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Yehuda Bauer: Der Hüter meines Bruders

Eine Geschichte des Amerikanischen Jüdischen Vereinigten Verteilungskomitees 1929-1939

[Holocaust-Vorbereitungen in Europa und Widerstand ohne Lösung der Situation]

aus: My Brother's Keeper. A History of the American Jewish Joint Distribution Committee 1929-1939; The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1974

Übersetzung mit Untertiteln von Michael Palomino (2007)

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Kapitel 6. Der Beginn vom Ende
[F.] Die "Kristallnacht" [am 9./10. November 1938]

[6.17. Reichsvereinigung (RVE) eingerichtet - Unterstützung für "Nichtarier"]

[Ab 10. Nov 1938: Verbot der Reichsvertretung RV - Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (RVE) in Planung]

Das November-Pogrom war für sie eine gute Gelegenheit, mit der Vergangenheit zu brechen. Sofort nach dem Pogrom entschieden die Nazis, die RV nicht mehr zuzulassen. Aber die Entscheidung war strittig, denn die Juden sollten doch eine Organisationen haben, in die die Juden gezwungen werden sollten.

Im Januar dachte Göring noch, dass die zentrale, jüdische Organisation ein Anhängsel des neuen Auswanderungsbüros sein sollte, das er bereits plante. Aber andere Ideen obsiegten, und am 17. Februar 1939 verkündete die jüdische Zeitung Jüdisches Nachrichtenblatt, die einzige jüdische "Zeitung", deren Erscheinen von den Nazis noch erlaubt wurde, dass eine neue, zentrale Organisation des deutschen Judentums eingerichtet würde, die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (RVE), deren Mitglieder von der Gestapo ernannt werden würden.

[4. Juli 1939: Reichsvereinigung der Juden in Deutschland eingerichtet (RVE) - Stahl und die Gestapo]

Nun, es dauerte aber bis zum 4. Juli 1939, bis die neue RVE eingerichtet war und offiziell verkündet wurde. Die lange Wartezeit wurde durch langgezogene Streitereien zwischen den deutschen Ministerien verursacht. Aber da kam auch einiges schmutziges Gezänk ans Tageslicht, zwischen der Berliner Gemeinde, geführt vom konservativ-liberalen Heinrich Stahl, und der alten Führung der RV. Im April erreichte die Angelegenheit ihren Höhepunkt, als Stahl zur Gestapo ging und um Hilfe bat, um seinen Anspruch auf die Führung der jüdischen Gemeinde durchzusetzen. Die Gestapo hat scheinbar nicht direkt interveniert, aber

[RVE-Strukturen - das JDC unterstützt die Gruppe Baeck-Hirsch-Lilienthal]

im neuen RVE wurde Stahl der Vizepräsident neben Rabbi Leo Baeck.

(Endnote 89: Shaul Esh: The Establishment of the Reichsvereinigung der Juden in Deutschland and Its Activities [Die Einrichtung der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland und ihre Aktivitäten] (Hebrew); In: Yad Vashem Studies; Jerusalem 1968, 7:19-38)

Das JDC war über die Vorgänge in Deutschland informiert; es konnte die internen Reibereien in solch kritischen Zeiten nur bedauern. Es war sich der Intrigen der Stahl-Gruppe natürlich nicht bewusst, aber wenn immer die Führergruppe Baeck-Hirsch-Lilienthal es verlangte, dann bekamen sie vom JDC die Unterstützung, (S.258)

Tabelle 18: Ausgaben des JDC in Deutschland und Österreich im Jahre 1938 und 1939 (in $)
Jahr
Total der JDC-Ausgabe
In Deutschland
In Österreich
1938
3.799.709
686.000
431.438
1939
8.447.221
978.102

(Endnote 90: Quellen:
-- R12
-- R21
Die Zahlen sind nicht immer aufeinander abgestimmt. Eine Broschüre mit dem Titel: Aid to Jews Overseas (R9) gibt für Deutschland z.B. die Zahl 981.200 $ an).

so gut es eben ging. Es muss daran erinnert werden, dass Leute wie Baerwald, Kahn und Max M. Warburg (der Bruder von Felix, der schlussendlich 1938 in die USA auswanderte) mit der deutsch-jüdischen Führerschaft eng vertraut waren. Sie vertrauten der neu gegründeten Gruppe und dem RV seit 1933. In Tat und Wahrheit war Max Warburg der Initiator der RV gewesen, hatte einen entscheidenden Teil der Führerschaft übernommen, und war zu einem grossen Teil der politische Lenker der Organisation gewesen.

Im Lichte dieser schlimmen Situation - und auch muss noch gesagt werden, als Resultat der wachsenden Einnahmen - war das JDC nun fähig, die finanziellen Unterstützungen für die deutschen Juden zu erhöhen. Ein Teil dieser Unterstützung kam durch die Quäker, die, wie immer in angespannten Zeiten, eng mit dem JDC kooperierten.

[Spezielle Hilfe für "Nichtarier"]

Im Februar 1939 sprach das JDC eine Summe von 100.000 $ an das American Friends Service Committee, "wobei dieser Summe keinerlei Publizität zuteil werden sollte, und mit der Klausel, dass Deutschland möglichst wenig amerikanische Dollars bekommt, so wie es die Beitragszahler erwarten."

(Endnote 91:
-- AC [Administration Committee files], 2/2/39 [2. Februar 1939];
-- Germany-AFSC [Quaker American Friends Service Committee], 2/9/39 [9. Februar 1939])

Die Freunde tendierten dazu, dieses Geld den "Nichtariern" zukommen zu lassen, das heisst an Leute, die mit den offiziellen jüdischen Gemeinden nichts zu tun hatten, aber von den Nazis als Juden angesehen wurden. Durch vielleicht übervorsichtiges Management wurden bis zum Kriegsausbruch im September [1939] nur 26.908 $ dieser Summe ausgegeben.







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