aus: Ingrid Olbricht: Die Brust. Organ und Symbol weiblicher
Identität;
Kreuz-Verlag 1985, Rohwolt-Verlag (rororo) 1989
Das Symbol der Muttermilch und die
Bedeutung
Muttermilch ist ein Fruchtbarkeitssymbol (S.151) und symbolisiert
Nahrung in
jeder Form: körperliche (S.151-152), seelische und geistige Nahrung.
Als
seelische und geistige Nahrung symbolisiert die Muttermilch auch die
Urweisheit
und die Unsterblichkeit, z.B. als Weisheit "Sophia", oder als
"Alma Mater" (S.152).
[Das Stillen hat aber dort seine Grenzen, wenn die Kinder Zähne
bekommen und in
die Mamillen der Mutterbrust beissen].
Die Milchbrüste waren in alten Kulturen besonders anerkannt. In Ägypten
und in
griechisch-römischen Kulturen wurden den weiblichen Mumien an den
Rippen
vergoldete Brustamulette mit ins Grab gegeben, dort, wo die Brüste
gewesen
waren (S.152).
Die weisse Milch wurde generell zum weissen Mond und zur Weiblichkeit
in Bezug
gesetzt (S.152).
Auch
die "Mutter Maria"
des "Christentums" wird mit milchspendenden Brüsten dargestellt, als
"Maria lactans" (S.152).
Schliesslich gilt Milch generell als bestes Stärkungs- und
Schönheitsmittel (S.152),
gleichzeitig aber im negativen Sinn auch als Symbol ewiger Kindlichkeit
in
Formulierungen wie "Milchbubi" oder "Milchgesicht" etc.
(S.153).
Das
Symbol der Brust und die Bedeutung
als Gefäss im Märchen
Die Brüste verbinden die Mutter mit dem Baby und mit dem Sexualpartner.
Die
Brüste symbolisieren so eine Brücke oder eine Symbiose. Brüste, die
Milch
geben, werden als Behälter symbolisiert, der Nahrung und Fruchtbarkeit
gibt
(S.151).
Brüste sind immer Sammelplatz und Schlupfwinkel für die Kinder, Brüste
sind die
Hüterin des Lebens (S.151). Im Traum oder im Märchen wird die nährende
Milchbrust bzw. die nährende Mutter z.B. durch einen Topf symbolisiert,
der
sich von selber füllt (Märchen vom süssen Brei der Gebrüder Grimm)
(S.166),
oder durch einen Kelch, der immer mit Wein gefüllt ist (Märchen: Der
Page und
der Silberkelch (S.168), oder durch das "Wasser des Lebens in einer
Schale", das heilt und Leben spendet (Märchen "Peronnik der
Einfältige" (S.169).
Die Brust "ist ein Gefäss, das nicht versiegt - jedenfalls nicht,
solange
die natürliche Einstellung gilt - und das alles enthält, was jedes
Lebewesen zu
Ernährung, Wachstum und Wandlung benötigt." Die Brüste brauchen für
diese
Vermittlung von Energien keine besondere Fütterung, sie sind einfach da
(S.166).
Gleichzeitig kann die Überbetonung des Verhältnisses zu Mitmenschen
durch die
Brust einen Missbrauch darstellen, bis zur Vernichtung des Lebens durch
Nahrungsverweigerung, durch seelisches Ersticken, durch eine Überfülle
und
durch Gift in der Nahrung. Dann wird die Brust zur "steinernen Brust"
(S.151).
Symbolische
Milch in Religionen -
Milchopfer
Milch ist die höchste göttliche Verheissung für das "Land, wo Milch und
Honig fliesst" (S.152).
Gewissen Göttern wird Milch geopfert, damit sie jeden Tag neu erweckt
werden.
Zum Beispiel werden um das Grab von Osiris 365 Opferschalen mit Milch
gelegt
(S.152).
Zum Beispiel wird dem Gott des Donners Milch geopfert, weil alte
Traditionen
glauben, dass Muttermilch das himmlische Feuer löschen könne. Olbricht:
"Die Milch wird in manchen Traditionen mit dem himmlischen Feuer
verknüpft. In Zentralafrika wie im alten Europa glaubte man, dass nur
Milch die
Feuersbrünste zu löschen vermöchte, die durch Blitzschlag entstanden
waren.
Daher wurden den Gottheiten des Donners Trinkschalen mit Milch
angeboten."
(Olbricht, S.152)
Muttermilch als symbolische Zaubermilch
Brustweisen: Milch als Abwehr aus der
Brust spritzen lassen
Brust haben heisst bei den Naturvölkern heute noch "Macht" haben.
Wenn sich die Eingeborenen der Eipo in Neuguinea bedroht fühlen,
drücken
stillende Frauen Milch aus dem Busen, quasi als Gegenzauber gegen böse
Geister
(S.135).
Alte Statuen zeigen dieselbe Vorgehensweise bei den Maori (S.135).
Ebenso handelten die stillenden Indio-Frauen gegen die spanischen
Invasoren in
Mittel- und Süd-"Amerika":
"Den Spaniern, die im Zeitalter der Entdeckungen den südamerikanischen
Kontinent eroberte, schickten die Eingeborenen Frauen entgegen die den
Angreifern die Brust präsentieren und Milch spritzen sollten, um sie
abzuwehren." (S.135)
Das Konsumbewusstsein hat die Angst vor dem Busenzauber aber verloren
(S.135).
Brustsymbolik
in zensierten Märchen
[Märchen sind Träume, die weitererzählt wurden. Bei den unzensierten
Märchen
ist eine entsprechende Deutung nach Traumkriterien vorzunehmen.
Bei zensierten Märchen ist
die
Deutung der wesentlichen Botschaft z.T. nicht mehr möglich].
Märchen mit
Brustamputationen
Märchen: Das Mädchen ohne Hände (Grimm)
mit Brustamputation als Kompensationshandlung für einen Inzest
Zensierte Fassung:
Der Teufel verspricht einem armen Müller Reichtum, wenn er das, was
hinter der
Mühle steht, dem Teufel überlasse. Es ist die einzige Tochter des
Müllers.
Schliesslich hackt der Müller der Tochter die Hände ab (S.154).
Unzensierte Fassung:
Der Müller findet seine Tochter so sexy, dass er sie sexuell begehrt.
Sie
weigert sich standhaft gegen die Begehrnisse des Vaters. Da schneidet
der Vater
der Tochter quasi zur Strafe Hände und Brüste ab und jagt sie davon.
Die Brüste
werden gemäss Olbricht geopfert, um dem Inzest zu entgehen (S.154).
[Andere Interpretation: Wenn der Vater schon keine "Freude" an den
Brüsten der Tochter haben darf, dann soll auch kein anderer Mann
"Freude" an den Brüsten seiner Tochter haben. Ausserdem hat der Vater
ein grosses Beziehungsproblem und scheint zu wenig Frauen zu kennen].
Interpretation: [Die Zensur des Märchens ist wesentlich]. Das zensierte
Märchen
ist mit "christlichen" Symbolen ergänzt und verfälscht, um die
"christlichen" Elemente Teufel und Sünde zu verbreiten (S.154).
Märchen: "Jungfrau Maleen"
(Grimm) mit Brustamputation im Turm als Notration
Zensierte Fassung:
Die Königstochter Maleen beharrt auf der Heirat mit einem bestimmten
Prinzen.
Der Vater will die Heirat nicht zulassen und bestraft die Tochter
Maleen für
ihren festen Willen mit sieben Jahren Haft in einem zugemauerten Turm,
zusammen
mit einer Kammerjungfer (S.154-155). Dabei wird ihnen Speise und Trank
für 7
Jahre zur Verfügung gestellt (S.155).
Nach 7 Jahren erwartet Maleen, dass der Vater sie aus dem Turm holt.
Als nichts
geschieht, können sich die Frauen selbst befreien, indem sie Steine aus
der
Mauer lockern und entfernen. Sie sehen, dass das Königreich und das
Schloss des
Vaters verwüstet sind und das Land verbrannt ist (S.155).
Unzensierte Fassung:
Die Königstochter Maleen wird für ihren Willen, nur mit einem
bestimmten
Prinzen zu heiraten, vom Vater 7 Jahre mit der Kammerjunger in einen
Turm
eingemauert. Nach 7 Jahren erwartet Maleen, dass der Vater sie aus dem
Turm
holt. Die beiden Frauen hungern. Als Notnahrung im Turm schneidet sich
die Magd
/ Kammerjungfer ihre Brüste ab, um die Königstochter vor dem Hungertod
zu
retten. Die Brust wird zur direkten Nahrung (S.155).
[Interpretation: Die Zensur hat das Symbol der Mutternahrung
wegzensiert. Der
böse Vater symbolisiert das zerstörerische, ungebändigte männliche
Element in
der Königstochter, das sie noch nicht beherrscht. Der Prinz
symbolisiert die
Vereinigung mit einem Mann zu einem paradiesischen, ausgeglichenen
Zustand.
Diesen Zustand kann die Königstochter aber noch nicht erreichen. Der
Turm ist
ein grosser Penis. Die Königstochter Maleen ist in ihrer Sexualität
derart
seelisch gefangen, dass sie sich darin 7 Jahre einsperren lässt. Die
Flucht aus
dem Turm ist die Befreiung von Zwangsvorstellungen in ihrer mit
männlicher Energie verfolgten Sexualität. Der Vater kann die Tochter
nicht
befreien, weil die zerstörerische, ungebändigte männliche Energie in
der
Tochter nicht mehr vorhanden ist. Die Hilfsbereitschaft der
Kammerjungfer geht
bis ins Extrem. Die Brustamputation der Kammerjungfer symbolisiert die
mütterliche Hilfsbereitschaft für die Königstochter, keine reale
Brustamputation].
Märchen: "Brüderchen und
Schwesterchen" (Grimm) mit Brustamputation für den Vater
Zensierte Fassung:
Zwei Kinder verlassen die böse Stiefmutter und gehen in die weite Welt
hinaus
(S.155).
Unzensierte Fassung:
Die Stiefmutter kocht dem Vater regelmässig Fleisch. Da wird das
Fleisch
gestohlen, durch Diebstahl der Kinder oder durch die hungrige Katze. Da
kocht
die Stiefmutter ihre Brüste und der Vater findet die gekochten Brüste
köstlich
und wünscht sich noch mehr Menschenfleisch. Folglich sind die Kinder
bedroht.
Sie flüchten in die weite Welt (S.155).
[Interpretation: Die Zensur ist wesentlich. Die Stiefmutter ist dem
Vater so
ergeben, dass sie ihre Brust opfert, um ihn zufriedenzustellen. Sie
gibt ihm
ihre gesamte mütterliche Energie. Die Stiefmutter geht so weit, dass
sie ihre
Stiefkinder opfern will, um den Vater zufriedenzustellen. Die
Stiefkinder
sollen also ihre gesamte Energie dem Vater unterordnen. Dem Vater
scheint der
körperliche Zustand seiner Familie egal zu sein. Dies provoziert die
Flucht der
Stiefkinder. Solche Verhältnisse kommen auch in intakten Familien vor,
wo keine
Selbstreflexion betrieben wird].
Märchen mit
positiver Mutternahrung für die Tochter
Märchen: Das Erdkühlein (Grimm): Aus
Schwanz, Horn und Huf wächst ein Apfelbaum
Ein Mädchen bekommt bei der Stiefmutter nichts mehr zu essen und geht
jeweils
in den Wald. Beim dritten Mal streut das Mädchen Hanfsamen, um den
Rückweg zu
markieren, findet ihn aber nicht mehr, dafür ein Haus eines
Erdkühleins, die
originale Mutter in Tiergestalt. Dort findet das Kind Aufnahme, bis die
Schwester nach dem Mädchen sucht. Die Schwestern finden sich, das
Erdkühlein
wird verraten und von der Stiefmutter geschlachtet. Das Mädchen behält
vom
Erdkühlein wertlose Teile Schwanz, ein Horn und ein Huf und vergräbt
sie
(S.158). Innert drei Tagen wächst daraus ein Apfelbaum (S.158-159) mit
Äpfeln,
die heilen können (S.159).
Interpretation:
Die Äpfel symbolisieren Brüste, Mutterliebe, mütterliche Energie,
heilende
Nahrung, sind Symbol für unvergängliche Weiblichkeit, [eine seelische
Nahrung,
die die Stiefmutter scheinbar nicht hat] (S.159).
[Stiefmütter, die Stiefkinder schlecht behandeln, sind nur auf den Mann
fixiert. Ihnen sind die Stiefkinder "im Weg"].
Märchen: Der Page und der Silberkelch
(GB-Märchen): Jede Elfe erhält den Wein seines Geschmacks
Ein
kleiner Page schleicht sich
in den Elfenhügel ein (S.168-169) und sieht, dass es dort einen Kelch
gibt, der
von selbst immer mit Wein gefüllt ist. Der Kelch produziert den Wein
sogar den
Wünschen der trinkenden Person angepasst. Jeder bekommt den Wein, den
er am
liebsten mag. Der Page raubt den Kelch (S.169).
Märchen: Die drei Schwestern Einäuglein,
Zweiäuglein, Dreiäuglein (Grimm): Aus den Eingeweiden einer Ziege
wächst ein
Apfelbaum
Zweiäuglein wird von den anderen Schwestern verachtet, weil sie mit
zwei Augen
so wie die Menschen aussieht. Zweiäuglein wird von der Mutter
verstossen und
geht zur Ziege (Muttersymbol für die "gute Mutter"), wo Zweiäuglein
besseres Essen bekommt als zu Hause. Als Zweiäuglein wieder zu Hause
ist und
das Essen aber stehenlässt, wird die Familie misstrauisch. Die
Schwestern
verfolgen Zweiäuglein, entdecken die Ziege und die Mutter tötet die
Ziege. Aus
den vergrabenen Eingeweiden aber wächst ein Apfelbaum mit goldenen
Äpfeln, die
nur für Zweiäuglein erreichbar sind (S.159).
Interpretation:
Die Äpfel symbolisieren die unvergängliche, goldene Weiblichkeit, [eine
seelisch-weibliche Nahrung, die in der Familie scheinbar völlig fehlt]
(S.159).
Märchen mit
kräftender Mutternahrung für den Sohn
Märchen: Der starke Hans (Skandinavisches Märchen): Kriterium: Baum
ausreissen
Ein Bub wird bei der Mutter 10 Jahre lang gestillt. Als der Vater die
Kräfte
des Sohnes testet und ihn einen starken Baum ausreissen lässt, gelingt
es dem
Sohn noch nicht. Der Vater befiehlt, dass der Bub noch einmal 10 Jahre
bei der
Mutter trinken soll. Mit 20 Jahren gelingt es dann dem Sohn mit
Leichtigkeit,
den Baum auszureissen. Er besteht Abenteuer und am Ende hat er eine
Prinzessin
zur Frau (S.160).
[Interpretation:
Die Problematik der Priorität zwischen Mutter und Freundin ist nicht
erwähnt.
Vielleicht hat der "starke Hans" die Problematik von allein bemerkt
und durch Weiterbildung ein Gleichgewicht der seelischen Kräfte
geschaffen.
Dann wäre der Hans auch seelisch wirklich "stark"].
Märchen mit
kräftender Mutternahrung für den Vater
Märchen: Die Tochter nährt den Vater im
Gefängnis (Rom)
Ein Gefangener soll im Kerker verhungern. Die Wärter wundern sich aber,
wieso
er nicht verhungert. Jeden Tag kommt die Tochter auf Besuch, die gerade
ein
Kind geboren hat. Sie säugt den Vater an ihren Milchbrüsten, was die
Wärter
nicht bemerken (S.174).
Diese Darstellung kommt im alten Rom häufig vor (S.174).
Märchen mit
schädlicher Mutternahrung gegen die Tochter
Märchen: Schneewittchen (Grimm): Vergiftete
Mutternahrung und
Mutter-Tochter-Rivalität
Die Stiefmutter will Schneewittchen wegen ihrer Schönheit töten.
Zuletzt soll
ein vergifteter Apfel Schneewittchen den Tod bringen. Zuerst ist
Schneewittchen
tot, dann aber die Mutter (S.156).
Interpretation: Der Zustand drückt eine ganz alltägliche
Mutter-Tochter-Rivalität aus. Der Apfel ist Symbol für Fruchtbarkeit,
Liebe und
die Wärme der Mutterbrust. Die kranken Energie der Mutterbrust der
Mutter tötet
Schneewittchen. Die Spannung zwischen Mutter und Tochter hat
Schneewittchen
umgebracht, dann aber die Mutter. Bei einer solchen Situation in
Realität wäre
z.B. Brustkrebs möglich, mit einer Brustoperation als Folge (S.156).
Märchen mit
positiver Nahrung für das Kind mit negativem
Aspekt: Das Gleichgewicht zwischen Mütterlichkeit und Aggression finden
Märchen: Der süsse Brei (Grimm): Das
Töpfchen kann weiterkochen und alles ersticken - das Gleichgewicht
finden
Eine Mutter kann keine Nahrung mehr beschaffen. Da geht das Mädchen in
den
Wald, wo eine alte Frau dem Mädchen ein Töpfchen schenkt, das durch
einen
einfachen Spruch süssen Hirsebrei produziert. Wenn man vergisst, den
Spruch
fürs Abstellen zu sagen, produziert das Töpfchen aber so viel Brei,
dass alles
überschwemmt und erstickt wird (S.156).
Interpretation:
Das Töpfchen symbolisiert die milchgebenden Mutterbrüste, der Brei
symbolisiert
die Muttermilch. Zu viel Muttermilch (als Symbol für mütterliche Wärme)
erstickt das Kind (S.156).
Real gesehen werden überfütterte Kinder zu dick, sind Hänseleien und
Isolation
ausgesetzt und können kaum eigenständige Beziehungen aufbauen, so dass
sie
lange bei der Mutter Trost suchen und die Mutterbindung kaum eine
nötige
Ablösung erfährt. Die Formel zum Stop der Nahrungsaufnahme ist also
genau so
wichtig wie die Formel, Brei zu produzieren (S.157).
Märchen: Peronnik der Einfältige (F, NL
und CH): Das Lebenswasser im goldenen Becken und die aggressive Lanze
beherrschen lernen - das Gleichgewicht finden
Der Zauberer Rogear herrscht im Schloss Kerglas über ein goldenes
Becken und eine
diamantene Lanze. Das Becken produziert heilendes Lebenswasser. Wenn es
getrunken wird, heilt es alle Leiden, bis zur Wiederauferweckung vom
Tod. Die
Lanze hat gegenteilige Eigenschaften: Wenn die Lanze aggressiv berührt
wird,
tötet die Lanze die jeweilige Person. Viele Ritter bezahlen so den
Versuch, das
Becken und die Lanze zu rauben, mit dem Tod. Peronnik gelingt es, alle
Gefahren
zu überstehen. Er kann die goldene Schale und die Lanze rauben (S.169).
Interpretation:
Das lebensspendende Becken symbolisiert die spendende Mutterbrust, das
Lebenswasser die Muttermilch, die alle Nahrung gibt. Die Lanze
symbolisiert das
männliche, aggressive Element. Das lebensspendende Prinzip steht neben
dem
lebensvernichtenden Prinzip. Das Märchen ist eine vereinfachte
Gralsgeschichte
(S.169).
[Der Mensch muss das Gleichgewicht zwischen dem lebenserhaltenden und
dem
lebenszerstörenden Element finden, zwischen "Anima" und
"Animus", zwischen heilender Kraft und Entschlusskraft. Märchen sind
weitererzählte Träume. Diejenige Person, die diese Geschichte geträumt
hat,
wird das Gleichgewicht finden].
Märchen: Parzival / Perceval
(Adelslegende): Das Mutterbübchen muss das seelische Gleichgewicht
finden
Die Mutter des Parzival / Perceval ist in den Sohn verliebt und er wird
ein
Mutterbübchen. Als Parzival doch von zu Hause auszieht, sinkt die
Mutter wie
tot zu Boden, denn der Sohn war in krankhafter Weise ihr ganzer
Lebensinhalt
gewesen (S.171). Parzival geht zu einem Lehrmeister, der ihm befiehlt,
sich
nicht mehr auf die Mutter zu beziehen, und gleichzeitig soll er nicht
zu viele
Fragen stellen (S.171-172).
Die Zensur gegen Fragen ist sehr lebensfeindlich, denn so hat Parzival
kaum
Möglichkeiten, seine eigene Mitte zu finden. Da sucht er seine Mutter,
findet
sie aber nicht mehr, sondern er findet andere Frauen. Schliesslich
weist ihm
ein Fischer den Weg zur Gralsburg mit dem Gral, ein Gefäss mit
wunderwirkenden
Inhalten (S.172), die das überpersönliche, allgemeine
Weiblich-Mütterliche
symbolisieren, dazu eine Lanze (S.173).
Parzival wird vom Burgherrn zu einem Abendessen eingeladen, bei dem
eine Frau
in einer Prozession den Gral präsentiert (S.173): Zuerst eine Lanze,
dann der
Gral (das Gefäss), dann ein silberner Teller. Parzival ist noch nicht
reif
genug, den Gral zu empfangen. Am nächsten Tag findet Parzival die Burg
leer vor
(S.174).
Parzival zieht noch weiter umher, trifft verschiedene Frauen, erfährt,
dass
seine besitzergreifende Mutter stirbt, und erst jetzt kann er mit
Weiblichkeit
in einem Gleichgewicht umgehen, das ihn und die Weiblichkeit nicht
zerstört.
Parzival wird für den König im Schloss zum Heiler und bringt verdorrtes
Land
des Königs wieder zum Blühen, indem er die Wasser wieder zum fliessen
bringt
(S.175).
Interpretation:
"Der Gral ist das Symbol der Ganzheit und ein Symbol der Weiblichkeit,
aber auch ein Symbol des Paradieses. Er enthält alle Aspekte der Frau,
körperliche und geistige; er verkörpert das Gefäss des Leibes und das
Seelische
als Entwicklung und Entfaltung. Er erlöst aus der Einseitigkeit beider
Extreme,
er verbindet zwei Pole und führt zum Selbst hin, weg aus Symbiose und
Isolation, er macht ganz. Die Suche nach dem Gral ist die Suche nach
dem
Selbst." (S.175)
[Der Gral (die Schale mit dem wundersamen Inhalt) und die Lanze stellen
das weibliche
und das männliche Element dar, zwischen denen das Gleichgewicht für das
Leben
zu finden ist, analog "Anima" und "Animus"].
Märchen mit
seelisch vergifteter Mutternahrung zur zu
starken Mutterbindung
Märchen: Hänsel und Gretel (Grimm): Die
besitzergreifende
Hexe hat den
Hänsel "zum Fressen" gern
Die Mutter kann die Kinder nicht ernähren. Hänsel und Gretel im Wald
finden den
Heimweg nach dem Ausstreuen von Brotstücken nicht mehr und treffen auf
ein
Pfefferkuchenhaus, wo eine Frau sie leben lässt. Die Frau wird aber zur
Hexe,
denn sie sperrt Hänsel in einen Käfig und mästet ihn mit der Absicht,
ihn zu
braten. Gretel stösst in einem günstigen Moment die Hexe selbst ins
Feuer und
rettet so den Hänsel (S.157).
Interpretation:
Die Hexe hat die Kinder "zum Fressen" gern. Die gesamte Nahrung, die
die Hexe den Kindern gibt, wird in der Absicht gegeben, die Kinder zu
besitzen
(S.157).
[Hänsel ist für die Hexe ein Mannersatz, deswegen sitzt ER im Käfig und
nicht
die Gretel. Der Hänsel ist im seelischen Gefängnis, nicht die Gretel.
Insgesamt
will die Hexe gleich beide Kinder besitzen und lässt keine seelische
Entwicklung der Kinder zu, bis sie sich wehren. Die Ablösung von der
Hexe
geschieht aber erst mit der Vernichtung der Hexe, denn die Hexe selber
ist
nicht lernfähig. Im Gegenteil: Die Hexe verschärft bei jeder Gegenwehr
ihre
Massnahmen, den Besitz an den Kindern zu "wahren". Deswegen muss die
Hexe vernichtet werden
Real kommt die Situation eines Sohnes, der den Mannersatz für die
Mutter
spielen muss, relativ oft vor. Wenn die Mutter psychologisch keine
Ahnung hat,
kann sie so dem Sohn die Persönlichkeitsentwicklung absolut
verunmöglichen.
Wenn der Sohn die Situation früh genug bemerkt, kann er schon in der
Jugend die
Ablösung vollziehen. Kommt die Realisierung der Situation zu spät, wird
der
Sohn immer das Gefühl haben, seine Jugend verpasst zu haben. Bemerkt
der Sohn
die Manipulation auch nicht, dann bleibt er zeitlebens ein
Mutterbübchen. Er
verehrt die Mutter dann mehr als die Freundin, so dass die Freundin
bald keine
Lust mehr auf ihn hat. Nach mehreren Brüchen wegen den falschen
Prioritäten
sollte der Sohn es dann bemerken, was da falsch läuft].
Märchen: Der starke junge Mann (Märchen
der Provence): Die zu starke Mutterbindung
Eine Mutter stillt ihren Sohn. Nach zwei Jahren lässt sich der Bub
nicht von
der Brust nehmen, das Abstillen gelingt nicht (S.159-160). Nach vier
Jahren
Stillen meint der Sohn, er wolle bis 20 gestillt werden und er werde
dann die
Mutter beschützen. Mit 20 vollbringt er dann Heldentaten, besiegt den
Teufel
und kommt vom König reich beschenkt zur Mutter zurück und gibt ihr
alles, was
er verdient hat (S.160).
Interpretation:
Der Sohn will sich immer noch nicht von der Mutter lösen (S.160).
[Spätestens, wenn der Sohn die Mutter mehr verehrt als die Freundin,
wird die
Freundin protestieren...]
Märchen mit
Männermilch für den Sohn
Märchen: Der junge Riese (Grimm): Die
Milch des Riesen produziert einen Schläger
Ein Bub wird an einer Brust eines Riesen gesäugt. Der Bub wird ein
Riese, aber
ohne Intelligenz. Als der Bub zu seinen leiblichen Eltern ist,
produziert er
Angst, und die Eltern erkennen ihn zuerst nicht und wollen ihn dann
weghaben,
weil er zu viel isst (S.160-161).
Interpretation:
Der Riese hat den Bub quasi adoptiert und vereinnahmt. Und der Riese
hat den
Bub seelisch-geistig überhaupt nicht ausgebildet (S.161).
Darstellung: Jesus am Kreuz: Das Blut
aus der Brust ist Lebenssaft
Gemäss der Darstellung der Bibel wird Jesus am Kreuz an der Brust
verletzt. Blut
fliesst heraus. Jemand hält einen Kelch hin und fängt das Blut auf
(S.174).
Interpretation:
Der Kelch ist Symbol für die Brust, das Blut symbolisiert die Nahrung
(S.174).
Märchen mit
Tiermilch für die Kinder
Märchen: Der Säugling der Stute (Zigeunermärchen):
Zwei Jahre Stutenmilch für den Bub
Ein Priester reitet eine Stute, die von ihm schwanger wird. Die Stute
gebärt
einen Sohn, der ein Jahr lang mit Stutenmilch gesäugt wird. Da er eine
Kraftprobe nicht besteht, bittet er die Stute, noch ein weiteres Jahr
an der
Stute die Stutenmilch trinken zu dürfen. Erst nach zwei Jahren ist er
stark
genug, um das Säugen zu beenden (S.161).
[Interpretation:
Der Priester auf der Stute scheint nicht zum Märchen zu gehören,
sondern
scheint als "christliches" Element "hineinkomponiert"].
Märchen: Romulus und Remus: Die Wölfin
säugt die beiden Söhne
Eine Priesterin der Vesta, Rhea Silvia, bekommt Zwillinge, zwei Knaben
und
kommt dafür in den Kerker. Die zwei im Tiber ausgesetzten Knaben werden
von
einer Wolfsmutter aus dem Fluss gezogen und gesäugt, bis ein Hirte die
Knaben
findet und bei sich aufnimmt. An der Stelle, wo sie gerettet wurden,
sollen die
Zwillinge die Stadt Rom gegründet haben (S.161).
[Interpretation:
Es ist wahrscheinlich, dass die Priesterin und der Kerker nicht zum
Märchen
gehören, sondern als "christliche" Elemente
"hineinkomponiert" sind. Die Kirche ist tatsächlich so brutal].
Märchen mit
Muttermilch als Schönheitsmittel
Märchen: Tropsen (Zigeunermärchen): Das Bad in der
Pferdemilch
Der
jüngste von vier Brüdern
wählt sich zum Jahreslohn kein Pferd aus wie die anderen, sondern ein
Fohlen,
das noch bei der Pferdemutter trinkt. Das Fohlen wird erwachsen und ist
schöner
und wendiger als alle anderen Pferde. Der Mann besteht mit dem Pferd
viele
Abenteuer. Zum Schluss soll er in einem Kessel mit kochender
Stutenmilch baden.
Das Pferd hilft ihm und bläst mit den Nüstern gegen die Milch, so dass
die
Temperatur der Milch abnimmt und am Ende nur noch warm ist, so dass der
Reiter
in der Milch problemlos baden kann. Er wird dadurch schöner als vorher
(S.162).
Märchen: Die verwunschene Ente (Märchen
aus PL, Ungarn und Slowakei): Der Milchsee bringt positive Verwandlung
Eine Ente schwimmt in einem Milchsee. Wenn sie herausspringt, wird sie
zur Fee
"Ilona" (S.163).
Muttermilch als Heilmittel: Augentropfen
Muttermilch kann bei entzündeten Augen als Augentropfen angewandt
werden
(S.189).