![]()
![]()
![]()
Psychologie: Einteilungen und Täterprofile bei Kindsmissbrauch
Missbrauchssituationen - Täter - Täterinnen - Störungen beim Kind und bei den Erwachsenen
von Michael Palomino (2002)
Teilen:
aus: Max H.Friedrich: Tatort Kinderseele. Sexueller Missbrauch und die Folgen; Ueberreuter-Verlag, Wien 1998
Kapitel
1.1. Die Missbrauchssituationen: Familie, Entführungen
1.2. Missbrauchssituationen: Schule, Heime, Internate und Gruppen
2. Die verschiedenen Täterprofile
3.1. Frauen als Täterinnen
3.2. Frauen als Mittäterinnen
4. Das Verhalten der sexuell missbrauchten Kinder - die stummen Hilferufe
5. Therapie: Die ganze Familie muss an die emotionale Arbeit
6. Störungen im Erwachsenenalter durch Kindsmissbrauch
1.1.
Die Missbrauchssituationen: Familie, Entführungen
Die kindlichen Emotionen, die den Kindsmissbrauch möglich machen
-- Neugier des Kindes ausnutzen (S.17), 3-7-jährige Kinder (S.23)
-- Liebesbedürftigkeit und Anhänglichkeit ausnutzen (S.18,24)
-- Drang nach Bestätigung ausnutzen: im Schulalter (S.19)
Generell können alle Situationen ohne Eltern zu Missbrauchssituationen werden
-- Einkauf
-- Verlassen des Hauses generell
-- Freizeit des Kinde
-- Besuche des geschiedenen Partners
-- Aufsichtspersonen im Sport, Musik
-- öffentliche Hallenbäder, Whirlpools
->> gemäss Friedrich ist alles verdächtig (S.19).
Jugendliche: Oft setzen Täter mit Pornos die Hemmschwelle herab und die Jugendlichen meinen, nun sei ihr Status erhöht (S.24-25).
Die präventive Schreckgeschichte vom "Schwarzen Mann", der Kinder entführt, ist meist falsch
Diese Geschichte wurde über Generationen den Kindern erzählt, aber:
-- diese Missbrauchssituation trifft nur für 6 % der Täter zu, die dem Kind völlig fremd sind
[nicht erwähnt: Der böse "Schwarze Mann" ist nie in schwarzen Kleidern unterwegs!]
-- meist sind Verwandte, zumindest Vertraute, die Täter
-- unter Verwandten in der Familie findet der meiste und heftigste Missbrauch statt (S.21) und das Kind ist in einer emotionalen falle, denn es liebt die Familie (S.22).
Kindsmissbrauch innerhalb der Familie
-- innerhalb von Familien sind Mädchen mehr vom Missbrauch betroffen als Buben, und die Aufklärungsquote ist niedrig, weil wegen der engen Familienverhältnisse niemand eine Anzeige machen will, und weil das Familienleben massiv verändert, oft zerstört würde (S.95)
-- Stiefsohn "zeigt" dem Stiefsohn, wie man das Glied "säubert", bis zur Erektion und Masturbation (S.22-23)
-- ein "Freund der Familie" "zeigt" dem 4-jährigen Bub, wie ein "grosses Glied" aussieht (S.23)
-- der Vater missbraucht die Tochter "liebevoll" (S.27)
-- je enger der Verwandtschaftsgrad beim Missbraucn, desto weniger erfolgt eine Anzeige (S.64)
Kindsmissbrauch durch völlig Fremde: Sinnbild vom "bösen Schwarzen Mann"
-- ein fremder Täter behauptet gegenüber 7-10 Jahre alten Mädchen, er mache ein "Casting" für ihren Lieblingsfilm, lockt sie so in seine Wohnung und missbraucht sie stundenlang in seiner Wohnung
-- ein fremder Täter erzählt einem Buben von dessen Sammlung mit Schweizer Messern und lockt ihn in dessen Wohnung, für die Misshandlung wird der Bub mit einem Schweizer Messer belohnt
-- ein Fremder führt eine Katze an der Hundeleine und die tierlieben Mädchen folgen ihm von selbst in seine Wohnung (S.24).
Kindsmissbrauch in der Pubertät
-- Mädchen fühlen sich in Gesprächen mit Erwachsenen geschmeichelt, und die Täter machen sich mit Galanterie und Geschicklichkeit die Eitelkeit von pubertären Mädchen zunutze, schenken Make-up, Alkohol und Geld (S.26)
-- Mädchen provozieren Sex mit Lehrern, um Hilfe und bessere Noten zu erschleichen (S.81), stürzen nach der Trennung in Depression bis zur Selbstmordgefährdung (S.81-82)
-- Mädchen (13-14 Jahre alt) beschuldigen einen Jungen (15 Jahre alt) der Vergewaltigung, um vor den Eltern das "Gesicht" zu wahren (S.156-157)
-- Jungs fühlen sich ebenso in Gesprächen mit Erwachsenen geschmeichelt (S.26)
1.2.
Missbrauchssituation Schule, Heime, Internate und Gruppen
-- Internatskinder (S.84) oder Heimkinder (S.86) sind besonders gefährdet wegen der Trennung von der Familie (S.84)
-- Autoritäten nützen ihre Position in Heimen, Internaten, Camps und Trainingslagern aus (S.87), gemäss Friedrich: "Wochenendaktivitäten, Knabenchöre, Freizeitgruppen, Vereine, Klubs, konfessionelle Vereinigungen" (S.88)
-- Buben sind in Internaten und Heimen mehr von Missbrauch betroffen als Mädchen
->> in den Fällen in Internaten und Heimen ist eine höhere Aufklärungsquote vorhanden durch die Distanz im Verhältnis zwischen Opfer und Täter (S.95)
Generell:
-- die Grenze zwischen Pädagogik und Pädophilie wird unbemerkt überschritten
-- je älter die Lehrer werden, desto niedriger ist die Hemmschwelle zum Missbrauch
-- je mehr Lehrer und je weniger männlicher geprägt der Lehrerkörper ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine männer-interne Atmosphäre entsteht, die Missbrauch an den Buben begünstigt (S.88).
Aber auch: Lehrer können Opfer der Jugendlichen werden
-- Jugendliche streuen Gerüchte gegen Lehrer aus Rache für eine Zurückweisung (S.83)
-- Lehrer und Lehrerinnen sind nicht ausgebildet, "verfängliche" Situationen zu erkennen (S.85) und landen im Selbstmordversuch (S.86).
2.
Die verschiedenen Täterprofile
Die sexuellen Phasen
-- autoerotische Phase: eigene Körperempfindlichkeit entdecken (S.34), Vorschulzeit: "Märchenalter" (S.74)
-- homoerotische Phase: Reden über die Entwicklung mit Gleichgeschlechtlichen und Gleichaltrigen, gegenseitiges "Manipulieren" möglich (S.34-35)
-- heterosexuelle Phase: Necking und Petting, aber noch ohne Sex (S.34), jugendliches Alter: Ausprobieren von Nähe und Distanz, Mädchen provozieren oft bei Lehrpersonen, um Hilfe und bessere Noten zu erhalten (S.81)
Prinzip:
Pädophilie entsteht dann, wenn eine der sexuellen Entwicklungsphasen blockiert wurde. Dadurch stauen sich Gefühle auf, die an solchen Kindern ausgelassen werden, die der blockierten Entwicklungsphase zuzuordnen sind.
Friedrich:
"Die Strategien des Kinderbenutzers hängen von seiner eigenen Lebensgeschichte und von bestimmten, gestörten Phasen seiner psychischen Entwicklung ab." (S.42)
"Infantile Täter"
erleben Masturbation als Kleinkind intensiv, Missbrauch, und glauben als Erwachsene, dies "weitergeben" zu müssen (S.42).
Beispiel: Ein Ehepaar bezieht das Kind in die Sexualpraktiken mit ein und meint, sie hätten es früher auch so erlebt und es hätte ihnen "auch nicht geschadet" (S.63).
Im Märchenalter können die Täter den Kindern jede Verharmlosung über Geschlechtsteile erzählen, die Kinder glauben es: Penis als "Zauberstab", "tanzende Schlange" etc. (S.74)
Kinderporno-Produzenten sind alle selbst Opfer geworden. Friedrich:
"Es ist erwiesen, dass alle an der Herstellung und am Vertrieb der Pornos Beteiligten selbst Opfer von Kindsmissbrauch gewesen sind." (S.46)
->> alle Verantwortlichen sind enthemmt
->> Rechtfertigung z.B.: "Mir hat es schliesslich auch nicht geschadet." (S.46)
"Ödipaler Täter"
-- sind in der Phase des Erkennens des Geschlechtsunterschieds blockiert worden
-- sind in der Phase des Verliebtseins in den andersgeschlechtlichen Elternteil blockiert worden, wenn Vater oder Mutter der "Schwarm" des Kindes ist
-- häufig wird diese Phase durch Scheidung zerstört (S.47)
-- bei Abschluss der Phase hat das Kind die Einsicht, dass es nicht lieben kann, wen es will, dass aber die Eltern immer noch da sind
-- häufig wiederholt sich die ödipale Phase kurz vor der endgültigen Ablösung im Alter von 15-17 ("Höhepunkt der Pubertät") (S.48).
Die Blockade tritt dann ein, wenn die Phase nicht überwunden wird. Es bleibt ein lebenslanger Schmerz (S.48).
Zur Kompensation werden Buben verführt (Päderasten), um vom Schuldgefühl loszukommen. Der Päderast schenkt Kindern besondere Aufmerksamkeit bis zu sexuellen Handlungen in der Meinung, das sei gutartig (S.48), z.B. "Streichelspiele" etc. (S.49).
Der "pubertäre" Täter
Die Blockade:
-- die Phase des manchmal groben Gedankenaustauschs über Sexualität unter Gleichgeschlechtlichen und die Heimlichkeit und die Phantasiewelt der Pubertät wird nicht überwunden, es entsteht keine Verantwortlichkeit für das Geschehen
-- der emotional Blockierte erwirbt keine reife Sexualität am Schluss (S.50) und legt die Angst vor dem Kennenlernen des anderen Geschlechts nicht ab (S.51?)
-- der emotionale Blockierte reisst Jugendliche auf, z.B. im Schwimmbad (S.50), bringt Halbwüchsigen das Masturbieren bei und überwindet die Unsicherheit der Pubertät nie (S.51).
Der "adoleszente" Täter
-- Adoleszenz = die Phase der Verschmelzung von vorgenitaler und genitaler Sexualität, noch ohne Sex, mit Ausprobieren aller Phantasien, mit Herausbilden der Vorlieben (S.52), von grosser sexueller Neugier begleitet (S.53)
-- in dieser Phase ist leicht eine Verführung möglich, aber der Sex kommt für die Opfer zu früh (S.53)
-- die Jugendlichen verführen im Leichtsinn Erwachsene, z.B. den Lebensgefährten der Mutter, und dieser lässt sich darauf ein und steht am Ende als Krimineller da (S.53).
[Da die Welt sich immer entwickelt und immer neue Sexualpraktiken aufkommen, scheint es schwer, die Phase des Experiments im gesamten Erwachsenenalter zu unterdrücken, denn man kann Menschen nicht verbieten, neue Sachen auszuprobieren].
Der Typ "Professor Higgins"
-- der erwachsene Täter meint, den Jugendlichen sexuellen Anschauungsunterricht geben zu müssen (S.54)
-- der Professorentyp inszeniert eine Zauberwelt z.B. für die Tochter, die überwältigt und eingeschüchtert ist und alle sexuellen Handlungen mit ihrem Vater zulässt, weil sie so wie die Mutter sei, die gestorben ist (S.56)
-- Eindruck schinden: durch Geschäftsreisen (S.55)
-- dazu gehört auch: "Beherbergungsprostitution" bei Strassenkindern im organisierten Kindermilieu (S.56)
-- die Opfer, die sich allgemein nach Zuwendung sehen, werden aber sexuell ausgenutzt und am Ende allein stehen gelassen (S.57)
Der "geisteskranke" Täter
-- sind sehr wenige Täter
-- haben zeitweise Realitätsverlust, sind unberechenbar
-- haben z.T. grausame Phantasien (S.57) bis zur Tötung (S.58).
Der "senile" Täter
-- ist ein relativ hoher Anteil der Täterschaft, oft sind die Enkelkinder die Opfer
-- Pensionäre missbrauchen Schulkinder, die Stimulus sind für mangelnde Potenz
-- oft werden Spiele auf sexuelle Bahnen geleitet (S.58)
-- die Kinder werden dabei verwirrt und unglücklich, verlieren eine Vertrauensperson (S.59).
Die Unberechenbaren
-- es kann keine Persönlichkeitsstruktur zugeordnet werden (S.60)
-- die Unberechenbaren sind undurchschaubar, unberechenbar (S.61)
3.1.
Frauen als Täterinnen
-- haben schwere psychische Abweichungen (S.61)
-- laufen herum mit geschädigten Hemm-, Brems-, Kontroll- und Steuermechanismen (S.61-62)
3.2.
Frauen als Mittäterinnen
Frauen lassen Missbrauch durch Partner am Kind zu
-- wegen hoher Abhängigkeit vom Mann
-- wegen Angst, abgelehnt zu werden (S.62)
-- wegen der sozialen Lage der Familie: Die Eltern verkaufen Töchter an Fremde, und die Einnahmen kommen allen zugute (S.63).
4.
Das Verhalten der sexuell missbrauchten Kinder - die stummen Hilferufe
-- übersexualisiertes Verhalten
-- ohne Scheu schildern sie Sexualpraktiken (S.62)
-- Aggressionen gegen Mitschüler, die weitergegeben wird, ist eine Überlebensstrategie, ein SOS-Zeichen
-- Leistungsschwäche ist Zeichen, dass andere Sachen das Kind vereinnahmend dominieren, ein Hilferuf (S.90)
-- Angstzustände
-- Aggressivitäten
-- ungewöhnliches Verhalten
-- plötzliche Zwänge, nur noch über gewisse Themen zu reden oder Waschzwänge
-- übertriebene Heiterkeit, Gereiztheit oder Traurigkeit
-- sexuell abnormes Verhalten
-- Stummheiten gegenüber gewissen Themen
-- Essstörungen (S.91)
-- Rückzug, Weglaufen
-- übermässiger Gebrauch von sexuellen Ausdrücken (S.92).
5.
Therapie: Die ganze Familie muss an die emotionale Arbeit
-- die Eltern müssen Mut entwickeln, über Missbrauch zu reden
-- den Kindern sollen die Schuldgefühle genommen werden
-- Kindsmissbrauch soll kein sozialer Makel sein (S.64)
nicht erwähnt:
-- die TäterInnen, die die Entwicklungsblockaden beim Täter verursacht haben, bleiben unerwähnt, und bleiben unbestraft!
-- die Elternschulung, bevor man beginnt, eine Familie zu gründen, fehlt bis heute im Weltsystem.
6.
Störungen im Erwachsenenalter durch Kindsmissbrauch-- Lebensängste
-- Vertrauensverlust
-- fundamentale Unsicherheit
-- kein Selbstvertrauen
-- Hoffnungslosigkeit
-- kein Zugang mehr zu Lebendigkeit-- tiefe Störung im Verhältnis zum Körper und zur Sexualität
-- Panikattacken
-- Depressionen
-- Migräne
-- Alkoholmissbrauch
-- Drogenmissbrauch (S.93).
Faktoren der Intensität der Störungen durch Missbrauch im Erwachsenenalter
-- abhängig vom Alter, in dem der Missbrauch stattfand: Je jünger das Kind, desto schädlichere Auswirkungen später
-- abhängig vom Verwandtenverhältnis: je näher, desto schlimmer sind die Auswirkungen, am schlimmsten ist ein langjähriger Inzest
-- abhängig von der Häufigkeit und von Gewalt und Zwang: Je häufiger, desto schlimmere Auswirkungen später, weil das Geschehen nicht mehr genau rekonstruiert werden kann, weil es zu viele Ereignisse waren (S.93); besonders schlimm ist sexueller Missbrauch in Kombination mit Gewalt, Schlägen und anderen körperlichen Misshandlungen (S.94).
Sekundäre Faktoren der Intensität der Störungen durch Missbrauch im Erwachsenenalter
-- wenn die Umgebung des Opfers den Missbrauch anerkennt, geht es dem Opfer besser, wenn dem Opfer die Schuld gegeben wird, sind die Auswirkungen sehr negativ
-- bei völlig unerträglichen Umständen zieht sich das Kind vollends zurück und muss mit der Verdrängung des Geschehens arbeiten mit sehr negativen Folgen (S.94).
|
|
|
|
|
|