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Kolonialismus in Chronologie III.

Der Amerikanische Holocaust in Mittel- und Süd-"Amerika"

3.5.a Die Inquisition in Peru

Missionseifer - "Kolonialhexerei" - Inquisitionstribunal in Lima - "Inspektionsreisen" mit Verbrennung von Kultgegenständen - Gefängnis für Heiler und Widerstand - Verfluchung von Sterndeutern und Astrologen - Abwertung des Indio-Wissens - Umzüge und Autodafés - konkrete Prozesse - "Universitätsmedizin" - Synkretismus

von Michael Palomino

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aus: Walter Andritzky: Traditionelle Psychotherapie und Schamanismus in Peru; VWB-Verlag für Wissenschaft und Bildung 1999


Vokabular
chapa: mit den Füssen voran geborenes Kind, das später meist Heiler wird (S.35)
chuchos, curis: gestorbene Zwillinge (S.35)
conopa: kleinere, steinerne Tierfigur (S.35), Kultgegenstände wie Töpfe, Muscheln, Trompeten etc. (S.36)
daño (span.): Schadenzauber (S.13)
exposicion (span.): Ausstellung der beschlagnahmten Kultgegenstände vor der Verbrennung (S.36)
Haus des Heiligen Kreuzes: Gefängnis für Heiler (S.35, 37)
huaca (span.): Gottheit der Anden-Indios
idiolatria (span.): Götzendienst
malquis: verehrte Mumien (S.35)
mamazara: Maiskolben aus Stein (S.35)
Real Cedula (span.): Königliche Rechtsverfügung (S.27)
Santo Oficio (span.): Inquisitionstribunal der Kirche (S.21)
supersticion (span.): Aberglauben
susto (span.): Schreck (S.13)
taqui onkoy (Ketschua): "Tanzkrankheit" [Tanzmeditation] der Aufstandsbewegung unter Tupac Amaru 1560-1572 (S.40)
visita (span.): "Inspektionsreise" in Indianerdörfer mit Vernichtung der Götterkultur und des Heilwesens (S.21)
visitadore (span.): Inspekteur der Kirche zur Vernichtung der Inio-Kultur (S.35)


Ab 16.Jh.: "Christlicher" Missionseifer nützt nichts

Die mühsame Mission in Indio-Gegenden ohne Verkehrswege bleibt ohne Manipulationserfolg

Die Kirche sieht sich in der "Neuen Welt" mit "Teufeln und Dämonen der Indianer konfrontiert". Die Kirche überträgt die Hexenverfolgung in Europa pauschal auf das Kolonialgebiet und bezeichnet alles Andersartige als "Aberglauben", "Häretiker" und "Rebellion". Die "Reinheit des katholischen Glaubens" soll erhalten und der Glauben selbst weiterverbreitet werden (S.28).

Die Wohngegenden der Indios sind aber kaum oder gar nicht erschlossen und somit kaum zugänglich (S.27). Die "Missionare" versuchen die Mission bei den Eingeborenen in den Indio-Dörfern, "ohne aber eine Annahme des christlichen Glaubens zu erreichen" (S.21). Die Reisen sind gleichzeitig langwierig und kostspielig, weil die Gegenden ohne Verkehrswege kaum zu erreichen sind (S.27).

Die Indios setzen einige ihrer Heiligen mit den Heiligen des "christlichen" Glaubens gleich:

"Die Indianer setzten einige ihrer Götter mit christlichen Heiligen gleich, z.B. den Blitz ('Illapa') mit 'Santiago', und vollzogen im übrigen die alten Praktiken weiter." (S.21)

Insgesamt hat die "christliche" Manipulation in den ersten 80 Jahren der Besetzung kaum Erfolge aufzuweisen (S.34). Bis Ende 16.Jh.s betreibt die spanische Krone die "christliche" Manipulation ohne grosses Interesse. Die örtlichen Priester verweigern z.T. die Manipulationsarbeit, indem sie es nicht für nötig halten, gegen den "Aberglauben" der Indios vorzugehen. Die spanischen Besatzer kümmern sich im 16. und 17. Jh. vor allem um den Erwerb rascher Reichtümer. So lange die Indios den Interessen der spanischen Besatzer nicht im Wege stehen, wird auch wenig gegen sie unternommen. Erst als die Indio-Kulte eine Abfallbewegung vom "christlichen" Glauben in Gang setzen, werden konkrete Massnahmen ergriffen, weil damit die spanische Besatzung an sich in Frage gestellt wird (S.35).

Gleichzeitig ist für die Indios der Einmarsch der spanischen Besatzer eine Strafe der eigenen Götter für eigene Verfehlungen. Die Indio-Heiler, die in den Widerstandsbewegungen die Anführer sind, appellieren jeweils, weiterhin den Indio-Göttern zu opfern, um sie zu besänftigen, und um den fremden und zerstörerischen Kirchengott aus dem Land zu jagen (S.41).


Heiler und Heilerinnen ("Hexen" und "Hexer") aus Europa kommen nach Peru und heilen in Peru - "christliche" Bezeichnung als "Kolonialhexe" / "Kolonialhexer"

Frauen aus Europa, die in Peru Heilerinnen sind, werden als so genannte "Kolonialhexen" verurteilt. Sie übernehmen die Elemente der andinen Heilkunst (Koka, Idole, Kräuter, Gebete), und werden für die "christliche" Kirche eine Art "Verbündete des Gegners" (S.29).

Die Kolonialhexen übernehmen auch die Reinigungsriten der Indio-Heilkunde wie z.B. die Meerschweinchenreinigung (S.34).


Ab 16.Jh.: Gezielte Inquisition: Die Kirche bekämpft die "Kolonialhexerei"

Inquisition und Scheiterhaufen 1500 bis 1570 gegen Heiler und Heilerinnen aus Europa

Die Inquisition in Peru dauert 250 Jahre (S.29). Jede Verbindung mit anderen Göttern als dem Kirchengott gilt als "Teufelspakt", die am Hexensabbat erneuert werden. Und jede Aktion aufgrund der Verbindungen mit anderen Göttern gilt für die Kirche als Schadenzauber (S.25).

Es werden dabei ausschliesslich "Kolonialhexer" und "Kolonialhexen" verfolgt, die von Spanien nach Peru eingewandert sind. Einheimische Heiler / Heilerinnen und "Hexer" / "Hexen" werden nicht direkt verfolgt, sondern nur indirekt, indem Handlungen von "Kolonialhexern" und "Kolonialhexen" verurteilt werden, die von Indio-Heilern stammen (S.34). Die Delikte, wegen denen in Lima zu Gericht gesessen wird, sind mit dem europäischen "Hexensyndrom" also nicht vergleichbar (S.34).

Insgesamt hat die Kirche grosse Probleme, ihren Machtanspruch über die Welt zu behaupten, weil sich herausstellt, dass der Kirchen-Gott nicht unbedingt der stärkste ist... (S.25)

1560 beginnt die Aufstandsbewegung des 'taqui onkoy' ("Tanzkrankheit") (S.40) mit Trancetänzen und Inkorporationen von Gottheiten sowie mit der Prophezeitung der Indio-Heiler, dass die andinen Gottheiten ('huacas') sich zusammentun werden und den Kirchengott vertreiben werden (S.41). Die Aufstandsbewegung richtet unter Führung von Tupac Aramu Waffenlager ein und bereitet den bewaffneten Aufstand vor, wird dann aber verraten (S.41). Die entdeckte Aufstandsbewegung unter Amaru ist schätzungsweise mit ein Grund, die Heiler in Peru strenger zu verfolgen (S.40).

Bis 1570 werden in Lima unter Leitung von "christlichen" Bischöfen 1548, 1560 und 1565 Hinrichtungen durch Scheiterhaufen organisiert (BOLESLAO LEWIN 1950, S.56). In diesem Zeitraum wurden gemäss PALMA (1947) 15 "Hexen" und drei "Hexer" verbrannt. In Spanien selbst erreicht die Inquisition Ende des 16. Jh.s ihren Höhepunkt (CONTRERAS 1982, S.76) (S.28).



Das Inquisitionstribunal in Lima ab 1570


"Mit der 'Real Cedula' vom 25.1.1569 wurde die Gründung der Inquisitionstribunale in Mexiko und Lima angeregt, wobei unter Ausschluss der Eingeborenen nur 'Altchristen', d.h. nicht die konvertierten Juden, rechtlich Objekt der Inquisition sein durften." (S.27)

Peru ist zweigeteilt in "spanische Dörfer" und in das von den Indios bewohnte Umland. 1574 wird die "christliche" Kolonialbevölkerung auf 60'000 bis 70'000 Einwohner geschätzt, so BONET 1982, S.83 (S.27).

Die Inquisitionsprozesse ab der Gründung des Tribunals ('Santo Oficio') ab 1570 sind mit Aufzeichnungen genauestens festgehalten, die heute noch in den Erzbischöflichen Archiven in Lima einsehbar sind (S.21). Insgesamt erlaubt es die prekäre Situation der Verkehrswege aber kaum, Leute aus entfernten Gegenden vor das Tribunal in Lima zu bringen. Es finden also im Vergleich zu Europa nicht viele Inquisitionsprozesse statt (S.27). Insgesamt werden 18 Todesstrafen wegen "Hexerei" ausgesprochen mit Vollzug auf der Plaza de Acho in Lima, von den Zeremonien der Autodafés getrennt (S.29).

Die Prozesse, die stattgefunden haben, sind deshalb besonders interessant, um zu sehen, wie die Indios die Situation gegen die "Christianisierung" gemeistert haben (S.27).

"Nachdem 1570 das 'Santo Oficio' mit dem Amt des Generalinquisitors etabliert war, fanden bis 1806 insgesamt zwanzig öffentliche und neun private Autodafés statt [Ketzerverbrennungen]. In deren Verlauf wurden 58 Angeklagte lebendig und neun 'im Bilde' verbrannt sowie 458 exkommuniziert (PALMA 1863)." (S.28)

1572 wird der Aufstandsführer der "Tanzkrankheit"-Bewegung, Tupac Amaru, in Cusco hingerichtet (S.41).

1586 wird durch die Bulle "Caeli et terrae Creator" von Papst Sixtus V. die Zukunftsvorhersage verboten (S.29).

Ab 1590 kommt es wegen Epidemien unter den Indios zu einer neuen Widerstandsbewegung: 'muru onkoy'. Die anführenden Heiler rufen den Wierstand aus, um die Indios vor dem Tod zu retten. Kultisch werden die Epidemien als Strafen der Götter bezeichnet, weil die Götter ihre Opfer nicht mehr bekommen hätten (S.41).

1600 kommt es bei Arequipa zu Vulkanausbrüchen und zu einem lang anhaltenden Erdbeben. Die Heiler verstehen das Ereignis wieder als Strafe der Götter und verkündigen, sie hätten Vorahnungen gehabt. Die Heiler verkünden weiter, die Vulkane von Qate und Arequipa würden sich vereinigen, um die Stadt und alle christlichen Indios und Spanier zu vernichten. Die Widerstandsbewegung des 'muru onkoy' verstärkt sich (S.41).

1619 unter Vizekönig Francisco Borja kommt die "christliche", spanische Führung kam zum Schluss, dass die Mission nur Erfolg habe
-- mit Zwangserziehung der Häuptlingskinder
-- mit der Einrichtung von Gefängnissen für die einflussreichsten "Hexer und Dogmatiker der Indianer" (S.34).

1619 wird unter Vizekönig Francisco Borja das Mandat der Inspektionsreisen den Jesuiten übergeben mit der Berechtigung, Zwangserziehung für Kinder und Gefängnisse für führende Indio-Persönlichkeiten einzurichten (S.34).


Ab 1619: "Inspektionsreisen" der Zerstörung durch Jesuitenpatres in Peru

Schätzungsweise sind die Aufstandsbewegungen der Indios ein wichtiger Faktor für die "Inspektionsreisen". Das Heilerwesen und die Indio-Mythologie sollte vernichtet werden, um jeglichen Widerstand zu vernichten, der der Kirche gefährlich werden konnte. Insgesamt bleiben die "Missionare" aber nur für kurze Zeit in einem Dorf, so dass sich insgesamt nicht viel ändert (S.42).

Auf den Inquisitionsreisen der Jesuiten auf dem Land werden Indio-Dörfer "besucht", die "Götzen" eingesammelt und verbrannt und ein Indio ausgepeitscht, gemäss ARRIAGA (1920, S.15ff.) unter dem Motto "Alles, was man verbrennen kann, verbrennt man, und den Rest zerhacke man." (S.35)

Die Heiler sollten weiterhin tätig sein, einfach ohne "Götzendienst" (S.35). Also gilt es, alle Kultgegenstände zu vernichten und den Haupt-Huaca eines jeden Indio-Dorfes zu entdecken und zu zerstören (S.35). Man will die Indios also auf die körperlich-materielle Stufe zurücksetzen, wie dies in Europa bereits geschehen war (S.36).

Das Vorgehen ist sehr taktisch strukturiert. Die zentralen Personen eines Dorfes wie Häuptling und "Hexer" sollten zur gegenseitigen Denunziation gebracht werden. Im Fall der Weigerung der Einvernahme erfolgt öffentliche Bestrafung (S.35), im Fall der Verweigerung jeglicher "Kooperation" wird das Abschneiden ihrer Haarzöpfe, Verbannung und Amtsenthebung angedroht. Arriaga entwickelt Fragebögen mit Suggestivfragen, um die Häuptlinge und Heiler auszuforschen. Nach der Ausforschung wird eine Messe gelesen und dann jeder einzeln befragt (S.36).

Bei den Huacas werden dann Kreuze aufgestellt, an einem weiteren Tag wird eine Ausstellung ('exposicion') festgelegt, wo alle Kultgegenstände wie "entartete Kunst" abgegeben werden müssen und ausgestellt werden (S.36).

Gemäss ARRIAGA (1920, S.15ff) sind solche Kultgegenstände:
-- Federschmuck
-- kleinere, steinerne Tierfiguren ('conopas')
-- Maiskolben aus Stein ('mamazaras')
-- verehrte Mumien ('malquis')
-- Töpfe, Krüge, Gefässe, um Chicha zu brauen und zu trinken
-- Gefässe, um den Huacas zu opfern
-- Trompeten aus Kupfer, gelegentlich auch Silber
-- grosse Muscheln und andere Instrumente, mit denen zu den Festen gerufen wurde
-- viele schön gemachte Trommeln, denn alle Frauen hatten mindestens eine Trommel für die Tänze
-- viele gearbeitete Wiegen (S.35).

Sodann wird ein Scheiterhaufen aufgeschichtet und die Kultgegenstände alle verbrannt. Es folgt eine grosse Messe, wo sich die Indios selbst des "Aberglaubens" bezichtigen sollen und sich selbst entmachten sollen. Es ist dabei empfohlen, die Namen der wichtigsten "Hexer" in einer Kirche öffentlich aufzuhängen, um Rückfälle zu vermeiden (S.36).

Es werden als "Aberglaube" ('supersticion') oder als "Götzendienerei" ('idiolatria') verboten:
-- heilerische Gebete
-- Wahrsagerei
-- Fasten
-- Beichten
-- Tänze
-- Musik
-- Feste (S.36).

Der Jesuitenpater Arriaga stellt nach seinen "Inspektionsreisen" einen "Hexenhammer" gegen die Indios der Anden zusammen: "La extirpacion de la idolatria en el Peru" ("Die Ausrottung des Aberglaubens in Peru") (S.35, 265). Die Indio-Heiler werden darin verflucht (ARRIAGA 1920, S.112):

"Das Verbleiben dieser Alten in ihren Dörfern ist der grösste Schaden und die Hauptursache ihrer Irrtümer." (S.35)

Ab 1619: Gefängnis und Gefangenschaft für Heiler ("Hexer")

Die spanische Besatzungsmacht beauftragt den Jesuitenpater Arriaga zur Errichtung eines Gefängnisses für "Hexer" und zur Gründung von zwei Schulen für die Häuptlingskinder in Lima und Cusco. Beides wird noch 1619 fertig. Zwei weitere Gefängnisse in Lima und Cusco werden wegen Geldmangels nicht gebaut (BELTRAN Y ROZPIDE 1921). 1621 leben im "Haus des Heiligen Kreuzes" etwa 40 der fähigsten, alten "Hexer" Perus, wo sie von einem Pater täglich "christlich" manipuliert werden, bei reichlichen Essen, bei freiwilliger Arbeit mit Wollespinnen. Insgesamt ist das Gefängnis sehr defizitär, weil kein Arbeitszwang besteht (S.37).

Viele der eingesperrten alten "Hexer" geben die "Huacas" ab und empfangen noch die Sakramente, was die Jesuitenpater Arriaga als "Erfolg" wertet. Das Haus wird (MEDINA 1887, S.414) Gerüchten gemäss gleichzeitig zum Konsultationsort für Leute, die Heilung brauchen, was nicht ganz zu verhindern ist (S.37).

Heiler auf dem Land, die nicht im zentralen Gefängnis eingesperrt sind, werden angewiesen, nahe den Häusern der Priester zu leben. Jesuitenpater Arriaga kann sich mit seinem Wunsch, in jedem Bistum ein Gefängnis gegen Heiler zu errichten, nicht durchsetzen und schlägt in seinem Kompendium "La extirpacion de la idolatria en el Peru" (1920, S.112) vor, die Heiler in frommen Haushalten, Konventen und Hospitälern unterzubringen (S.38).

Widerstand der Indio-Bevölkerung gegen die "Inspektionsreisen" der Jesuitenpatres

Der Widerstand ist vielfältig:
-- Kultgegenstände werden versteckt
-- Priester werden zu unbedeutenden 'huacas' geführt (S.36)
-- Leichname, die in Kirchen begraben sind, werden wieder entwendet
-- äusserlich werden Heilige und "christliche" Riten als Deckmantel übernommen, unter dem die andine Mythologie fortlebt (S.37).

Die parallele Existenz der "christlichen" Manipulation und der alten Mythologie (Synkretismus) ist bis heute lebendig (S.37).


1630: Verfluchung von Sterndeutern und Astrologen

Am 15.5.1630 wird in Lima ein "Edikt von 1630 gegen die Sterndeuter und Astrologen" erlassen (S.29), um "Betrug" als Delikt festzusetzen (S.28). Das Edikt wird an allen Kirchentüren angeschlagen (S.29).

Insgesamt wird Wahrsagerei als Einmischung in die göttliche Vorsehung gewertet (S.30). Im Edikt von 1630 werden folgende Typen  der Wahrsagerei verboten:
-- Nekromantik (Befragung von Toten)
-- Geomantik (Interpretation geologischer Phänomene)
-- Hydromantik (Wasserbeobachtung)
-- Oneiromantik (Traumdeuterei)
-- Chiromantik (Handlesekunst) (S.29).

-- Ereignisse an entfernten Orten, Städten und Provinzen vorherzusagen soll ein "Pakt" zugrundeliegen und verboten werden
-- die Angabe von Orten, wo Schätze unter der Erde oder im Meer liegen, soll ein "Pakt" zugrundeliegen und verboten werden
-- Wahrsagerei mit Samen von Avas, Weizen, Mais und Münzen soll verboten werden
-- auch der Gebrauch von geweihtem Wasser, Schärpen und anderen geweihten Kleidungsstücken soll verboten werden
-- das Verteilen von Schächtelchen, Sprüchen, Rezepten mit Namen, Worten, abergläubische Gebete, Kreiszeichen, Striche, verwerfliche Symbole, Reliquien von Heiligen, Magnete, Haarbänder, Pulver etc. soll verboten werden
-- der Gebrauch von Geruchsstoffen und Parfümen wie achuma (San Pedro), chamico (Stechapfel) und coca, um die Sinne zu betäuben und die Phantasmen als Offenbarung oder als Nachricht für die Zukunft zu präsentieren, soll verboten werden (S.30).

Im Vergleich zum "Hexenhammer" mit den "14 Arten des Aberglaubens" fehlen:
-- Weissagung durch Drogen
-- Weissagung durch Tagesbeobachtung
-- Weissagung durch Stundenbeobachtung (Haruspices)
-- Weissagung durch Beobachtungen des Vogelflugs
-- Weissagung aus dem Schulterblatt (Spatulamantik)
-- Bleigiessen (S.29).

Auf das Edikt von 1630 folgt in Peru eine Denunziationswelle und Verhaftungswelle (S.30).

Am 1.4.1631 lässt Papst Urban VIII. in einer erneuten Bulle das Verbot der Sterndeuterei bestärken (S.29).

Die Urteile der Inquisition wie auch wegen "Betrugs" werden jeweils vom zivilen Strafgericht ausgesprochen (S.28-29). Im Verlaufe der Zeit heftet die "christliche" Kirche aber auch den Heilern das Stigma des Betrugs an (S.29).


1650-1700: Der Höhepunkt der Inquisition in Peru

Die Inquisition in Peru erreicht ihren Höhepunkt  in der zweiten Hälfte des 17. Jh.s. Von 1650 bis 1700
-- stehen 120 Männer vor dem Inquisitionstribunal, davon 11 "Hexer"
-- 64 Frauen, davon 49 "Hexen" (MANARELLI 1983, S.142) (S.28)

im Fall von Frauen gegen "Kolonialhexen", meist Spanier und Spanierinnen oder Mischlinge, die alte Gebräuche der Indio-Heiler und Indio-Heilerinnen praktizierten (S.30).

Was das Heilwesen angeht, überwiegen bei den Verurteilungen in Lima die Frauen, wobei die Heilerinnen meistens auch wegen eines sexuell freizügigen Lebens ("skandalöses Leben") verleumdet werden. Mehr als eine Zugehörigkeit zur "Unterschicht" konnte man jedoch nicht nachweisen. Sie verdienen als Ledige oder Witwerin ihr Geld mit Heilen, bei 50% der Verurteilten als einziges Einkommen, bei Kenntnis der Heilpflanzen. Die "christliche" Kirche wirft ihnen jeweils einen "Teufelspakt" vor, den die Heilerinnen vehement ablehnen (S.29).

Die "christlichen" Männer fürchten die Heilerinnen generell und behaupten, die Heilerinnen könnten
-- Krankheiten verursachen
-- Impotenz herbeiführen
-- die Frauen der "christlichen" Männer könnten mit "Liebestränken" versorgt werden
-- die Frauen der "christlichen" Männer könnten Liebhaber herbeigezaubert bekommen (S.29).


Die Abwertung der Indio-Existenz und des Indio-Wissens durch die Inquisition

Mit den Verurteilungen der Inquisition werden die "Christen" aufgewertet, die Indios werden [indirekt] systematisch kriminalisiert:

"Die Einführung der spanisch-kolonialen Inquisition in der neuen Welt führte ab dem Beginn des 17. Jh.s zu einer radikalen Abwertung des sozialen Status der einheimischen Volksheiler, die sich nun zunehmenden Verfolgungen der Dominikaner- und Jesuitenpatres augesetzt sahen." (S.21)

Die "christliche" Herrschaft versucht systematisch, die einheimischen Heiler zu diffamieren und auszurotten, was ihr aber - im Gegensatz zu Europa - in Süd-"Amerika" nicht gelang. Es kam nur zur systematischen Abwertung, Verleumdung und Diskriminierung [ohne die Heilresultate zu berücksichtigen] (S.22). Als Basis der Verleumdungs- und Bestrafungskampagnen dienten "Inspektionsreisen" ('visitas') von Missionaren und "Befragungen" während dieser Inspektionsreisen (S.21). Diese "Inspektionsreisen" der Jesuitenpatres hatten nur vorübergehenden "Erfolg" (S.22).

Beim Studium der Quellen ergibt sich, dass gegen "koloniale Hexerei" wie gegen indianische Heiler vorgegangen wurde. Den Heilern wird die Legalität abgesprochen, ihre Existenz ausgegrenzt und kriminalisiert samt dem Vorwurf des "Betrugs" oder der "Unwissenschaftlichkeit" (S.21).

Die Personen, die von den "christlichen" Missionaren als "Hexer" oder "Hexe" bezeichnet werden, sind die Stammesältesten von Dorfgemeinschaften, die durch Blutsbande zusammengehalten wurden ('ayllu'). Diese Stammesältesten waren "zentrale Persönlichkeiten, die durch den Vollzug der alten Riten und Opfer die Kontinuität des andinen Weltbildes verkörperten." (S.21-22)

Insofern ist es wichtig, zwischen einheimischen Heilern und den aus Europa nach Süd-"Amerika" ausgewanderten als "Hexen" oder "Hexern" bezeichneten Personen zu unterscheiden (S.22).

Jeder angerufene Geist gilt bei der "christlichen" Kirche als "Dämon", und Hexerei wird mit der Anrufung eines solchen "Dämons" definiert (S.22). Als Anbetung eines "Dämons" gilt

-- die animistische Naturverehrung [Geisterglaube oder Glaube an die Unsterblichkeit der Seele]
-- die Anbetung von Steinen, Muscheln, Berggipfeln
-- die Anbetung von Sonnen und Mond (S.34).

Damit war für die "christliche" Kirche der Straftatbestand der "Hexerei", "Aberglauben" und "illegale Künste" erfüllt, wobei ein "Pakt mit dem Dämon" gegen die Kirche angenommen wurde (S.22).


Die Strafen: Demütigende Umzüge (Autodafés) bis zum Scheiterhaufen

In Peru wird nicht nur mit dem Scheiterhaufen agiert wie so oft in Europa, sondern die demütigenden Umzüge (Autodafés) bekommen eine Art Tradition, um die Heiler und Heilerinnen auszugrenzen und zu erniedrigen (S.28). Das Autodafé wird in einer Art Volksfest vollzogen, meistens aus Anlass der Ankunft eines neuen Vizekönigs, einer Geburt im Königshaus, oder der Heirat eines Infanten. Nach einer Militärparade folgt ein gemeinsames "Glaubensbekenntnis aller Anwesenden", und dann folgt die Vorführung "abschreckender Beispiele" von Angeklagten (S.29):

-- öffentliches Abschwören
-- Aufzug mit Kerzen
-- Aufzug mit dem San-Benito-Sackkleid
-- Auspeitschungen

bei "Hexerei"
-- Verbannung
-- halbnacktes Herumführen der Hexerinnen auf einem Maultier durch die Stadt (S.28).

Das Abschwören besteht aus der Formel: 

"Ich schwöre, dass alle, die sich gegen den heiligen katholischen Glauben wenden, der Verdammnis wert sind. Ich verspreche, mich nie mit ihnen zu verbünden, sondern sie zu verfolgen und mir bekannte Häresien aufzudecken ..." (SANTOS GARCIA, 1953, S.101) (S.29)


Konkrete Prozesse der "christlichen" Inquisition in Peru gemäss den Prozessakten es Santo Oficio in Lima

Fall eines Ayahuasca-Heilers der Selva-Stämme in Peru: Heilung mit einem glatten schwarzen Stein

-- Gebrauch der schwarzen Steine gemäss Hochlandtradition
-- Herausziehen kleiner Objekte aus dem Körper (S.30)

Der Arbeiter Alejandro de Vargas, ein Mestize aus Cajamarca, schildert vor dem Inquisitionstribunal seine Heilmethode: Er reibt den kranken Teil mit einem kleinen, langen, glatten, schwarzen Stein ab, ein so genannter "Anchies". Gleichzeitig wird Lamafett angewandt (S.30). Dann zieht er aus dem Körper der Patienten kleine Dinge heraus (S.31).

Fall von "Hausreinigung" durch Räuchern des Hauses und Fund eines Nadel-Meerschweinchens

Francisco Hazana, ein Schwarzer, der kaum Spanisch spricht, heilt Krankheiten mit einem geweihten Palmzweig:
-- er räuchert das Haus mit Rosmarin und gerösteten Oliven in einem Blumentopf
-- er versprengt Weihwasser in die Winkel
-- er schlägt mit den Armen, wie wenn er etwas erschrecken will, bis er zur Haustür angelangt ist
-- dort gräbt er ein schwarzes Meerschweinchen aus, das mit Nadeln gespickt ist (S.31).

Fall eines Todesfluchs gegen eine Diebin

1650 geben zwei "Hexerinnen" an, dass sie Francisca Leonor verflucht hatten, denn sie hatte Maria Limac, ihrer Meisterin, 20 Baumwollbündel gestohlen. Sie nehmen einen Topf, tun Vanillezweige, Disteln, Dornen, Erde und Totenknochen hinein und bedecken den Topf mit einem weissen Stein, der die Seele der Diebin darstellt. So wird der Stein verflucht, und 7 Monate darauf stirbt die Diebin, die in der Todesstunde angibt, die beiden Frauen hätten sie getötet (S.31).

Fall: Vorwurf des Messelesens ohne Priesteramt

Das Delikt des Messelesens ohne Priesteramt taucht häufig auf, je nach Fall eine "schwarze Messe" oder eine liturgische Messe für den Zweck eines Heilzaubers, Wahrsagerei oder Schadenzaubers (S.31).

Konkret soll z.B. Joseph Nicolas Michel, ein 28 Jahre alter Spanier und Lehrer aus La Paz, in 40 Messen mit magischen Künsten Weisse in Schwarze verwandelt haben. Im Autodafé muss der Reumütige mit einem Brustharnisch für Abergläubige, Heuchler und Betrüger auftreten, mit einem dicken Strick um en Hals und mit einer grünen Kerze in den Händen (S.31).

Fall: Analogie-magische Praktik, Kröten Glieder zu durchstechen, um Feinden zu schaden

Der 70 Jahre alte freie Mulatte Antonio Hurtado aus Moquegua durchbohrt einer Kröte mit Nadeln die Glieder und verflucht dabei seine menschlichen Feinde, dass sie an ebensolchen Gliedern geschädigt würden. Dann tritt er bei genau diesen Leuten als Heiler auf und macht ihnen Glauben, sie seien verhext worden. Antonio Hurtado bekommt als Strafe für diesen Betrug einige Peitschenhiebe (S.31).

Des weiteren sind Themen von Prozessen
-- Liebeszaubereien (S.31-33)
-- Koka-Zaubereien (S.33)
-- Teufel-Zaubereien (S.33)
-- die angebliche Verwandlung von Menschen in Katzen (S.33)

etc.


Die Inquisition bewirkt die schrittweise Einführung der "Universitätsmedizin"

Schrittweise - im Gleichschritt mit der Verleumdung und Diffamierung des einheimischen Heilwesens - wird von Lima aus die "Universitätsmedizin" eingeführt. Die Landbevölkerung der Indios bleibt im Gegensatz dazu weiter auf das alte einheimische Heilwesen der Heiler angewiesen (S.22).

"Die Inquisition erfüllt [...] eine "Hilfsrolle bei der Einführung der europäischen Medizin". Magische Praktiken wurden kriminalisiert und ebenso wie die Volksheiler in die bis heute währende Illegalität gedrängt." (S.28)

Dies gelingt aber nur in städtischen Gebieten...


Die Indio-Heiler und Indio-Heilerinnen werfen Kranken Kollaboration vor

Im Gegenzug zu der "Schulmedizin", die mit ihren Symptombehandlungen und Nebenwirkungen nur noch mehr Kranke produziert, geben die einheimischen Heiler jeweils an, dass bei Kranken die Krankheiten von der Kollaboration mit den Spaniern stammen würden und die Unterwerfung unter das "Christentum" die Ursache sei. Die Heiler führen dann die traditionellen Opfer aus, um die Götter für die ideologischen Sünden ihrer Patienten zu beruhigen, siehe VEGA BAZAN 1655; zit. nach GAGLIANO 1976, S.52 (S.33).

Der Teufel erscheint bei  den einheimischen Heilern (SILBERBLATT 1983, S.412) ab der spanischen Besetzung oft als Spanier oder als Heiliger "Santiago" (S.34).


Beispiele von späten "Inspektionsreisen" gegen "Aberglauben" im Synkretismus

"Inspektionsreise" in Santiago de Carampona 1723: Prozess gegen "Aberglauben" wegen Steinen und Haaren

Mehrere Personen werden angeklagt,
-- Steine und verschiedene Stierhaare auf einem Alter angebetet zu haben
-- Steine und Meermuscheln befleckt mit Lamablut und Meerschweinchenblut aufbewahrt zu haben
-- heimlich religiöse Zusammenkünfte und nächtliche Wallfahrten mit der Anbetung von Steinen in einer nahen Lagune organisiert zu haben (S.37).

1730 erfolgt die Verbrennung der Objekte (S.37).

"Inspektionsreise" in Cajamarca um 1725: Prozess gegen "Hexer" auf einem Berg

Zwei Heilern wird vorgeworfen, sie hätten auf einem Berg Zauberei betrieben
-- mit einem bunten Deckchen mit Muscheln, Töpfen und verschiedenen Kräutern, Tabak und Steinchen drauf
-- mit einem Topf unter Feuer mit dem Kraut 'Guachumar' drin.

In der Aussage eines der Angeklagten kommt die Vermischung zwischen altem und neuem Glauben zur Geltung:

"Der Angeklagte sagte aus, dass

'der in der Mitte durchlöcherte Stein San Pedro heisse und er ihn den Kranken bringt, um sie damit zu reinigen und dass er wegen seiner Götzenanbeterei Vaterunser zu beten pflegte, das Ave Maria und das Credo und in der Mitte seiner Werkzeuge das Bild des gekreuzigten Christus stellt und er später die Rassel ergreift, um zu tanzen und in seiner Sprache zu singen.'

Dann sagte er, 'dass er dauernd mit dem Dämon spräche, der sich ihm in Form eines Mannes mit buntem Kleid zeigte, dass er aber manchmal, obwohl er ihn riefe, nicht erscheine, was Zeichen dafür war, dass er die verlorenen Sachen nicht wiederfinden würde' (BELLIDO 1984, S.178ff.)." (S.37)


[1821 wird Peru unabhängig].

Ab 1800: Die Götzen der Industrialisierung auf der Basis des "Christentums"

Die Industrialisierung auf der Basis des "Christentums" schafft destruktive und zerstörerische Götzen und Aberglauben:
-- die Maschine potenziert den Götzen des Profits
-- das Auto wird zum Götzen des Ansehens
-- Flugzeuge, Bomben und Panzer sind die neuen Götzen des Krieges
-- als Ablenkung kommen die Götzen Radio, Fernsehen, Video, CD, DVD und Brutalo-Spiele hinzu
-- das Internet macht pornographische Inhalte Kindern zugänglich
-- und die "Globalisierung" potenziert den Götzen des Profits nochmals
-- und Arbeitslosigkeit soll immer "selbst verschuldet" sein
-- und die Psychologie, die erfunden wurde, ist bis heute nicht imstande, Krieg als Krankheit zu definieren.

Insgesamt wirken diese Götzen der Industrialisierung absolut destruktiv, was sich in hohen Kriminalitätsraten und Krankheitsraten ausdrückt. Gleichzeitig werden die vielen kleinen Märkte der "Entwicklungsländer" mit Industriewaren kaputtgemacht. Aber von den Kirchen wird dies praktisch nie angeprangert.

Insgesamt zeigt es sich, dass die ehemaligen "Kolonialstaaten" heute in grossem Masse geistige "Entwicklungsländer" sind, aber die Regierungen merken es nicht...

(Schlussfolgerung Palomino)

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Bezugnehmende Quellen

-- Arriaga, P. 1920: La extirpacion e la idolatria en el Peru; San Marti, Lima 1920

-- Beltran y Rozpide, R. 1921: Colleccion de memorias o relacion que escribieron los Virreyes del Peru; 1: Relacion que el principe de Esquilache hace al senor Marques de Guadalcazar sobre el estado que deja las provincias del Peru; Lima 1921

-- Boleslao Lewin 1950: El Santo Oficio en America y el mas grande proceso inquisitorial en el Peru; Soc. Hebr. Argentina, Buenos Aires 1950

-- Bonet, E. 1982: La inquisicion; Ed. Ministerio de Cultura, Madrid 1982

-- Contreras, J. 1982: La inquisicion en cifras; In: Bonet, E.: La inquisicion; Ed. Ministerio de Cultura, Madrid 1982

-- Palma, R. 1863: Anales de la inquisicion de Lima; Lima 1863











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