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Yehuda Bauer: Der Hüter meines Bruders

Eine Geschichte des Amerikanischen Jüdischen Vereinigten Verteilungskomitees 1929-1939

[Holocaust-Vorbereitungen in Europa und Widerstand ohne Lösung der Situation]

aus: My Brother's Keeper. A History of the American Jewish Joint Distribution Committee 1929-1939; The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1974

Übersetzung mit Untertiteln von Michael Palomino (2007)

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Kapitel 6. Der Beginn vom Ende
[A.] Österreich

[6.2. Anschluss am 12. März 1938: Antisemitische Ausschreitungen - Palästinaamt und Zentralstelle]

[1938: Anschluss und Antisemitismus unter der deutschen NS-Administration]


Die österreichisch-deutsche Einheit wurde zementiert

-- durch Kardinal Innitzers Anweisung an alle Katholiken in diesem katholischen Land, bei der von den Nazis arrangierten Volksabstimmung für den Anschluss zu stimmen, um die Inbesitznahme des Landes zu legalisieren
-- durch das Nazi-Versprechen an die Ex-Sozialisten, dass sie die Positionen der Juden übernehmen könnten
-- und des Weiteren durch das Nazi-Versprechen, die Arbeitslosigkeit zu beenden.

Von Anbeginn weg war die nazistische antijüdische Politik sehr viel radikaler als in Deutschland

[wegen der Frustration seit dem Börsenkrach von 1973 und dem Gefühl, Deutsch zu sein, aber nicht zu Deutschland zu gehören, und es sollte in wenigen Monaten der Zustand erreicht werden, der in Deutschland 5 Jahre gebraucht hatte].

Innerhalb einiger (S.224)

weniger Monate entwickelte sich in Österreich ein Prozess der Demütigung gegen Juden, Diskriminierung, und Enteignung, was in Deutschland 5 Jahre Entwicklungszeit gebraucht hatte

[durch die neue NS-Verwaltung, die aus Deutschland importiert und den Österreichern aufgezwungen worden war].

[1938: NS-Raub an jüdischem Eigentum]

Aber die österreichischen Nazis gingen auf vielen Gebieten weit über das hinaus, was den deutschen Juden in Deutschland angetan worden war. Sofort nach dem Anschluss fanden durch die Bevölkerung "spontane" antisemitische Ausschreitungen statt, die von Nazi-Sturmtruppen begünstigt wurden, und die Juden wurden aus ihren Wohnungen getrieben.

Die Enteignungen von 26.236 Besitzern von Häusern und Wohnungen in Österreich starteten im Mai und Juni 1938. Bis November war, 20 bis 30 % des jüdischen Kapitals im Wert von ungefähr 100 Millionen Deutschen Mark in Nazi-Hände übergegangen.

[Auch die schweizer Banken als "neutrale" Banken machten bei den Arisierungen mit und schützten die jüdischen Konten nicht, und auch französische und "amerikanische" Banken schützten die jüdischen Konten nicht].

[Inkompetente Nazi-Bosse wirtschaften die Unternehmen zugrunde]

Altgediente Nazis wurden nun die neuen, von den Nazis nominierten, Manager der jüdischen Läden; die meisten von ihnen waren ungebildete Leute, und viele von ihnen waren Mitglieder der österreichischen Unterwelt. Sie hatten keine Ahnung von Geschäftsmethoden und wirtschafteten die Unternehmen schnell in den Ruin.

[18. März 1938: Einrichtung der Gestapo in Wien - IKG aufgelöst]

Am 18. März [1938] eröffnete die Gestapo einen Zweig in Wien (Staatspolizeistelle). An diesem Tag wurde die Israelitische Kultusgemeinde IKG offiziell geschlossen und ihre Führer verhaftet. Über die Juden wurde eine Strafe von 300.000 Schilling verhängt (40.000 $) - diese Summe entsprach der Summe, die der Schuschnigg-Regierung gespendet worden war, um ihn vor dem Anschluss gegen Deutschland zu unterstützen.

[März 1938: Eichmann und das Palästinaamt unter Rothenberg in Wien eingerichtet]

Im März betrat auch Adolf Eichmann die Bühne; er unterstand dem Führer des SD (SS Sicherheitsdienst) des Donau-Gebietes in Sachen Juden. Er benannte den Chef des Palästinaamts (der Wiener Zweig des Auswanderungsamts der Jewish Agency), Dr. Alois Rothenberg, für die Abwicklung der Auswanderungsfragen nach Palästina. Sein Hauptziel war die Auswanderung der Juden, unter allen und jeden Umständen, mit der grösstmöglichen Geschwindigkeit.

[10. Feb 1938: SS-Propaganda für die Auswanderung von österreichischen Juden]

Die Politik der erzwungenen Auswanderung war von der SS vor dem Anschluss offen befürwortet worden; dies scheint dem Denken von Hitler entsprochen zu haben.

Am 10. Februar 1938 publizierte die SS-Zeitung Das Schwarze Korps einen Artikel "Wohin mit den Juden?". Die gegenwärtige Auswanderungsrate, so argumentierte die Nazi-Zeitung, war nicht hoch genug.

[Juden in Deutschland protestieren nicht gegen die Vertreibung der Juden in Österreich - Perspektive Madagaskar]

Die Juden, die in Deutschland blieben, waren nicht ängstlich, dass ihre Brüder, (S.225)

"die Parasiten",

(Endnote 5: Über die Wichtigkeit des von den Nazis gegen die Juden angewandten Begriffs "Parasit", siehe: Alexander Bein: The Jewish Parasite; In: Leo Baeck Yearbook; London 1964, 9:3-40)

ihre Heimat verlassen mussten. Nur eine zwangsweise Ansiedlung der Juden in einem Land, wo man sie hinleitete, konnte die Frage lösen - eine Andeutung an den Madagaskar-Plan war von der polnischen Regierung publiziert worden.

(Endnote 6: Julius Streicher, der notorische Antisemit, publizierte in der Januar-Ausgabe (Nr.1) des Stürmer einen Hauptartikel mit dem Titel "Madagaskar", in Kombination mit einer Karikatur mit einem Juden, der von der Welt getrieben wird, mit der Bildunterschrift "DAS ENDE".

[26. April 1938: Völkischer Beobachter behauptet, dass bis 1942 alle Juden Deutschland verlassen müssen]

Nach dem Anschluss schrieb die führende Nazi-Tageszeitung in Deutschland, Der Völkische Beobachter am 26. April 1938, dass bis 1942 alle Juden aus Deutschland eliminiert sein müssten.

[Österreich ist jetzt auch Deutschland, und Österreicher sind Deutsche. Es war geplant, dass nach einem erfolgreichen Russlandfeldzug der ganze Rest der mitteleuropäischen Juden in Osteuropa angesiedelt werden sollte. Aber es gab nie einen Sieg gegen Russland.
In: Chiari: Alltag hinter der Front, Droste 1998].

[1937: Innerdeutsche Deportationen von 100en von Juden nach Allenstein und Schneidemühl und Folter]

Gemäss einer Quelle wurde im Jahr 1937 ein kleines Experiment in Sachen erzwungene Auswanderung in Ost- und Westpreussen unternommen, in den Gebieten Allenstein) (Olsztyn) und Schneidemühl (Pil). Die Opfer, alles in allem ein paar 100 Leute, wurden konstant schikaniert und überwacht, man raubte ihren Besitz, und man trieb sie in die Verzweiflung. Das Resultat war ein panischer Exodus.

(Endnote 7: 38-Germany, Berichte, 1937-1944, Bericht für den Oktober 1937)

[3. Mai 1938: Wiedereröffnung der IKG - 20.000 Anträge für Auswanderungszertifikate]
Nach der Zeit der zum Teil organisierten Bestialität erlaubte Eichmann am 3. Mai 1938 die Wiedereröffnung der IKG. In einer sehr kurzen Zeit beantragten 20.000 Familienoberhäupter eine Auswanderungserlaubnis. Damit handelte es sich mindestens um 40-50.000 Menschen.

[Die Gestapo steckt 1600 Juden in Konzentrationslager]

Um das Bedürfnis nach Auswanderung zu steigern, inhaftierte die Gestapo ungefähr 1600 Juden und sandte sie während der ersten drei Monate der NS-Herrschaft in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Vieler dieser Verhafteten waren wohlhabende Juden.

(Endnote 8:
-- ebenda [38-Germany, Berichte, 1937-1944, Bericht für den Oktober 1937)]
-- Nathan Katz Bericht vom 8/25/38 [25.8.1938], wo er sagt, dass es 1700-1800 solche Opfer waren. Rosenkranz (op. cit., [The Anschluss; In: Josef Frankel (Hrsg.): The Jews of Austria], S.488) gibt an, dass die erwähnten Opfer prominente Juden waren, die auf einer Schwarzen Liste standen, und sie wurden innerhalb von Tagen verhaftet; sie wurden am 30. Mai nach Dachau geschickt. Es scheint, dass Katz sich auf dieselbe Gruppe bezog. Was die Zahl von 20.000 beantragten Auswanderungszertifikaten angeht, so setzt ein Bericht von Löwenherz vom 8/31/45 [31. August 1945] (Saly Mayer Ordner 16), die Zahl bis 5/20/38 [20. Mai 1938] auf 40.000 fest;
-- Rosenkranz [Rosenkranz, Herbert: The Anschluss and the Tragedy of Austrian Jewry, 1938-1945; In: Josef Frankel: The Jews of Austria; London 1967], S.491)

[26. August 1938: Einrichtung einer Zentralstelle für jüdische Auswanderung]

Schlussendlich schlug Löwenherz selbst im August Eichmann vor, dass eine zentrale Institution eingerichtet werden sollte, wo die Juden alle nötigen Papier für das Verlassen des Landes erhalten konnten. Dies war die Geburtsstunde von Eichmanns berühmter Zentralstelle für jüdische Auswanderung, das zu einem Muster der deutschen Effizienz in jüdischen Frage wurde.

Die Zentralstelle wurde am 26. August eröffnet und war fortan mit den Auswanderungsangelegnheiten beschäftigt. Die Arbeitsmethode war einfach: Während der Jude die Prozedur absolvierte, blieb er ohne Besitz und hatte nur sein Ticket für die Ausreise in den Händen. All sein Besitz war von der deutschen Gründlichkeit "in Obhut genommen" worden (ein Teil davon ging anfangs noch an die IKG, so dass die vielen armen Leute, die keinen Besitz hatten, auch Österreich verlassen konnten). Die IKG wiederum wurde für ihre vielen Aktivitäten, hauptsächlich Fürsorge und Berufsausbildung von dem Geld der Auswanderer bezahlt). (S.226)

[In Osteuropa gibt es für die jiddischen Juden KEINE solche Zentralstelle. Die deutschen Juden sollten nach Palästina emigrieren, die jiddischen aber nicht. Da muss eine grosse Manipulation all dieser Vorgänge vorhanden sein].

[Gelähmtes "amerikanisches" Judentum in New York - das JDC-Geld für jüdische Suppenküchen in Österreich]

Die unmittelbare Reaktion des Zentralbüros des Verteilungskomitees JDC in New York auf die österreichische Katastrophe war Konsternation und Lähmung. Baerwald schrieb an Jonah B. Wise eine Tage nach dem Anschluss, dass an einer Sitzung mit den Führern des American Jewish Committee "jeder widerwillig zugeben musste, dass man bezüglich der Situation in Österreich nichts unternehmen konnte."

(Endnote 9: 8-21, Baerwald an Wise, 3/16/38 [16. März 1938])

Kahn andererseits zögerte nicht, Aktionen ins Auge zu fassen. Rosen ging freiwillig nach Wien, und als er am 23. März nach Paris zurückkam, berichtete er, er habe über einige freundliche Vertreter der amerikanischen Botschaft einige 1000 Dollars für Suppenküchen ausgegeben. Natürlich wurde viel mehr benötigt. Da zuerst keine offiziell aktive Israelitische Kultusgemeinde (IKG) vorhanden war, bat er die amerikanische Regierung um eine Intervention. Baerwald war nicht sicher; er dachte, dass es "der beste Weg für uns wäre, sich zu beruhigen und auf die neuen Entwicklungen zu warten, die von Washington kommen werden."

(Endnote 10: Ibid. [8-21], Baerwald Briefe, 4/6/38 [6. April 1938] und 4/19/38 [19. April 1938])

Aber da kam nicht viel Materielles aus diesem Quartier.

In der Zwischenzeit waren die Juden am Hungern und verzweifelt.

[Die Juden im Burgenland werden aus ihren Häusern getrieben]

Was die öffentliche Meinung aufbrachte, die nichtjüdische wie die jüdische, war die Not der Juden von sechs kleinen Städten in der österreichischen Provinz Burgenland, die aus ihren Häusern gewaltsam vertrieben wurden; einige von ihnen fanden vorübergehend auf einem Schiff auf der Donau Unterschlupf [eventuell mit Auswanderung nach Istanbul und Palästina]. Keines der Nachbarländer wollte diese Unglücklichen aufnehmen; es wurden Massnahmen gegen sie ergriffen "wie gegen die Pest".

(Endnote 11:
-- Executive Committee, Ordner, Büdget- und Bereichsleiterkomitee ("Budget and Scope Committee"), 8/18/38 [18. August 1938];
-- Morse, op. cit. [Morse, Arthur D.: While Six Million Died; New York 1968], S.205)

[Besuche von JDC-Vertretern in Wien]

Währenddessen hoffte das JDC-Büro in New York, dass ein nichtreligiöses Komitee gegründet werden könnte, um die Situation in den Griff zu kriegen.

(Endnote 12: 8-21, Baerwald an Wise,  3/16/38 [16. März 1938])

Als aber nichts geschah, wurde die Entscheidung getroffen, mit so viel Geld wie nur möglich in das Land zu gehen. Neben dieser prinzipiellen Entscheidung versuchte das JDC sehr hartnäckig, einen amerikanischen Juden mit Aussagekraft zu finden, der das JDC in Wien repräsentieren konnte. Weiter hatte es keine Absicht, Dollars nach Österreich zu schicken, wenn dies nicht unbedingt nötig war.

Während der ersten Monate nach dem Anschluss wurde eine Anzahl prominenter Persönlichkeiten nach Wien entsandt: Joseph A. Rosen, Alexander A. Landesco, Alfred Jaretzki, Jr., David J. Schweitzer vom Pariser (S.227)

Büro und weitere. Durch sie konnte das JDC direkten Kontakt zur Situation behalten, und war auch fähig, Nazi-Agenten zu kontaktieren und Einfluss auf ihre Aktionen zu nehmen. Das bisschen Hilfe, das diese amerikanischen Juden mitbringen und verteilen konnten, im Grossen und Ganzen durch die Freundlichkeit von Leland Morris, den US-Generalkonsul, war ziemlich unangemessen.

(Endnote 13: R11, C.M. Levy, Bericht über eine Reise nach Wien, 12/1/38-12/8/38 [1. Dezember 1938-8. Dezember 1938])

[11. Juni 1938: Der Rat für das deutsche Judentum fordert ordentliche Auswanderungsprozeduren in Österreich]

Am 11. Juni intervenierte der Rat für das deutsche Judentum in London (der theoretisch auch den JDC repräsentierte) bei der deutschen Botschaft in Britannien und forderte die Einführung ordentlicher Auswanderungsprozeduren.

(Endnote 14:

[Juni 1938: JDC-Geld für österreichische Juden]

Die Israelitische Kultusgemeinde IKG eröffnete wieder am 3. Mai. Sie war händeringend damit beschäftigt, mit der katastrophalen Situation fertigzuwerden. Zu dieser Zeit war dem JDC klar, welche Verpflichtung sie hatte, um Kahns Politik der maximalen Hilfe zu unterstützen. Im Juni bewilligte das JDC für Österreich eine Summe von 250.000 $. Bis Ende Jahr wurde eine Summe von 431.438 $ ausgegeben, und dies waren 10 % der totalen JDC-Ausgaben dieses Jahres.

(Endnote 15: Die totalen Ausgaben des JDC für 1938 kamen auf 4.112.979 $).







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