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Yehuda Bauer: Der Hüter meines Bruders

Eine Geschichte des Amerikanischen Jüdischen Vereinigten Verteilungskomitees 1929-1939

[Holocaust-Vorbereitungen in Europa und Widerstand ohne Lösung der Situation]

aus: My Brother's Keeper. A History of the American Jewish Joint Distribution Committee 1929-1939; The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1974

Übersetzung mit Untertiteln von Michael Palomino (2007)

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Kapitel 5. Der Vorlauf zum Holocaust
[C. 5.18.] Tschechoslowakei und Ungarn [1933-1938]

[Das JDC im subkarpathischen Russland]

Ein weiteres Gebiet, in dem vom Verteilungskomitee beträchtliche Geldsummen und Energie aufgewendet wurden, war das subkarpathische Russland (oder in tschechischer Abkürzung PKR), der östlichste Zipfel der Tschechoslowakei. Dort lebte eine meist orthodoxe jüdische Gemeinde, die ihre Lebensgrundlage im Kleinhandel, in der Landwirtschaft und in der Forstwirtschaft hatte. Und da war auch eine berühmte hebräische Oberschule (S.218)

in Munkács (Mukachevo) und eine Anzahl von yeshivoth. Im Jahre 1933 startete das JDC ein Ernährungsprogramm für Kinder.

(Endnote 88: JDC Bericht für 1933)

Hin und wieder wurden kleine Summen für Ausbildungseinrichtungen oder kleine jüdische Werkstättenkooperativen bewilligt, vor allem in den Branchen Automobilreparaturen und Textilien. Das Meiste dieser Arbeit wurde in Verbindung mit dem Jüdischen Sozialen Institut in Prag und einer parallelen Organisation in Bratislava abgewickelt.

Etwa 15.000 Juden aus der CSSR gelang zwischen 1938 und Ende 1939 die Auswanderung nach Palästina, überwiegend durch "illegale" Auswanderung.

orig. Englisch:
<About 15,000 Jews from Czechoslovakia succeeded in reaching Palestine between the autumn of 1938 and the end of 1939, the overwhelming majority by means of "illegal" immigration.>
(from: Encyclopaedia Judaica (1971): Zionism, Vol. 16, col. 1113)

[Das JDC in Ungarn]

Im Nachbarland Ungarn operierte das JDC bis in die 1930er Jahre überhaupt nicht, aber die dortigen Entwicklungen wurden mit wachsender Sorge verfolgt. Die jüdische Bevölkerung in Ungarn ging eigentlich zurück. Dies war ein Resultat der zahlreichen Umschichtungen innerhalb der oberen Schichten der jüdischen Gesellschaft und des Rückgangs der Geburtenrate. Im Jahr 1930 gab es in Ungarn 444.500 Juden. Mit der Annexion des slowakischen Teils und der PKR Ende 1938 und im März 1939 [und durch die Angliederung eines Teils von Siebenbürgen 1940] wuchs die jüdische Bevölkerung bis 1941 auf 725.000 an.

Im eigentlichen Ungarn (als Kontrast zur PKR), und speziell in Budapest, tendierten die Juden dazu, eine wachsende Mittelklasse-Gemeinde zu sein. Im Frühjahr 1939 wurde geschätzt, dass 43 % des ungarischen Handels von Juden abgewickelt wurde; 49,2 % der Anwälte und 37,7 % der Ärzte waren Juden. Auch die Industrie war teilweise in jüdischer Hand.

(Endnote 89: R46, Berichte für Januar 1939. Die Bevölkerungsstatistiken sind entnommen aus Erno Laszlo: Hungary's Jewry: A Demographic Overview, 1918-1945; In: Hungarian Jewish Studies, ed. Randolph L. Braham (New York, 1969), 2:157-58)

[Die Horthy-Regierung]

Juden wurden in Ungarn aber noch als Ausländer angesehen, trotz der Tatsache, dass sie in dem Land für viele Jahrhunderte gelebt hatten, und trotz ihrem eigenen ehrgeizigen Wunsch, als Ungarn angesehen zu werden. Das Regime des erzkonservativen Regenten, Admira Horthy, schwankte zwischen persönlicher Freundschaft zu jüdischen Elementen in der ungarischen Aristokratie und Antisemitismus hin und her.

[Mai 1938: Prozent-Gesetz für Geschäfte - Juden werden als geächtet betrachtet]

Im Mai 1938, unter dem Einfluss des Nazismus, errang der ungarische Antisemitismus seinen ersten grossen Sieg durch ein Gesetz, dass besagte, dass bis Juni 1943 nicht mehr als 20 % der arbeitenden Leute in einem Betrieb Juden sein durften. Folglich wurde eine grosse Anzahl Juden aus ihren Berufen geworfen.

Ungarns Politiker folgten auch in anderer Hinsicht eng dem deutschen Beispiel. Im Spätjahr 1938, nach der Sudetenkrise im August dieses Jahres, publizierte die ungarische Regierung den Text eines zweiten Gesetzes, das schliesslich im März 1939 verabschiedet wurde. Die Einleitung (S.219)

zu diesem Gesetz stellte ganz ausdrücklich fest, dass die Ungarn die Juden ächteten, und zwar als Teil einer allgemeinen Bewegung: "Bevor das Gesetz (von 1938) verkündet wurde, hatte nur ein einziger Nachbarstaat, Deutschland, energische Massnahmen unternommen, die Juden aus dem Land zu treiben. Seit dieser Zeit jedoch sind viele andere Staaten diesem Beispiel gefolgt. ...

Die jüdische Frage ist ein internationales Problem wie viele andere Fragen, die von internationalem Interesse sind, wie das weltweite Verkehrswesen, die Weltwirtschaft, die Hygiene, und das Ausbildungswesen." Folglich wurde eine internationale Lösung - das heisst, eine Massenauswanderung und Vertreibung bei einem internationalen Konsens - gewünscht.

[Ergänzung: Kein Haavarah-Abkommen für osteuropäische Juden]

Für deutsche Juden gibt es das Haavarah-Abkommen. Aber für die osteuropäischen Juden gibt es kein Haavarah-Abkommen. Dies ist der Punkt: Die Jiddischen Juden sollen ausgerottet werden, die deutschen Juden nicht. Es kann nur angenommen werden, dass die Zionisten diesen Prozess steuern].

[1939: Ungarn: Weitere diskriminierende Gesetze: Fragen der Staatsangehörigkeit - Diskriminierung in Berufen]

Das Gesetz von 1939 selbst sorgte dafür, dass bestimmten Klassen von Juden die Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, die nach 1914 ihre ungarische Nationalitätszugerhörigkeit erhalten hatten; eigentlich wurde damit das jüdische Privileg widerrufen, indem bei den nationalen Wahlen und bei den Gemeindewahlen eine separate jüdische Zählung eingerichtet wurde;

und Juden wurde der Zugang zum öffentlichen Dienst, Gemeindearbeit und öffentlichen Gesellschaft verwehrt, und ebenso der Zugang zur Arbeit in Notariaten und Redaktionsleiter. Die Anzahl Juden im Bereich der Justiz, Medizin und Ingenieurswesen wurde auf 6 % beschränkt. Die Publikation von Zeitungen, die in Besitz von Juden waren, wurde verboten, und Staatsverträge mit jüdischen Unternehmungen wurden zurückgezogen. Die schlimmste Neuerung aber war Verfügung, dass den Juden nur noch dann eine Handelskonzession oder Lizenz gegeben wurde, wenn die Prozentrate der jüdischen Lizenznehmer unter 6 % fiel.

Die Definition eines Juden war klar dem Nazi-Gesetz entnommen: Ein Jude war eine Person mit jüdischem Schicksal, ein Christ mit jüdischer Abstammung, oder der Nachkomme einer gemischten Ehe, wenn der jüdische Elternteil vor der Heirat nicht getauft worden war.

Es war ziemlich klar, dass das ungarische Judentum sehr bald mit Hilferufen an das Verteilungskomitee JDC gelangen würde.







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