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Yehuda Bauer: Der Hüter meines Bruders

Eine Geschichte des Amerikanischen Jüdischen Vereinigten Verteilungskomitees 1929-1939

[Holocaust-Vorbereitungen in Europa und Widerstand ohne Lösung der Situation]

aus: My Brother's Keeper. A History of the American Jewish Joint Distribution Committee 1929-1939; The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1974

Übersetzung mit Untertiteln von Michael Palomino (2007)

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Kapitel 6. Der Beginn vom Ende
[K. 6.32.] Illegale Migration [mit dem Schiff]

[Juli 1934: Illegale Auswanderung nach Palästina: Das Schiff "Velos" versucht es vergeblich]

Die Tragödie der jüdischen Auswanderung verursachte ein Jahrzehnt lang durch seine Erscheinungen das Phänomen, das man (S.285)

die Not der Juden wurde: illegale Migration. Seit Juli 1934 fuhren die ersten illegalen Auswandererschiffe nach Palästina. Das Schiff Velos machte von Polen aus mit 330 Ausgebildeten der Hechalutz eine erfolgreiche Fahrt. Im September dieses Jahres versuchte die Velos dasselbe ein zweites Mal, aber die Briten verhinderten die Landung; die 310 Passagiere

(Endnote 165: Yehuda Slutsky: Sefer Toldot Hahaganah; Tel Aviv 1963, 2:528-29. Es waren 360 Passagiere, wobei es 50 gelang, von den Briten unbeobachtet an Land zu gelangen).

versuchten, einen Hafen "bei mehreren Häfen" zu finden, aber sie wurden nirgendwo an Land gelassen. Schliesslich fuhr das Schiff nach Polen zurück und die Passagiere erhielten legale Einreisepapiere nach Palästina. Das HICEM verlangte, dass das JDC die Passagiere unterstützen würde, aber Kahn lehnte ab: "Wir konnten diese Fälle nicht unterstützen, weil es sich um illegalen Schmuggel von Einwanderern nach Palästina handelte."

(Endnote 166: R16, Monatsbulletin ("monthly bulletin"), Nrn. 1 and 2, 3/6/35 [6. März 1935])

[Jan 1938: Histadruth mit illegaler Einwanderung - die Zionisten sind dagegen, um England nicht zu verärgern]

Im Januar 1938 begannen erneut Anstrengungen für den Beginn der illegalen Einwanderung nach Palästina.

(Endnote 167: Slutsky, op. cit. [Yehuda Slutsky: Sefer Toldot Hahaganah; Tel Aviv 1963], 2:1036 ff.)

Dies wurde z.T. durch die Histadruth organisiert (der Allgemeine Palästinensisch-Jüdische Arbeiterverband, engl. "Palestine General Jewish Federation of Labor"), zum Teil durch Revisionisten, die Gegner der offiziellen zionistischen Bewegung, und zum Teil durch Privatpersonen und verschiedene politische Gruppen. Die offiziellen zionistischen Körperschaften waren in dieser Frage gespalten; einige der amerikanischen und der britischen Zionisten lehnten die illegalen Anstrengungen ab, zumindest, so lange die kleinste Hoffnung eines Entgegenkommens von Britannien bestand.

[Frühjahr 1939: Auswanderungsverhandlungen über die Auswanderung nach Palästina - Hilfe für die gestrandeten, illegalen Einwanderer]

Im Frühjahr 1939 wurde das JDC durch die verschiedenen Gruppen angesprochen, die die Bewegung der Einwanderungsbewegung nach Palästina organisierten. "Das JDC war bereit, bis zu 5000 Pfund beizutragen, wenn der Rat (für das deutsche Judentum) und die Gruppe um Simon Marks je einen ähnlichen Betrag geben würden, und wenn der Rat die Verantwortung mittragen würde."

(Endnote 168: Kahns Aktenmaterial, Ordner 1939/40, 6/15/39 [15. Juni 1939])

Dies hiess, dass das JDC nur teilhaben, wenn die ganze Sache offen und öffentlich geführt wurde, ipso facto, legal. Natürlich geschah das nicht, und die JDC-Hilfe wurde nicht verbindlich. Troper sagte, dass "wir mit der Haltung weiterfahren müssen, dass das JDC mit dieser Auswanderung nichts zu tun hat." Die örtlichen Komitees (die nicht Teil des JDC waren), solche wie die Gruppe von Frau van Tijn in Holland oder die Gruppe um Frau Schmolka in Prag, "können dies tun, wenn sie es wünschen."

(Endnote 169: R55, Troper Brief, 3/2/39 [2. März 1939])

Dies war im Grunde genommen die JDC-Politik bis zum Ausbruch des [europäischen] Krieges.

Mit dieser prinzipiellen Position kam nun eine Frage auf, die nicht leicht beantwortet werden konnte. Man konnte ja die Augen vor dem Elend und dem Leid der Leute nicht verschliessen, die nicht nach Palästina gelangen konnten. Das JDC (S.286)

war ohne Rücksicht auf die Politik zur Hilfe an die Leute verpflichtet. Ausserdem erlaubte sogar das ICR [das Übernationale Flüchtlingskomitee, das in Evian 1938 eingerichtet worden war] durch seinen britischen Direktor, Emerson, ausdrücklich "die Hilfe aus humanitären Gründen an jene, die due die Abweisung der Transporte gestrandet waren", während die "verantwortlichen Organisationen" gewarnt wurden, "solchen Transporten keine direkte Hilfe zuteil werden zu lassen."

(Endnote 170: 9-27, Sitzung der ICR Direktoren [Intergovernmental Committee on Refugees (ICR) (1938 in Evian eingesetzt)] mit JDC und HICEM, 7/25/39 [25. Juli 1939])

[Hilfe für die gestrandeten Juden auf defekten oder geschnappten Schiffen in Griechenland]

Einige Situationen waren tatsächlich tragisch.

in den ersten Juli-Tagen des Jahres 1939 fing das Schiff S.S. Rim Feuer, und seine 772 Passagiere wurden auf einer griechischen Insel an Land gebracht. Anderen Schiffen, die von ihren Organisatoren schlecht betrieben waren, ging der Treibstoff aus, oder sie wurden von den Briten geschnappt und mussten ohne Proviant in griechischen Gewässern bleiben.

Bis Juli 1939 hatte das JDC durch die Hilfe, solche Leute auf Schiffen zu versorgen, 9000 $ ausgegeben, zum grossen Teil durch das Büro der Athener jüdischen Gemeinde, die die Hilfe verwaltete.

Das JDC beobachtete sorgfältig die Situation. Es erhielt Berichte und detaillierte Informationen über Boote, die mit Leuten gefüllt waren und die versuchten, sich nach Palästina zu retten; wenn diese Versuche fehlschlugen, so sollte das JDC mit Nahrung, Kleidern und Decken zur Stelle sein, während jede Einmischung in die politischen Aspekte der Situation vermieden wurde.

(Endnote 171:
-- R10, 5/29/39 [29. Mai 1939], Kahns Notiz an Baerwald;
-- R55, 5/11/39 [11. Mai 1939], Bericht;
-- 42-Palästina, Auswanderung nach Palestine, 1937-39)

Palästina war ohne Zweifel das einzige Ziel der Boote, die illegale Einwanderer transportierten.

[Illegale Einwanderung nach Lateinamerika: Cuba mit bestochenen Beamten - weitere Länder]

Um ungefähr dieselbe Zeit, als Versuche gemacht wurden, Palästina zu erreichen, versuchten auch Flüchtlinge ohne Visas, in die lateinamerikanischen Länder zu gelangen. Diese Bewegung scheint im September 1938 begonnen zu haben, als 43 Passagiere auf der SS. Iberia vergeblich versuchten, in Mexiko anzulegen. Schliesslich wurde ihnen erlaubt, in Kuba an Land zu gehen.

Eine ähnliche Reise machte die S.S. Orinoco im Oktober mit 300 Passagieren, und am Ende landete sie am selben Ort. All dies kostete natürlich Geld. Die kubanischen Beamten mussten bestochen werden. Kuba blieb einer der Haupthäfen der ganzen Zeit, vor allem wegen der Käuflichkeit der Beamten.

[Einwanderungszahlen und Zahlen über die eventuelle Weiterreise fehlen].

Aus vielen verschiedenen Gründen akzeptierten zeitweise auch Venezuela, Kolumbien, Chile, Costa Rica und Bolivien Flüchtlinge ohne Visa.

[Wieder fehlen Einwanderungszahlen und Zahlen über die eventuelle Weiterreise].

[Die Bilanz im März 1939: 23 Boote mit 1740 Passagieren]
Eine im März 1939 im JDC-Büro vorbereitete Liste zählte 23 Boote mit 1740 Passagieren, die irgendwie Lateinamerika ohne saubere Dokumente erreicht hatten.

[Die zurückkehrenden Auswandererschiffe]

Nicht allen diesen Schiffen gelang es, ihre menschliche Fracht an Land zu bringen. Die S.S. General (S.287)

Martin zum Beispiel, die in den ersten Februar-Tagen [1939] mit 25 Passagieren ohne Visa in Boulogne ablegte, musste mit den Flüchtlingen an Bord zurückkehren. Dasselbe passierte den 40 Passagieren der S.S. Caparcona Ende März.

(Endnote 172: Wer eine Liste über die Schiffe haben will, kann hier die Dokumente sehen:
-- 29-Germany: Panische Auswanderung ("Panic Emigration"), 1938-39, 3/30/39 [30. März 1939];
-- Executive Committee, Sitzung zwischen Dezember 1938 und Juli 1939
-- R9, Hilfe an Juden in Übersee ("Aid to Jews Overseas", Flugblatt); auch
-- R56, und
-- AC [Administration Committee Ordner], Sitzungen während dieser Zeit).

[Das JDC finanziert die Schmiergelder - das Spiel mit den Visas während der Reise]


Das JDC musste einen grossen Teil der Schmiergelder bezahlen, das als Landungsgeld oder Lebenshaltungskosten der Flüchtlinge etwas versteckt deklariert wurde. Oft hatten die Passagiere auch gefälschte Visa erhalten, oder die Visa waren echt, aber das Aufnahmeland erklärte sie plötzlich für ungültig - so wie es mit der St. Louis passierte.

Um Vorgänge organisieren zu können, musste das Geld von Hand zu Hand gehen, und das JDC konnte all die hohen Summen schlichtweg nicht bezahlen.

Am 15. März sandte Baerwald ein Telegramm nach Europa und bat um eine Sitzung der Hauptauswanderungsagenturen, um zu überlegen, was getan werden konnte. Es war, so sagte er, "ziemlich klar (dass die) Ressourcen (der) privaten, philanthropischen Körperschaften (bis aufs äusserste) angespannt (waren) ... sogar (bei der) eher normalen (und) ordentlichen Auswanderung unter (der) Kontrolle (der) verantwortlichen Büros."

(Endnote 173: Telegramm vom 3/15/39 [15. März 1939], Zitat in Hymans Bericht an das Executive Committee, 3/23/39 [23. März 1939])

[Kriminelle Umstände um die illegale jüdische Auswanderung - und Hilfe vom JDC]

Die Entsorgung ("dumping") von Flüchtlingen kam nun in eine panische Migration, und die Flüchtlinge wurden durch skrupellose Schifffahrtsgesellschaften, Anwälte und korrupte Beamte ausgenützt. Es kam zu alarmierenden Problemen: Unklare Unterbringung der Flüchtlinge, hohe Garantien, die ziemlich jenseits der finanziellen Möglichkeiten der privaten Körperschaften lagen, z.B. beim JDC, und der Geist einer mehr oder weniger permanenten Bedrohung durch Erpressung, die die Operationen der verschiedenen Agenturen in Gefahr brachten. Beide, die Schifffahrtsgesellschaften und die Deutschen wussten, dass die jüdischen Organisationen protestieren könnten aber am Ende doch bezahlen mussten.

[Es fehlen leider jegliche Zahlenangaben, die sehr interessant wären].

Die anderen Agenturen - das HICEM, ICA, der Rat für das deutsche Judentum, waren im selben Dilemma. Es gab keine wirkliche Lösung, so lange die Einwanderungsländer geschlossen waren.

[Frühjahr 1939: Die meisten lateinamerikanischen Länder schliessen die Grenzen für jüdische Auswanderung]
Zum Teil als Resultat dieser panischen Auswanderung schlossen dann die meisten lateinamerikanischen Länder Anfang 1939 ihre Grenzen. Die Meinungen im JDC waren geteilt.

[JDC: Diskussionen, ob man helfen sollte oder nicht]

Alexander Kahn war einer derjenigen, der erklärte, dass das JDC "ihnen" einfach "helfen musste, so weit die Mittel reichten, weil ich nicht denke, dass uns vergeben wird, wenn wir die schroffe (Linie der) Politik einschlagen, dass wir nicht helfen. Wenn die nächste Ladung mit 100 kommt, werden wir es sowieso tun müssen." Die andere Sichtweise wurde durch Rosenberg ausgedrückt, der gegen ein Einverständnis einer Vertreibung der Juden aus Europa argumentierte. Wenn (S.288)

man den Deutschen erlauben würde, ihre Juden zu "vernichten", dann könnten die Polen und Rumänen auch bald folgen, dies zu tun. In den Köpfen der deutschen Vertreter "ist" auch "die Idee, dass das amerikanische Judentum alle Arten von Notfällen begegnen kann." Man musste Nein zu den Flüchtlingen sagen. "Alles in allem sind wir in einer Welt des Krieges, und es gibt Zeiten, da muss man einige der Truppen opfern. Und diese Unglücklichen sind einige unserer Truppen."

(Endnote 174: AC [Administration Committee files], 3/15/39 [15. März 1939])

Das JDC folgte Rosenbergs Ratschlag nicht. Es akzeptierte die Politik von Alexander Kahn, versuchte aber, so wenig wie möglich an Schmiergeldern zu bezahlen; und ausser im Fall der St. Louis lehnte es die Bezahlung von Lösegeld ab.

[Die Affäre um die St. Louis: Die Boote Flandre und Orduna kehren auch nach Europa zurück]

Während und nach der Affaire um die St. Louis ging die illegale Einwanderung nach Lateinamerika weiter. Neben der St. Louis kamen auch zwei kleine Schiffe in Havanna an: die S.S. Flandre, ein französisches Schiff mit 96 Flüchtlingen, und die S.S. Orduna, ein britisches Schiff mit ungefähr 40 Leuten. Wie die Passagiere der St. Louis wurde ihnen die Erlaubnis, an Land zu gehen, verweigert. Sie kehrten ebenfalls nach Europa zurück und wurden in den vier Ländern aufgenommen, die schon andere aufgenommen hatten.

[u.a. England, wo die Flüchtlinge sicher waren].

[Die amerikanisch-jüdischen, diplomatischen Bemühungen für die europäisch-jüdische Auswanderung]

Das JDC musste die lateinamerikanischen amerikanisch-jüdischen Gemeinden unterstützen, die versuchten, sich um die Flüchtlinge aus Europa zu kümmern. Im Dezember 1938 sandte es einen ehemaligen deutsch-jüdischen Sozialarbeiter nach Lateinamerika, um einen Kontakt mit den dortigen Gemeinden einzurichten. Diese Kontakte kamen im Frühjahr 1939 ins Laufen. Das Havanna-Flüchtlingskomitee wurde unter den Einfluss des New Yorker  National Coordinating Committee gebracht, später der National Refugee Service. Andere Komitees erhielten vom JDC direkte Hilfe und gaben es entsprechend den Regeln an jene weiter, die Hilfe brauchten. Im Jahr 1939 wurden 600.000 $ für diese Arbeit ausgegeben, das an 68.000 betroffene jüdische Flüchtlinge aus Nazi-Europa verteilt wurde.

(Endnote 175: Eine Liste mit Einzelheiten der Länder und die Anzahl Flüchtlinge von jedem Land wurde an der Sitzung des Executive Committee unterbreitet, am 7/20/39 [20. Juli 1939]).

[Leider fehlt diese Liste im Text].






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