Kontakt / contact       Hauptseite / page
                  principale / pagina principal / home         zurück / retour /
                  indietro / atrás / back
zurückvoriges     nächstesnächstes Kapitel

Islam-Chronologie: 5. Ägypten unter Osmanen und England 1517-1918 -

Der Suezkanal von England und Frankreich 1868 -

Syrien, Palästina und Mesopotamien unter den Osmanen 1517-1918


von Michael Palomino (2000 / 2005 / 2010)

Teilen / share:

Facebook







aus: Ulrich Haarmann Hg.: "Geschichte der arabischen Welt"; C.H.Beck-Verlag, München 1987

Unter Mitwirkung von Ulrich Haarmann: Einleitung (S.9f.)
-- Albrecht Noth: Früher Islam (S.11-100)
-- Tilman Nagel: Das Kalifat der Abbasiden (S.101-165)
-- Heinz Halm: Die Fatimiden (S.166-199)
-- Heinz Halm: Die Ayyubiden (S.200-216)
-- Ulrich Haarmann: Der arabische Osten im späten Mittelalter 1250-1517 (S.217-263)
-- Hans-Rudolf Singer: Der Maghreb und die Pyrenäenhalbinsel bis zum Ausgang des Mittelalters (S.264-322)
-- Barbara Kellner-Heinkele: Der arabische Osten unter osmanischer Herrschaft 1517-1800 (S.323-364)
-- Alexander Schölch: Der arabische Osten im neunzehnten Jahrhundert 1800-1914 (S.365-431)
-- Helmut Mejcher: Der arabische Osten im zwanzigsten Jahrhundert 1914-1985 (S.432-501)
-- Peter von Sivers: Nordafrika in der Neuzeit (S.502-592)



Chronologie

Osmanischer Sieg gegen Ägypten mittels Feuerwaffen - Beibehaltung des Mamlukensystems - Aufstände bis 1525 - planmässige Deportationen der Intelligenz nach Konstantinopel - Regimenter der Janitscharen und ‘Azaban - Derwischorden und Stammesgruppen - Kataster - Korps der Cavus und Tscherkessen - Steuersystem ohne Lehen - "Stiftungen"

Zusammenfassung
Mittels der neuen Feuerwaffen kann die osmanische Armee die ägyptischen Truppen in Syrien, Palästina und Kairo innert kurzer Zeit besiegen. Nach der Auflösung des ägyptischen Kalifats behält die osmanische Herrschaft das Mamlukensystem in Ägypten bei. Aufstände müssen bis 1525 niedergeschlagen werden. Gleichzeitig bedient sich die osmanische Herrschaft des geistigen Raubes, indem die Intelligenz und die besten Handwerker der eroberten Gebiete nach Konstantinopel deportiert werden, um dort ein neues "geistiges und künstlerisches Zentrum" zu bilden. Dadurch wächst die Gegenwehr im Volk. Währenddessen läuft die osmanische Expansion jedoch weiter bis zur Cyrenaika und Algier, das der spanischen Herrschaft entrissen wird. In Ägypten etablieren sich die militärischen Strukturen der Regimenter der Janitscharen und der ‘Azaban, später auch der Cavus- und Tscherkessen-Regimenter, um die Bevölkerung im Zaum zu halten. Die Stammesgruppen um Bakr und ‘Ali konkurrieren um die Macht, und Derwischorden haben als geistige Zuflucht beim Volk grossen Zulauf. Mit der Schaffung eines Katasters und eines neuen Steuersystems sowie der Gründung von "Stiftungen" des Sultans zur Bautätigkeit kann sich die neue osmanische Macht in Ägypten entscheidend ausbreiten.

Chronologie

1514
Konstantinopel-Persien: Sieg der osmanischen Truppen über den Safawidenschah Isma ‘il von Persien
aus osmanischer Sicht ein "Ketzer" (S.251).

Konstantinopel-Ägypten: Vorgehen gegen Portugal am Roten Meer
Gemeinsamer Feldzug von Osmanen und Mamluken gegen portugiesische Besetzungen am Roten Meer (S.251).

Ägypten: Erneute Revolte der Mamluken gegen die Feuerwaffe
Die Einführung einer Truppe von Arkebusieren in der ägyptischen Armee scheitert erneut an einer Revolte (S.252).

1516-1517
Syrien, Palästina, Ägypten und Hedschas werden osmanisch besetzt
(S.323)

1516-1517: 24.8.1516
Osmanische Eroberung Syriens
(S.246) unter Sultan Selim (S.251). Osmanischer Sieg bei Marg Dabiq in Nordsyrien gegen das ägyptische Heer unter Sultan Qansawh al-Gawri, durch Hochverrat des mamlukischen Gouverneurs von Aleppo (S.252).

Ende Aug 1516
Ägypten: Tod von Sultan Qansawh al-Gawri durch Herzschlag - Nachfolger: Neffe Tuman Bay
Der letzte Sultan Tuman Bay kommt vom Amt des Schreibsekretärs (S.232).

Ende 1516
Ägypten: das letzte Aufgebot gegen die Osmanen
Sultan Tuman Bay stellt das letzte Aufgebot an Mamluken gegen das gut ausgerüstete, mit Feuerwaffen bestückte, osmanische Heer zusammen (S.252).

23.1.1517
Ägyptische Niederlage gegen das osmanische Heer - Ermordung von Sultan Tuman Bay
Ägypten scheitert am mamlukischen Reiterstolz. Besetzung von Kairo und Hängung von Sultan Tuman Bay im Bab Zuwayla (S.252).

Feb 1517 ca.
Kairo: Kalifentführung und "spurloses Verschwinden"
Der Kairoer Kalif al-Mutawakkil III. wird nach dem Fall Kairos vom osmanischen Eroberer Selim nach Konstantinopel gebracht, wo "sich seine Spur verliert" (S.231).

ab Feb 1517
Ägypten verklärt Sultan Tuman Bay - getrennte Provinzen Syrien und Ägypten
Die Bevölkerung Ägyptens ehrt Tuman Bay noch jahrelang. Ägypten und Syrien werden fortan als getrennte Provinzen türkisch verwaltet. Türken und Tscherkessen behalten aber ihre Elitepositionen in Ägypten weiter (S.252).

1517
Ägypten: Fremd beherrscht und funktionell passiv

Fortsetzung der Ausbildung der anwesenden mamlukischen Sklaven - unbeugsame Hawware-Beduinen
Ägypten wird ab der osmanischen Besetzung nicht nur von fremden Soldaten beherrscht, sondern die Hauptstadt Kairo wird funktionell zudem zu einem Nichts (S.325-326).

Die Osmanen übernehmen eine Grosszahl der bisherigen Militärs und Verwaltungsbeamten in ihren Dienst (S.326).

Kairo hat zur Zeit der osmanischen Besetzung ca. 150’000 Einwohner, ca. 450 Hektar bebaute Fläche (S.337).

Die Ausbildung der anwesenden mamlukischen Sklaven geht weiter. Die Chefs von "neo-mamlukischen" Haushalten können Freigelassene "Beys", osmanische oder einheimische Militär- und Zivilpersonen sein.
Die Beys haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Osmanen. Die osmanischen Offiziere und Administratoren wechseln "ständig", die Beys aber können sich eine Hausmacht aufbauen und werden als Bündnispartner anerkannt (S.335).

Die Position der Hawwara-Beduinen muss Sultan Selim I. anerkennen (S.330).

Feb 1517 ca.
Kairo: Sultan Selim I. ordnet eine neue Landaufnahme/Kataster in Ägypten an
(S.326)

Herbst 1517 ca.
Ägypten: Rückmarsch der osmanischen Hauptarmee
(S.326)

1517-1525 ca.
Ägypten: Aufstände und osmanische Feldzüge und Expansion - Übergriffe zwecks Bereicherung
Osmanische Truppen müssen im grossen Ägypten den Widerstand versprengter Mamlukeneinheiten überwinden, auch in entlegenen Gegenden des Nildeltas (S.329) oder in Oberägypten. Ebenso machen die Beduinen "grosse Schwierigkeiten" (S.330).

Sultan Selim lässt zwei berittene Abteilungen der Freiwilligen/Gönüllüyan und Flintenschützen/Tüfenkciyan die Ausweitung seiner Herrschaft in Ägypten besorgen. Die beiden Einheiten sollen die Steuereintreibung und die Polizei in seinem Sinn einrichten. Dabei sind sie aber niedrig bezahlt und haben nur niedrigen Status. Die zwei Korps der Freiwilligen/Gönüllüyan und Flintenschützen/Tüfenkciyan begehen jedwelche Übergriffe, um an mehr "Lohn" zu kommen (S.329).

In der Folge sind die ersten osmanischen Jahre in Ägypten bis 1525 "unruhige erste Jahre" (S.332). 

ab 1517
Osmanisches Imperium unter Selim I.

Vorherrschaft in der islamischen Welt - geistiger Kahlschlag in den besetzten Ländern durch Bücherraub und Deportationen - zentrifugale Kräfte im Grossreich
Das osmanische Imperium wird zum bedeutendsten Imperium der islamischen Welt. Der Titel "Diener der zwei heiligen Stätten"/hadim al-haramayn geht vom Mamlukensultan auf den Grossherrn in Konstantinopel über.

-- Selim I. erhält vom Sohn des Scherifs von Mekka die Schlüssel des Ka ‘ba-Heiligtums überreicht

-- Selim I. bestätigt dafür den Scherif in seiner Position und übernimmt den Schutz der Karawanen, Pilgerwege und Heiligtümer sowie den Unterhalt der dortigen Bevölkerung auf Kosten Ägyptens (S.333)

-- Selim I. lässt die besetzten arabischen Länder geistig ausbeuten:
oo Bücherschätze Ägyptens und Syriens werden nach Konstantinopel transportiert, wo sie noch heute stehen
oo Deportation von 100en von Gelehrten, Künstlern und Handwerkern nach Konstantinopel (S.335).

Ägypten: Intrigen der Inhaber der höchsten Reichsämter sind üblich (S.332).

Osmanisches Reich: zentrifugal-separatistische Kräfte
-- im Innern des osmanischen Reiches herrschen unberechenbare zentrifugale Kräfte, die nur mit rigiden Massnahmen unterdrückt werden können.

-- einendes Element ist die arabische Sprache neben den lokal verwurzelten Sprachen wie Syrisch, Türkisch, Armenisch, Kurdisch, Persisch. Gleichsam einigendes Element ist der Islam in seinen verschiedenen Dimensionen

-- Gesellschaftsformen, Ökonomie und Ethnien im osmanischen Reich sind aber sehr verschieden und werden von der osmanischen Herrschaft nur wenig eingeschränkt

-- Konstantinopel wird wirtschaftlicher und geistiger Mittelpunkt und regiert nach Leitlinie, die sich für das türkische Reich bisher bewährt haben. Militärgouverneure, oberste Richter und Verwaltungsbeamte aus Konstantinopel sind alle einheitlich ausgebildet (S.323) und haben den Auftrag, überall im Imperium in gleicher Weise zu urteilen und zu handeln (S.325).

Ägypten: Rechtssprechung, Recht und Struktur des Justizapparats
-- Rechtssprechung nach dem religiösen Gesetz/scharia nach hanafitischem Ritus (S.338)

oo mit Beratern der drei anderen Rechtsschulen von Fall zu Fall (S.338-339)

oo mit nichtreligiösen Vorschriften/qanun des Sultan, zusammengefasst im Buch "Reichsgesetze": Gewohnheitsrecht, Präzedenzfälle oder auch Übernahme von regional verschiedenem Recht (S.339).

-- der Richter von Kairo ist oberster Richter/qadi-’askar, vom Staat bezahlt, entsandt auf Vorschlag des Oberhauptes der osmanischen Richterschaft in Konstantinopel/mufti für jeweils ein Jahr, ist gleichzeitig Mitglied der Gouverneursversammlung/divan

-- der "Richter von Kairo" gehört in die Reihe der prominentesten Richter des Reiches neben den Heeresrichtern von Rumeli und Anatolien, neben den Richtern von Konstantinopel, Mekka/Medina, Bursa und Edirne

-- die 24 Distrikte Ägyptens sind in 37 Gerichtsdistrikte/qada’ mit Gerichtshof unter Vorsitz eines aus Konstantinopel entsandten Richters/qadi unterteilt, finanziert von den Gerichtsgebühren
-- Richter überwachen auch das öffentliche Leben und verwalten oft Stiftungen, für sie ein lukrativer Nebenverdienst

-- Muslime, Nichtmuslime, Männer und Frauen können gleichsam Zeugen und Kläger sein (S.339)

-- die Osmanen deklassieren alle Hauptstädte der Staaten, die sie besetzen und ordnen die Ökonomien und Handelsstädte den Bedürfnissen des Gesamtreiches unter (S.329).(S.325)

Aufschwung im osmanischen Reich - Architekturentwicklung in Ägypten
-- in Aleppo, Basra und Mekka, u.a. bis Ende 18. Jh.
-- Baustil: osmanisch-imperialer Baustil mit mamlukischen Dekorelementen (S.329).

ab 1517
Ägypten: Militärstruktur zum "Schutz" Ägyptens - Pilgerfahrt
Sultan Selim I. belässt zwei Infanteriekorps/ogaq unter Leitung des Gouverneurs und der Ratsversammlung/diwan in Ägypten:

-- Janitscharen/mustahfizan als Wächter Kairos, der Zitadelle und der Residenz des Gouverneurs, angesehen und gut bezahlt

--‘Azaban, sg. ‘Azab, zur Bewachung der Zugänge zur Zitadelle in Kairo und auf Provinzfestungen sowie für Patrouillenboote auf dem Nil (S.329)

-- Konstantinopel hält eine Rotmeerflotte mit Sitz in Suez (S.358).

Die Pilgerfahrt nach Mekka und Medina verläuft ohne Zwischenfälle unter "osmanischem Schutz" (S.333).

ab 1518
Ägypten: Rivalisierende Stammesgruppen: Gruppe um al-Bakri - Derwischorden - Gruppe um as-Sadat
Die Gruppe um al-Bakri ist die Gruppe von Leuten, die ihre Abstammung auf Abu Bakr (632-634) zurückführen, mit Sayh al-Bakri als Sprecher.

Gleichzeitig ist der Sayh al-Bakri/Ältester der al-Bakri der Chef der Derwischorden Ägyptens, die aus allen Schichten Zulauf haben. Der Sayh al-Bakri wird praktisch zu einem einheimischen Führer (S.341).

Religiöse Feste mit Derwischbeteiligung sind
-- Geburt des Propheten
-- Geburt anderer Heiliger
-- Aufbruch zur Pilgerfahrt
-- Begrüssung der heimkehrenden Pilgerkarawane (S.333).

Dementsprechend wächst ihre sozialpolitische Bedeutung in der Gesellschaft (S.341) und erlebt einen Aufschwung, der vor allem von der mittleren und einfachen Bevölkerung getragen wird. Die Derwischbewegung/Sufi-Orden kann sich bis ins 20. Jh. halten (S.333).

In der Folge werden in Kairo verstärkt Klöster und Klausen für Derwische gebaut. Die Ordensscheiche geniessen ein nie dagewesenes hohes Ansehen (S.333).

Die Glaubensgruppe um as-Sadat ist die Gruppe von Leuten, die ihre Abstammung auf den Kalifen ‘Ali, den Schwiegersohn des Propheten, zurückführen. Führer ist Sayh as-Sadat/Ältester der as-Sadat (S.341).

ab 1518
Ägypten: keine Förderung von Philosophie oder Gelehrtentum
weil der Schwerpunkt durch die Deportationen der Intelligenz nach Konstantinopel "verlagert" ist (S.335).

1519
Algier osmanisch besetzt(S.324)

1520 ca.
Ägypten: Vorbereitung von Revolten gegen die osmanische Besetzer
(S.326)

1520-1566
Konstantinopel: Sultan Süleyman "der Prächtige"
(S.326); Sultan Süleyman I. "der Prächtige"
-- ist für die Osmanen "der Gesetzgeber"/ Qanuni (S.331)
-- ist 1520-1533 Statthalter (S.328).

ab 1520
Konstantinopel: Sultan Süleyman Qanuni: weitere Deportationen der arabischen Intelligenz nach Konstantinopel
Auch Sultan Süleyman Qanuni lässt die Gelehrten, Künstler und besten Handwerker der in seinen Feldzügen in Mesopotamien und Persien besetzten Länder nach Konstantinopel deportieren. In Konstantinopel findet eine importierte Blüte statt, gemischt aus allen Provinzen des osmanischen Imperiums (S.335)).

1521
Cyrenaika osmanisch besetzt
(S.324)

1522
Ägypten: Revolten
der Mamlukenemire Ganim und Inal, werden niedergeschlagen (S.326).

1523
Ägypten: Die neue Kataster- und Steuerübersicht für Unterägypten und Teile Oberägyptens ist abgeschlossen
(S.326)

1524
Ägypten: Revolte des osmanischen Gouverneurs Ahmed Pisa, wird niedergeschlagen
Erst jetzt ist in Ägypten jede Gefahr für die osmanischen Besetzer beseitigt (S.326).

1524-1525
Ägypten: Gründung des Korps der Cavus und Bildung des Korps der Cerakise/Tscherkessen
Cavus-Korps: berittene Soldaten und Fusssoldaten, aus ehemaligen Mamluken als Sendboten für Dekrete u.a., mit bestimmten Privilegien und Einkünften.

Cerakise/Tscherkessen-Korps: Bildung deswegen, um die Übergriffe der Freiwilligen/Gonüllüyan und der Flintenschützen/ Tüfenkciyan in den Griff zu bekommen. Das Gehalt für die Freiwilligen und Flintenschützen wird dabei nicht erhöht, und die Cerakise bekommen ebenso niedrigen Sold und Status (S.329).

1525
Konstantinopel: Erlass von Sultan Süleyman zu Steuersystem und Stiftungen
Er verfasst ein Buch zu den Prinzipien der osmanischen Administration als Gesetzessammlung/qanun-name, vor allem mit
-- Bestimmungen zum Steuersystem-- Organisation der frommen Stiftungen/waqf, osm. vaqif.

Das Buch bildet die Richtschnur für die Arbeit von türkischen Kommissionen in Ägypten, die das Land regelmässig bereisen, zur neuen Feststellung von
-- Steueraufkommen
-- Besitzverhältnisse
-- Bevölkerungsverteilung
-- Art der Bodennutzung (S.326) [was durch den wechselnden Nil auf dauernd notwendig ist].

Stiftungseinrichtungen unter den Osmanen sind Moscheen, Schulen, Brunnen, aber auch Mühlen, Wasserräder und Bewässerungskanäle (S.340).

ab 1525
Konstantinopel: Steuersystem
-- der ganze Reichsboden gehört dem Sultan/miri
-- kleinere Lehen können als Sold, Lohn und Gehalt in Parzellen/muqata ‘a abgegeben werden
-- in Europa, Anatolien und Teilen Syriens werden Lehen/timar/zu ‘amet/hass ohne Vererbung vergeben, vor allem für die osmanische berittene Militärelite/sipahi. In Ägypten werden diese Lehen nicht gewährt, die Gründe sind unbekannt (S.326).

Landwirtschaftsbesteuerung erfolgt in "emanet": Einzug durch Reichsbeamte/emin und Weiterleitung an den ägyptischen Staatsschatz nach Kairo bei festem Gehalt des Reichsbeamten unabhängig von den Steuereinnahmen, und durch die "vaqif"/frommen Stiftungen: Abgabe für religiöse oder soziale Einrichtungen oder deren Personal: Moschee, Medrese, Derwischklöster, Armenküchen, Brunnen u.a., v.a. auch nach Mekka und Medina (S.327).

ab 1525
Ägypten: Konsolidierung der osmanischen Herrschaft
und Belebung des städtischen und dörflichen Lebens. Ägypten ist für Osmanen oft noch eine "exotische Welt" gegenüber dem, was sie bisher auf Feldzügen gesehen haben (S.332).

Schichtung der Bevölkerung Ägyptens
-- Mittelschicht: Kaufleute, Handwerker, privilegierte Lehrer wie Professoren, Ordensscheiche und Prophetennachkommen
-- die Masse der Habenichtse: Strassenverkäufer, Wasserträger, Eseltreiber, Unterhalter, Bauern, Beduinen, Gerichtsschreiber, Lehrer der unteren Stufe wie Vorbeter, Prediger Koranschullehrer (S.340).


Ghettostadt Kairo - Moscheen als Bildungszentrum - osmanische Besetzung Mesopotamiens und des Jemen - Kaffee als neuer Trend - osmanische Besetzung bis Tripolitanien - Müteferriqa-Korps - Krieg mit Äthiopien - osmanische Totalbesetzung Nordafrikas - Bey-Herrschaft in Ägypten - Libanons Maroniten mit Beziehungen zum Vatikan - osmanische Kooperation mit Äthiopien - Verfall der osmanischen Macht durch Korruption - aufkommende Janitscharen mit Schutzgelderpressung

Zusammenfassung
Kairo wird neu als Ghettostadt organisiert. Jede Glaubensgruppe oder Berufsgattung bekommt "ihr" Quartier, das mit Mauern umschlossen ist. Die Moscheen von Kairo werden weit über das Land hinaus wirkende Bildungszentren. Währenddessen geht die osmanische Besetzungseuphorie weiter mit gleichzeitiger Eroberung Mesopotamiens, der Küsten des Roten Meeres und Nordafrikas. Die aufkommenden Beys machen den osmanischen Gouverneuren dabei mehr und mehr die Macht streitig, und Korruption wird die Ursache des beginnenden osmanischen Machtverfalls. Die Janitscharen beginnen ein Schutzgelderpressungssystem in der Zeit des Kaffeebooms, wogegen die osmanischen Gouverneure nichts unternehmen können. Libanons Maroniten pflegen unbemerkt eine abweichende Beziehung zum Vatikan.

ab 1530 ca.
Kairo: Gliederung der Stadtbevölkerung - ummauerte und offene Stadtviertel
Gliederung der Bevölkerung nach Stadtvierteln, Berufsgilden, Religion und "Volkszugehörigkeit". Jedes Stadtviertel ist einer Verwaltung mit einem Ältesten/sayh unterstellt, der die Aufgabe zur Schlichtung und Vermittlung zwischen Staatsführung und Volk hat.

Alle Stadtviertel sind von Mauern umgeben mit Toren, die in der Nacht geschlossen werden, mit Tendenz zur religiösen, ethnischen und beruflichen "Homogenität". Es kommt zur Bildung extremer "Ausländerviertel", Christen- und Judenvierteln, wie aber auch zu gemischten Quartieren.

Berufsvereinigungen sind oft ethnisch gemischt. Zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen besteht keine Gleichberechtigung (S.341), aber auch keine Verfolgung (S.342).

ab 1530 ca.
Kairo: Moschee al-Azhar wird Bildungszentrum
Die Moschee al-Azhar wird in zunehmender Weise zum Zentrum intellektuellen und spirituellen Zusammenlebens. Es entsteht eine eigene soziale Einheit mit 100en von Gelehrten und 1000en von Studenten. Die Institution der al-Azhar-Moschee bietet Unterricht, Unterkunft, Verpflegung, Zuflucht, geistige Führung, Gebet und sozialen Kontakt (S.340).

Die Moschee-Einrichtung wird von vielen religiösen Stiftungen finanziert. Sie ist ein moralisches Gegengewicht gegen die osmanische und spätere neomamlukische korrupte Elite (S.341).

1534
Mesopotamien osmanische besetzt
(S.324)

1535-1536
Kairo: Statthalter Hüsrev Pascha
mit Stiftung eines Brunnenhauses/Sabil-kuttab (S.328).

1538-1549
Kairo: Statthalter Davud Pascha [kein Druckfehler!]
(S.328)

1538-1635
Osmanische Besetzung von jemenitischen Küstenstationen - Kampf gegen den jemenitischen Imam
Erworbene Küstenstationen werden zu osmanischen Provinzen erklärt.
Der zaiditische Imam des Jemen verschanzt sich mit seinen Kämpfern im Hochland und in Sanaa/San ‘a (S.331).

1541
Kairo/Bautätigkeit: Brunnenhaus von Süleyman Pascha fertiggestellt
(S.328)

1546
Jemen: Osmanische Besetzung von Sanaa
Besetzung des Jemen unter Özdemür Pascha, Fall von Sanaa. Der zaiditische Imam kämpft in den Bergen weiter (S.331). Die Eroberung des Jemen wird hauptsächlich von der osmanischen Rotmeerflotte mit Sitz in Suez getragen (S.358).

1548
Kairo/Bautätigkeit: Moschee des Statthalters Davud Pascha fertiggestellt
(S.328)

um 1550
Nubien: Osmanische Besetzung von Unternubien zwischen dem ersten und zweiten Katarakt
-- heute zum Teil im Assuan-Stausee verschwundene Landschaft
-- südlichster Punkt der osmanischen Heerrschaft Ägyptens ist Wadi Halfa, heute Nord-Sudan (S.330).

ab 1550
Das osmanische Imperium als wirtschaftliche Sicherheit - Kaffeegenuss im ganzen Reich - Bildungszentrum Moschee al-Azhar - Architektur
Das osmanische Imperium kann Grenzen beseitigen, Handelswege sichern, neue Märkte öffnen und den Binnenhandel intensivieren.

Kaffee breitet sich als Genussgetränk im ganzen osmanischen Reich aus und wird zum "Volksvergnügen". Bedenken von Theologen oder Sittenpolizei haben keine Wirkung (S.336).

Kairo: Moschee al-Azhar: Die Ausstrahlungskraft der Moschee reicht weit über Ägypten hinaus. Die Moschee ist Treffpunkt für Studenten aus Hedschas, Syrien, Nordafrika und Sudan. Die Studenten sind in Kollegien nach Herkunftsländern untergebracht (S.341).

Der osmanisch-imperiale Baustil entwickelt in dieser Zeit seinen "Höhepunkt" (S.329).

1551
Tripolitanien osmanisch besetzt
(S.324)

1552
Jemen: Beginnende "Rückeroberung"
-- der zaiditische Imam unterwirft sich der osmanischen Oberherrschaft.
-- ausbleibender Nachschub untergräbt eine wirksame osmanische Politik, so dass in Jemen bald
die "Rückeroberung" gegen die Osmanen beginnen kann (S.331).

1553-1566
Kairo: Süleyman Pascha als Statthalter
(S.328)

1554-1555
Ägypten: Gründung des Korps der Müteferriqa: Fusssoldaten
bestehend aus ehemaligen Mamluken. Die Müteferriqa wird die meistprivilegierteste und bestbezahlte Truppe in Ägypten (S.329).

1555
Osmanische Besetzung der Westküste des Roten Meeres
unter Özdemür Pascha (gest. 1560) von Suakin/Sawakin an der Westküste des Roten Meeres bis zum Bab al-Mandab mit Südgrenze des heutigen Eritrea, des Habes (heute Südküste Eritreas), wegen Handelsinteresse am Roten Meer (S.330)

ab 1555 ca.
Jemen: Rebellion des zaiditischen Imam und der Stammesführer des jemenitischen Hochlandes
(S.331)

1557 ca.
Äthiopien: Krieg zwischen osmanischen Habes-Truppen und Truppen der christlichen Könige von Äthiopien
(S.331)

1560
Konstantinopel: Tod von Özdemür Pascha
(S.330)

3.Viertel des 16. Jh./ ab 1560 ca.
Osmanische Besetzung in Nordafrika ist abgeschlossen.
(S.330)

1566
Konstantinopel: Tod von Sultan Süleyman
(S.331)

ab 1566
Osmanisches Reich: Niedergang
Ab dem Tod von Sultan Süleyman beginnt der Niedergang der osmanischen Macht (S.331), was diverse Ursachen hat:

-- Inflation ab Ende des 16. Jh. wie in allen Mittelmeerländern bei gleichbleibendem Sold für sämtliche Ränge der osmanischen Armee

-- die hohen osmanischen Militärs beginnen, nach neuen Einnahmequellen zu "greifen", werden korrupt und haben falsche Vorstellungen von den Kriegsgegnern, so dass zusätzlich auch die Kriegswirtschaft wegen ausbleibender Beute zusammenbricht

-- mit zusammenbrechender Struktur beginnt Landflucht, Bandenwesen, Verfall der Feudalstrukturen und Aufstände gegen die korrupten Militärs

-- der Kolonialismus Europas und die überseeischen Besetzungen der europäischen Staaten lassen die Türkei "alt aussehen", so dass der Machtverfall noch schlimmer empfunden wird, als er tatsächlich ist (S.332).

1567-1568
Kairo: Statthalter Sinan Pascha
(S.328)

1568
Kairo: Bericht des osmanischen Historikers Mustafa ‘Ali über Kairo. Begeisterung über die osmanische Disziplin und die Einrichtungen
(S.332)

Jemen: Osmanisch besetzte Teile schmelzen auf einen kleinen Küstenstreifen zusammen, die Tihama
(S.331)

1569-1570
Jemen: Osmanische Offensive unter dem ägyptischen Statthalter
(S.331)

ab 1570 ca.
Ägypten: stetig wachsende Korruption und Niedergang
-- Verarmung der Landbevölkerung
-- energische "Gegenmassnahmen" des Gouverneurs nützen nichts
-- der Niedergang der osmanischen Autorität ist nicht zu stoppen (S.335).

1571-1573
Ägypten: Gouverneur: der frühere Statthalter Sinan Pascha
(S.328)

1571
Kairo/Bautätigkeit: Moschee des Statthalters Sinan Pascha fertiggestellt
(S.328)

1574
Tunis osmanisch besetzt
(S.324)

1574-1578 ca.
Osmanische Besetzung von Äthiopiens Küste bis zum Horn von Afrika
(S.330)

ab 1580 ca.
Ägypten-Beys: Beys bekommen höhere Posten im osmanischen Staat - Gefährdung des osmanischen Gouverneurs
Die Beys können Posten von osmanischen Offizieren oder Administratoren übernehmen und so noch mehr Hausmacht aufbauen, zum Beispiel den Posten
-- des Führers der Pilgerkarawane/amir al-hadsch
-- des obersten Finanzbeamten/defterdar
-- des Statthaltervertreters/qa’ im-maqam
-- des Gouverneurs von Nubien mit Sitz in Girga
-- das Kommando über den jährlichen Tributkonvoi nach Konstantinopel
-- den Oberbefehl über das ägyptische Truppenkontingent in Ägypten oder an Feldzügen ausserhalb Ägyptens (S.335).

In der Folge steht auch die Position des Gouverneurs immer mehr in Frage (S.335).

1580-1583
Kairo: Statthalter Hasan Pascha
(S.328)

1583
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung des Brunnenhauses von Hasan Pascha
(S.328)

1584
Libanon/Maroniten-Vatikan: Gründung eines maronitischen Kollegs in Rom mit Beziehungen zu Frankreich
(S.378)

1586
Ägypten: Revolten und Beys
Beginn einer Serie von Revolten gegen die korrupten Osmanen und Aufstieg der Beys. Beys sind freigelassene, meist tscherkessische und andere kaukasische Sklaven, Chefs von "neo-mamlukischen Haushalten". Sie sind zu keiner militärischen Formation zugeteilt und stehen immer für "spezielle Einsätze" zur Verfügung. Die Revolten richten sich gegen Korruption und Verarmung (S.335).

1587-1629
Mesopotamien: Schah ‘Abbas "der Grosse"
(S.262)

1590 ca. - 1612
Anatolien: Gelali-Aufstände gegen korrupte osmanische Militärs und das verfallende Steuer- und Finanzwesen
(S.332)

Ende 16. Jh./ 1590 ca.
Äthiopien: Friede zwischen dem osmanisch besetzten Habes (heute südliches Eritrea) und dem christlichen Äthiopien
Gegenseitige Anerkennung und Kooperation. Europäische Missionare werden gemeinsam abgelehnt (S.331).

1599
Kairo: Bericht des osmanischen Historikers Mustafa ‘Ali über Kairo: verfallende Macht durch Korruption und fehlende Disziplin der Gouverneure
fällt sehr betrübt aus wegen dem osmanischen Machtzerfall:
-- Intrigen haben sich bis in die untersten Ebenen der Militärs und der Verwaltung etabliert (S.332)
-- Gouverneure vernachlässigen Fürsorgepflichten gegenüber der Bevölkerung (S.332-333)
-- die neo-mamlukischen Beys leben in Übermut und Luxus
-- Provinzgouverneure/kasif veruntreuen Steuergelder
-- disziplinlose Garnisonstruppen
-- osmanische Korps/ogaq sind durch tscherkessische Sklaven/mamluk "unterwandert"
-- das Verhältnis zwischen Osmanen/rumi und Einheimischen ist zerstört (S.333).

In der Folge fehlen in der Gesellschaft allgemein Disziplin und Integrität. Und es kommt zur Lebensmittelknappheit, obwohl eigentlich wie früher ein Überangebot herrschen könnte. Historiker Mustafa ‘Ali findet die Schuldigen des Systemzerfalls in Ägypten bei den einzelnen Gouverneuren (S.333).

17.+18. Jh./ 1600-1799 ca.
Ägypten: Die osmanischen Milizenbosse/aga und die führenden Offiziere/kethudasind die politisch einflussreichsten Figuren des politischen Lebens in Ägypten. Die militärische Zwangsherrschaft über das ägyptische Volk geht ungebrochen weiter (S.329).

ab 1600 ca.
Ägypten: Kaffee-Boom - Bauboom in Kairo - Gerbereien und Paläste
Die Kaffee-Händler Ägyptens, die truggar, steigen zu Reichtum auf und können Millionenvermögen anhäufen. Ein Sechstel der Karawanen Ägyptens sind reine Kaffee-Karawanen. Die Händler leben in palastartigen Wohnbauten mit Dekor der Mamlukenzeit. Kairo erlebt einen Bauboom (S.337).

Die Gerbereien der Stadt werden vom Süden an den westlichen Stadtrand verlegt, wo noch kaum Land besiedelt ist. Die Villenpaläste der Beys werden im Süden von Kairo am "Elefantenteich"/Birkat al-Fil gebaut (S.337).

Janitscharensystem der Ausbeutung - Spaltung der Beys und Machtspiele des Gouverneurs mit den Beys
Gleichzeitig etablieren die Janitscharen in Ägypten ein System der Wirtschaftskontrolle durch Protektion und Ausbeutung. Kaufleute und Handwerker müssen sich den Janitscharen zunehmend unterwerfen, v.a. die Grosskaufleute/truggar und Bauern, vor allem aber die Kaffeehändler. Der Filz zwischen Janitscharen und den Grosskaufleuten wird undurchdringlich (S.342).

Währenddessen spalten sich die ägyptischen Beys in Faqariyya und Qasimiyya. Diese Aufteilung spaltet alle Korps/ogaq in Ägypten. Die Faqariyya-Gruppe unter Führer Cerkes Ridwan Bey al-Faqari und die Qasimiyya-Gruppe unter Führer Ahmad Bey al-Qasimi bekämpfen sich jahrzehntelang, und der osmanische Gouverneur beginnt, mit den Beys zu jonglieren, um seinen Posten gegenüber den beheimateten Beys zu retten:

-- er beeinflusst die Vergabe der Steuerpachten
-- er spielt mit Taktik die verschiedenen Beys gegeneinander aus
aber auf die Truppen der Beys hat der Gouverneur keinen Einfluss mehr (S.336).


Pilgerkarawane als Karrieresprungbrett des Beys al-Faqari - holländisches Vordringen in Jemen - ägyptische Unterwerfung der Hawwara-Beduinen in Nubien - Janitscharendominanz im ägyptischen Heer und in Ägypten durch Schutzgelderpressungen - Jemen im Guerillakrieg - britisches Vordringen in Jemen - europäischer Gewürzhandel, ägyptischer Kaffeehandel und Bauboom unter Bey al-Faqari - Jemens Unabhängigkeit - neue Steuerpacht - Libanon unter "Schutz" von Ludwig XIV. - Tod von al-Faqari und Bürgerkrieg in Ägypten - osmanische Niederlage vor Wien

Zusammenfassung
Bey al-Faqari kann 25 Jahre lang die ägyptische Pilgerkarawane leiten und bekommt dadurch ein hohes Ansehen im muslimischen Volk Ägyptens, während Holländer und Engländer in Jemen erste Handelsstationen "eröffnen". Die osmanische Autorität in Ägypten nimmt weiter ab und wird durch die Schutzgelderpressungen der Janitscharen abgelöst. Europäische Schifffahrtsgesellschaften ziehen einen Grossteil des ägyptischen Gewürzhandels an sich, jedoch können die führenden Handelsfamilien die Ausfälle mit Kaffeehandel kompensieren und eine hochtrabende Bautätigkeit entwickeln, die durch die Herrschaft von Bey al-Faqari gefördert wird. Währenddem erstreiten sich Jemens Stämme die Unabhängigkeit. Das Steuersystem Ägyptens wird durch die Steuerpacht neu geregelt. Europas Einmischung in der Levante nimmt durch den "Schutz" der Maroniten im Libanon durch Ludwig XIV. weiter zu. Als der grosse Bey al-Faqari von Ägypten stirbt, bricht in Ägypten zwischen den konkurrierenden Bey-Gruppen Faqariyya und Qasimiyya ein Bürgerkrieg aus. Die überlebenden Beys arrangieren sich mit den Milizen des Gouverneurs, so dass die osmanische Macht praktisch ausgeschaltet wird. Die osmanische Taktik scheint an Ägypten nicht sehr interessiert gewesen zu sein. Die Niederlage vor Wien setzt den osmanischen Kriegstreibern (im Bündnis mit dem französischen König) eine klare Grenze in Mitteleuropa.

Chronologie (Fortsetzung)

ab 1605 ca.
Ägypten-Beys: al-Faqari wird Führer der Pilgerkarawane
Cerkes Ridwan Bey al-Faqari bekommt das Amt des Führers der Pilgerkarawane und behält es mit kleinen Unterbrechungen 25 Jahre lang.
(S.336)

ab 17. Jh./ ab 1605 ca.
Jemen: Den osmanischen Paschas gelingt das Abdrängen der Europäer nicht
(S.331)

1606/1607
Nubien: Banu Hawwara-Beduinen: osmanischer Sieg und Machtverlust der Banu ‘Umar
Erst jetzt verliert die grösste Familie der Banu Hawwara-Beduinen, die Banu ‘Umar, ihre Macht. Nach dem Sieg der osmanischen Truppen erfolgt die Entsendung eines osmanischen Gouverneurs in die nubische Hauptstadt Girga. Das iltizam-Steuersystem mit Steuerpacht wird jedoch nicht eingeführt (S.330).

Der Gouverneurssitz hält sich bis in die zweite Hälfte des 18. Jh. Der dortige Gouverneur hat die höchsten Einnahmen unter den 37 ägyptischen Distrikten. Steuern werden erhoben auf die Landwirtschaft und die reichen Karawanen aus den Sudan-Königreichen Darfur und Sinnar mit Sklaven-, Gold- und Elfenbeinimporten (S.330).

1608
Jemen: erste holländische Handelsstation, vor allem für Kaffeehandel über den Hafen Mokha/al-Muha
(S.331)

17. Jh.
Ägypten: Intrigen betreffen das Volk kaum
Das Volk ist von den Machtkämpfen und Intrigen der Machthaber und herrschenden Schichten nicht betroffen. Ein Netzwerk von traditionellen sozialen Strukturen schützt den Einzelnen. Das Rechtswesen der religiös von den Osmanen neu geregelten Gerichtshöfe funktioniert für den Einzelnen den vorliegenden Gerichtsquellen der damaligen Zeit nach zu urteilen verhältnismässig reibungslos (S.338).

bis 1610 ca.
Ägypten: Die Janitscharen herrschen vor
Die Janitscharen-Korps dominieren die militärische Szene. Die Beys und Neomamluken haben nur wenig Einfluss (S.342).

1610
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung der Moschee des Malika Safiyyavom Haremsaufseher Osman Aga gestiftet (S.338).

17. Jh./ 1610-1690 ca.
Kairo: Bauboom - Blüte von Rosette/Raschid
Bau von zahlreichen öffentlichen Brunnen, oft mit Koranschule im Obergeschoss/Sabil-kuttab, sind bis heute zahlreich erhalten. Stifter sind in der Regel höhere Offiziere aus den sieben osmanischen Korps/ogaq, dann auch einzelne Beys. Ebenso Bau von Bädern. Kein Bau von königlichen Stiftungen wie Medresen, Moscheen oder Mausoleen (S.338).

Auch die Hafenstadt Rosette/Raschid erlebt eine "Blüte". Es ist der grösste ägyptische Hafen der Zeit (S.338).

ab 1610 ca.
Ägypten: Janitscharensystem: Filz und Protektionssystem
Die Janitscharen erreichen mit ihrem Kontrollsystem die praktische Herrschaft in ganz Ägypten (S.342).

ab 1610
Jemen: Beginn des Guerillakriegs
des zaiditischen Imam und der Stammesführer gegen die osmanischen Besetzer (S.331).

1614
Jemen: erste englische Handelsstation, vor allem für Kaffeehandel über den Hafen Mokha/al-Muha
(S.331)

17. Jh./ ab 1615 ca.
Portugal, Holland und England im Gewürzhandel
Die Gewürzroute wird mehr und mehr von Portugal, England und Holland bestimmt. Ägypten kann die Ausfälle aber kompensieren und steigt in den Handel mit jemenitischem Kaffee ein. Umschlagplätze sind die jemenitischen Plätze Mokha und Bayt al-Faqih (S.336).

1623-1639
Mesopotamien: Schah ‘Abbas "der Grosse" gliedert Mesopotamien wieder im Safawidenreich ein
Ihm gelingt die Zerschlagung der halbunabhängigen geistlichen Territorien. Er begründet eine wirksame zentrale Lehensbehörde in Mesopotamien (S.262).

1630 ca.
Ägypten-Beys: Cerkes Ridwan Bey al-Faqari leitet eine Renaissance Ägyptens ein
Cerkes Ridwan Bey al-Faqari ist die erste herausragende politische Figur in Ägypten, die ausserhalb des osmanischen Establishments steht. Seine Autorität ist unbestritten und Ägypten erlebt eine neue wirtschaftliche "Blüte".

Die Faqariyya-Partei der Beys hat 1630-1656 über 30 Jahre lang das Übergewicht gegenüber der Qasimiyya (S.336).

ab 1630 ca.
Ägypten: Bündniswillkür der Neo-Mamluken mit den Beduinen und der Beduinen mit Rebellen
Die Neomamluken schliessen und brechen je nach Situation die Zweckbündnisse mit den Beduinen. Die Beduinen tun mit städtischen Rebellen dasselbe, um ihre Macht gegen Unterägypten auszuweiten. Machtgruppen, die die Gewalt in Kairo verlieren, retten sich mit ihrem Gefolge regelmässig nach Nubien oder in die westliche Wüste/Provinz al-Buhayra, und versuchen ein Arrangement mit den Beduinen, bis eine Chance zur Rückkehr nach Kairo durch einen nächsten politischen Umsturz oder Konstellation zustande kommt (S.343).

ab 1630 ca.
Kairo/Bautätigkeit: Bau zahlreicher Karawansereien/han,wakala, und Märkte/suq,qasaba
(S.338)

1632
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung des Palasts des Gamal ad-din ad-Dahabi, bis heute erhalten
(S.338)

1635
Jemen: Abzug der osmanischen Besetzer. Jemen wird selbständig.
(S.331)

während des 17. Jh./ ab 1640 ca.
Ägypten: Steuerpacht statt direkte Steuer
Die "emanet"-Wirtschaftssteuer nach Kairo wird von der Steuerpacht/iltizam und Steuerpächter/mültezim verdrängt (S.327). Die Steuerpacht wird auch auf Läden, Waren, Zöllen und Schutzgebühren erhoben (S.328).

1648
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung des Palastes des as-Sahaymi
(S.338)

1649
Libanon/Maroniten-Frankreich: "Schutz" durch Ludwig XIV.
-- Ludwig XIV. stellt die Maroniten des Libanongebirges "unter seinen Schutz"
-- die europäische Grossmacht ist somit religiöse, politische und ökonomische Schutzherrin der Maroniten (S.378).

um 1650
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung des überdeckten Markts/qasaba des Ridwan Bey al-Faqari
(S.338)

ab Mitte 17. Jh./ 1650 ca.
Ägypten: Machtverlust der Müteferriqa- und Cavus-Korps
Im Zuge des Niedergans der osmanischen Macht in Ägypten verlieren die Korps der Müteferriqa und Cavus an Einfluss und Status. An Macht gewinnen dagegen die Janitscharen-Korps/mustahfizan (S.329).

1656
Ägypten-Beys: Tod von Bey-Führer Cerkes Ridwan Bey al-Faqari
(S.336)

1660
Ägypten-Beys: Sieg der Qasimiyya gegen die Faqariyya
Die Qasimiyya unter Führung von Ahmad Bey al-Qasimi können die Faqariyya zerschlagen, töten die Angehörigen oder treiben sie ins Exil (S.336).

1660-1662
Ägypten: Vernichtungskampf zwischen Faqariyya und Qasimiyya
Die beiden Neo-Mamlukengruppen machen sich gegenseitig den Anspruch auf die Macht in Ägypten kaputt, indem sie sich gegenseitig vernichten.

Der Statthalter seinerseits muss erkennen, dass die eigenen Milizen seine potenten ökonomischen und militärischen Gegner sind (S.342).

ab 1662
Ägypten: Überlebende Mamluken gehen in die Milizen
Die Überlebenden Mamluken der Faqariyya und Qasimiyya finden sich zu neuen Koalitionen mit den Milizen zusammen. Es beginnen sich lokale Machtzentren zu bilden, ohne dass die osmanische Herrschaft noch Einfluss hätte (S.342).

1673
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung der Karawanserei des Du l-Fqar Kethuda
(S.338)

gegen Ende 17. Jh./ 1680 ca.
Jemen-Kairo: Reichtum durch Kaffee-Export
Jemen exportiert jährlich 200’000 Zentner Kaffeebohnen, davon 100’000 über Kairo. Davon bleiben 50’000 Zentner im osmanischen Reich (S.337).

1683
Wien-Konstantinopel: Türkische Niederlage vor Wien
(S.381)


Erste europäische Militärberater in Konstantinopel - neue Bey-Paläste in Kairo - dominierende Lokalherren und zerbrechende osmanische Herrschaft im Vorderen Orient - Wahhabiten - Maroniten weiter gegen Drusen - Hawwara-Unterwerfung in Nubien - ägyptische Expansion und Bündnis mit Akkon - russischer Vorstoss ans Schwarze Meer - Sultan Selim III., französische Revolution, ägyptische Rebellion - osmanischer Reformstreit

Zusammenfassung
Nach der Niederlage vor Wien müssen die osmanischen Militärs europäische Militärberater zur Modernisierung ihrer Armee zulassen. In Ägypten können sich die Beys ihre de-facto-Unabhängigkeit mit neuen Palästen "vergolden". In Ägypten, Syrien und Libanon beherrschen Lokalherren die Szene, und auch im Habes, dem heutigen Eritrea, schwindet die osmanische Macht. Als Kontrast zu den immer mehr weltumspannenden Handelsströmen entsteht auf der arabischen Halbinsel der Glaube der Wahhabiten, der mit der Zeit auch in Hedschas, ‘Asir und Jenen Fuss fassen kann. In Mesopotamien regieren währenddessen in den Städten die Mamluken. Auf dem Land können sie die mitunter etablierten Stammesherrschaften nicht mehr brechen. Der starke Bey Ägyptens, ‘Ali Bey, lässt den Hawwara-Beduinen in Nubien die Steuerpacht aufzwingen und vollendet mit der Besetzung Syriens und Palästinas das alte ägyptische Imperium, ohne sich jedoch als "unabhängig" zu erklären, um Konstantinopel nicht zusätzlich zu provozieren. Erst als Ägypten auch noch die Steuerzahlungen verweigert, wird Kairo erneut osmanisch besetzt und Reformen eingeleitet. Die russische Gefahr hält Konstantinopel viel mehr in Atem, während im Libanon unter Basir II. die christlichen Maroniten mittels ihrer erfolgreichen Seidenproduktion, die mit Frankreich in Verbindung steht, weiter die Drusen an den Rand drängen. Als mit Sultan Selim III. in Konstantinopel endlich ein türkischer Reformer an die Macht kommt, wird dieser von der  "französischen Revolution" überrollt. In Ägypten regieren wieder die Beys, und Konstantinopel weiss nicht, welche Reformen dem Reich wohl am besten bekommen werden. Ratlosigkeit, Machtlosigkeit und Nachahmung herrschen vor.

ab 1683
Konstantinopel nach der Niederlage vor Wien: Reformwille im osmanischen Heer
Strategie zur Reform des Heeres nach der Niederlage gegen die neue europäische Technik:
Einführen neuer Techniken mit Hilfe von Renegaten und Asylsuchenden aus Europa. Es kommt aber nur zu punktuellen und selektiven Neuerungen (S.381).

ab Ende 17. Jh./ 1695 ca.
Kairo: Moschee al-Azhar: Der Rektor des Lehrkörpers/sayh al-Azhar, beginnt eine politische Rolle innerhalb der religiösen Elite Ägyptens zu spielen
(S.340)

18. Jh./ ab 1710 ca.
Kairo: Wechsel des Palastviertels - neuer Bauboom im Westen
Kairo platzt mit 300’000 Einwohnern aus allen Nähten. Die Beys, denen das dichte Leben des "einfachen Volkes" nicht mehr erträglich ist, bauen ihre Paläste neu im Westen der Stadt jenseits des Nilkanals/halig um den Azbakiyya-Teich und verursachen einen neuen Bauboom für die Stadt (S.337).

1.Hälfte 18. Jh./ 1710-1750 ca.
Ägypten: Herrschaft lokaler gemischt-ägyptischer Machtgruppen - Sklavenhaltung
Zwischen Janitscharen und Mamluken bilden sich gemischte Machtgruppen, die lokal verwurzelt sind und denen das Gesamtsystem des Staates nicht mehr wichtig ist (S.342).

Die herrschende Klasse beginnt, sich Sklaven zu halten, um politische und wirtschaftliche Positionen zu verteidigen. Alle Grenzen zwischen osmanischer Herrschaft, Milizen, Beys, Gelehrten und Kaufmannselite sind aufgehoben. Es herrscht eine Kleingruppe von ethnisch heterogenen Mamlukenhaushalten/bayt. Patrons- und Generalshaushalte stehen machtmässig gleichwertig neben Beys, zum Beispiel der Haushalt der Qazdagliyya oder der Galfiyya (S.342).

ab 18. Jh.
Habes: Selbstverwaltung
Der Habes (heutige eritreische Südküste) bekommt mehr und mehr eine Selbstverwaltung und wird kaum noch in Konstantinopel erwähnt (S.331).

1725-1808
Damaskus: Dominanz der Familie al ‘Azm, Gouverneure müssen sich immer "arrangieren"
(S.377)

ab 1725
Syrien/Libanongebirge/Palästina-Bergland: haben eigene "Lokalherren"
(S.377); es sind rivalisierende Familienoberhäupter. Jährlich müssen osmanische Steuerexpeditionen der Gouverneure von Damaskus durchgeführt werden (S.378).

1726-1834
Mossul: herrschende Familie der Galilis
(S.378)

1739
Arabien: Begründung der Wahhabiten um Wahhab
Entstehung der Glaubensgruppe um Muhammad b. ‘Abd al-Wahhab - die "Wahhabiten" - und Adaptation durch den Stammesführer des Nadschd, Muhammad b. Sa ‘ud, mit Sitz in Dar ‘iyya/Riad.

Leben nach dem Koran und der Sunna. Alle späteren Entwicklungen und Interpretationen werden abgelehnt, auch alle Heiligenverehrungen. Verbot von Alkohol und Tabak. Strenge Verfolgung bei Nichtbeachtung (S.375).

1742-1754
Ägypten: Machtausübung der Janitscharen unter Ibrahim Kethuda
-- er ist Chef der Janitscharen, Patron des mächtigsten Haushaltes der Qazdagliyya
-- Ibrahim Kethuda regiert mit dem Kompagnon Redwan Kethuda, Chef der ‘Azab, Patron der Galfiyya. Beide haben machtmässig auch ohne Bey-Titel so viel Macht wie die Beys (S.342).

1749-1831
Bagdad: herrschende Mamluken georgischer Herkunft mit Einfluss
(S.378-379) und Macht auf die Städte in ganz Mesopotamien. Das Land aber ist von Stämmen und Stammeskonföderationen dominiert (S.379).

ab Mitte 18. Jh.
Libanon: Maroniten: Bevölkerungswachstum und ökonomischer Erfolg durch Seidenproduktion bedrängt Drusen
Die maronitische Bevölkerung wächst schneller und ist ökonomisch erfolgreicher als die drusische Bevölkerung. Die Sicherheit zum Wachstum wird durch die Seidenproduktion erreicht. Die Maroniten öffnen ihren Teil des Libenongebirges für europäische kulturelle und ökonomische Einflüsse.
Zusammenarbeit mit dem Vatikan wird weiter gepflegt, die seit den Kreuzzügen besteht (S.378).

1760-1772
Ägypten: Machtausübung von ‘Ali Bey, Chef der Beys/sayh al-balad
vom Haushalt der Qazdagliyya (S.342) zieht eine Alleinherrschaft in Ägypten auf und erreicht eine gewisse Prosperität, regiert jedoch zu wenig lang, um auf dem Land alle Zerstörungen zu beseitigen (S.343).

zwischen 1760-1772 / 1765 ca.
Nubien-Feldzug unter ‘Ali Bey nach Oberägypten gegen die Hawwara-Beduinen
Die Beduinen unterstehen bisher nicht dem Pachtsystem/iltizam, haben aber regelmässig und vollständig Steuern bezahlt. Durch gemeinschaftliche Arbeit erreichten die Beduinen eine grössere Ernte als die Bauern Unterägyptens. Dieser Zustand soll zerstört werden.
Der Feldzug unter ‘Ali Bey ruiniert die Hawwara und deren Gebiete (S.343). Einführung der Steuerpacht/iltizam in Nubien (S.330).

1766-1772
Ägypten: ‘Ali Bey: Vision einer Restitution des "grossen Ägypten"
‘Ali Beys Regierung betreibt eine "geschickte" Handelspolitik mit den europäischen Staaten . Er hat die Vision eines mit Syrien "wiedervereinten" unabhängigen Ägypten, dem auch Hedschas mit Mekka und Medina wieder angehören soll (S.343).

ab 1770 ca.
Arabien/Wahhabiten: Verbreitung der Wahhabitenideologie
im Nadschd, Hedschas, ‘Asir und Jemen unter Muhammad b. Sa ‘ud (S.375).

ab 1770
Ägypten: anhaltende politische und ökonomische Krisen und Epidemien
(S.337)

1770-1771
Ägypten: Feldzug unter ‘Ali Bey gegen Palästina und Syrien - Bündnis mit Rebell Dahir al-’Umar von Akkon gegen Konstantinopel
‘Ali Bey kompromittiert sich mit diesen Handlungen selber, erklärt aber nie die ägyptische Unabhängigkeit (S.343).

1772-1775
Ägypten: Tod von ‘Ali Bey - Nachfolger: Muhammad Bey Abu d-Dahab
(S.343)

1774
Konstantinopel-Russland: Vertrag von Küçük Kaynarca - russisches Vordringen an die Krim
Verlust des muslimischen Nordufers des Schwarzen Meeres mit muslimischen Gebieten an Russlands Katharina II. Das Schwarze Meer geht als osmanisches Binnenmeer verloren, was einen grossen Schock in Konstantinopel auslöst.

Das Militär in Konstantinopel sieht, dass das osmanische Reich in seinem Kern in Gefahr gerät, wenn nicht grundlegende Heeresreformen vollzogen werden (S.381).

1775-1778
Ägypten: Tod von Muhammad Bey Abu d-Dahab - Nachfolger: Ibrahim Bey und Murad Bey, die sich die Herrschaft teilen
verweigern die jährliche Steuerzahlung an Konstantinopel, was eine "Strafexpedition" heraufbeschwört (S.343).

1779
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung des Palastes von Mahmud Muharram
(S.338)

gegen Ende 18. Jh./ 1780 ca.
Frankreich: Die Hälfte aller Importe sind Kaffeebohnenlieferungen aus Ägypten
(S.337)

1786-1787
Konstantinopel-Ägypten: Osmanische Strafexpedition unter Admiral/qapudan Gazi Hasan Pascha
(S.343-344)

Besetzung von Unterägypten und Kairo und Einleitung von Reformen
(S.344)

1787
Ägypten: Abzug der Strafexpedition gegen Ägypten
unter Admiral Gazi Hasan Pascha wegen der russischen Gefahr im Norden des osmanischen Reiches (S.344).

Herbst 1787-1792
Osmanisch-russischer Krieg(S.344)

1787-1798
Ägypten: Restitution des neomamlukischen Regimes - Bürgerkriege
-- nach Abzug der osmanischen Truppen unter Admiral Gazi Hasan Pascha wird die etablierte Neuordnung vom Volk und von den ägyptischen Repräsentanten gleich wieder umgeworfen und das neomamlukische Regime wieder installiert (S.344).

-- neben Bürgerkriegen hat die Bevölkerung unter Naturkatastrophen, Hungersnöten und Seuchen zu leiden

-- die Verarmung weiter Schichten der städtischen Bevölkerung nimmt durch die Ausbeutung durch die Duumvirn zu. Aufstände der städtischen Bevölkerung bringen keine Verbesserung

-- gleichzeitig werden die Osmanen oft als Richter angerufen, für die Bevölkerung einzustehen. Zum ersten Mal erlangen die Einheimischen so ein Mitspracherecht bei der Regierung ihres Landes (S.344).

1788-1840
Libanon: Herrschaft des Emirs Basir II as-Sihabi
ist Rückzugsgebiet für religiöse und ethnische Minderheiten.

Unter Basir II. können sich die sozio-ökonomischen Strukturen festigen. Gleichzeitig etabliert er aber eine Diskriminierung der drusischen Lokalherren im Süden des Libanongebirges gegenüber der Maroniten im Norden (S.378).

1789-1807
Konstantinopel: Sultan Selim III.: Reformversuche - französische Revolution
Selim III. ist der erste türkische Militärreformer im Osmanischen Reich. An den sozialen Zuständen
wird im osmanischen Reich nichts verändert (S.381-382).

Sultan Selim III. ist bereit, die Schwierigkeiten in Ägypten zu lösen und den Vorschlägen aus Ägypten zu folgen. Nach dem Ausbruch der französischen Revolution sind die Kräfte der Osmanen aber in Europa engagiert. Die Strafe gegen ägyptischen Mamlukenbeys, die aus Gier z.B. weiter die Steuern ganz Ägyptens einbehalten, muss warten (S.344).

1791/1792
Konstantinopel: Forderung nach Expertisen für Reformen - Dauerstreit um Reformen
Selim III. fordert Expertisen über die Ursache der Schwäche des osmanischen Heeres und Massnahmenvorschläge.

In der Folge werden Vorschläge gemacht:
-- die Restitution der Armee von 1517, des "goldenen Zeitalters"
-- punktuelle Verbesserungen nach europäischem Vorbild
-- Aufstellung einer völlig neuen Armee nach europäischem Vorbild.

Die Diskussion ist heftig im Gang und verunsichert das osmanische Reich ein ganzes halbes Jahrhundert (S.382).

1792-1793
Konstantinopel: Verordnungen von Selim III.: "neue Ordnung" / nizam-i gedid - Torpedierung der Reformen
-- neue Infanterietruppe nach europäischem Vorbild mit europäischen Offizieren mit dem Namen nizam-i gedid
-- Gründung neuer Militärschulen, wo Reformer heranwachsen
-- Einrichtung von türkischen Botschaften in europäischen Hauptstädten, wo Reformer heranwachsen.Die konservativen alten Janitscharen-Truppen und wichtige Provinzgouverneure stemmen sich gegen die "neue Ordnung" und torpedieren sie, wie es nur geht (S.382).

gg. Ende des 18. Jh./ 1795 ca.
Kairo: Moschee al-Azhar: Starke Stellung des Rektors
Der Rektor des Lehrkörpers/sayh al-Azhar wird durch die zentrale Struktur der Lehrbetriebe zu einem der reichsten Männer Ägyptens und geniesst sehr hohes Ansehen und Einfluss (S.341).


Napoleons Einzug in Ägypten, Entmachtung der Mamluken, Wettlauf mit England um Indienhandel, Revolten - Versuch der "Selbstbehauptung" unter dem Albaner Muhammad ‘Ali gegen die "Industrielle Revolution" - Wahhabiten besetzen Mekka und Medina - Vernichtung der Mamluken Ägyptens - Muhammad ‘Alis Feldzug nach Mekka und Medina im Auftrag Konstantinopels - Janitscharenvernichtung und Reformen in Konstantinopel - das Osmanische Reich wird Mitglied der Balancepolitik Europas gegen Russland

Zusammenfassung
Napoleons Einzug in Ägypten, von der europäischen Geschichtsschreibung oft als "zivilisatorische Mission" betrachtet, ist eine Aktion, um vor England den Ägypten verbliebenen Teil des Asien- und Indienhandels zu beherrschen. Unter den Revolten wird der Albaner Muhammad ‘Ali der nationale Führer, der nach der Vertreibung der französischen Besatzung in Zusammenarbeit mit britischen Kräften fortan eine "Selbstbehauptung" gegen die industrielle Revolution Europas anstrengt, währenddessen die Wahhabiten Mekka und Medina besetzen und somit auch die Pilgerkarawane beherrschen. Nach der Vernichtung der Mamluken in Ägypten versucht Muhammad ‘Ali vordergründig, in Ägypten die Industrialisierung durchzusetzen und etabliert dabei eine kurzsichtige Monopolwirtschaft, entmachtet die herrschenden Familien und beginnt ein konsequent rassistisches, gegen die Bevölkerung Ägyptens gerichtetes, Regime, ohne auf die Werte und Möglichkeiten in Ägypten selbst zu achten. Aussenpolitisch kann er im Auftrag Konstantinopels Mekka und Medina für das Osmanische Reich wieder zurückerobern. In Konstantinopel kommt es im Zuge militärischer Reformen zur Vernichtung der Janitscharen, die sich jeder Reform entgegenstellen. 1815 wird das Osmanische Reich schliesslich in die europäische Welt der Balancepolitik gegenüber Russland miteinbezogen.

Chronologie (Fortsetzung)

Juli 1798
Ägypten wird französisch beetzt

Ägypten: Landung der Flotte Napoleons in Alexandrien - Kooperation der christlichen Gruppen mit Napoleons Soldaten - Spaltung der Gesellschaft
Sultan Selim III. in Konstantinopel ist tief zerstört, dass ein Verbündeter sich am osmanischen Reich bedient. Für die Bevölkerung ist die französische Besetzung zuerst ein Schrecken, dann kommen Misstrauen und Ablehnung auf. Gleichzeitig kooperieren die christlichen Minderheiten mit der französischen Besatzung, was zur Spaltung der ägyptischen Gesellschaft führt (S.344.

-- die Truppen Napoleons besiegen und entmachten die Mamluken, um vor England den Indienhandel zu beherrschen

-- Sicherung von ägyptischen Weizenlieferungen

-- Erschliessung Ägyptens als Absatzmarkt für französische Produkte (S.368).

1798-1803
Kairo während der französischen Besatzung
-- ca. 263’000 Einwohner, ca. 660 Hektar bebaute Fläche (S.337)
-- Beschreibung der noch stehenden Paläste der Beys in der "Description de l’Egypte" mit Stichen (S.338).

Ende 1798 ca.
Ägypten: Revolte gegen die französische Besatzung
(S.344)

ab 1798
Ägypten-Europa: christliche "Geschichtsschreibung"
Die westlich-christliche Geschichtsschreibung über Napoleon in Ägypten verbreitet, es sei eine zivilisatorische Mission. Diese "Interpretation" wird der islamischen Geschichte überhaupt nicht gerecht (S.365).

1798-1799
Napoleon in Ägypten
muss sich mit korrupten neomamlukischen Beys auseinandersetzen (S.236).

1800
Ägypten: Zweite Revolte gegen die französische Besatzung - Spaltung der Gesellschaft - Muhammad ‘Ali
-- das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen durch die weitere christliche Kooperation mit den Franzosen wird schwer gestört (S.344)

-- Muhammad ‘Ali, Offizier eines albanisch-osmanischen Kontingents in Ägypten, eigentlich nur Tabakhändler und Soldat, kann sich aus dem Chaos der französischen Besatzung als dominierender militärisch-politischer Führer hervortun und die Macht an sich reissen (S.368)

-- Ali muss sich wie vorher Napoleon mit korrupten neomamlukischen Beys auseinandersetzen (S.236).

1800 ca.
Kairo: Paläste der Stadt sind in Stichen von David Roberts und anderen Künstlern abgebildet
(S.338)

ab 1800
Kein Nationalbewusstsein in der islamischen Welt - importierte, spaltende Ideologie
Ein Nationalstaatsbewusstsein kommt in der islamischen Welt nicht auf. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist in den muslimisch regierten Staaten zu hoch. Die Ideologie eines "Nationalgefühls" ist aus Europa importiert und in die islamische Welt hineingetragen. Die Ideologie bringt Kontrast, Polarisierung und Spaltung in die islamische Welt gegen die übernationale islamische Staatlichkeit (S.140).

19. Jh./ 1800-1900
Kairo: Zerstörung vieler Paläste
durch Krieg, Revolutionen und durch Vernachlässigung sowie durch Städtebau (S.337-338).

19. Jh.
Habes (heutige eritreische Südküste): wieder Kriege mit Äthiopien(S.331)

ab 1800
Vorderer Orient: neue Metropolen Beirut und Alexandrien
Die Metropolen Kairo und Konstantinopel bestimmen einen Grossteil der Entwicklung Vorderasiens. Damaskus ist Subzentrum. Neue Entwicklungen neuer städtischer Zentren sind Beirut und Alexandrien u.a. (S.367).

ab 19. Jh.
"Industrielle Revolution": Europas industrielle Erzeugnisse drängen in den Orient -
"Selbstbehauptung"


->> dauernde Gegenwehr der Selbstbehauptung und Adaptation in der arabischen Welt (S.365)
->> arabisch-muslimische Welt ist mit Nachlernen so beschäftigt, dass die Herrschaft und die Einflüsse in Afrika und Asien zweit- und drittrangig werden
->> es entsteht ein dauernder Antagonismus zwischen Wahrung der eigenen Identität und der Annahme des "Fortschritts" (S.366).

Ägypten und Japan versuchen, den ökonomischen und militärischen Anschluss an Europa nicht zu verpassen und eine "Selbstbehauptung"
-- mit sozio-kultureller Umgestaltung
-- mit ökonomisch-technologischer Umgestaltung (S.367).

Konstantinopel und Kairo entwickeln Programme zur Selbstbehauptung gegenüber Europa mit militärischen, ökonomischen und administrativen Neuordnungen (S.366). Das Verhältnis Europa-Orient erlangt eine "neue Qualität" (S.365).

um 1800
Hedschas: Lokalherrschaften der Scherifen - Bedrohung durch Wahhabiten
Osmanische Kontrolle herrscht nur im Hafen Dschidda, lokale Herrschaften der Scherifen in Mekka und Medina.


Gleichzeitig bedrohen Hanbalitische Glaubensgruppen der Wahhabiten Mekka und Medina (S.375).

1801
Ägypten: Vereinte ägyptisch-britische Kräfte vertreiben die französischen Besatzer
aber die Mamlukenherrschaft bleibt erschüttert, der Ruf ist dahin. Die Osmanen wollen die Mamlukenherrschaft nicht restaurieren (S.368).

Süd-Mesopotamien: Einfall der Wahhabiten in Kerbela
Plünderung der Grabmoschee von Husayn B. ‘Ali, eines der bedeutendsten Heiligtümer der Schiiten
(S.375)

ab 1801
Ägypten: Muhammad ‘Ali: neue innenpolitische Allianzen
Ali kann Allianzen mit den einheimischen führenden Familien eingehen und die Unterstützung der Bevölkerung gewinnen (S.368).

ab 1802
Kairo: Der Palast von Mahmud Muharram dient Muhammad ‘Ali als Staats-Gästeresidenz
(S.338 )

1803
Arabische Halbinsel: Wahhabiten besetzen Mekka
(S.375)

1805
Ägypten: Revolution der Kairoer Bevölkerung unter ‘Umar Makram, die Muhammad ‘Ali unterstützt
(S.395)

Arabische Halbinsel: Wahhabiten besetzen Medina
Die alljährliche Wallfahrt und das muslimische Sultanat stehen für die ganze arabische Welt plötzlich in Frage.
(S.375)

Ende 1805 ca.
Ägypten: Muhammad ‘Ali wird von Sultan Selim III. zum Gouverneur Ägyptens ernannt
(S.368-369)
-- Gründung einer Dynastie, die bis 1952 anhält
-- Muhammad ‘Ali bleibt Tabakhändler und Soldat in einem grösseren Format: Armeechef und Wirtschaftsführer (S.369.

1805-1848
Ägypten: Regierung Muhammad ‘Ali: Monopolpolitik und Kriege
Ägypten: Muhammad ‘Ali versucht die Selbstbehauptung gegenüber Europa (S.367).
Ziel von Muhammad ‘Ali:
-- Sicherung der Herrschaft seiner Familie
-- Sicherung der Unabhängigkeit von Konstantinopel
-- Sicherung der Unabhängigkeit von den europäischen Mächten (S.369).

Vorgehen:
-- Vollzug im Staat eine Armeereform zur Sicherung der Herrschaft im Innern und gegen aussen
-- Feldzüge zur Gebietserweiterung und Siegespsychose
-- Verwaltungsreform
-- neue ökonomische und fiskalische Basis (S.369).

Um die Reformen zu verwirklichen, braucht er Einnahmen:
-- er deklassiert alle Herrscherfamilien ausser die eigene
-- er monopolisiert alle wirtschaftlichen Ressourcen: Landwirtschaft, Handel und Handwerk
-- er versucht, eine Industrialisierung auf staatskapitalistischer Basis durchzuführen
-- gleichzeitig lässt er Feldzüge und territoriale Expansionen zur Sicherung von Rohstoffen und Absatzmärkten sowie zur Kontrolle der Handelswege ausführen (S.369).

Die oberste Verwaltung aber bleibt turko-tscherkessisch und albanisch (S.370).

ab 1805
Ägypten: Struktur des Machtaparats von Muhammad ‘Ali: Militärbürokratie - Scharia ist tabu - Ausbeutung der Bevölkerung
-- die Machtelite von Muhammad ‘Ali hat noch den Charakter einer Militärbürokratie (S.395)
-- die Scharia ist Tabuthema. Muhammad ‘Ali vermeidet, bei Neuerungen die Scharia auch nur zu erwähnen. Die Diskussion um die Scharia wird dadurch vermieden (S.388)

-- Für Muhammad ‘Ali ist die ägyptische Bevölkerung nur eine Horde von schmutzigen Bauern und Kanonenfutter. Ägypten werden nie zu Regierungsposten zugelassen. Ägypten ist quasi sein Privateigentum [und die Bevölkerung ist so dumm und lässt es mit sich machen]

-- Muhammad ‘Ali presst aus Ägypten heraus, was nur geht, mit dem hauptsächlichen Ziel, seiner Familie die Herrschaft weiter zu sichern

-- Sohn Ibrahim, der für den Vater die Feldzüge führt, denkt anders als sein Vater, identifiziert sich zum Teil mit den ägyptischen Bauern, die er in der Armee näher kennenlernt (S.370).

ab 1805?
Ägypten: Beseitigung des Systems der Steuerpacht - Entmachtung der Mamluken
-- Konfiszierung eines grossen Teils des waqf-Landes.
-- Muhammad ‘Ali entzieht den Mamluken und den herrschenden städtischen Familien die wirtschaftliche Grundlage (S.370).

1806
Arabische Halbinsel: Wahhabiten besetzen Mekka
[zum zweiten Mal] (S.375).

1806 ca.
Ägypten: Muhammad ‘Ali kämpft den Widerstand der Mamluken nieder
die immer noch auf ihre alten Positionen hoffen (S.369).

ab 1806
Hedschas: Wahhabiten beherrschen die Pilgerkarawane
Der Sultan von Konstantinopel muss etwas gegen die Wahhabiten unternehmen, sein Prestige steht weltweit auf dem Spiel (S.375).

1807
Konstantinopel-Kairo: Kriegsauftrag an Kairo zum Feldzug gegen die Wahhabiten im Hedschas
Auftrag an Muhammad ‘Ali, die Wahhabiten aus dem Hedschas und aus den heiligen Stätten zu vertreiben. Muhammad ‘Ali will zuerst seine Macht in Ägypten "ausbauen", bevor er mit einem Krieg in Hedschas beginnt. Er muss zuerst alle Mamluken "ausschalten", damit Kairo für ihn während einer Heeresexpedition sicher bleibt. Muhammad ‘Ali denkt bei einem Feldzug nach Hedschas aber eher an Handel als an den Glauben (S.375).

Konstantinopel: Sturz von Selim III. - Nachfolger: Sultan Mustafa IV.
Sturz durch konservative alte Truppenteile und konservative Provinzgouverneure
Abschaffen der "neuen Ordnung"/nizam-i gedid (S.382).

1808-1839
Konstantinopel: Abdanken von Mustafa IV. - Nachfolger: Sultan Mahmud II.
[Der genaue Hergang des Machtwechsels ist nicht geschildert]. Vorgehen von Mahmud II.:

-- Sultan Mahmud II. benötigt "einige Zeit", um die Reformen im Heer fortzuführen (S.383)
-- er ist der zweite Reformer der türkischen Armee. Sozial wird kaum etwas verändert
-- Auf die Revolte der Janitscharen ist er vorbereitet (S.382).

ab 1808
Syrien/Damaskus: "instabile Verhältnisse"(S.377)

1809-1812
Ägypten: hohe Gewinne durch Weizenexport nach Europa
(S.370)

19. Jh./1810 ca.
Arabien: Dynastie der Sa ‘ud setzt die Familie der Al Rasid als Statthalter in Gabal Sammar ein
(S.452)

1811
Ägypten: Mamluken-Massaker in der Zitadelle von Kairo unter Muhammad ‘Ali
Der letzte mamlukische Widerstand gegen Muhammad ‘Ali ist "beseitigt". (S.369).

Ägypten-Hedschas: Erster Arabien-Feldzug gegen die Wahhabiten
mit ägyptischer Priorität, den Handel am Roten Meer zu sichern. Es geht Muhammad ‘Ali nicht so sehr um die Heiligtümer (S.375).

1812 ca.
Konstantinopel: Gemetzel gegen die Janitscharen als "wohltätiges Ereignis" - versuchte Verwaltungsreformen
Sultan Mahmud II. lässt die Janitscharenrevolte von den ihm ergebenen Artillerietruppen niedermetzeln. Das Janitscharen-Massaker wird in der osmanischen Geschichtsschreibung als "wohltätiges Ereignis"/vaq ‘a-i hayriyya gefeiert.

-- Sultan Mahmud II. nimmt Selim III. und Muhammad ‘Ali in Ägypten als Vorbild
-- Wiedereinführung der "neuen Ordnung"/nizam-i gedid (S.382).

Das "wohltätige Ereignis" ist eine Kopie des "wohltätigen Ereignisses" unter Muhammad ‘Ali in Ägypten von 1811, wo die Janitscharen ebenfalls niedergemetzelt werden mussten, um die Armee zu modernisieren.
In der Folge kann Mahmud II. sein Reformprogramm fortführen und konzentriert sich dabei nach dem militärischen auf den administrativen Bereich, wo es an jeder Effizienz fehlt (S.383).

ab 1812-1815
Ägypten: Bevormundung der Bauern durch den Staat
Die Bauern bekommen das Saatgut vom Staat
-- sie bekommen die landwirtschaftliche Geräte vom Staat
-- sie erhalten eine Absatzgarantie vom Staat
-- der Staat vermarktet die Produkte (S.370).

Muhammad ‘Ali beherrscht die ganze Landwirtschaft, und die Mechanismen des Marktes und der Bauern sind ausgeschaltet (S.370).

1812-1813
Hedschas: Mekka und Medina von ägyptischen Truppen besetzt
Wahhabiten zurückgedrängt (S.375).

1813
Ägypten-Hedschas: Muhammad ‘Ali bekommt die Schlüssel für Mekka und Medina
schickt den jüngsten Sohn Ismail mit den Schlüsseln der beiden Städte Mekka und Medina nach Konstantinopel zur Überreichung an den Sultan (S.375).

[Diese Schilderung klingt sehr unwahrscheinlich].

ab 1815
Konstantinopel-Europa: Balance-Politik gegen Russland
Das osmanische Reich ist nach der endgültigen Niederlage Napoleons in die Status-quo-Politik der europäischen Grossmachtdiplomatie miteinbezogen, weil der russische Imperialismus die Türkei
und das Mittelmeer sowie die Handelswege nach Indien bedroht (S.383).

Der Umgang mit der Türkei wird in der Politik als "die osmanische Frage" formuliert. Die "5 Mächte" England, Frankreich Österreich, Preussen und Russland streiten sich um den europäischen Teil des osmanischen Reichs auf dem Balkan mit verschiedenen Zielen, so dass der Balkan vorerst osmanisch besetzt bleibt und Konstantinopel in seiner Existenz geschützt ist, denn das russische Ziel der Mittelmeerbeherrschung hat sofort die Gegenwehr von allen anderen vier Grossmächten zur Folge wie umgekehrt eine muslimische Ausweitungspolitik eine Koalition zwischen Mitteleuropa und Russland zur Folge hat (S.383).

Die "orientalische Frage" der vier Mächte Mitteleuropas ist also immer die, wieviel von der Türkei noch erhalten bleiben muss, damit Russland nicht ins Mittelmeer vorstossen kann und auch die Türkei nicht zu viel profitiert (S.383).

ab 1815
Ägypten: Armeeaufbau nach französischem Vorbild
-- Muhammad ‘Ali beginnt mit dem Aufbau einer neuen Armee nach französischem Muster unter Anleitung des französischen Obersten Sève als Instrukteur an der Spitze.
-- die Idee von Muhammad ‘Ali ist die Armeebildung aus sudanesischen Sklaven (S.369).

ab 1815 ca.
Ägypten: Landwirtschaftsreformen
Wesentliche Verbesserung der Bewässerung
-- Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzfläche
-- Ausrichtung der Produktion auf den Export
-- Einführung neuer Produkte (S.370).


Ägyptens Armeeaufbau nach französischem Vorbild mit Marine - Landwirtschaftsreformen, Monopolisierungen und Gegenwehr - ägyptische Bauernarmee und Gegenwehr - ägyptische Kollaboration mit Basir II. gegen Drusen - England am Persischen Golf - Ägyptens Besetzung des Sudan - KZ-ähnliche Staatsfabriken in Ägypten und Baumwollwirtschaft - griechische Unabhängigkeitsbewegung und erste europäische Offiziere in der osmanischen Armee - unabhängiges wahhabitisches Riad - muslimische Studenten in Europa - Unabhängigkeit Griechenlands

Zusammenfassung
Ägypten unter Muhammad ‘Ali beginnt mit einem Armeeaufbau nach französischem Vorbild mit einer neuen Handels- und Kriegsmarine. Wirtschaftlich werden Landwirtschaft und Monopolbetriebe weiter vorangetrieben mit allen Nachteilen, die eine Monopolisierung mit sich bringt, denn ganze Bevölkerungsschichten und Kader werden damit ausgelöscht. Stattdessen gründet Muhammad ‘Ali erstmals eine eigene ägyptische Bauernarmee, die zum Teil wie die Monopolbetriebe torpediert wird. In Palästina kollaboriert er mit Basir II. gegen die Drusen, während England beginnt, das Osmanische Reich mit Verträgen am Persischen Golf einzukreisen. Muhammad ‘Ali lässt den Sudan zwecks Einzug von Kriegssklaven besetzen und legt KZ-ähnliche Staatsfabriken an. Gleichzeitig lässt er erste Baumwollplantagen anbauen. Die griechische Unabhängigkeitsbewegung soll Ägyptens Kriegsmarine im Auftrag Konstantinopels bekämpfen. Muhammad ‘Ali jedoch plant gleich die Besetzung Griechenlands und die Blockade des ganzen östlichen Mittelmeeres, was England wieder auf den Plan ruft. Die ägyptische Kriegsflotte wird beim Peloponnes vernichtend geschlagen. Riad wird unabhängiges wahhabitisches Fürstentum, denn Ägypten konzentriert sich nur auf die Küstenlinie. Muslimische Studenten reisen inzwischen regelmässig für Studien nach Europa, und Griechenland erlangt im europäischen Konsens gegen Ägypten die Unabhängigkeit.

Chronologie (Fortsetzung)

ab 1816
"Nationaler" Staatsaufbau Ägyptens unter Muhammad ‘Ali

Ägypten: Monopolisierung des Binnen- und Aussenhandels - Massnahmen gegen europäische Händler
-- Abschirmung des ägyptischen Marktes mit protektionistischer Zoll- und Handelspolitik

-- europäische Kaufleute werden die Privilegien in Recht, Handel und Steuern, die im ganzen osmanischen Reich gelten, in Ägypten aberkannt

-- in der Folge verschwindet der Zwischenhandel, der Staat - die Familie Muhammad ‘Alis - übernimmt den Export in alleiniger Regie (S.372).

Ägypten: Aufbau einer Kriegsmarine und Handelsmarine
mit überwiegend Inselgriechen als Kapitäne und Matrosen (S.372).

Ägypten: Wachsende Strukturprobleme und Widerstand gegen die Monopolwirtschaft
planmässige Ausdünnung der Händler- und Handwerkerschichten und Bauernrevolten und Flucht vor Zwangsmassnahmen. Torpedierung der Staatsbetriebe in den KZ-ähnlichen Betrieben:
-- Sabotage
-- Selbstverstümmelung
-- mangelnde Rohstoffe und unzureichende Versuche eigener technologischer Entwicklung (S.374).

[Muhammad ‘Alis Familie vollzieht in Ägypten eine geistige Verstümmelung an einem grossen Teil
der Bevölkerung, ohne die bewährten landwirtschaftlichen Traditionen zu beachten].

Ägypten: "Industrielle Revolution": Alles Wissen wird importiert - keine eigene Forschung
-- Import qualifizierter Arbeitskräfte
-- Import der Maschinen, die zum Teil nie ausgelastet werden und verrotten
-- Import des Know-how (S.371).

Dazu kommen Kosten
-- für den Ausbau der Infrastruktur
-- für den Import der nicht-landwirtschaftlichen Rohstoffe wie Holz, Kohle, Eisen, Kupfer und Farbstoffe, denn Ägypten hat keine solchen Rohstoffe (S.371).

Dazu:
-- Gründung von Fachschulen unter meist französischer Leitung für Militärwesen, Technik, Medizin, Pharmazie, Veterinärmedizin, Landwirtschaft, Verwaltung und Fremdsprachen
-- mit zahlreichen "Saint-Simonisten"
-- die Gewinne der ägyptischen Monopolbetriebe fliessen in Armee, Kriege und Industrialisierungsprojekte (S.372).

ab 1816-1820
Ägypten: Verstaatlichung des Gewerbes der privaten Textilbetriebe
-- Rohstoffe werden von der Verwaltung gestellt
-- die Fertigprodukte müssen an den Staat abgeliefert werden
-- in der Bevölkerung kommt es zu Widerstand. Die Verstaatlichung lässt Muhammad ‘Ali mit "brutaler Härte gegen die Bevölkerung" durchsetzen (S.371).

ab 1817
Bagdad: Statthalter Da ‘ud Pascha
(S.379)

1818
Arabien: Dar ‘iyya/Riad ägyptisch besetzt, totale Zerstörung - Hinrichtung des Wahhabitenführers ‘Abdallah b. Sa ‘ud in Konstantinopel
(S.375)

1820 ca.
Ägypten: Muhammad ‘Alis Alleinherrschaft
Muhammad ‘Ali lässt Führer konkurrierender Herrscherfamilien vertreiben und hinrichten (S.369).

1820 ca.
Ägypten: Armeekrise: Bauern als Soldaten - Rassismus um Offiziersränge - Torpedierung der ägyptischen Armee durch die Bauern
Französische Offiziere schlagen Muhammad ‘Ali vor, Bauern als Soldaten zu rekrutieren. (S.369-370). Muhammad ‘Ali stimmt zu und verärgert damit die ganze Bevölkerung, die sich aber gegen die Diktatur nicht wehren kann. Der Armeedienst wird zum Schrecken. Torpedierungsversuche sind
-- Bestechung von Beamten
-- Selbstverstümmelung
-- Flucht in andere Länder (S.370).

Trotzdem entsteht durch die Bauernrekrutierung eine erste "ägyptische Armee", wobei aber Ägypter
von den Offiziersrängen ausgeschlossen bleiben. Die Offiziersränge bleiben turko-tscherkessisch und albanisch, wie auch die oberste Verwaltung (S.370).

ab 1820 ca.
Libanon: Kollaboration mit Ägypten gegen die Drusen
Emir Basir II. kollaboriert mit Ägyptens Muhammad ‘Ali. Ägypten setzt bewaffnete Maroniten gegen Drusen ein, um letztere zu vernichten. Damit wird jegliche Koexistenz untergraben (S.385).

ab 1820
GB-Mittlerer Osten: Englands Vertragstaktik am Persischen Golf
-- England-"Piratenküste" (heute: Vereinigte Arabische Emirate): Verträge mit dem lokalen Scheichs (S.422).
-- England-Bahrain: mehrere Abkommen (S.422).

ab 1820 ca.
Arabien: schwache ägyptische Herrschaft
Die ägyptische Kontrolle über Riad geht langsam verloren, weil der ägyptischen Strategie die Beherrschung der ganzen arabischen Halbinsel nicht sehr wichtig ist (S.375-376).

frühes 19. Jh./ 1820 ca.
Mesopotamien: kommt unter verschiedene osmanische Verwaltungen
Der Norden und Nordosten dient dem osmanischen Reich als strategische Pufferzone gegen Persien, immer im Arrangement mit den dortigen mächtigen Familien (S.378).

ab 1820
Ägypten: Beginn der Invasion in den Sudan
-- zur Versklavung der dortigen jungen Männer für die ägyptische Armee
-- zur Beherrschung der afrikanischen Handelsströme (S.373).

ab 1821
Ägypten: Gründung von Staatsfabriken fürs Militär - Zwangskasernierungen und KZ-ähnliche Betriebe
-- für militärisch-industrielle Zwecke und für Armee- und Marine-Uniformen.
-- in Unterägypten: Rekrutierung von ehemaligen Handwerkern, dann auch zunehmend Bauern, Frauen und Kinder
-- oft kommt es zu Zwangsverpflichtungen mit zum Teil KZ-artigen Kasernierungen, damit die Menschen nicht weglaufen (S.371).

Gleichzeitig gilt ein Importverbot für englische Textilien (S.371).

1821/1822
Ägypten: Einführen der langfaserigen Baumwolle in die Landwirtschaft
(S.370)

1822
Konstantinopel-Kairo: Aufforderung des Sultans an Muhammad ‘Ali, die griechische Unabhängigkeits- bewegung in Griechenland zu bekämpfen
In der Folge besetzen Truppen von Muhammad ‘Ali Kreta und Zypern (S.376).

Ende 1822 ca.
Konstantinopel: Einleitung von Militärreformen mit europäischen Offizieren
Nach den Erfolgen der ägyptischen Armee in Griechenland will Sultan Mahmud II. ebensolche Truppenteile und beginnt mit dem Armeeausbau, wirbt europäische Offiziere an, darunter fünf Preussische Offiziere mit Helmuth von Moltke (S.383).

1822-1827
Ägypten: Einmischung in Griechenland - britische Gegenpläne gegen die ägyptische Macht
Muhammad ‘Ali spekuliert auf die Beherrschung des Handels im östlichen Mittelmeerraum durch Besetzung des Peloponnes. Die Einmischung ägyptischer Truppen in Griechenland gegen die griechische Unabhängigkeitsbewegung gefällt Englands Strategen gar nicht. Die englische Diplomatie beginnt, mit anderen europäischen Staaten und mit dem osmanischen Konstantinopel, die ägyptische Militär-, Wirtschaft- und Handelsmacht zu bekämpfen (S.373).

ab 1822 ca.
Ägypten: Weitere Besetzungen entlang der Küste in Richtung Jemen - Beginn der englischen Gegentaktik-- ägyptische Besetzung der ganzen afrikanischen Küste des Roten Meeres
-- Versklavung der jungen Sudanesen für die ägyptische Armee
-- Erwartung von Goldminen und anderer Bodenschätze
-- Kontrolle des Afrikahandels (S.376).

Gold- und Bodenschatzvorkommen erweisen sich als unrentabel, aber die Versklavung der Sudanesen und die Kontrolle des afrikanischen Handels kommt zustande (S.376).

1823
Ägypten: Besetzung des Sudans ist abgeschlossen
(S.376); die Sudanesische Sklavenarmee ist nicht sehr erfolgreich. Die Sklavensoldaten sterben "wie die Fliegen" (S.369).

1824
Arabien: Einrichten eines wahhabitischen Fürstentums
unter der Familie von Sa ‘ud. Ägypten konzentriert sich auf die Handelsprofite des Hedschas und am Roten Meer (S.376).

Ägypten-Griechenland: Truppen von Muhammad ‘Ali besetzen den Peloponnes - Ägypten als "5. Grossmacht"
Muhammad ‘Ali hat dabei den Plan, den Peloponnes mit Hilfe griechischen Wissens als Basis für einen Europa-Handel auszubauen und vom Peloponnes aus mit seinen griechischen Kaufleuten und Seeleuten den ganzen östlichen Mittelmeerhandel unter seine Kontrolle zu bringen (S.376).

Muhammad ‘Ali beginnt, Ägypten neben England, Russland, Österreich und Frankreich als "5. Grossmacht" einzuordnen. Gegenwehr von Europa, v.a. von England (S.377).

ab Mitte 1820-er Jahre/ab 1825 ca.
Ägypten: Machtelite von Muhammad ‘Ali wird zu Grossgrundbesitzern
Die Machtelite von Muhammad ‘Ali beginnt, sich auf dem Land auszubreiten und sich zu einer Schicht von Grossgrundbesitzern zu entwickeln (S.395).

ab 1825
Bagdad: Statthalter Da ‘ud Pascha zeigt Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber
Konstantinopel
(S.379)

ab 1825 ca.
Vorderer Orient: Gelehrtendiskussion über die Entsendung muslimischer Studenten nach Europa
Die Gelehrten stellen Thesen über die religiösen Reformen an. Die Entsendung von Studentenmissionen nach Europa müssten als patriotische Tat gesehen werden, denn sie holen sich das Wissen zurück, das die Europäer früher von den Arabern übernommen haben (S.388).

1826
Ägypten: Abschluss des Baus der Staatsfabriken in Unterägypten - Beginn des Baus von Staatsfabriken auch in Oberägypten
(S.371)

Ägypten/Konstantinopel-Paris: Studienmissionen nach Europa - Nachlernen, keine eigene Forschung
Muhammad ‘Ali schickt erste grosse Studienmission nach Paris, ebenso Sultan Mahmud II: eine erste Studienmission aus osmanischen Kadetten und Studenten (S.383).

Die Studienmission nach Europa sind gedacht zur Schaffung einer technisch-administrativen Elite, v.a. nach Frankreich. Es kommt jedoch nur zur Übernahme von Wissen, keine Fortentwicklung.
(S.372)

1827
England-Ägypten: Englischer Sieg vor Navarino gegen Ägypten - Unabhängigkeit Griechenlands
-- Vernichtung der ägyptischen Flotte von 81 Schiffen

-- Ägyptens Expansion nach Griechenland und seine Grossmachtträume sind vorerst gestorben. Griechenland wird unabhängiges Königreich. Ägypten baut in kurzer Zeit sogleich eine neue Flotte (S.377)

-- Niederlage der ägyptischen Armee auch auf dem Peloponnes (S.373).

Griechenlands Unabhängigkeit hat den "Segen" der vier mitteleuropäischen Grossmächte und wird zugelassen, weil die Türkei dadurch gegen Russland nicht entscheidend geschwächt wird (S.383).

Konstantinopel: Gründung einer französischen medizinischen Lehranstalt
zur Ausbildung von Armeeärzten mit europäischen Lehrern auf Französisch (S.383).


Versuchte Verwaltungsreformen im Osmanischen Reich - ägyptische Expansion bis Kilikiens - französische und englische "Schutzherrschaften" im Libanon - osmanische Wiedergewinnung von Bagdad, Vernichtung der letzten Mamluken - ägyptische Monopolwirtschaft in Syrien, Palästina, Libanon und Kilikien scheitert - eskalierender Streit um Gleichberechtigung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen - ägyptische erfolgreiche Wirtschaft auf "tönernen Füssen" - Englands "Handelsvertrag" mit Konstantinopel und Besetzung von Aden

Zusammenfassung
Im Osmanischen Reich kommen Verwaltungsreformen immer nur so weit voran, wie sie von den Traditionalisten nicht torpediert werden. Ägyptens Muhammad ‘Ali versucht nach der missglückten Ausdehnung nach Griechenland die Besetzung der traditionell ägyptischen Imperialgebiete. Der Feldzug seines Sohnes Ismail und die Herrschaft über Syrien, Palästina, den Libanon und Kilikien gelingt, zudem die Besetzung von Kreta. Gleichzeitig versichern England und Frankreich die "Schutzherrschaften" der Drusen bzw. Maroniten im Libanon, und der osmanischen Armee gewinne die Wiedergewinnung des separatistischen Bagdad. Die letzten Mamluken der Stadt werden vernichtend geschlagen. Ägyptens Ismail Versuch, die ägyptische Monopolwirtschaft auch in Syrien, Palästina, dem Libanon und in Kilikien einzuführen scheitert erbärmlich. Die dortige Bevölkerung lässt sich nicht gleichschalten. Als weitere Massnahme versucht Ismail in den besetzten Gebieten, eine juristische Gleichberechtigung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zustandezubringen, um europäische "Investoren" anzulocken, was eine dauerhafte Auseinandersetzung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zur Folge hat, weil plötzlich viele Nicht-Muslime Regierungsämter in Syrien übernehmen. Währenddessen zeigt Ägypten eine der französischen gleichwertige Handelsbilanz, die allerdings mit der Monopolwirtschaft auf tönernen Füssen der Militärmacht steht. Englands  Taktik versucht weiter, Ägypten mit einem Handelsvertrag mit Konstantinopel und der Besetzung von Aden einzukreisen. Nach einer erneuten Niederlage gegen Ägypten protegieren die europäischen Mächte einen 16-jährigen Sultanssohn, der Reformen im Osmanischen Reich zusagen muss, um an der Macht zu bleiben.

Chronologie (Fortsetzung)

ab 1827 ca.
Konstantinopel: schrittweise Angleichung der Zentralverwaltung an europäische Vorbilder
[soweit keine Torpedierung der Reformen stattfinden] (S.383).

1829
Ägypten-Syrien: Vollendung einer neuen Flotte mit neuem Ziel: Besetzung Syriens
Gebiet des heutigen Syrien, Libanon, Israel, Sinaihalbinsel und Jordanien
-- mit Ausweitung der Provinz Aleppo bis Anatolien
-- mit Provinzunterteilung Aleppo, Damaskus, Tripolis und Sidon mit Sitz in Akkon (S.377).

ab Anfang 1830-er Jahre
Ägypten: erste Schwierigkeiten im ägyptischen Monopolsystem
(S.373)

1830 ca.
Ägypten: Flucht vor dem Armeedienst nach Palästina
6000 ägyptische Bauern/Fellachen flüchten vor der Rekrutierung für die ägyptische Armee und vor Arbeitsdiensten für die Infrastruktur nach Akkon. Diese Tatsache ist für Muhammad ‘Ali ein Grund "einzugreifen" und einen Feldzug gegen Palästina zu veranstalten (S.379).

1830-er Jahre
Ägyptens chancenlose Industrialisierung gegenüber Europa
Ägypten besitzt 7 oder 8 Dampfmaschinen, in England sind es mehr als 10’000.
Dabei ist der Markt ausgeschaltet und Ägypten ist ökonomisch noch der stärkste Teilstaat des osmanischen Reiches.

Das lokale Handwerk ist vernichtet. Der wirtschaftliche Erfolg der Monopolwirtschaft ist sehr anfällig (S.374).

ab 1830-er Jahre
Libanon: Europäische Mächte rivalisieren um "Schutzgarantien"
für die Maroniten und die Drusen. Frankreich "schützt" Maroniten, England "schützt" Drusen (S.386).

Jan 1831
Konstantinopel-Syrien: Osmanische Offensive von Aleppo aus gegen Mesopotamien
um das Mamlukensystem in Bagdad aufzulösen, gegen den Statthalter Da ‘ud Pascha (S.379).

Frühling-Sommer 1831
Bagdad: verheerende Pestepidemie und Hochwasser des Tigris
Von 80’000 Einwohnern überleben 27’000. Die Stadt kann kaum noch Gegenwehr gegen die osmanische Besetzung leisten. Der nach Unabhängigkeit strebende Da ‘ud Pascha will die Stadt trotzdem verteidigen lassen (S.379).

Sommer 1831
Osmanische Invasion in Bagdad - ägyptische Invasion in Palästina und SyrienBagdad: Das osmanische Heer metzelt die Mamluken nieder. Da ‘ud Pascha darf nach Anatolien ins Exil (S.379).

Gleichzeitig: Ägypten-Palästina: Muhammad ‘Ali erklärt, er wolle die flüchtigen Fellachen zurückholen. Die Truppen unter seinem Sohn Ibrahim besetzen Palästina und Syrien. Die Truppen stossen auf Betreiben von Ibrahim bis Konya vor (S.379).

Herbst 1831
Ägypten-Syrien: Ägyptische Offensive gegen Syrien
(S.379)

1831
Palästina: ägyptisch besetzt
(S.409)

Ende 1831
Bagdad: Ende der georgischen Mamlukenherrschaft - lokale Herrschaften und Handelsströme
Nach dem Ende der georgischen Mamlukenherrschaft regieren
-- im Norden von Mesopotamien: kurdische Lokalherren ohne osmanische Kontrolle
-- im Westen und Süden Mesopotamiens: arabische Stammesherrschaften ohne osmanische Kontrolle (S.379).

Ausserdem:
-- die "heiligen Städte" der Schiiten Nadschaf und Kerbela haben ihre eigene Machtstruktur ausserhalb der osmanischen Kontrolle
-- dauernde Perser- und Beduineneinfälle (S.379).

Die Handelsbeziehungen des geteilten Mesopotamien:
-- Mossul hat seine ökonomische Orientierung nach Syrien und Anatolien
-- Bagdad nach Persien
-- Basra nach Indien (S.379).

1831-1840
Ägypten: Besetzung von Syrien und Kilikien
Kilikien wegen dem Holzreichtum und Ägyptens Schiffbauprogrammen (S.373).

Ägypten: Besetzung des Libanon - Verschärfung der Konfrontation zwischen Drusen und Maroniten
(S.378)

Ende 1832
Ägypten-Syrien: Ägyptischer Sieg bei Konya gegen die osmanische Armee
(S.379-380)

ab 1832 ca.
Anatolien-Konstantinopel: Da ‘ud Pascha aus Bagdad bekommt Ämter in Konstantinopel und wird für hohe Staatsdienste eingesetzt
(S.379)

Anfang 1833
Ägypten-Syrien: Invasion in der Türkei bis Kütahya - Friede zwischen Konstantinopel und Ägypten
Heerführer Ibrahim, Sohn von Muhammad ‘Ali, plant den Vormarsch nach Konstantinopel, die Absetzung von Sultan Mahmud II. und die Intronisierung von Abdulmegid (S.380).

Seine Truppen marschieren weiter bis Kütahya, dann stoppt Muhammad ‘Ali den Sohn, weil er sonst Krieg mit Frankreich oder England befürchtet. Muhammad rechnet mit der Unterstützung Frankreichs für Ägypten, wenn seine Forderungen an Konstantinopel bescheidener ausfallen als eine Kapitulation. Muhammad ‘Ali verlangt von Konstantinopel:
-- die Unabhängigkeit
-- die Herrschaft über Kilikien, Syrien und Zypern (S.380).

Durch Intervention der europäischen Grossmächte tritt der Sultan an Ägypten Syrien, Kilikien und Kreta statt Zypern ab. Die Unabhängigkeit wird aber nicht gewährt (S.380).

1833
Konstantinopel: Gründung eines Übersetzungsbüros für türkisch-französische Übersetzungen
das wie die diplomatischen Vertretungen eine Keimzelle für Reformer wird (S.383).

Ägypten: Saint-Simonisten: "Friedensreich" und Suezkanalplan
Reise einer Mission französischer Saint-Simonisten nach Ägypten, um als "Experten" in den Dienst von Muhammad ‘Ali zu treten
-- mit dem Ziel des "Friedensreichs" zwischen Okzident und Orient
-- mit dem Ziel des Anbahnen eines Kanalbaus durch den Isthmus von Suez, um den arabischen Zwischenhandel zwischen Europa und Indien völlig auszuschalten (S.368).

ab 1833
Ägyptens Herrschaft über Syrien, Palästina und Kilikien: Verstaatlichungsversuch scheitert an europäischen Handelsmächten
Muhammad ‘Ali versucht die gleichen Verstaatlichungen und Monopolwirtschaften in Syrien einführen, wie er in Ägypten das Volk versklavt hat. Eine solche Monopolisierung ist aber aufgrund des europäischen Drucks nicht möglich. Es kommt zu
-- intensiver Förderung der Landwirtschaft
-- Anfänge zur Erschliessung von Rohstoffen
-- Anfänge zu Rekrutierungen für die ägyptische Armee
-- Anordnung zur Entwaffnung der Bauern der Bergregionen (S.380).

ab 1833 ca.
Mossul: Bürgerkriegsartige Zustände zwischen den mächtigen Familien
(S.379)

1834
Konstantinopel: Gründung einer Militärakademie
nach dem Modell von St-Cyr mit europäischen Lehrern auf Französisch (S.383).

1834 ca.
Syrien-Ägypten: Proklamation der "Gleichheit" von Christen und Muslimen - Verschärfung des Gegensatzes zwischen Christen, Juden und Muslimen
Ibrahim muss das Land für europäische Staaten attraktiv machen, damit diese "investieren":

-- er proklamiert die "völlige Gleichheit" von Muslimen und Nicht-Muslimen und untersagt jede öffentliche Diskriminierung von Christen und Juden-- Gewährung völliger Religionsfreiheit in Syrien mit Konsuln und Missionaren

-- Etablieren von Nicht-Muslimen in hohen Ämtern Syriens, um den Europäern Sicherheiten zu vermitteln (S.380).

In der Folge kommt es zu Ressentiments in der muslimischen Bevölkerung gegen die aus ihrer Sicht anti-muslimischen Politik (S.380).

Der Gegensatz zwischen Muslimen, Christen und Juden beginnt sich zu verschärfen. Die "Schutzpolitik" der europäischen Mächte sorgt für Eskalationen (S.381).

1834
Palästina: Aufstand schon durch die Ankündigung einer Rekrutierung für die ägyptische Armee
Jegliche Gleichmacherei und Einzug in eine ägyptische Armee scheitert.
(S.380)

Mossul: Entmachtung der Galilis-Familie durch osmanische Truppen
was ihnen durch den dort herrschenden Bürgerkrieg nicht schwer fällt (S.379).

ab 1834
Mesopotamien ist fest in osmanischer Hand
und alle Separatistenbestrebungen niedergeschlagen. Syrien bleibt unter ägyptische Kontrolle (S.379).

Mitte 1830-er Jahre
Ägypten: Gewinnbilanz pro Kopf im Export wie Frankreich
Ägyptens Exportwert zieht mit Frankreich gleich. Über 50 Prozent des Exports fällt auf Baumwolle, 10 Prozent auf Baumwollprodukte (S.372).

[Nur wird der Gewinn von der Regierung gehortet und der einzelne Ägypter hat praktisch nichts davon].

1836
Ägypten: Staatliche Betriebe
29 Spinnereien und Webereien
12 Färbereien
20 Waffen- und Munitionsfabriken
4 Reisschälereien
3 Zuckerraffinerien
1 Fez-Fabrik (Filzhüte)
1 grosse Werft in Alexandrien
1 grosse Druckerei
wobei am Höhepunkt in diesen Fabriken höchstens 200’000 Beschäftigte in diesen Betrieben arbeiten, 4 Prozent der Bevölkerung, 25 Prozent der über 15 Jahre alten Männer (S.371).

1836-1837
Ägypten: Erste Krise des Monopolsystems
(S.373) durch Ausdünnung der Händler- und Handwerkerschicht, die in den staatlichen Betrieben arbeiten muss (S.374).

1838
Ägyptens stolze Bilanz - englische Gegentaktik: England-Konstantinopel: "Handelsvertrag" und "Position" in Palästina
Ägypten: Muhammad ‘Ali ist Chef einer der grössten Armeen seiner Zeit mit 157’000 Mann. Seine Wirtschaft ist eine der erfolgreichsten des Orients [die aber auf "tönernen Füssen" steht] (S.369).

Als Antwort gegen Machtgelüste von Muhammad ‘Ali im östlichen Mittelmeer schliesst England einen "Handelsvertrag" mit Konstantinopel ab (S.381):
-- das osmanische Reich gesteht die Aufhebung aller Monopole zu
-- das osmanische Reich verbietet alle protektionistischen Massnahmen auf seinem Herrschaftsgebiet
-- das osmanische Reich legt Zollsätze für Importe auf 3 Prozent, für Exporte auf 12 Prozent fest (S.373).

Die Schutzzollpolitik ist aufgegeben und der Zusammenbruch des ägyptischen Monopolsystems ist nur eine Frage der Zeit, ist eine erzwungene "Öffnung" Ägyptens zum europäisch beherrschten Weltmarkt (S.373).

England-Palästina: Entsendung eines britischen Konsuls, um "Position zu beziehen" (S.410).

1838
Südlibanon und Hauran: Aufstände gegen die ägyptische Herrschaft
weil Blutfeden diese Gesellschaften durchziehen und eine einheitliche Bewaffnung und Korpsbildung nicht möglich machen (S.380).

1839
Aden: britische Besetzung durch die East India Company
(S.422); der ägyptisch-britische Kampf um die Beherrschung der Küste der arabischen Halbinsel ist eröffnet
(S.376).

Sommer 1839
Konstantinopel: Niederlage bei Nisib gegen Ägypten, Tod von Sultan Mahmud II. - Nachfolger Sultan ‘Abdulmegid
Vernichtende osmanische Niederlage gegen die ägyptische Armee mit dem Tod von Sultan Mahmud II. (bei Nisib, "Orientalische Krise").
Der Admiral des Sultans läuft zusätzlich mit fast der gesamten osmanischen Flotte zu Muhammad ‘Ali über.

->> Eingreifen der mitteleuropäischen Mächte Österreich, Preussen und England, die auf einen Erhalt der Türkei drängen. Sie protegieren den 16-jährigen Sultanssohn ‘Abdulmegid und unterstützen ihn militärisch, woran sie aber Reformbedingungen knüpfen (S.384).


Reformedikt Konstantinopels - erstes Grossgrundbesitzertum - Libanon: Aufstände gegen Ägypten - Traditionalisten blockieren Reformen im osmanischen Reich - europäisches Diktat gegen Ägypten zum Rückzug und Öffnung - kaum Befolgung der Gleichstellung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen - Libanon nach dem Tod von Basir II. im Bürgerkrieg und direkte osmanische Verwaltung - europäische Handelsinvasion in Ägypten - europäische Bestrebungen um das "heilige Land" - erste Handelsgerichte im osmanischen Reich - Dualismus zwischen Fortschrittseuphorie und Traditionalisten

Zusammenfassung
Der 16-jährige Sultanssohn ‘Abdulmegid wird von den europäischen Mächten zur Unterschrift unter ein Reformedikt überredet, so dass im Gegenzug seine Macht erhalten bliebe. Privater Handel mit Grundbesitz führt in der Folge zum Grossgrundbesitzertum der Privilegierten im ganzen Osmanischen Reich, später auch in Ägypten. Traditionalisten blockieren weitere Reformen, wo sie nur können. Währenddessen zeigen Aufstände gegen die ägyptische Herrschaft in Libanon die inakzeptable ägyptische Monopolpolitik in den besetzten Ländern. Ein europäisches Diktat gegen Ägypten zwingt Muhammad ‘Ali 1840 zum Rückzug aus den eroberten Gebieten. Der Wiedereinzug osmanischer Truppen ist jedoch kein Segen für die Länder, weil die umstrittene Gleichberechtigung von Muslimen und Christen die Muslime zurückdrängt. Konstantinopel kontert mit einem neuen Strafgesetzbuch, worin die Gleichberechtigung von Christen und Muslimen explizit noch einmal erwähnt ist, gekoppelt mit christlichen Bemühungen um das "Heilige Land", zum Beispiel der Gründung eines protestantischen Bistums in Jerusalem, obwohl noch gar keine Protestanten in Palästina leben, oder orthodoxen und französisch-katholischen Organisationsgründungen. Der Tod von Basir II. entfacht in Libanon einen Bürgerkrieg zwischen Drusen und Maroniten, der mit einer direkten osmanischen Verwaltung beendet wird. In Ägypten aber beginnt nun die europäische Handelsinvasion, Konstantinopel verkündet ein Handelsgesetz und gründet neuartige Handelsgerichte, und der Dualismus zwischen Fortschrittseuphorie und Traditionalisten wird nicht überwunden, während die Traditionalisten weiter dort Reformen blockieren, wo es nur möglich ist.

Chronologie (Fortsetzung)

Okt 1839 ca. -1861
Konstantinopel: Regierungsantritt des 16-jährigen Sultanssohnes ‘Abdulmegid
-- mit militärischer Unterstützung der mitteleuropäischen Mächte Österreich, Preussen und England
-- mit Reformministern wie Resid Pascha, ‘Ali Pascha und Fu ‘ad Pascha. Es wird ein Reformerlass vorbereitet, der den mitteleuropäischen Mächten gefallen soll (S.384).

3.11.1839
Konstantinopel: Reformedikt durch europäische "Einflüsse"
verkündet von Sultan ‘Abdulmegid, verfasst von Aussenminister Resid Pascha, dem ehemaligen osmanischen Botschafter in Paris. Das Osmanische Reich soll sich als "würdiger" Bündnispartner präsentieren, als Dank für die europäische "Hilfe" Österreichs, Preussens und Englands gegen Ägypten (S.384).

Das Reformedikt weist offensichtliche Parallelen zur "Déclaration des droits de l’Homme et du Citoyen" vom 3.9. 1791 auf mit den Forderungen:
-- Gleichheit aller vor dem Gesetz, Muslime wie Nicht-Muslime
-- Sicherheit des Lebens
-- Schutz der Ehre
-- Schutz des Vermögens
-- Fixierung von Steuern
-- fixierte Dienstzeiten in der Armee
-- festgeschriebene Bedingungen der Aushebung von Soldaten (S.384).

Ende 1830-er/Anf. 1840-er Jahre
Ägypten: Entstehen einer Grossgrundbesitzertums
die politische Macht zu entfalten beginnt und die Öffnung des Marktes anstrebt, um auf eigene Rechnung Exporthandel zu betreiben (S.374).

1840
Libanon/gesamtes Gebirge: Aufstände gegen die ägyptische Herrschaft
gegen die Einberufung in die ägyptische Armee (S.380).

Konstantinopel: Reformvorschriften und Blockade der Reformen
Einführen einer Neuordnung der Provinzverwaltung im osmanischen Reich nach französischem Vorbild: Die Provinzgouverneure bekommen ein "beratendes Gremium"/meglis aus "lokalen Notabeln" zur Seite gestellt.
Die Reform berücksichtigt nicht, dass der Geist in den Notabelnfamilien nicht reformerisch eingestellt ist, denn die Notabeln-Vertreter behindern mit dem "beratenden Gremium" die Durchführung der meisten Reformen (um nicht "europäisiert" zu werden):

-- unterminieren Autonomiestrukturen
-- vermehren die Staatseinnahmen statt mehr Gleichberechtigung zu schaffen
-- verstärken Kontrollen statt Eigenständigkeit und Eigenverantwortung zu fördern
-- die Effizienz wird nicht verbessert (S.384)
-- es geht nur um Machterhalt, v.a. in den Städten Aleppo, Damaskus und Jerusalem, um die Balance zwischen Gouverneuren, Militärkommandanten und einheimischen Notabeln zu halten (S.385)

plus: In den Berggebieten wird das System der Lokalherrschaften wieder zugelassen
->> die Reformen im sozio-ökonomischen Bereich kommen kaum voran (S.385).

1840
Ägypten: Erzwungener Rückzug durch englisches Diktat -

-- Muhammad ‘Ali muss die Eroberungen seiner Armee von 1833 unter vereintem Druck von Konstantinopel, England und Österreich aufgeben. Frankreich hat eine gespaltene Politik
-- Englands Politik zieht einen schwachen Sultan in Konstantinopel vor, der die Russen vom Mittelmeer fernhält und der England alles gewährt, gegenüber einem ägyptischen Imperium, das die Handelswege in der Levante weiter versperren würde
-- Muhammad ‘Ali bleibt nur die Familienherrschaft über Ägypten, den Sudan und die Küsten am Roten Meer (S.381).

Ägyptischer Abzug aus Syrien, Kilikien, Arabien und Kreta
-- und Ali muss seine Armee auf 18’000 Mann reduzieren
-- und Auflösung der Flotte (S.373).

Die Grundpfeiler des ägyptischen Imperiums sind eliminiert (S.373).

[Der Gewinn der Monopolwirtschaft der letzten 20 Jahre ist verspielt, Investitionen in eigene Forschung und Entwicklung ohne Rivalität zu Konstantinopel hätten mehr gebracht. So aber ist alles verloren, wozu aber auch die mitteleuropäischen Mächte ihren Teil beitragen].

Ägypten: Suezkanal von Muhammad ‘Ali abgelehnt - europäische Handelsstandards und informeller Imperialismus
-- Muhammad ‘Ali: lehnt einen Bau eines neuen Suezkanals strikt ab, weil er die Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ägyptens durch Europa befürchtet (S.392)

-- Ägypten bleibt die Kontrolle der ganzen Rotmeerküste bis Jemen (S.376)

-- Englands Politik hilft, das ägyptische Reich Muhammad ‘Alis zu demontieren und die handelspolitische Öffnung durchzusetzen (S.386).

Für Ägypten beginnt die Zeit des "Informellen Imperialismus":
-- erzwungener Freihandel
-- Eindringen europäischen Kapitals (S.419).

Der Versuch der Selbstbehauptung gegenüber Europa fällt in sich zusammen. Ägypten durchläuft "eine geradezu exemplarische Entwicklung zur Unterentwicklung" (S.367).

1840
Libanon: Tod des Emirs Basir II as-Sihabi - Nachfolgestreit zwischen Drusen und Maroniten
der über Jahrzehnte anhält (S.378). Das Fürstentum zerbricht. Der neue Emir hat keine Autorität mehr (S.385).

Ende 1840 ca.
Wiedereinzug der Osmanen in Damaskus
(S.381)

ab 1840
Syrien: türkische Reformpolitik in Syrien auf europäischen Druck hin
dem Reformedikt von 1839 folgend:
-- Gleichstellung der Minderheiten
-- Öffnung für europäische "Penetration" (S.381).

Das Reformedikt wird jedoch kaum befolgt, was die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz angeht. Auch die anderen Reformen kommen nur stockend voran. Es kommt zu dauernden Beschwerden von europäischen Konsuln und Botschaftern, die die ungleichen Behandlungen ihrer Protegés beobachten (S.384).

1840-1860
Libanon/Syrien: Kämpfe zwischen Muslimen und "geschützten" Christen und Juden
Bewaffnete Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft in Regierungskreisen zwischen Christen, Juden und muslimischen Gruppen (S.381).

ab 1840
Ägypten: Aufhebung des Protektionismus und europäische Handels-Invasion
(S.374)
Schrittweise Schaffung der Bedingungen für eine europäische "Penetration"
-- neue Landgesetzgebung
-- Säkularisierung und Europäisierung des Handels-, Verwaltungs-, Zivil- und Strafrechts (S.395).

ab 1840 ca.
Europa-Palästina: Bestrebungen der europäischen Mächte auf das "Heilige Land" - keine europäische Besetzung Palästinas
Die gegenseitigen Bestrebungen der europäischen Mächte, Palästina zu beherrschen, verhindern,
dass Palästina europäisch besetzt wird. Folgen:

-- alle europäischen Mächte geben chrisltichen Gruppen in Palästina reihenweise "Schutzgarantien", um ihre Machtpositionen auszubauen
-- die französischen "Schutzabkommen" für Maroniten existieren ja bereits
-- es kommt zur Förderung weiterer missionarischer und kultureller Aktivitäten von protestantischer und orthodoxer Seite (S.410).

Es existieren in Europa vier geistig-imperiale Strömungen, auf Palästina einzuwirken:

-- England: Interesse einer "restoration of the Jews" im "chiliastischen" Sinn: nach der Rückführung der Juden ins "Heilige Land" und deren Bekehrung zum Christentum werde ein 1000-jähriges Friedensreich anbrechen

-- Katholiken und deutsche Protestanten: vertreten den "friedlichen Kreuzzug" mit "anderen Mitteln": schrittweise "Wiedergewinnung" des "Heiligen Landes" durch religiöse, kulturelle und missionarische Einflussnahme und Kontrolle

-- Europäische Regierungen: streben alle nach einer Kolonisation, gönnen sich aber gegenseitig keine Kolonialisierung, so dass Palästina nie militärisch besetzt wird

-- ab 1880-er Jahre: Zionismus gewisser jüdischer Organisationen Europas (S.411).

Syrien/Libanon: Gründung christlicher Schulen
(S.388) [unter französischen und englischen Patronaten?]

1841
Palästina: Ägyptischer Rückzug - Reformanstrengungen in kleinen Schritten ohne Strukturwandel -
Die Macht der Herrschaft der lokalen Machthaber und der mächtigen Familien wird wieder hergestellt.
Ab 1841 kommt es zu einer verstärkten "Weltmarktintegration", aber zu keinem nennenswerten Strukturwandel (S.409).

Palästina: England und Preussen eröffnen ein protestantisches Bistum in Jerusalem ohne Gläubige
Gleichzeitig eröffnen England und Preussen in Palästina ein protestantisches Bistum in Jerusalem, ohne dass es in Palästina Protestanten gäbe. Das Bistum ist gegen die französische Schutzherrschaft der Katholiken und die russische Schutzherrschaft der orthodoxen Christen gerichtet.

Englands Politik will sogar eine jüdische Schutzherrschaft in Palästina errichten, obwohl noch kaum Juden in Palästina leben (S.410).

Preussen will eine protestantische Schutzherrschaft errichten, ohne dass Protestanten in Palästina siedeln.
Ergo müssen England und Preussen Juden und Protestanten nach Palästina locken, oder Katholiken oder orthodoxe Christen zum Protestantismus oder Judentum bekehren, um ihr Ziel zu erreichen. Der preussische Plan aber sieht vor, Juden zum Protestantismus zu bekehren, um so das protestantische Bistum zum Leben zu erwecken. In der Folge lassen sich orthodoxe Christen zum Protestantismus bekehren. Die wenigen Juden Palästinas aber bleiben bei ihrem Glauben (S.410).

ab 1841
Syrien: Provinz Sidon: Verlegung des Gouverneurssitzes von Akkon nach Beirut
(S.377)

1842
Libanon: Absetzen des letzten Emirs, Einsetzen eines osmanischen Gouverneurs
weckt in Europa Widerstand wegen "Interessen", v.a. in Frankreich
Kompromissvorschlag des österreichischen Staatskanzlers Metternich: Teilung des Libanon in ein maronitisches und ein drusisches Fürstentum. Die Betroffenen werden dabei nicht gefragt (S.385).

1842 ca.
Konstantinopel: Verkündung eines neuen Strafgesetzbuches
mit nochmaliger Betonung der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz (S.384)
aber mit der Scharia als Basis (!) (S.385).

ab 1842
Europa-Palästina: Reaktion der französischen und orthodoxen russischen Präsenzen auf das  protestantische Bistum in Jerusalem: Pläne zur eigenen Verstärkung der Gemeinden, um sie vor anderen Missionen zu "schützen" (S.410-411).

1843
Frankreich-Palästina: Wiederbelebung des Patriarchats in Jerusalem, um "Position zu beziehen"
Wiederbelebung des verwaisten Lateinischen katholischen Patriarchats in Jerusalem durch Frankreich. Einzug eines französischen Konsuls in Jerusalem, um "Position zu beziehen" (S.411).

1.1.1843
Teilung des Libanon entlang der Strasse von Beirut nach Damaskus
im Norden des Libanongebirges verwaltet ein maronitischer Bezirksgouverneur/qa’ im-magam, im Süden ein drusischer. Beide Bezirksgouverneure sollen dem osmanischen Gouverneur in Sidon unterstehen.
Die Strasse von Beirut nach Damaskus soll die Grenze und auch eine Konfessionsgrenze sein (S.385).

Die Teilung scheitert sofort, denn
-- auch im "maronitischen Bezirk" leben Drusen
-- auch im "drusischen Bezirk" leben Maroniten, und zwar mehr als doppelt so viele wie Drusen (S.385).

Die Reibereien um die Staatsform im Libanon gehen weiter, es etabliert sich ein institutionalisierter Antagonismus (S.385) mit "Schutzmacht"-Einflüssen und Anti-Europa-Stimmungen (S.386).

ab 1843 ca.
Ägypten: Zulassen von privatem Bodenbesitz
Muhammad ‘Ali muss privaten Bodenbesitz zulassen. Die bis jetzt bestehenden Grossgrundbesitzer werden im Nachhinein legalisiert, neue kommen hinzu. Der Druck zu einer Öffnung des Landes für den europäisch beherrschten Weltmarkt wächst (S.374).

1845
Libanon: Bürgerkrieg zwischen Maroniten und Drusen um die Staatsform
(S.385)

Konstantinopel: Verluste auf dem Balkan - Gewinne im Vorderen Orient - europäische Einkreisung
Mit der Etablierung der direkten Herrschaften in Mesopotamien, Libanon und am Roten Meer hat man die territorialen Verluste in Europa auf dem Balkan und am Schwarzen Meer kompensiert.

Aber das europäische Vordringen ins Rote Meer und in den Persischen Golf wird immer penetranter. Das Osmanische Reich wird eingekreist, auch weil lange Verwaltungsreformen blockiert werden (S.386).

Ende 1845
Libanon: Neuregelung des Verwaltungssystems
mit gleicher Verteilung der administrativen Aufgaben unter Drusen und Maroniten. Aber die Reibereien gehen weiter (S.385).

1847
Frankreich-Palästina: französisch-lateinischer Patriarch in Jerusalem, um "Position zu beziehen"
Einzug eines französischen Lateinischen Patriarchen in Jerusalem, um "Position zu beziehen". Der französisch-lateinische Patriarch beansprucht das Protektorat über alle Katholiken in Palästina.
In der Folge reagieren Spanien, Italien, Österreich und Deutschland gegen Frankreich, die ihre Katholiken in Palästina selber "schützen" möchten (S.411).

ab 1848
Ägypten: Scharia bleibt tabu
Vizekönig Ismail vermeidet bei Neuerungen die Erwähnung der Scharia, um keine Diskussion darüber aufkommen zu lassen (S.388).

Ägypten: Tod von Muhammad ‘Ali
Die Hoffnung auf Selbstbehauptung im Land wird aber nicht aufgegeben. Seine Nachfolger wollen die Selbstbehauptung durch Öffnung für Europa erreichen (S.387).

1850
Konstantinopel: Verkündung eines ersten Handelsgesetzbuches
-- Einrichten eines ersten Handelsgerichts
-- ist die erste staatliche Gerichtsbarkeit neben derjenigen des Kadi (S.385).

ab 1850 ca.-1876
Ägypten und Konstantinopel: Fortschrittseuphorie
wirtschaftliche und kulturelle "Durchdringung" des arabisch-islamischen Raumes und Fortschrittseuphorie und Reformimpetus (S.366).

ab 1850
Ägypten: Immer stärkeres Grossgrundbesitzertum der Machtelite der Königsfamilie
(S.395)

ab Mitte 19. Jh.
Vorderer Orient: Intellektuelle Auseinandersetzung mi