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Yehuda Bauer: Der Hüter meines Bruders

Eine Geschichte des Amerikanischen Jüdischen Vereinigten Verteilungskomitees 1929-1939


[Holocaust-Vorbereitungen in Europa und Widerstand ohne Lösung der Situation]

aus: My Brother's Keeper. A History of the American Jewish Joint Distribution Committee 1929-1939; The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1974

Übersetzung mit Untertiteln von Michael Palomino (2007)

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Kapitel 4. Flüchtlinge: 1933-1938
[4.15. Jüdischer Hafen Holland war nicht nur ein guter Hafen 1933-1938]

[Die erste Flüchtlingswelle - Frau Gertrude van Tijn - zum Teil Rückkehr ins Dritter Reich 1936]

Einer der Haupthäfen für Flüchtlinge in Europa war Holland, mit Belgien danach, das der Wichtigkeit nach gleich hinter Holland folgte. Holland hatte für Deutsche keine Visavorschriften, und deshalb war es einfach, in die befreundete Republik im Westen zu gehen.

Im März 1933 wurde zuerst ein improvisiertes Flüchtlingskomitee gegründet unter der Schirmherrschaft von David Cohen, ein Professor der Universität Amsterdam, der in jüdischen Angelegenheiten aktiv war. Nach dem Boykott in Deutschland am 1. April schwoll der Flüchtlingsstrom bedeutend an, und Professor Cohen und seine Mitarbeiter fragten bei Frau Gertrude van Tijn nach, eine Sozialarbeiterin mit unabhängigen Mitteln, die selbst deutsch-jüdischer Geburt war. Sie wurde angefragt, die Flüchtlingsarbeit zu übernehmen.


[1933: Einrichtung eines Komitees für jüdische Flüchtlinge - ökonomische Krise und Arbeitslosigkeit - das Komitee weist die Juden an, zurück ins Dritte Reich zu gehen]

Es wurde ein Komitee für jüdische Flüchtlinge eingerichtet, und auch eine Geldsammelorganisation. Im Jahre 1933 kamen 3682 Flüchtlinge in Holland an.

(Endnote 76:
-- R19. Über statistisches Material über Holland siehe auch:
-- JDC Bericht über 1934, und:
-- JDC Bericht über 1933 und die ersten Monate 1934,
beide in der JDC-Bibliothek. Auch: R16, monatliche Bulletins Nrn. 1 & 2, 3/6/35 [6. März 1935])

und es wurde ihnen geholfen, einerseits, um sie in die holländische Wirtschaft zu integrieren, oder um auszuwandern. Für das zweite Vorhaben wurde ein weiteres Komitee ins Leben gerufen, in dem Frau van Tijn ebenso eine zentrale Rolle spielte. Wie in Frankreich war zu wenig Geld vorhanden, und als es nur noch eine kleine Chance einerseits auf Auswanderung, andererseits auf die Integration in die holländische Wirtschaft gab - in Holland gab es im Jahr 1936 451.000 Arbeitslose bei einer Bevölkerung von 8.000.000 - so konnten die Komitees den Flüchtlingen nur raten, nach Deutschland zurückzukehren.

[weil in Hitler-Deutschland die Arbeitslosigkeit massiv zurückging und die Chancen auf Arbeit waren dort besser].

Im Jahr 1933, wo wurde berichtet, sind 615 zurückgekehrt; bis 1934 betrug die Zahl der Rückkehrer zwischen 1200 und 1500. Dies war etwa ein Viertel der Gesamtzahl. Der Rest konnte in Holland integriert werden oder wanderte aus (5500 im Jahr 1933 und 1934).

[1934: Frau van Tijn verkündet die Liquidierung des holländisch-jüdischen Hilfekomitees]

Mit der relativen Abnahme der antisemitischen Verfolgung in Deutschland im Jahre 1934 war - so schien es - die Dringlichkeit bald vorüber war. Frau van Tijn schrieb in einem Memorandum mit dem Titel "Liquidierung des holländisch-jüdischen Hilfskomitees", dass das ganze Problem bald gelöst werde. Sie erwartete nicht viel Hilfe vom JDC, und deshalb wusste sie nicht, was sie mit dem Flüchtlingen anfangen sollte, die noch im Land waren. "Wir haben von Beginn an immer so viele Leute wie möglich repatriiert (zusammen annähernd 900). Es wird keine leichte Sache sein, jetzt viele Leute zurückzuschicken. In einigen Fällen wird die Alternative (S.170)

angenommen, die Hilfsgelder zu stoppen."

(Endnote 77: 30-Germany, refugees 1934/5, Memo von van Tijn, 7/22/34 [22. Juli 1934])

[Entfernung deutsch-jüdischer Flüchtlinge - und auch von "alten" nicht-deutschen jüdischen Einwanderern von vor 1933]

Die holländische Regierung war auch bedacht, diese Flüchtlinge aus den holländischen Städten zu entfernen, und Kahn berichtete im August 1934, dass sogar nicht-deutsche jüdische Flüchtlinge, die vor 1933 nach Holland und Belgien gekommen waren, nun repatriiert wurden. Die Holländer drohten 2000 solchen "alten" Einwanderern mit der Ausschaffung.

(Endnote 78: ebenda. [30-Germany, refugees 1934/5, Memo van Tijn, 7/22/34 [22. Juli 1934]; Kahn Bericht, 8/22/34 [22. August 1934])

Die Verhältnisse zwischen dem holländischen Komitee und Kahn in Paris waren ausgezeichnet; zurückblickend erscheint es so, dass Frau van Tijn die Verhältnisse mehr beschönigte, als wie sie tatsächlich waren.

(Endnote 79: Mündliche Zeugenaussage (H) von Frau van Tijn (1968). Vergleich auch Frau van Tijns Memoiren (Manuskript), S.8; an dieser Stelle sei der Dank für die Benutzung dieser wertvollen Quelle ausgesprochen).

[Das JDC bezahlt für das holländische Komitee]

Das Komitee drohte wiederholt, seine Pforten zu schliessen, weil die Mittel, die vom holländischen Judentum und vom JDC und von anderen zur Verfügung gestellt wurden, einfach nicht den Bedürfnissen entsprachen. Im letzten Moment war es immer das Verteilungskomitee, das für die benötigten Summen aufkam; Kahn war gegenüber Frau van Tijns kräftiger Persönlichkeit sehr parteiisch. Sie führte genau Buch, mit einem deutsch-jüdischen Hintergrund, und in New York wurden diese Gefühle auch erwidert.

(Endnote 80: Deutschland, Organisationen und Institutionen, "C"-Holland, Brief an Kahn, 1/7/34 [7. Januar 1934]. Executive Committee, 3/26/35 [26. März 1935], wo Jonah B. Wise erklärte, dass das holländische Komitee "Hilfe braucht und sie bekommen sollte. Sie arbeiten effizient und konstruktiv." Siehe auch: R14, Bericht von Kahn 1935, im Januar 1936; und Quelle der Endnote 79, siehe oben).

[Die anwachsende Zahl jüdischer Flüchtlinge nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 und nach der Besetzung von Österreich und der CSSR - Holland erschwert den Grenzübertritt]

Bis Ende 1934 waren ungefähr 9000 Juden in Holland angekommen. Im Jahr 1935 scheint die Anzahl abgenommen zu haben, aber nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze im Herbst stieg die Zahl erneut. Im Jahr 1936, speziell gegen Ende des Jahres, kamen schätzungsweise monatlich 600 Leute an. Von diesen konnten viele eine Lösung ihrer Probleme selber organisieren; aber über 1000 Leute waren vom Komitee abhängig, und 361 wurden von ihm unterstützt.

Im Jahr 1937 machte eine weitere Abnahme des Flüchtlingsstroms das Komitee Glauben, dass seine Aufgabe früher oder später vorüber sein werde. Aber im Jahr 1938, mit den mehrfachen Katastrophen in Österreich und in der Tschechoslowakei, stieg der Flüchtlingsstrom erneut an. Nun wurden aber holländische Restriktionen für den Grenzübertritt eingeführt, und so wurde der Grenzübertritt sehr

Tabelle 10: Ausgaben des JDC in Holland 1933-1939
Jahr
1933
1934
1935
1936
1937
1938
1939
ausgegebene $
41.269
88.160
49.690
120.037
118.905
128.248
439.000
(Endnote 81: Quellen:
-- 34-Germany, Flüchtlinge in Holland, 1941/2;
-- Holland-Report 1936.
Es scheint, dass diese Zahlen einen Teil der Ausgaben des HICEM in Holland mit beinhalten, weil das JDC zu den Ausgaben des HICEM beigetragen hat. Zwischen 1933 und 1936 kamen die totalen Ausgaben des holländischen Komitees auf 1.690.537 holländische Gulden, von denen der Beitrag des JDC direkt auf 334.677 kam, oder 20 %. Die Ausgaben des HICEM kamen auf 189.608, und der CBF [Central British Fund for German Jewry] steuerte 57.040 bei; der Rest wurde vom Geld des holländischen Judentums gedeckt).

(S. 171)

schwierig. Alles in allem sind zwischen 1933 und 1940 wahrscheinlich mindestens 30.000 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland nach Holland gegangen.

(Endnote 82: 31-Refugees, 1939/42; für weitere Zahlen, die in diesem Text erwähnt sind, siehe: Executive Committee, 11/24/36 [24.11.1936], und die Quellen für Tabelle 10).






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