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Judentum: Fälschung und Wahrheit im Alten Testament (AT) gemäss Aktenlage und Grabungen

Die neue Identität durch die neue jüdische Geschichte mit Hilfe chronologischer und archäologischer Forschung

15. Die hilflosen Theorien der Landnahme von den 1920er Jahren bis in die 1970er Jahre


von Michael Palomino (2006 / 2010)


aus: Israel Finkelstein / Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel; Deutscher Taschenbuchverlag DTV GmbH & Co. KG, München 2004, zweite Auflage 2005; englische Originalausgabe: "The Bible Unearthed. Archaeology's New Vision of Ancient Israel and the Origin of Its Sacred Texts; The Free Press, a division of Simon & Schuster, Inc., 2001; Deutsche Ausgabe: Verlag C.H.Beck oHG, München 2002


Die verschiedenen Landnahme-Theorien, die alle nicht weiterhelfen

Ab den 1920er Jahren bis 1967 verhindern Kriegshandlungen in Israel-Palästina jegliche Grabung im Westjordanland [Kriege aufgrund des Buches "Der Judenstaat" von Herzl mit Hoffnung auf ein Gross-Israel bis zum Euphrat gemäss 1. Mose 15,18].

Die Archäologie sucht jahrzehntelang nach dem Ursprung der israelitischen Identität am falschen Ort (S.121).

Die Landnahmetheorie von Albrecht Alt: "Friedliche Infiltration" bleibt nicht friedlich

Albrecht Alt stellt in den 1920er Jahren die Theorie auf, die Landnahme habe aus Beduinenwanderungen aus der arabischen Wüste bestanden, und die Israeliten seien eine Gruppe von vielen gewesen (S.116). Bis in die 1970er Jahre glaubt die traditionelle "Wissenschaft" an eine von Albrecht Alt aufgestellt Theorie der "friedlichen Infiltration". Aber:

-- die Gründe für die Infiltration bleiben aber unklar
-- Alt behauptet, die Juden hätten auch gerodet und eine Landwirtschaft begonnen
-- Alt behauptet, mit der Zeit seien die Juden sesshaft geworden und hätten Dörfer gebaut
-- bei wachsender Infiltration sei es zu Kämpfen mit den Kanaanitern gekommen, die im Buch Richter geschildert seien (S.117).

[Schlussfolgerung: Gemäss Albrecht Alt soll das Buch Josua also nicht stimmen, aber das Buch Richter mit seinen Kriegen und Massenmorden aber soll stimmen].


Die Landnahmetheorie mit ägyptischen Quellen kombiniert: Die Apiru und Schasu

Die ägyptischen Quellen berichten von zwei Aussenseitergruppen am Rand der kanaanäisch-städtischen Gesellschaft, die Apiru und die Schasu (S.117).

Die Apiru / Hapiru / Habiru

Die Apiru / Hapiru / Habiru werden in den ägyptischen Quellen (Amarna-Briefe u.a.) sehr negativ dargestellt. Es sind Vertriebene, an den Rand der Gesellschaft gedrängte, Bevölkerungsteile, durch Krieg, Hunger oder schwere Besteuerung oder einen anderen Grund Vertriebene, die in den ägyptischen Quellen geächtet oder als Banditen oder als Söldner dargestellt sind, oder auch als Fremdarbeiter in Ägypten (S.117).

Ein Bündnis mit den Apiru ist in den ägyptischen Quellen der negativste Bündnisfall (S.118).

Gelehrte ziehen eine Verbindung zwischen Apiru und der Bezeichnung Ibri oder Hebräer. Die Gelehrten behaupten eine Zeit lang, die Apiru seien die ältesten Israeliten gewesen (S.118).

Neues Quellenstudium in anderen Regionen ergibt aber eine neue Sachlage: Der Begriff "Apiru" war über 100e von Jahren im ganzen Vorderen Orient bekannt und wahrscheinlich eine soziologische Bezeichnung einer Gesellschaftsschicht oder Berufsschicht. Die Parallele Apiru - Hebräer bleibt hypothetisch und wird unwahrscheinlich (S.118),

[ausser wenn die Juden über den gesamten Vorderen Orient verstreut gewesen wären].

Die Schasu in ägyptischen Quellen


Die Schasu sind in einem Papyrus-Bericht zur Zeit von Ramses III. erwähnt. Den Schasu-Beduinen wird ein ganzes Zeltlager samt Vieh und Besitztümern geplündert, so der Bericht. Schasu sind demnach wahrscheinlich Nomaden mit Schaf- und Ziegenherden im Grenzgebiet zwischen Kanaan und Ostjordanland in der Wüste und im Bergland. Die Schasu hatten auch die Angewohnheit, z.T. bis zum östlichen Nildelta vorzustossen, durch die ägyptischen Festungslinien hindurch (S.118).

[Mose wäre trotzdem nicht möglich gewesen, denn 600.000 unter Verschwörungsverdacht stehende Juden hätte Ägypten sicher nicht ziehen lassen].


Die neuen Landnahmetheorien in den 1970er Jahren von George Mendenhall und Norman Gottwald

Keine Kriege zwischen Hirten und Bauern - die These von der Stadtflucht in die Wälder wegen zu hoher Besteuerung

Die Widersprüche in der Theorie von Albrecht Alt mit der These der Infiltration der Israeliten mit darauf folgenden Kriegen gegen Kanaanäer erfahren erst in den 1970er Jahren ihre wissenschaftliche Antwort. Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen fremden israelitischen Hirten und ansässigen kanaanäischen Bauern scheinen nicht glaubwürdig. Die Wissenschaft stellt fest, dass beide Gruppen einander bekannt waren und gegenseitig integriert waren (S.119).

Der Bibelwissenschaftler George Mendenhall und der spätere Bibelhistoriker und Soziologe Norman Gottwald meinen gemäss den ägyptischen Dokumenten (v.a. Amarna-Texte):

-- die Israeliten waren Aufständische, die aus den kanaanäischen Städten ins leere Bergland flüchteten
-- in der Spätbronzezeit hätten die Spannungen und Ungleichheiten in Kanaan zugenommen
-- die städtische Elite habe das Land, den Wohlstand und den Handel kontrolliert
-- die Bauern seien rechtlos gewesen und seien immer mehr besteuert worden
-- viele Bauern seien ins Exil gegangen, eventuell seien einige zu Apiru geworden, andere seien in die Wälder in den unkontrollierten Raum gegangen
-- die Solidarität unter den Geflüchteten sei gross gewesen und sie hätten eine eigene locker geschichtete Gesellschaft gegründet, die "Israeliten" (S.119)

-- Norman Gottwald meint, der Kern der Ideologie sei von der Echnaton-Revolution in Ägypten nach Kanaan gebracht worden, von einer kleinen revolutionären Gruppe, die aus Ägypten in Kanaan die Geflüchteten um sich geschart habe

-- somit wäre eine soziale Revolution der Ursprung des israelischen Bewusstseins gewesen (S.120).

[Das wäre sehr schön, wenn Israeliten sich das Nationalbewusstsein mittels einer sozialen Revolution erarbeitet hätten und auch noch heute danach leben würden].

Für Gottwalds These fehlt aber jeder archäologische Hinweis. Und die Funde im neuen Stil der wiederaufgebauten Städte nach den Feuersbrünsten widerspricht Gottwalds These, dass Leute aus der Stadt in die Wälder geflüchtet seien. Es müssten dann mehr Ähnlichkeiten mit dem neuen Baustil vorhanden sein (S.120).


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