unter Hitler wieder zum Vorschein gekommen sei
-- die Schweiz sei aus der Demokratie entstanden und solle an der überlieferten Staatsform festhalten
-- in Deutschland verkörpere Bismarck den Rechtsstaat, Hitler aber den Unrechtsstaat (so Albert Oehri)
-- für die Schweiz gäbe es kein geheimnisvolles Schicksal und keine Schicksalsergebenheit, die Schweiz brauche befreiende Taten (Ludwig Rittmeyer) (S.179-183).




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8.
Die Vorstellung der Autoritären Demokratie über einen schweizerischen "Führerstaat"
(S.179-183)

-- Konzentration der Volksentscheide auf das oberste Staatsorgan und auf Verfassungsfragen
-- an die sichtbare Spitze gewählt ist ein auf mehrere Jahre gewählter Landammann
-- Ablehnung der Gewaltentrennung
-- Ernennen der Fachminister / Bundesräte durch den Landammann
-- so: Wegfallen taktischer oder referendumspolitischer Hindernisse
-- Abberufungsrecht des Landammanns an das Volk bei hohem Quorum
-- "opferfreudiges Dienen ... für den Führer" stehe "viel näher bei der wirklichen Freiheit als das dünkelhafte Souverän-Tun vieler Kleinbürger"
-- Parole: "Autorität statt Majorität".

Methode zur Verwirklichung eines schweizerischen "Führerstaates":

-- Antrag auf Totalrevision der Bundesverfassung 1934
-- Auswechseln der Leute: Ein neues System verlange neue Menschen: aus der Nationalen Front
-- man muss eine Volksmehrheit schaffen
-- es sei ein Kampf um die Macht: Die Alleinherrschaft der Nationalen Front sei absehbar

-- die Nationale Front muss Partei werden, um sich mit den anderen Parteien konfrontieren zu können, wird dann Partei in ihrer Organisation, ohne sich aber Partei zu nennen, denn sie will eine volksumfassende Bewegung bleiben für das ganze Volk

-- alle anderen Parteien, die sich nicht zum schweizerischen Volk bekennen, sollen bis zur Vernichtung bekämpft werden, v.a. Liberalismus und Marxismus, auch alle Wirtschaftsparteien

-- Vorbild Deutschland: Hitler habe gezeigt, wie man Parteien unschädlich macht

-- Parolen:
oo  "Fort mit den Parteien" wie in Deutschland
oo  "Die Vernichtung der Parteien ist notwendig, damit das Volk leben kann"
oo  "Sie sind das Krebsübel, das am Mark unseres Volkes zehrt"
oo  "Le régime des partis, ... c'est le tripot" ["Das Parteienregime... ist eine Spielhölle"].

Ziel: "Zertrümmerung" des Parteienstaates, dafür ein gleichgeschalteter Einparteienstaat.

Das Parlament sei eine "Schwatzbude", solle durch den autoritären Staat ersetzt werden, der im allgemeinen Staatsinteresse entscheidet ohne anorganisches und unverantwortliches Parlament.

Gesetze sollen durch Kommissionen erlassen werden, die vom Landammann ernannt sind. Wirtschaftliche Aufgaben sind an Korporationen zu delegieren. Das Parlament soll nur noch konsultative Zwecke erfüllen.

Das Aktivbürgerrecht
Gemäss Nationaler Front sollen nicht alle das Aktivbürgerrecht erhalten. Ausgeschlossen sollen sein: unpolitische Leute, unsachverständige Leute, unfähige Leute, Einzelgänger, Kritiker, Juden (S.179-183).

Reaktionen
Programmpunkte, die bei anderen Parteien Anklang finden, sind:
-- Forderung nach Stärkung der Zentralgewalt
-- der demokratische Staat muss handlungsfähig sein und es soll an Disziplin appelliert werden
-- die Regierung muss einen Ausgleich schaffen zwischen den Interessen

-- Inkompetenzen sollen vermieden werden.

Dabei ergeben sich Widersprüche:
-- echte Autorität liege nicht in einer weltlich-immanenten Führungsidee (Hugo Dürrenmatt, bernischer Kirchendirektor)
-- es darf keine kritiklose Unterordnung und keinen blinden Glauben an einen Fürher geben, das sei weit vom Geist des Christentums entfernt
-- kollektive Führung sei besser für die Schweiz, wegen der Mehrsprachigkeit, Einseitigkeit werde es nie geben in der Schweiz
-- Gleichheit der Bürger: Jede Stimme soll gleich zählen, aber jeder hat auch sein Wort, das gewogen wird
-- ohne Parteien sei keine Demokratie möglich
-- die Demokratie zu vernichten sei der falsche Weg (S.189-190).

Konservative:
Die Meinung von Carl Doka, Katholische Volkspartei Schaffhausen:
-- alle Macht dem Christentum
-- nur Christen können Macht verkörpern und wählbar sein
-- Liberalismus und Sozialismus wird gleichzeitig abgelehnt
-- aber 6 Monate später vor der Abstimmung über die Revision der Bundesverfassung 1934 bekennt sich Doka wieder zum Mehrparteiensystem, denn wer sich als Partei bezeichnet, setzt auch eine andere Partei voraus
-- generell trägt jeder Bürger hierzu Verantwortung, ist eine Erziehungsfrage zum Verstandesbewusstsein, ist Geschenk und Verpflichtung zugleich, aber die Nationale Front stellt sich die Erziehungsfrage nicht (S.192-193).




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9.
Die Hoffnungen der Nationalen Front auf Verwirklichung des Einparteienstaates - der Kampf um die Macht

Die Nationale Front behauptet, die Schweiz solle sich in ihrer Struktur Deutschland anpassen:
-- in Kopie mit gleichartigen Bewegungen im Ausland
-- weil das "Los" der Schweiz in entscheidendem Mass von Deutschland mitbestimmt sei
-- weil die Schweiz sich nicht den neuen Geistesströmungen Europas verschliessen dürfe
-- der "Anschluss" an des "Deutsche Geistesleben" sei nötig.

Dabei ist aber nur das nationalsozialistische Geistesleben gemeint, eine Absurdität der deutschen Kultur, gemäss Wolf eine Scheinkultur (S.196-197).

Widerspruch:
-- die Nationale Front ist gegen Thomas Mann eingestellt, der das Barbarentum klar definiert
-- die Nationale Front ist gegen hervorragende deutsche Künstler und Forscher eingestellt und bezeichnet Einstein als den "Relativitätsjuden" (S.197).

Die Frontendemonstrationen finden unter diesen Schlagworten statt, u.a. am 29.5.1934 unter dem Motto: "Der jüdische Marxismus muss ausgerottet werden." (S.197).

1935 gibt die Nationale Front das offene Bekenntnis zur nationalsozialistischen Ideologie ab. Sie vergiftet konsequent die politische Kultur in der Schweiz mit bewussten Provokationen und Einschüchterungen (S.197).

Drohungen und Gewalttätigkeiten der Nationalen Front

Drohungen gegen über Konrad Falke: Drohung mit KZ und Galgen (in: NZZ 4.7.1934).

Allgemeine Drohung:
"Das Regime, das nach dem heutigen kommt, wird keine billigen Rücksichten walten lassen! ... (in: Front: 20.6.1936)

Wecken des blinden Fanatismus:
"Wir kennen keine Gnade gegenüber den sozialdemokratischen Führern; wir diskutieren nicht mit ihnen, sie kommen hinter Schloss und Riegel." (in: Eiserner Besen, 17.3.1933) (S.216)

Gewalttätigkeiten von Frontisten gegen Juden:
-- 1. Mai 1937: Schmierereien an der Synagoge in Bern und an öffentlichen Gebäuden: "Juda verrecke" - "Heil Moskau" - "Heil Stalin" - "Nieder mit Motta" (in: Front, 27.5.1937)
-- Störung jüdischer Gottesdienste , Diebstahl jüdischer Kultgegenstände, Einbruch in die Klubhütte eines Freimaurers, Petardenwürfe gegen die Synagoge von Zürich und Luzern (NZZ 11.10.1934. 5.12.1934, 16.1.1935, 20.2.1935)

-- Installation von Schützenscheiben auf dem Grundstück eines Reichsdeutschen in Zürich, die Juden und Marxisten darstellen sollen (NZZ, 8.6.1939/25.11.1941)
-- Juden an Weihnachten den Bart abschneiden oder Jüdinnen an einem Vortrag ein Ei nachschleudern (NZZ 1.7.1934) (S.216)
-- Überfälle (in: NZZ 20.9.1933, 18.8.1937) (S.217)

Gewalttätigkeiten von Frontisten gegen Sozialisten:
-- Störung von Versammlungen (in: NZZ, 6.7.1934)
-- Sprengstoffanschläge gegen das "Volksrecht" am 18./19. August 1933, gegen einen Volksrechtsredaktor BZ Gerichtsakte 11.10.1934 (in: NZZ 28.4.1934, 11.10.1934, 12.10.1934) (S.217)
-- Überfälle auf Freimaurer (in: NZZ, 23.3.1934).

Gauführer Tobler deckt die Attentate. Die Täter sollen austreten und dann nach 14 Tagen wieder eintreten, sonst werden sie ausgeschlossen und müssten ein Jahr warten (Untersuchungsrapport der Bezirksanwaltschaft Zürich 11.5.1934, 4.5.1934, in Akten zum U der 1. Abt. vom 11.10.1934).

Die NZZ macht die ganze Front-Partei moralisch für die Terrorakte mitverantwortlich (in: NZZ 28.4.1934). Reaktion des Landesführers der Nationalen Front: "Wir pfeifen!" (in: Front: 30.4.1934) (S.218-219).

Gewalttätigkeiten von Sozialisten gegen Frontisten
(S.219-212)

durch absichtliche Provokationen der Frontisten: Frontisten-Versammlungen in Hochburgen der Sozialisten
-- in Winterthur-Töss (in: Volksrecht: 23/27.1.1934)
-- Demonstrationen der Front mit provokativem Charakter gegen die Sozialisten: Die Sozis lassen sich provozieren
-- der Sozialistische Kampfbund stellt sich gegen den Faschismus:
oo  24.5.1934: Versammlung der Front in Dietikon gesprengt (in: Front, 25.5.1934)
oo  29.5.1934: Frontisten werden von Sozis blutig geschlagen, auch mit Messern verletzt, an Demonstrationen in Zürich, mit Barrikaden, mit Brandreden (in: Volksrecht 30.5.1934, Zürcher Post 30.5.1934).

Reaktion der Front
Frontistische Studenten machen in Flugblättern jüdische Studenten für die Demonstrationsausfälle mitverantwortlich (in: Front, 2.6.1934).

Reaktion des antifaschistischen Kampfbunds: Flugblatt verteilen. Die Verteiler werden von frontistischen Studenten zusammengeschlagen.

Reaktion des Stadtrats Zürich: Versammlungsverbot für 10 Tage am 4. Juli 1934 ausgesprochen, mit einem Artikel des Polizeivorstandes an die Öffentlichkeit, dass die Verantwortung für das Verbot bei frontistischen, kommunistischen und sozialistischen Radaubrüdern liege (in: Neue Zürcher Nachrichten, 13.6.1934) (S.219-221).

Das Schaffhauser "Intelligenzblatt"
betont, seit seiner Gründung habe der Frontismus "Gräben aufgerissen, wie sie vor 1933 nicht bestanden hätten:

"Wie soll eine Volksgemeinschaft zustandekommen, wenn diejenigen Schweizerbürger, die weder zum Kommunismus noch zum Frontismus abschwenken wollen..., von den Frontisten einfach als "Versumpfte, Verweste, Nutzniesser, Schwindler, Betrüger, Lumpen" hingestellt ... werden?" (2.3.1935); ebenso: Bund, 9.7.1933, Thurgauer Zeitung 7.7.1934, 26.9.1934) (S.212).

Ehrbeleidigungsprozesse
-- Tobler beschimpft Stadtpräsident Klöti als "Mistfink" und muss 200 Franken Busse und die Prozesskosten bezahlen (in: Front, 4.9.1934)
-- die "Front" bezichtigt den Zürcher Stadtrat der Lüge, und muss 200 Fr. Busse bezahlen (in: NZZ 17.3.1937)
-- der "Grenzbote" nennt die Polizei Nicoles nach Zusammenstössen in Genf eine "ausländische Verbrecherkolonie", und muss 100 Fr. Busse bezahlen (26.6.1936, Obergericht Schaffhausen) (S.211).

Ein Frontist äussert gegen Bundesrat Schulthess den Vorwurf der persönlichen Bereicherung und muss 500 Fr. Busse bezahlen und 1 Woche ins Gefängnis (in: Basler Nachrichten, 26.9.1934, NZZ 3.10.1934).

Es kommt zur Demonstration gegen Schulthess und zur Hetze im Grenzboten. Der Redaktor wird zu 6 Tagen Gefängnis verurteilt, dann in 300 Fr. Busse umgewandelt (Obergericht Schaffhausen, 17.5.1935) (S.212).

Die Selbstisolation der Frontisten: kein Dazulernen
-- Abbrechen alter persönlicher Kontakte
-- um den Sieg kämpfen: siegen oder sterben (in: Front, 28.9.1935)
-- schärfster Radikalismus und Kompromisslosigkeit (in: Front, 28.9.1935).

Kampf um die Schweiz: Organisierter Terror der Nationalen Front

Die Ankündigung der Zeitung "Front":
"Jetzt beginnt der Kampf um die Schweiz. Hier gibt es ... nur noch Freunde oder Feinde." (in: Front 18.1.1935, vgl.: Grenzbote 8.7.1933).

Damit distanziert sich die Front aber von der "Volksgemeinschaft und auch vom Patriotismus, denn wenn Eidgenossen in anderen Eidgenossen Feinde erblicken, ist ja kein Patriotismus mehr möglich. Die Front pflegt die soldatische Heeressprache bei jeder Gelegenheit, schürt eine Kriegslüsternheit. Der militärische Sprachgebrauch ist an nicht-militärischen Versammlungen aber durch das Militärstrafgesetzbuch verboten. Somit kommt es zum Verbot des Schaffhauser Hallauer Treffens (in: Grenzbote 12.3.1937). Der Rekurs wird vom Bundesgericht abgewiesen (in: BGr-A.Staatsr., Urteil vom 4.6.1937) (S.221-222).

Gründung der eigenen Parteitruppe "Harst"
-- Schutz von eigenen Versammlungen
-- für Aufmärsche und Demonstrationen
-- vom Bundesgericht als staatsgefährlich taxiert (S.223).

Ausbildung des Harst-Mitglieds:

-- 22-35 Jahre alt
-- jährlich bis mindestens 25 Einsätze
-- Schulung im Zweikampf (Gruppenkampf)
-- Schulung im Handhaben von Schlag- und Wurfkörpern
-- Schulung der körperlichen Leistung
-- Dienstbuch, Harst-Abzeichen, Ausweis, vier Armbinden weiss/rot/blau/gelb, Notverband
-- "Ausrüstung": Schlagringe, Gummiknüppel, Stahlruten, Stinkbomben, Sprengkörper (S.223).

Auflösung von "Harst" und Gründung des "Antifaschistischen Kampfbunds" 6. Juli 1934

Reaktion: Zürcher Regierungsratsbeschluss: Verbot für Selbstschutz- und Angriffsorganisationen für politische Parteien. Die Polizeidirektion Zürich führt den Beschluss durch.

Toblers
Reaktion: Man werde sich an das Verbot erinnern, wenn man die modernen Landvögte verjagt haben werde... (in: Front 11.7.1934) (S.224).

Terrororganisation der Nationalen Front: Gruppe "Säntis" (Gruppe "S")
Es handelt sich dabei um die Gruppe um den Täter des Bombenattentats auf den Volksrecht-Redakteur, eine Unterabteilung des Harstes:

-- den Mitgliedern wird absolute "Zuverlässigkeit" befohlen
-- die Mitglieder müssen "allzeit" zu jedwelchem Einsatz für Terrorakte bereit sein auf Befehl von Gruppenharst-/Oberharst-/Gau- oder Landesführer (S.224).

Weitere Unruhen auch nach dem Harst-Verbot
-- 4.4.1935: Aus der Wahlkundgebung der Nationalen Front in Wetzikon wird eine Saalschlacht (NZZ, 5.4.1935)
-- 22.6.1935: Petardenanschlag der Nationalen Front auf das Zürcher Schauspielhaus (NZZ, 24.6.1935) (S.224)
-- 8.7.1935: Handgemenge zwischen einem Frontisten und einem Kommunisten im Kantonsrat endet mit Verweis beider Parteien (NZZ, 8./9.7.1935)
-- Oktober 1935: Sozialistische Veranstaltung in Zürich artet in Schlägerei aus mit frontistischen Besuchern, Tobler lässt sich mit Verbandsturban demonstrativ fotografieren (in: NZZ, 23.10.1935)
-- 25.6.1935: Frontisten stören die Vereinigungsfeier von Schaffhauser Kommunisten und Schaffhauser Sozialisten in Feuerthalen, zwei Mal Schlägerei (in: Grenzbote, 26.6.1935) (S.225).

Spezialfall: Novemberunruhen 1934 in Zürich wegen Kabarett "Pfeffermühle"

Das Kabarett von Erika Mann, der Tochter von Thomas Mann, hält die Erstaufführung des Stücks "Professor Mannheim" von Friedrich Wolf ab. Die Zeitung "Der Reichsdeutsche" hetzt am 10.11.1934 dagegen und bezeichnet Friedrich Wolf als "Pest" (S.225). Die Zeitung "Front" hetzt mit und bezeichnet das Kabarett "Pfeffermühle" als "Emigrantenkabarett, bezeichnet das Stück "Professor Mannheim" als "jüdisches Gift", das die Völker verhetze (19.11.1934).

Die Zeitung "Front" verteidigt damit das 3.Reich und beweist damit, dass sie keine Nationalinteressen vertritt (S.226).

Die Stadthalle-Versammlung ist wieder von Aufhetzungen und spontanen Versammlungen begleitet (in: Neue Zürcher Nachrichten, 24.11.1934; NZZ 27.11.1934). 5 Tage lang kommt es zu organisierten Demonstrationen mit Auseinandersetzungen mit der Polizei, Schüsse, fallen, Tränengas im Theater, Stinkbomben (in: NZZ, 18.-23.11.1934; auch 27./28.11.1934).

Die Demonstrationen und Störaktionen sind von Henne gesteuert, der dann selbst 48 Stunden im Gefängnis verbringt. In der Folge wird das Pfeffermühle-Kabarett in verschiedenen Landesgegenden verboten (S.226).

Reaktion:
Es bilden sich Kampfgruppen gegen geistigen Terror, z.B. Kundgebungen (in: NZZ, 13.12.1934). Die Juristen können einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Worten des "Reichsdeutschen" und den Taten der Front nachweisen. Es ist nun für jeden in der Schweiz ersichtlich, dass die Front von äusserer Macht gesteuert und nicht patriotisch agiert (S.227).

Es kommt noch zur offenen Auflehnung der Nationalen Front gegen die Behörden, z.B. am 1. August. Reaktion: Die Front wird durch den Stadtrat Zürich am 1. August mit regelmässigen Demonstrationsverboten belegt. Die Front bereitet trotzdem Fackelzüge zwischen Bürkliplatz und Paradeplatz vor, die durch Polizeieinsatz verhindert werden (S.227).

Die Gründe für das Scheitern der Nationalen Front: Abhängigkeit vom Ausland, Ideenlosigkeit und innere Uneinigkeit
-- Unduldsamkeit gegen den Gegner
-- übertriebene Kritik an allen staatlichen Einrichtungen
-- mangelnde Bereitschaft zu sachlicher Arbeit und positiven Leistungen
-- Anlehnungen an das Ausland
-- schon Ende 1933 werden die Mängel an der Entwicklung sichtbar
-- die ewige Ankündigung "Der Tag wird kommen..." wirkt monoton und ideenlos
-- Ablehnen sachlicher Arbeit
-- kein Zulassen von Vertretungen in Kommissionen
-- Verzicht auf Parteiparolen bei Abstimmungen, weil das System das falsche sei (S.228-232)
-- auch: Unstimmigkeiten in den eigenen Reihen: Henne verdrängt Biedermann, Gruppen führen Fusionsverhandlungen, und die Front-Leitung verhindert Fusionen etc. (S.233).

Abstimmungen und Kalkül: Aufwind für die Front 1934
Am 11. März 1934 wird das eidgenössische Staatsschutzgesetz verworfen. Sieg für die Front. Zwei Bundesräte müssen gehen. Dann bricht in Bern Streit um die Nachfolge der Bundesräte aus, mit Staatskrise. Die Front liegt im Aufwind (S.233).

Die Taten Hitlers und der NSDAP 1934 und die Wirkung gegen die "Front"
-- 30. Juni 1934: SA-Führer Röhm wird ermordet
-- 25. Juli 1934: Bundeskanzler Dollfuss wird von Nazis weggeputscht

->> die schweizer Bevölkerung erwacht und weiss ab jetzt, wohin die "Front" steuern will
->> die Front wird in der Schweiz gesellschaftlich an den Rand gedrängt, auch grosse "Gautagungen" nützen nichts
->> die Front beklagt viele Austritte und registriert nur wenige neue Eintritte in die Partei (S.234)
->> es kommt sogar zu Passivität in den eigenen Reihen, die nur mit einem "kleinen inneren Terror" und Zwang überwunden werden kann (S.235).

Ab Herbst 1934 organisiert die Front Werbezüge auf dem Land in Form von "Ausmärschen" (S.235), womit aber kaum Stimmengewinne erzielt werden (ca. 2% im Durchschnitt). Alle Kantonsratsmandate im Kanton Zürich kommen weiterhin aus der Stadt Zürich selbst.

Kommentar der "Zürcher Post": Hitlers Reich wird länger als 1000 Jahre bestehen müssen, um die Schweiz in einen nazistischen Staat zu verwandeln (S.236).

Frontisten sammeln Unterschriften für eine "autoritäre Bundesverfassung"
Die Abstimmung zur Totalrevision der Bundesverfassung ist mit einer grossen Fehlprognose behaftet, denn die Unterschrift zur Initiative heisst nicht, dass dann auch so abgestimmt wird (S.237)

Die Front initiiert die Initiative zur Totalrevision der Bundesverfassung am 18.3.1934 in der Hoffnung, die verschiedenen frontistischen Bewegungen zu bündeln (S.233). Hierzu schliessen sich die frontistisch-schweizerischen Gruppen am 23. und 25.6.1934 zu einer gemeinsamen Aktion zusammen und bilden eine "Tatgemeinschaft":

-- die Neue Schweizerische Nationale Front
-- die Heimatwehr
-- die Schweizerischen Faschisten
-- die Eidgenössische Front
-- der Bund für Volk und Heimat
-- das Aufgebot
-- die Jungkonservativen (S.237).

Sie sammeln bei 50'000 erforderlichen Unterschriften 77'578 Unterschriften, hauptsächlich aus den Kantonen Schaffhausen, Zürich, St. Gallen, Aargau, Thurgau und Bern (S.238), unter 1000 aus Glarus, Basel-Stadt, Solothurn, Waadt und Luzern, keine Unterschriften aus Appenzell, Basel-Land, Uri, Fribourg, Neuenburg und Genf (S.239).

Die Verfassungsrevision ist aber an kein Programm geknüpft. Die Nationale Front behauptet:

"Wir haben kein Programm, wir sind das Programm" (S.240).

Es herrscht in diesem Sinn gemäss Walter Wolf eine totale Kopflosigkeit. Die Abstimmungsvorlage am 8. September 1935 stösst auf eine Ablehnung bei der Bevölkerung im Verhältnis 5:1, v.a. auch auf Ablehnung in den Kantonen Zürich und Schaffhausen (S.240).

Verluste der Frontisten bei den Nationalratswahlen November 1935 - Landesring
Trotz eines unheimlichen Aufwands bei Kundgebungen erleben die frontistischen Gruppen einen Rückgang. Noch im Frühling 1935 war die Front in der Stadt Zürich die drittstärkste Partei, nach dem November 1935 rutscht sie auf den 6. Platz, im Kanton auf den 7. Platz mit nur noch einem Mandat.

Grund u.a. ist der Auftritt des Landesrings mit Duttweiler, der 5 Mandate erhält, ohne jede Werbung und ohne Zeitung (S.242-243).

Schaffhausens Front verliert gegenüber 1933 50% der Anhänger. In den Kantonen Bern und Thurgau sinkt die Front unter 3% (S.243-244).




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10.
Reaktion der Front nach den Niederlagen 1935: Anlehnung an das Ausland

Verbundenheit gegen den Kommunismus mit den nazistischen Parteien Deutschlands und anderer Staaten:

-- in Frankreich: Action Française, Croix de Feu
-- in GB: Schwarzhemden von Mosley
-- in Rumänien: Eiserne Garde von Codreanu
-- in der CSSR: Sudetenpartei
-- in Holland: Nationaal-Socialistische Beweging von Mussert
-- in Norwegen: Nasjonal Samling von Quisling (S.246-247).

Die Front behauptet: "Das Programm Quislings ist das unsrige." (in: Front, 27.6.1936).

Gründung einer nationalsozialistischen Internationalen - Henne will in die Achse D-It.
Gründung einer "Internationalen Arbeitsgemeinschaft der Nationalisten", erste Tagung 5.-7.12.1934, im Juli 1935 Tagung in London, 24.-29.10.1935 Tagung in Oslo. In Oslo appelliert Henne an den Einbezug der Schweiz in die Achse Deutschland-Italien (S.248).

Nationale Front: Übernahme des "römischen Grusses" mit "Harus!"
In Italien wird mit "Anoi!", in Deutschland mit "Heil Hitler!" gegrüsst. Der neue Harus-Gruss ist gemäss Walter Wolf die Nachäffung fremder Sitten und kann keine "nationale Erneuerung" mehr sein (S.249).

Nationale Front: Übernahme des Führerkultes
auch innerhalb der Partei: Begrüssung mit "Mein Führer" und Militärstellungen etc., totaler Bewilligungszwang etc. Wechsel des Gauleiters im Kanton Zürich. Gauleiter Brandenberger etabliert den totalen Zentralismus der Partei (S.250-253).

Nationale Front: Kritiklose Übernahme der Propaganda des 3. Reichs
Volksrecht 4.4.1936:
"Herr Dr. Rolf Henne ist verliebt in Adolf Hitler. Deshalb wird er völlig blind für das, was andere, die nicht blind sind, klar sehen: Hitler ist der europäische Staatsmann des Krieges." (S.257)

Die Nationale Front
-- setzt sich für die Revision des Vertrages von Versailles ein (in: Grenzbote, 1.7.1933, 30.12.1933)
-- ist für den Austritt der Schweiz aus dem Völkerbund
-- macht ein Freudengeheul nach der Saar-Abstimmung (S.258-259)
-- befürwortet am 16.3.1935 die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland (S.259)
-- äussert einen grenzenlosen Jubel nach dem Österreich-Anschluss im März 1938 (S.260-261)
-- preist im Oktober 1938 die "Befreiung" der Sudetendeutschen gegen die tschechische Freimaurerregierung (S.262).

Reaktion:
Nun wenden sich auch die Katholiken in Schaffhausen von der Nationalen Front ab (S.262).

Nach der deutschen Besetzung der Rest-Tschechei im März 1939 behauptet die Front, "grosse Fische" würden eben "kleine Fische" fressen (in: Front 1.4.1939) und Prag wird als "Brutstätte des Bolschewismus und des Judentums" bezeichnet (S.264). Die Front erwähnt nicht nur die Verfolgung deutscher Minderheiten in Polen, sondern verteidigt auch den Hitler-Stalin-Pakt (S.265).




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11.
Gleichschaltung der Nationalen Front

Die Judenverfolgung in Deutschland  wird von der Nationalen Front in der Schweiz kopiert

Die Nationale Front hat kein Mitleid mit den verfolgten Juden aus Deutschland, sondern inszeniert in der Schweiz neue Judenhetze mit dem Argument, "die Juden" seien selber schuld, seien "ein Volk von Betrügern, Schiebern, Korruptionären, Ausbeutern" etc. (in: Front 195/23.8.1938).

Die Front definiert "Judenverfolgung" als die Antwort auf jüdische Anmassung, als einen elementaren Aufbruch eines "gesunden Volkes" gegen seine "Zerstörer" (in: Front 17.8.1938). Das Ziel sei dabei die Abwehr der Invasion der "Parasiten":

"Das Schweizervolk ist uns zu gut, um auch nur zeitweilig als Parasitenträger zu dienen." (S.265)
(in: Front 198/26.8.1938)

Nationale Front: Die Wertung der Reichskristallnacht
Das Attentat des Juden Grynzspan in Paris vom 7. November 1938 aus Protest gegen die Abschiebung seiner jüdischen Eltern aus Deutschland nach Polen ist Initialzündung für die Reichskristallnacht am 8. November mit Niederbrennen vieler Synagogen in Deutschland und der Zerstörung und Beraubung vieler jüdischer Geschäfte und Vertreibungen in Deutschland. Das deutsche Judentum wird mit einer Solidarbusse von 1 Mia. RM belastet, alle Versicherungsansprüche von jüdischen Geschädigten beschlagnahmt und Juden in KZs deportiert (S.266).

Die Nationale Front behauptet, "die Juden" seien selbst schuld, denn:
"Wo immer ... zum Krieg getrieben wurde, erblickte man den ... internationalen Juden ... Muss sich das Weltjudentum da noch wundern, wenn ihm ... Hass und Ablehnung entgegenschlägt?" (in: Front, 17.11.1938).

In diesem Sinn ist die Gleichschaltung der Nationalen Front mit der Propaganda des 3. Reichs offensichtlich (S.267).

Gleichschaltung der Nationalen Front: Die "10 Gebote" der NSDAP, Presse und Geldgeschäfte mit dem Reich

-- Übernahme des Katechismus für NSDAP-Mitglieder "10 Gebote für jeden Nationalsozialisten" als "Les 10 commandements du frontiste" (in: Zürcher Post 183/6.8.1936)
-- z.T. wortgetreues Nachdrucken von Artikeln aus deutschen antisemitischen Zeitschriften, v.a. von Zeitungen, z.B. durch die schweizerischen Frontistenzeitungen "Grenzbote" und "Front" (S.268).

Kommentar in der Schweiz über die schweizerischen NS-Zeitungen: z.B. Thurgauer Zeitung 26.9.1934:

"Der Grenzbote schmuggelt. Er schmuggelt Ware aus dem nationalsozialistischen Lager und achtet nicht darauf, dass es stinkender Käse ist." (S.268)

Das Deutschlandgeschäft der Front
Die Zeitung "Die Front" ist gemäss Walter Wolf die einzige zugelassene schweizer Zeitung im Deutschen Reich . Gleichzeitig vertreibt die Nationale Front deutsche NS-Zeitungen in der Schweiz (S.268).

Auch das NS-Buchgeschäft und NS-Filmgeschäft in der Schweiz läuft über die Nationale Front. Die Nationale Front vertreibt deutsche NS-Bücher wie
-- Mein Kampf
-- Goebbels: Tagebuchblätter "Michael"
-- Rosenberg-Schriften
-- Werke von Gottfried Feder etc. (S.268).

Die Nationale Front organisiert Nazi-Filme in Kinos durch Spezialmiete von Kinos in Zürich und Schaffhausen, z.B. Horst-Wessel-Filme (S.268).

Die Nationale Front greift auch laufend die schweizerische Presse an und behauptet
-- um die Beziehungen nicht zu gefährden, müsse man die antinazistischen Stimmen zum Schweigen bringen (in: Front 25.5.1936, 15.5.1936)
-- am Verbot der schweizer Presse in Deutschland sei die schweizer Presse selbst schuld (in : Front, 10.7.1934)

Damit ist gemäss Walter Wolf wieder ein Beweis erbracht, dass die Nationale Front nicht patriotisch, sondern im Interesse anderer Mächte arbeitet (S.269).

Affäre Berthold Jacob
Die deutsche SS entführt in Basel den im Elsass wohnhaften Berthold Jacob. Gemäss "Front" sei die schweizer Regierung schuld, die den Emigranten in der Schweiz das Wort gegen Deutschland nicht verbiete (S.270).

Fall Gustloff-Ermordung 4. Februar 1936
Gustloff
, Führer der NSDAP Gau Schweiz, wird gemäss Walter Wolf durch einen jugoslawischen Studenten ermordet. Der "Grenzbote" hängt das Attentat den Marxisten an (6.2.1936). Goebbels behauptet, die schweizer Presse habe mit ihrer Hetze den Boden für diesen Mord vorbereitet. Die "Front" macht Propaganda für die Schrift "Der Fall Gustloff" von Wolfgang Dieweger.

In diesem Sinn entsteht nun bei der "Front" ein "Expatriotismus". Sie behauptet,
-- die linke und marxistische Presse verletze die Schweiz und sei nicht neutral
-- die schweizer Presse werde für einen Krieg zwischen Deutschland und der Schweiz verantwortlich sein
-- die schweizer Presse stünde einer Achse Deutschland - Schweiz - Italien im Weg (S.271-273).




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12.
Frontistengruppen von Schweizern im Ausland

Gründungen ab November 1933 in München, Stuttgart, Hamburg, Berlin, Singen, Mailand (in: NZZ, 4.3.1934). Ab sofort findet im Bundesrat eine Ausbürgerungsdiskussion statt. Die nazistischen Schweizer im Ausland halten Reden gegen die Schweiz, produzieren dabei peinliche Affären, nehmen an Propagandakursen teil, nehmen an Hitler-Parteitagen teil, nehmen an 1.Mai-Feiern teil, z.B. in der Ortsgruppe Siblingen.

Die vier Täter des Anschlags auf einen Volksrechts-Redakteur wandern nach Nazi-Deutschland aus, um einer "sinnlosen Strafe" wegen eines Kommunisten zu entgehen, und erhalten Aufnahme in München. Zwei der Täter werden in die SA aufgenommen.

Es entstehen Querverbindungen der Basler Sektion der Nationalen Front
-- zum Deutschen Turn- und Sportverein
-- zur NS-Frauenschaft
-- zur Deutschen Arbeiterfront (S.275-281).

Geldquellen
z.B. verwendet für die "Zionistenprozesse" vom Oktober 1934 und Mai 1935 von der nationalsozialistischen Organisation "Weltdienst" in Erfurt. Die Nationale Front richtet Bittbriefe an den "Weltdienst" mit der Begründung, die Nationale Front würde in erster Linie für Deutschland kämpfen. Es erfolgen verdeckte Überweisungen über den Leonhardtschen "Volksbund" (S.282-289).

Eisenegger (Gauleiter der Nationalen Front in Lausanne) richtet einen Bittbrief an den "Weltdienst" mit Bitte um Aufheben der Sperre seiner RM-Guthaben. Als der Brief publik wird, wendet sich fast alle welsche Anhängerschaft von ihm ab. Der "Front National" wird eingestellt und wird von der "Union Nationale" übernommen (S.284-288).

Im November 1937 bei der schweizer Freimaurerinitiative gegen das Freimaurertum fliessen wieder Unterstützungsgelder des "Weltdienst" aus Erfurt an die schweizer Front, mit Propagandamaterial (S.290).

Im Januar 1941 macht Tobler eine Bettelreise zu Dr. Hügel und zum Propagandaministerium Berlin. Das Geld wird von Grenzgängern über die Grenze geschmuggelt (S.291).




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13.
Nazi-Offiziere der Nationalen Front in der schweizer Armee

Kommunisten werden nach 1933 bald aus der schweizer Armee ausgeschlossen, auf wiederholtes Betreiben der Jungliberalen hin (S.293). Bundesrat Minger will die Armee aber noch nicht von Frontisten säubern. Im Gegenteil: Der Bundesrat setzt sogar Beförderungen von nazistischen Offizieren in der schweizer Armee durch. "Eigenschaften":

Die nazistischen Offiziere der schweizer Armee
-- führen Ehrbeleidigungsprozesse

-- reisen an Nürnberger Parteitage
--  tragen Hitler-Embleme
-- singen Hitler-Lieder.

Der Bundesrat schläft! (in: U des Geschw.-ger. Bern Mittelland, 11.7.1939) (S.294-295).

Erst ab der Machtübernahme des norwegischen Majors Quisling in Norwegen (S.295,297) reagiert auch die Presse mit dem Spruch: "Keine 'Quislinge' mehr in der Armee!" (Appell von Prof. Carl Meyer; in: Luzerner Tagblatt, 19.4.1940).

Unter offiziellem Druck bringt eine Untersuchung im Mai 1940 124 frontistisch-faschistische und nationalsozialistische Offiziere in der schweizer Armee zum Vorschein:
-- 3 Offiziere kommen vor Gericht
-- 4 Offiziere werden zur Disposition gestellt
-- alle anderen Offiziere [117 Nazi-Offiziere] werden vom General angeschrieben mit dem Ausspruch des Vertrauens (S.297).

[Insgesamt bleibt der General damit sehr nazifreundlich, und der Bundesrat schläft weiter].




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14.
Der Gegenpol zu den nationalsozialistisch-frontistischen Parteien: Sozialdemokratie  und kommunistische Partei 1918-1933 und der Wandel bis 1938

Zuerst betreibt die Sozialdemokratie in der Schweiz bedingungslose Opposition wegen der schlechten sozialen Verhältnisse im Land, kommt dann unter den Einfluss kommunistischer Emigranten mit einer Radikalisierung, mit einem Generalstreik 1918 mit Truppenaufgeboten und mit der Abspalten der Kommunistischen Partei der Schweiz (S.298).

Sozis wie Kommunisten lehnen die Demokratie und die Landesverteidigung ab (S.298).

Am 12. Dezember 1920 gibt sie Sozialistische Partei ein Programm heraus:
-- Einführung des Staatssozialismus
-- Errichtung der Diktatur des Proletariats
-- militärfeindliche Haltung (S.299).

Unruhen am 9. November 1932 in Genf mit 13 Toten durch Militäreinsatz (S.299).

Die Wandlung der Sozialisten zur demokratischen Partei
Ab 1933 erfährt die Sozialistische Partei eine Machtbeteiligung durch städtische und kantonale Regierungsübernahmen, und durch die Rolle der Gewerkschaften. Die Frontisten und die Nazi-Parteien in Deutschland, die die Sozialistische Partei in Deutschland aufgelöst und zerschlagen haben und den Namen "sozial" missbrauchen, werden zu einem abschreckenden Beispiel.

So entwickeln die Sozialisten eine positive Einstellung zur Demokratie. Um sich vor der braunen Diktatur zu schützen, sind die Sozialisten 1938 sogar bereit, mit den Bürgerlichen zusammenzuspannen. Die Bürgerlichen sind ihrerseits auf die Arbeiterschaft angewiesen, denn ohne Arbeiterschaft kann man den Faschismus nicht abwehren (S.299).

Schon 1935 wird der Diktaturparagraph aus dem Programm der Sozialistischen Partei gestrichen (in: Berner Tagwacht 5.3.1934; Volksrecht 4.1.1934; Nation, 2.3.1934; Zürcher Post, 29.2.1936).

Stalins Machenschaften und Erschiessungen 1936-1938 lassen den Sozialismus vom Marxismus abkehren. Grosse Wirkung hat v.a. der Sinowjes-Prozess 1936 (in: Landbote: 6.2.1937) (S.303).

Zum Teil bleibt der Glaube an Moskau in der Zürcher SP aber noch erhalten (in: Volksrecht 11.9.1936/6.11.1936) (S.303).

Die Nationale Front kann gegen die Demokratisierung der Sozialisten nichts unternehmen
Die Reaktion der Bürgerlichen ist verschieden und abwartend (S.304). Die Reaktion der Nationalen Front ist sehr trotzig. Sie kann sich nicht anpassen, denn es beginnt zwischen den Bürgerlichen und den Sozialisten eine echte Volksgemeinschaft zu wachsen, ohne dass die Nationale Front oder andere Fronten daran beteiligt wären. Die "Front" behauptet sogar, die sozialistischen Führer hätten die Arbeiterschaft verraten (in: Front, 31.1.1935; 3.5.1934; 18.10.1934; 2.2.1937) (S.305-306).

Am 26./27. Januar 1935 am Parteitag in Luzern bekennt sich die SP zur militärischen Verteidigung der demokratischen Rechtsordnung, bleibt aber wegen der Wehrvorlage 1936 zerrissen und zerstritten (S.310-311).

Frühe frontistische Landesverräter
1936 versucht ein nationalfrontistischer Korporal die Weiterleitung einer geheimen Chiffriertabelle an das 3.Reich, wird dabei erwischt und kassiert 1 1/2 Jahre Zuchthaus. Wegen politischen Nachrichtendienstes mit Aussagen über Persönlichkeiten in der Schweiz werden der Kassenwart und der frühere "Pressechef" des Gaus Bern verurteilt (S.368).

"Richtlinienbewegung" - erste Gesamtarbeitsverträge 1937
1936/1937 erfolgt eine Richtlinienbewegung mit Erarbeitung neuer Richtlinien für eine neue Politik durch Gewerkschaftsbund, Angestelltenverbände, durch den Verband evangelischer Arbeiter und Angestellter und durch die Jungbauernbewegung. Im Oktober 1936 werden neue "Richtlinien für eine Front der Arbeit" herausgegeben:

-- vorbehaltlose Anerkennung der Demokratie
-- positive Einstellung zur Landesverteidigung
-- Achtung der religiösen Überzeugung der Volksgenossen
-- Verpflichtung auf ein gemeinsames Programm für den wirtschaftlichen Wiederaufbau und für die Lösung der sozialen Probleme (S.317).

Die Parteien werden zur Mitarbeit eingeladen. Der Vorstand der SP beschliesst am 13.12.1936 den Beitritt zur Richtlinienbewegung, bestätigt auf dem SP-Parteitag am 31. Januar 1937. Aber alle anderen Parteien misstrauen der Richtlinienbewegung und lehnen ab.

Gleichzeitig hat die Richtlinienbewegung aber Wirkung: Der Freisinn unter Bundesrat Walter Stucki macht Energien frei und meint, auch die Regierung müsse erweitert werden, da sich sonst die Politik der dringlichen Bundesbeschlüsse fortsetze, und eine Erweiterung mit der SP sei besser als eine solche mit Frontisten. Stuckis Vorstoss scheitert aber (S.317).

Im selben Jahr werden erste Gesamtarbeitsverträge abgeschlossen, am 19. Juli 1937 mit einem Friedensabkommen in der Maschinen- und Metallindustrie, mit Garantie des Arbeitsfriedens für die Dauer des Vertrags. Die Kommunisten kommentieren die Gesamtarbeitsverträge, indem sie die SP als "Schandfleck für die sozialistische Arbeiterschaft" bezeichnen. Die SP habe die Metallarbeiter den Kapitalisten ausgeliefert (S.316).




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15.
Österreich-Anschluss als heilsamer Schock für die Schweiz

Im März 1938 erfolgt mit dem Österreich-Anschluss der nächste Schock. In der Schweiz bildet sich ein  überparteilicher Ausschuss (S.324). Die Nationale Front meint, die Arbeiter würden sich von der SP abwenden und so seien neue Leute verfügbar. Sie macht sich aber falsche Hoffnungen, denn die Arbeiter halten zur SP. Das Resultat der Ausschussarbeit ergibt eine Zustimmung der Bevölkerung zu einem kombinierten Kredit für die Landesverteidigung und für Arbeitsbeschaffungsmassnahmen (S.314). Die Meinung der Nationalen Front wird irrelevant. Die Nationale Front hat sich durch ihr extremes Verhalten selbst völlig degradiert (S.315).




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16.
Der erste Niedergang der Nationalen Front 1935

findet in der ganzen Schweiz statt ausser im Kanton Schaffhausen (S.327-330). An den Kantonsratswahlen im Kanton Aargau am 14. März 1937 bekommt die Nationale Front noch 1 Mandat.

Nach der verlorenen Abstimmung gegen die Freimaurerei vom 28. November 1937 und als bekannt wird, dass Geld- und Propagandamittel z.T. aus dem Ausland kommen, sind alle Chancen für die Nationale Front begraben. Ab diesem Zeitpunkt stösst die Nationale Front nur noch auf wuchtige Ablehnung, auch in ehemals frontistischen Kantonen.

Am 23. Januar 1938 tritt Henne als Landesführer wegen Erfolglosigkeit ab. An den stadtzürcherischen Wahlen vom 20. März 1938 fällt die Nationale Front überall unter 5 % und bekommt kein Mandat mehr. Die Front macht offiziell politisch ihren Abgang (S.331-336).




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17.
Gründung des "Bund treuer Eidgenossen" BTE

Im März 1938 gründen die ehemaligen Führer der Nationalen Front Zander, Schaeppi und Oehler mit 150 weiteren Mitläufern - aber ohne Henne - den "Bund treuer Eidgenossen nationalsozialistischer Weltanschauung" BTE mit dem neuen Landesführer Robert Tobler.

Ziele:
-- Förderung der "geistigen" Elemente
-- Wende zur "Sachlichkeit"
-- "vaterländische" Gesinnung
-- "Abkehr" vom Nationalsozialismus.

Aber alles, was Hitler macht, wird gebilligt. Der BTE versucht eine doppelzüngige Politik mit schönen Worten. Viele Mitglieder des BTE verneinen gegen aussen die Mitgliedschaft (S.331-336).




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18.
Die Nationale Front behält Kontakt zu Stuttgart - der Tod der Nationalen Front

Die Nationale Front ist weiter mit Dr. Hügel in Verbindung und distanziert sich nicht vom Einfluss vom Ausland. Viele Anhänger, die sich von der Nationalen Front abgewendet haben, sind so verhetzt worden, dass ihre Denkart sich nicht ändert, sondern deutsch-denkend bleibt.

Für die Zürcher Kantonsratswahlen am 19. März 1939 findet die Nationale Front nicht einmal mehr genug Kandidaten für die Wahllisten. An den Wahlen bekommt sie kein einziges Mandat mehr (S.337-338).

Nach der deutschen Tschechien-Besetzung im März 1939 erleidet die Front im Sommer 1939 einen erneuten Mitgliederschwund. Die Front kommentiert am 22.7.1939:

"Sechs Jahre dauert nun unser Kampf um die nationale Erneuerung der Schweiz. Er ist härter denn je. Wirtschaftlicher Druck, Existenzverlust, moralische Ächtung haben manchen Kämpfer zu Fall gebracht und viele resignieren lassen. Der "Nazi-Schlotter" liegt lähmend über dem Land, und es ist ein Wagnis, heute die Fahne der nationalen Erneuerung zu halten." (S.337-338).


Für die Nationalratswahlen 1939 hat die Nationale Front keine Kandidaten. Die restlichen Mitglieder hoffen nun auf neue Hitler-Siege. Die Abonnentenzahl der "Front" sinkt von 9000 im Jahr 1934 auf 4900 im Jahr 1937 (S.338). Die eigene Druckerei in Zürich wird am 10. April 1937 aufgegeben. Die Zeitung "Front" wird ab Januar 1940 auf eine Wochenzeitung reduziert (S.339).




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19.
Kriegszustand und Zensur in der Schweiz zugunsten der "Neutralität" 1939-1945

1939-1945 kann die Schweiz gemäss Walter Wolf den 2.Weltkrieg mit einigen Zugeständnissen überstehen, ohne vernichtet zu werden (S.317). Der Bundesrat verhängt eine Zensur über alle negativen Nachrichten aus Deutschland ab September 1939 (S.366). Am 1. September 1939 gibt der Bundesrat die Neutralitätserklärung ab, am 8. September 1939 einen Grunderlass, der jede Äusserung verbietet, die die Aufrechterhaltung der Neutralität beeinträchtigen oder gefährden könnte. Die Zensur wird total (S.366).

Ab 1939 spekulieren die Frontisten mit der Niederlage der Schweiz gegen Deutschland, um selbst an die Macht zu kommen. Nachdem Quisling es in Norwegen zum norwegischen Ministerpräsidenten von Deutschlands Gnaden geschafft hat, bekommt diese Phantasie neue Nahrung (S.368).

Anfang März 1940 befinden sich der Landesführer und der Landessekretär der Frontisten in Haft. Die verbliebenen Organisatoren lösen die Nationale Front auf. Die Mitglieder werden auf den "Grenzboten" verwiesen. Die NZZ schreibt einen Nachruf, dass die "Selbstversenkung" bei der Nationalen Front stattgefunden habe, oder dass die Partei nun aus dem "Schiffsregister" gestrichen sei, um weiter im Verborgenen zu arbeiten (in: NZZ, 4.3.1940) (S.339).

Ausschlüsse aus dem öffentlichen Dienst in Basel-Stadt
Die Bevölkerung von Basel-Stadt nimmt am 1.9.1938 ein Gesetz zum Ausschluss frontistischer Beamten an, das vom Regierungsrat am 12. Dezember 1938 in Kraft gesetzt wird. Das Gesetz wird ab 20. Dezember 1940 auch auf die Eidgenössische Sammlung als Tochterorganisation der Nationalen Front ausgedehnt (S.377-378).

[Scheinbar bleibt aber in der Frage der Diensttauglichkeit jeder Kanton auf sich allein gestellt].




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20.
Hoffnung auf einen zweiten Frontenfrühling nach Frankreichs Niederlage ab Juli 1940 - Massnahmen des Bundesrats gegen die Frontisten

Ehemalige Front-Mitglieder fühlen einen Triumph, reden von einem "neuen Europa". Marxismus und liberal-parlamentarische Demokratie scheinen ausgelöscht. Der "Grenzbote" jubelt:

"Wenn es je einmal in der schweizer Geschichte eine Bewegung gab, deren Einsicht und Wollen derart eindeutig vom Ablauf der Ereignisse gerechtfertigt wurde, so ist es die ehemalige Nationale Front ... Wir haben endgültig Recht bekommen in allen wesentlichen Punkten." (in: Grenzbote, 5.7.1940) (S.342)

Am 9. Juli 1940 erlässt der Bundesrat die Vorschrift, alle öffentlichen und geschlossenen, politischen Veranstaltungen einer Bewilligung zu unterwerfen. Die demokratischen Parteien erhalten eine Pauschalbewilligung. Die frontistischen Parteien und die Nazi-Organisationen brauchen für jede Veranstaltung eine einzelne Bewilligung (S.376).

1941 erhält der Schaffhauser Reallehrer und "Gauführer" Carl Meyer Redeverbot wegen Drohungen gegenüber seinen politischen Gegnern (S.377).


"Grenzbote" und "Front" hoffen auf einen zweiten Frontenfrühling:

"Was sich jetzt vollzieht, ist nicht ein Winter, ... sondern ein Frühling, dem ein Sommer folgen wird. Darauf gilt es sich einzurichten." (in: Grenzbote, 30.8.1940; Front, 20./21.5.1941) (S.342)

Gründung der "Eidgenössischen Sammlung" / "Nationale Gemeinschaft" / "Nationale Opposition"
"Grenzbote" und "Front" möchten in diesem Sinn eine neue "Erneuerungsbewegung" inszenieren und beschwören einen "frischen Wind" (S.342). Die Nationale Front erlebt ein Revival unter anderem Namen:
-- "Eidgenössische Sammlung" in Zürich, Winterthur, Glarus, Baden, Aarau, Zofingen, Olten, Solothurn, Basel, Bern, Luzern
-- "Nationale Gemeinschaft" in Schaffhausen
-- "Nationale Opposition" in St. Gallen (S.343).

Ziel: umfassende Volksbewegung. Die Zeitung "Front" kann die Abonnentenzahl verdoppelt (1.1.1940: 1421 Abonnements, 1.1.1942: 2860 Abonnements) (S.343).

Im Juli 1940 unternimmt der Bundesrat vorübergehende Überlegungen zur Preisgabe der Neutralität. Die Sozialdemokratische Fraktion stellt die aussenpolitische Maxime der Schweiz zur Diskussion. Bundespräsident Pilet-Golaz lässt von juristischer Seite her ein Gutachten einholen, "ob der Bundesrat kompetent sei, von sich aus die Neutralität aufzugeben" (S.475).

August-Oktober 1940
Forderung der "Sammlung" / "Gemeinschaft" / "Opposition" nach Anpassung
Die "Eidgenössische Sammlung" strebt zusammen mit den Bewegungen von Burri und Leo Keller die Umbesetzung des Beamtenapparates an und fordert die Anpassung der Politik an Deutschland u.a. mit der Behauptung, die schweizer Politik solle nicht mehr "unentwegt auf die falsche Karte" setzen (in: Grenzbote 24/16.6.1940; vgl. ferner: Grenzbote 42/17.10.1940).

Die Schweiz habe sich den "kontinentalen Siegermächten" anzupassen und die bisher politisch Verantwortlichen hätten "von der öffentlichen Bildfläche [zu] verschwinden ... Das gleiche gilt von einer gewissen Sorte von Zeitungsschreibern, die es in wenigen Jahren fertig gebracht haben, die Hochachtung, ... die die Schweiz seit dem [Ersten] Weltkrieg im Norden, Süden und Osten genoss, in offenen Hass und offene Verachtung zu verwandeln." (in: Grenzbote 37/13.9.1940; vgl. ferner: Grenzbote 31/1.8.1940) (S.347).

Robert Tobler hetzt in derselben Weise demokratiezersetzend in einem Vortrag "Die Schweiz und Europa" (in: Inf. der Woche, 7/10.1.1941, S.21) (S.471).

Die "Front" und der "Grenzbote" fordern die "Säuberung" der Schweiz von antifrontistischen Elementen:

"Die Uhr der Ewig-Gestrigen ist endgültig abgelaufen." (in: Front, 17.10.1940; Grenzbote, 1.8.1940, 30.8.1940) (S.347).

Die "Eidgenössische Sammlung" erhebt einen Machtanspruch aufgrund der Bestätigung, die die frontistischen Ziele und Programme durch das Kriegsgeschehen im Ausland gefunden hätten (in: Grenzbote 23.8.1940). Tobler in seinem Vortrag "Die Schweiz und Europa":

"Die Schweiz ist keine Arche Noah, auch nicht dazu da, das israelitische Volk vor dem Ersaufen zu bewahren." (S.347)

Die Frontisten glauben nun an einen endgültigen Sieg Deutschlands. Frankreich werde für Jahrzehnte geschlagen sein (in: Grenzbote, 13.9.1940). Der Krieg sei als Ganzes für die Westmächte verloren (in: Grenzbote, 30.8.1940). Am 30.3.1941 fordert sogar Carl Meyer an der Landsgemeinde der Eidgenössischen Sammlung Zürich, die Schweiz solle in die "europäische Gemeinschaft" zurückfinden (S.347).

Am 30. Oktober 1940 werden "Front" und "Grenzbote" vom Bundesrat öffentlich verwarnt (S.366).

Die "Sammlung" / "Gemeinschaft" / "Opposition" unternimmt ein erneutes Bekenntnis zum Nationalsozialismus. Die "Faszination" durch die "Gemeinschaft" und den "arbeitenden Menschen" rücken in den Mittelpunkt des Denkens, wo keine Arbeitslosigkeit mehr existiert (S.353-354). Hitlers Siege werden mit dem Argument "Volksgemeinschaft" begründet:

"Frägt man sich, was ... den Deutschen ihren schier unfassbaren Angriffs- und Durchschlagsgeist gegeben hat, so ... ist es die Verwurzelung in der lebendigen Volksgemeinschaft." (in: Front, 31.12.1940) (S.354)

Nach diesem neuen Bekenntnis zum Nationalsozialismus findet Henne zur Eidgenössischen Sammlung zurück und leistet der Parteizeitung "Grenzbote" neue Zuwendungen (S.354). "Front" und "Grenzbote" vertreten dabei als einzige Zeitungen in der Schweiz die Standpunkte des Reichs. Tobler meint, es sei eine "Aufgabe" der Neutralität der Schweiz, auch den Standpunkt Nazi-Deutschlands zu vertreten. Andersdenkende bezeichnen die ehemaligen Frontisten und andere Anhänger Deutschlands als "Hitler-Brüder" (S.355).

Die Zeitung "Front" behauptet die "Volksgemeinschaft":

"Unsere Bewegung aber ist nichts anderes als die schweizerische Verkörperung des neuen Gemeinschaftsideals." (in: Front, 31.12.1940) (S.354)

Die "Front" meint, die Schweiz sei nicht "belagert", was aber die grosse Mehrheit der schweizer Politik in diesem Moment anders sieht. Die "Front" meint, Leute, die von der Schweiz als "belagerte Festung" reden, würden "Verwirrung stiften und Unheil anrichten" und seien von "Wahnvorstellungen" befallen (in: Front, 23.1.1941) (S.363).

Die Kräfte der Demokratie wehren sich gegen die Nazi-Propaganda mit Durchhaltewillen und Flüsterpropaganda [wegen Zensur des Bundesrats] (S.363-364).

Die Presse der "Sammlung" / "Gemeinschaft" / "Opposition" feiert den "Endsieg" schon Anfang 1941:

"Ein deutscher Sieg ... würde zu einer politischen Einigung aller kontinentalen Völker ... unter deutscher Führung hinleiten ... Umgekehrt würde ein englischer Sieg ... den Kontinent unvermeidlicherweise in ein revolutionäres Chaos hineinstürzen." (in: Beschwerdeschrift von Werner Meyer, 15.2.1941) (S.356)

Die Totalität des Rassisten-Nazi-Staates solle gemäss "Sammlung" / "Gemeinschaft" / "Opposition" akzeptiert werden, zur Menschenzucht "höheren Menschentums":

"Wer sich zum Ziele setzt, ein neues, höheres Menschentum zu schaffen, kann sich auf keine Kompromisse einlassen." (in: Nationale Hefte, April 1941) (S.356)

Am 15. Februar 1941 werden "Front" und "Grenzbote" für 3 Monate verboten, danach erneut verwarnt und z.T. beschlagnahmt (S.366).




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21.
Die Forderungen nach Anpassung während des Russlandfeldzugs - zunehmender Verrat bis zu Todesstrafen


Die "Front" fordert am 10. Juli 1941 die "entschlossene Mitarbeit am Neuaufbau eines geeinigten Europa", ebenso Werner Meyer in seinem Vortrag "Die Schweiz in Europa" 1941. Das "Neue Europa" wird als faschistisch-nationalsozialistisches Europa definiert, unter Führung von Berlin. Die "Sammlung" / "Gemeinschaft" / "Opposition" meint, der Schweiz einen "Platz im neuen Europa" sicherstellen zu müssen, wie Quisling es mit Norwegen getan hat (Inf. der Woche, 30.9.1941) (S.349-350).

Schon zu Beginn des Russlandfeldzuges beschwört die "Front" den Sieg Deutschlands oder den "Untergang" der "abendländischen Kultur" in einem "Mongolensturm" (in: Front, 26.3.1942). Es gehe um die Rettung der "abendländischen Welt" (in: Front, 17.7.1941).

Mit am "Kreuzzug" beteiligt sind gemäss Front:
-- italienische Expeditionskorps
-- eine junge slowakische Armee
-- die ungarischen Honved
-- die spanische "Blaue Division"
-- Freiwillige aus Dänemark, Norwegen, Belgien, Kroatien und aus Frankreich (in: Front, 3.7.1941) (S.358).

Einige Frontisten kämpfen an der Ostfront mit und werden vom schweizerischen Militärgericht in Abwesenheit verurteilt (S.359).

Am 23. Oktober 1941 gibt die "Sammlung" / "Gemeinschaft" / "Opposition" eine Eingabe gegen die Bewilligungspflicht ihrer Versammlungen ab. Bundesrat von Steiger lehnt ab und empfiehlt der Sammlung, sie solle ihren Mitgliederbestand von staatsgefährlichen Elementen säubern, sonst sei das Totalverbot möglich (in: Brief, 5.5.1942; in: Front, 13.5.1942). Die Frontisten unternehmen aber keine Säuberung (in: Front, 13.5.1942) (S.376-379).

Ab 1942 werden an Zürcher Versammlungen der Frontisten Türkontrollen durch die Polizei durchgeführt. In Basel werden die Versammlungen der Frontisten ganz verboten (S.376).

Die Zensur in der Schweiz wird ab 1942 noch einmal drastisch verschärft:
-- Kritik an der Regierung wird strafbar
-- auf Verdacht sind Hausdurchsuchungen möglich
-- Verhöre über Intimsachen sind möglich
-- die Pressefreiheit ist gänzlich aufgehoben
-- die Versammlungs- und Vereinsfreiheit ist gänzlich aufgehoben
-- das Post- und Telefongeheimnis ist aufgehoben (in: Front, 19.3.1942) (S.376-379).

Am 20. Mai 1942 werden "Front" und "Grenzbote" erneut für 4 Monate verboten (S.367).

Im März 1942 fordert eine weitere frontistische Petition die Gedankenfreiheit mit 3995 Unterschriften (S.376-379).

Am 3.6.1942 greift der "N.S.-Kurier" aus Deutschland die schweizer Zensur gegen "Front" und "Grenzbote" scharf an. Eine Note des deutschen Botschaftsrates von Bibra macht auf den Bundesrat aber keinen Eindruck (S.367).

Am 3. Juli 1942 reichen die Frontisten bei der Bundeskanzlei eine Petition zur Gedankenfreiheit ein (in: Front, 8.10.1942). Die schweizer Presse erkennt sofort, dass die "Fröntler" die Gedankenfreiheit nur so lange fordern werden, wie sie die Demokratie bekämpfen können, um bei ihrer Machtübernahme dieselbe Gedankenfreiheit abzuschaffen (S.376-379).

Am 3. Juli 1942 kommt von den Frontisten eine Petition mit Antrag auf Verzicht des Neutralitätsprinzips zustande. Im August 1941 wird die Eingabe beim Bundesrat gemacht. Der Bundesrat beschliesst Nichteintreten, weil Europa sich im Kriegszustand befinde und nationale Geschlossenheit und Disziplin geboten sei (S.365-366).

Die "Front" behauptet, nationale "Sonderwünsche" hätten in Anbetracht der riesigen Aufgabe der Bekämpfung des Bolschewismus keinen Platz mehr (in: Front, 10,7.1941, 18.9.1941) (S.364).

Die "Front" beschwört am 31.7.1941 die "gemeinsame Mutter Europa", die auf eine entschlossene unterstützende Tat der Schweiz für den 1. August 1941 warte (S.359). Die Staatsraison verbietet es aber der Schweiz, sich an irgendeinem Konflikt aktiv zu beteiligen. Das gilt auch für die deutschschweizer Presse (S.360).

In der Welschschweiz hört man häufig die Meinung, ein Sieg Deutschlands sei das geringere Übel als ein Sieg Russlands (S.360).

Am 4. August 1942 lässt der Bundesrat die neutralitätsfeindliche Propaganda bei Gefängnis- und Zuchthausstrafe verbieten (S.367).

Im November 1942 kommt es zur Affäre um den Schaffhauser Reallehrer Carl Meyer, der im Lehrerzimmer allen demokratischen Kräften im Falle eines Hitler-Einmarschs mit dem Spruch "Gottlob hämmer no gnueg Bäum!" gedroht haben soll, alle Hitler-Gegner an Bäumen aufzuhängen (S.379).

Im Dezember 1942 werden Versammlungen der Frontisten "Nationale Opposition" verboten (S.376).

In der Wintersession von National- und Ständerat in Bern im Jahr 1942 wird ein Antrag auf Verbot der "Sammlung" / "Gemeinschaft" / "Opposition" gestellt. Bundesrat  von Steiger lehnt das Verbot aber ab mit dem Argument, man könne die Fröntler besser überwachen, wenn sie sich noch nicht verstecken müssten (S.385).

Stalingrad und seine Wirkung

Ruf nach der Todesstrafe in der Schweiz
Ab Stalingrad belassen es die Frontisten bei "verhindertem Landesverrat". Gleichzeitig kommt in der schweizer Öffentlichkeit ab 1942 nach einer Häufung von Spionagefällen der Ruf nach der Todesstrafe auf, die militärrechtlich möglich ist mit der Argumentation, dass der schweizer Soldat an der Grenze sein Leben riskiere, der Verräter aber im Zuchthaus "durchgefüttert" würde und auf den Umsturz warte. Dies ginge nicht, und die Todesstrafe sei somit für Verräter legitim (S.368-369).

J.B.Rusch äussert als Leitartikler der National-Zeitung [in Basel] den Vorschlag, die Verräter im Zuchthaus zu behalten, bis der Angriff von der Seite kommt, an die der Verrat verübt wurde, und erst dann die Erschiessung vorzunehmen (in: National-Zeitung, 16.5.1942). Die "Front" reagiert mit Zorn (S.369-370)

Die "Front" lamentiert auch gegen den Begriff, die Frontisten seien eine "5.Kolonne eines fremden Landes":

"Uns Frontisten ist das traurige Schicksal beschieden, zahlreiche traurige Lumpen zu politischen Gegnern zu haben, die - ohne auch nur den Schimmer eines Beweises beibringen zu können - uns als 5.Kolonne im Dienste einer fremden Macht verdächtigten!" (in: Front, 19.2.1942) (S.370)

Weitere Fälle von Landesverrat
-- Verrat von Namen von schweizer Agenten
-- Übergabe eines Schlüssels von Bunkeranlagen in der Schweiz (S.370)
-- Verrat von Artilleriebeobachtungsposten und Festungsanlagen, Verhaftung, Selbstmord
-- Verrat von militärischen Geheimnissen von Anwälten, 10 Jahre Zuchthaus (in: NZZ, 8.7.1943)

-- Bezeichnen von antifrontistischen und antinazistischen Politikern in einem Schaffhauser Staatskalender

-- regelmässiger Nachrichtendienst an Dr. Hügel, vom SD Stuttgart bezahlt [!] (S.371)
-- ein emsiger Verräter mit vielen Grenzübertritten jährlich bekommt 8 Jahre Zuchthaus und wird als "Schwabengänger" bezeichnet (S.371-372)
-- 1942-1943 kommt es zu 3 Erschiessungen von Mitgliedern der "Sammlung" / "Gemeinschaft" / "Opposition", dem vierten Verurteilten gelingt die Flucht (in: NZZ, 27.9.1942/1.4.1943/6.5.1943) (S.372).

Moralisch mitschuldig am Verrat sind die Führer der Frontisten, die den Nazigeist verbreiten (S.372).

Weitere Einschränkungen gegen die Frontisten
Im Januar 1943 werden Versammlungen der Frontisten, die sich "Nationale Gemeinschaft" nennen, verboten (S.376).

Der Bundesrat greift durch. Die "Sammlung" / "Gemeinschaft" / "Opposition" kommt vor Bundesgericht (1.2.1943 BGr-A., Staatsr. Urteil), weil sie das Reich mit Europa gleichsetzt. Dabei herrschen in Deutschland wie in Europa militärische Besetzung, Militarismus, polizeiliche Willkür und wirtschaftliche Ausbeutung vor (S.348-349). Europa zu anerkennen hätte geheissen, die Eroberungen und Unterwerfungen der NS-Feldzüge anzuerkennen, für die grosse Mehrheit des schweizer Bewusstseins eine Unmöglichkeit (S.351).

Am 19.2.1943 wird Reallehrer Carl Meyer aus dem Schuldienst entlassen (S.367).

Die Austrittswelle seit Stalingrad ist unaufhaltsam. Im Mai 1943 beträgt die Anzahl Mitglieder bei der "Sammlung" / "Gemeinschaft" / "Opposition" noch 280 Personen gegenüber 1800 Personen im April 1942. Es macht sich ein Katzenjammer und Zweckoptimismus breit (in: Front, 10.+17.Juni 1943), mit Appell zum "Durchhalten" (in: Front, 2.6.1943, 19.6.1943) (S.386-387).




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22.
Verbot der frontistischen Partei "Sammlung" / "Gemeinschaft"

Am 7. Juli 1943 verbietet der Bundesrat die "Eidgenössische Sammlung" / "Nationale Gemeinschaft" (Bundesratsbeschluss, 6.7.1943) mit der Begründung:
-- Nichtbefolgen der bundesrätlichen Weisungen über die Neutralitätspolitik
-- enge Verflechtung der Bewegung mit landesverräterischen Elementen
-- viele Landesverräter sind Frontisten, haben höchste Strafmasse bekommen, auch Gauführer betroffen (S.388).

Die Auflösung der "Sammlung" / "Gemeinschaft":
-- Schliessung der "Führerschule"
-- Auflösung der Zeitungen "Front" und "Grenzbote"
-- Auflösen der Nebenorganisationen.

Deutschland reagiert über die Auflösung sehr verärgert (S.388).

Polemik und Anschuldigungen nach dem Verbot
Die Linken halten den rechten Parteien dauernd vor, sich mit der Front zusammengetan zu haben. Jede rechte Partei könne man "anbräunen". Das politische Klima wird dauernd vergiftet. Es kommt zu vielen Ehrverletzungsprozessen. Die Linke hat 1944 Erfolg, was wieder negative Wirkung auf die "Volksgemeinschaft" von 1940 hat. Vor allem Schaffhausen kommt politisch nicht zur Ruhe (S.390-391).




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23.
Auseinandersetzungen um Nazis in der Schweiz nach 1945


Im Juni 1945 verlangt Stadtpräsident Bringolf aus Schaffhausen in einer Volksversammlung die Ausweisung ehemaliger Nazis aus der Schweiz, die Ausländer sind. Es kommt zu Krawallen gegen Läden von "Fröntlern", Restaurants und Wohnhäuser, aber ohne Plünderungen (in: Schaffhauser Nachrichten, 9.6.1945) (S.391).

Die ehemaligen "Fröntler" versuchen, die KZ-Greuel zu entschuldigen, suchen nach Entlastungsgründen und behaupten, die Berichte seien alle Propaganda und die Insassen der KZs seien alle Gegner des "deutschen Volkes" gewesen (S.393-395).

Der Zürcher Frontistenführer Tobler bekommt Probleme wegen seines Anwaltpatents. Die Öffentlichkeit fordert, ein ehemaliger Frontistenführer könne nicht mehr Anwalt sein. Es stellt sich die Frage, ob ein Freiberufler einem Beamten gleichgestellt werden kann. Wenn Tobler das Patent verboten wird, dann sollte das Verbot auch für Kommunisten gelten.

Das Obergericht Zürich entscheidet, Tobler habe staatsgefährdend gehandelt:
-- Subversionsbegehren 1941 von einer kriegsführenden Macht, die die Demokratie bekämpft und Staaten vernichtet hat
-- Verschleierung von Geldleistungen aus dem 3.Reich
-- das Patent soll entzogen werden.

Das Bundesgericht aber findet, Tobler habe keine Staatsgefährdung begangen. Wenn eine rechtliche Verfolgung von Tobler angestrengt werde, dann sei dies strafrechtlich zu verfolgen (S.395-397).

Die Gruppierung "Das Aufgebot" existiert bis 1957 noch (S.29).


[nicht erwähnt:
Das Bundesgericht ist ab 1945 mit schweizer Kriegsgewinnlern besetzt und schützt alle ehemals nazistischen Kräfte der schweizer Oberschicht bis in den Tod bis in die 1980er Jahre. Ein Schützer von Kriegsgewinnlern ist z.B. der ehemalige Präsident der Zürcher Börse, Georg Leuch, der ab 1945 den Posten eines Bundesrichters und Vorsitzender der Raubgutkammer  inne hat; In: Beat Balzli: "Treuhänder des Reichs. Die Schweiz und die Vermögen der Naziopfer: Eine Spurensuche", S.213-214.

Der Holocaust an den Juden hat u.a. bestanden aus
-- Massentod im Ghetto
-- Massentod durch Massenerschiessungen
-- Massentod auf Transporten
-- Massentod in Lagern durch Seuchen, Entkräftung und Erfrieren im NS-Bereich wie im Stalin-Bereich
-- Massentod auf Rücktransporten
-- Massentod im Bunkerbau durch Krankheit, Entkräftung und Unterernährung
-- Massen-Seuchentod in überfüllten Lagern ohne Nahrungsmittel März-Mai 1945
-- Massentod von Juden in der Roten Armee.

Ausserdem werden bis heute folgende Tatsachen von den westlichen Medien verschwiegen:
-- heimliche Deportationen von Juden in die Sowjetunion in den Gulag gemäss Abkommen zwischen Hitler und Stalin
-- jüdische Mädchen auf "christlichen" Bauernhöfen werden nach 1945 nicht mehr herausgegeben und bleiben "christlich" und sind für das Judentum verloren
-- viele Juden wechseln nach 1945 die Religion oder geben sich als "religionslos" aus, um nicht mehr verfolgt zu werden
-- viele jüdische Frauen, die die schlimmen Bedingungen in den Konzentrationslagern überlebt haben, können ihre Eierstöcke nicht mehr regenerieren und bleiben kinderlos.

Als in den 1980er Jahren schweizer HistorikerInnen und politische VertreterInnen Akteneinsicht in schweizerische Dossiers der Oberschicht der 1930-er und 1940-er Jahre fordern, versuchen Vertreter eben jener Zürcher Oberschicht, der Familie Frick, die Historiker anzuklagen; In: Markus Heiniger: 13 Gründe. Warum die Schweiz im 2.Weltkrieg nicht erobert wurde, S.134-135, 251.

Erst mit der Öffnung neuer Archive in den "USA" ab 1997 und mit der Öffnung der Aktenschränke der schweizer Industrie und dem Bericht der Historikerkommission unter Bergier werden die Zusammenhänge zwischen der Schweiz und Deutschland 1933-1945 in einem aktenmässig klaren Rahmen dargestellt].




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