Zusammenfassung
Die Chronologie
zeigt die
Argumentation der Alliierten, dass man die Feindstaaten Deutschland und
Österreich nicht noch mit einer Vereinigung belohnen wolle. Ausserdem
könne man
Österreich keine Volksabstimmung gewähren, sonst würden andere deutsche
besetzte
Gebiete ebenfalls eine Abstimmung fordern wollen. Das neue Völkerrecht
wird
also gleich mehrfach massivst verletzt, bzw. Frankreich hat vor der
deutschen
Militärmaschinerie eine solche Angst, dass es keine anderen Mittel
sieht,
Deutschland längerfristig zu zähmen.
Michael Palomino 1998 / 2005
Chronologie
Die Diskussionen an
den
"Friedensverhandlungen" in Paris
11.3.1919
Tardieu schlägt
Philip Kerr und
Sidney Mezes
die Neutralität und Unverletzlichkeit Österreichs vor (S.41-42).
15.-31.3.1919/zweite Märzhälfte
Das Interesse an einer
Neutralität Österreichs lässt nach. Der
französische
Botschafter in Wien,
Henry Allizé,
führt in Wien die Kampagne für Neutralität aber weiter, ohne dass er
gestoppt
wird (S.41-42).
Mitte März 1919
Der Vorschlag für
eine Neutralität
Dänemarks findet bei den Grossmächten Zustimmung
(S.42), denn es
sollte sich jeder Staat für neutral erklären
können
(S.43).
Aber: Österreich darf
nicht neutral
werden
Österreich soll
nicht neutral sein dürfen wegen der im
Völkerbund
vorher
verankerten kollektiven Sicherheit. Der französische Generalstab sieht
eine
Neutralität Österreichs für nachteilig an im Fall einer
Auseinandersetzung mit
Ungarn, das seit 22.3. 1919 kommunistisch regiert [und terrorisiert]
wird.
Österreich könnte so aufgrund einer Neutralität das Durchmarschrecht
verweigern
(S.43).
ab Mitte März 1919
Frankreich ist für
die festgeschriebene
Unabhängigkeit Österreichs
Im Schlussteil
der "Note relative à l'Autriche allemande"
["Relativ-Note
an Deutschösterreich] sind Entwürfe enthalten, die vier Hinweise zur
Argumentation
geben:
1. Deutschland soll nicht nur die
Unabhängigkeit Österreichs
garantieren,
sondern solle sich auch jeder direkten oder indirekten Aktion
enthalten, die im
politischen oder wirtschaftlichen Bereich diese Unabhängigkeit bedrohen
oder
mindern könnte (später auch im Genfer Protokoll) (S.43).
2. Österreich soll zur
Unabhängigkeit verpflichtet werden. Vorerst aber
ist das
Anschlussverbot nicht in den Vertragsentwürfen enthalten, sondern erst
bei der
letzten Übergabe am 2. September 1919, als in Weimar die deutsche
Verfassung beraten wird.
3. Österreich soll auch von den
Siegermächten die Unabhängigkeit
garantiert
bekommen.
4. Vorgesehen ist dieselbe
Unabhängigkeitsgarantie auch zwischen
Österreich und
Ungarn (S.44).
25.4.1919
Die Note mit dem Anschlussverbot
"Note
relative à l'Autricheallemande" wird von André Tardieu an
Arthur Balfour übergeben und von
Alfred D.
Low präsentiert (S.41-42).
Low fügt hinzu, die Note sei im
Februar 1919 verfasst worden. Dies ist
eine
Falschinformation (S.41-42). Man nimmt an, dass das Dokument zwischen
15.3. und
22.4.1919 entstanden ist (S.41-42).
Die Note zitiert die
Entschliessung betreffs Grenzen zwischen
Österreich und
Deutschland, und diese Entschliessung "Commission Centrale des Affaires
territoriales" [Zentrale Gebietskommission] war erst am 15 März 1919
fertig (S.41-42).
Die Note bezüglich
Deutschösterreich:
Anschlussverweigerung und die französische Einschätzung
Die "amerikanische" und die
französische "Delegation im
Zentralkomitee für Territorialfragen" schlagen dem Obersten Rat vor:
-- dass im Präliminarfrieden
[Vorfrieden] mit Deutschland festgelegt
wird, dass
Deutschland weder politisch noch wirtschaftlich die Unabhängigkeit
Österreichs
antasten darf (S.48)
-- dass sich Änderungen der
Grenzen durch die Gründung der
tschechoslowakischen
Republik ergeben
-- die französische Regierung
wünscht, dass "unter den gegenwärtigen
Umständen die Vereinigung Deutschösterreichs mit Deutschland in dem
Präliminarfrieden untersagt werde
-- damit sei das
Selbstbestimmungsrecht Österreichs beschnitten: Die
französische Regierung könne unter den gegenwärtigen Umständen dieses
Recht für
Deutschösterreich nicht zulassen. Die Entscheidung der Mächte stünde
immer noch
über einem solchen Plebiszit und eine Volksabstimmung sei somit ungültig
-- der Entscheid der
österreichischen Nationalversammlung zum Anschluss
an
Deutschland wird nicht anerkannt. Denn: Nur die Sozialisten würden mit
dem
Anschluss ein politisches Ziel verfolgen. Die anderen Gruppierungen
sähen im
Anschluss nur einen Notbehelf, wollten wirtschaftliche Garantien,
wollten falls
möglich die Neutralität und Wien weiter als Hauptsitz einer
Donaukonföderation
oder Sitz internationaler Organisationen sehen (S.49).
Das Entstehen der
Anschlussbewegung soll
deutsch manipuliert sein
Die Alliierten behaupten:
Die Anschlussbewegung sei nicht
in Deutschland entstanden, es sei eine
aussernationale Bewegung:
-- die Anschlussbewegung sei eine
gleichzeitig grossdeutsche und
sozialistische
Bewegung, "die zur Bestürzung der Wiener, durch deutschen Willen und
das
Schweigen der Grossmächte aufgedrängt wurde"
-- als Verbündeter im Krieg habe
Deutschösterreich nie die Vereinigung
mit
Deutschland gefordert [damit jeder seinen Kaiser behält!]
-- für die Grossdeutschen in
Österreich sei die Vereinigung mit
Deutschland das
Kriegsziel, und diese profitieren von der Niederlage
-- die Sozialisten würden die
Vereinigung mit Deutschland verlangen, um
die
Stärke der Partei zu mehren (S.49)
-- die deutsche Regierung Ebert,
Scheidemann, Brockdorf-Rantzau und
Erzberger
verfolge einen deutschen Einheits- und Expansionssozialismus
-- die Grossdeutsche Bewegung in
Österreich hoffe auf die Annexion
Österreichs
durch Deutschland, was mit einem Selbstbestimmungsrecht nichts zu tun
habe
(S.50).
[Damit negieren die Alliierten
alle deutsch-österreichischen
Bestrebungen zu
einem Anschluss seit 1871].
Das Verweigern von
Volksabstimmungen als
Taktik
Die Alliierten in Paris behaupten
zu Österreich:
-- mit einer Volksabstimmung über
einen Anschluss würde man diese
Verschleierungstaktik zum deutschen Expansionismus belohnen. So hätte
man auch
Belgien an Frankreich und Kanada an die "USA" fallen lassen können,
und somit zählt die Sprachverwandtschaft nicht als Grund für ein
einheitliches
Land
-- mit einer Volksabstimmung
hätte die österreichische, sozialistische
Partei
mit Erfolg die rein politische österreichische Frage in eine nationale
Frage
verwandelt
->> Somit sei das Gesetz
der Selbstbestimmung auf dem
gegenwärtigen Stand
der österreichischen Frage nicht anwendbar (S.50).
Gründe gegen eine
Volksabstimmung: den
Feind nicht noch belohnen
Die Alliierten behaupten:
-- Deutschösterreich ist immer
noch ein feindliches Land [obwohl der
Kaiser
gegangen ist und nur noch ein Rumpf-Österreich übriggeblieben ist]
-- der Friedensvertrag hat zum
Ziel, die politischen Ambitionen der
feindlichen
Länder zu mässigen
-- der Pangermanismus in der
deutschen Regierung werde seit 5 Jahren
aktiv
vertreten mit der Behauptung, Deutschland könne mit der Annexion von
Österreich
selbst als besiegtes Land gestärkt aus dem Krieg hervorgehen
-- man wolle nicht dem deutschen
Imperialismus dienen
-- der Anschluss Österreichs wäre
eine unmoralische Belohnung für die
Feinde
(S.50).
Der Anschluss
Österreichs würde
Kriegsgefahr bedeuten
-- Deutschlands Stärke würde um 7
Mio. Menschen erhöht
-- die CSSR [ein gewaltsam
"vereinter" Vielvölkerstaat mit ca. 6
beteiligten Nationen...] würde zwischen dem deutschen Staat ersticken
und wäre
fast nur von zwei Staaten, Deutschland und Ungarn umgeben
-- auch die Schweiz hat gegen die
Vereinigung zwischen Österreich und
Deutschland protestiert [weil die Oberschicht hauptsächlich in
Deutschland
studiert hat, aber gleichzeitig unabhängig bleiben will]
-- wenn Deutschland und
Österreich sich vereinigen dürfen, was solle
man tun,
wenn Ungarn dasselbe mit rumänisch und tschechisch besetzten Gebieten
verlangt?
-- wenn der Anschluss erlaubt
werde, so werden die Alliierten selbst
Deutschland den Drang nach Osten erlauben. In diesem Sinn sei der
Anschluss
Österreichs an Deutschland eine "deutsche Falle"
-- bevor man feindlichen Ländern
Vorteile zugesteht, muss man sie
ausser Stand
setzen, der Welt zu schaden [denn Deutschlands Militärführung wollte
ganz
Europa germanisieren und so alle Kolonien einkassieren]
-- der Frieden muss zuerst
garantiert sein, gegen die Feinde. Es sei
eine Frage
des Prinzips (S.51).
Sudetenland, Mähren,
Böhmen, Korridor,
Westpreussen bleiben ohne Abstimmung - auch Österreich muss ohne
Abstimmung
bleiben
-- die oben genannten deutschen
Gebiete werden aus Gründen der
allgemeinen
Sicherheit durch Annexion ohne Volksabstimmung den anderen Staaten
einverleibt,
denn dies wurde von den Kommissionen der Konferenz "für notwendig
befunden"
-- wieso soll Deutschösterreich
plötzlich abstimmen dürfen, wenn die
anderen
Gebiete dies nicht dürfen?
-- Deutschösterreich werde seit 4
Monaten deutschem Druck ausgesetzt
und sei
somit "nicht fähig, frei seinen Willen auszudrücken"
-- Österreich wird somit eher
noch geschützt, wenn man
Deutschösterreich die
Unabhängigkeit auferlegt (S.51)
-- nur so wird Österreich ruhig
überlegen können, was es machen wolle:
Donaukonföderation oder Vereinigung mit Deutschland:
"Heute die deutsche Lösung
unterstützen würde bedeuten, die Zukunft
vorwegzunehmen, nicht sie offen zu lassen. Die einzige Lösung, die sie
offen
lässt, ist die Unabhängigkeit." (S.52)
Aufnahme in den
Völkerbund
Vor der Aufnahme in den
Völkerbund sollen sich die Feindstaaten das
Vertrauen erarbeiten. Es liege an ihnen selbst, für die Verbesserung
der
Zukunft besorgt zu sein:
"Man untersagt ihnen nichts für
die Zukunft, aber man verlangt, dass
ihnen
kein Vorteil zugestanden werden darf, der in Europa einen
Unsicherheitsfaktor
darstellen kann." (S.52)
Diese Regel ist für Frankreich
von Lebensinteresse. Frankreich sei
"gleichzeitig überzeugt davon, dass diese Vorsicht dem
Allgemeininteresse
entspricht." (S.52)
[Frankreich und England teilen
sich ganz nebenbei die deutschen
Kolonien auf.
Es ist bei den zusätzlichen Landbesetzungen nicht zu erwarten, dass ein
Vertrauen zustande kommt, aber die französische Politik sieht diese
Verhältnisse nicht].
Die Argumente gegen
einen Anschluss
Die Alliierten behaupten:
-- die Anschlussbewegung ist
künstlich, ist grossdeutschen und ist
imperialistischen Ursprungs
-- die Vereinigung mit
Deutschösterreich sei ein Kriegsziel der
deutschen
Pangermanisten
-- die Vereinigung mit
Deutschösterreich würde Deutschland zuungunsten
von
Frankreich verstärken
-- die Vereinigung mit
Deutschösterreich würde die CSSR und die Schweiz
in eine
gefährliche Situation bringen
-- Deutschösterreich soll nicht
mehr Rechte haben als die Volksgruppen
im
Sudetenland, in Böhmen, Mähren, im Korridor und in Westpreussen
-- die Vereinigung als "Prämie
für den Frieden" wäre für die
feindlichen Länder, die für den Krieg verantwortlich sind, ein Akt der
Unvorsichtigkeit und Immoralität
->> Frankreichs Regierung
besteht auf Klauseln im
Präliminarfrieden [Vorfrieden]
mit Deutschland, Österreich und Ungarn, die die Unabhängigkeit
Österreichs
sichern werden (S.52).
->>
Verpflichtung für Österreich
Die Vorschrift der Alliierten:
"Die Regierung Deutschösterreichs
verpflichtet sich, auf ihrem Gebiet
jede
Aktion zu untersagen, die darauf abzielt, die Unabhängigkeit, die ihr
durch den
gegenwärtigen Präliminarfrieden zugestanden und garantiert wird, direkt
oder
indirekt - sei es in politischer oder wirtschaftlicher Hinsicht - zu
gefährden." (S.53)
->>
Verpflichtung für Deutschland
Die Vorschrift der Alliierten:
"Die deutsche Regierung, die die
Unabhängigkeit Deutschösterreichs
anerkennt, verpflichtet sich, sich jeder direkten oder indirekten
Aktion zu
enthalten, die darauf abzielt, die genannte Unabhängigkeit entweder in
politischer oder in wirtschaftlicher Hinsicht zu bedrohen oder zu
verringern.
Sie verpflichtet sich auch, alle Umtriebe, welcher Art auch immer, zu
untersagen, die ein derartiges Ziel haben." (S.53)
Heute ist die Note mit dem
Anschlussverbot
"Note
relative à l'Autricheallemande" im Archiv des Quai d'Orsay in Paris:
Ministère
des Affaires étrangères, Paris, Archives diplomatiques, Serie A.Paix,
vol. 100,
fol. 43-52 (S.41-42).
[Situation heute im Jahr
2005:
In der EU haben die
deutschsprachigen Länder doppelten Einsitz. Es sind
sogar interne politische Manöver zwischen Deutschland und Österreich
möglich,
um Prozesse in Gang zu setzen oder zu korrigieren. Damit sind
Deutschland und
Österreich heute eigentlich ganz zufrieden...].