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Yehuda Bauer: Der Hüter meines Bruders

Eine Geschichte des Amerikanischen Jüdischen Vereinigten Verteilungskomitees 1929-1939


[Holocaust-Vorbereitungen in Europa und Widerstand ohne Lösung der Situation]

aus: My Brother's Keeper. A History of the American Jewish Joint Distribution Committee 1929-1939; The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1974

Übersetzung mit Untertiteln von Michael Palomino (2007)

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Kapitel 4. Flüchtlinge: 1933-1938
[4.10. Die Mitwirkung des Joint in Palästina seit 1920 - Notfond seit 1929]

[Investitionen des Vereinigten Verteilungskomitees in Palästina]

Die Mitwirkung des JDC in Palästina hatte mit der Gründung der Organisation begonnen, denn das JDC war in der Welle der Anstrengungen gegründet worden, den Juden in Palästina im Jahr 1914 zu helfen. In den 1920-er Jahren war der Nicht-Zionismus von Warburg und Bärwald nicht so extrem, dass dies das tiefe Interesse über die Vorgänge und über die Aufbauarbeit in dem Land ausschloss. Sie betrachteten die Vorgänge als geschäftliche Methode, um durch Investitionen auf ein Anwachsen von Palästinas Wirtschaft hinzuwirken, das Profite abwerfen sollte, Löhne von gesunden Unternehmungen, und die Entwicklung von natürlichen Ressourcen.

[Die arabische Seite, die seit dem Herzl-Buch "Der Judenstaat" seit 1896 protestiert, wird nie gefragt].

[Die zionistischen Gelder organisieren nur die Einwanderung nach Palästina - nicht mehr]

Die zionistisch-inspirierten Gelder unterstanden einer anderen Politik. Was für sie wichtig war, war die Entwicklung eines Landes, das Einwanderer aufnehmen konnte - und wenn Geld "verschwendet" werden sollte, um Unternehmungen  soziale Experimente zu finanzieren, deren Resultat erst nach Jahren bewiesen werden konnte, so waren sie dem nicht abgeneigt. Der Wunsch nach ökonomischem Profit war für sie aber sekundär. Das nationale Interesse, das hatte erste Priorität.

[Teilweise betrachten JDC-Führer Palästina als ein Land, das man wie die "USA" besiedeln kann]

Für einige JDC-Führer war Palästina ein essentiell arabisches Land, in das Juden ein Recht auf Einwanderung hatten, und in dem sie siedeln und ihre Institutionen entwickeln sollten, etwa in demselben Masse, wie sie es in Nordamerika getan hatten. "Das Bild von britischen Feuerwaffen", so sagte einer, "die einer Mehrheit der Bevölkerung ausländisches Recht aufzwangen, so dass sich eine Minderheit an der politischen Macht halten kann, mit ökonomischen und kulturellen Privilegien, kann nicht mit dem Bewusstsein einer Bevölkerung zusammengehen, das mit den Prinzipien einer freien und eigenen Regierung aufgewachsen ist."

(Endnote 58: WAC, Box 252, Marshall an Weizmann, 12/4/29 [4. Dezember 1929])

[Die arabische Seite, die seit dem Herzl-Buch "Der Judenstaat" seit 1896 protestiert, wird nie gefragt].

[1929: Palästina: Warburg etabliert ein Dreierkomitee mit Moslems, Christen und Juden - Kooperationskomitee]

Warburg, mit seinem Hang für perfekt organisierte Strukturen, versuchte im Jahr 1929, ein Dreierkomitee mit Moslems, Christen und Juden einzurichten. Dieses Vorhaben wurde mit einem Kooperationskomitee gekrönt, unter dem Vorsitz seines Freundes Judah L. Magnes, Leiter der Hebräischen Universität.

(Endnote 59: WAC, Box 252, Warburg an Magnes, 10/9/29 [9. Oktober 1929])

[August 1929: Arabische Ausschreitungen mit Morden an Juden in Hebron und an anderen Orten]

All dies geschah während der Zeit vor den Unruhen vom August 1929, als bei arabischen Ausschreitungen eine grosse Anzahl wehrloser Juden in Hebron und an anderen Orten ermordet wurden.

[Der Joint sieht nicht: Unterstützung für Palästina heisst Unterstützung für die jüdische Zionisten-Nationalbewegung]

Die Basis für die Annäherung der JDC-Führer war das Missverständnis bezüglich des verzweifelten, jüdischen Nationalismus, der sich nun auch auf dem nordamerikanischen Kontinent verbreitete, dem das JDC aber gar nicht (S.159)

positiv gegenüberstand. Sie dachten, sie könnten das vermitteln, was sie als moderate zionistische Ansichten ansahen, Investitionen in Firmen ¨zu tätigen und geschäftliche Expansion zu fördern mit dem Ziel, dass es dort einen politischen Kompromiss geben würde, der die zivilen Rechte für die Juden garantieren würde. Aber sie fühlten sich auch irgendwie zur Teilnahme gedrängt, dass in einem gewissen Sinne auch Palästina ein Gebiet ihrer Zuständigkeit war; und in diesem Prozess halfen sie, solide Stiftungen für eine jüdische Nationalbewegung in Palästina einzurichten - das war aber ein Resultat, das nicht vorhersehbar war, und das missbilligt worden wäre.

[1920er Jahre: Palästina: Arbeitsgruppen unter direkter Aufsicht des JDC]

In Übereinstimmung mit den generellen JDC-Prinzipien begann die Arbeit in Palästina in den 1920er Jahren mit lokalen Arbeitsgruppen, die unter der Aufsicht des JDC standen. Das JDC unterstützte die Hebräische Universität ("Hebrew University") und einige Religionsschulen (yeshivoth) mit direkten Zahlungen.

[Juni 1925: Die Brandeis-Gruppe des JDC installiert die Ökonomische Palästina-Korporative bei ("Palestine Economic Corporation" PEC)]

Aber im Juni 1925 trat der JDC-Flügel mit Brandeis den Zionisten bei, indem er die Ökonomische Palästina-Korporative einrichtete (PEC). Mit dieser Vereinigung wurden nun all die wirtschaftlichen Vorgänge abgewickelt und zusätzliche Gelder verwaltet. Insgesamt wurden innerhalb dreier Jahre 1,5 Millionen US$bezahlt.

[1922: JDC und ICA gründen die Zentralbank der Kooperativinstitutionen in Palästina (Central Bank of Cooperative Institutions)]

Noch wichtiger, was den Geldtransfer betrifft, war der mehrheitliche Anteil des Jüdischen Verteilungskomitees JDC an der Zentralbank der Kooperativinstitutionen (gegründet 1922), mit dem anderen Hauptteilhaber ICA [Jewish Colonization Association]. Diese Bank, die im Mai 1925 ihre Operationen unter Harry Viteles startete, ein Amerikaner, der in Palästina siedelte, war für die spriessenden Kooperativen in Palästina zur zentralen Bankinstitution geworden. Zwischen 1922 und 1929 gab die Bank an verschiedene lokale Körperschaften und Einzelpersonen Kredite in de Höhe von 3 Millionen US$.

[Joint mit der Kreditbank (Loan Bank, Kupath Milveh)]
Andere Vermögen wurden auch über die Kreditbank (Kupath Milveh) transferiert, reorganisiert im Jahre 1924. Dies ermöglichte, kleine Kredite an kleine Handelsleute und Handwerker zu vergeben, auf denselben Kanälen, wie dies die JDC-Kassen in Osteuropa taten.

[Jüdische Siedlungen 1922-1926 - Krise 1926/1927]
All diese Aktivitäten waren für die jungen jüdischen Siedlungen in Palästina lebenswichtig für deren Entwicklung. In den Jahren 1926 und 1927 kam dann eine Krise, die von einem Bauboom und von unüberlegten Handelsinvestitionen herrührte.

[Aktionen des Joint bei der Ökonomischen Palästina-Korporative (Palestine Economic Corporation (PEC)]
Das JDC konnte seinen Verpflichtungen gegenüber der PEC wegen der Wirtschaftskrise in Amerika nicht nachkommen. Wenn die PEC nicht gewesen wäre, so sagte ein Vertrauter des JDC, dann wäre das JDC in grosse Schwierigkeiten geraten, weil es die versprochenen Zahlungen nicht hätte leisten können. Aber mit (S.160)

der Grosszügigkeit des Ehrenpräsidenten Warburg, und mit Bernard Flexner, ein weiterer Präsident und Alteingesessener des JDC, konnte die Arbeit weitergehen, obwohl das JDC nur 1.164.000 US$ bis 1930 bezahlt hatte, und obwohl der PEC in den 1930er Jahren nur kleine Beträge ausbezahlt werden konnten.

[Aktivitäten der Ökonomischen Palästina-Korporative (PEC): Jerusalem, Tel Aviv - Landkauf - Infrastruktur - Bergbau]

Die PEC investierte ihre Gelder in Palästina nicht nur durch die schon erwähnten Institutionen, sondern auch durch die Hypotheken- und Kreditbank ("Mortgage and Credit Bank"), die half, grosse Teile des modernen Jerusalems und des nördlichen Tel Aviv zu bauen. Im Jahre 1932 errichtete die Bank mit Hilfe der PEC den Haifa-Vorort Kiriat Hayim und eine Anzahl kleinerer städtischer Siedlungen in anderen Regionen. Die PEC machte dann mit der PICA (ICA in Palästina) gemeinsame Sache, um die Palästina-Wassergesellschaft ("Palestine Water Company") zu unterstützen, und um moderne Bohrausrüstungen aus "Amerika" zu finanzieren. Die Haifa-Bucht-und-Land-Gesellschaft ("Haifa Bay Land Company"), in die die PEC auch grosse Geldsummen investierte, kaufte in der Haifa-Bucht Land und sorgte für die Siedler auch für eine gute Erschliessung des Landes.

[Dieses Land wurde reichen Arabern abgekauft - und die armen Palästinenser konnten nur noch zusehen].

Flexner, Warburg und Robert Szold waren ebenfalls Repräsentanten der Ökonomischen Palästina-Korporative (PEC), und zwar bei der Potasche-Gesellschaft von Palästina ("Palestine Potash Company"), die sich mit den Bodenschätzen im Gebiet des Toten Meeres befasste, nachdem die PEC Aktien der Gesellschaft im Wert von 262.631 US$ gekauft hatte.

[Herzl hatte ja versprochen, dass man in Palästina Gold finden könnte, so wie in Südafrika. Das heisst, eigentlich war die Gründung des "Judenstaates Israel" auch eine Art Goldrausch - aber die Versprechungen von Herzl in seinem rassistischen Büchlein "Der Judenstaat" waren nur falsche Phantasien].

[März 1929-Januar 1931: Das König-David-Hotel in Jerusalem]
Im März 1929 besorgte die PEC 20.000 der 165.000 Englischen Pfund, durch die die Palästina-Hotelgesellschaft gegründet wurde. Dies wurde durch private Investoren in Ägypten und in England organisiert. Ein Produkt dieser Gesellschaft ist das König-David-Hotel (King David Hotel) in Jerusalem, das 1931 fertig wurde.

(Endnote 60: Ordner 107-17 (die Zeit bis 1933)

[Ab August 1929: Moslem-Gruppen mit Aufständen in jüdischen Siedlungen]
Eine weitere Sache des JDC in Palästina kam von den Unruhen vom August 1929 her. Muslimische Gruppen, die vom Mufti von Jerusalem, Amin El Husseini, angestachelt worden waren, töteten und beraubten jüdische Siedler, wo es nur immer möglich war.

[23. August 1929: "USA": Nothilfefond für Leidende in Palästina eingerichtet]

Am 23. August kamen die Nachrichten über die Abschlachtung von Juden in Hebron bis in die USA, und innerhalb von vier Tagen wurde unter Leitung von David A. Brown vom JDC ein Nothilfefond für die Leidenden in Palästina eingerichtet, mit der vollen Teilnahme der Zionisten. Julius Rosenwald, Nathan Straus, und Felix M. Warburg waren die Ehrenvorsitzenden. Die Teilnahme Rosenwalds war Beweis dafür, dass der Nothilfefond humanitär und nicht politisch ausgerichtet war. Jeder der drei Vorsitzenden gab 25.000 US-Dollar, und das JDC steuerte 50.000 US$ bei. Am Ende belief sich die gespendete Summe (S.161)

auf 2.210.474 US$. Zusammen mit den in Palästina selbst gespendeten Geldern erreichte der Betrag 589,768 Englische Pfund.

Das nächste Problem war nun, wie das Geld ausgegeben werden sollte.

["USA"-Palästina: Nothilfefond: Jonah J. Goldstein und seine Frau werden nominiert, das Geld zu verteilen - das Nothilfefond-Verteilungskomitee (Emergency Fund distribution committee)]

Im September 1929 ernannte Warburg den Richter Jonah J. Goldstein und seine Frau, Mrs. Harriet B. Lowenstein-Goldstein, Buchprüfer des JDC, nach Palästina zu reisen und dort das Geld zu verteilen. Auf ihrem Weg kamen die Goldsteins über London und koordinierten dort britische und amerikanische Kräfte.

In Palästina übernahmen lokale und britische Juden bald die Führung, und die Goldsteins wurden ihre Partner. Sie verliessen Palästina im Dezember 1929 wieder, und die Verteilung der Gelder wurde durch ein Komitee überwacht, das sich zusammenstellte aus Brig. Frederick Kisch, ein britischer Zionistenführer, der in Palästina lebte, Pinhas Rutenberg, der Gründer von Palästina Elektrik ("Palestina Electric Company"), und Maurice B. Hexter, der die Interessen des JDC vertrat. Die praktische Arbeit wurde zuerst durch Mrs. Bentwich erledigt, später durch die Zionisten Elijah Berlin und Charles Passman (Passman, ein Amerikaner, Repräsentant der Jewish Colonization Agency ICA in Palästina).

Die gesammelten Gelder waren viel mehr, als die Situation erforderte. Die Familien, die Hebron verlassen mussten, und einige weitere Orte, wurden schnell wiederbesiedelt, und auch ihre Bedürfnisse befriedigt. Eigentlich hatten lokale Gelder schon diese Bedürfnisse befriedigt, bevor die amerikanischen Gelder zum Tragen kamen.

[Ab Dezember 1929: Der Nothilfefond wird nun für den Wiederaufbau verwendet - ein Investmentfond]

Im Dezember [1929] wurde der Nothilfefond reorganisiert und die Gelder nun für den Wiederaufbau verwendet. Nun war der Fond nicht mehr nur humanitär ausgerichtet, sondern wurde ein Investmentfond, der auch Landkauf (zusammen mit der Jüdischen Kolonisierungsgesellschaft ICA) unterstützte, oder die Entwicklung der Huleh-Tal-Konzession, oder Ländereien im Norden Palästinas, die Siedlung Hartuv bei Jerusalem, die Siedlung Ein Zeitim bei Safed, und die Wiederbesiedlung von Be'er Tuvia, das bei den Unruhen zerstört worden war. Der Nothilfefond finanzierte auch Wohnblocks bei Haifa, Sicherheitseinrichtungen (die in Tat und Wahrheit eine Stütze  der Haganah waren), das Telefonsystem, Zufahrtsstrassen usw. In Jerusalem sind die Landwirtschaftsschule in Talpiot und die Festungshalle von Ramat Rachel, die 1948 die ägyptischen Angriffe im Süden der Stadt stoppte, heute (S.162)

Zeugen der Tätigkeit des Nothilfefonds.

(Endnote 61: R10, Bericht des Nothilfefonds (Emergency Fund), 1936, von Maurice Hexter. Vergleiche auch das Interview mit Richter Jonah J. Goldstein (H)

Für diesen Wiederaufbau wurden vom Nothilfefond 332,748 Englische Pfund ausgegeben, als abweichende Leistung von der Nothilfe.

[1922-1933: Das Vereinigte Verteilungskomitee selbst investiert nicht viel in Palästina]

In den frühen 1930er Jahren, bis zu Hitlers Machtübernahme, gab das JDC in Palästina keine grossen Summen aus; es beschränkte sich auf die teilweise Unterstützung von Religionsschulen (yeshivoth) und der Hebräischen Universität ("Hebrew University", wobei ein Grossteil an die Universität floss, v.a. wegen der Persönlichkeit von Judah L. Magnes). Aber nach dem Aufkommen der Nazis in Deutschland war die Situation dann eine komplett andere. Die jüdische Auswanderung von Deutschland nach Palästina stieg dann rapide an.







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