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Yehuda Bauer: Der Hüter meines Bruders

Eine Geschichte des Amerikanischen Jüdischen Vereinigten Verteilungskomitees 1929-1939

[Holocaust-Vorbereitungen in Europa und Widerstand ohne Lösung der Situation]

aus: My Brother's Keeper. A History of the American Jewish Joint Distribution Committee 1929-1939; The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1974

Übersetzung mit Untertiteln von Michael Palomino (2007)


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Kapitel 6. Der Beginn vom Ende
[D.] Die Flüchtlinge

[6.13. Polen: Auswanderungskomitees für die Juden 1938 - keine (offiziellen) Auswanderungsplätze - Madagaskarplan]

[Nov 1938: Polen: Einrichtung des Jüdischen Auswanderungs- und Kolonisationskomitees - und ein Komitee der Freunde zur Unterstützung der jüdischen Auswanderung nach Madagaskar]

Nun hatten die Polen aber ihre Lektion wirklich gelernt. Wenn Deutschland es gelang, mit Gestapo-Methoden Juden loszuwerden, so konnten die Polen auch bald dasselbe tun. In den ersten Novembertagen zwang die Regierung den anerkannten Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Polen, Rabbi Moshe Schorr, ein jüdisches Auswanderungs- und Kolonisationskomitee einzurichten. Die Polen gaben der Organisation die Aufgabe, 3 Mio. Zloty zu sammeln, und die Organisation sollte alles tun, die jüdischen Organisationen im Ausland zu überzeugen, um möglichst grosse Mengen polnischer Juden auswandern zu lassen. Im Grossen und Ganzen boykottierten die Zionisten dieses (S.247)

Komitee; aber ihren Führern, Henryk Rosmarin, Ansselm Reiss, und Moshe Kleinbaum, wurde klipp und klar gesagt, dass die Regierung nicht gedenke, Palästina als den einzigen Zielort der polnisch-jüdischen Auswanderung zu betrachten. "Wenn sich Deutschland die Brutalitäten erlaubt, uns für Juden bezahlen zu lassen, so werden ähnliche Methoden auch in diesem Land angewandt werden, um die jüdische Auswanderung aus Polen zu fördern."

(Endnote 67: R10, Bericht von Troper und Smoler, 12/2/38 [2. Dezember 1938])

In Übereinstimmung mit diesem Denkansatz, und um den Druck auf die Juden zu erhöhen, setzte die polnische Regierung auch ein nichtjüdisches Komitee der Freunde der jüdischen Auswanderung nach Madagaskar ein.

Die Hauptaufgabe der Mitglieder des jüdischen Komitees war - neben der Geldsammlerei - ins Ausland zu reisen und Verhandlungen über die Auswanderung von so vielen Juden wie möglich zu führen. Innerhalb eines Monats - bis Dezember 1938 - war ein Drittel der geforderten Summe von 3 Mio. Zloty zusammen. Das Geld wurde von wohlhabenden jüdischen Einzelpersonen in Polen gespendet.

[Das JDC kann der polnischen Aktion für Auswanderungskomitees nur zuschauen]

Der neue Vorsitzende des JDC in Europa, Morris C. Troper, sah keine Möglichkeiten, der neuen polnischen Haltung entgegenzutreten. Am 20. Dezember 1938 schrieb er Hyman, dass bei einer Unvermeidlichkeit des polnischen Auswanderungsdrucks das Komitee zumindest bis zuletzt in den Händen sein sollte, die für das JDC zugänglich waren.

(Endnote 68: 44-3).

[Wettbewerb beim Spendensammeln für die polnischen Juden zwischen AFPJ, WJC und JDC]

Schorr und Rosmarin waren mit der Amerikanischen Gesellschaft der Polnischen Juden (American Federation of Polish Jews [AFPJ]) und mit dem Jüdischen Weltkongress (World Jewish Congress [WJC]) verbunden. Das Konzept des WJC war dem Konzept des JDC konträr entgegengesetzt. Der WJC strebte nämlich eine Einheit eines weltweiten, jüdischen Volkes an und wollte dafür eine weltweite, politische Maschinerie aufbauen mit der Behauptung, die Juden weltweit vertreten zu können. Der WJC und die AFPJ versuchten in Amerika ebenso, für die europäischen Juden Geld zu sammeln, im Wettbewerb mit dem JDC. Schorr und Rosmarin waren deshalb inakzeptabel, und Troper schlug vor, dass drei vom JDC annehmbare Industrielle in die USA eingeladen werden sollten, einer davon war Karol Sachs, ein sehr reicher jüdischer Industrieller aus Lodz.

Das New Yorker Büro, wie auch das JDC-Büro in Warschau, waren nicht bestrebt, in die Auswanderungsproblematik von Polen voll einzusteigen, zumindest nicht unter solch polnischem Druck. Es gab wahrlich einen langsamen, aber entscheidenden Wechsel, was die Meinung des JDC zur Auswanderung generell betraf. Der polnische Antisemitismus schien im Jahr 1939 weniger betont, (S.248)

und es wurde angenommen, dass die Polen "etwas den Wölfen vorwerfen müssten".

(Endnote 69: 44-21, Komitee über Polen und Osteuropa ("Committee on Poland and East Europe"), 2/8/39 [8. Februar 1939])

Adler dachte, es sei sehr einfach, den Leuten zu sagen, sie sollten nicht auswandern, wenn man als Jude aus Amerika käme. "Aber wenn ihnen die Existenz aberkannt wird, dann ist die einzige Chance die Auswanderung."

(Endnote 70: 44-29; Adler an Hyman, 2/9/39 [9. Februar 1939])

[Die Auswanderungsorganisationen können für 3 Mio. polnische Juden keine Auswanderungsländer finden - die US-Quote bleibt bei 6000 jährlich]

Das Problem war natürlich, wohin man gehen sollte, und wie man sich eigentlich auf die Auswanderung vorbereiten sollte. In Polen selbst war die Betonung auf die Berufsausbildung für die Auswanderungsländer in Übersee nichts Neues. Ein Bericht vom März 1939 aus Galizien betonte, dass "wir nirgendwo die Erlaubnis haben, neue Wurzeln zu schlagen, und wir sind gezwungen zu erwägen, unsere Kinder und die Jugend als zukünftige Exportartikel zu betrachten. Wir müssen dabei versuchen, erste Qualität zu liefern."

(Endnote 71: 14-39; Bericht aus Galizien)

Aber in der Welt von 1939 war auch erste Qualität nicht genug. Palästina war fast zu. Die polnische Quote für die USA betrug 6000 im Jahr. Südamerikanische Länder sträubten sich, Juden zu akzeptieren. Die Welt war nicht gewillt, den drei Millionen Juden zu helfen.

[Illegale Auswanderung ist nicht erwähnt, aber sehr wahrscheinlich].

[1939: Idee von George Backer, dass Juden eine Kolonie kaufen sollen]

In dieser verzweifelten Lage wurden auch über verzweifelte Lösungen nachgedacht, z.B. auch in solch hohen Rängen wie dem JDC-Büros in New York. George Backer, der mit beiden Organisationen, JDC und dem Amerikanisch-jüdischen Komitee, zu tun hatte, schlug den Polen vor, eine Kolonie zu kaufen, voraussichtlich in Afrika, wo die Juden siedeln könnten. der polnische Botschafter, so berichtet er, antwortet enthusiastisch auf diesen Vorschlag.

(Endnote 72: 44-21, Komitee über Polen und Osteuropa, 2/8/39 [8. Februar 1939])

[Jan 1939: Schorr in London - JDC-Arbeit in Polen soll nicht gefährdet werden - das JDC will Schorr nicht sehen - Schorr warnt in London vor einer absoluten Diskriminierung der Juden]

In der Zwischenzeit, es war inzwischen Ende Januar 1939, reisten Rabbi Schorr und weiter nach London. Wenn sie in die USA kommen würden, dann würde die Situation für das JDC schwierig werden. Das JDC konnte keine Auswanderungsplätze anbieten, und für solche grossen Unternehmungen fehlte auch das Geld, auch wenn es Plätze gegeben hätte. Eine Auswanderungskampagne könnte auch der kleindimensionierten, aber lebenswichtigen Arbeit des JDC in Polen gefährden. Dies bedeutete gleichzeitig, dass keine Auswanderung folgte, und die Massen polnischer Juden, die zu diesem Zeitpunkt eine kleine Hilfe durch das JDC bekamen, würden dann verlassen dastehen.

Deshalb beschloss das JDC, dass ein Besuch durch die polnische Delegation zu vermeiden sei.

Im Februar 1939 berichtete Troper an Hyman, dass er er einem Besuch zuvorgekommen sei, und dass die Delegation ihre Probleme in London besprechen würde. Dort berichtete die Delegation offensichtlich, dass die Polen (S.249)

mit antijüdischer Gesetzgebung gedroht hätten, wenn man mit der Auswanderung nicht weiterkäme. Eine solche Gesetzgebung würde eine "Revision" der Staatsbürgerschaft und die Eliminierung der Juden aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben Polens beinhalten.

(Endnote 73: 44-29; Troper an Hyman, 2/14/39 [14. Februar 1939]; 44-4, Memo über Polen, 5/1/39 [1. Mai 1939])

Da gab es für den JDC nicht mehr viel, wo man hätte helfen können.







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