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Kreuzzüge 06

Sprachentwicklungen durch die Kreuzfahrerstaaten in Palästina 1100-1300. Chronologie

Die Bereicherung von Wortschatz und Linguistik durch die verschiedenen Sprachberührungen

von Michael Palomino (2001)

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aus: Hans Prutz: Kulturgeschichte der Kreuzzüge. Georg Olms Verlagsbuchhandlung. Hildesheim 1964


Kommentar
Die vorliegende kleine Zusammenfassung kann eine Grundlage sein, um dem Leser / der Leserin eine Ahnung über die Sprachberührung aufzuzeigen, die in Palästina zwischen 1100 und 1300 stattgefunden hat. Das Verständnis ist insbesondere erschwert, weil zur damaligen Zeit auch die europäischen Sprachen keinesfalls den heutigen Sprachformen entsprachen, sondern altfranzösisch, althochdeutsch und altes Italienisch gesprochen wurde. Für Linguisten ist die Kreuzzugszeit ein Leckerbissen.

Michael Palomino
November 2003 / April 2005


Chronologie

ab 1100
Umgestaltungen in der europäischen Kultur und der Bedingungen in Europa
Die europäische Bevölkerung macht mit den Anregungen aus dem arabischen Raum gewaltige Fortschritte (S.397).

Wandlungen in der Sprache durch das Sprachgewirr

-- die Mischung der europäischen Nationalitäten in Palästina bewirkt intensive Sprachberührungen

->> es entsteht ein allgemeines Völker- und Sprachgewirr
->> es entstehen neue Wechselbeziehungen, die bis nach Europa wirken
->> die Schranken zwischen den europäischen Bevölkerungen fallen durch gemeinsame Wortschöpfungen und Handel

->> es findet in Palästina materiell wie geistig-literarisch ein Austausch statt, mit Neuschöpfungen, mit Entlehnungen sprachlicher Natur durch Lebensgemeinschaften etc.

->> die militärisch-technischen Begriffe prägen sich besonders ein und werden in Europa übernommen (S.398).

Pilger bekommen fast immer Erklärungen gleichzeitig in Latein, Italienisch, Französisch und Deutsch, bis noch in "spätere Zeiten" (S.399).

Die "Gemeinschaften" der europäischen Völker
-- entstehen schon auf den Schiffen
-- setzen sich in Palästina im Zivilleben fort
-- setzen sich auf Feldzügen fort

->> es kommt zu massivem Sprachaustausch im Alltagsgebrauch (S.399).

Französisch ist die wichtigste Sprache der europäischen Invasoren
-- allgemein sind die Franzosen die Hauptbeteiligten an den Kreuzzügen
-- Französisch wird im Allgemeinen das Hauptverständigungsmittel der Franken
-- das Palästina-Französisch ist durchsetzt "mit italienischen Reminiszenzen und Entlehnungen" (S.398).

Zweisprachigkeit als Standard in Palästina und in Frankreich [!]
Voraussetzung für die Entlehnung von Wörtern einer anderen Sprache ist "eine gewisse Zweisprachigkeit":

-- vor allem mit der Kenntnis von Arabisch

-- in der Folge werden grosse Teile in Frankreich auch zweisprachig
-- das Studium der orientalischen Sprachen nimmt in Europa einen grossen Aufschwung (S.404)

-- Richard und Tancred verstehen z.B. beide Arabisch

-- später ist "diese Kenntnis wenigstens nichts Ausserordentliches mehr", nach jahrzehntelangem Aufenthalt (S.403)

-- "gelegentlich" wird eine totale Zweisprachigkeit erwähnt
-- Reinhard von Sidon unterhält sich mit Saladin auf Arabisch
-- Geschichtsschreiber Richard von England hat gute Arabisch-Kenntnisse
-- Geschichtsschreiber Wilhelm von Tyrus braucht arabische Geschichtsquellen
-- im Tempelherrenorden THO bürgert sich manche arabische Formulierung ein (S.404)

-- Missionare leben im Nahen Osten jahrelang unter Muslimen, z.B. Ricoldus von Monte Acuto und Wilhelm von Tripolis; sie können hervorragend Arabisch

-- Jacob von Vitry muss in Tripolis feststellen, dass die fränkische Bevölkerung in Tripolis kein Französisch mehr versteht, er muss mit Dolmetscher predigen...

-- im Prozess um den THO 1307-1311 wird um arabische Ausdrücke diskutiert, was sie genau heissen (S.404).

Deutsch dringt ins Palästina-Französisch

 

Deutsch

Französisch

herbergen

"se herberjer" (S.398)

Fels, ahd. felîsa (Felsufer Palästinas)

la falaise


Italienisch dringt ins Palästina-Französisch

Italienisch

Französisch

ital. ambedue [?]  

ambeduez (S.398)

ital. poet. amista

amisti

ital. adombrare

sombrer (sich fürchten)

buccina

businne

ital. carestia

carestie (Teuerung)

ciurma

hurmes (Kampf)

venetianisch: colla

cole (Wind)

podestà

postat (S.399)



Griechisch

Griechisch ist "täglich im Gebrauche"
-- mischt sich mit Latein "in gewissen offiziellen Akten", z.B. in Urkunden
-- ist Element in Kultushandlungen und in kirchlichen Denkmälern
-- die Münzen der Fürsten von Edessa und Antiochien tragen lateinische und griechische "Legenden"
-- die Siegel der Patriarchen von Jerusalem sind in Griechisch formuliert

-- die Inschriften der Heiligengrabeskirche ist in Latein und Griechisch, ebenso die Inschriften der Geburtskirche in Bethlehem

-- der Gottesdienst ist z.T. zweisprachig Latein und Griechisch, v.a. an Ostern und am "Wunder der Lichtentzündung" (S.400)

->> Griechisch findet in den mitteleuropäischen Sprachen Einzug, z.T. in "absonderlichen Übergängen" (S.401).

Byzantinisch im Palästina-Französisch
-- z.B. das Wort "Dysenterie" [Ruhr, Durchfall] oder das Wort "Hippodrom" [Pferderennbahn]
-- viele Tiernamen, v.a. Schlangennamen sind im Französisch "fast sämtlich griechischen Ursprungs" (S.399).

Das Wort "le galetas" (deutsch: Dachkammer) von griechisch: Galata
Die Bezeichnung Galata steht für die bekannte Vorstadt Konstantinopels
->> wird Bezeichnung für einen bestimmten Raum im Hause des Tempelherrenordens THO in Paris
->> dann Bezeichnung für einen Raum im französischen Rechnungshof
->> dann Bezeichnung für einen Teil in jedem grossen Schloss
->> dann erst erfolgt der Bedeutungswandel in "Dachkammer" (S.400).

Französisch, Italienisch und Deutsch im Griechisch-Byzantinischen
Auch in umgekehrter Richtung ist Einfluss feststellbar (S.400).


Auch der arabische Raum übernimmt europäische Strukturen und Begriffe

Französische Struktur für Armenien
Zum Beispiel erfährt die armenische Kultur in den Bergen Ciliciens "eine Art von Verjüngung":
-- Armenien bekommt eine neue Feudalordnung nach französischem Muster
-- fränkisches Recht wird massgebend für Sozialrecht, Handel und Gewerberecht in Armenien (S.400)
-- Übernahme aller neuen Begriff aus dem Französischen (S.401).

Vor allem 1100-1150 ca. bzw. "in den ersten Jahrzehnten" ist Armenisch Landessprache z.B. im Fürstentum Edessa. Die Franken müssen alle Armenisch lernen. Balduin von Mera 'sch, der 1147 fällt, konnte Armenisch (S.404).

Europäische Elemente im Arabischen
Die Muslime übernehmen europäische Begriffe, v.a. im Austausch zwischen Französisch und Arabisch, z.B. französische Namen und Titel (S.401):

Französisch dringt ins Arabische

 

Europäische Sprache

Arabisch

Gottfried

Gofrî

Homfrid

Humfâri

Armenien: Prinz Leon, Sohn von Stephan

Lâfûn ibn Istafan

Champagne: Graf Heinrich

Kond-Harî

frz. comte

Kund / Kond

lat. comes

kumes

lat. comitissa

kumsîja

frz. prince

al-brinz

lat. princeps

al-parnas

lat. imperator

inbirûr

Hospitaliter

asitâri

Kastellan

kastelân

Castellum

kastul

burgum

bordj


Da Syrien in der Zeit der Kreuzzüge für die arabische Welt in Sprachentwicklung und Literatur führend ist (S.401), breiten sich die Lehnwörter im Hocharabisch in den ganzen arabisch-sprechenden Raum aus und sind bis heute im Gebrauch, z.B.

Groschen, lat. grossus

ghirsh (S.402).


Arabische Elemente in den europäischen Sprachen

Der Einfluss des Arabischen auf die europäischen Sprachen ist viel stärker als umgekehrt (S.402). Allgemein ist nicht mehr feststellbar, ob die arabischen Worte über Spanien oder über Palästina in den europäischen Sprachraum gelangen (S.404). Statistisch hat Europa von der arabischen Kultur viel mehr übernommen als Arabien von der europäischen Kultur: Es kommt zur haufenweisen Übernahme der arabischen Bezeichnungen mit allfälligen Anpassungen.

Arabisch dringt in europäische Sprachen

Arabisch

europäische Sprache

Mameluk

frz. memeloc

Fakir

(mohammedanischer Priester)

Reis

(arabischer Dorfältester oder Gemeindevorsteher)

Kadi

(Richter)

mohtasib

(städtischer Polizeibeamter)

terdjumân

Dragoman, Dragomanagium (Bodenvertrag)

Karawane

Deutscher Orden: Karawan der Pferde

Karawane

Johanniterorden:
Als "Karawane" gilt "jede Abteilung von Ordensrittern, die als Besatzung einer Burg oder eines Schiffes oder sonst in einem besonderen Auftrage zugeteilt war"

massera

(arabische Ölpresse)

barmil/baril (arab.Hohlmass)

frz. berquils / lat. braquilia  (S.402)

sserob

Sirup (süsser Saft; Arznei, Heilgetränk)

beryé (Ebene, Steppe, Wüste)

frz. la berrie

farîs (Pferd)

lat. farisia

farîs (Pferd)

frz. poet. farîs (schönes, stattliches Pferd)

al-fârez (Reiter, Ritter)

ital. alfiere, span. alferez

kalydsch (Kanal)

calige, canal

jarra (grosses Hohlmass, krugartiger Topf)

frz. la jarre    (S.403)

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Handel und Seefahrt:

 

 

Bazar

 

Baracke

funduk

Fondaco

 

zecca, zecchine

 

dinero

 

Tarif

diwân

Dogana, douane

 

gabelle (Steuer)

 

Admiral

 

Arsenal

gulafa

kalfatern

haraka

carraca (der Brander)

 

Felucke

 

chébec

habl

Kabel

ghôrab (Rabe)

Korvette                                  (S.405)

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Hausgegenstände:

 

al-cubba

Alcoven (Bettnische, Nebenraum)

al-cubba

span. alcoba

al-cubba

frz.aucube (Zelt)

al-cubba

dt. ekub

 

Sofa

 

Matratze

 

Karaffe  (S.405)

 

frz.jugeolin (Sesamöl)

karubla

frz. caroubier, span. algarrobo (S.407)

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Militär:

 

algaret

algarade (Streifzug)

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Philosophie /Aberglaube:

 

 

Amulett

 

Talisman

 

Elixier

 

Salep

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Kunst:

 

a'loud

frz. luth

 

ital. liudo

 

portug. alaude

 

span. laude

 

dt. Laute

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Kriegsmusik:

 

rebab

frz. rubèbe (zweisaitige Fiedl) (S.405)



Das Wort "assassin"  [französisch: Mörder]

Das Wort ist abgeleitet von der Splittergruppe der Assassinen, arabisch haschîschîn, "Haschischraucher, weil sie gemäss Prutz beim Aufnahmeritual Hasch rauchen. Es ist eine politisch-religiöse Sekte (S.405-406) in den Bergen nordwestlich von Tripolis. Gemäss Prutz begeht diese Sekte planmässig Meuchelmord an Autoritäten, darunter auch einige Fürsten und "Grosse" der Franken. Davon kommt die französische Bezeichnung "assassin" für Mörder.

"Mohammed" und die Ableitungen
Mohammed wird von den "Christen" als Götze bezeichnet. Linguistische Ableitungen sind
-- Maphomet mit behaupteten Menschenopfern
-- Bafamet
-- Bafom
-- die Generalisierung: Baffomerie, Mahomerie, Momerie, alles mittelalterliche Bezeichnungen für abergläubische Kulte, Zeremonien, egal welcher Richtung, z.B. auch für den Idolkult des Tempelherrenorden THO.

Türkische Wörter in der deutschen Sprache
(S.405) [ohne Angabe von Wörtern; umgekehrt hat das heutige Türkisch viele europäische Wörter aus dem Deutschen, Französischen und Englischen z.T. wörtlich übernommen].






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