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Islam-Chronologie: 6. Ismanische, französische und italienische Herrschaft

im Maghreb 1600-1914. Chronologie


von Michael Palomino (2000 / 2005 / 2010)

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aus: Ulrich Haarmann Hg.: "Geschichte der arabischen Welt"; C.H.Beck-Verlag, München 1987

Unter Mitwirkung von Ulrich Haarmann: Einleitung (S.9f.)
-- Albrecht Noth: Früher Islam (S.11-100)
-- Tilman Nagel: Das Kalifat der Abbasiden (S.101-165)
-- Heinz Halm: Die Fatimiden (S.166-199)
-- Heinz Halm: Die Ayyubiden (S.200-216)
-- Ulrich Haarmann: Der arabische Osten im späten Mittelalter 1250-1517 (S.217-263)
-- Hans-Rudolf Singer: Der Maghreb und die Pyrenäenhalbinsel bis zum Ausgang des Mittelalters (S.264-322)
-- Barbara Kellner-Heinkele: Der arabische Osten unter osmanischer Herrschaft 1517-1800 (S.323-364)
-- Alexander Schölch: Der arabische Osten im neunzehnten Jahrhundert 1800-1914 (S.365-431)
-- Helmut Mejcher: Der arabische Osten im zwanzigsten Jahrhundert 1914-1985 (S.432-501)
-- Peter von Sivers: Nordafrika in der Neuzeit (S.502-592)



Chronologie

Vertreibung von Muslimen aus Spanien - arbeitslose Kapitäne betreiben Piraterie - erste Autonomien der Maghrebstaaten von Konstantinopel - Vordrängen Frankreichs im Maghreb-Handel

Zusammenfassung
Nach den grossen Friedensschlüssen der europäischen Mächte werden die von der Kirche terrorisierten und angeblich "nicht katholisierbaren" spanischen Muslime nach Afrika vertrieben. Die Piraterie auf den Meeren entwickelt sich mit der Hilfe arbeitslos gewordener englischer und holländischer Kapitäne weiter mit Fahrten von Afrika bis nach Irland und Island. "Heiligenbewegungen" im Maghreb verbreiten gleichzeitig die These von der "Einheit des Islam", und ein paar Jahrzehnte später bekommen die Maghreb-Staaten Autonomie von Konstantinopel zugestanden. Frankreich beginnt intensive Handelsbeziehungen mit dem Maghreb, der Weizen nach Europa exportiert und unter anderem die Flotten Napoleons versorgt. Die Schiffskapitäne und Beys werden zu Grosskapitalisten im Weizengeschäft, so dass die Piraterie langsam verschwindet. Der Maghreb bleibt bei der alten Form der Landwirtschaft. Änderungen der Methoden werden nicht ausprobiert, weil die Bevölkerung gut ernährt werden kann.

Chronologie (Fortsetzung)

1598
Frankreich-Österreich: Friedensschluss
(S.519)

1598-1621
Spanien: Tod von Philipp II. - Nachfolger: Philipp III.
(S.519, 523)

bis 1600
Waffentechnik: Die Arkebusen sind in allen Heeren der Welt durch Musketen ersetzt.
(S.520)

Waffentechnik: Alle bronzenen Kanonen sind durch billigere gusseiserne Kanonen ersetzt.
(S.520)

Marokko-England: Englischer Vorschlag von Königin Elisabeth für ein gemeinsames Kolonialprojekt in "Amerika" gegen die spanischen Kolonien
Al-Mansur, im Innern schon überfordert, erhofft sich von dem Kolonialprojekt eine politische Verbesserung. Englands Plan: Ansiedlung kaltblütiger Engländer in der nördlichen, Ansiedlung hitzeunempfindlicher marokkanischer Siedler in der südlichen Hemisphäre. Das Projekt scheitert am Geld: Ohne englische Garantien will Sultan al-Mansur keinen finanziellen Beitrag leisten. Der englische Gesandte reist ohne Abkommen ab (S.518).

Maghreb: Technische Gleichstellung mit Europa
Obwohl der Maghreb viel weniger Städte und viel weniger zentralistisch regiert wird, erreicht er mittlerweile gleichwertiges technisch-militärisches Niveau mit Europa. Die Diplomatie zwischen England und Marokko bleibt auch erhalten (S.519).

1600-1650
Muslimische Korsaren im Mittelmeerbesitzen fast 100 Freibeuterschiffe, werden eine grosse Belastung für den Handel und die Küstenbewohner Spaniens und Italiens (S.521).

Kapitäne, Matrosen und Ruderer sind Muslime oder konvertierte Muslime, die Militärkontingente sind osmanische Janitscharen, vor allem aus Anatolien und Rumelien. Ersatz wird auch dort rekrutiert. Zu einer Vermischung zwischen Janitscharen und Berbern kommt es nicht (S.522).

England, Frankreich und Holland schützen sich mehr durch gute Bewaffnung ihrer Schiffe und eigene Angriffe auf Stellungen der nordafrikanischen Küste (weil die Kosten für Kanonen durch Gusseisen statt Bronze sinken). Dadurch können sich später England und Frankreich teure Kaperversicherungen ersparen (S.521).

1600-1700
Maghreb/Algier/Tunis/Tripolis: Die Regierungen rüsten den Korsaren weiter Schiffe aus
(S.524)

1600-1800
Waffentechnik: Suche nach billigeren und schnelleren Waffen
-- Musketen und Kanonen
-- sind inzwischen die zentralen Waffensysteme einer jeden grossen Armee
-- bleiben relativ umständlich und langsam zu handhaben
-- die Treffsicherheit und Durchschlagskraft halten sich in Grenzen
Die grossen europäischen Kolonialimperien forschen weiter, die Waffentechnik zu verbilligen, da die finanziellen Mittel wegen der weit entfernten Kolonien knapp sind (S.520).

1602
Marokko: Gespräche eines Sultanssohnes mit Spanien - Gefängnisstrafe
Der Tod von Sultan al-Mansur ist absehbar. Einer der drei möglichen Tronfolger führt in Vorbereitung seines Sultanats auf eigene Faust Verhandlungen mit Spanien und landet deswegen im Gefängnis. Die zwei anderen Söhne sind Gouverneure in Marrakesch und Fes (S.518).

1603
England-Konstantinopel: Tod von Königin Elisabeth I. und Tod von Sultan Murad III.
(S.519)

Marokko: Tod von Sultan al-Mansur an der Pest - Nachfolger: ist im Gefängnis
Der bestimmte Kronprinz sitzt wegen Kontakten mit Spanien im Gefängnis, die anderen Söhne sind Gouverneure in Fes und Marrakesch.

In der Folge bricht Marokko auseinander (S.518), da ein einheitlicher Beamten- und Verwaltungsapparat im Land fehlt und die mögliche einende Kraft der Andalusier nach Zanhaga und Westafrika deportiert wurden (S.519).

Ein Jahrhundert zentrale Regierung hat in Marokko nicht ausgereicht, um den Zentralstaat emotional zu etablieren (S.518-519).

1603
Tripolis: Erste Autonomie: Ersetzung des türkischen Paschas durch einen örtlichen Gouverneur
Kommandostruktur, Vergünstigungen, Verwaltung, Sprache und Justiz bleiben osmanisch bestimmt. Eine gewisse Autonomie als Regentschaft ist gegeben. Vorbild ist Tunis von 1591 (S.523).

1604
Konstantinopel-Österreich: Friedensschluss
Damit wird das Mittelmeer nun endgültige Grenze zwischen der christlichen und muslimischen Zivilisation (S.519).

ab 1605
Korsarenkrieg trotz Friedensschlüssen - Ablenkung Reformationskriege
Der Krieg zwischen Christen und Muslimen geht in kleiner Form mit Korsaren weiter. Im Grossen sind die europäischen Staaten vor allem mit der Glaubensspaltung und dem Massenrauch und Massenmord an Indianerbevölkerungen in "Amerika" beschäftigt.
Christliche Korsaren werden von Frankreich direkt oder in Malta indirekt ausgerüstet, in Malta durch den Johanniter- oder Malteserorden (S.520).

Anf. 17.Jh./ ab 1605 ca.
Maghreb: Technischer Fortschritt im Schiffsbau produziert "Arbeitslose" - englische und holländische Kapitäne betreiben Piraterie (!)
Ab Ende der grossen muslimisch-christlichen Kriege treten arbeitslose englische und holländische Atlantikkapitäne in christliche und muslimische Korsarenbünde ein und bringen Karavellen-Atlantikschiffe mit ins Mittelmeer mit sturmfestem Längen-Breitenverhältnis 4:1 gegenüber den sturmanfälligen Galeeren mit bis zu 9:1 Längen-Breitenverhältnis (S.521).

Da nun auch Segel immer mehr Sklaven und Ruder ersetzen, kommt es bei den Korsaren auch immer weniger zu Rebellionen, und die Kaperzüge werden effektiver (S.522).

In der Folge sind die Korsaren von Wetter und Jahreszeit unabhängig (S.521-522) und neuartige Segel, die am unteren Ende gerafft werden können, erlauben das Segeln bei jeder Windstärke.
In der Folge dehnen die Korsaren ihre Kaperfahrten mit den holländischen und englischen Kapitänen und den sturmsicheren Schiffen vom Mittelmeer bis nach England, Irland, Island und Neu-Schottland aus.

Da die "Rundschiffe" eine hochwertige Baukunst und Erfahrung erfordern, haben die Korsaren sozusagen ein Monopol im Mittelmeer auf diese Schiffe. Die kombinierten Ruder- und Segelschiffflotten garantieren den Korsaren das Überleben. Die wenigen Ruderer sind auch keine Sklaven mehr. Bei all dem helfen die holländischen und englischen "arbeitslosen" Kapitäne (S.522).

1605-1750 ca.
Maghreb wird zum Korsarenimperium wegen des Waffenmonopols
Die Janitscharen-Korsaren verstehen es, mit den Schiffen und Waffen die Bevölkerung zu beherrschen, ohne grosse Aufstände zu verursachen, mit Verbündeten in den Stämmen des Hinterlandes, denen Steuerrechte abgetreten werden (S.522).

Mischlingssöhne aus türkisch-berberischen Ehen, sogenannte Quloglis/Kulogullari, nehmen die Mittlerstellung in der Verwaltung, im Handwerke oder der Landwirtschaft ein. Die Stärke der Korsaren ist nur mit dem Feuerwaffenprivileg und dem Monopol im grossen Schiffsbau möglich (S.523).

bis 1609
Spanien: muslimische Bevölkerungszunahme als "Gefahr"
Die muslimische Bevölkerung Spaniens hat seit 1563 um 70 Prozent zugenommen. Die Gefahr einer muslimischen Mehrheit besteht um das Ebro-Becken (S.322).

1609
Holland-Österreich: Provisorischer Friede zwischen Holland und Österreich-Habsburg
(S.519)

1609-1614
Spanien: Ausweisungsdekrete der spanischen Krone gegen alle ansässigen Muslime - Massenvertreibung
auch wenn sie bereits Spanisch sprechen. Alle müssen nach Nordafrika auswandern (S.321).

1609/1610
Spanien: Vertreibung von ca. 275’000 Morisken
nach Marokko, Algerien und Tunesien unter Philipp III. Davon erreichen einige 1000 auch die Stadt Salé (S.523). Die "Katholisierung" von Muslimen in Spanien ist gescheitert (S.523-524).

1610
Spanien: Von den Vertreibungen bleiben ca. 25’000 "Neukatholiken" im Lande
(S.524)

Marokko/Salé: Die angekommenen Morisken übernehmen die Macht
vom schwachen Lokalgouverneur und richten einen Diwan ein mit Mitgliedern aus den drei Stadtteilen Rabat, Salé und Zitadelle/Qasba (S.524).

1614
Spanien: Folgen der Vertreibung
für Valencia gravierend, sonst unbedeutend. Es bleiben Spanien arabische Bezeichnungen, geographische Namen, arabisch-stämmige Wörter im Vokabular, und arabische Bauten (S.322).

1622
Marokko-England: Tanger wird englisch
Die Stadt gelangt als Brautgabe der spanischen Königstochter Katharina unter die Herrschaft von Karl II. von England (S.525).

1625
Maghreb: hohe Korsarenbewaffnung
Algier und Tunis besitzen je sechs Galeeren und 60 bzw. 40 Segelschiffe mit 15 bis 60 Kanonen pro Schiff und 30-40 Ruder, dazu Segelboote, die kleinsten mit 4 Kanonen. Die Flotten von Tripolis und Salé/Sala sind kleiner (S.521).

1641
Marokko/Salé: Der Diwan gelangt unter Einfluss eines Lokalheiligen aus dem Religionszentrum Dila’ südlich von Fes
(S.524)

2.Hälfte 17. Jh./ 1650-1700
Algerien/Provinz Oran: der "Heilige" Sidi Sayh
Im Süden der Provinz Oran wirkt der "Heilige" Sidi Sayh, der schliesslich ein Religionszentrum gründet. Seine Glaubensrichtung findet zahlreiche Anhänger (S.556).

ab 1650
Maghreb: Kaperungen werden immer schwieriger
weil die Handelsschiffe immer besser bewaffnet sind (S.521).

ab 1650 ca.
Maghreb: Holz ist da, aber keine Transportwege zur Verarbeitung - Exportprodukte
-- Eichen- und Kiefernholz ist im Atlasgebirge und in der Kabylei viel vorhanden, aber der Transport ist wegen fehlenden Strassen beinahe unmöglich
-- die Korsaren bevorzugen in der Folge importiertes Holz.

Der Geldumlauf besteht nicht mehr aus afrikanischen Goldmünzen, sondern aus Silbermünzen aus Silber der spanische Sklavenkolonien (S.527).

Exportprodukte des Maghreb
das afrikanische Gold wird im Maghreb selbst zu Schmuck verarbeitet, der in Palästina und Ägypten Absatz findet
-- zudem Lederwaren aus Marokko und Filzwaren aus Tunis für den Export nach Palästina/Ägypten
-- Getreide und Olivenöl wird mit Silbergeld abgerechnet (S.527).

Maghreb: Soldzahlung in Geld - Marktstruktur: keine Lehen- oder Steuervergaben mehr - fehlende Transportwege
Die Soldbezahlung erfolgt in Silbergeld. Keine Lehen- oder Steuerrechtsvergabe mehr.
Im inneren Handel tauschen die Nomaden auf den Märkten Datteln und Tiere gegen Getreide und Olivenöl. Die Bauern der Küstenebene haben ökonomische Selbständigkeit durch Eigenwirtschaft (S.527).

Der Staat gibt Finanzhilfe für Investitionen. Dadurch erlangt der Staat erste Kompetenzen zur Koordination der Wirtschaft (S.528).

Die Nomaden, Oasen- und Bergbewohner und Städter müssen ihre Produkte auf Märkten eintauschen (S.527), wobei die Märkte nicht miteinander in Kontakt stehen. So können die Preisunterschiede für dasselbe Produkt gewaltig sein. Die Verzerrung der Preise ist üblich und der Markt uneinheitlich wegen fehlender schneller Transportwege (S.528).

1655 ca. - 1666
Marokko: Die ‘Alawiden beginnen mit der Wiedervereinigung des Landes
von Südosten von Tafilalt her (S.518, 524).

1659
Marokko: Dynastie der ‘Alawiden
(S.518)

Tunis: Erste Autonomie: Ersetzung des türkischen Paschas durch einen örtlichen Gouverneur
Kommandostruktur, Vergünstigungen, Verwaltung, Sprache und Justiz bleiben osmanisch bestimmt. Eine gewisse Autonomie als Regentschaft ist gegeben. Vorbild ist Tunis von 1591.
Damit ist der ganze Maghreb zu osmanischen Regentschaften geworden und keine direkten osmanischen Provinzen mehr (S.523).

um 1660
Waffentechnik: Einführung des Stein- oder Flintenschlosses
so dass der Kammermechanismus zuverlässiger wird.(S.520)

1666-1672
Marokko: Sultanat Mulay ar-Rasid
haben keinen besonderen Stammesrückhalt.

->> das Sultanat behilft sich mit gemischten Truppen aus Ma ‘qil und anderen arabischen und berberischen Einheiten sowie Infanteristen aus den Städten

->> die Stämme stellen die meisten Truppen und erhalten Steuerprivilegien, aber die Rekrutierung ist kompliziert, denn bei jeder Mobilisierung gibt es Stämme oder Städte, die ihre Kontingente verweigern

->> somit ist es beinahe unmöglich, zur Niederschlagung von Stammesrevolten Truppen zu finden (S.524).

1668
Marokko/Salé: gerät unter die Regierung des Sultans Mulay ar-Rasid der ‘Alawidendynastie
Er lässt die Korsaren mit ihren Raubzügen weiter gewähren und beteiligt sich an der Ausrüstung der Piratenschiffe (S.524).

ab 1670 ca.
Maghreb-Piraterie lässt nach
Die Korsarenpiraterie lässt stark nach, so dass in Tunis und Tripolis auch zivile Leute in den Diwanen/Räten Platz finden (S.523).

1672-1727
Marokko: Tod von Sultan Mulayar-Rasid - Nachfolger: Mulay Isma ‘il - Schwarzentruppen "Schwarze Garden"
Marokko rekrutiert Schwarze für die Armee - ob Sklaven oder Freie spielt keine Rolle - mit Bezug auf Präzedenzfälle bei den Sa ‘diern und bei den Fatimiden in Ägypten. Die Schwarzen werden aus Städten und vom Land geholt (S.524) und dort von einem Agenten von den Besitzern abgekauft (S.524-525).

Junge schwarze Sklaven kommen in Meknes in die Handwerkslehre und dann zur Schiess- und Reitausbildung, danach werden sie mit einem Mädchen verheiratet und sollen von nun an die "Schwarzen Garden" bilden. In der Folge entsteht im Untergrund Marokkos schnell Widerstand gegen diese "Schwarzen Garden" (S.525).

ab 1675 ca.
Marokko: Sklavensoldaten "Schwarze Garden": Einsatz im Garnisonsdienst
in den Städten und Qasbas, um die vielfältigen Stämme zu beherrschen.
(S.525)

ab 1680
Marokko: Die "Schwarzen Garden" Marokkos sind die ersten mit Gewehr ausgestatteten Kavalleristen
(S.531)

ab 1680 ca.
Waffenentwicklung: leichtere Musketen
Die Musketen werden so leicht, dass man sie auf Pferden mittragen kann (S.531).

1681-1689
Marokko: Angriffe gegen spanische und englische Festungen im Land
Sultan Mulay Isma ‘il beginnt, die spanischen Festungen und die englisch verwaltete Stadt Tanger anzugreifen. Es ist "sein Dschihad" (S.525).

1689
Marokko: Vertreibung der spanischen Truppen aus den Festungen al-Mahdiyya und Larache/al-’Ara’is und Vertreibung der englischen Verwaltung aus Tanger
Damit ist das Fundament für einen formellen Einheitsstaat geschaffen. Aber der schwelende Widerstand gegen die "Schwarzen Garden" ist stärker. Der Religionsgelehrte in Fes, Scheich Gassus, propagiert:
-- Sultan Mulay Isma ‘il habe freie Muslime versklavt
-- Sultan Mulay Isma ‘il habe Sklaven im "heiligen Krieg" eingesetzt (S.525).

Scheich al-Hasan b. Mas ‘ud al-Yusi (gest. 1691) aus dem Mittleren Atlas bei Sefrou propagiert:
-- die Stammesbevölkerung sei entwaffnet
-- die Stämme können gar nicht mehr am Dschihad teilnehmen (S.525).

In der Folge finden Gassus und Scheich al-Hasan mehr Gehör beim Volk als die Überlegungen des Sultans (S.525)

[und das halbe Land wartet auf den Tod von Sultan Mulay Isma ‘il, um dann wieder loszuschlagen].

bis 18. Jh./ bis 1700
Maghreb: Steuersystem für Bauern: Geld- und Naturalien
Die Bauern müssen ihre Steuern in einem Geld- und Naturalienanteil entrichten, wobei der Naturalienanteil die Versorgung des Herrscherhauses und der Armee sicherstellen soll.
(S.528)

1700
Maghreb: Es kommt immer noch zu Kaperungen zwischen Christen und Muslimen
weil sich für einzelne Länder die Kaperung immer noch lohnt und ein legaler Handel weniger lohnend wäre (S.521).

ab 1700 ca.
Maghreb: Die Stämme bewaffnen sich mit Musketen - Marokko: Bürgerwehren
Die verschiedenen Stämme finden Wege, die leichten Musketen zu kaufen. Gleichzeitig werden viele kleine Waffenschmieden bis in die hohen Täler hinauf angesiedelt.
In Marokkos Städten werden Bürgerwehren gegründet, die oft die Handwerkerschichten vertreten und diesbezügliche Aufstände organisieren (S.531).

1702-1705
Tunesien: Pestepidemie
ohne Quarantäne, aber auch ohne grosse demographische Veränderungen wegen hoher Geburtenrate
(S.529)

1705
Tunis: Gründung einer erblichen Bey-Dynastie der "Husayniden"
Der Kampf zwischen den Kapitänen im Diwan/Rat wird so gering, dass Zivilisten mehr das Sagen haben (S.523).

18. Jh./ ab 1705 ca.
Tunesien: wirtschaftliches Wachstum durch hohe Geburtenrate
(S.529)

ab 18. Jh./ ab 1705 ca.
Maghreb: Erhöhung des Naturalienanteils bei der Bauernsteuer für den Export nach Europa - Beys werden Grosskapitalisten
Der Naturalienanteil bei der Bauernsteuer wird erheblich erhöht und die überschüssigen Mengen von den Janitscharen und Beys gegen Bargeld an die Vertreter der französischen Afrikakompanie verkauft. Die Bauern werden an besten Gütern angesiedelt und müssen unter Aufsicht produzieren. Beys und Janitscharen werden zu koordinierenden Grosskapitalisten (S.528).

Die Beys gehen sogar so weit, die Ländereien temporär an die meistbietenden Bauern zu versteigern. Die Ländereien werden von Landarbeitern bewirtschaftet und die Pacht in Naturalien an den Bey bezahlt. Je nach Regen schwanken die Ernten (S.529).

In Algerien verkaufen die Beduinen eigenmächtig an französische und italienische Getreidehändler. Auf Olivenöl haben die algerischen Beys ein Monopol (S.530).

1711
Libyen/Tripolis: Gründung einer erblichen Bey-Dynastie der "Qaramanlis"
Der Kampf zwischen den Kapitänen im Diwan/Rat wird auch dort so gering, dass Zivilisten mehr das Sagen haben (S.523).

1720
Frankreich: letzte Pestepidemie, Bekämpfung durch Quarantäne
(S.529)

ab 1720 ca.
Handel zwischen Maghreb und Holland/England
Maghreb:
-- Import von Textilien (S.526)
-- Import von mechanischen Produkten, v.a. die von den Janitscharen geschätzten Uhren
-- Schwarzhandel mit englischen Waffen und Bauholz (S.527).

Frankreich-Maghreb: "führende" französische Handelsposition
Frankreich beginnt, sich im Handel zwischen Maghreb und den europäischen Staaten in eine "führende" Position zu drängen:

-- gründen Niederlassungen im Maghreb zum Einkauf von Getreide, Wolle, Leder, Olivenöl und Wachs zur Verarbeitung in der Provence und im Languedoc

-- zum Verkauf von speziellen Stoffen

-- stellen die Transportschiffe für den Handel zwischen dem Maghreb und Palästina/Ägypten: Transport von Gewürzen, Färbemittel und Seite

-- stellen die Transportschiffe für den Handel zwischen dem Maghreb und Spanien: Transport von feiner spanischer Wolle für Tunis’ Mützen- und Hutindustrie (S.526).

1727
Marokko: Tod von Sultan Mulay Isma ‘il - Kampf um die Nachfolge
Die "Schwarzen Garden" schrumpfen rasch und die traditionell privilegierten Stämme kehren an ihre alten Herrschaftspositionen zurück. Marokko bleibt ein dezentrales Land.(S.525)

ab 1727
Marokko: ‘Alawidendynastie kehrt zum System der Stammestruppen zurück
-- die "Schwarzen Garden" werden abgeschafft

-- Ansiedlung der Stammestruppen zwischen Tanger und Fes und bei Meknes, Rabat und Marrakesch, mit Lehen und Steuerbefreiung, leisten Militär- und Garnisonsdienst, sind mehrere 1000 Soldaten der Kavallerie im Nebenberuf

-- prominente Stammesfamilien stellen das Verwaltungspersonal am Sultanhof, mit häufigen Ehen zwischen Sultan und den Töchtern der Stammesfamilien. Die Verwaltung kommt auf ca. 50 Beamte. Mehr ist nicht finanzierbar (S.534).

-- die Stammesführer müssen jeweils die Steuern für einen Stamm abliefern (S.535)

-- die Verwaltung ist so klein, dass sie nur die Küstenebene und die angrenzenden Hügelländer beherrscht (S.537).

Südmarokko: Faktor Karawanen
Im Süden Marokkos herrschen autonome Stämme, die wegen der Karawanen, die in den Gebirgen Südmarokkos bestimmte Pässe passieren müssen, den Staat erpressen können. Der Sultan muss den Stammesführern zum Teil mehr Geschenke machen, als er an Steuern wieder hereinbekommt (S.535).

Nordmarokko: Faktor Clans
In Nord-Marokko herrscht eine "kontrollierte Anarchie". Der Sultan hat keine Autorität. Die Gesellschaft gliedert sich in die Hierarchie Familie-Clan-Stammesoberhaupt. Im Inneren erfolgt die Spaltung, bei Bedrohung von aussen aber immer ein Bündnis. Dadurch kommt es trotz Fehden nie zu einem Chaos (S.535).

Vorherrschende Werte der "kontrollierten Anarchie" im östlichen Hohen Atlas und im Rif-Gebirge sind Ehre und Status, nicht die Produktion. Es ist ein ethnologischer Vorgang, der Marktwirtschaft beinahe unmöglich macht (S.536). Die Stammesführer selber werden zu Randfiguren (S.535).

In ganz Marokko und im ganzen Maghreb existieren Vermittler zwischen Stämmen und Sultanshof, die "Heiligen". Sie hüten Religionszentren oder Heiligengräber, lehren einen zumeist von den Lehren des Mystikers Abu l-Hasan ‘Ali as-Sadili (gest. 1258) abgeleiteten Islam, wobei Varianten und Zusätze existieren, die einander konkurrieren.

In Marokko sind es ca. 500’000 praktizierende Anhänger der verschiedenen "Heiligen" (S.536).

1737
Maghreb: kaum noch Korsarenbewaffnung
Die Flotte von Algier umfasst noch acht Segelschiffe mit 8-10 Kanonen und 9 Ruderbooten. In Tunis, Tripolis und Salé liegen nur wenige Schiffe (S.521).

[Der Vergleich mit 1625 ist frappant].

1740-er Jahre
Maghreb: Auflebendes osmanisches Korsarentum gegen spanische und italienische Küsten
weil die christlichen Korsaren von Frankreich nicht unterstützt werden und auf Malta inaktiv sind (S.521).

1741
Frankreich: Gründung der "Königlichen Afrikakompanie"
-- mit Investitionskapital aus Paris mit Geschäftssitz in Marseille
-- für den Abbau von Korallen vor Ostalgerien für Schmuckmode in Frankreich und Italien sowie den Import von landwirtschaftlichen Produkten (S.526).

1743
Italien: letzte Pestepidemie, Bekämpfung durch Quarantäne
(S.529)

2. Hälfte 18. Jh./ 1.Hälfte 19 .Jh./ ab 1750 ca.
Maghreb: Heiligenzentren mit Zentralisationstendenzen - Kontakte zu den Wahhabiten
-- mit religiösen Scheichs, die eine Weltmission ihrer Version des Glaubens anstreben, z.B. Tiganiyya in Westalgerien und die Sanusiyya in der Cyrenaika/Ostlibyen, die eine wesentlich straffere Organisation aufweisen als die Konkurrenten

-- mit Kontakten zu den Wahhabiten in Zentralarabien und mit Versuchen, für alle islamischen Länder eine zentrale Regierung zu etablieren (S.536).

ab 1750
Marokko: Korsaren stellen mehr und mehr auf legalen Handel um
(S.525). Manchmal werden muslimische Schiffe in christlichen Häfen beraubt oder umgekehrt, oder es werden immer noch Kapitäne als Geiseln genommen. Die "alte Gewohnheit" der Kaperung bricht immer noch durch (S.526).

1753-1774
Tunesien: hervorragende Ernten
(S.529)

1760
Maghreb: Auflebendes osmanisches Korsarentum gegen spanische und italienische Küsten
weil die christlichen Korsaren von Frankreich nicht unterstützt werden und auf Malta inaktiv sind (S.521).

ab 1760 ca.
Maghreb: Marktkoordination mit Europa - Beys werden Grosskapitalisten
Die Regentschaften des Maghreb sind fähig, Märkte zu koordinieren. Wechselwirkungen der Märkte kommen durch entwickelte Transporttechnologien zustande.

Die Beys der Kabylei in Ostalgerien steigen vom blossen Provinzverwalter zum Wirtschaftsunternehmer auf, indem sie den Weizen- und Gerstenanbau immer mehr unter ihre Kontrolle bringen (S.528).

1774-1810
Tunesien: stagnierende Ernten und Inflation
infolge der stagnierenden Ernten: Verfünffachung der Landwirtschaftspreise (S.529).

1784/1785
Tunesien: Pestepidemie
ohne Quarantäne, aber auch ohne grosse demographische Veränderungen wegen hoher Geburtenrate (S.529.

1789-1815
Maghreb: Auflebendes osmanisches Korsarentum gegen spanische und italienische Küstenweil die christlichen Korsaren von Frankreich nicht unterstützt werden und auf Malta inaktiv sind (S.521).

Ende 18. Jh./ 1790 ca.
Algerien/Kabylei: Aufrüstung: Ausbreitung der Musketenmanufaktur
an der Ostküste Algeriens zwischen Algier und Tunis (S.527.

1792-1822
Marokko: Sultan Mulay Sulayman
(S.524)

Ende 18. Jh./ 1795 ca.
Maghreb: kaum Rationalisierung in der Landwirtschaft
Auf dem Land wird nicht rationalisiert. Arbeitssparende Methoden werden nicht angewandt. Der hohe Einsatz bei der Landwirtschaft bleibt trotz erhöhter Anbaufläche erhalten und wird von der wachsenden Bevölkerung geleistet. Die Bevölkerung und die Wirtschaft bleibt wegen der niedrigen Effizienz der Geräte und Methoden kapitalschwach. Die Traditionen überleben dennoch, denn die Menschen leben von der Eigenwirtschaft (S.530).

Anfang 19. Jh./ 1800 ca.
Maghreb: Das Waffenmonopol der Janitscharen ist endgültig überall gebrochen
(S.531)

ab 1805 ca.
Europa: "Industrielle Revolution" schafft in Europa ein gestärktes wirtschaftliches Potential
(S.532). Für die Maghreb-Staaten sind die grossen Investitionen für eine "Industrielle Revolution" unerschwinglich (S.531).

1810-1840
Tunesien: schlechte Ernten
(S.529)


"Industrielle Revolution": Dampfmaschinentechnik und Waffenentwicklung als Trauma für Afrika

Zusammenfassung
Der ganze Maghreb, der von den Grosskapitalisten beherrscht wird, kommt mit der "industriellen Revolution" in ein riesiges Trauma. Europa wird nicht nur waffenmässig, sondern auch auf allen anderen Gebieten technisch überlegen und derart "andersartig", dass sich auf afrikanischer Seite eine Verweigerung einstellt, um die Identität zu bewahren, und auf der europäischen Seite - vor allem Frankreich - eine Überheblichkeit zeigt, die am Ende zu einer Behandlung der Berber als rechtlose Masse führt.

Statt zusammen die Welt mit Vernunft und Austausch zu gestalten, beginnt das französische Militär mit Duldung der französischen Regierungen, Algerien, Tunesien und Marokko als "Siedler"-Kolonien zu verwalten und die einheimische Bevölkerung systematisch zu diskriminieren. Das italienische Kolonialvorhaben in Libyen dauert dagegen nicht sehr lang. Strassen- und Eisenbahnnetze werden nur für die Siedler gebaut. Als Vervollständigung des französischen Kolonialismus-, Dampfmaschinen- und Profitwahns werden im Maghreb französische Gymnasien eingerichtet und Aufstände mit brutalen Bestrafungen und Enteignungen "geahndet".

Die Berber werden in die Verarmung gezwungen oder gehen zum Teil nach Frankreich, um dort - widerwillig - zu überleben. Gleichzeitig teilt Frankreich mit England den Maghreb auf, so wie 1493 die Welt zwischen Portugal und Spanien aufgeteilt worden war. In der Folge werden die Maghreb-Bevölkerung und die Widerstandsführer anfällig für eine "Erneuerung" des Islam als Reaktion auf den christlichen Rassismus der französischen und italienischen Verwaltungen.

Chronologie (Fortsetzung)

Marokko in der Konfrontation mit der "industriellen Revolution" und Europa 1810-1914

1818
Marokko: Verbot der Piraterie
Sultan Mulay Sulayman wird auf europäischen Druck gezwungen, die Korsaren-Piraterie zu verbieten (S.524).

1822-1859
Marokko: Sultan Mulay ‘Abd ar-Rahman
(S.537)

1.Hälfte 19. Jh./ 1825 ca.
Maghreb: Bevölkerungszahlen im Vergleich mit England - Maghreb "braucht keine" "industrielle Revolution"
-- Marokko: ca. 3,5 Mio. Einwohner, davon 200’000 in Städten. Fes: ca. 100’000 (S.532)
-- Algerien: ca. 1,5 Mio. Einwohner, davon unter 100’000 in Städten (S.532-533)
-- Libyen: ca. 400’000 Einwohner, davon ca. 70’000 in Städten
-- Tunesien: unter 1Mio. Einwohner, davon 200’000 in Städten. Tunis: ca. 100’000. Insgesamt 21 Städte über 2000 Einwohner (S.533).

Vergleich: England: ist doppelt so gross wie Tunesien: 500 Städte über 2000 Einwohner
-- baut dichtes Transportwesen auf
-- die Dörfer bekommen leichten Zugang zu den städtischen Märkten
-- die Bauern können städtische Waren wie Textilien und Maschinen in der Stadt leicht kaufen und verlieren keine Zeit mit dem Eigenbau (S.533).

Der Maghreb hat spirituell und bevölkerungsmässig keine Chance zur Gegenwehr gegen das industrialisierte Europa:

-- baut kaum ein Transportwesen auf, so dass die Dörfer keinen Marktzugang zu den Städten besitzen
-- die Bauern können kaum städtisch produzierte Waren wie Textilien und Maschinen kaufen
-- die Bauern müssen ihre Geräte selber entwickeln und herstellen, verlieren dadurch sehr viel Zeit und Gewinn

-- die Nachfrage nach Maschinen allgemein bleibt dadurch niedrig und der Handel von Maschinen unterentwickelt

-- ein Bevölkerungsdruck zu den Städten ist auch nicht da, so dass die Verbindungen im Maghreb wichtiger würden
-- die Eigenwirtschaft reicht immer noch aus (S.533).

->> deswegen kommt es in Europa zur "Industrialisierung" und zur grossen Kapitalanhäufung und im Maghreb nicht

->> die Politik im Maghreb baut allenfalls ein paar Strassen und Telegraphenverbindungen zum sichereren und schnelleren Transport der Steuereinnahmen (S.533), was auch die Gehaltsauszahlungen regelmässiger werden lässt. Die Präzision und Beamtenapparate sind mit denjenigen in Europa jedoch nicht vergleichbar (S.534).

1827
Sieg von England und Frankreich gegen die osmanische Flotte bei Navarino
(S.542)

Waffenentwicklung: Entwicklung der Zündpatrone
mit Zündmasse, Pulver und Geschoss. Somit sind Kriege nun auch bei Regen und Nässe führbar (S.531).

ab 1827
Europa: Neue Kriege durch neue europäische Waffen: Europa unterwirft sich die Welt
Es kommt zu neuen Kriegen mit neuen Waffen in Europa und in der ganzen Welt. Die unbewaffneten Völker in der Welt werden immer mehr bedrängt und versklavt (S.532).

5.7.1830
Algier französisch besetzt
(S.552)

1830
Algerien/Marokko: Absetzung des Bey von Oran - Marokko und Frankreich streiten um Oran
Franzosen und Marokko konkurrieren um die Besetzung West-Algeriens. Zur "Sicherheit" schliesst ein französischer General einen Vertrag mit dem Sohn des marokkanischen Emirs Muhyi add-in, ‘Abd al-Qadir, ab. Man versichert sich gegenseitig "konsularische Beziehungen" (S.553).

1831 ca.
Frankreich: Algier bleibt besetzt - Franzosen, Marokko und Widerstand wollen Oran
Die Regierung Louis-Philippe entscheidet endgültig, Algier zu behalten. Westalgerien mit Oran wird von drei Seiten begehrt: von Frankreich, dem Algerierführer Ahmad und Marokko mit Truppen unter ‘Abd al-Qadir, dem Emirsohn. Alle drei Seiten rüsten auf, um Oran zu besetzen (S.553).

1832
Marokko-Frankreich: Vertrag über Gewehrlieferungen an Marokko
Muhyi ad-din, Stellvertreter und Emir des Sultans von Marokko und Leiter eines Religionszentrums in Westalgerien, kann mit der französischen Seite einen Vertrag über Gewehrlieferungen abschliessen. Er spekuliert mit einer marokkanischen Besetzung Westalgeriens, der Provinz Oran (S.554).

ab 1832
Algerien: Widerstand: Beginn des Kampfes gegen Frankreich unter Ahmad, ein Bey von Constantine
(S.553)

1832-1840
Marokko-Algerien: Marokkanische Armee
Dem Emir ‘Abd al-Qadir gelingt die Aufstellung von knapp 10’000 Soldaten, mit offiziell gekauften französischen und geschmuggelten englischen Gewehren ausgerüstet, ca. 20 Kanonen und 54’000 Reiter Stammestruppen, obwohl der Staatsschatz nur 1,5 Mio. Franken und ein paar Getreidesilos beträgt. Aufbau von Fabriken, auch für Weberei und Waffen. Marokko gelingt somit der "Anschluss" an die europäische Waffentechnologie (S.554).

1835
Waffenentwicklung: Erfindung des "Hinterladers"
durch den Preussen Nikolaus von Dreyse. Für die europäischen Militärs beginnt damit "ein neues Zeitalter". Schiessen ist nun auch im Liegen oder vom Pferd aus möglich (S.531).

1836
Algerien: Französische Belagerung von Constantine wird vom Widerstand unter Ahmad abgewehrt
(S.553)

1837
Algerien-Marokko: Grenzvertrag von Tafna - französische Besetzung von Constantine
Dem Emirsohn ‘Abd al-Qadir gelingt der Vertrag von Tagna, der die französischen Grenzen festlegt. Ahmad und der algerische Widerstand bleiben unerwähnt. Somit soll Ostalgerien mit Oran marokkanisches Gebiet sein.

Noch im selben Jahr gelingt französischen Truppen die Besetzung von Constantine im zweiten Anlauf (S.553) und zwingen den algerischen Widerstand unter Bey Ahmad zum Rückzug in den Süden (S.553-554).

Ahmad ist so stolz, dass er sich nicht mit Marokko gegen die Franzosen verbündet, was wieder den Franzosen entgegenkommt.
Marokkos Truppen bemühen sich in der Folge allein um Vorstösse gegen die Franzosen, die alle abgewehrt werden (S.554).

Mai 1840
Frankreich: Französischer Militärplan zur vollen Besetzung von Algerien
verfochten von General Bugeaud. Er "bearbeitet" die französische Regierung in seinem Sinn (S.554).

Dez 1840
Algerien/Marokko: General Bugeaud wird zum Gouverneur über Algerien ernannt, das noch gar nicht französisch istDer Widerstand der französischen Regierung gegen eine weitere Expansion in Algerien ist gebrochen. Planung der Besetzung Westalgeriens gegen Marokko (S.554).

1841-1847
Marokko verteidigt Westalgerien
Marokko kann Westalgerien unter Wesir ‘Abd al-Qadir gegen die französische aggressive Armee verteidigen (S.554).

1842 ca.
Marokko-Algerien: Planung der Invasion in Algerien gegen die brutalen französischen Militärs
Sultan ‘Abd ar-Rahman plant mit Unterstützung des algerischen Emirs Abd al-Qadir eine Invasion gegen die brutalen französischen Militärs in Algerien (S.537).

1844
Marokko-Algerien: Marokkanische Invasion misslingt
Französischer Sieg gegen Marokkos Regierungsarmee unter Mulay ‘Abd ar-Rahman (S.537).

ab 1844
Marokko: Versuch der Aufrüstung mit europäischen Offizieren als Ausbilder: Fehlschlag
Sultan ‘Abd ar-Rahman rekrutiert eine Infanterie und eine Artillerie von ca. 7000 Soldaten aus der Bevölkerung und lässt sie von europäischen Offizieren ausbilden. Die 7000 werden aber keine schlagkräftige Truppe und "versagen" sogar bei der "Lösung" innerer marokkanischer Konflikte.

Die mehreren 10’000 Mann Stammesreiter verweigern dem Sultan den Dienst (S.537).

Okt 1847 ca.
Marokko: Der Sultan lässt den Wesir ‘Abd al-Qadir in Westalgerien "im Stich"
(S.554)

23.10.1847
Westalgerien: Sieg des französischen Heeres gegen Marokko
Vertreibung der Marokkaner (S.554).

ab 2.Hälfte 19. Jh./ ab 1850 ca.
Süd-Marokko: Handel und Waffenimporte am Sultan vorbei
Bestimmten Stammesfamilien in Süd-Marokko wie den Glawis, Mtuggis und Gundafis gelingt es, Handelsgeschäfte am Sultan vorbei aufzuziehen. Sie tauschen Leder und Wolle gegen europäische moderne Waffen und Gebrauchsgüter und werden so zu Konkurrenten der Sultane in Marrakesch. Die Verwaltung in Marokko hat die finanziellen Mittel zur Kontrolle der Stämme nicht (S.535).

1856-1861
Marokko: "Handelsverträge" im "Sinne der Europäer"
Marokko schliesst Handelsverträge mit europäischen Staaten ab:
-- die die Monopole des Sultans reduzieren
-- die europäischen Landkauf in Marokko zulassen
-- die Europäer in den Küstenstädten werden von allen nicht-kommerziellen Steuern befreit
-- die Europäer in den Küstenstädten werden von der Justiz des Sultans ausgenommen

->> ist "Liberalisierung" in europäischem Sinn

->> der Sultan büsst beträchtliche Steuereinnahmen ein und sein ohnehin schwacher Staatsapparat ist weiter geschwächt

->> die Verkehrswege fehlen weiterhin und eine Exportproduktion ins Landesinnern findet nicht statt, so dass das Handelsdefizit stetig zunimmt (S.540).

1859-1873
Marokko: Sultan Mulay Muhammad
(S.537)

ab 1859
Marokko: Neue Waffen aus Europa - eigene Waffenfabriken - Anlage von Plantagen und Maschinenkäufe - keine Verkehrswege
(S.537-538)

-- Marokko kauft neue europäische Waffen und lässt eine Fabrik für Artilleriegeschosse in Marrakesch und eine für Gewehre in Fes bauen. Ausserdem Kauf von sechs europäischen Kriegsdampfern und Errichtung moderner Verteidigungsbatterien an der Küste

-- industrielle Investitionen wie Rohrzucker- und Baumwollplantagen, Dampfmühlen, Druckereien und Bergwerke

-- nur: Die Verkehrswege für schnellen Massentransport werden nicht erstellt, so dass die Transporte auf Pferden und Eseln unerschwinglich bleiben und der Transport einer Tonne Wolle von Marrakesch zum nächsten Hafen Essaouira z.B. mehr kostet - 92 Franken - als der Schiffstransport von Essaouira nach Marseille: 88 Franken

-- die Landwirtschaft ist weiter auf die Provinz beschränkt und bleibt unentwickelt. Die Selbstproduktion bleibt ohne äussere Impulse bestehen. Die Städte an der Küste haben derweil Zulauf aus dem Land. Insgesamt verdoppelt sich die Zahl der Küstenbewohner bei nur geringer europäischer Einwanderung (S.538).

Die Preisverzerrungen der Märkte in Marokko bleiben durch die fehlenden Verbindungen erhalten, sowohl in Küstenstädten wie auf dem Land (S.540).

1859/1860
Spanisch-marokkanischer Krieg
(S.540)

1860-er Jahre
Waffenentwicklung: Ausbreitung des Hinterladers
über ganz Europa und in die Kolonien und Indianergebiete (S.531).

1864
Marokko: Sultan Mulay Hasan: nimmt bei England eine Anleihe auf zur Begleichung spanischer Reparationsforderungen
(S.540)

1870/1871
Waffenentwicklung: Entwicklung des Mehrfachladers und des Repetiergewehrs" sowie der "selbstspannenden Mauser"
Der Vorderlader ist endgültig out (S.531).

1873-1894
Marokko: Sultan Hasan
(S.537)

1878-1900
Marokko: Handelsdefizit nimmt um jährlich 4 Millionen Franken zu
Es werden neue moderne Waffen angeschafft. Sonstige teure Reformen werden vermieden. Gleichzeitig muss die englische Anleihe zurückbezahlt werden (S.540).

1880-er Jahre
Marokko: Die europäischen "Konsuln" streben in Marokko nach noch mehr "Liberalisierung" des Marktes
(S.540)

ab 1880-er Jahre?
Marokko: Einrichtung der Collèges Franco-Musulmans
in Fes, Rabat, Khemisset, Marrakesch und Azrou mit gemischtem französisch-arabischem Unterricht. Einrichtung französischer Gymnasien (S.577).

1881
Frankreich: Annexion Tunesiens
mit grosser waffenmässigen Überlegenheit, geht viel schneller als noch die Besetzung Algeriens (S.532). Deutschland hält sich zurück (S.541).

1894-1900
Marokko: Tod von Sultan Mulay Hasan - Regent Si Ahmad b. Musa
regiert für den minderjährigen Tronfolger ‘Abd al-’Aziz, verweigert wie Sultan Mulay Hasan alle Reformen der Infrastruktur. Der Staat ist insolvent geworden (S.540).

1894-1897
Marokko: Aufstände
Regent Si Ahmad b. Musa muss gefährliche Stammesrevolten niederwerfen (S.540).

ab 1897
Marokko: das "Pulverfass" soll ohne Strassen und ohne Eisenbahn bleiben
Regent Si Ahmad b. Musa lässt einen Bau einer Infrastruktur u.a. auch deswegen nicht zu, da die Kräfte im Land unkontrollierbar würden, wenn Strassen und Eisenbahnen zur Verfügung ständen. Eine schlechte Infrastruktur ist für ihn eine Sicherheitsgarantie für den Staat (!) (S.540).

Ende 19. Jh.
Waffenentwicklung: Waffen werden nicht mehr von Handwerkern, sondern von Ingenieuren konstruiert
(S.531)

ab Frühjahr 1900
Marokko: Invasionen von französischen und spanischen Armeen - fehlende Strassen als Schutz gegen europäische Armeen
-- französische Truppen beginnen, Wüstengebiete im Südosten Marokkos zu annektieren

-- spanische Truppen beginnen in Mauretanien, von Marokko beanspruchtes Gebiet zu annektieren.
Die Armeen der beiden "Mächte" kommen aber nicht weit, weil keine Infrastruktur zur Verfügung steht. Also ist die fehlende Infrastruktur auch ein Schutz gegen europäische Invasionen, die auf Strassen leicht durchgeführt werden könnten (S.540).

1900-1907
Marokko: Tod von Regent Si Ahmad b. Musa - Amtsantritt von Tronfolger ‘Abd al-’Aziz
widersetzt sich wie sein Vorgänger allen Reformen bei der Infrastruktur (S.540).

1903-1907
Marokko: sogenannte "chaotische Jahre"
(S.540-541)

ab 1903
Marokko: Das Werk "europäischer Handlungsreisender": Korruption
Europäische "Handlungsreisende" machen sich die nationalistischen diplomatischen Vertretungen ihrer jeweiligen Länder in Marokko zu Nutze, die gegen Schmiergeld alles für sie tun und die ganze marokkanische Gesellschaft ebenfalls mit Korruption untergraben (S.540-541) mit engen "Verbindungen" zu den Stammesführern Nordmarokkos, die die Infrastrkturreformen nun plötzlich "befürworten" (S.541).

Die Destabilisierung führt in eine Rebellion des Nordostens unter Buttimara und zu Stammesrebellionen gegen den Eisenbahnbau zwischen Casablanca und einem Steinbruch:

-- die Eisenbahnlinie wird zerstört
-- statt sich zurückzuziehen, lassen die französischen Bauherren die französische Marine ins Land
-- es folgt eine Rebellion unter dem Sultanbruder ‘Abd al-Hafiz im Süden Marokkos. Er lässt sich von den Religionsgelehrten von Fes zum neuen Sultan ausrufen (S.541).

1904
Frankreich/England: "Entente Cordiale" - Frankreich/Spanien: Aufteilung Marokkos
-- "Entente Cordiale": zur Aufteilung der "Einflusssphären" Maghreb und Ägypten
-- Einigung zwischen Frankreich und Spanien auf eine Aufteilung Marokkos in eine nördlich-spanische und eine südlich-französische Zone (S.541).

1906
Konferenz von Algeciras: Deutschland fordert vergeblich ein neutrales Marokko
Deutschland fordert eine internationale Kontrolle über Marokko, Frankreich und Spanien dagegen eine französische. Deutschland argumentiert, es habe in Marokko etwa so viel in die Infrastruktur investiert wie Frankreich, sei aber politisch weit weniger engagiert. Frankreich dominiert an der Konferenz und setzt seine Vorstellung über Marokko durch (S.541).

1909
Marokko: Sturz des Sultans
durch den südmarokkanischen Stammesführer Tihami al-Glawi (S.572).

1911
Deutschland/Frankreich: Äquatorialafrika
Deutschland überredet Frankreich, ein Stück Äquatorialafrika gegen den Verzicht auf alle politischen "Interessen" in Marokko abzugeben (S.541).

1911-1930-er Jahre
Italien: Invasion in Libyen
gelingt nur in den flachen Regionen. Kriege bis 1930-er Jahre (S.532).

3.3.1912-1930-er Jahre
Marokko wird französisches Protektorat
-- Frankreich ist somit für alle Infrastrukturmassnahmen verantwortlich (S.541)
-- die Invasion in Marokko gelingt nur in den flachen Regionen. Die Stämme in den Bergen leisten bis in die 1930-er Jahre Widerstand (S.532).

ab 1912
Marokko-Frankreich: Errichtung einer Generalresidenz unter Aufsicht des französischen "Aussenministeriums"
ohne Konsultativrat. Es herrscht Willkür (S.565).

Marokko: Entwicklung einer auf Export angelegten "Siedlerwirtschaft"
(S.560)

Marokko: Beginn der Unterwerfung der Stämme
im Hohen Atlas. Geldstrafen, Steuerpflicht und Waffenkonfiskation, aber keine Enteignungen (S.564).

Investitionen in Marokko: Attraktivität für Franzosen
wegen
-- geringen Steuern
-- geringen Lohnkosten
-- geringen Sozialabgaben
-- kaum Steuerkontrolle (S.565).

Das Privatkapital beteiligt sich aber kaum daran. Die Investitionen erfolgen zu 2/3 durch den französischen Staat, ohne den Steuerzahler zu fragen (S.565).

1912-1938
Investitionen in Marokko:
-- zu 75 Prozent in die Infrastruktur
-- zu 20 Prozent in den Verwaltungsapparat
-- zu 5 Prozent in Gesundheit und Schulen
-- Landverteilung an "Siedler" von über 1 Mio. ha an 5900 Betriebe, die meist über 300 ha gross sind, davon 10-18 Prozent für die Getreideproduktion

-- Investition in Industrie: Metall, Phosphat, Kohle, Erdöl, wo die zunehmende Bevölkerung Arbeit finden muss, um zu überleben

-- Manko: kaum verarbeitende Industrien (S.565).


Tunesien in der Konfrontation mit der "industriellen Revolution" und Europa 1810-1914

1811
Tunesien: Janitscharenrevolte
(S.542)

ab 1796 ca. bis 1815
Maghreb: Der Mittelmeerhandel ist durch die Revolutionskriege in Europa total gestört
(S.542)

1815
Aachen: Friedensschluss in Europa. Normalisierung der Handelsströme im Mittelmeer
(S.542)

1816
Tunesien: zweite Janitscharenrevolte
(S.542)

1817
Tunesien: Anheben der Steuern, was zu Revolten der besteuerten Landbevölkerung führt
(S.542)

ab 1817 / nach den Revolten
Tunesien: Keine Anwerbung von Janitscharen mehr - eigene Armee zur Steuereintreibung

-- Anwerben von Infanteristen aus der bäuerlichen Bevölkerung der tunesischen Ostküste

-- Aufstellen eines Kavallerieregiments aus Einheimischen und ca. 70 tscherkessischen Mamlukenoffizieren aus dem osmanischen Reich. Befehlshaber ist der Kronprinz

-- die Truppe ist bis zu 16’000 Mann stark mit eigener Mühle, Bäckerei, Kürschnerei und wassergetriebener Textilmanufaktur

-- die Soldaten werden aber auf dem Feld ihrer Väter gebraucht. Das Konzept funktioniert nicht. Der Sold wird nur unregelmässig ausbezahlt

-- Hauptfunktion des Heeres ist die Eintreibung der Steuern bei den südlichen Stämmen zweimal im Jahr. Der Zug des Heeres durch das Land gleicht einem Karneval (S.542)

-- die Steuern werden zwar abkassiert, aber die Ausgaben für Unterkunft und Verpflegung des "Umzugs" sowie Bereicherungen verschlingen regelmässig 2/3 der Steuereinnahmen (S.543).

ab 1817 ca.
Tunesien-Frankreich: Die Beys lassen französische Militärberater ins Land
um die tunesischen Kämpfer in neuen Taktiken und Waffenpraktiken auszubilden (S.542).

1818-1820
Tunesien: Pestepidemie, demographischer Einbruch
(S.541
und Einbruch der Weizenproduktion
keine Exporte mehr, Angreifen der Geldreserven (S.542).

1819
Tunesien: Revolte im Südosten des Landes wegen der hohen Steuern
(S.542)

ab 1820 ca.
Zerfall des Weizenpreises und Olivenölpreises weltweit
Der Schwarzmeerweizen wird ernsthafter Konkurrent (S.542).

1824
Tunesien: Verringerung des Silberanteils des tunesischen Geldes um ein Drittel
(S.542)

Tunesien: Ausnahmsweise Getreideüberschuss, Export
(S.542)

1824-1825
Tunesien: Revolte im Südosten des Landes wegen der hohen Steuern
(S.542)

1825-1864
Tunesien: 6 grosse Revolten wegen den hohen Steuern
(S.542)

1826
Tunesien: Ausnahmsweise Getreideüberschuss, Export
(S.542)

1827
Sieg von England und Frankreich gegen die osmanische Flotte bei Navarino
(S.542)

Waffenentwicklung: Entwicklung der Zündpatrone
mit Zündmasse, Pulver und Geschoss. Somit sind Kriege nun auch bei Regen und Nässe führbar (S.531).

ab 1827
Tunesien: Wiederaufbau der Marine mit Hilfe französischer Offiziere
Kauf von 17 altertümlichen Einheiten, darunter fünf Dampfern, aber Ausbildung von nur vier tunesischen Dampferkapitänen (S.542).

Europa: Neue Kriege durch neue Waffen
Es kommt zu neuen Kriegen mit neuen Waffen in Europa und in der ganzen Welt. Die unbewaffneten Völker in der Welt werden immer mehr bedrängt und versklavt (S.532).

1830-1850
Frankreich: Besetzung Algeriens
dauert lang, weil die französischen Truppen waffentechnisch noch nicht sehr überlegen sind (S.532).

1835
Waffenentwicklung: Erfindung des "Hinterladers"
durch den Preussen Nikolaus von Dreyse. Für die europäischen Militärs beginnt damit "ein neues Zeitalter". Schiessen ist nun auch im Liegen oder vom Pferd aus möglich (S.531).

1836-1856Tunesien: vier Cholera-Wellen
totaler demographischer Einbruch. Die Getreideproduktion sinkt entsprechend, die Bey-Grosskapitalisten müssen Verluste von bis zu 66 Prozent hinnehmen (S.541).

1837-1855
Tunesien: Ahmad Bey
(S.542)

ab 1837
Tunesien: 2/3 der Steuereinnahmen fürs Militär
Das Militär von Ahmad Bey verschlingt zwei Drittel aller Steuereinnahmen, die sowieso nur ein Drittel der möglichen Einnahmen betragen. An der Struktur des zweimal jährlich stattfindenden Militärumzugs und den 2/3-Verlusten ändert sich nichts. Die Bereicherung bleibt im Zusammenhang mit der demographisch angespannten Situation Brauch, und eine Militär- und Verwaltungsreform wird von den entscheidenden Stellen blockiert (S.543).

1840
Tunesien: Gründung einer Kriegsschule
Ahmad Bey gründet mit Hilfe französischer Militärberater eine Kriegsschule. Der erste Direktor ist ein Italiener mit Erfahrung im osmanischen Reich. Unterricht in den "Wissenschaften" und in Französisch. Nur mässiger "Erfolg" (S.542).

1855
Tod von Ahmad Bey
(S.542)

1856
Tunesien: Versuch einer Steuerreform: Einführung der Geldsteuer "magba"

-- Einführung der Geldabgabe "magba": 3 Piaster monatlich, ausser alle erwachsenen Tunesier von Tunis, Kairuan, Sousse/Susa, Monastir und Sfax, Soldaten, Veteranen, Studenten der Zaytuna-Universität, die "privilegiert sind" und weniger bezahlen müssen

-- Abschaffen aller anderen Steuern ausser dem Zehnten, der religiösen Oliven-Abgabe und der Marktrechte

-- Einführen von Gehältern für die zentralen Verwaltungsbeamten und lokalen Steuereinnehmer, wobei die Gehälter von der "magba" finanziert werden sollen

-- Steuern auf Salz, Tabak und Färbemittel werden beibehalten und bleiben Monopol der Regierung (S.543)

-- Bereicherung soll bestraft werden (S.544).

Mitte 19. Jh.
Tunis: Aufschwung der Filzmützenindustrie
weil die osmanischen Militärs von Turban auf Filzmütze umstellen (S.548).

1856
Tunesien: letzte Cholera-Welle
(S.541)

ab 1856
Tunesien: Keine Änderungen bei den Steuerverlusten
Gründe:
-- es fehlt jegliche Infrastruktur zur zuverlässigen Beförderung und Kommunikation, so dass die Steuereinnehmer auf dem Weg weiter Wegegelder bezahlen müssen und die Landbevölkerung weiter von den Städten isoliert bleibt

-- es fehlt eine Zentralbank (S.543)

-- Bereicherung bei den Ältesten/Scheichs findet weiter statt, ohne bestraft zu werden

->> es bleibt alles beim Alten, nur, dass die Bevölkerung nun noch zusätzlich mit einer Steuer belastet wird (S.544).

1857
Tunesien: Fundamentalpakt zur Gleichberechtigung aller Tunesier
(S.544)

[ist ohne Eisenbahn, Strasse und Telegraph eigentlich zwecklos, weil in der Bevölkerung keine Flexibilität vorhanden ist].

1861
Tunesien: Verfassung mit Gewaltenteilung und Legislativrat
Die Gewaltenteilung ist einmalig im islamischen Bereich. Einführung eines Legislativrats. Die Diktatur bleibt jedoch erhalten, denn der Bey kann 40 von 60 Mitglieder des Rates selbst aus den "oberen Notabelnfamilien" von Tunis bestimmen, meist Handwerker.

Der Legislativrat beginnt seine Existenz mit 19 Millionen Franken Schulden. Grosse revolutionäre Projekte sind keine möglich (S.544).

1863
Tunesien: Abschluss einer Auslandsanleihe über knapp 30 Millionen Franken
mit dem Pariser Bankhaus Erlanger. Als Sicherheiten sollen die Geldabgabe "magba" und die garantierte Rückbezahlung von über 200 Prozent dienen.

Noch im gleichen Jahr wird ein Eisenbahnprojekt zwischen Tunis und dem Hafen La Goulette/Halq al-Wad fallengelassen (S.544)

1864
Tunesien: Verdoppelung der "magba"-Steuer zur Rückzahlung der ersten Rate der Auslandsanleihe - Revolten
Praktisch die gesamte Landbevölkerung revoltiert gegen den Staat. Alle Reformen werden eingestellt. Aufheben der Verfassung, Aufhebung des Rates. Niederschlagen der aufständischen Stämme (S.544).

Aufnahme neuer Anleihen von "hilfsbereiten" jungen Bankiers aus Frankreich, England und Italien, die in jeweils nationalistischen Interessen um die Gunst der tunesischen Regierung buhlen und dabei noch Karriere machen wollen (S.545).

1865-1869
Tunesien: Epidemien, Dürren, Hungersnöte lähmen die Regierung
(S.544)

1869
Tunesien: Anwachsen der Auslandschulden auf 160 Millionen Franken
Die jungen Bankiers aus Frankreich, England und Italien drängen bei ihren Regierung auf "Intervention" in Tunesien wegen dem "Prestige" (S.545).

Tunesien: Französisch-englisch-italienische Finanzkommission unter Hayr ad-din
Die tunesische Regierung lässt es zu, dass eine französisch-englisch-italienische Finanzkommission zur "Abwicklung" der 160 Millionen Franken Schulden eingestellt wird. Präsident ist Hayr ad-din, ein tscherkessischer Mamluk, ehemaliger Präsident des Rates, schreibt ein "Reformmanifest": "Der sicherste Pfad zur Kenntnis des Zustandes der Länder" (S.544).

Tunesien: Schliessung der Kriegsschule (gegr. 1840)
(S.542)

1870
Tunesien: Massnahmen von Hayr ad-din
-- Heraufsetzen der magba von 36 auf 40 Piaster
-- Überprüfung der Ländereien und erste Anpassung an die realen Erträge, zum ersten Mal in diesem Jahrhundert
-- Regelung der Beamtenlöhne und ihrer Prozentsätze
-- In der Folge steigt die Hoffnung, aus der Krise zu kommen (S.545.

1871
Tunesien: Ausländische Investitionen für spätere Spekulation
Eine französische Gesellschaft baut ein Telegraphennetz, eine englische Gesellschaft eine Bahnlinie zwischen Tunis und dem Hafen La Goulette (S.545).

1873
Tunesien: der Chef der Finanzkommission Hayr ad-din wird zum Premier ernannt
Gleichzeitig sind Infrastrukturmassnahmen unmöglich, weil viel zu kapitalintensiv. Dagegen plant Hayr ad-din eine Erziehungsreform (S.545).

1875
Tunesien: Erziehungsreform - Ausbildung von Beamten
-- Umgestaltung der Lehrpläne der Zaytuna-Universität

-- Gründung eines Kollegs für die "modernen Wissenschaften": Medrese Sadikia/as-Sadiqiyya, bleibt erfolgreich, mit Möglichkeit zum Weiterstudium in Paris und Konstantinopel, was auch genutzt wird mit Aussicht, qualifiziertes Personal für die Verwaltung und Armee auszubilden

-- die allgemeinen Finanzprobleme bleiben, die Reform ist aber ein "Achtungserfolg" (S.545).

Tunesien: Gründung der arabisch-französischen Sadikia-/Sadiqiyya-Schule
(S.578)

1876
Tunesien: Konzessionsvergabe für Eisenbahnlinie zwischen Tunis und Jandouba an eine französische Firma
(S.545)

1877
Tunesien: Krise durch Eisenbahnkonzession - Beginn wilder Spekulation um Tunesien
Die französische Firma, die die Jandouba-Konzession erworben hat, tritt die Konzession an eine in Algerien tätige Eisenbahnfirma ab. Beide Firmen haben dieselbe Bank in Paris als Gläubiger (S.545-546).

Die Regierung Hayr ad-din weiss jedoch nicht, dass die beiden Firmen über dieselbe Bank bereits ihre Verbindungen haben. Hayr ad-din hat Angst, dass er die Kontrolle über sein Land verlieren würde (da die französische Besatzungsmacht in Algerien absolut brutal vorgeht). Hayr ad-din fordert die Annulierung der Konzession. In der Folge beendet der französische Konsul in Tunis die Unterstützung Hayr ad-dins und erwirkt beim Bey seine Absetzung (S.546).

Die Folgen:
->> europäische Konsuln und Spekulanten beginnen über Tunesien zu wuchern
->> Rückfall ins Bereicherungssystem
->> Einführung eines neuen Rates gelingt wegen mangelnder Einheit nicht
->> die finanzielle Lage wird wieder prekär (S.546).

1877
"Hemisphärenteilung" zwischen Frankreich und England
England bietet Frankreich "freie Hand" in Tunesien an, um selber "freie Hand" in Zypern und Ägypten zu bekommen. Der "Handel" über fremden Boden gelingt (S.546).

ab 1877
Frankreich: Die Wirtschaft will das "Protektorat Tunesien"
Die französischen Kräfte wie Bankiers, Kaufleute und Industrielle aus Paris und Marseille sehen die Chance für ein Protektorat und setzen die französische Regierung unter Druck, um ihren Einsatz in Tunesien nicht zu verlieren. Tunesien soll eine effiziente Verwaltung bekommen und verkehrsmässig erschlossen werden (S.546).

ab 1880
Weizenpreis fällt global jedes Jahr tiefer
(S.547)

1881
Frankreich: Annexion Tunesiens
mit grosser waffenmässigen Überlegenheit. Die Invasion gelingt viel schneller als noch die Besetzung Algeriens (S.532). Deutschland hält sich zurück (S.541).

Tunesien: Schuldenberg provoziert französische Besetzung - Errichtung des Protektorats
-- der französische Steuerzahler bezahlt den Bau der tunesischen Infrastruktur im Dienste "nationalen Ruhms", in einem bankrotten Land
-- die tunesische Verwaltung bekommt französische "Berater"
-- der Bey bekommt einen französischen "Residenzminister"
-- "Berater" und "Residenzminister" garantieren die "französischen Interessen" (S.546

-- Franzosen kaufen über 400’000 ha und Italiener ca. 220’000 ha Land, wobei bei den Franzosen 174 von 331 Ländereien 100-400 ha gross sind und die Mehrheit der französischen Landkäufer nicht in die Ländereien investiert, sondern nur auf einen höheren Verkaufspreis nach der Verkehrserschliessung spekuliert

-- einige französische Siedler pflanzen Reben an, weil in Frankreich gerade die Traubenkrankheit Phylloxera grassiert. Der Weinbau rentiert gut, bis die französischen Reben wieder gesund sind

-- Einführung des modernen Weizenanbaus mit Dampfpflug und Düngung, bringt zuerst hohe Erträge, aber der sterile Unterboden und der fallende Weizenpreis reduziert die Erträge, so dass zum Schluss alle Ländereienbesitzer von Weizenfeldern nur noch auf einen anziehenden Weizenpreis spekulieren, um das Land dann schnell zu verkaufen (S.547).

ab 1881
Tunesien: Entwicklung einer auf Export angelegten "Siedlerwirtschaft"
(S.560)

Tunesien: französischer Rassismus
Schulen, Krankenhäuser und sonstige Infrastruktur steht nur den "Siedlern" zur Verfügung (S.562).

1885
Französischer "Imperialismus": Präsident Jules Ferry verherrlicht die europäische Überlegenheit in Indonesien
Rede Ferrys vor der Nationalversammlung über die Funktion der französischen "Berater": Sivers:
"Diese Berater hatten zur Aufgabe, den Kapitalisten und der Produktion Frankreichs ein unterbevölkertes, technisch und wirtschaftlich rückschrittliches Land exklusiv zu sichern, dessen Ressourcen nicht gewinnbringend genutzt wurden - so erklärte es Ministerpräsident Jules Ferry 1885 ganz unumwunden vor der Pariser Nationalversammlung." (S.546)

ab 1890-er Jahre
Tunesien: Tunesischer Wein hat keine Chance mehr
denn die französische Produktion hat sich erholt.
(S.547)

1890-1906
Tunesien: Zwangsarbeit im Strassenbau - Schienennetz - Verarmung der südlichen Stämme
Ausdehnung des Strassennetzes von 560 auf 3100 km. Bei der Planung haben italienische "Siedler" und die einheimische Bevölkerung kein Mitspracherecht. Der "Arbeitsdienst" der Landbevölkerung wird als Steuerdienst verrechnet. Daneben baut das Militär, ohne hohe Kosten.

Das Bey-Regime hätte also den Strassenbau ohne grosse Schwierigkeit finanzieren und so die Wirtschaft Tunesiens ankurbeln können.

-- Bau eines Schienennetzes von ca. 2000 km, aber nur die Linie Tuns - Algerien in Normalspur (S.547)

-- die Landwirtschaft in den südlichen Steppenregionen verdrängt die nomadische und halbsesshafte Bevölkerung (S.547-548)

-- die Vertriebenen konzentrieren sich in Dörfern und verarmen. Die "Siedler" stellen sie als Tagelöhner an

-- der Staat bietet ihnen keine Alternative an, während die Ländereien der Spekulanten grösser werden (S.548).

1892-1914
Tunesien: Verkauf von Weingütern an italienische Weinbauern - französischer Staat kauft Güter in Tunesien auf
Da die französischen Kolonialisten kaum investieren, kauft die französische Protektoratsbehörde über 400’000 ha Land für französische Siedler selber auf, so dass insgesamt ca. 865’000 ha von 3,2 Mio. ha Ackerland in europäische Hand kommen (S.547).

ab 1895 ca.
Tunesien: Weizenanbau: Die "Siedler" verpachten das Land an Einheimische, die mit kleinen Pfluggeräten arbeiten
(S.547)

1904
Frankreich/England: "Entente Cordiale" - Frankreich/Spanien: Aufteilung Marokkos
-- "Entente Cordiale": zur Aufteilung der "Einflusssphären" Maghreb und Ägypten
-- Einigung zwischen Frankreich und Spanien auf eine Aufteilung Marokkos in eine nördlich-spanische und eine südlich-französische Zone (S.541).

1906
Konferenz von Algeciras: Deutschland fordert vergeblich ein neutrales Marokko
Deutschland fordert eine internationale Kontrolle über Marokko, Frankreich und Spanien dagegen eine französische. Deutschland argumentiert, es habe in Marokko etwa so viel in die Infrastruktur investiert wie Frankreich, sei aber politisch weit weniger engagiert. Frankreich dominiert an der Konferenz und setzt seine Vorstellung über Marokko durch (S.541).

1911
Deutschland/Frankreich: Äquatorialafrika
Deutschland überredet Frankreich, ein Stück Äquatorialafrika gegen den Verzicht auf alle politischen "Interessen" in Marokko abzugeben (S.541).

Italien: Invasion in Libyen gelingt nur in den flachen Regionen
Kriege bis 1930er Jahre (S.532).

3.3.1912
Marokko wird französisches Protektorat
-- Frankreich ist somit für alle Infrastrukturmassnahmen verantwortlich (S.541)
-- die Invasion in Marokko gelingt nur in den flachen Regionen. Die Stämme in den Bergen leisten bis in die 1930er Jahre Widerstand (S.532).


Libyen in der Konfrontation mit der "industriellen Revolution" und Europa 1810-1914

ab 1711
Libyen: kaum "Wirtschaftskraft"
-- kaum fruchtbare Ebenen für Weizenanbau, nur um Tripolis, in den Nafusa-Bergen, im al-Ahdar-Gebirge und um Oasen, v.a. im Fazzan, kaum Steuereinnahmen von Bauern, die Nomaden bezahlen nur Steuern, wenn man mit einer Militärexpedition kommt

-- das Steueraufkommen reicht gerade für den Hof und die Stadt Tripolis (S.548)

-- zusätzliche Importsteuern für die Waren und Sklaven aus Schwarzafrika, die mit Karavanen nach Tripolis gelangen und Ergänzung der Staatskasse mit Horten von Silber und Gold in der Qasba zur Finanzierung des Aussenhandels. Der Pascha-Hof kann sich halten (S.549).

1. Hälfte 19. Jh.
Libyen: Pest und Hungersnöte
(S.549)

1830
Französischer Angriff auf Algier
in der Hoffnung, die wenigen 1000 Janitscharen zu überrumpeln, bevor sie sich mit den Algeriern solidarisieren können (S.549).

ab 1830
Konstantinopel kann die französischen Besetzungen in Nordafrika nicht stoppen
-- Algier ist für einen Gegenangriff zu weit entfernt
-- die osmanische Marine existiert kaum noch
-- in der Folge entscheidet man sich für eine Machtdemonstration in Tripolis (S.550).

1831-1835
Tripolis: schwere Unruhen
(S.550)

1835
Tripolis: Osmanische Besetzung von Tripolis
-- als Machtdemonstration gegen Frankreichs Armee in Algier und auch gegen Muhammad ‘Alis Autonomietendenzen in Ägypten. Die schweren Unruhen in Tripolis gelten als Vorwand

-- Libyen wird wieder zu einer osmanischen Provinz mit einem in Konstantinopel ernannten Gouverneur. Die Eigenwirtschaft der Bauern bleibt unverändert. Sie akzeptieren die Oberherrschaft der Osmanen nicht und beginnen mit Aufständen (S.550).

1836-1856
Libyen: Osmanische Feldzüge gegen Stämme
Die osmanische Militärmacht muss jeden einzelnen Stamm niederkämpfen. Gleichzeitig eröffnen die Osmanen die Wirtschaftsbeziehungen zum Ausland, und da die Osmanen Muslime sind, werden diese auch angenommen. Der Verwaltungsapparat aber bleibt der Landbevölkerung fremd (S.550).

Libyen: Bau der Infrastruktur - Vorschriften
-- Anlegen eines Telegraphennetzes zur Verbesserung der Kommandostruktur
-- nur zögernder Strassenbau (S.550)

-- Landverkauf an Europäer ist verboten, Europäer können nur über Mittelsmänner investieren (S.551)

-- Bereicherung in der türkischen Verwaltung wird durch häufige Versetzungen verhindert
-- der osmanische Gouverneur bekommt einen Verwaltungsrat beigestellt mit 40 Prozent Vertretern der Bevölkerung

-- Einführung von Verwaltungsräten auf städtischer und lokaler Ebene
-- jährliche Steuer nach Konstantinopel
-- einheimischen Kaufleuten bleiben alle Freiheiten des Handels erhalten

-- Sonderregelung in der Cyrenaika mit dem Religionszentrum von Muhammad b. Ali as-Sanusi (S.550) der "Sanusiyya", mystische Bruderschaft mit Ziel der Vereinheitlichung des Weltislams

-- Sanusi, ein Algerier mit Ausbildung in Mekka, der wegen der französischen Besatzung Algeriens nicht mehr nach Algerien zurückkehrt, fördert eine missionarische Glaubensgruppe. Die Cyrenaika bleibt unter Sanusi autonom, solange er die osmanische Oberhoheit anerkennt (S.551).

1888
Cyrenaika wird zur osmanischen Unterprovinz mit Hauptort Benghazi
Gleichzeitig kann die "Sanusiyya" ihren Einfluss mit neuen Religionszentren in die Beduinenregionen ausdehnen (S.551).

Ende 19. Jh.
Italien: Anwachsende Geburtenrate
(S.564)

1904
Frankreich/England: "Entente Cordiale" - Frankreich/Spanien: Aufteilung Marokkos
-- "Entente Cordiale": zur Aufteilung der "Einflusssphären" Maghreb und Ägypten
-- Einigung zwischen Frankreich und Spanien auf eine Aufteilung Marokkos in eine nördlich-spanische und eine südlich-französische Zone (S.541).

1906
Konferenz von Algeciras: Deutschland fordert vergeblich ein neutrales Marokko
Deutschland fordert eine internationale Kontrolle über Marokko, Frankreich und Spanien dagegen eine französische. Deutschland argumentiert, es habe in Marokko etwa so viel in die Infrastruktur investiert wie Frankreich, sei aber politisch weit weniger engagiert. Frankreich dominiert an der Konferenz und setzt seine Vorstellung über Marokko durch (S.541).

1908
Italien/Libyen: Italienische Spekulation in Libyen
mit finanzieller Hilfe des Banco di Roma. Beginn mit Produktion von Getreide, Oliven, Obst und der Futterpflanze Alfalfa/Luzerne. Anschaffen von Ölpressen, Druckereien und Mühlen, finanziert durch den Banco di Roma. Das eingesetzte Kapital bleibt minimal, und somit findet keine Buhlerei der Bankiers Europas um die libysche Regierung statt (S.551).

ab 1908 ca.
Italien-Libyen: Propaganda zur Besetzung Libyens
Die italienischen Militärs beginnen mit Propaganda zur Besetzung Libyens als Rückeroberung einer "alten römischen Provinz", der "Vierten Küste". Die Menschen des Geburtenüberschusses könnten dann dort "Siedler" sein (S.564).

1911-1930-er Jahre
Italien: Invasion in Libyen gelingt nur in den flachen Regionen
Kriege bis 1930er Jahre (S.532).

1911
Deutschland/Frankreich: Äquatorialafrika
Deutschland überredet Frankreich, ein Stück Äquatorialafrika gegen den Verzicht auf alle politischen "Interessen" in Marokko abzugeben (S.541).

ab 1911
Libyen: forcierte italienische Investitionen in die Infrastruktur, erreicht aber kaum Volumen.
(S.560)

3.3.1912
Marokko wird französisches Protektorat
-- Frankreich ist somit für alle Infrastrukturmassnahmen verantwortlich (S.541)
-- die Invasion in Marokko gelingt nur in den flachen Regionen. Die Stämme in den Bergen leisten bis in die 1930er Jahre Widerstand (S.532).

1912
Libyen: Italien besiegt die Osmanen und besetzt Libyen bis an den Fazzan
Organisation des Widerstandes in Fazzan (S.563).

1914
Libyen: Sieg einer Stammeskoalition von sanussi-treuen Stämmen, Zurückdrängen der Italiener an die Küste
Italien ist durch den ausbrechenden Weltkrieg nicht fähig, erneut in Libyen einzugreifen (S.563).


Algerien in der Konfrontation mit der "industriellen Revolution" und Europa 1810-1914

Ende 18. Jh./ 1793-1798
Algerien-Frankreich: Weizenlieferungen
Algerien liefert Weizen nach Südfrankreich und an die französischen Expeditionstruppen unter Napoleon in Italien und Ägypten (S.552).

1798
Algerien: Kredit an Frankreich
Algeriens Bey und die Mittelsmänner Jacob Bacri und Nephtali Busnach gewähren Napoleon eine Stundung der französischen Schulden von 7 Millionen Franken (S.552).

1800
Frankreich: Zurückzahlung der Hälfte des Kredits - Veruntreuung
Frankreich begleicht 3 Millionen Franken der 7 Millionen Franken Schulden an die Mittelsmänner Jacob Bacri und Nephtali Busnach, die das Geld für sich einstecken in der Annahme, dass die Restzahlung auch bald eintreffen werde.

Die zweite Zahlung kommt aber nicht und der Bey in Algerien sieht kein Geld der Rückzahlung. Frankreich wie Bacri und Busnach behaupten, sie seien zahlungsunfähig. Es kommt zur "Zahlungsaffaire" und beide Seiten beginnen mit Drohungen und Aufrüstung gegeneinander (S.552).

um 1800
Algerien/Provinz Oran: Spaltung der Religionsbewegung von Sidi Sayh
Die Religionsbewegung von Sidi Sayh im Süden der Provinz spaltet sich in einen westlichen und einen östlichen Zweig, wobei der östliche Zweig das Religionszentrum unter Si Hamza übernimmt (S.556).

1815-1830
Frankreich: König Karl X.
(S.552)

1818-1830
Algerien: Bey Husayn
Die "Zahlungsaffaire" um den Weizen dauert an und eskaliert (S.552).

1827
Frankreich: König Karl X. verliert die Wahl - die Opposition reizt mit Kolonialdenken - Kompensation mit Algerien
Nach der verlorenen Wahl versucht die liberale Opposition in der Kammer, sich mit dem Vorwurf der "aussenpolitischen Untätigkeit" zu profilieren, wobei die Unabhängigkeit Belgiens und die Grenzen von Lothringen gemeint sind.

Karl X. lenkt die "aussenpolitische Untätigkeit" aber auf Algerien, weil dort grösseres Potential vorhanden ist. Er will einen nächsten Wahlsieg mit einem Feldzug und einer Algerienbesetzung absichern.

Die Liberalen verurteilen in der Folge diesen Plan, aber die Kaufleute in Marseille jubeln, dann würde Algerien an Stabilität gewinnen und mehr Geschäfte möglich werden (S.552).

Algerien-Frankreich: "Fliegenklappenaffaire"
Bey Husayn berührt oder schlägt - nach Quelle verschieden - den französischen Konsul mit einer Fliegenklappe. Die französische Marine reagiert mit der Blockade des Hafens von Algier. Der Krieg um die sechs Millionen Franken ist da.
Frankreich plant die Besetzung Algeriens und wartet auf einen willkommenen Anlass. Der Hafen von Algier bleibt blockiert, wobei die Kosten für die Blockade sehr hoch sind und dadurch wieder politischer Druck in Paris entsteht (S.552).

25.5.1830
Frankreich: Angriff gegen Algerien zur Lösung der "Fliegenklappen"- und "Finanzaffaire"
Ablegen der französischen Kriegsmarine gegen Algerien von Toulon: 37’000 Soldaten und ca. 690 Schiffe, meist angemietete Frachter, darunter sieben Dampfer. Die algerische Seite hat sich auf eine Seeschlacht vor Algier vorbereitet: 26’000 Janitscharen und Quloglis - türkisch-maghrebinische Mischlinge - sowie 16-18’000 Infanteristen (S.552).

14.6.1830
Algerien: Französische Landung westlich von Algier
Französische Landung westlich von Algier und Angriff vom Land aus, womit Bey Husayn nicht gerechnet hat. Kein Aufhalten des algerischen Vormarsches möglich (S.552).

5.7.1830
Algier kapituliert - Raub der Staatskasse - 108 Millionen Franken "verschwinden"
Die französische Armee stürzt sich auf den algerischen Staatsschatz, geschätzte 150 Millionen Franken, gut erwirtschaftet und zusammengehortet durch die osmanische Herrscherklasse (S.552):

-- 50 Millionen Franken verschwinden "spurlos" durch Bereicherung [bei Schweizer Banken?]
-- 100 Millionen Franken gelangen nach Paris
-- davon erreichen 42 Millionen Franken die Pariser Staatskasse [der Rest bei Schweizer Banken?]

-- die Blockade 1827-1830 hat 75 Millionen Franken gekostet. Der französische Steuerzahler bezahlt die Differenz von 33 Millionen Franken (S.553).

Juli 1830
Frankreich: Wahlen: Karl X. dankt ab - Monarchie - Louis-Philippe
Die Wähler votieren weiter liberal. Julirevolution. Karl X. muss abdanken. Etablierung der "Juli-Monarchie" unter Louis-Philippe (S.553).

Sep 1830
Frankreich behält Algier, keine Rückgabe - Unabhängigkeit Belgiens - Widerstand in Algerien
Der "Juli-Monarchie" unter Louis-Philippe ist der Besitz der Stadt Algier peinlich, aber räumen lassen will er sie auch nicht, weil Frankreich den Bestrebungen Englands schon die Unabhängigkeit Belgiens zugesteht. Die englische Seite bleibt gleichzeitig neidisch auf Algier, und Frankreichs Besatzungsarmee beginnt mit ersten Schritten zur Besetzung des Umlands. In Algerien formiert sich erster Widerstand (S.553).

1830
Algerien/Marokko: Absetzung des Bey von Oran - Marokko und Frankreich streiten um Oran
Franzosen und Marokko konkurrieren um die Besetzung West-Algeriens. Zur "Sicherheit" schliesst ein französischer General einen Vertrag mit dem Sohn des marokkanischen Emirs Muhyi add-in, ‘Abd al-Qadir, ab. Man versichert sich gegenseitig "konsularische Beziehungen" (S.553).

1831 ca.
Frankreich: Algier bleibt besetzt - Franzosen, Marokko und der algerische Widerstand wollen Oran
Die Regierung Louis-Philippe entscheidet endgültig, Algier zu behalten. Westalgerien mit Oran wird von drei Seiten begehrt: von Frankreich, dem Algerierführer Ahmad und Marokko mit Truppen unter ‘Abd al-Qadir, dem Emirsohn. Alle drei Seiten rüsten auf, um Oran zu besetzen (S.553).

1832
Marokko-Frankreich: Vertrag über Gewehrlieferungen für Marokko
Muhyi ad-din, Stellvertreter und Emir des Sultans von Marokko und Leiter eines Religionszentrums in Westalgerien, kann mit der französischen Seite einen Vertrag über Gewehrlieferungen abschliessen. Er spekuliert mit einer marokkanischen Besetzung Westalgeriens, der Provinz Oran (S.554).

ab 1832
Algerien: Widerstand: Beginn des Kampfes gegen Frankreich unter Ahmad, ein Bey von Constantine
(S.553)

1832-1840
Marokko-Algerien: Marokkanische Armee
Dem Emir ‘Abd al-Qadir gelingt die Aufstellung von knapp 10’000 Soldaten, mit offiziell gekauften französischen und geschmuggelten englischen Gewehren ausgerüstet, ca. 20 Kanonen und 54’000 Reiter Stammestruppen, obwohl der Staatsschatz nur 1,5 Mio. Franken und ein paar Getreidesilos beträgt. Aufbau von Fabriken, auch für Weberei und Waffen. Marokko gelingt somit der "Anschluss" an die europäische Waffentechnologie (S.554).

1836
Algerien: Französische Belagerung von Constantine wird vom Widerstand unter Ahmad abgewehrt
(S.553)

1837
Algerien-Marokko: Grenzvertrag von Tafna - französische Besetzung von Constantine
Dem Emirsohn ‘Abd al-Qadir gelingt der Vertrag von Tafna, der die französischen Grenzen festlegt. Ahmad und der algerische Widerstand bleibt unerwähnt. Somit soll Ostalgerien mit Oran marokkanisches Gebiet sein.
Noch im selben Jahr gelingt französischen Truppen die Besetzung von Constantine im zweiten Anlauf (S.553) und zwingen den algerischen Widerstand unter Bey Ahmad zum Rückzug in den Süden (S.553-554).

Ahmad ist so stolz, dass er sich nicht mit Marokko gegen die Franzosen verbündet, was wieder den Franzosen entgegenkommt. Marokkos Truppen bemühen sich in der Folge allein um Vorstösse gegen die Franzosen, die alle abgewehrt werden (S.554).

Mai 1840
Frankreich: Französischer Militärplan ist für die vollen Besetzung von Algerien
verfochten von General Bugeaud. Er "bearbeitet" die französische Regierung in seinem Sinn (S.554).

Dez 1840
Algerien: General Bugeaud wird zum Gouverneur über Algerien ernannt, das noch gar nicht französisch regiert wird
Der Widerstand der französischen Regierung gegen eine weitere Expansion in Algerien ist gebrochen. Planung der Besetzung Westalgeriens gegen Marokko (S.554).

ab 1840
Algerien als militärische Kolonie: Stammesführer werden eingespannt
Die Stammesführer werden zu Steuereinziehern und übernehmen den Sicherheitsdienst auf der lokalen Ebene (S.554-555).

Algerien: Versklavung der einheimischen Bevölkerung
die sich für ihre Lieferungen fast nichts kaufen kann (S.559-560).

Algerien: französischer Rassismus
Schulen, Krankenhäuser und sonstige Infrastruktur steht nur den "Siedlern" zur Verfügung (S.562).

1841-1847
Marokko verteidigt Westalgerien
Marokko kann Westalgerien unter Wesir ‘Abd al-Qadir gegen die französische aggressive Armee verteidigen (S.554).

Okt 1847ca.
Marokko: Der Sultan lässt den Wesir ‘Abd al-Qadir in Westalgerien "im Stich"
(S.554)

23.10.1847
Algerien: Sieg des französischen Heeres gegen Marokko
in Westalgerien, Vertreibung der Marokkaner (S.554).

1847/1848-1914
12 Aufstände in Algerien
(S.556)

1848
Algerien: Französische Armeen unterwerfen jeden Widerstand
Widerstandsführer Ahmad unterwirft sich der französischen Armee. Der marokkanische Emir ‘Abd al-Qadir übersiedelt gleichzeitig nach Damaskus und studiert dort bis zu seinem Tod Religion (1883) (S.554).

1850
Algerien: Tod des Widerstandsführers Ahmad
(S.554)

ab 1850 ca.
Algerien: Bevölkerungswachstum der angestammten Bevölkerung: 1,35 Prozent
(S.558)

1850-1900
Algerien: Widerstand der einzelnen Stämme
Die einzelnen Stammesführer organisieren den Widerstand weiter unter Vorstehern von Religionszentren oder "Abenteurern". Es kommt immer wieder zu einzelnen Revolten, die mit aller Gewalt von der französischen Armee niedergeknüppelt werden (S.554).

1853
Algerien/Sahara: Einsetzen von Religionsführer Si Hamza
Si Hamza aus der Provinz Oran wird von den Franzosen als halifa/Stellvertreter in der Sahara eingesetzt (S.556).

1860-er Jahre
Algerien: Einführen der Geldsteuer - Zwang der Bauern zur Marktbindung - Beginn der Urbanisierung
-- die einheimischen Bauernfamilien müssen einen Teil der Ernten auf den Märkten verkaufen, meist unter Preis, da ja verkauft werden muss

-- die Urbanisierung kommt auf Kosten der Bauern in Gang, die indirekt die städtische Wirtschaft mit ihren niedrigen Erntepreisen subventionieren (S.557).

1860-1880
Algerien/Sahara: Französisches Vordringen
mit Strassenbau, Telegraphinstallation und Brunnenbau. Französische "Siedler" beuten die Alfalfa-/Luzerne-Vorkommen aus (S.556).

1863-1887
Algerien: französische Landvermessung und Parzellierung - Beginn der Landspekulation
Aufteilung des Landes in Einzelparzellen und Gemeinschaftsbesitz. Finanzierung der teuren Vermessungen durch spezielle Steuern (S.557).

1864
Algerien/Sahara: Tod von Si Hamza - Nachfolger als halifa der Sahara: der Sohn - Gebietsverkleinerung
Dem Sohn wird das Gebiet verkleinert. Das Protestpotential bleibt vorhanden (S.556).

ab 1865 ca.
Algerien: "Siedler" kaufen Land auf - Dauerkampf um Wald- und Buschland

-- europäische "Siedler" kaufen ca. 380’000 ha Land - Entstehen eines Immobilienmarktes (S.557-558) [von Fremden für Fremde auf fremdem Boden!] (S.558)

-- zudem kommt es zum Dauerkampf zwischen der französischen Verwaltung mit der algerisch angestammten Bevölkerung um Wälder und Buschland. Die französische Vermessung hat zu viel Territorium als Buschland definiert, womit viel Land für die Feldbearbeitung wegfällt (S.558)

-- zudem legt die Bevölkerung jeweils kleine Waldbrände, um die Fruchtbarkeit des Waldbodens für Beeren und Baumfrüchte zu erhöhen. Alle 2-5 Jahre kommt es dabei zu grossen Waldbränden. Die französische Verwaltung verbietet daraufhin alle Brandlegungen und "unbefugten Nutzungen" bei hoher Geldstrafe (S.558).

1868
Frankreich-Algerien: Plan der Umwandlung von einer militärischen in eine zivile Kolonie
(S.554)
-- die Stammesführer, die als Steuereinzieher fungieren, fürchten um Beschneidung ihrer Funktion und Privilegien
-- die Besatzungsarmee schrumpft auf 43’000 Soldaten (S.555).

1870
Deutsch-französischer Krieg: französische Niederlage - Plan des grossen Aufstands in Algerien
-- verzögert die Umwandlung in Algerien von einer militärischen in eine zivile Kolonie
-- Kaiser Napoleon III. ist in preussischer Gefangenschaft
-- ein weiterer Teil der Besatzungsarmee wird aus Algerien abgezogen
-- die Gelegenheit zum Aufstand ist "günstig", denken sich viele Stammesführer (S.555).

Winter 1871
Algerien: grosser Aufstand
ermutigt durch die französische Niederlage in Europa, unter Führung von Bas-Aga Muhammad al-Hagg al Muqrani, ein Angehöriger einer Vertrautenfamilie des Bey von Algier, und unter Scheich al-Haddad vom Religionszentrum der Sadduq des Ordens der Rahmaniyya, gegründet um 1830.

Ausbreiten der Revolte südlich von Constantine, Etablieren eines "Wohlfahrtsrats" im Wad Gir/Oued Ghir. Die französische Armee reicht zum Schutz der Provinzen Algier und Oran nicht aus. Die Besetzung des Constantinois ist völlig unmöglich (S.555).

Der plötzliche Tod des algerischen Aufstandsführers Muqrani in einem Scharmützel bricht dem Aufstand das Rückgrat und bringt die Wende für die Franzosen (S.555).

Ende 1871
Algerien/Sahara: gleichzeitiger Aufstand des Sahara-halifa: Revolte gegen die Gebietsverkleinerung von 1864
(S.556)

Jan 1872
Algerien: Zusammenbruch des Aufstands - Rache: Enteignungen - Emigration - Verarmung
Die Rache der französischen Kolonialregierung ist massiv:

-- Verurteilung von 300 Stammesfraktionen mit 800’000 Algeriern zu einer Gesamtstrafe von fast 35 Millionen Franken

-- Beschlagnahmung von 450’000 Hektar Gärten, Acker- und Weideland

-- "weniger schuldige Algerier" können ihr Land für einen Gesamtbetrag von fast 10 Millionen Franken zurückkaufen

->> 16’000 Algerier wandern nach Tunesien aus
->> 70 Prozent des Besitzes geht verloren
->> elsässische "Siedler" "übernehmen" die beschlagnahmten Ländereien
->> viele Algerier, die nicht auswandern, verarmen und arbeiten als Tagelöhner bei elsässischen "Siedlern" oder erschliessen sich auf früheren Allmenden neues Ackerland (S.555).

ab 1872
Algerien: Entwicklung einer auf Export angelegten "Siedlerwirtschaft"
(S.560)

Algerien: Einrichtung der zivilen Kolonialregierung in Algier
-- zur Errichtung der Infrastruktur in Algerien, v.a. zugunsten der "Siedler":
-- Einsetzung departementaler Generale in Algier, Constantine und Oran
-- in den Bezirken überwachen örtliche Offiziere die Stammesführer bei gegenseitiger Abhängigkeit, mit "bemerkenswerter Kontinuität"
-- die Städte werden zu Zentren der Überwachung der Bevölkerung und zu Zentren der "Siedler"
-- Algerier leisten ihre Schulden und Steuerschulden mit Zwangsarbeit ab (S.557).

1876-1878
Algerien/Sahara: Neues Religionszentrum unter Sidi ‘Amama
Der Westteil der Sidi-Sayh-Bewegung unter Sidi ‘Amama lässt gegen die Franzosen in der Oase Moghar/Mugar Tahatani ein Religionszentrum bauen, um das "Erbe es Gründerheiligen" universalistisch zu "erneuern". Sidi ‘Amama beginnt mit der Propaganda, dass nur die Vereinigung aller Muslime die Voraussetzung für die Vertreibung der Franzosen sein könne (S.556).

Apr 1881
Algerien/Sahara: Ermordung eines französischen Leutnants - Revolte des Sidi ‘Amama
Losbrechen eines Aufstands unter Sidi ‘Amama, bis 1883 (S.556).

1883
Algerien/Sahara: Ende des Aufstands unter Sidi ‘Amama
-- Sidi ‘Amama bekommt in Marokko Asyl. Die Bilanz sind
-- 187 tote Algerier, v.a. Alfalfa-Arbeiter

-- Verurteilung der beteiligten Stämme zu etwa zwei Millionen Franken Strafe.

In der Folge verstärken die französischen Besatzer den Druck auf Südostmarokko, wo noch eine definierte Grenze zwischen Marokko und Algerien existiert. Die französische Regierung verbietet die Besetzung von Südostmarokko (S.556).

1890
Algerien: gebautes Strassen- und Schienennetz für die "Siedler"
umfasst
-- 3000 km nationale, 1500km departementale und 10’000 km lokale Strassen
-- 3000 km Eisenbahn
-- die Linienführung ist für die "Siedler" angelegt, so dass die Konkurrenz der Einheimischen entscheidend behindert ist (S.557).

spätes 19. Jh./ 1890 ca.
Algerien: Bauern investieren in Landmaschinen
-- von ihrem kärglich angesparten Kapital.
-- Ansätze zur Zusammenarbeit für die Organisation des Obst- und Gemüseabsatzes (S.563).

1900
Algerien: Bevölkerungswachstum der einheimischen Bevölkerung - Massnahmen in der Landwirtschaft
Die wachsende Bevölkerung verursacht die Umstellung in der Landwirtschaft von Getreide auf nährstoffreichere Hülsenfrüchte, da keine Flächen zur Vergrösserung der Weizenanbaufläche mehr zur Verfügung stehen (S.558).

Auch: Umstellung auf Gartenpflanzen statt Getreide. Die Intensivierung der Landwirtschaft mit Dünger, Bewässerung und Transportmitteln bewilligt die Kolonialregierung für Einheimische nicht. Dafür bekommen die Pächter von "Siedler"-Gütern und algerische Tagelöhner bei "Siedlern" einen Teil des Überschusses [wie gnädig!] (S.559).

um 1900
Algerien: Bauernverarmung
Fast 3/4 der einheimischen Bauern nagen am Hungertuch. Die Bauern, die sich als Weizenarbeiter bei Pächtern verdingen müssen, haben nur zwei Monate im Jahr Arbeit. Sie denken zwangsläufig an Abwanderung in die Städte (S.567).

1900
Algerien/Südmarokko: Französische Besetzung von Südmarokko
-- gegen den Willen der französischen Regierung
-- Besetzung der Twat/Touat-Oasen
-- in der Folge fordern die aggressiven französischen Militärs die Besetzung ganz Marokkos als Protektorat (S.556.

ab 1902 ca.
Algerien: Landflucht zugunsten des französischen Profits
50’000 algerische Arbeiter arbeiten in algerischen Städten für den Profit von rund 12’000 europäischen Unternehmen wie Mühlen, Ölpressen, Schreinereien, Fassbindereien, Stellmachereien (Wagenbauerei), Sattlereien und Schmieden (S.568).

1904
Frankreich/England: "Entente Cordiale" - Frankreich/Spanien: Aufteilung Marokkos
-- "Entente Cordiale": zur Aufteilung der "Einflusssphären" Maghreb und Ägypten
-- Einigung zwischen Frankreich und Spanien auf eine Aufteilung Marokkos in eine nördlich-spanische und eine südlich-französische Zone (S.541).

1906
Konferenz von Algeciras: Deutschland fordert vergeblich ein neutrales Marokko
Deutschland fordert eine internationale Kontrolle über Marokko, Frankreich und Spanien dagegen eine französische. Deutschland argumentiert, es habe in Marokko etwa so viel in die Infrastruktur investiert wie Frankreich, sei aber politisch weit weniger engagiert. Frankreich dominiert an der Konferenz und setzt seine Vorstellung über Marokko durch (S.541).

ab 1906
Algerien: Beginn der algerischen Emigration nach Frankreich
in der Mehrzahl aus der Kabylei wegen der Verarmung nach dem Aufstand von 1881 (S.559).

1911 ca.
Algerien: Landflucht: auch Frauen arbeiten nun für den französischen Profit
-- 59’000 Arbeiter und 21’000 Arbeiterinnen davon
-- 1000 Hafenarbeiter
-- 4500 Bergleute
-- 19’000 Hilfsdienstleistende, Wächter, Kuriere
-- Arbeiterinnen: sammeln Altkleider, zerreissen diese in Lumpen und bringen sie zu den Aufkäufern (S.568).

1911
Italien: Invasion in Libyen
gelingt nur in den flachen Regionen. Kriege bis 1930er Jahre (S.532).

3.3.1912
Marokko wird französisches Protektorat
-- Frankreich ist somit für alle Infrastrukturmassnahmen verantwortlich (S.541)
-- die Invasion in Marokko gelingt nur in den flachen Regionen. Die Stämme in den Bergen leisten bis in die 1930er Jahre Widerstand (S.532).

bis 1914
Algerien: Emigration von 10-15’000 Algeriern nach Frankreich
vor allem aus der Kabylei. Es fehlt an Investitionen in die einheimische Landwirtschaft. Die Kolonialregierung verweigert diese weiterhin (S.559).

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