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Yehuda Bauer: Der Hüter meines Bruders

Eine Geschichte des Amerikanischen Jüdischen Vereinigten Verteilungskomitees 1929-1939


[Holocaust-Vorbereitungen in Europa und Widerstand ohne Lösung der Situation]

aus: My Brother's Keeper. A History of the American Jewish Joint Distribution Committee 1929-1939; The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1974

Übersetzung mit Untertiteln von Michael Palomino (2007)

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Kapitel 5. Der Vorlauf zum Holocaust
[A. Die Zerstörung der jüdischen Existenz in Polen 1929-1939]

[5.4. Die Juden in Polen 1921-1938: Zahlen]

[Die jüdische Bevölkerung in Polen und die Berufe]

Die Anzahl Juden in Polen betrug 1921 2.845.364;

(Endnote 20: 44-29, Memo 1/30/39 [30. Januar 1939])

bis Ende 1938 waren es annähernd 3.310.000. Die jährliche Wachstumsrate war ungefähr 30.000.

(Endnote 21: R50, "Situation of the Jews in Eastern Europe" ["Die Lage der Juden in Osteuropa"], Memo des JDC-Büros in Paris, Juni 1938. Die Zahl 3.310.000 erscheint im "General Survey of Political and Economic Conditions in Poland in 1938" ["Genereller Überblick der politischen und wirtschaftlichen Bedingungen in Polen 1938" (12/3/38 [3. Dezember 1938]), in 36-Bericht 1938).

Die polnische Volkszählung von 1931 gab die Anzahl der erwerbstätigen Juden mit 1.123.025 an.

[Es muss dabei eine inoffizielle Auswanderung berücksichtigt werden, die pro Jahr ungefähr 100.000 Juden aus Polen in Überseeländer ausmachte;
In: Hermann Graml: Die Auswanderung der Juden aus Deutschland zwischen 1933 und 1939; Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte; im Selbstverlag des Instituts für Zeitgeschichte. München 1958, S.79-84; Tel.: 0049-(0)89-12688-0].

(Endnote 22: Mahler, op. cit. [Jews in Poland between the Two World Wars (Hebrew); Tel Aviv 1968], S. 46 ff. Nur 37 % der Juden waren wirtschaftlich aktiv, verglichen zu 42,5 % bei den Nichtjuden (ausgenommen Landwirtschaft). Dies bedeutete, dass bei gleichem Einkommen es den Juden schlechter ging, weil sie mehrere Münder zu stopfen hatten. Anders gesehen war dies eine Form der versteckten Arbeitslosigkeit).

277.555 wurden als Arbeiter eingestuft, ungefähr 200.000 waren Handwerker,

(Endnote 23: Die totale Anzahl in der Industrie und im Handwerk waren 506.990. Ohne die Arbeiter waren es 229.435. Dies beinhaltete 22.367 Heimarbeiter. Die Gesamtzahl der jüdischen Angestellten betrug 75.362. Diese Zahl beinhaltete die Industriellen. Bei Berücksichtigung aller Faktoren kann die Anzahl jüdischer Bauern nicht niedriger als vielleicht 200.000 gewesen sein).

und 428.965 waren Händler. Im Jahr 1931 betrug die Anzahl der registrierten, arbeitslosen Arbeiter 78.256, oder 28,2 % der Gesamtzahl.

[1935: Kahn berichtet: 1/3 der Juden sind Arbeitslos und im Elend]

Im Jahr 1935 berichtete Kahn, dass nicht weniger als 60 % der Arbeiter und Angestellten arbeitslos waren; von denen waren nur Arbeiter zur Arbeitslosenversicherung zugelassen, die in Unternehmen beschäftigt waren, die über 20 Leute beschäftigten. Die Arbeitenden erhielten einen Wochenlohn von durchschnittlich 30-40 Zloty (6-8 $). Von den Bauern war schätzungsweise ein Drittel "in Sorge".

Im Jahr 1931 betrug die Anzahl Händler und deren Familien 1.140.532. Im Jahr 1935 schätzte Kahn, dass es 1.150.000 waren, und dass 400.000 in "tiefer Armut" lebten. Von den 120.000, die er als "Intellektuelle" mit deren Familien einstufte, hatten 60.000 kein stabiles Einkommen. Kahn schätzte die Gesamtzahl Juden, die ohne jegliches Einkommen waren, arbeitslos oder in Sorge auf über 1 Million, ein Drittel des polnischen Judentums.

(Endnote 24: WAC, Schachtel 323 (c), Kahns Bericht über Polen, 5/22/35 [22. Mai 1935])

Eine Anzahl anderer Autoritäten schenkten dieser Einschätzung Glauben.

(Endnote 25: Rabbi Schorr von Warschau im Jewish Chronicle, 1/18/35 [8. Januar 1935], S.20: "Nicht weniger als ein Drittel der gesamten jüdischen Bevölkerung Polens war heute in irgendeiner Form von Fürsorge abhängig.")

[1937: Jewish Chronicle berichtet: Die Juden in Polen in Armut und Elend]

Zwei Jahre später konnte der Jewish Chronicle die Juden in Polen beschreiben, "eine hilflose Minderheit, die in eine verwahrloste Armut und Elend abgesunken war. So etwas gibt es sicher nirgendwo auf der Erde. Heute wird es allgemein anerkannt, dass ein Drittel der jüdischen Bevölkerung am Rande einer Hungersnot steht, einen Drittel gelingt es (S.187)

eine blosse Existenz zu halten, und der Rest sind Glückliche und können sich ein Minimum an Komfort sichern."

(Endnote 26: Jewish Chronicle, 1/8/37 [8. Januar 1937])

[Armutsindikator: Fürsorgetag an Pessah]

Ein guter Indikator für die wirtschaftlichen Bedingungen der Juden war die Anzahl Leute, die an Pessah um Fürsorge baten. Im Jahr 1933 baten von 350.000 Juden in Warschau deren 100.000 um eine solche Hilfe,

(Endnote 27: JDC Bibliothek-American Federation of Polish Jews, 25. Jahreskonvention, Juni 11-12, 1933)

oder weniger als ein Drittel. Im Jahr 1935 waren es 60 % der Warschauer Juden, die Hilfe beantragten.

(Endnote 28: Abraham G. Duker: Die Situation der Juden in Polen; Newsletter der Konferenz über Jüdische Beziehungen ("Conference on Jewish Relations"), April 1936)

Im Frühling 1939 schätzte ein JDC-Memorandum die Anzahl der Juden, die voll von Fürsorge abhängig waren, auf 600.000, oder fast 20 % des polnischen Judentums, währen eine andere Schätzung 38 % schätzte (1.250.000).

(Endnote 29: 44-4, Memorandum re Polen ("memorandum re Poland"), 5/1/39 [1. Mai 1939])

[1934: Neville Laski über jüdische Armut im antisemitischen Polen]

Im August 1934 berichtete Neville Laski, Präsident des britischen Gremiums der (jüdischen) Vertreter ("British Board of (Jewish) Deputies"), aus Polen, dass er "nie eine solche Armut, Elend und Schmutz gesehen habe. Man konnte über die Zivilisation in Verzweiflung geraten." Noch wichtiger aber war, dass er einen Abwärtstrend feststellte und voraussagte, dass "sogar dieses Jahr rückblickend noch ein glückliches Jahr sein wird".

(Endnote 30: 44-6)

[1937: Kahn: Die Nazis sind redlicher zu den Juden als die polnisch-katholische Bevölkerung]

Diese Voraussage kam vollständig von Alexander Kahn, Vorsitzender des Polnischen Komitees des JDC, der im Jahr 1937 berichtete, dass "in Polen der Jude sich im Zentrum von ruhelosen Feinden befindet, und es werden ihm Hände und Füsse gebunden, und ohne jede Chance". Er beschrieb, wie die "Banden wilder Jugendlicher, mit wilden Augen und blutrünstig, jeden menschlichen Instinkt hinter sich lassend, sich auf den Strassen und in den öffentlichen Parks von Warschau über alte Männer, Frauen und junge Kinder hermachten". Die Nazis, so dachte Kahn, waren "redlicher"; die Juden in Polen wurden mit "Vernichtung oder Vertreibung" konfrontiert.

[Ergänzung: Es erscheint komisch, dass die polnische Wirtschaft ab 1933 nicht vom Wirtschaftswachstum in Deutschland profitieren kann. Wenn die deutsche Wirtschaft so schlecht wie die polnische Wirtschaft gewesen wäre, dann wäre die Nazi-Regierung in Berlin nicht besser gewesen als die polnische Regierung].

Die polnische Konkurrenz war ziemlich wirkungsvoll, und dies mit Hilfe der Regierung.

Tabelle 11: Jüdische gegen nichtjüdische Unternehmungen in Kalisz
Typ der Unternehmung
1934
1936
Wachstum oder Rückgang
Jüdische Geschäfte
1292  
1163  
xxxxxxxxxxx-129xxxxxxxxxxxxxxxx
Nichtjüdische Geschäfte
789    907    +118xxxxxxxxxxxxxxxx
Jüdische Handwerker
328    311    -17xxxxxxxxxxxxxxxx
Nichtjüdische Handwerker
497    536    +39xxxxxxxxxxxxxxxx
(Endnote 31: R14, November 1936, Bericht von Schweitzer)

(S.188)

Einige detaillierte Forschungen bestätigten dies. Die Tabelle 11 veranschaulicht die Lage in der Stadt Kalisz.

[Frühjahr 1939: Memo des JDC: Ungefähr 30.000 jüdische Läden wurden nichtjüdisch]

Im Frühjahr 1939 schätzte ein JDC-Memorandum, dass zwischen 1933 und 1938 ungefähr 30.000 nichtjüdische Läden eröffnet hatten und ungefähr dieselbe Zahl jüdische Läden geschlossen worden waren.

(Endnote 32: siehe Endnote 29 [44-4, Memorandum re Polen ("memorandum re Poland", 5/1/39 [1. Mai 1939])

[Okt 1936: Sholem Asch beklagt jüdische, wandelnde Skelette im antisemitischen Polen]

Der Niedergang des jüdischen Wirtschaftslebens führte zu ernsten sozialen und medizinischen Konsequenzen. Sholem Asch, der berühmte jüdische Schriftsteller, beklagte, dass "die Leute den Eindruck machten, als würden sie lebendig begraben. Jede zweite Person war unterernährt, ein Skelett nur noch mit Haut und Knochen, verkrüppelt, Kandidaten für das Grab."

(Endnote 33: "The Mourner at the Marriage Fete" ["Klagende an der Hochzeitsfeier"], Oktober 1936; In: WAC, Schachtel 366 (c)

Es muss daran erinnert werden, dass dies drei Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geschrieben wurde.

[Okt 1937: Schlimme Armut unter den jüdischen Kindern im antisemitischen Polen]

Die schlimmsten Auswirkungen dieser generellen Situation waren unter den jüdischen Kindern offensichtlich. Eine detaillierte Untersuchung in der Stadt Ostrog zeigte, dass von ausgesuchten 386 Kindern in vier von 15 "jüdischen" Strassen 262 im Schulalter waren, aber nur 109 eine Schule besuchten. Von den 153 anderen waren 12 krank, 3 waren behindert, 6 hatten keine Dokumente für eine Registrierung, 9 hatten sich nicht rechtzeitig eingeschrieben, 6 wurden nicht gezählt, und 117 konnten nicht in die Schule gehen, weil sie keine Kleider oder Schuhe hatten. Von den insgesamt 386 Kindern waren nur 67 gesund; 196 waren schwach oder anämisch, 61 waren verkommen. 71 % der Kinder waren in verschiedenen Stadien der Unterernährung bis und miteingeschlossen Hungersnot.

(Endnote 34: 45-CENTOS, Bericht, Oktober 1937)

Dies war die Situation drei Jahre vor der Etablierung der Ghettos in Polen. Ähnliche Beschreibungen könnte man auch über andere Gebiete zitieren. Das Verteilungskomitee schätzte, dass ungefähr ein Drittel der jüdischen Schulkinder mit Hunger zur Schule gingen.

[Antisemitisches Polen: Steuereintreibung bei Juden durch Raub der Grundausrüstung]

Ganz jenseits der offiziellen Politik wurde die Handlungsweise der Regierung immer skrupelloser. Die polnischen Steuereintreiber interpretierten das Gesetz in der brutalsten Art und Weise. Dem JDC wurden Berichte von Bäckern gemeldet, denen der letzte Rest Getreide genommen wurde, weil sie Steuern nicht bezahlen konnten; Hausierern wurden die Pferde weggenommen, und so wurden sie ins totale Elend getrieben; den Schneidern wurden die Nähmaschinen weggenommen, und sogar bei den Kunden wurde Stoff beschlagnahmt, der zu Kleidern genäht werden sollte. (S.189)

(Endnote 35: R16, 11/23/1935 [23. November 1935], "Notes and Source Material for Committee on Poland and Eastern Europe" ["Betrachtungen und Quellenmaterial für das Komitee über Polen und Osteuropa"])







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