aus:
Österreich; In: Das Kluge Alphabet.
Konversations-Lexikon in 10
Bänden. Propyläen-Verlag Berlin 1934
Kommentar
Die
Darstellung über Österreich und Österreich-Ungarn in
einem
renommierten
Lexikon des Dritten Reichs scheint eine wichtige Komponente der
Beeinfluss der
Volksmassen. Die hierfür wichtigen Passagen für die Unschuldserklärung
gegenüber der Geschichte sind fett markiert. Sie
verstecken
sich zwischen vielen zutreffenden und neutral gehaltenen Angaben.
Michael Palomino 1999 / 2005
Österreich
Österreich,
Freistaat in Mitteleuropa, 83'838 km2, 6,7 Mio. E;
Hauptstadt: Wien.
9 Bundesländer: Burgenland, Kärnten, Nieder-, Oberösterreich, Salzburg,
Steiermark, Tirol, Vorarlberg, Wien (vgl. Karte Deutsches Reich). das
etwa 550
km lange, im Westen nur 40-60 km breite Staatsgebiet umfasst den
Hauptteil:
Hohe Tauern und Ötztaler Alpen, etwa 3800 m), ferner ausser dem Wiener
Becken
Teile des nördl. Alpenvorlandes, des Böhmischen Massivs (nördl. der
Donau),
Übergänge zur Oberungar. Tiefebene (Südostrand der Alpen) sowie ein
kleines
Stück von dieser selbst (und den Neusiedler See). Vielfach offene
Grenzen,
sogar in den Alpen; auch der grossenteils durch Kammlinien
(Wasserscheiden)
abgeschlossene Süden (im Westen Rätische, Ötztaler und Zillertaler
Alpen, im
Osten Karnische Alpen und Karawanken) bietet bequeme Zugänge (u.a.
Brenner,
Pustertal). -
Flüsse und Seen:
überwiegend Stromgebiet der
Donau, deren Zuflüsse häufig den
Längstalzonen
zwischen Zentral- und Kalkalpen folgen (im Norden: Inn mit Salzach,
Enns, im
Süden: Drau). reich an Seen sind Salzburger Alpen und Salzkammergut
sowie das
Klagenfurter Becken; Anteil am Bodensee und bes. am Neusiedler See.
Klima
sehr verschieden. Unter dem
Einfluss der vorherrschenden Nordwestwinde
am
Nordwestrand weit höhere Niederschläge (150-200 cm und mehr) als in den
inneren
Tälern und im Osten 50-80 cm). Warme Sommer in Vorarlberg, Inntal
(Föhn) und
den Südalpen, kalte Winter in den abgeschlossenen Becken (z.B.
Klagenfurter
Becken). Schneegrenze in den Nördlichen Kalkalpen rund 2500 m, in den
Zentralalpen rund 3000 m. Grösster Gletscher: Pasterze; östlichste
Vergletscherung am Dachstein. Vgl. Tafeln - Tier- und Pflanzenwelt
->
Europa, Alpen.
Bevölkerung:
überwiegend bayrischen Stammes,
in Vorarlberg und Nordwesttirol
alemannisch, im
Osten fränkischer Einschlag; ganz geringe nationale Minderheiten
(Tschechen,
Slowenen, Kroaten). Infolge des grossen Anteils an den Alpen, in denen
fast nur
die Täler besiedelt sind, geringe druchschnittliche Dichte (80 je km2);
grösste im Wiener Becken, im nördl. und südöstl. Alpenvorland und im
Rheintal,
niedrigste in Tirol und Salzburg. Höchstes Dorf: Obergurgl im Ötztal
(1927m).
Grossstädte: Wien (hier über 1/ der Gesamtbevölkerung), Graz, Linz.
Sehr
geringer Geburtenüberschuss (1933: 1,1 je km2).
Religion:
94% kath., 3% ev., 3% jüdisch.
Der Mannigfaltigkeit der Landesnatur und
der
Abgeschlossenheit mancher Täler und Becken entspricht grosse
Verschiedenheit in
Mundart, Brauch, Sitte und Siedlungsweise. Das deutsche Volksgebiet
greift bes.
in Tirol, aber auch sonst gewöhnl. stark über die Staatsgrenze hinaus.
Bildung:
hochentwickeltes Schulwesen.
Gliederung: Volksschulen, Hauptschulen
(nach dem
4.Volksschuljahr), gewerbl. Fortbildungsschulen, Berufs- und
Fachschulen,
Mittelschulen (svw. höhere Schulen) u.a.; 36 Lehrerbildungsanstalten.
Universitäten in Wien, Innsbruck und Graz, Techn. Hochschulen in Wien
und Graz,
ferner in Wien: Hochschule für Welthandel, für Bodenkultur, Akad. der
bildenden
Künste, für Musik und darstellende Kunst, Tierärztl. Hochschule. In
Leoben
Montanistische Hochschule.
Wirtschaft:
Hauptwirtschaftszweig ist die in
der Nachkriegszeit wesentlich
verbesserte
Landwirtschaft (Steigerung der Erzeugung bes. von Korn, Vieh, Milch und
Milchprodukten), 2,3 Mio. ha Ackerland, 1 Mio. ha Wiesen, 1,35 Mio. ha
Alpenwirtschaft, 0,1 Mio. ha Ost- und Weingärten. vorzügl. Forstwesen
(3,14
Mio. ha Waldungen) und wirtschaftlich bedeutende Alpenjagd. Der Bergbau
(Eisen,
Magnesit) leidet unter Kohlenmangel (Zufuhr, bes. Koks, nötig) trotz
beträchtl.
Wasserkräfte.
Von den Erwerbstätigen gehören
rd. 31,6% z. Landwirtschaft, 29% zu
Industrie
und Gewerbe, 12% zu Handel und Verkehr, 8,2% zu öffentlichen und freien
Berufen. - Um den Haupthandelsplatz, zugleich Zentrum der Mode- und
Luxusartikelherstellung, Wien, konzentrieren sich die wichtigsten
Industrien:
metallwaren-, Leder-, Textilindustrie im Wiener Becken, in den
Nordostalpen und
in Ober-Steiermark Automobilindust., Bierbrauerei, Ziegelei, Papier
usw.,
Eisenindust., Holzverarbeitg. (ebenso in Kärnten) und Textilien (auch
in
Vorarlberg). Unter der Wirtschaftskrise hat Ö. schwer gelitten. Ein-
und
ausfuhr sind bes. unter der Wirkung der unorganischen Balkanaufteilung
durch
die Friedensdiktate sehr zurückgegangen; die finanzielle Abhängigkeit
von den
Siegerstaaten wurde durch hohe Anleihen verstärkt, der Fremdenverkehr
ist
empfindlich zurückgegangen. Haupthandelsländer: Deutsches Reich,
Tschechoslowakei, Ungarn, Polen, Italien. -
Zahlungsmittel: Schilling (S) =
100 Groschen (g) = 0,59 RM Goldparität;
etwa
14% entwertet.
Staat:
Das mehrfach geänderte
Bundesverfassungsgesetz wurde 1.1.1934 durch die
neue
österr. Bundesverfassung des Bundesstaates Ö. ersetzt (239.VO der
Regierung im
Bundesgesetzbl.). Staatsoberhaupt der Bundespräsident (mindestens 35
Jahre alt,
in mittelbarer geheimer Wahl von allen über 2 Jahre alten Bundesbürgern
auf 6
Jahre gewählt); ernennt die Regierung und beruft sie ab. daneben 4
beratende
Körperschaften:
1.Staatsrat (40-50 vom
Bundespräsidenten auf 10 Jahre ernannte
Mitglieder). -
2. Bundeskulturrat (30-40
Mitglieder, aus den Kreisen der Kirche, der
Religionsgemeinschaften, des Schul-, Erziehungs- und
Volksbildungswesens, der
Kunst und Wissenschaft entsandt).
3. Bundeswirtschaftsrat (70-80
Mitgl. aus den wirtschaftl.
Berufsständen).
4. Länderrat (je 2 Mitglieder aus
jedem Land und der
bundesunmittelbaren Stadt
Wien).
Aus diesen 4 Körperschaften
gebildet der beschliessende Bundestag: 20
Mitglieder des Staatsrates, 10 des Bundeskulturrates, 20 des
Bundeswirtschaftsrates, 9 des Länderrates. Gesetzesinitiative allein
bei der
Regierung. -
die Länder (an ihrer Spitze der
Landeshauptmann und sein
Stellvertreter, der
Landesstatthalter) haben eigene Landtage und als Gesamtvertretung den
Länderrat. Die Landtage sind nach Landesgesetzen ständisch aufgebaut.
Die
Bundesregierung hat das Recht, bei gewissen Voraussetzungen im
Verordnungswege
Gesetze zu erlassen; der Bundespräsident kann auf diesem Wege sogar die
Verfassung
ändern. -
Heer:
Söldnerheer mit 12jähr.
Verpflichtung. Gesamtstärke: 1500 Off., 28'500
Mann;
daneben vorläuf. Hilfskorps von 8000 Mann. Einführung der allg.
Wehrpflicht für
1935 geplant.
Geschichte:
Schon in der jüngeren Steinzeit
finden wir in Ö. neben der Kultur des
Donaukreises Ausstrahlungen der nord. Kultur. In der Bronzezeit und
bes. in der
älteren Eisenzeit wurde die Salzburger Gegend (-> Hallstattzeit) zu
einem
wirtschaftl. und kulturellen Zentrum Mitteleuropas. Damals noch
illyrisch, wurde
das ganze österr. Alpengebiet später keltisch, 15 v.Chr. unter Augustus
römisch
(Raetica und Noricum; Bindabona = Wien ist eine röm. Gründung). Im
Verlauf der
Völkerwanderung besiedelten die Bayern Ö., ausgenommen Vorarlberg, wo
sich
Schwaben festsetzten. Karl I. unterstützte im Kampf gegen die Awaren
die
german. Kolonisation. Otto I. machte 956 das heutige Ö. als bayr.
Ostmark zum
deutschen Bollwerk gegen die Ungarn; Otto II. unterstellte Ö. dem
Babenberger
Liutpold als Markgrafen. Für den Verzicht Heinrich Jasomirgotts auf
Bayern
wurde Ö. 1156 zum selbständigen Herzogtum erhoben; 1192 kam die
Steiermark an
Ö. Das wirtschaftliche und kulturelle Leben nahm unter den Babenbergern
ausserordentlichen Aufschwung; die german. Kolonisation wurde mit
Nachdruck fortgesetzt.
Nach dem Aussterben der Babenberger (1246) setzte sich Ottokar von
Böhmen in
den Besitz von Ö.; nach seiner Niederlage auf dem Marchfelde (1278) kam
es mit
Steiermark und Krain an die Söhne Rudolfs von Habsburg.
Albrechts I. Versuch, durch
Angliederung von Böhmen und Thüringen das
Reich von
Ö. aus zu einigen, misslang durch seine Niederlage bei Lucca (1307). Nach seinem Tode erhielten die Luxemburger
(Heinrich VII., Karl IV., Wenzel, Sigismund) und der Wittelsbacher
Ludwig der
Bayer die Führung, die nach Kräften das Hineinwachsen von Ö. ins Reich
hinderten. Mit kaiserl.
Unterstützung lösten sich die Schweizer Eidgenossen von Ö.
(Niederlagen bei
Morgarten 1315 und bei Sempach 1386). Auch wurde Ö. 1356 (Goldene
Bulle) nicht
Kurfürstentum und damit trotz seiner Grösse nicht zum Tragpfeiler des
Reiches
gemacht. Der Erwerb Kärntens und Krains 1335, Tirols 1363 und Triests
1382
bedeutete nur eine Machtsteigerung im Südosten.
1438 erhielten die Habsburger
zwar mit Albrecht II. das Kaisertum; da
sie aber
gleichzeitig Böhmen und Ungarn erbten, richteten sie ihr Hauptinteresse
nunmehr
auf die Angliederung dieser neuen Gebiete. Denn Böhmen und Ungarn
widersetzten
sich unter einheimischen Königen der Einverleibung; die Ungarn
entrissen sogar
Kaiser Friedrich III. Ö., das erst Kaiser Maximilian 1490 wiedergewann.
Dieser
setzte auch die Kräfte seines Landes an der deutschen Westgrenze gegen
Frankreich ein und gewann für da Reich aus dem Burgund. Erbe Karls des
Kühnen
die Niederlande und die Freigrafschaft Burgund zurück. Durch die Heirat
seines
Sohnes Philipp mit der spanischen Prinzessin Johanna wurde Ö. in das
span.-habsburgische Weltreich eingeordnet, bes. unter Karl V. Vor allem
aber
entwuchs es den Interessen des Reiches, da 1526 durch den Tod Ludwigs
II. von
Ungarn (Schlacht bei Mohács) dieses und Böhmen mit Schlesien endgültig
an Ö.
fielen. Damit hörte Ö. auf, ein selbständiges deutsches Land zu sein,
und ging
in -> Österreich-Ungarn auf.
[weiter: siehe Österreich-Ungarn:
350 Jahre zum Teil rassistische
österreichische Kolonialpolitik über den Balkan, ab
1871 deutsch-österreichische Nationalbewegung nach dem
deutschen Sieg gegen Frankreich, die ab dem weltweiten Börsencrash von
1873
aufgrund der bankenfreundlichen Stützungspolitik stark antisemitisch
wird, weil
die anderen Börsenverlierer fast alle leer ausgehen, v.a. die Bauern:
der Boden
für die spätere NSDAP, die Kinderstube von Hitler].
Ö. seit 1918:
Nach dem Zusammenbruch von 1918
hofften die Deutschösterreicher, mit
dem
Deutschen Reiche wieder vereinigt zu werden; die "provis.
Nationalversammlung" erklärte durch das Staatsgrundgesetz vom
12.11.1918
Deutsch-Ö. zu einer demokrat. Republik und gleichzeitig zu einem
Bestandteil
der Deutschen Republik. Der Anschluss
wurde aber durch Art. 88 des Diktates von St-Germain (1919) verboten,
woran
auch die Volksabstimmung in Tirol und Salzburg (Frühjahr 1921) nichts
mehr
ändern konnte. 1919 erfolgte die Ausweisung der Habsburger und die
Abschaffung des Adels. Unter der Vorherrschaft des roten Wien schien Ö.
zusammenzubrechen
(kommunist. Unruhen, Loslösungsversuche in Tirol und Vorarlberg,
Einbruch der
Jugoslawen in Kärnten). Durch das Diktat
von St-Germain gingen Sudetendeutschland, Südtirol, Südsteiermark und
Südostkärnten für Ö. verloren; nur das Burgenland wurde 1921 (mit
Ausnahme
von Ödenburg) gewonnen.
1920 trat Ö. dem Völkerbund bei.
Die Aussenpolitik bestimmte seit 1922
im
wesentlichen Prälat Seipel (Führer der Christlich-sozialen Partei, die
durch
die Wahlen von 1920 zur stärksten Partei geworden war). Die
Bundesverfassung
vom 1.10. 1920 rückte vom roten Zentralismus ab, überliess jedoch Wien
der SPD.
Bundespräsident 1920-28 Hainisch, seither Miklas.
Die wirtschaftl. Schwierigkeiten
zwangen Seipel Oktober 1922 zur
Unterzeichnung
des Genfer Protokolls (langfristige internat. Anleihe, mehrjähr.
Finanzkontrolle des Völkerbundes, Wiederholung des Anschlussverbotes).
Die
Niederbrennung des Justizpalastes in Wien (15.6.1927) und die
Radikalisierung
der SPD (Republikan. Schutzbund) hatten eine Verstärkung der Heimwehren
zur
Folge, auf deren Unterstützung die ständig wechselnden Kabinette
weithin
angewiesen waren. Unter ihrem Druck wurde 1929 die Verfassung im Sinne
einer
Verstärkung der Rechte des Präsidenten abgeändert. Der
Plan einer Zollunion mit dem Deutschen Reich wurde durch den
Widerstand Frankreichs und Italiens verhindert
(->Anschlussfrage). Unter dem christl.-sozialen
Kabinett
Dollfuss (seit Mai 1932) wurde 15. 7. 1932 das Lausanner Protokoll
unterzeichnet, in dem Ö. gegen Gewährung einer unzulänglichen
20jährigen
Anleihe erneut auf finanzielle Selbständigkeit und jede
Anschlusspolitik
verzichtete.
Seit 1930 hatte sich die NSDAP in
Ö. zu einer mächtigen Volksbewegung
entwickelt; aber auch der Marxismus verstärkte seine Stellung, bes. in
Wien.
Zwischen beiden Parteien suchte sich Dollfuss zu behaupten, indem er
sich auf
Heer und Polizei, Heimwehr, die katholische Kirche und die Legitimisten
stützte
(die Christlich-soziale Partei hatte immer mehr an Boden verloren und
ging 1934
in der Vaterländischen Front auf). Gegen den Nationalsozialismus wurde
auf das
schärfste vorgegangen, wodurch sich das Verhältnis zum Deutschen Reich
sehr
fühlbar verschlechterte. Dem Widerstand grosser Teile der Bevölkerung
gegen
seine Politik suchte Dollfuss dadurch zu begegnen, dass er eine
militärische
Diktatur errichtete und die Staatsmacht an die Heimwehren (Führer seit
1930
Fürst Starhemberg) auslieferte, die in eine besoldete
Sicherheitspolizei
umgewandelt wurden (Frühjahr 193 blutige Zerschlagung des Marxismus).
andrerseits
fand er weitestgehende politische und finanzielle Unterstützung bei
Frankreich
und Italien.
Schliesslich kam es 25.7.1934 zu
einem Anschlag einer kleinen Gruppe
gegen das
Bundeskanzleramt, wobei Dollfuss erschossen wurde; die gleichzeitig
ausbrechenden lokalen Aufstände in Steiermark und Kärnten wurden vom
Militär
niedergeworfen. Diese Vorgänge führten, bes. infolge ausländ. Meldungen
über
angebl. Unterstützung der Unruhen durch das Deutsche Reich, zu einer
europ.
Krise (ital. Truppenaufmarsch am Brenner). Der neue Bundeskanzler
Schuschnigg
verhinderte zunächst einen Putschversuch der Heimwehren und sucht
seither mit
Geschick der inneren und äusseren Schwierigkeiten Herr zu werden.
Österreich-Ungarn
(amtlich:
Österreichisch-Ungarische Monarchie), ehemalige Monarchie in
Mitteleuropa,
676'620 km2, 51,4 Mio. E (1910). Lag im wesentlichen im
Donaugebiet
("Donau-Monarchie") und bestand aus 5 grossen Landschaftsgebieten:
Alpen-, Sudeten-, Karpathen-, Karstländer und Ungarisches Tiefland.
Staatsrechtlich 2 Hauptteile: Kaiserreich Österreich (Zisleithanien,
Hauptstadt
Wien) und Königreich Ungarn (Transleithanien, Hauptstadt Budapest);
ferner seit
1878 das "Okkupationsgebiet" Bosnien-Herzegowina (1908 annektiert).
Wegen der klimatischen
Mannigfaltigkeit von Ö.-U., seiner wechselnden,
im
ganzen aber guten Ausstattung mit Bodenschätzen, ferner infolge der
Verschiedenheit seiner Bewohner ergänzten sich die einzelnen Teile des
Staates
vorteilhaft, weshalb die Wirtschaft stark in sich selbst ruhen konnte.
Jedoch führte
Ungarn eine immer selbständigere Wirtschaftspolitik. Im Aussenhandel
stand das
Deutsche Reich weitaus an erster Stelle.
Bevölkerung
nach Sprachen (in %): Deutsche 23
(in Österreich allein 36; kulturell
führen),
Ungarn 20, Tschechen und Slowaken 16, Kroaten und Serben 10,8, Polen
9,8,
Ruthenen 7,8, Rumänen 6,3, Slowenen 2,6, Italiener und Ladiner 1,6.
Bekenntnisse (in %): Kath. 65,9, Unierte 10,6, Evang. 8,9,
Griech.-Orthodoxe
8,7, Juden 4,4, Mohammedaner 1,2.,
Staat:
Zwischen den unter der
Bezeichnung Österreich vereinigten Ländern und
Ungarn
bestand auf Grund der -> Pragmat. Sanktion von 1713 Personal- und
Realunion.
Seit 1804 führte der österr. Monarch den Titel Kaiser von Österreich.
Die
endgültige staatsrechtl. Gestaltung der Donaumonarchie wurde durch den
->
Ausgleich von 1867 geschaffen. Die amtliche Bezeichnung des Monarchen
lautete:
Kaiser von Österreich, König von Böhmen usw. und Apostol. König von
Ungarn. Das
Kaiserreich Österreich (die im Reichstage vertretenen Königreiche und
Länder)
hatte einen Reichsrat (zuletzt 241 Mitgl.), ein Abgeordnetenhaus (516
Mitgl.)
und in den Kronländern Landtage, Statthalter bzw. Landeshauptleute und
selbstverwaltende Landesausschüsse. -
Die Länder der ungarischen Krone
bestanden aus Ungarn und dem nur lose
damit
verbundenen Kroatien-Slawonien. Der ungar. Reichstag, der mit dem König
die
Gesetzgebung ausübte, bestand aus der Magnatentafel (Oberhaus mit 366
Mitgliedern und der Repräsentantenafel (Unterhaus) mit 453 Mitgliedern;
daneben
bestand ein kroatisch-slawonischer Landtag. Beide Staaten hatten volle
Selbständigkeit in inneren Angelegenheiten, Rechtsprechung und
Gesetzgebung,
Gemeinsamkeit in folgendem: Auswärtige Angelegenheiten, Kriegswesen
(Ausnahmen
-> Heer) und die beide Gebiete betreffenden Finanzsachen; in einige
Wirtschaftsangelegenheiten (Zoll, Abgaben, Steuern) bestand teilweise
Selbständigkeit. -
Heer:
Es bestand allg. Wehrpflicht vom
19.-42. Lebensjahr. Nebeneinander gab
es das
gemeinsame k.u.k. Heer (unter dem gemeins. Kriegsminister), die österr.
(k.k.)
Landwehr und die ungarische (k.) Honvéd (unter dem österr. bzw. ung.
Landesverteidigungsminister). Die seit 1897 im Ausbau befindliche
Flotte war
bei Ausbruch des Weltkrieges noch nicht auf der geplanten Höhe.
Geschichte:
Österreich-Ungarn entstand 1526,
als Ferdinand von Österreich (seit
1556
deutscher Kaiser) durch den Tod seines Schwagers -> Ludwig II.
Ungarn und
Böhmen mit Schlesien und Mähren erbte. Ungarn musste jedoch erst den
Türken
entrissen werden, womit Österreich-Ungarn zugleich die Aufgabe ihrer
Abwehr von
Mitteleuropa übernahm. Die Einheit und Kraft des Staates wurde im
16.Jh. unter
den schwachen Kaisern Maximilian II. und Rudolf II. durch Teilungen
gefährdet
und durch die Stände, die gleichzeitig kirchlich-reformator. Ideen
zuneigten
(Majestätsbrief für Böhmen 1609).
Als Kaiser Matthias (1612-19)
seinem streng kath. und absolutistisch
eingestellten Vetter Ferdinand von Steiermark (Ferdinand II., 1619-37)
die
Nachfolge verschaffte, lösten sich 1618 die Böhmen von
Österreich-Ungarn und
wählten Friedrich V. v.d. Pfalz zum König. Ferdinand zwang die Stände
nieder,
rottete den Protestantismus aus und hob nach dem Sieg am Weissen Berge
(1620)
Böhmens Selbständigkeit auf. Danach versuchte Ferdinand, nicht nur ganz
Deutschland dem Katholizismus zurückzugewinnen, sondern auch das ganze
Reich
von Österreich-Böhmen aus durch militärische Mittel (Wallenstein) zu
einigen.
Ferdinand III. (1637-57) liquidierte 1648 im Westfäl. Frieden dieses
vergebliche Unternehmen, und Österreich-Ungarn wendete sich dem Balkan
zu. Zwar
nahm Leopold I. (1658 bis 1705) auch noch die Reichspflichten im Kampf
um den
Rhein gegen Ludwig XIV. wahr, jedoch nur schwach.
Seine ganze Kraft konzentrierte
Österreich-Ungarn auf die Zurückweisung
der
ständig bedrohlicher werdenden Angriffe der Türken. Als diese vor Wien
(1683,
Verteidiger Fürst Starhemberg) verlustreich zurückgeschlagen waren,
folgte die
Eroberung Ungarns: Siege des Markgrafen Ludwig v. Baden bei
Peterwardein 1691
und des Prinzen Eugen von Savoyen bei Zenta 1697. Im Frieden von
Karlowitz 1699
gewann Österreich-Ungarn ganz Ungarn mit Siebenbürgen (ausgenommen das
Banat
von Temesvár).
Es war nunmehr europäische
Grossmacht und konnte als solche entschieden
gegen
Frankreich antreten, als sich ihm durch das Aussterben des spanischen
Königshauses die Aussicht bot, Spanien mit Österreich-Ungarn zu
verbinden
(Span. Erbfolgekrieg 1701-14). Josephs I. Tod (1711) verhinderte zwar
den
vollen Erfolg. Doch erlangte Karl VI.
(1711-0) 1714 im Frieden von Rastatt die span. Niederlande (Belgien);
ausserdem
fasste er in Mittel- und Oberitalien (Mailand) Fuss. Andrerseits liess
er
Lothringen an Frankreich fallen und ermöglichte damit dessen Vordringen
an den
Rhein.
Der Türkenkrieg (1716-18,
Eroberung von Belgrad) brachte
Österreich-Ungarn das
restliche Ungarn ein, dazu Serbien und die Kleine Walachei (die Gebiete
südlich
der Sawe-Donau-Linie musste es 1739 wieder aufgeben). Die Hauptsorge
Karls VI.
galt der Nachfolge seiner Tochter Maria Theresia (1740-80). Obgleich
die europ.
Mächte die -> Pragmatische Sanktion anerkannt hatten, griffen Bayern
und
Frankreich 1740 Österreich-Ungarn an. 1742-45 kam die Kaiserwürde an
Bayern
(Karl VII.). Preussen, dessen inneres Erstarken Österreich-Ungarn nicht
hatte
hindern können, gewann unter Friedrich d.Gr. im 1. und 2. Schles. Krieg
(1740-42) und 1744-45) Schlesien. Im übrigen behauptete Maria Theresia
ihre
Erblande in Österreich (Erbfolgekrieg 1740-48). Zum Dank für seine
Hilfeleistung erhielt Ungarn eine Sonderstellung im Rahmen der
Gesamtmonarchie,
während die anderen Länder zentralistisch von Wien aus regiert wurden.
Trotz der Unterstützung durch
Frankreich und Russland konnte
Österreich-Ungarn
im 7jähr. Krieg (1756-63) Schlesien nicht zurückgewinnen. Preussen
übernahm an
seiner Stelle die Macht an der deutschen Ostgrenze (Dualismus
Preussen-Ö.-U.).
Joseph II. (1765-90) erkannte die Gefahr und wollte deshalb Bayern zur
Stärkung
des deutschen Elements an Ö.-U. angliedern, was aber Friedrich d. Gr.
verhinderte (Bayr. Erbfolgekrieg 1778-79 und Deutscher Fürstenbund
1785). Ö.-U.
erhielt 1779 nur das Innviertel, 1772 durch die 1.pol. Teilung
Galizien. Joseph
suchte nun Ö.-U. zu einem absolutistisch regierten Einheitsstaat
deutschen
Charakters umzuformen. Durch sein Toleranzedikt 1781 und seine
Eingriffe in das
kirchl. Leben (Josephinismus) verfeindete er sich den Klerus. Die
Aufhebung der
Leibeigenschaft und die Reform des Gerichtswesens richteten sich gegen
die
Herrschaft des Adels über die Bauern. Leopold II. (1790 bis 1792) nahm
manche Reform
zurück, weil durch den Widerstand der Nationalitäten Ö.-U.
auseinanderzufallen
drohte; damit scheiterte zugleich der letzte Versuch, den deutschen
Charakter
Österreichs zu wahren.
Der Türkenkrieg 1787-92 verlief
erfolglos. Durch die 3.poln. Teilung
1795
erhielt Ö.-U. Westgalizien mit Krakau. Gleichzeitig entriss ihm
Frankreich 1794
Belgien (1.Koalitionskrieg). 1797 verzichtete es gegen Venetien,
Istrien und
Dalmatien auf Mailand, seinen niederländ. Besitz und den Breisgau und
gab damit
die Macht am Rhein auf. Napoleon I. drängte Ö.-U. immer mehr au
Deutschland
hinaus. Es verlor den 2. und 3. Koalitionskrieg
und trat 1805 (Friede von Pressburg) seine ital. Besitzungen ab, ferner
Tirol,
Vorarlberg, Breisgau und Passau. Franz II. (seit 1792) legte 6.8.1806
die
Kaiserkrone nieder und löste damit die Verbindung mit Deutschland
endgültig.
Die Erhebung 1809 scheiterte nach
dem Siege bei Aspern (Erzherzog Karl)
durch
die Niederlage bei Wagram. Im Frieden zu Wien gab Ö.-U. das 1805
gewonnene
Salzburg, Galizien und alle Gebiete südlich der Sawe auf und fügte sich
der
frz. Vormachtstellung. Der neue Regierungschef Metternich gab auch die
Tiroler
Freiheitskämpfer unter Andreas Hofer preis. Die Teilnahme am
Befreiungskrieg
gegen Napoleon seit August 1813 erfolgte aus dynast. Gründen, u. der
Wiener
Kongress erfüllte dann alle Habsburg. Wünsche: Ö.-U. erhielt die
Lombardei und
Venetien, Salzburg und Tirol mit Vorarlberg, Galizien (Krakau 1846),
Istrien
und Dalmatien. Die Macht am Rhein überliess es Preussen, setzte jedoch
über den
Deutschen Bund in Deutschland seinen Willen durch und im Bunde mit
Russland und
Preussen (Heilige Allianz) bis 1830 auch in Europa.
Der Mai-Aufstand 1848 in Wien
erzwang die Einberufung eines
Reichstages, und
die letzte Stunde schien für Österreich-Ungarn gekommen, da sich alle
Nationalitäten für ihre Selbständigkeit einsetzten (die
Deutsch-Österreicher
für die Errichtung eines Deutschen Reiches [Frankfurter
Nationalversammlung],
die Italiener für ihre Vereinigung mit dem Kgr. Sardinien). Fürst
Windischgrätz
unterdrückte im Juni die tschech. Erhebung in Prag und eroberte mit
kroat.
Hilfe am 31.10.1848 Wien. In Oberitalien siegte Radetzky Juli 1948 bei
Custozza
und März 1849 bei Novarra. Ferdinand I. dankte am 2.12.1848 ab; ihm
folgte
Franz Joseph, der März 1849 eine Gesamtverfassung erliess, die jedoch
niemals
in Kraft trat. Die Ungarn unter Kossuth erklärten nun das Haus Habsburg
für
abgesetzt und konnten erst mit russ. Hilfe niedergezwungen werden. Die
österr.
Abgeordneten verliessen das Frankfurter Parlament, und Ö.-U. trat sogar
den
preuss. Unionsbestrebungen in Norddeutschland entgegen.
Durch di -> Olmützer
Punktationen (1850) zwang Fürst Schwarzenberg
mit russ.
Hilfe Preussen zum Nachgeben, und Ö.-U. wurde wieder absolutistisch
regiert (Minister
Bach). 1859 unterlag es den Franzosen und Sardiniern bei Magenta und
Solferina
und musste im Züricher Frieden die Lombardei abtreten. Neue
Verfassungsversuche
(Oktoberdiplom, Februarverfassung) scheiterten am
Nationalitätenproblem.
Durch Bismarck wurde Ö.-U. 1864
in den Krieg mit Dänemark hineingezogen
und
1866 zum kriege mit Preussen um die Vorherrschaft in Deutschland
gezwungen
(Niederlage bei Königgrätz, 3.7.1866; Waffenstillstand von Nikolsburg).
In
Italien siegten die Österreicher bei Custozza, mussten aber Venetien
abtreten,
und Ö.-U. schied aus Deutschland aus (Friede zu Prag). Franz Joseph sah
sich
nun gezwungen, den demokrat. Wünschen der Bevölkerung entgegenzukommen,
vor
allem den Ungarn ihre 1849 verlorenen Rechte zurückzugeben (->
Ausgleich).
Ziel war dabei, dass in Ungarn die Magyaren, in Österreich die
Deutschen
herrschen sollten. Die Ungarn
behaupteten auch ihre Herrenstellung gegenüber den Slawen, breiteten
ihr
Volkstum sogar aus (Magyarisierung Siebenbürgens), sicherten sich
auch starken
Einfluss auf die Gesamtpolitik (siehe Ungarn [Geschichte]).
In Österreich aber ging die
anfangs deutsche Vorherrschaft (Ministerium
Auersperg 1871-78) verloren, da die Slawen, bes. die Tschechen, das
Deutschtum
aufs heftigste bekämpften. Die Regierung machte ihnen dauernd
Zugeständnisse,
um den Reichsrat arbeitsfähig zu erhalten und Österreich nicht
auseinanderfallen zu lassen (Ministerium Taaffe 1879-93). Die deutsche
Sprache
wurde zugunsten der tschech. zurückgedrängt und in Prag eine tschech.
Universität
errichtet.
1873 hatte Bismarck mit Ö.-U. und
Russland das Dreikaiserbündnis
abgeschlossen,
das jedoch 1878 zerbrach (Berliner Kongress), 1879 durch das
deutsch-österr.
Bündnis ersetzt und durch den Beitritt Italiens 1882 zum Dreibund
erweitert
wurde. Rumänien und England lehnten sich zeitweise an.
Im Innern steigerte sich der
Nationalitätenkampf von Jahr zu Jahr
[unter
Forcierung von Schönerer und Lueger, mit dem Frust des Börsencrash von
1773 im
Rücken]. Der Erlass der deutschfeindlichen Sprachverordnungen Badenis
(1897)
rief die Obstruktion der Deutschen, ihre Zurücknahme die der Tschechen
hervor.
Die Einführung des allgem. Wahlrechts (1907) beschleunigte den Zerfall.
Für
Habsburg trat bloss die -> Christl.-soziale Partei ein. Die
Alldeutschen
(->Deutschvölkisch) erstrebten den Anschluss an das Reich, die
Südslawen
liessen sich für die grossserb. Idee gewinnen, die Rumänen drängten
nach
Rumänien, die Italiener nach Italien.
Die Balkankrisen 1908
(Einverleibung von Bosnien und der Herzegowina)
und 1912
bis 1913 überstand Ö.-U. nur dank der "Nibelungentreue" des Reichs.
Die Sorge, alle Autorität gegenüber den slaw. Völkern zu verlieren,
veranlasste
Ö.-U. nach der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand (28.6.1914),
gegenüber
Serbien seine Kraft zu bekunden. Der
Weltkrieg selbst brach ohne Ö.-U.s Willen aus; der russ.-österr.
Gegensatz
auf dem Balkan war jedoch ein Hauptgrund.
[1.Weltkrieg: siehe andere Literatur].