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Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg

2. Hitler-Deutschland - Währung - Guthaben - Zensur - Schweizertum - Clearing mit dem Dritten Reich - Italien - Asylpolitik - Aufrüstung - Waffenlieferungen - Verdunkelung geprobt - J-Stempel - Flüchtlinge 1938 - Landesausstellung - Guisan-Wahl - die Nazizeit in der Schweiz 1933 bis August 1939

Landesausstellung der Schweiz 1939,
                    Seilbahn-Endstation (01) in Zürich Enge mit
                    Panoramarestaurant [10]
vergrössernLandesausstellung der Schweiz 1939, Seilbahn-Endstation (01) in Zürich Enge mit Panoramarestaurant [10]

von Michael Palomino (1998 / 2004 / 2010)

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aus:
-- Markus Heiniger: Dreizehn Gründe. Warum die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht erobert wurde, Limmat-Verlag, Zürich 1989.
-- Webseiten

1933 bis August 1939

Hitler-Deutschland und die Schweiz - die "Los-von-Genf-Bewegung" - Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund - Hitler verhängt Währungsexportbeschränkungen - deutsche Guthaben auf schweizer Konten - deutscher Druck auf die schweizer Presse

1933: Hitlers Machtübernahme provoziert in der Schweiz eine Euphorie für rechtsradikale Bewegungen und Parteien, die so genannten "Frontparteien". Der Frühling 1933 wird deswegen auch als "Frontenfrühling" bezeichnet (S.211).

Wahlplakat der "Nationalen Front" von
                  1933 im "Frontenfrühling": Ein Besen
                  "reinigt" das schweizer Kreuz vor schwarzen
                  Gestalten, die die Freimaurer, Liberalen, Sozialisten
                  und Kommunisten darstellen...
vergrössernWahlplakat der "Nationalen Front" von 1933 im "Frontenfrühling": Ein Besen "reinigt" das schweizer Kreuz
vor schwarzen Gestalten, die die  Freimaurer, Liberalen, Sozialisten und Kommunisten darstellen...


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Ernst
                        Laur, Portrait [2] Ernst Laur, Portrait [2], meinte, der Bauernstand bräuchte nicht unbedingt eine Demokratie.
1934: Aussage des Sekretärs des schweizerischen Bauernverbandes, Ernst Laur:
"Die Erhaltung des Bauernstandes ist schliesslich wichtiger als die Erhaltung der Demokratie."[6]   (S.197)

1930-1938: In der Schweiz etabliert sich ein "Ausnahmeregime".[7] Die Regierung beschliesst in der Zeit von 1930-1938  91 dringliche Bundesgesetze und dringliche Bundesbeschlüsse, die der Volksabstimmung / Referendum entzogen sind. Es ist ein wachsender staatlicher "Kriseninterventionismus", ein Neokonservatismus gegen das Volk, z.B. verbandstaatlicher Protektionismus (S.198), immer in Erinnerung an die russische Revolution von 1917 und das Generalstreiktrauma von 1918 (S.15).

Dringliche Bundesbeschlüsse gelten zum Beispiel bei der Einführung des Luftschutzes und dem Bau von Luftschutzkellern. Die Bundesversammlung will bei diesem Thema keine grossen Diskussionen, ob dies nun notwendig sei oder nicht [web01]
Ankündigung der ersten Luftschutzübung mit der
                  ersten verdunkelten Stadt der Schweiz 1936 [3]
vergrössernAnkündigung der ersten Luftschutzübung mit der ersten verdunkelten Stadt der Schweiz 1936 [3]

Ab  der Machtübernahme Hitlers 1933  wenden sich zahlreiche Staaten Europas durch Versagen des Völkerbundes von diesem ab, so dass es zu einer sogenannte "Los-von-Genf-Bewegung" kommt, eine Antivölkerbundsfront (S.17).[8]   Hitler tritt mit Deutschland schon 1933 aus dem Völkerbund aus (S.32) und verfolgt seine Politik angeblich gemäss dem Vorbild Karls des Grossen[9]  (S.40) [den es eventuell gar nie gegeben hat] und verhängt als erste Zwangsmassnahme ein Devisenausfuhrverbot. Trotzdem werden laufend deutsche Guthaben in die Schweiz geschafft, bis 1940 im Wert von 600 Millionen Franken (S.134).[10]   Von Anfang an beginnt Hitlers Regime auch auf die schweizer Presse Druck auszuüben (S.218).


Stille Beerdigung von 3000000000
                          schweizer Franken im Juni 1933 nach dem
                          Devisenausfuhrverbots im Dritten Reich [4] vergrössernStille Beerdigung von 3.000.000.000 schweizer Franken im Juni 1933 nach dem Devisenausfuhrverbots im Dritten Reich, Karikatur des Nebelspalters [4].

Ein deutscher Soldat begräbt einen Sarg mit dem Geld, und der kleine Schweizer im Hintergrund kann nur zuschauen. Ab diesem Zeitpunkt ist die schweizerische Oberschicht absolut erpressbar, und die Linken in der Schweiz wissen, was sie von Hitler-Deutschland zu erwarten haben, nämlich nichts Gutes...

März 1934: Erste militärische Zensur in der Schweiz - frontistisches Staatsschutzgesetz vom Volk verworfen - "totales Schweizertum"

Ab März 1934 herrscht in der Schweiz durch einen Bundesbeschluss ein erstes Zensursystem mit Verwarnungen und Verboten gegenüber den Medien. Dabei beleidigt Hitler selber zig-fach andere Staaten und Regierungen, womit bewiesen ist, dass die schweizer Regierung Hitlers Politik vertritt (S.219).[11] 

11.3.1934: Ablehnung eines frontistischen autoritären Staatsschutzgesetzes durch Volksabstimmung. Die autoritär gerichtete Staatsschutzinitiative der Frontisten kommt auch mit Unterstützung von Bundesrat Häberlin nicht durch (S.14).

Bundesrat Heinrich Häberlin, Portrait [5],
                        ein Ordnungsfanatiker
Bundesrat Heinrich Häberlin, Portrait [5], ein Ordnungsfanatiker

Bundesrat Häberlin war nach seinem Jus-Studium in Zürich, Leipzig und Berlin Anwalt im Kanton Thurgau mit Büro in Weinfelden und in Frauenfeld, dann Präsident am Bezirksgericht in Frauenfeld 1899-1920, Kantonsrat 1905-1920, Präsident der FDP des Kantons Thurgau, Nationalrat, Nationalratspräsident, und schliesslich ab 1920 Bundesrat als Vorsteher des Justiz- und Polizeidepartements. Häberlin hatte die Vision einer "geordneten" Schweiz, vereinheitlichtes das schweizer Strafgesetz und unternahm zwei Versuche, mit Hinsicht auf die antidemokratischen Sozialisten und Kommunisten das Strafrecht und den Staatsschutz zu stärken. Die beiden als "Lex Häberlin I" und "Lex Häberlin II" bezeichneten Vorlagen scheiterten beide in der Volksabstimmung, zuletzt 1934, was auch der Zeitpunkt für seinen Rücktritt war. 1931 hatte er noch den "Ehrendoktor" der Universität Basel erhalten. Häberlin war auch Stiftungsrat bei der Pro Juventute (1924-1937) und propagierte die Verfolgung der Jenischen, die die "Kulturordnung" der Schweiz stören würden. Dank seiner "Hilfe" flossen Bundessubventionen für Aktionen gegen die Jenischen. Nach 1934 war Häberlin 1939-1944 Präsident der Pro Helvetia [web02].

Ab 1934 erscheinen unter dem Schlagwort "Totales Schweizertum" laufend Aufsätze, v.a. von Historikern, die sich wieder auf den angeblichen Rütlischwur von 1291 berufen.

Heiniger:
"Sie lassen die kriegerisch-verschworene Rütli-Schweiz von 1291 auferstehen, nicht den liberalen Bundesstaat von 1848. Die "Geistige Landesverteidigung" ist tatsächlich eine scharfe Abgrenzung zum Nationalsozialismus, zugleich aber viele totalitäre Ideen darin, die gegen die Demokratie gerichtet sind [...]   Das propagierte Bild der Schweiz zeigt viele derjenigen Züge, die es als äussere Gefahr gerade bekämpfen will." (S.199)

Das Clearingabkommen mit Deutschland ab 1934 - Görings Rede gegen die Schweiz - geplante "Vorwärtsverteidigung" Italiens - abgelehnte Verfassungsreform - harte Asylpolitik der 1930-er Jahre - Aufrüstungsbeschluss - Waffenlieferungen an alle Parteien - der Einfluss der Industrie - Verdunkelung geprobt

Ab 1934 untersteht der Handel zwischen der Schweiz und Deutschland den Clearing-Vorschriften der internationalen Verrechnungsstellen (S.105).

1935 streichen die Sozialisten das Ziel "Diktatur des Proletariats" aus dem Programm [26].

10.5.1935: Der deutsche Minister Göring hält eine Rede mit Bemerkungen gegen die Schweiz. Er behauptet, in der schweizer Presse fänden sich "idiotische saudumme Lügen", wie sie nur "Leute mit Dreck in der Gehirnschale"[12]   schreiben könnten. Göring verlangt von der Schweiz "Gesinnungsneutralität". Der Bundesrat lehnt das Begehren Görings ab. Er unterscheidet bis 1939 zwischen Neutralität des Staates und der Gesinnungsfreiheit des Bürgers (S.218).

Hermann Göring, Portrait [6] Hermann Göring, Portrait [6].

Göring war Reichsminister für Luftfahrt im Dritten Reich und plante den Bombenkrieg. Frieden gab es für ihn nicht. Gleichzeitig waren England und Frankreich nicht bereit, Deutschland die Kolonien zurückzugeben, die man Deutschland 1919 geraubt hatte.

Eigentlich war doch klar, wer da "Dreck in der Gehirnschale hatte". Die Schweizer waren das wohl nicht.

Das faschistische Italien schmiedet währenddessen Pläne zu einer "Vorwärtsverteidigung mit einer allfälligen Besetzung der schweizer Räume von Brig, Gotthard und Malans, wenn Hitler die Schweiz angreifen sollte (S.43-44).[13]   Französische und italienische Militärstudien der 1930er Jahre rechnen mit deutschen Vorstössen durch die Schweiz. Die schweizer Armee sei dabei nur ein Verzögerungsfaktor (S.165).[14]  

In der Schweiz scheitert im selben Jahr 1935 eine zweite rechtsgerichtete Verfassungsrevisions-Initiative. Die Idee einer "Autoritären Demokratie" (gegen die antidemokratischen Sozialisten und Kommunisten gerichtet) wird abgelehnt (S.14). Gleichzeitig ist die Asylpolitik der Schweiz der 1930er Jahre alles andere als liberal (S.224).

1936: Beschluss des schweizer Stimmvolks zur Aufrüstung mit Annahme der "Wehrvorlage". Das deutsche Hetzblatt "Völkischer Beobachter" beurteilt diesen Schritt positiv, denn das Resultat zeige, dass auch die Schweiz kein Vertrauen mehr in das kollektive Sicherheitssystem des Völkerbundes habe (S.32). Hitler selbst begrüsst die schweizerische Aufrüstung, denn so sei die Südflanke Deutschlands weiter geschützt (S.31).[15]   Italien hat gleichfalls Interesse an der bewaffneten schweizerischen Neutralität.

Heiniger:
"Jedenfalls will Mussolini auf keinen Fall eine nicht-neutrale Schweiz, und auch keine gemeinsame Grenze mit Deutschland, die zu nahe am Po verläuft." (S.31-32)[16] 

Der Einfluss der Wirtschaft auf die Politik wächst auch in der Schweiz stetig (S.198), und die Schweiz liefert an alle Parteien gleichzeitig Rüstungsgüter. So töten sich z.B. von Mussolini verhetzte Italiener und von Kaiser Haile Selassie verhetzte Äthiopier im Abessinienkrieg gegenseitig mit schweizer Kanonen [und  Mussolinis Truppen setzen Giftgas ein] (S.88). Pazifistisch-linke Parteiströmungen werden in Anbetracht der Spannungen in Europa und der Rüstung bis 1937 völlig ausgegrenzt. Die Eine sozialdemokratische Regierungsbeteiligung darf es in der Schweiz weiterhin nicht geben (S.198).

1937 kommt es zu einem sehr rechtslastigen "Friedensabkommen" in der schweizer Maschinen- und Metallindustrie (S.198).

[Und Mussolini bekommt in Lausanne den Ehrendoktortitel der Universität Lausanne].

Ausserdem wird die Verdunkelung geprobt, z.B. in Zürich am 10. Juni 1937 [web06].

In
                        Zürich wurde am 10. Juni 1937 die Verdunkelung
                        "geprobt" [19]
In Zürich wurde am 10. Juni 1937 die Verdunkelung "geprobt" [19]

Das Foto oben zeigt Zürich mit Beleuchtung um 22 Uhr, das untere Foto Zürich mit Verdunkelung ab 23:30 Uhr. Es blieben eine Lichtreihe im Bahnhofareal und unbewegte Lichtkegel in Kloten [Flughafen]. Diese Verdunkelung in einer Stadt ist alles andere als angenehm:
<Die Häuser sind düster, keine Lichtreklamen leuchten mehr, und die Trams fahren mit einer gegen oben abgedichteten Lampe herum – was die Verkehrsbetriebe zwingt, noch langsamer zu fahren als sonst und den Fahrplan auszudünnen. Fussgänger stossen an Pfosten und Veloständer – und natürlich an andere Passanten, weshalb ihnen empfohlen wird, nächtens den Rechtsverkehr auch auf dem Trottoir zu pflegen.> [web06]

Die Zürcher Verkehrsbetriebe (VBZ) mussten bei Verdunkelung von einem 12-Minuten-Takt auf einen 16-Minuten-Takt umschalten. Die Geschäfte priesen "Verdunkelungsstoffe" an, die vom "Amt für Luftschutz" genehmigt waren. Phillips verkaufte seine 25-Watt-Dämmerlicht-Glühbirnen, blaue Funzeln für Korridore, Treppenhäuser und Badezimmer. Auch alle Fahrzeuge fuhren mit blauen Glühbirnen herum. Auf der Verpackung waren [analog der deutschen Nazi-Propaganda] drohende Bomberflugzeuge abgebildet. Im Schutze der Verdunkelung kam es manchmal auch zu Sexualdelikten. Liebespaare nutzten ihrerseits die "Verdunkelung" auf ihre eigene Weise, und bei Vollmond wurde die verdunkelte Stadt zum "Erlebnis" [web07].

Buchtip: Stefan Ineichen: "Zürich 1933-1945. 152 Schauplätze"

Auffallend war zum Beispiel auch, dass Velos / Fahrräder und Autos eine blaue Lampe hatten. Die blauen Lampen an den Fahrrädern waren an den Militärvelos noch in den 1960er Jahren zu sehen. Taschenlampen mit blauen Scheiben für ein Dämmerlicht sind bis heute noch im Handel anzutreffen.


Das Bestimmen einer "wahrhaften Neutralität" - Initiative gegen private Rüstung - Abwendung vom Völkerbund und "absolute Neutralität" - Spannungen in der schweizer Armee - die Schweiz als "feindliche Nation" Italiens - der Rüstungsexport boomt - "Überfremdung", Flüchtlingswelle 1938 und "J"-Stempel - Stahlpakt

1937 gibt Bundesrat Motta sein neues "Credo" für eine wahrhafte Neutralitätspolitik bekannt.

Bundesrat Motta, Profil [7] Bundesrat Motta, Profil [7] x
Motta:
"Ein Staat, der es zulässt, dass Waffen frei hergestellt und in Gegenden exportiert werden, in denen Kriege oder Revolutionen brodeln, steht als Komplize da [...]   Wir sind entschlossen, uns nicht in Streitigkeiten anderer einzumischen. Dieses Enthaltungsprinzip muss absolut sein. Wir müssen daher imstande sein, die Ausfuhr von Waffen in kriegführende Länder oder in solche, die sich kurz vor einem Krieg befinden, jederzeit zu verbieten." (S.89)[17] 

1938: Ein Initiativkomitee lanciert eine Volksinitiative gegen die private Rüstungproduktion und den privaten Verkauf von Rüstungsgütern. Die Initiative wird zugunsten eines Gegenvorschlags des Bundesrates zurückgezogen. Rüstungsherstellung und Rüstungsausfuhr werden staatlicher "Kontrolle" unterstellt (S.90).

Im selben Jahr kehrt sich der Bundesrat von der "differentiellen" Neutralität ab und definiert sich neu mit einer "absoluten" Neutralität. Die Schweiz trennt sich vom Völkerbund und seinen Sanktionsmassnahmen (S.32).

In der schweizer Armee existieren inzwischen deutschfreundliche und nach Frankreich orientierte Gruppen (S.36).

Die Spannungen in Europa finden in sehr verschiedenen Bewertungen der Schweiz ihren Ausdruck. Italiens Aussenminister bezeichnet die Schweiz 1938 u.a. als "feindliche Nation" (S.39). Währenddessen boomt das Rüstungsgeschäft. Hauptkunden sind Holland, Frankreich, Grossbritannien und Japan, sowie Argentinien, Schweden und die Tschechoslowakei (S.88-89).

Der Kampf der schweizer Politik gegen "Überfremdung" hält an. Der Chef der Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund, erklärt:

Rothmund:
"Wir haben seit dem Bestehen der Fremdenpolizei klar Stellung genommen. Die Juden gelten im Verein mit den anderen Ausländern als Überfremdungsfaktor. Es ist uns bis heute gelungen, durch systematische und vorsichtige Arbeit eine Verjudung der Schweiz zu verhindern." (S.224)[18] 

Nach dem "Anschluss" Österreichs an das Dritte Reich strömen Scharen jüdischer Flüchtlinge in die Schweiz. Die Reichsregierung wendet nichts gegen die Auswanderung ein, ganz im Gegensatz zu den schweizer Behörden, die die Einwanderung vermindern wollen. Der Vorschlag der Visumpflicht für Österreicher wird vom Reich abgelehnt, denn Österreicher sollen neu auch als Deutsche gelten, und eine Visumspflicht zwischen Deutschland und der Schweiz ist dem Berliner Regime nicht sympathisch. In der Folge macht die Schweiz den Vorschlag, in Pässen von Juden einen "J"-Stempel anzubringen, was von den deutschen Stellen akzeptiert wird (S.224).

J-Stempel,
                eine schweizer Erfindung gegen die jüdische
                Flüchtlingswelle nach dem "Anschluss"
                Österreichs im Frühling 1938 [8]
J-Stempel, eine schweizer Erfindung gegen die jüdische Flüchtlingswelle nach dem "Anschluss" Österreichs im Frühling 1938 [8]


[August 1938: Konferenz von Evian über die jüdische Auswanderung ohne Resultat] 
[Herbst 1938: Anschluss Sudetenland] 
[1939: Deutsche Besetzung der Tschechei mit "Übernahme" eines Teils des tschechischen Staatsschatzes und Rüstungsgütern] 

22.5.1939: Deutschland und Italien schliessen den "Stahlpakt". Die Folgen für die Schweiz sind eher positiv, denn innerhalb dieses Bündnisses können sich die beiden Staaten wohl keinen Streit um schweizer Territorium mehr leisten (S.44).

"Stahlpakt" vom 22. Mai 1939,
                        Postkarte mit Mussolini und Hitler [9] "Stahlpakt" vom 22. Mai 1939, Postkarte mit Mussolini und Hitler [9]

Dieser "Stahlpakt" hatte seinen "Hintergrund": Seit 1936 seit der Abessinienbesetzung bzw. seit der Besetzung Eritreas durch die italienischen Truppen war England im Völkerbund bestrebt, Italien zu isolieren. England lieferte Italien auch keine Kohle mehr, und Deutschland sprang mit Kohlelieferungen für Italien ein.

Dies wiederum hatte zur Konsequenz, dass nun derGotthardvertrag Deutschlands und Italiens voll zur Geltung kam, denn die deutsche Kohle wurde durch die Schweiz und durch den Gotthard transportiert. Die schweizerischen Bundesbahnen (SBB) verdienten daran gut.

Englands Boykottmassnahme gegen Italien verpuffte also vollends, und die schweizer Politik war weiterhin der Handlanger des Giftgas-Mussolini. Man hätte ja den Gotthardvertrag nach dem Giftgaseinsatz in Eritrea kündigen können. Aber das wollte der Bundesrat nicht, denn das Giftgas stammte ja - aus der Schweiz...

Die neu gefundene schweizer Einheit von 1939: Landesausstellung in Zürich

Die Seilbahn der Landesausstellung der Schweiz von 1939 in Zürich
Landesausstellung der Schweiz 1939,
                              Seilbahn-Endstation (01) in Zürich Enge
                              mit Panoramarestaurant [10]
vergrössernLandesausstellung der Schweiz 1939, Seilbahn-Endstation (01) in Zürich Enge mit Panoramarestaurant [10]

Landesausstellung der Schweiz 1939,
                              Seilbahn-Endstation (02) in Zürich
                              Riesbach [11]
vergrössernLandesausstellung der Schweiz 1939, Seilbahn-Endstation (02) in Zürich Riesbach [11]

Landesausstellung der Schweiz 1939, Seilbahn-Endstationen der Seilbahn über den Zürichsee

Die Landesausstellung der Schweiz von 1939 bestand aus einem technischen Höhepunkt, der für das ganze Publikum erlebbar war. Die Veranstalter hatten über den Zürichsee eine kleine Seilbahn gespannt und so die beiden Ausstellungsgelände von Zürich Enge und Zürich Riesbach miteinander verbunden [web03].

Diese Seilbahn bot an Sonnentagen nicht nur ein einmaliges Panorama über Zürich, sondern war auch Symbol für den "schweizer Stolz". Was in Deutschland die Hochseeschiffe waren, das waren in der Schweiz die Bergbahnen und Seilbahnen.

Viele Schweizer hatten weder mit dem kolonial-rassistischen Völkerund, noch mit dem Dritten Reich etwas im Sinn, sondern wollten einfach, dass die Welt "vernünftig" wird. 1935 hatten die Sozialisten das Ziel "Diktatur des Proletariats" aus dem Programm gestrichen. Das war ja schon einmal vernünftig... [web04]
Landesausstellung in Zürich
                                    1939, das Seeufer mit einem der
                                    Seilbahntürme, Luftaufnahme [17]
Landesausstellung in Zürich 1939, das Seeufer mit einem der Seilbahntürme, Luftaufnahme [17]
Landesausstellung Zürich 1939,
                                    3000 Gemeindefahnen [18]
Landesausstellung Zürich 1939, 3000 Gemeindefahnen [18]


Der Überlebenswille in der schweizer Bevölkerung gegenüber den Grossmächten Europas beginnt sich zu harmonisieren und wird mit jeder Tat Hitlers aufs Neue gefördert, ausgedrückt in der Landesausstellung "Landi" im Sommer 1939 in Zürich:

-- im dem Motto "Eines Volkes Sein und Schaffen", in der Statue "Wehrwille", im "Landigeist" (S.199)
-- im dem Motto "Die Schweiz als Zufluchtsort Vertriebener, das ist unsere edle Tradition" (S.225)
-- im einem "Höhenweg" mit 3000 ausgestellten Gemeindewappen der Schweiz (S.200)
-- mit der "Alpenverehrung" als beschworenes schweizer Geisteselement (S.200)
-- mit den Bezeichnungen "Kernland" für die Alpen, der Bevölkerung der Zentralschweiz als "Kernvolk" (S.200)[19] 

Eine
                          weitere Attraktion der Landesausstellung von
                          1939 in Zürich, der "Schifflibach"
                          [12]
Eine weitere Attraktion der Landesausstellung von 1939 in Zürich, der "Schifflibach" [12]
Im
                          Tourismuspavillon der Landesausstellung 1939
                          wurde die Schweiz als "Ferienland der
                          Völker" beschworen, mit einem Wandbild
                          von Hans Erni [13]
Im Tourismuspavillon der Landesausstellung 1939 wurde die Schweiz als
"Ferienland der Völker" beschworen, mit einem Wandbild von Hans Erni [13]

Die "Landi" erntet auch Kritik. Der Theologe Karl Barth (der sich schon gegen die Kollaboration der deutschen "Christen" mit Hitler gewandt hatte [web05]) nennt die Landesausstellung in Zürich ein "Spottgebilde eines neuen helvetischen Nationalismus" (S.200).

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Karl
                        Bart in den 1930er Jahren ca.
Karl Bart in den 1930er Jahren ca. [14]
Gleichzeitig soll die Schweiz gemäss Regierungspropaganda als Flüchtlingsinsel gelten. Kar Barth erklärt zur Schweiz als Zufluchtsort:

Barth:
"Das ist nicht nur unser Dank an die Welt für den jahrhundertelangen Frieden, sondern auch besonderes Anerkennen der grossen Werte, die uns der heimatlose Flüchtling von jeher gebracht hat." (S.225)[20] 

Bemerkungen des Bauernsekretärs Ernst Laur zum Aufbau der Bevölkerung lassen eine nazistische Richtung vermuten.

Laur:
"Er [der schweizer Bauer]  sorgt nicht nur für die Ernährung, er ist der Pol der Ruhe und der Lebens- und Blutauffrischungsquell der Bevölkerung." (S.188)[21] 

Ernst Laur, Portrait [2]
Ernst Laur, Portrait [15] glaubte an "Blutauffrischung"

Die Schweiz in der Angst vor einer Invasion durch Hitlers Armeen - die Vollmachtenkommissionen und die Wahl Guisans zum General - die Schweiz als zentraler freier Finanzplatz Europas

Der Grossteil der schweizer Bevölkerung erfährt nichts von den politischen Vorgängen im Hintergrund, so dass sich vor allem nach dem Frühling 1939 eine immer grösser werdende Angst vor Hitlers Armeen auszubreiten beginnt. Das Ausmass der ganzen Verflechtung zwischen der Schweiz und Hitler-Deutschland ist der Bevölkerung schlichtweg nicht bekannt und die Mitwisser wie Fabrikanten, Diplomaten und Politiker schweigen beharrlich (S.89).

Von Hitler befürchtet die schweizer Militärführung bei einem Angriff gegen Frankreich eine südliche Umgehung der französischen "Maginot-Linie" über schweizer Gebiet bei Basel. Gemäss Bernhard von Lossberg im Jahr 1949, dem damaligen deutschen Generalstabsoffizier im Wehrmachtsführungsstab, war die Angst aber unbegründet und ein solcher Plan war nie ernsthaft erwogen worden (S.47).[22] 

Am 30.August 1939 genehmigt das schweizerische Parlament die Schaffung von Vollmachtenkommissionen. Damit findet die Amputation der Demokratie ihren Fortgang.

Heiniger:
"Während der Kriegszeit ist die Bevölkerung als direkter Faktor von politischen Entscheiden weitgehend ausgeschlossen [noch mehr ausgeschlossen als bisher]. Auch das Parlament verliert an Einfluss. Z.B. kontrolliert es nur noch einen kleinen Teil des Staatshaushaltes, weil dessen überwiegender Anteil als "Ausserordentliche Rechnung" läuft. Historiker bezeichnen diese Regierungsform als "autoritäres Regime" (Hans Ulrich Jost) oder als "autoritäre Demokratie" (Edgar Bonjour). Der Jurist Hans Marti, Privatdozent an der Universität Bern, spricht 1944 von einer "verfassungsmissachtenden Verfassungsdurchbrechung" [...]  . Der Vollmachtenbeschluss von 1939 ist vom Standpunkt der Verfassung von 1874 verfassungswidrig. Die Kompetenz zu diesem Beschluss konnte die Bundesversammlung nicht aus der Verfassung herleiten, und deshalb hat sie auch absichtlich in diesem Beschluss nicht auf die Verfassung Bezug genommen." (S.201)

Die gleichzeitige Wahl Guisans zum General ist umstritten. In der Hoffnung, dass Guisan sich in Zukunft weniger rechts zeigen werde, schreibt das Zürcher SP-Blatt "Volksrecht":

"Von unserer Seite hätte Grund vorgelegen, etwas misstrauisch zu sein, angesichts der bisherigen politischen Tätigkeit des Kandidaten." (S.216)

General Guisan
                (Mitte, hellgrau) nach seiner Wahl am 30. August 1939
                zum General der Schweiz im Bundeshaus, 1939
General Guisan (Mitte, hellgrau) nach seiner Wahl am 30. August 1939 zum General der Schweiz im Bundeshaus, 1939


In der nun folgenden Kriegszeit in Europa ab September 1939 wird die Schweiz endgültig zum internationalen Top-Finanzplatz. Sie wird eine Fluchtburg des Kapitals durch ihren weiter gewährten Wirtschaftsliberalismus, denn nun führen auch England, Schweden, Frankreich und andere Länder Devisenvorschriften ein, so dass von den bestimmenden europäisch-amerikanischen Währungen nur noch der US-Dollar und der Schweizer Franken frei gehandelt werden (S.131).

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Quellen

[6]  in: Linder, Wolf: Entwicklung, S.283.

[7]  Linder, Wolf: Entwicklungen, Strukturen und Funktionen..., S.277

[8]  Hofer, Walter: Neutralität 1984, S.174

[9]  Fink, Jürg: Schweiz 1985, S.27

[10]  Perrenoud, Marc: Banques 1988, S.49

[11]  Tschänni, Hans: Die Presse...; In: Tages-Anzeiger Magazin, 10.4.1982, S.33

[12]  in: Nef, Max: Schweizer 1959, S.346

[13]  Schaufelberger, Walter: Blick 1988, S.16

[14]  Senn, Hans: Schweiz 1986, S.37

[15]  Fink, Jürg: Schweiz 1985,  S.137

[16]  vgl. Schaufelberger, Walter: Blick 1988, S.16-17

[17]  in: Köppel, Edgar: Problematik der schweizerischen Kriegsmaterialexporte (Lizentiatsarbeit) 1983, S.70

[18]  in: Jost, Hans Ulrich: Bedrohung, S.113

[19]  Siegrist, Dominik: Landschaft 1985, S.78-79

[20]  in: Häsler, Alfred A.: Boot 1967, S.9

[21]  in: Graf, Christoph: Die Schweiz in den 1930-er Jahren; 1983, S.133

[22]  Fritschi, Oskar Felix: Landesverteidigung 1972,  S.211

[web01] http://www.stadt-zuerich.ch/pd/de/index/schutz_u_rettung_zuerich/zivilschutz/chronik_zso/1928_1938.html

[web02] http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Häberlin

[web03] http://www.seilbahn-nostalgie.ch/geschichte.html

[web04] aus: Walter Wolf: Faschismus in der Schweiz. Die Geschichte der Frontenbewegung in der deutschen Schweiz 1930-1945. Flamberg-Verlag Zürich 1969, S.303

[web05] http://www.gaebler.info/lesen/casalis.htm

[web06] http://www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/licht_und_schatten_in_einer_verdunkelten_stadt_1.3452520.html

[web07] http://www.limmatverlag.ch/Default.htm?/ineichen/ineichen.zuerich1939.htm

Fotoquellen
[1] Wahlplakat der Nationalen Front 1933:
http://einestages.spiegel.de/static/entry/hitler_und_die_eidgenossen/2411/_wir_saeubern.html?o=position-ASCENDING&s=2&r=1&a=510&c=1

[2] Ernst Laur, Portrait: http://www.library.ethz.ch/de/Ressourcen/Digitale-Kollektionen/Portraet-des-Monats/Ernst-Laur-1871-1964

[3] Luftschutz 1936: http://www.stadt-zuerich.ch/pd/de/index/schutz_u_rettung_zuerich/zivilschutz/chronik_zso/1928_1938.html

[4] Karikatur des Nebelspalter zum Devisenausfuhrverbot im Dritten Reich, Juni 1933: Nebelspalter

[5] Bundesrat Heinrich Häberlin, Portrait: http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Häberlin

[6] Göring: http://www.der-deutsche-jagdflieger.de/Geschichte_20-35.htm

[7] Bundesrat Motta: http://www.admin.ch/ch/d/cf/br/44.html
http://www.geschichteinchronologie.ch/eu/ch/Surava-gegen-nazi-bundesrat.htm

[8] J-Stempel: http://de.wikipedia.org/wiki/Judenstempel;
http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Reisepass_Wilhelm_Frank_mit_J-Stempel.jpg

[9] Stahlpakt, Postkarte mit Mussolini und Hitler: http://www.bwbs.de/bwbs_biografie/Abschluss_des__Stahlpaktes__B1379.html

[10] Landesausstellung 1939 in Zürich, Seilbahn-Endstation 01: http://www.seilbahn-nostalgie.ch/geschichte.html
[11] Landesausstellung 1939 in Zúrich, Seilbahn-Endstation 02: http://www.seilbahn-nostalgie.ch/geschichte.html

[12] Landesausstellung 1939 in Zürich, der "Schifflibach": http://www.ethistory.ethz.ch/besichtigungen/touren/vitrinen/politkarrieren/vitrine42
[13] Landesausstellung 1939 in Zürich, Wandbild zum Tourismus von Hand Erni:
http://www.ethistory.ethz.ch/besichtigungen/touren/vitrinen/politkarrieren/vitrine42

[14] Karl Barth 1930er Jahre ca.: http://stormface.wordpress.com/category/karl-barth/

[15] Ernst Laur, Portrait: http://www.library.ethz.ch/de/Ressourcen/Digitale-Kollektionen/Portraet-des-Monats/Ernst-Laur-1871-1964

[16] General Guisan nach seiner Wahl im Bundeshaus 1939: http://www.revue.ch/guisan-de

[17] Landesausstellung 1939 in Zürich, Luftaufnahme des Zürichseeufers mit einem der Seilbahn-Türme: Film: Peter will an die Landi: http://www.youtube.com/watch?v=eBjnEXE3suI
[18] Landesausstellung 1939 in Zürich, Fahnenkult mit 3000 Fahnen: Film: Peter will an die Landi: http://www.youtube.com/watch?v=eBjnEXE3suI


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