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Die Mafia-Organisationen (Teil 2)
Teil 1  

Welche Mafia-Organisationen es weltweit gibt - und die Auswirkungen

Meldungen

präsentiert von Michael Palomino

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8.3.2011: <Internationale Grossrazzia: BKA gelingt Schlag gegen Mafia>

aus: n-tv online; 8.3.2011; http://www.n-tv.de/panorama/BKA-gelingt-Schlag-gegen-Mafia-article2788621.html

<In einer konzertierten Aktion nehmen Ermittler auf insgesamt drei Kontinenten Mafiosi der "Ndrangheta" fest. Allein in Deutschland gehen dem Bundeskriminalamt sechs Personen ins Netz, darunter auch ein ranghohes Mitglied der Organisation. "Sie haben ein unauffälliges Leben geführt", heißt es bei der Staatsanwaltschaft.

Bei einer internationalen Großrazzia gegen die Mafia sind in Deutschland sechs mutmaßliche Mitglieder der "'Ndrangheta" festgenommen worden. Weitere 35 mutmaßliche Mafiosi wurden in Italien, Kanada und Australien festgenommen. Die 'Ndrangheta gilt als die gegenwärtig mächtigste italienische Mafiaorganisation mit internationalen Verbindungen. "Die Operation "Crimine 2" auf drei Kontinenten zeigt, dass die 'Ndrangheta bis heute ein einheitlicher Organismus ist", sagte der die Ermittlungen leitende Staatsanwalt von Reggio Calabria, Giuseppe Pignatone.

In Frankfurt konnten die italienischen Mafiajäger in Zusammenarbeit mit dem Bundeskriminalamt (BKA) ein vermutlich ranghohes Mitglied der Organisation festnehmen. Der 45-jährige Italiener soll die Aktivitäten in Deutschland koordiniert haben, teilte das BKA mit. In Baden-Württemberg griffen die Fahnder ebenfalls zu: Im Landkreis Konstanz nahmen sie nach Angaben des Landeskriminalamts fünf mutmaßliche Mafiosi fest.

Kontakte bis in die Führungsebene

"Die haben ein unauffälliges Leben geführt", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz über die festgenommenen, 32 bis 58 Jahre alten Männer. Drei von ihnen hätten legal in Fabriken und auf Baustellen gearbeitet. Sie hätten Kontakte bis in die Führungsebene der 'Ndrangheta gehabt. "Die Mitgliedschaft ist durch umfangreiche, auch verdeckte Ermittlungen belegt", so der Sprecher. Das Oberlandesgericht Karlsruhe muss nun über die Auslieferung der Männer nach Italien entscheiden.

"Es handelt sich um einen weiteren, wichtigen Erfolg im Kampf gegen das organisierte Verbrechen", sagte der italienische Justizminister Angelino Alfano. Insgesamt waren 41 Haftbefehle ausgestellt worden: 28 in Italien, sechs in Deutschland und sieben in Kanada und Australien. In Australien wurde unter anderem Tony Vallelonga festgenommen, der von 1996 bis 2005 Bürgermeister der australischen Stadt Stirling bei Perth war und heute Ehrenbürger der Stadt ist.

Bereits im Juli 2010 waren in Kalabrien und der Lombardei bei einer Razzia insgesamt mehr als 300 Mitglieder der "'Ndrangheta" festgenommen worden. Die kalabrische Organisation erregte 2007 großes Aufsehen, als vor einer Duisburger Pizzeria bei einem Racheakt sechs Menschen erschossen wurden. Täter und Opfer wurden verfeindeten Familien der "'Ndrangheta" zugerechnet.

dpa>

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n-tv online,
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15.3.2011: Aufnahmeritual: einen Mord begehen - Wechselritual: ein eigenes Familienmitglied umbringen

aus: n-tv online: Aufnahmerituale und Mordaufträge: Ex-Mafiaboss plaudert asu; 15.3.2011;
http://www.n-tv.de/panorama/Ex-Mafiaboss-plaudert-aus-article2851666.html

<Ein Mafiaenthüller interviewt einen ehemaligen Mafiaboss. Und dieser packt aus: über Morde als Aufnahmeritual und Deutschland als Waffenmarkt. Überhaupt könne man hier "prima arbeiten". Man dürfe halt nur nicht einen Deutschen umbringen.

[Mord an Drogendealern und Drogenkurieren als "Aufnahmeritual" der Camorra - Wechsel der Mafiagang mit einem Mord an einem Familienmitglied]

Die italienische Mafia pflegt nach Angaben eines ihrer ehemaligen Bosse brutale Aufnahmerituale. Jeder, der in die engeren Zirkel der Camorra aufgenommen werden will, müsse einen Mord begehen, berichtet , bis 2003 einer der führenden Bosse der Camorra in Neapel, im "Zeit-Magazin". "Wir sind zur Nummer eins geworden, weil wir uns durch nichts haben aufhalten lassen", sagte Prestieri dem "Zeit"-Autor Roberto Saviano, der ihn heimlich unter Polizeischutz sprechen konnte. "Wir hatten vor nichts Angst."

Für die Feuertaufen wähle der Clan häufig ein leichtes Ziel, etwa einen ahnungslosen und unbewaffneten Dealer. So habe auch der Sohn des "Scissionisti"-Bosses Raffaele Abbinante auf Befehl seines Vaters ohne weiteren Grund einen Drogenkurier erschossen. Härtere Aufnahmeriten gebe es, wenn jemand zu einem konkurrierenden Clan wechseln wolle. "Du musst ein Mitglied deiner Familie umbringen", sagte Prestieri. "Erst dann wirst Du aufgenommen, denn so können sie sicher sein, dass Du sie nicht bescheißt."

"Deutschland war Drogenabsatzland"

Deutschland sei für die Mafia vor allem ein erstklassiger Waffenmarkt. Seine Leute seien jahrelang in Deutschland unterwegs gewesen und würden das Land wie aus der Westentasche kennen, berichtete Prestieri. "Für uns war Deutschland Drogenabsatzland." Man dürfe nur nicht "zu viele Leute kaltmachen, vor allem keine Deutschen". Und wenn man nicht allzu sehr bei der Justiz "aneckt", könne man in Deutschland "prima arbeiten".

Prestieri selbst habe bis zu seiner Verhaftung 2003 keinen Menschen umgebracht, werde aber beschuldigt, 30 Morde veranlasst zu haben, schreibt Saviano, Autor des dokumentarischen Romans "Gomorrha". Prestieri war für den Clan von Paolo Di Lauro tätig, einem Schwerverbrecher, der bis zu seiner Verhaftung 2005 einer der meistgesuchten Camorra-Chefs Italiens war.

Roberto Saviano erhält selbst Morddrohungen von der Mafia und lebt permanent unter Personenschutz.

dpa>

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20 minuten online,
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26.3.2011: Japans Mafia profiliert sich in Erdbebengebieten

aus: 20 minuten online: Desaster in Japan: Japans Mafia profiliert sich in der Katastrophe; 26.3.2011;
http://www.20min.ch/news/dossier/japanbeben/story/22412911

<von Antonio Fumagalli -

In Krisenzeiten macht die japanische Yakuza auch noch anderes als erpressen, betrügen und einschüchtern: Sie verteilt Hilfsgüter an die notleidende Bevölkerung.

Nach dem verheerenden Erdbeben in Japan werden Hilfsgüter an die betroffene Bevölkerung verteilt. Gut möglich, dass sich darunter auch Lieferungen von der Yakuza befinden.

Nach dem verheerenden Erdstoss, der Japan tiefgreifend verändert und die Welt erschüttert hat, vergingen nur Stunden, bis die Mafia in Aktion trat: Die Inagawa-kai, eine der einflussreichsten Banden im Land der aufgehenden Sonne, schickte 25 Lastwagen ins Erdbebengebiet in der Region Tohuku. Deren Ladung: Papierwindeln, Taschenlampen und jede Menge Getränke und Esswaren. Auch das mächtigste Syndikat Yamaguchi-gumi versorgt derzeit die notleidende Bevölkerung mit dem Nötigsten – ohne sich vor radioaktiver Strahlung zu fürchten. «In Krisenzeiten nimmt die Yakuza, wie die Mafia in Japan genannt wird, auch stets eine humanitäre Rolle ein», sagt Jake Adelstein, intimer Kenner des organisierten Verbrechens in Japan gegenüber 20 Minuten Online.

Das war 1995 nicht anders: Beim desaströsen Erdbeben von Kobe waren die Yakuza-Mitglieder die Ersten, die den Überlebenden Decken und Lebensmittel verteilt und dafür gesorgt haben, dass Plünderungen weitgehend ausblieben. Der Staat versagte dagegen auf der ganzen Linie: Dringend benötigte Güter kamen erst mit tagelanger Verspätung im Krisengebiet an, Notunterkünfte wurden gar nicht erst bereitgestellt.

Mafiosi mit Visitenkarten

Um die Rolle der Yakuza als Krisenmanagerin zu verstehen, muss man den Hintergrund des organisierten Verbrechens in Japan kennen. Anders als in unseren Breitengraden operiert die Mafia nicht im Untergrund, die blosse Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation ist denn auch nicht strafbar. Die verschiedenen Yakuza-Gruppen haben ihre Hauptquartiere ganz offiziell in gläsernen Bürokomplexen und ihre Mitglieder – in ganz Japan seit Jahrzehnten ziemlich konstant rund
80 000 Personen – weisen sich schon mal mit Visitenkarten aus. Sechs regelmässig erscheinende Fan-Zeitschriften geben ihnen gar eine Plattform, sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Entsprechend gross ist die gesellschaftliche Akzeptanz der Yakuza. Seit Beginn der Neunzigerjahre gehen die Behörden zwar repressiver gegen sie vor, in der öffentlichen Auffassung ist sie aber noch immer ein notwendiges Übel, um die Kriminalitätsrate niedrig zu halten. «Die Yakuza spielt bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung eine wichtige Rolle», sagt Adelstein. Bezeichnend sei beispielsweise der Staatsbesuch von US-Präsident Obama im vergangenen November gewesen: Damals habe die Polizei alle lokalen Mafia-Bosse kontaktiert und sie angehalten, sich ruhig zu verhalten und Probleme zu verhindern. So lange sie nicht im grossen Stil negativ auffalle, habe der Staat also durchaus ein Interesse an einer intakten Struktur der Yakuza. «Zudem gibt es nicht genügend Kapazitäten, um zehntausende Mitglieder in Gefängnisse zu stecken», so Adelstein.

Kriminelle Machenschaften

Bei aller Philanthropie in Krisenzeiten: Die Yakuza darf nicht verklärt werden. Sie verdient ihren Unterhalt mit Erpressungen, illegalen Finanztransaktionen, Schutzgeldeintreibungen, Prostitution und Glückspielen – also durchaus auch Geld, das sie dem «kleinen Mann» abknöpft. Umso zynischer scheint es, wenn sie nun dem notleidenden Volk einen Teil zurückgibt. Geht es also letztendlich um Werbung in eigener Sache? «Das kann ich mir nicht vorstellen. Wenn es eine PR-Aktion sein sollte, dann ist sie miserabel ausgeführt», so Adelstein. Ein ihm persönlich bekanntes Mafia-Mitglied habe erzählt, dass sie sich bewusst nicht zu erkennen gäben, damit die Hilfe nicht von den Behörden zurückgehalten werde. Ein anderer hat ihm gesagt: «Derzeit gibt es keine Yakuza-Mitglieder, keine Normalbürger und keine Ausländer. In diesen schweren Zeiten sind wir alle Japaner.»

Ob aus Nächstenliebe oder durchtriebenem Geschäftssinn – die Hilfslieferungen scheinen die Not der betroffenen Bevölkerung auf jeden Fall zu lindern. Sie ist gar so effizient, dass Jake Adelstein seinen persönlichen Beitrag in die Hände der Yakuza gegeben hat, anstatt die offiziellen Kanäle zu benutzen: «Ich habe einem Yakuza-Mitglied zwei Kisten mit Hilfsgütern aller Art überbracht. Da weiss ich, dass sie sicher ankommen.»

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20 minuten online,
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29.3.2011: <Mafia: Berüchtigter Camorra-Boss gefasst> - Carmine Morelli aus Neapel

aus: 20 minuten online, 29.3.2011;
http://www.20min.ch/news/kreuz_und_quer/story/16826962

<In Italien ist einer der gefährlichsten Mafiabosse festgenommen worden. Mit ihm wurden weitere vier Personen verhaftet.

Der langgesuchte Carmine Morelli, Mitglied des Casalesi-Clans, eine als besonders gefährlich eingestufte Gruppe der neapolitanischen Camorra, wurde in einer Wohnung unweit von Neapel verhaftet, berichtete die Polizei am Dienstag.

Mit ihm wurden weitere vier Personen festgenommen. Morelli wird beschuldigt, aus Strafe wegen einer internen Rivalität drei Mitglieder des Casalesi-Clans erschossen zu haben.

Der 33-Jährige, der seit Jahren auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher stand, versteckte sich in einem kleinen Hohlraum in der Wand eines Hauses in Santa Maria Capua a Vetere. Morellis Festnahme sei ein grosser Erfolg und ein schwerer Schlag gegen die Camorra, kommentierte die Polizei in einer Presseaussendung.

Der Casalesi-Clan soll für zahlreiche Morde, Erpressungen und weitere illegale Aktionen verantwortlich sein. Wegen des dreifachen Mordes war im vergangenen Jahr bereits der Camorra-Boss Nicola Schiavone festgenommen worden.

(sda)>

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9.4.2011: Italiens Mafia-Geschichte -

Petra Reski

(8) Drucken Bewerten Autor: Paul Badde| 09.04.2011

"Die Mafia passt sich jeder Gesellschaft perfekt an"

Seit Jahren erforscht die Schriftstellerin Petra Reski die Mafia. Diese Organisation ist, so Reski im Interview, leider ein Zukunftsmodell.

Die Schriftstellerin Petra Reski beschäftigte sich mit allen Facetten der Mafia – auch mit der Mafia in Deutschland. Mit ihrem Buch "Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern" geriet sie selbst ins Visier der Mafia, mit dem Ergebnis, dass das Buch auch in der zweiten Ausgabe nur mit geschwärzten Stellen erscheinen darf

"Alles, was ich über die Mafia weiß, verdanke ich Petra Reski", hat Donna Leon einmal gesagt, Venedigs prominenteste Ausländerin und erfolgreichste Krimiautorin. Das ist erstaunlich, denn auch Petra Reski, als Tochter einer "Flüchtlingsfamilie" im Ruhrgebiet geboren, ist Ausländerin. Seit 1989 schreibt sie über Italien – und immer wieder und immer profilierter über die Mafia. Reski lebt seit Jahrzehnten in Venedig, wo sie "den Italiener an ihrer Seite" schließlich auch geheiratet hat. Das Treffen mit der Dottoressa fand im brokatbespannten Ristorante "Antico Martini" statt, vor dem "Teatro La Fenice".

Welt Online: Sie sind witzig, können scharf beobachten, toll schreiben, sehen gut aus, wohnen in der schönsten Stadt der Welt. Wieso lässt gerade Sie die Mafia nicht los?

Petra Reski: Mich hatte schon früh Mario Puzos „Pate“ fasziniert. Ich komme selbst aus einer großen ostpreußisch-schlesischen Familie, mit einer starken Großmutter und engem Familienzusammenhalt. Dieser Verband hat mich geprägt. Mein Vater war früh gestorben. Auch der gewisse Amoralismus solcher Familien ist mir nicht fremd. Mit 20 bin ich deshalb nach Corleone gefahren, und war enttäuscht, weil da nur alte Männer mit Schlägermützen am Straßenrand saßen. 1989 wurde ich dann für eine Reportage nach Palermo geschickt. Seitdem hat meine Beschäftigung mit der Mafia nie mehr aufgehört.

Welt Online: Sie nennen die Mafia „einen Planeten“. Klingt gut. Was ist sie wirklich?

Reski: Kein Fremdkörper. Das ist das Wichtigste. Die Mafia ist eine verbrecherische Gesellschaft in der Gesellschaft, die konsequent alle Räume ausnutzt, die ihr geboten werden. Dafür braucht die Mafia immer viele Helfer und Helfershelfer.

[Italiens Mafia-Geschichte]

Welt Online: Wechselnde Kolonialherren – die Griechen, Karthager, Byzantiner, Araber, Normannen, Staufer oder Spanier – haben gerade Sizilien eine sehr verfeinerte Kultur beschert. Ist diese Vorgeschichte auch für die Verfeinerung der Verbrechenskultur verantwortlich?

Reski: Indirekt, doch nicht ursächlich. Tatsächlich hat sich die Mafia in der Zeit, die Sizilien unter Fremdherrschaft verbrachte, entwickelt. Als keine eigene zentralstaatliche Macht vorhanden war. Das hat lange gedauert. Mussolini, der keine Gewalt neben sich dulden konnte, hat sie bekämpft, aber nicht besiegt. Nach den Faschisten kamen mit den Alliierten wieder Mafiosi in ihre Heimat zurück, die in Amerika Karriere gemacht hatten. Schon in den 20-er Jahren hatte die Mafia sich mit den Emigranten global ausgebreitet.

Welt Online: Warum hat Italiens Nationalstaat, der für seine Entstehung sogar den Kirchenstaat aufgelöst hat, vor 150 Jahren nicht auch die Mafia in die Knie gezwungen?

Reski: Die Piemonteser, die die Einigung vor allem betrieben, hatten noch gar keine Ahnung von der Existenz und den Strukturen der Mafia – im Gegensatz zu ihrer Wahrnehmung des Kirchenstaats, der Italiens Einigung im Herzen der Halbinsel ja blockierte.

Welt Online: „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele“, heißt es bei Goethe, „hier erst ist der Schlüssel zu allem.“ Damals gehörte die Insel noch zum „Königreich Neapel“. Ist Sizilien die Seele Italiens?

Reski: Das, was sich in Sizilien entwickelt hat, sitzt inzwischen in ganz Italien wie ein Schwamm in der Mauer, erst recht seit dem Zusammenbruch des alten italienischen Parteiensystems vor 17. Jahren. Da gibt es viele Entwicklungen, für die Sizilien zum Modell wurde, zuerst für Italien und schließlich für ganz Europa.

Welt Online: Von Berlusconis Kontakten zur Mafia ist viel berichtet worden. Warum kam es aber unter Romano Prodi zu diesem gewaltigen Straferlass für inhaftierte Mafiosi?

Reski: Alle linken Regierungen haben sich genauso mit der Mafia arrangiert wie Berlusconi. Da machte Prodi keine Ausnahme. Seine Nominierung Mario Mastellas zum Justizminister war natürlich ein Signal. Denn Mastella war jemand, der schon zuvor als Trauzeuge auf einer Mafia-Hochzeit aufgefallen war. Jede italienische Partei hat versucht, sich mit der Mafia zu arrangieren – wenn sie an der Macht war.

Welt Online: Wie ist die Mafia sonst noch identifizierbar außer auf Hochzeitsfotos?

Reski: Es ist ihr großer Geschäftsvorteil, dass sie sich an jede Gesellschaft, in der sie lebt, perfekt und geräuschlos anpasst. Sie benimmt sich in Erfurt also nicht wie in Süditalien. In San Lucca in Kalabrien durchsieben sie mit Maschinenpistolen die Müllcontainer, um zu zeigen, dass sie da machen können, was sie wollen. Wenn sie das in Duisburg machen würden, wären sie blöd. In Deutschland sind Mafiosi deshalb die ersten, die sagen „Mafia in Deutschland? Das würden die Deutschen doch sofort bekämpfen!“ Das hören Deutsche natürlich sehr gerne. Die wissen genau, wie sie sich da bewegen müssen. Und Morde sind überhaupt ganz, ganz selten, eigentlich eher als Betriebsunfall. Morde stören das geräuschlose Geschäft. Morde sind unprofitabel.

[Italienische Ex-Mafia-Führer: Vitale landet in der Psychiatrie und wird dann umgebracht - Brusca, Spatuzza etc.]

Welt Online: Trotzdem haben Sie etliche Mörder kennen gelernt. Einen von ihnen zitieren sie so: „Früher, als Mörder, ging ich entspannt in die Kirche. Jetzt, als Abtrünniger, kann ich kaum noch beten.“ Wie erklären Sie das?

Reski: Es gibt Mafiosi in mystischen Krisen. Zum Beispiel Leonardo Vitale. Das war ein Mafioso, der noch vor der Zeit der Abtrünnigen zur Polizei ging und sagte, er könne das nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. Dem hat keiner geglaubt. Der wurde in die Psychiatrie eingeliefert. Da war er über 10 Jahre. Die einzigen, die ihm glaubten, waren Mafiosi. Die haben ihn sofort umgebracht, als er aus dem Hospital raus kam.

Welt Online: Er hatte Schuldgefühle und kam dafür in die Psychiatrie?

Reski: Ja. Viele Abtrünnige haben mir Ähnliches erzählt. Auch Emmanuele Brusca …

Welt Online: … der „mehr als 150 und weniger als 200“ umgebracht hatte?

Reski: Ja. Und auch Gaspare Spatuzza, der an dem Attentat auf Staatsanwalt Borsalino beteiligt war und einen Jungen umgebracht hat …

Welt Online: … der Mörder mit der Salzsäure?

Reski: Genau der. Er sei gläubig geworden, hat er der Staatsanwaltschaft als Motiv seiner Kehrtwendung gesagt. Es gibt einige, die sich als geläutert betrachten. In die Seele eines Menschen kann keiner schauen.

[Italiens Frauen stellen sich an die Seite der Mafia, um die Familie zu "erhalten" - die Frauen tragen die Mafia-Kultur]

Welt Online: Sie erzählen einmal von dem Fall, wo eine Mutter ihren von der Mafia abtrünnig gewordenen Sohn dessen Bruder zuführt, damit der ihn erwürgt. Sie verlässt dann nur das Zimmer, um diesen Mord nicht anzusehen. Wie ist das fassbar?

Reski: Frauen sind – zuerst einmal – nicht besser als Männer. Doch ihnen liegt der Erhalt der Familie am Herzen. Egal, wie. Wenn der Reichtum, die gesellschaftliche Stellung, das Wohlergehen von der Mafia abhängen, dann steht die Frau auf der Seite der Mafia. Die Mafia hat also zwei Teile, das sind Männer und das sind Frauen. Doch die Frauen sind die eigentlichen Trägerinnen der Mafia-Kultur. Sie übertragen die auch auf die Kinder.

[Italienische Mafia: Leute zu ermorden ist ein "rein technisches Problem" - im Dienst eines "höheren Ziels"]

Welt Online: Es gibt in der katholischen Kirche den Begriff vom Mysterium Inequitatis, vom Geheimnis des Bösen. Was verstehen Sie heute von diesem Geheimnis?

Reski: Ich würde eher – mit Hannah Arendt – von der Banalität des Bösen reden, der ich auf die Spur gekommen bin. Ein Mafioso hat mir erzählt, dass es besonders schwerfalle, jemanden umzubringen, wenn man ihn kennt. Das ist in der Essenz alles, was darüber gesagt werden kann. Das Morden selbst begreifen sie als rein technisches Problem. Das ist für die überhaupt kein Problem. Denn sie reden sich ja ein, sie würden nicht aus eigenem Antrieb morden, sondern im Dienst eines höheren Ziels – wie Soldaten.

[Chinesische, russische und albanische Mafia - die italienische Mafia merkt, dass Morde "geschäftsschädigend und unrentabel" sind - Italiens Mafiosi im EU-Parlament]

Welt Online: Aber ist die Mafia nicht inzwischen schon fast eine ehrenwerte Gesellschaft gegen die chinesische, die russische, die albanische Mafia. Was sind die Unterschiede?

Reski: Die italienische Mafia hat einen enormen Entwicklungsvorsprung. Chinesen sieht außerdem jeder an, dass sie Chinesen sind. Und bei den Russen war es in den letzten Jahren so, dass die sich sehr holzschnittartig benommen haben, mit vielen Morden, wodurch sie auch aufgefallen sind. Das sind Fehler, die die italienische Mafia schon lange nicht mehr macht. Hier wurde zuerst begriffen, dass Morde geschäftsschädigend und unrentabler sind als ihre geschmeidigeren neuen Methoden, bei denen sie viel mehr verdienen. Darum sitzen ihre Repräsentanten nicht nur im nationalen, sondern auch im europäischen Parlament. Bislang lernen noch all diese Organisationen von der Vorarbeit der Italiener.

[Deutschlands Gesetzeslücken machen Deutschland für die Mafia attraktiv - "Berlusconis Traum" - keine Beschlagnahmungen]

Welt Online: Was macht Deutschland denn so besonders knusprig für die Mafia?

Reski: Eine Reihe von Gesetzeslücken. Geldwäsche ist das größte Geschäftsfeld der Mafia. Da ist Deutschland ein Paradies, wo nicht der Investor nachweisen muss, woher sein Geld kommt. Das muss hier die Polizei machen – was sich in der Regel darauf reduziert, dass sie durch eine gefälschte Urkunde erfährt, dass das Geld die Erbschaft eines Onkels aus Kalabrien ist. Zweitens fühlen sich Mafiosi in Deutschland sehr wohl, weil sie hier nicht abgehört werden. Das deutsche Abhörgesetz entspricht darum auch Berlusconis Traum. Außerdem ist in Deutschland die Mafia-Zugehörigkeit kein Straftatbestand wie in Italien. Deshalb kann man hier ihre Güter nicht beschlagnahmen.

[Islamismus wird in Deutschland gefährlicher eingestuft als die Italo-Mafia]

Welt Online: Warum alarmieren diese Zusammenhänge die deutsche Öffentlichkeit nicht?

Reski: Weil die Politik nicht daran interessiert ist. Hier hat der Terrorismus Vorrang. Der bärtige Islamist eignet sich ja auch viel besser als Feindbild als der Italiener mit besten Manieren, der dir am Ende noch einen Grappa auf den Tisch stellt. Und weil fast jeder Deutsche einen Wohnungseinbruch als bedrohlicher empfindet als die Geldwäsche.

[Die Geldwäsche bedroht die gesamte Gesellschaft - das Thema "Geldwäsche" ist noch nicht beunruhigend]

Welt Online: Ich auch. Ist es nicht bedrohlicher?

Reski: Unter Geldwäsche kann sich keiner was vorstellen. Geldwäsche ist aber für die ganze Gesellschaft bedrohlich, mit Auswirkungen auf jeden. Darüber wird die Wirtschaftsdemokratie ausgehebelt. Denn keiner kann ja wirklich konkurrieren mit den Phantasiesummen von schmutzigem Geld, die ein Mafioso investiert in Einkaufszentren in Dresden, in Leipzig, in München. In Hotels. Im Gaststättengewerbe. Im Baugewerbe. So lange Politiker in Deutschland aber den Eindruck haben, dass das keinen wirklich beunruhigt, sagt er sich, warum soll ich mich für ein Thema engagieren, das mir keine Wählerstimmen bringt, bei steigender Gefahr für die ganze Gesellschaft.

[Italiens Antimafia-Bewegung kämpft weiter]

Welt Online: Wie erklären Sie denn den Mut, mit dem in Italien immer noch gegen die Mafia vorgegangen wird, oft unter Lebensgefahr?

Reski: Das ist einfach unerklärlich und unvergleichlich. Auch dass es keine Resignation gibt in Italien, trotz alledem. Man kann nicht sagen, dass die Antimafia-Bewegung gesiegt hätte, ganz im Gegenteil. Aber viele Italiener zeigen weiterhin enormen Mut und Leidenschaft, unter Todesverachtung für ihre Demokratie zu kämpfen. Das möchte ich erst einmal sehen in einem anderen europäischen Land.

[Die Mafia nutzt die Globalisierung und Digitalisierung für sich aus und wird weiter wachsen]

Welt Online: Wird die Mafia im Informations-Zeitalter nicht dennoch ein Auslaufmodell?

Reski: Um Himmelswillen: nein! Sie ist ein Zukunftsprojekt! Die kennen hier etwas, was noch auf die ganze Welt zukommt. Die Mafia ist immer jeder Entwicklung einen Schritt voraus. Das sagt Ihnen hier auch jeder Staatsanwalt. Wir laufen immer hinterher. Es gab selten Zeiten, wo es anders war, etwa zur Zeit des Staatsanwalts Falcone, der 1992 dafür mit seinem Leben bezahlt hat. Da waren sie sozusagen zeitgleich mit den Ermittlungen. Aber in der Regel ist die Mafia die erste, die die Chancen für sich wittert und umsetzt, die die Globalisierung für sich nutzt, die Digitalisierung, überhaupt jede neue Entwicklung. Deshalb bleibt die Mafia leider ein Zukunftsmodell. Absolut.

"Von Kamen nach Corleone: Die Mafia in Deutschland", Hoffmann und Kampe, ab 20 Euro>

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Welt online,
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17.4.2011: Die Mafia hat sich Bayern "aufgeteilt" - italienische und osteuropäische Mafiagruppen

aus: Welt online: So haben die Mafia-Clans Bayern unter sich aufgeteilt; 17.4.2011;
http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article13196320/So-haben-die-Mafia-Clans-Bayern-unter-sich-aufgeteilt.html

<Die italienische Mafia hat im Freistaat Konkurrenz bekommen: Immer mehr Banden aus Osteuropa machen sich breit. Und die haben ihren eigenen Ehrenkodex.

Schwerer Bandendiebstahl in Tateinheit mit der Bildung krimineller Vereinigungen, das wirft die Staatsanwaltschaft Kempten mutmaßlichen Mitgliedern der georgischen Mafia in Bayern vor. "Die Mitglieder der Vereinigung bestritten ihren Unterhalt aus organisiert durchgeführten Ladendiebstählen, wobei im Fokus der Diebe hochwertige Gegenstände des täglichen Gebrauchs wie Zigaretten, teure Drogerieartikel, Spirituosen, Designerkleidung und Gebrauchselektronik standen", heißt es in der Anklageschrift. Im Verfahrenskomplex "Operation Java" wurde bisher gegen insgesamt 18 Personen Anklage erhoben.

Es ist einer der größten sogenannten Mafia-Prozesse in Bayern in den vergangenen Jahren. Und er wirft ein Licht auf die Existenz organisierter Kriminalität in Bayern, deren Schwerpunkt schon längst nicht mehr das "Original", die italienische Mafia in ihren verschiedenen Ausprägungen, bildet. Heute kommen Mafia-Gruppen aus der ganzen Welt. "Im Moment liegt unser Fokus auf Osteuropa", sagt Gunther Schatz, Gruppenleiter organisierte Kriminalität bei der Staatsanwaltschaft Kempten.

Ermittlungen unter dem Codenamen "Orjol"

Am 2. Mai soll vor der Staatsschutzkammer des Landgerichts München auch die Hauptverhandlung gegen einen 27-jährigen Georgier eröffnet werden. Er soll der mutmaßliche Rädelsführer und Deutschland-Chef der georgischen Mafia sein, in deren Auftrag bis zu 1000 Kleinkriminelle Diebstähle begingen. Die Beute wurde an Hehler verkauft und der Erlös soll an den Europa-Chef der Bande in Barcelona weitergeleitet worden sein.

Vergangene Woche verkündeten Staatsanwaltschaft Kempten und bayerische Polizei die Zerschlagung einer russischen Mafiagruppe, die nach zweijährigen Ermittlungen unter dem Codenamen "Orjol" zur Verhaftung von 39 Männern führte. Unter anderem stellten die Fahnder dabei fünf Kilo Heroin sicher.

Mafiaähnliche Banden aus der ehemaligen Sowjetunion, deren Ursprung bis in die Arbeitslager Stalins zurückreicht, breiteten sich nach dem Zusammenbruch des Riesenreichs schnell weltweit aus. Die Oberhäupter der einzelnen Organisationen stammen dabei aus allen Teilrepubliken der ehemaligen Sowjetunion. Die Angehörigen der Organisation leben nach einem "Diebesgesetz", welches jedem Mitglied verbietet, staatliche Normen und Regeln zu beachten und mit Behörden, gleich welcher Art, zusammenzuarbeiten und einer regulären Arbeit nachzugehen. "Das ist eine abgeschottete eigene Welt mit eigenen Regeln", so der Kemptener Staatsanwalt Schatz, "die gehen eher in das Gefängnis, bevor sie Reue zeigen."

Das "Engelsgesicht" packt aus

Seit 15 Jahren ist der schwäbische Staatsanwalt in Sachen organisierte Kriminalität tätig und die war lange Zeit nicht von Osteuropäern, sondern von der italienischen Mafia geprägt. Es schien, als sei das Allgäu zum bevorzugten Operationsgebiet des italienischen Kokainhandels geworden.

So verhafteten 1989 die Fahnder des Landeskriminalamtes in Kempten einen Gemüsehändler namens Salvatore Salamone, Chef eines Mafia-Clans. Er wurde 1991 nach Italien ausgeliefert und dort zu "lebenslänglich" verurteilt. Vier Jahre später stand in Kempten Vito di Stefano, Pizzabäcker und Restaurantbesitzer aus Memmingen, vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft glaubte mit ihm des Nachfolgers von Salamone habhaft geworden zu sein, die Anklageschrift gegen den 37-Jährigen lautete unter anderem auf Drogenhandel, Erpressung und Geldfälschung. 1998 verhaftete die Polizei in Kempten Giorgio Basile, der als Profi-Killer der italienischen Mafia-Organisation "N'drangheta" Dutzende Auftrags-Morde verübt haben soll. Der Sohn eines Gastarbeiters aus dem Ruhrgebiet mit dem Spitznahmen "Engelsgesicht" wurde wochenlang von den Ermittlern vernommen. Schließlich packte er aus und wurde der erste Kronzeuge gegen die Mafia auf deutschem Boden.

2008 schließlich ging in Sonthofen unter dem Decknamen "Finale" eine dreijährige Fahndungsarbeit zu Ende. Seit dieser Zeit hatten die Ermittler die Pizzeria "Vulcano" in Sonthofen observiert, Telefone abgehört und Kontakt zu Informanten gepflegt. Die Pizzeria habe dem Drogengeschäft der Mafia als Stützpunkt zwischen Italien und Belgien gedient, so die Polizei, die beiden Hauptverdächtigen wurden in ihrer italienischen Heimat verhaftet.

Die Mafia aus Osteuropa hat einen speziellen Ehrenkodex

"Heute sind die Strukturen von damals zerschlagen", schätzt Schatz die derzeitige Lage ein. Doch das Grundgeflecht aus familiären Beziehungen bleibe bestehen. "Nach Fahndungserfolgen ist zunächst einmal Ruhe, dann gehen alle zunächst in Deckung", so der Staatsanwalt. Keine Entwarnung also.

Zu den Fahndungserfolgen trägt neben den zehn Polizeipräsidien im Freistaat auch das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) bei, wo sich 40 Beamte im Sachgebiet organisierte Kriminalität ausschließlich mit der Bekämpfung mafiöser Gruppen beschäftigen.

Drei bis vier Verfahren zur Bandenkriminalität sind beim LKA pro Jahr anhängig, sagt Sachgebietsleiter Mario Huber. Die Ermittlungsverfahren sind in der Regel eher langwierig und bestehen aus dem Gewinnen, Sammeln und Auswerten von Informationen. Aber: "Nur eine Pizzeria von außen beobachten, reicht nicht", erläutert Huber. Denn die ins Visier des LKA genommenen kriminellen Gruppen würden sich abschotten, sich am Telefon nur mit Codes unterhalten und alles tun, um einer vermuteten Überwachung zu entgehen.

Bayern, so der Sachgebietsleiter, habe dabei ein spezielles Profil, was die organisierte Kriminalität angehe. Dazu gehört, dass der Freistaat traditionell zum Einsatzgebiet der italienischen Mafia gehöre. Dies begann in den 50er-Jahren mit der damaligen Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Süden. Denn mit den Familien seien auch die mafiösen Strukturen mit nach Bayern gekommen. "Die Blutsverwandtschaft", so LKA-Spezialist Huber, "hat dabei eine große Rolle gespielt."

Ganz anders als bei Banden aus dem östlichen Raum, die sich durch ihren speziellen Ehrenkodex und spezielle Regeln auszeichnen.

Charakteristisch für Bayern sei auch die Existenz von Gangs aus Albanien, die im Freistaat eine entscheidende Rolle im Drogengeschäft spielen.

Dagegen träten kurdische Familienclans, anders als etwa in Berlin, hier kaum in Erscheinung.

Wenig auffällig seien auch chinesische Gangs, hier gehe es vor allem um die Schleusung von Arbeitskräften, um illegale Beschäftigung und um Menschenhandel.

Die Behörden-Blockade in Georgien

Bei der Bildung einer kriminellen Vereinigung bedarf es übrigens keiner weiteren Straftat, um angeklagt zu werden. Allein die Mitgliedschaft ist in Deutschland strafbar und kann mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug geahndet werden. Bei der sogenannten Rädelsführerschaft besteht ein Strafrahmen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

So unterschiedlich sich die verschiedenen kriminellen Banden geben, so unterschiedlich ist auch die Zusammenarbeit der bayerischen Polizei mit den Behörden der Herkunftsländer. "Bei Italien ist der persönliche Kontakt sehr wichtig", weiß Staatsanwalt Schatz aus Kempten. Denn über den Postweg sei es eher schwer, aktuelle Informationen von den italienischen Behörden zu bekommen. Ganz hervorragend sei die Zusammenarbeit mit der Polizei in den östlichen EU-Staaten wie Polen, Ungarn oder Tschechien. Weiter nach Osten werde es hingegen schwierig: "Mit Russland haben wir praktisch keine Zusammenarbeit", sagt Ermittler Schatz. Von Georgien ganz zu schweigen.>

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Basler Zeitung
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Spionage 3.5.2011: Facebook ist eine erstklassige Spionagemaschine für die Geheimdienst-Mafia

aus: Basler Zeitung online: "Die fürchterlichste Spionagemaschine"; 3.5.2011;
http://bazonline.ch/digital/internet/Die-fuerchterlichste-Spionagemaschine/story/11409316

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<Wikileaks-Gründer Julian Assange erhebt in einem Interview mit «Russia Today» schwere Vorwürfe gegen Facebook.

«Kompletteste Angaben über Menschen, ihre Beziehungen, Namen, Adressen und Aufenthaltsorte»: Julian Assange im Interview.
Quelle: Youtube

<Julian Assange ist Verschwörungstheorien nicht abgeneigt – das weiss man seit längerem. Mal sieht er sich von der Zeitung «Guardian» verfolgt, mal von Feministinnen, mal von Juden. In einem Videointerview mit «Russia Today» legt der Wikileaks-Gründer nach. «Facebook ist die fürchterlichste Spionagemaschine, die jemals erfunden wurde», so der 39-Jährige gegenüber der Journalistin Laura Emmett. Dort gäbe es die «komplettesten Angaben über Menschen, ihre Beziehungen, Namen, Adressen und Aufenthaltsorte».

«Schnittstellen für Geheimdienste»

Diese Infos würden systematisch von Geheimdiensten ausgewertet. Mit einem speziellen Interface kämen diese Organisationen zu jeder Info, die für sie wertvoll erscheine. «Jeder sollte wissen, dass er, wenn er Freunde zu Facebook einlädt, Gratisarbeit für die US-Geheimdienste macht und diese Datenbank für sie aufbaut.» Assange ist überzeugt, dass auch die Suchmaschinen-Unternehmen Google und Yahoo entsprechende Schnittstellen eingebaut haben.

Facebook und Co. würden zwar nicht von der CIA betrieben. Es sei aber einfach so, dass «die US-Geheimdienste politischen und juristischen Druck» ausüben. Es sei für die Firmen «zu teuer, die Datensätze auszuhändigen, deshalb haben sie den Prozess automatisiert».

Warten auf die Auslieferung

Nachdem ein britischer Richter im Februar entschieden hatte, dass Julian Assange nach Schweden ausgeliefert werden kann, wartet der Australier auf seine Abschiebung. In Stockholm soll Assange Stellung nehmen zu Vorwürfen von zwei Frauen, die ihn der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung beschuldigen. Assange wehrt sich gegen die Anklage und spricht von politisch motivierter Verfolgung.

(rek)>

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Welt online,
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7.5.2011: <Jiddisch: Was die jüdische Mafia zum Tanzen brachte> - jüdische Mafia in New York

aus: Welt online; 7.5.2011;
http://www.welt.de/kultur/musik/article13356699/Was-die-juedische-Mafia-zum-Tanzen-brachte.html

<Autor: Hannes Stein

Eine ehrenwerte Gesellschaft: Paul Ricca, Salvatore Agoglia, Lucky Luciano, Meyer Lansky, John Senna, Harry Brown um 1932.

Der Soundtrack der "Kosher Nostra": Ein neues Album präsentiert die Lieblingssongs des organisierten Verbrechens in Amerika.

Die Geschichte des jüdischen Verbrechens in Amerika begann, so könnte man sagen, als eines Tages ein junger Rabauke, ein gewisser Majer Suchowlínski, auf die revolutionäre Idee kam, über die Grenzen des Judenviertels in der Lower East Side hinauszuschlendern und zu den Einwanderern aus Italien hinüberzuspazieren. „Hey, was willst du hier?“, riefen ihm die Italiener nach erfolgter Grenzüberschreitung zu. „Du hast hier nichts zu suchen.“ Die Antwort von Majer Suchowlínski (aus historischen Quellen verbürgt) lautete: „Fick deine Mutter.“ Naturgemäß trug ihm das Schläge ein, als Dreingabe erntete er aber den Respekt der Italiener.

Mit einem von ihnen, einem Sizilianer namens Salvatore Lucania, verband ihn hinterher eine lebenslange Freundschaft. Als die italienische Mafia draufkam, dass dieser Typ mit einem Juden zusammenarbeitete, fand sie das gar nicht witzig: Die schweren Jungs schlugen ihn grün und blau, außerdem schnitten sie ihm ein bisschen die Kehle durch.

Monk Eastman zeichnete sich im Krieg aus

Danach hatte er eine Narbe, und ein Auge hing ein wenig. Fortan trug er den Spitznamen „Lucky Luciano“. Sein Partner in krummen Geschäften aller Art aber wurde längst nicht mehr Majer Suchowlínski genannt. Er hatte seinen Namen zu „Meyer Lansky“ amerikanisiert.

Wenn wir sagen, dass die Geschichte des amerikanischen Verbrechens mit Lucky Luciano und Mayer Lansky begann, ist das freilich halb gemogelt. Schließlich klammerten diese beiden sich noch an die Rockschöße ihrer jeweiligen Mütter, als etwa der legendäre (und äußerst brutale) Monk Eastman sein Unwesen trieb, ein jüdischer Gangster, der sich als Held im Ersten Weltkrieg auszeichnete.

Sie waren auch noch sehr jung, als Arnold „The Brain“ Rothstein – dessen Bruder Rabbiner war – mit Hilfe von illegalen Glücksspielen und kriminellen Schummeleien Millionen scheffelte. Louis „Lepke“ Buchalter hatte längst die „Murder Inc.“ organisiert, als Meyer Lansky und Lucky Luciano auftauchten – eine Bande von jüdischen, irischen und italienischen Verbrechern, die pro Mord rund 5000 Dollar verdienten.

Der Beitrag von Meyer Lansky und Lucky Luciano bestand vor allem darin, dass sie das organisierte Verbrechen in Amerika so rational und methodisch wie eine Firma organisierten. In der Zeit der Prohibition schmuggelten die beiden Alkohol in großem Stil, außerdem betrieben sie Casinos. Ihr Freund Bugsy Siegel (eigentlich: Benjamin Siegelbaum) gründete die Glitzerstadt Las Vegas, wie wir sie heute kennen.

Geschichte einer gelungenen Assimilation

Leider warf Bugsy Siegels Casinohotel „Flamingo“ dann nicht so viel Gewinn ab, wie sich die Mafia erhofft hatte. Das ist ihm nicht gut bekommen: 1947 wurde Siegel von seinen Kumpanen ermordet, Meyer Lansky soll dem Mord an seinem Freund zugestimmt haben. Im Allgemeinen waren er und Lucky Luciano aber dagegen, allzu viele Leichen zu produzieren. Es war schlecht fürs Geschäft.

Die Geschichte der jüdischen Gangster in Amerika ist in ihrem Kern die Geschichte einer gelungenen Assimilation. Die Juden entdeckten, nachdem sie in der Neuen Welt angekommen waren, den Geschmack von Freiheit, Kapitalismus und Abenteuer; und eine Minderheit unter ihnen entdeckte die schmutzige Unterseite des Kapitalismus gleich mit.

Gewiss, auch in Europa hatte es jüdische Verbrecherbanden gegeben: Legendär war etwa die jüdische Unterwelt von Odessa, der Isaak Babel ein literarisches Denkmal gesetzt hatte. Aber Amerika bedeutete eben doch eine ganz neue Qualität: Hier musste man nicht befürchten, dass es einen Pogrom geben würde, hier hatte man es nicht mit Kosakentruppen zu tun, sondern mit der Polizei – und die war bestechlich.

Die Beziehungen der jüdischen Gemeinschaft zu den wenigen jüdischen Verbrechern waren durchaus zwiespältig. Jiddische Zeitungen wie der „Forwerts“ in New York druckten zornige Kapitel gegen die Verbrecher, die kein Mitleid kannten und jüdische Mädchen auf den Strich schickten. Man schämte sich dieser Leute, man hatte Angst vor ihnen. Die jüdischen Gangster wurden von ihren eigenen Familien geschnitten.

Die Gangster verstanden sich als Beschützer

Gleichzeitig waren die anderen Juden gelegentlich aber doch halb froh, dass es diese Verbrecher gab. Die jüdischen Gangster verstanden sich nämlich auch als Beschützer, als große Brüder. Meyer Lansky etwa schickte seine Schläger in den Dreißigern nach Yorkville in Manhattan, damit sie dort eine Versammlung von deutschen Nazis aufmischen: Die Herrschaften sollten sich merken, dass man öffentlich nicht ungestraft antisemitische Töne spuckte.

Es gibt so etwas wie eine Tonspur zu diesem historischen Gangsterfilm. Wie die meisten Gewalttäter waren auch die jüdischen Kriminellen furchtbar sentimental. Sie weinten Rotz und Wasser, wenn eine Kappelle das Lied von der „jiddischen Mamme“ anstimmte, sie schwangen das Tanzbein, wenn eine Melodie aus der alten Heimat sich in Amerika plötzlich in einen Charleston verwandelte.

Viele Verbrecher der älteren Generation sprachen nur sehr schlecht Englisch; sie verständigten sich auch in Amerika lieber auf Jiddisch, also in jener Melange aus Mittelhochdeutsch, Polnisch und Hebräisch, die akkulturierte deutsche Juden oft verächtlich als „Jargon“ bezeichneten.

Der rumänische Deutsche Stefan Hantel, der sich „Shantel“ nennt, hat jetzt zusammen mit dem israelischen Künstler Oz Almog eine wunderbare CD herausgebracht. Sie heißt: „Koscher Nostra. Jewish Gangsters Greatest Hits“. Wer beim Zuhören die Augen schließt, kann sich dunkle Ecken in einem Speakeasy vorstellen, einer jener illegalen Kneipen, wo die Mafia Alkohol ausschenken ließ. Er kann sich in amerikanische Häfen versetzt fühlen, wo von der Mafia organisierte Gewerkschaftler heimlich Schiffe mit Waffen beluden, die Israel in seinem Unabhängigkeitskrieg brauchte.

Juden beeinflussten gar schwarze Musiker

Shantel hat echte Perlen aufgetrieben: etwa eine Version von „My Yiddishe Mamme“, die ausgerechnet von Tom Jones aufgenommen wurde. Als Jolson und die Andrew Sisters geben mit Verve den „Old Piano Roll Blues“, und Wilmot Houdini, der große Calypso-Künstler aus Trinidad, zeigt in „Black But Sweet“, dass die Juden in Amerika sogar schwarze Musiker beeinflussten.

Am aussagekräftigsten auf dieser CD ist aber vielleicht ein Song mit dem Refrain: „What can you mach? ´s is America. / Do in land, do putzt men sich asoj. / What can you mach? ´s is America. / Afile der jid hotn ponim mitn goj.“ Was soll man machen? Es ist Amerika. Hier in diesem Land zieht man sich eben so an, und sogar ein Jude hat dasselbe Gesicht wie der Goj.

Endlich jemand mit einem interessanten Beruf

Die Geschichte der jüdischen Gangster in Amerika dauerte nur wenige Generationen lang, dann war sie auch schon wieder zu Ende. Die jüdischen Verbrecher heirateten nicht untereinander. Sie begründeten – anders als die Italiener, anders auch als die Chinesen – keine Dynastien. Sie sorgten dafür, dass ihre Kinder auf anständige Colleges gingen, dass sie etwas lernten, dass sie den gesellschaftlichen Aufstieg schafften.

Heute kann der interessierte Tourist in der Lower East Side in Manhattan eine Tour auf den Spuren von Mayer Lansky und Co. machen – sie heißt: „Jewish Gangsters, Pimps and Nogoodniks“. Die meisten amerikanischen Juden, die einen Verbrecher in ihrer Familie wissen, verschweigen dies längst nicht mehr. Beinahe sind sie stolz darauf, dass es unter ihren Vorfahren außer Zahnärzten, Rechtsanwälten und Universitätsdozenten auch mal jemanden gegeben hat, der einen interessanten Beruf ausgeübt hat.

Oz Almog und Shantel: „Koscher Nostra. Jewish Gangsters Greatest Hits“ (Essay/Indigo)>

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n-tv online,
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Neapel 24.6.2011: Die Camorra-Mafia blockiert die Müllentsorgung von Neapel, um Wirtschaftswachstum in Neapel zu verhindern - die Müllabfuhr muss mit bewaffneter Eskorte fahren

aus: n-tv online: Kampf gegen die Camorra: Neapel bewaffnet die Müllabfuhr; 24.6.2011;
http://www.n-tv.de/politik/Neapel-bewaffnet-die-Muellabfuhr-article3653501.html

<Die Müllkrise im italienischen Neapel nimmt kein Ende. Abfälle türmen sich auf den Straßen, modriger Geruch macht sich breit, und die Mafia kassiert kräftig ab. Bürgermeister de Magistris lässt nun bewaffnete Wachen die Müllabfuhr begleiten, um der Mafia die Geschäfte zu verderben. Einwohner zünden derweil Müllberge an.

Die Müllkrise in Neapel spitzt sich weiter zu. In der Nacht mussten Feuerwehrleute mehrmals ausrücken, nachdem verärgerte Anwohner über 50 Abfallberge und Mülltonnen in Brand gesetzt hatten. Der neue Bürgermeister Luigi de Magistris kündigte an, dass künftig bewaffnete Wachleute die Müllwagen in der süditalienischen Millionenstadt am Vesuv eskortieren werden.

Dies sei nötig, weil organisierte Banden die Müllkrise weiter anheizen würden, sagte De Magistris bei der Unterzeichnung einer entsprechenden Verordnung, die für einen Monat gilt. "Die sanitäre und Umweltsituation ist ernst. Es gibt ein wahres Risiko für die Gesundheit der Bürger", fügte der erst seit wenigen Tagen amtierende Bürgermeister hinzu.

In einem Interview mit der Zeitung "La Repubblica" sagte De Magistris, verschiedene Kreise wünschten, dass Neapel "unter Müll begraben" bleibe - sei es aus politischen, sei es aus illegalen Interessen. Ein funktionierendes Abfallbeseitigungssystem würde Arbeitsplätze schaffen und der Wirtschaft helfen, was einigen nicht gefalle.

"Berlusconi schert sich einen Dreck"

Der Mafiaorganisation Camorra hatte De Magistris zuvor vorgeworfen, gegen die von ihm angestrebte "Umweltrevolution" Front zu machen. Diese soll die Gesetze zur Entsorgung und zum Recycling von Abfällen verschärfen und der Mafia damit eine Geschäftsgrundlage entziehen. Das Geschäft mit der Müllentsorgung ist eine der wichtigsten Einnahmequellen der neapolitanischen Camorra.

De Magistris, der von der oppositionellen Partei Italien der Werte (IdV) kommt, warf Regierungschef Silvio Berlusconi vor, bei der Müllkrise versagt zu haben. "Berlusconi hat mit seinem Handeln bewiesen, dass er sich einen Dreck um Neapel schert." De Magistris hatte Ende Mai die Bürgermeisterwahl in Neapel für sich entschieden und dabei den Kandidaten von Berlusconis Partei Volk der Freiheit (PdL) ausgestochen.

Der italienische Präsident Giorgio Napolitano hatte angesichts drohender Epidemien in Neapel ein dringendes Einschreiten der Regierung gefordert. Die Stadt bekommt ihre Müllentsorgung seit Jahren nicht in den Griff, Deponien und Wiederaufbereitungsanlagen sind überlastet. Zudem wehren sich zahlreiche Anwohner gegen die weitere Nutzung oder Vergrößerung der überfüllten Deponien. In den vergangenen Wochen hatten sich wieder hohe, in der Sommerhitze übelriechende Müllberge aufgetürmt. Im Mai rückte gar die Armee aus, um der Situation Herr zu werden.

AFP>

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Italien 5.8.2011: <200 Millionen Euro weg: Polizei beschlagnahmt Mafia-Häuser>

aus: 20 minuten online; 5.8.2011;
http://www.20min.ch/news/ausland/story/Polizei-beschlagnahmt-Mafia-Haeuser-15078764

<Die italienische Polizei geht weiter hart gegen die Mafia vor. In Kalabrien und Kampanien wurden Immobilien beschlagnahmt, in der Stadt Catanzaro Güter gepfändet.

Die italienische Polizei ist in zwei getrennten Aktionen gegen die Mafia der südlichen Regionen Kalabrien und Kampanien vorgegangen. Dabei wurde Firmen- und Immobilienbesitz im Wert von insgesamt 200 Millionen Euro beschlagnahmt.

In der Region Kampanien nahe der Stadt Neapel seien mehr als 60 Immobilien des inhaftierten Camorra-Bosses Salvatore Belforte im Wert von insgesamt 110 Millionen Euro eingezogen worden, teilten die Ermittler am Freitag in Neapel mit.

Der Belforte-Clan ist vor allem in der Stadt Caserta unweit von Neapel aktiv. Er gehört dem Clan der Casalesi an, der als die mächtigste und gewalttätigste Gruppierung der Camorra gilt.

Güter gepfändet

Bereits am Donnerstag hatte die italienische Finanzpolizei die Beschlagnahme des Besitzes dreier Unternehmer verkündet, die nahe der kalabrischen Stadt Catanzaro eine Mülldeponie betrieben und Steuern hinterzogen haben sollen.

Insgesamt seien Güter im Wert von 90 Millionen Euro gepfändet worden. Deponien in Süditalien sind häufig in der Hand der Mafia. Ermittelt wird demnach auch gegen drei Beamte der Umweltbehörde.

(sda)>

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20 minuten online,
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4.8.2011: Die Bankomatenmafia aus Bulgarien wird vom bulgarischen Staat geschützt - die Schwei bereitet Konsequenzen vor

aus: 20 minuten online: Skimming-Fälle: Bulgaren decken Mafia in der Schweiz; 4.8.2011;
http://www.20min.ch/finance/news/story/23711218

<von Lorenz Hanselmann
- Die bulgarische Mafia manipuliert Hunderte von Schweizer Bancomaten. Doch die bulgarische Polizei deckt die Skimmerbanden. Nun droht die Schweizer Politik damit, dem EU-Land den Geldhahn zuzudrehen.

Die Unsicherheit in der Schweiz wird immer grösser: Keiner scheint mehr vor den Bancomat-Betrügern sicher. 31 000 Bankkunden mussten alleine in diesem Jahr bereits ihre Karte wechseln (siehe Box). Hinter den so genannten Skimming-Attacken steckt die bulgarische Mafia: Von den 19 in diesem Jahr verhafteten so genannten Bancomat-Betrügern stammten mindestens 15 aus dem Balkanstaat. Erst am Wochenende gingen der Aargauer Polizei wieder zwei Bulgaren ins Netz (20 Minuten berichtete). «Wir glauben, dass die Betrüger im Heimatland geschult und dann in Gruppen zu uns geschickt werden», sagt Polizeisprecher Roland Pfister.

An die Bosse der Skimmer-Mafia kommt die Schweiz jedoch nicht heran. «Es sind in der Regel nur die kleinen Fische, die hier verhaftet werden», sagt der Nidwaldner Staatsanwalt Alexandre Vonwil. «Um die Hintermänner zu finden, ist eine gute internationale Zusammenarbeit das A und O.» Genau hier liegt jedoch das Problem: Hinter vorgehaltener Hand kritisieren mehrere Justizvertreter die miserable Zusammenarbeit mit den bulgarischen Behörden. Der deutsche Mafia-Kenner Jürgen Roth ist wenig überrascht: «In weiten Teilen Bulgariens sind Polizei und Mafia eng verflochten.»

Nun mischt sich die Politik ein: Jakob Büchler (CVP), Präsident der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats, will notfalls die 257 Millionen Franken, die die Schweiz an Rumänien und Bulgarien zahlen soll, einfrieren. «Wenn die Bulgaren nicht besser kooperieren, sollen sie auch kein Geld erhalten.» Er wird nun eine entsprechende Anfrage an Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey richten.

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Spiegel online,
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22.8.2011: <Tipps aus der Unterwelt: Was Manager von der Mafia lernen können>

aus: Spiegel online; 22.8.2011;
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,781418,00.html

<Von Marc Pitzke, New York

Louis Ferrante war Handlanger des Top-Mafioso John Gotti, achteinhalb Jahre verbrachte er im Knast. Seit der Entlassung schreibt er sich die dunkle Vergangenheit von der Seele - sein jüngstes Werk erscheint nun in Deutschland: Mafia-Ratschläge für ehrbare Unternehmer.

Es gab Zeiten, da war Louis Ferrante kein Mann, mit dem man zu tun haben wollte. "Ich war ein harter Kerl", sagt er. "Ich war ein gewalttätiger Kerl." Ganz zu schweigen von dem Rivalen, der irgendwie mal angeschossen wurde. "Aber darüber will ich nicht sprechen."

Denn sie sind längst vorbei, diese Zeiten. Heute ist Ferrante ein gewandelter Mensch, sagt er zumindest. Einer, der an Gott glaubt und an das Gute in anderen und sich selbst. Weshalb er auch mitten im Lunch aufsteht, um draußen die abgelaufene Parkuhr nachzufüllen: "Ich achte das Gesetz", sagt er ganz ohne Ironie.

Das war nicht immer so. Mafiosi mögen Parkuhren nachfüllen, aber sonst hält sich ihr Respekt vor der Justiz in Grenzen - bis es sie erwischt. Achteinhalb Jahre hat Ferrante gesessen, als Handlanger von John Gotti, dem legendären Gambino-Paten. Raubüberfall, Körperverletzung, Erpressung, Betrug: "Alles außer Mord", sagt er. "Das konnte ich nicht."

Ferrante, 42, hockt in einem Coffeeshop in Manhattan. Er hat ein Grilled-Cheese-Sandwich mit Tomate vor sich und ein schlichtes Glas Wasser. "Nein, danke", sagt er höflich zum Kellner, der ihm etwas Prickelnderes offeriert.

"Tough guy" von einst bleibt unverkennbar

Er achtet betont auf seine Manieren und sieht aus wie der nette Junge von nebenan: tailliertes Sommerhemd, Schnallenschuhe, Gel im Haar. Doch der "tough guy" von einst bleibt unverkennbar, trotz aller Kosmetik, schon dank des Akzents (Queens) und der Gestik (Italien). Und wenn ihm etwas besonders am Herzen liegt, wird er so laut, dass die anderen Gäste aufhorchen. Etwa, als er vom "Ehrenkodex" der Mafia spricht oder davon, wie er im Knast die Biografie Napoleon Bonapartes zu lieben lernte.

Wie der ist er nicht gerade groß, aber kräftig. "Short and bossy", hänselten sie ihn. Auf einem Zeitungsfoto, das ihn bei seiner Verhaftung zeigt, grinst er herausfordernd in die Kamera.

So grinst er immer noch, aber dahinter steckt nun eine Menge Lebenserfahrung, die er seither gesammelt hat, nicht unbedingt freiwillig. Im Gefängnis fand er den Herrn und seine Mission: Abbitte leisten, indem er anderen hilft. "Ich will Gutes tun", sagt der Ex-Mobster allen Ernstes.

[Die Mafia-Memoiren]

Dazu musste er sich aber, nachdem er wieder freigekommen war, erst mal die Vergangenheit von der Seele schreiben. "Unlocked" nannte er seine schonungslosen Memoiren - entriegelt, entbürdet, was auch für sein Gewissen galt. Er hielt Vorträge vor Jugendlichen, Studenten, Häftlingen. Und dann widmete er sich der eher praktischen Verwertung seiner Mafia-Kenntnis.

Die "besseren Seiten" der Mafia - [die zweiten Mafia-Memoiren: "Von der Mafia lernen" - die Geschäftsprinzipien]

"Von der Mafia lernen: Die Management-Geheimnisse der ehrenwerten Gesellschaft" heißt sein jüngstes Buch, das nun auch in Deutschland erschienen ist. Darin versucht Ferrante, die Führungsprinzipien der Cosa Nostra - minus der blutrünstigen Aspekte - in Erfolgsrezepte für jedermann zu verwandeln.

Das soll keine Rechtfertigung sein für sein altes Leben, mitnichten. Doch die Mafia, sagt Ferrante, habe bei allem Mord- und Totschlag auch "bessere Seiten" - allem voran einen ausgeprägten Geschäftssinn, den "sich alle Menschen zu eigen machen können". Warum leugnen, was seit Generationen funktioniert? "Lernen Sie von der Mafia, wenden Sie die Lektionen an, und der Erfolg ist Ihnen sicher."

Diese Lektionen wirken auf den ersten Blick banal, dürften dieser Tage aber auch der Wall Street gut zupass kommen. Respektiere die Befehlskette. Vertrau nicht jedem. Mach deinen Standpunkt unmissverständlich klar. Liebe, was du tust. Vermeide Gier. Beherrsche Netzwerke. Krempel die Ärmel hoch, "aber lass die Hose an".

Ein schwieriges Unterfangen, nicht nur moralisch - zwischen Killern und Kleinunternehmern liegen Welten. Das weiß auch Ferrante, der seine Untaten kaum verherrlicht, sondern nicht müde wird, ihre Verwerflichkeit zu betonen. Aber so unbescholten sei die "gesetzestreue Welt" nun auch nicht, wie er nach seiner Haftentlassung feststellte: "Schon bald traf ich in der honorigen Gesellschaft auf Arschlöcher, die weitaus schlimmer waren als viele Mafiosi, die ich kannte - die reinsten Wölfe im Schafspelz."

Mit zwölf begann er zu stehlen

Mit zwölf begann Ferrante zu stehlen, als Teenager betrieb er in Queens eine Autowerkstatt, in der er gestohlene Wagen ausweidete. Wenig später überfiel er seinen ersten Transporter, mit Anfang zwanzig führte er seine eigene Truppe innerhalb der Gambino-Familie: sechs, sieben Mann, die meisten Schläger und älter als er.

Die Mafia hatte ihn schnell angeworben, weil er als zuverlässig und verschwiegen galt - Werte, die auch einem unbescholtenen Geschäftsmann guttäten. Bald hatte Ferrante eine Crew, "meine Rohlinge". Sie klauten teure Lkw-Ladungen, schlugen Lokale zu Schrott, deren Besitzer aufmuckten, und landeten Raubüberfälle, von denen die Szene heute noch schwärmt.

Es war ein verqueres Leben, ein verqueres Denken, das sieht er inzwischen ein. Der "Ehrenkodex" der Mafia leuchtete ihm damals ein, gab ihm Halt in einer Gesellschaft, in der sich keiner um den anderen zu scheren schien.

Und dann verpfiff ihn der Onkel eines Freundes. "Uncle Jimmy" nennt Ferrante ihn in seinen Memoiren, doch sein wahrer Name war Billy, und Billy ist seitdem natürlich untergetaucht, Zeugenschutzprogramm. "Wir wussten nicht, dass er eine Ratte war." Wider Willen, das FBI hatte ihn unter Druck gesetzt: Entweder du oder Louis.

"Lieber Tod als Schmach"

Auch Ferrante bekam diesen Deal angeboten: Verrate uns deine Männer, sonst drohen dir 125 Jahre, lebenslang, ein Todesurteil also. Er blieb stumm und treu: "Lieber Tod als Schmach."

So landete er als Häftling Nr. 42365053 im Metropolitan Detention Center in Brooklyn, von wo aus er eine lange Odyssee durch einige der schlimmsten US-Haftanstalten antrat. Anfangs war das alles spaßig, "wir kamen uns vor wie Kriegsgefangene, die den Frieden abwarteten". Erst langsam wurde ihm der Ernst bewusst.

In seiner Verzweiflung begann er zu lesen. Besser gesagt: Er lernte zu lesen. Wort für Wort, Satz für Satz erweiterte er sein Vokabular, das zuvor nur aus einsilbigen Drohungen bestanden hatte. Sein Freund "Fat George" DiBello, die "gute Seele" von John Gottis einstigem Gesellschaftsklub in Queens, schickte ihm das erste Paket Bücher: Cäsars "Gallischer Krieg", Dostojewskis "Schuld und Sühne" und, ja, das ist kein Witz - Hitlers "Mein Kampf".

Dann begann er selbst zu schreiben, Tagebuch, einen historischen Roman. Bücher waren seine Ausflucht - im wahrsten Sinne. Ferrante las sich Jura-Kenntnisse an und schaffte es schließlich, eines seiner Urteile erfolgreich anzufechten und die Bewährungskommission gnädig zu stimmen.

Amüsant, authentisch und gelegentlich aufschlussreich

Draußen konvertierte er zum Judentum, weil "die Juden einen so starken Moralkodex haben". Auch zog er so weit wie möglich weg von den alten Kumpels, in ein Dorf im Norden des US-Bundesstaates New York, wo er heute mit seiner Freundin Gabriella lebt, einer gebürtigen Hamburgerin, und weiter schreibt und schreibt.

"Von der Mafia lernen" lebt vom "Mobster"-Slang - es liest sich, wie Ferrante spricht. Das Buch bekam viel Lob in den USA, im Deutschen klingt es mitunter hölzern, etwa wenn Ferrante von "abzocken" und "bescheißen" spricht und dann immer wieder Zitate seiner literarischen Vorbilder einbaut. Trotzdem ist es amüsant, authentisch und gelegentlich aufschlussreich.

Für Ferrante funktionieren die Erfolgsregeln auf jeden Fall. Die Rundfunkgesellschaft CBS will aus seinem Leben eine TV-Serie machen, eine Reality-Show ist ebenfalls in der Mache, aber darüber will er noch nicht viel verraten. Auch verlangt er pro Redeauftritt 5000 Dollar. "Ist das zu wenig?", fragt er mit leutseligem Grinsen.

Dann schaut er auf die Uhr. Sorry, er muss leider weg, die Parkzeit ist erneut abgelaufen. "Du sollst nicht stehlen", sagt er und grinst.>

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Basler Zeitung
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24.8.2011: Gefasst: Wenn die Freundin des Mafia-Bosses Fotos auf Facebook veröffentlicht, sagt die Polizei Dankeschön

aus: Basler Zeitung online: Camorra-Boss dank diesem Facebook-Bild gefasst; 24.8.2011;
http://bazonline.ch/digital/internet/CamorraBoss-dank-diesem-FacebookBild-gefasst/story/16947787

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<Der seit Jahren flüchtige Salvatore D'Avino konnte dank Ferienfotos auf dem sozialen Netzwerk verhaftet werden.

Veröffentlichte Ferienfotos auf Facebook: Freundin des Camorra-Chefs.

Salvatore D'Avino zählt zu den 100 gefährlichsten Kriminellen in Italien. Der 39-Jährige gehört dem einflussreichen Camorra-Clan Giuliano an, berichtete die italienische Polizei am Mittwoch. Nun wurde ihm Facebook zum Verhängnis. Seine Freundin veröffentlichte auf der Plattform Ferienfotos von der Costa del Sol.

Beliebte spanische Mittelmeerküste

Die italienische Mafia benutzt Spanien immer häufiger als Operations- und Rückzugsgebiet in Europa. Einige ihrer prominentesten Chefs haben sich auf der Flucht vor der italienischen Polizei an der spanischen Mittelmeerküste versteckt, von wo aus die Mafiosi ihre Drogengeschäfte weiterführen.

Das Klima, die kulturelle Nähe, die Infrastruktur kolumbianischer Drogenhändler sowie die Möglichkeiten, das aus dem Rauschgifthandel gewonnene Geld über den Immobilienmarkt waschen zu können, machen vor allem Spaniens Küste zu einem beliebten Rückzugsgebiet der italienischen Camorra. (ah/sda)>

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Mafia auf chinesisch:


Merian online, Logo

15.10.2011: Chinesische Mafia: Untergrundkämpfer werden zu einem weltweiten Verbrechernetz - als Gegenwehr gegen die Kolonialmacht England

aus: merian.de: China: Im Zeichen des Drachen; 15.10.2011;
http://www.merian.de/reiseziele/artikel/a-766482.html

Von Michael Weiland

Die Triaden gelten als chinesische Mafia, sie sind für ihre Kälte und Brutalität berüchtigt. Im Lauf eines Jahrhunderts bauten die einstigen Untergrundkämpfer ein weltweit agierendes Verbrechernetz auf - schuld daran ist die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien, die in Fernost Drogen verkaufen wollte.

"La famiglia"? So unangebracht es bei der italienischen Mafia ist, so wenig ist man versucht, ihr chinesisches Pendant - die Triaden - romantisch zu verklären. Die Banden, nach der kommunistischen Revolution vor allem in Shanghai und Hongkong aktiv, sind für ihre Kälte und Brutalität berüchtigt - nirgends ein chinesischer Tony Soprano, der lässig mit seiner Therapeutin plaudert. Das organisierte Verbrechen in China ist auch, weil es stets einen gewissen Ruch von Magie und Mystik mit sich herumträgt, besonders und bewusst furchteinflößend. Die Geschäfte im Zeichen des Drachen verzeihen weder Fehler noch Verrat.

Chinas Triaden: Das Syndikat

Der Ursprung der Triaden lässt sich über viele Jahrhunderte zurückverfolgen: Bereits im 17. Jahrhundert sollen Widerständler sich zu Geheimbünden zusammengetan haben, um die Qing-Dynastie zu bekämpfen. Die wurde von den meisten Chinesen als Unterdrückung erachtet - die Regierenden waren Mandschu, die Bevölkerung allerdings größtenteils Han-Chinesen.

Der ethnische Gegensatz führte zu Gewalt sowie einer gefährlichen Untergrundgesellschaft, die allerdings noch kaum die Eigenschaften organisierter Kriminalität besaß. Viel eher waren die Banden terroristische Zellen. Noch heute birgt der Kampf gegen die Qing-Dynastie Stoff für identitätsstiftende Geschichten, die man sich in den vielen Bruderschaften erzählt. So gehören zur Mythologie der Triaden jene "fünf Älteren", die als einzige einen Klosterbrand überlebten und gegen die Mandschu kämpften. Die Triaden verehren sie wie Heilige.

Der Aufstieg der Triaden zu einem weltweit operierenden Kartell von Verbrecherbanden wurde allerdings erst durch Einmischung von außerhalb ermöglicht. Im 18. Jahrhundert machten sich die Briten das Netzwerk der Organisation zunutze, um Drogen ins Land zu bringen. Obwohl Opium damals bereits in China verboten war, wurde das Rauschmittel dennoch landläufig benutzt - und die Briten benötigten Abnehmer für den Stoff, den sie in ihren indischen Kolonien anbauten.

Europäische Boote schmuggelten also Rauschgift gegen Silber ins Land, im Untergrund wurde es verteilt. Die Briten gaben der organisierten Kriminalität nicht bloß Starthilfe, sondern auch ihren Namen: Der Begriff "Triade" rührt von den dreieckigen Emblemen, die manche Bruderschaften als Erkennungszeichen führen. Mit dem Drogenhandel bauten die Triaden ihre Macht und ihren Reichtum aus. Der Geist war aus der Flasche.

Den Einfluss der Triaden in China brach erst die kommunistische Revolution: Nachdem die kommunistische Partei 1949 die Macht erlangte, verloren die kriminellen Allianzen an Boden. Den fanden sie an den Rändern des Reiches: Hongkong, damals britische Kolonie, wurde zum Hauptsitz der Triaden und ist es bis heute geblieben. Gruppen wie Sun Yee On, 14K, die Vereinigte Wo und Dutzende weitere operieren hier, im typischen Halbwelt- und Untergrundgeschehen: Prostitution, Schmuggel, Glücksspiel, Schutzgelderpressung, Fälschungen und Menschenhandel, die üblichen Disziplinen organisierter Kriminalität, ob in Sizilien, Hamburg oder Shanghai. Etwa 80.000 Mann stark sollen die Triaden in Hongkong insgesamt sein.


2. Teil: Unappetitliche Blutsschwüre

Von Michael Weiland
aus: http://www.merian.de/reiseziele/artikel/a-766482-2.html

Mystizismus und die chinesische Zahlenlehre des I Ching spielen eine große Rolle in den Ritualen und im Aufbau der Hierarchien - die weit loser geknüpft sind als in den strengen Strukturen der Mafia und nur in den obersten Etagen ähnlich rigide sind. Kleinere Aktivitäten von Triadenmitgliedern werden kaum von ganz oben gesteuert. Und nicht jeder, der in einer Triade Mitglied ist, nimmt an kriminellen Handlungen teil, man schätzt, das nur etwa ein Zehntel aktiv ist. Der Rest genießt den Schutz der Organisation.

Chinas Triaden: Das Syndikat

Für die meisten Triadenmitglieder ist lediglich eine Beziehung wichtig: Die zwischen "Dai-Lo", dem großen Bruder, und "Sai-Lo", dem kleinen Bruder. Der eine gibt Aufträge und Schutz, der andere Loyalität und Geld. Auf unterer Ebene kooperieren auch unterschiedliche Triadenbanden, ohne dass der Führungsapparat darüber unterrichtet werden müsste.

An der Spitze einer Gruppe steht der Drachenkopf, sein Rang hat die Nummer 489. Ihm unterstellt sind drei gleichgestellte Mittler, denen die Ziffer 438 zugeordnet ist: ein Stellvertreter, ein Wächter und ein Weihrauchmeister. Die letzten beiden wirken wie das Gedächtnis der traditionsreichen Banden: Sie sorgen dafür, dass die Rituale der Triaden traditionsgemäß durchgeführt werden. Ein ziemlich unappetitliches Beispiel ist der Initiationsritus. Früher tranken die Anwesenden dabei das Blut des Kandidaten mit Wein gemischt, im Zeitalter von Aids war man zu einer Abkehr gezwungen: Symbolisch wird darum das eigene Blut getrunken.

Obwohl die Triaden sich in einem mitleidlosen kriminellen Geschäft verdingen, gehört der mystizistische Anstrich zum Selbstverständnis, ebenso wie die strikte Opposition zur Regierung. Auch wenn der Aspekt in den vergangenen Jahrhunderten in den Hintergrund gerückt ist, verstehen sich die Triaden doch auch als eine politische Kraft. Von den 36 Schwüren, die ein neues Mitglied ablegen muss, enthält einer auch das Bekenntnis, die Herrschaft der Ming wiederherzustellen, wie es die "fünf Älteren" taten.

Filme wie der Hongkong-Klassiker "Infernal Affairs", das Vorbild für Martin Scorseses Mafia-Thriller "The Departed", zeichnen ein brutales, aber nicht komplett unromantisches Bild der Triaden und der Beziehungen darin. Nun, zu fest kann das Hongkong-Kino auch nicht die Hand beißen, die sie füttert. Drogengewinne, so spricht man nämlich hinter vorgehaltener Hand, landeten allzuoft zu Zwecken der Geldwäsche als Investitionen in der boomenden Filmbranche.>

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Der Standard
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10.11.2011: <Nach 16 Jahren Flucht: "Superboss" der 'Ndrangheta gefasst>

aus: Der Standard online; 10.11.2011;
http://derstandard.at/1319182463018/Nach-16-Jahren-Flucht-Superboss-der-Ndrangheta-gefasst

<Sebastiano Pelle in Süditalien gestellt

Rom - Der "Superboss" der 'Ndrangheta, Sebastiano Pelle, ist am Donnerstag nach 16 Jahren Flucht verhaftet worden. Der 57-Jährige, der zu den prominentesten Köpfen der Mafia in Kalabrien zählt, war seit 1995 wegen internationalen Drogenhandels gesucht worden. Er wurde unweit des Hafens der süditalienischen Stadt Reggio Calabria festgenommen. Pelle war unbewaffnet und leistete keinen Widerstand, berichtete die Polizei.

Pelle gilt als Clan-Chef in der kalabresischen Mafiahochburg San Luca. Er befand sich auf der vom italienischen Innenministerium geführten Liste der 30 meistgesuchten und gefährlichsten Verbrecher. Eine Blutfehde zwischen den 'Ndrangheta-Familien Pelle-Vottari und Nirta-Strangio hatte im August 2007 zum Massaker von Duisburg in Deutschland geführt, bei dem sechs Italiener getötet worden waren. Pelle gehörte angeblich zu jenem Teil des Clans, der die Bluttat hatte vermeiden wollen. (APA)>


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20 minuten online,
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20.11.2011: Massenprozess gegen 118 'Ndrangheta-Mafiosi: 110 lange Haftstrafen - und 8 Freisprüche

aus: 20 minuten online: Massenverurteilung: Die 'Ndrangheta wird weggesperrt; 20.11.2011;
http://www.20min.ch/news/ausland/story/Die--Ndrangheta-wird-weggesperrt-23792638

<In einem grossen Prozess hat die italienische Justiz am Samstagabend 110 Mafiosi zu langen Haftstrafen verurteilt. Ein Mafioso erlitt bei der Urteilsverkündung einen Schwächeanfall.

In einem grossen Mafia-Prozess hat die italienische Justiz am Samstagabend 110 Mafiosi zu langen Haftstrafen verurteilt. Wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete, standen in Mailand insgesamt 119 Angeklagte wegen Mitgliedschaft in der kalabrischen 'Ndrangheta vor Gericht.

Zwei mutmassliche Chefs von Mafia-Clans aus der Region um Mailand, Alessandro Manno und Cosimo Barranca, wurden zu 16 und 14 Jahren Haft verurteilt. Für zwölf Jahre muss der mutmassliche Mailänder 'Ndrangheta-Boss Pasquale Zappia ins Gefängnis. Er erlitt laut Ansa bei der Urteilsverkündung einen Schwächeanfall und wurde ins Spital gebracht.

Die Angeklagten, die jetzt in Mailand vor Gericht standen, waren im Juli 2010 beim grössten Einsatz der italienischen Polizei gegen die 'Ndrangheta seit 15 Jahren festgenommen worden. Unter den insgesamt mehr als 250 Festgenommenen war damals auch der mutmassliche Chef der kalabrischen Mafiaorganistaion, der damals 80- jährige Domenico Oppedisano.

Die meisten Festgenommenen kamen vor Gericht. Sie waren neben den illegalen Geschäften im Bauwesen wegen Erpressung, Einschüchterung und Brandstiftung in etwa 130 Fällen angeklagt. Unter den Verurteilten ist auch ein Regionalpolitiker, der mit der Mafia kooperiert hatte.

Acht Freisprüche

Acht Angeklagten wurden freigesprochen oder das Verfahren gegen sie wurde eingestellt. Einer starb während des Prozesses. In dem Massenverfahren hatte die Staatsanwaltschaft insgesamt leicht höhere Strafen gefordert.

Die Angeklagten reagierten auf die Urteilsverkündung im Gericht mit Beleidigungen und applaudierten höhnisch - auch mit Blick auf ihre Verteidiger, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete.

Infiltration des reichen Nordens

Die 'Ndrangheta hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zur stärksten und gefürchtetsten Mafiaorganisation Italiens entwickelt. Sie hat ihren Ursprung in der Region Kalabrien an der Stiefelspitze.

Das durch die Grossrazzien aufgedeckte Vordringen in den italienischen Norden hatte im vergangenen Jahr grosses Aufsehen erregt. Mafia-Jäger hatten zuvor immer wieder vor der Infiltration des reichen Nordens durch das organisierte Verbrechen gewarnt.

(sda)>

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Welt online,
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Casapesenna bei Neapel 7.12.2011: Mafia-Boss Michele Zagaria nach 16 Jahren Flucht gefasst

aus: Welt online: Mafia-Clan: Gefährlichster Camorra-Verbrecher in Bunker gefasst; 7.12.2011;
http://www.welt.de/politik/ausland/article13755807/Gefaehrlichster-Camorra-Verbrecher-in-Bunker-gefasst.html

<Michele Zagaria war einer der meistgesuchten und gefährlichsten Verbrecher Italiens. Nach 16 Jahren wurde er in einem Geheimbunker gefasst.

16 Jahre war der Boss des berüchtigten Clans der Casalesi auf der Flucht. Jetzt wurde der 53-Jährige in einem Geheimbunker nahe Neapel festgenommen.

Der Chef des berüchtigten Mafia-Clans der Casalesi ist nach 16 Jahren auf der Flucht gefasst. Michele Zagaria wurde von Polizisten in seinem Versteck in einem Bunker im süditalienischen Casapesenna bei Neapel verhaftet. Der 53-Jährige war einer der meistgesuchten und gefährlichsten Verbrecher Italiens und wurde in Abwesenheit bereits dreimal zu lebenslanger Haft verurteilt.

Um den Mafia-Boss in seinem Geheimbunker zu fassen, mussten sich die Beamten durch eine dicke Decke aus Stahlbeton unter einem Wohnhaus in Casapesenna graben. „Ihr habt gewonnen. Der Staat hat gewonnen“, sagte Zagaria den Ermittlern laut der italienischen Nachrichtenagentur ANSA bei seiner Festnahme. Innenministerin Anna Maria Cancellieri sprach von einem „großen Erfolg für den Staat“ und einem Schlag nicht nur gegen die Casalesi, sondern gegen die gesamte neapolitanische Camorra.

An seinem letzten bekannten Wohnort verhaftet

Die Abgeordnete und Anti-Mafia-Expertin Laura Garavini wies darauf hin, dass der Gesuchte ausgerechnet in der Hochburg der Casalesi und an seinem letzten bekannten Wohnort verhaftet wurde. Es müsse untersucht werden, welchen Schutz der Gangsterboss in den vergangenen Jahren möglicherweise genossen habe.

Die Polizei hatte bereits am Dienstag bei einem Schlag gegen die Casalesi 47 Verdächtige festgenommen und die Aufhebung der Immunität gegen einen Abgeordneten der Partei von Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi beantragt, um ihn ebenfalls verhaften zu können.

Casalesi-Clan – die mächtigste und gewalttätigste Gruppierung

Dem wegen seines asymmetrischen Gesichts auch „Capastorta“ („Krummgesicht“) genannten Zagaria wird Mord, Erpressung, Raub und die Bildung einer Mafia-Vereinigung vorgeworfen. Der Casalesi-Clan gilt als die mächtigste und gewalttätigste Gruppierung der neapolitanischen Camorra.

Die Casalesi sind die Protagonisten im Enthüllungsroman „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“ von Roberto Saviano, der auch verfilmt wurde. Ihren Sitz haben sie in und um Neapel, verfügen jedoch über ein internationales Netzwerk, mit dem sie jährlich geschätzte 30 Milliarden Euro durch Drogenhandel, Müllentsorgung, im Baugewerbe und durch Warenfälschungen umsetzen.

In den vergangenen Monaten waren der italienischen Polizei mehrere Schläge gegen den Clan gelungen. Dessen mutmaßliche Nummer zwei sowie der mutmaßliche Finanzchef des Clans wurden Ende Mai und Anfang April festgenommen.

AFP/jm>

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Der Standard
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5.1.2012: Italienische Mafia mit neuem Zentrum Rom - 35 Morde seit Anfang 2011

aus: Der Standard online: Italien: Schwerkriminalität in Rom nimmt Besorgnis erregendes Ausmaß an; 5.1.2012;
http://derstandard.at/1325485715186/Italien-Schwerkriminalitaet-in-Rom-nimmt-Besorgnis-erregendes-Ausmass-anInnerhalb eines Jahres fast drei Dutzend Morde -

<Am Mittwoch Vater und Baby erschossen

Rom - Die Schwerkriminalität in Rom hat Besorgnis erregende Ausmaße an: Nach einer Serie von Morden im Herbst, die zum Teil auf Mafia-Rivalitäten zurückgeführt werden, sind am Mittwochabend bei einem Überfall auf der Straße ein Vater und ein Baby erschossen worden. Seit Anfang 2011 wurden in der italienischen Hauptstadt 35 Morde verübt.

Ziel des Überfalls am Mittwoch war ein chinesisches Ehepaar, das mit den Tageseinnahmen gerade seine Geldtransfer-Filiale verlassen hatte. Als Mann sich weigerte, das Geld herzugeben, schossen die beiden Räuber auf ihre Opfer und ergriffen die Flucht. Der 31-Jährige und seine kleine Tochter, die er auf dem Arm getragen hatte, wurden getötet. Die Fahndung nach den Tätern läuft.

Mafia

Die Mafia dehnt ihre Aktivitäten immer mehr auf die Hauptstadt aus, warnt die Polizei. Dutzende Restaurants, Pizzerien, Trattorien und Lebensmittel-Großhandelsunternehmen in Rom und Latium seien unter Kontrolle der Organisierten Kriminalität. Clans der kalabresischen 'Ndrangheta haben nach Ermittlungserkenntnissen in den vergangenen beiden Jahren Millionengewinne aus dem Drogen- und Waffenhandel in Rom angelegt, bevorzugt im historischen Zentrum.

Prominente Lokale wie das "Cafe de Paris" an der Via Veneto, weltbekannt durch den Film "La dolce vita" von Federico Fellini, und das Restaurant "George's", wurden kürzlich als Mafia-Gut konfisziert. Das "Cafe de Paris" war von einem Strohmann der 'Ndrangheta geführt worden. (APA)>

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20 minuten online,
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10.1.2012: Pleite-Italien: Nur die Mafia ist nicht Pleite

aus: 20 minuten online: Organisiertes Verbrechen: Die Mafia ist Italiens solideste Bank; 10.1.2012;
http://www.20min.ch/finance/news/story/27468180


<Italien ist pleite. Ganz Italien? Nein. Die «Mafia AG» sei die einzige Struktur, die noch flüssige Mittel für Investitionen habe, behauptet der Kaufleuteverband Confesercenti und warnt.

Die Mafia ist Italiens solideste Bank. Das organisierte Verbrechen kann mit einer Liquidität von 65 Milliarden Euro rechnen, so viel wie kein Geldhaus im Stiefelstaat, geht aus einem am Dienstag veröffentlichten Jahresbericht des Kaufleuteverbands Confesercenti hervor.

«In dieser Krisenphase ist die Mafia AG die einzige Struktur, die über liquide Mittel für Investitionen verfügt», warnte Confesercenti- Präsident Marco Venturi.

Die Mafia nutze die Krise aus, um immer tiefer in das Wirtschaftssystem in Nord- und Mittelitalien einzudringen. Das organisierte Verbrechen sei Italiens Unternehmen mit dem höchsten Umsatz. Wie aus der Studie hervorgeht, steht die Kriminalität in dem Mittelmeerland mit 140 Milliarden Euro Umsatz für sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP).

Der Jahresbericht von Confesercenti nannte illegale Müllentsorgung, Schutzgelderpressung, illegalen Geldverleih, Diebstahl, Betrug und Schmuggel als Hauptgeschäftsbereiche der kriminellen Organisationen.

Im Würgegriff der Wucherer

Die Mafia dringe jedoch auch immer tiefer in den Verkehrs- und Logistikbereich sowie in die Glücksspielbranche und in den Sport ein.

Täglich wandern enorme Summen von den Taschen der italienischen Unternehmer und Kaufleute in jene der Mafiosi. Eine Million Unternehmer seien Opfer der Mafia. Die finanzielle Krise belaste viele Wirtschaftstreibende, die zu Opfern der Verbrecher würden. Tausende Kaufleute seien bereits in den Würgegriff der Wucherer geraten, geht aus dem Bericht hervor.

Die Mafia bereichere sich immer mehr auch durch Produktpiraterie und illegale Bauten, deren Umsatz auf zehn Milliarden Euro geklettert sei.

Confesercenti warnte auch vor einer zunehmenden Unterwanderung legaler Betriebe durch mafiöse Organisationen. Dies betreffe auch grosse italienische Unternehmen, vor allem Baufirmen, die lieber mit der Mafia zusammenarbeiteten, als deren Erpressungen anzuzeigen, hiess es.

Auch in der Lebensmittelbranche habe die Mafia in manchen Regionen Süditaliens die Kontrolle übernommen, ging aus dem Bericht hervor. So seien die Preise vieler Landwirtschaftsprodukte vom Organisierten Verbrechen bestimmt.

(sda)>

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Spiegel online,
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11.1.2012: <Mafia-Prozess in Mailand: Gefoltert, erschossen, in Säure aufgelöst>

aus: Spiegel online; 11.1.2012;
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,808486,00.html

<Aus Mailand berichtet Annette Langer

Lea Garofalo entsagte der Mafia - und bezahlte mit dem Leben. Ihr Ex-Freund soll den Auftrag gegeben haben, sie bestialisch zu ermorden. Jetzt kämpft die Tochter der beiden vor Gericht für eine Verurteilung des Mannes. Die Zeit drängt: Fällt bis Juli kein Urteil, könnten die mutmaßlichen Killer freikommen.

Als Vincenza Rando den Sitzungssaal 1 im Mailänder Geschworenengericht betritt, wird sie bereits erwartet. "Einen schönen guten Morgen, Frau Anwältin", tönt es hämisch aus dem "Käfig", einer komplett vergitterten Sicherheitszelle, in der fünf mutmaßliche Mafiosi mit düsteren Blicken auf die Zeugenaussage der Juristin warten.

Rando kennt sich aus mit Drohungen. Allzu oft hat sie miterleben müssen, wie daraus blutige Realität wurde. Seit vielen Jahren arbeitet sie für die Anti-Mafia-Organisation Libera, betreut Abtrünnige und Verbrechensopfer. Im Prozess um den Mord an der 35-jährigen Lea Garofalo vertritt sie deren Tochter Denise Cosco, die als Nebenklägerin auftritt. Die Männer im Käfig sind nicht irgendwelche Auftragskiller - Denises Onkel, ihr Ex-Freund und der Vater sind unter ihnen.

Einer der Nicht-Verwandten ist Massimo Sabatino, ein Gesicht wie grob geschnitzt, zu lange, große Nase, kurzer Oberlippenbart. Nervös läuft er hinter dem Gitter auf und ab. Sabatino soll schon im Mai 2008 versucht haben, Lea Garofalo umzubringen. Lea, die Verräterin, die ihren Freund verließ, die gemeinsame Tochter mitnahm und seit 2002 sogar mit der Justiz kooperierte. Die beschlossen hatte, "jede Verbindung mit der Familie und dem Lebensgefährten zu kappen, um ein gesetzestreues und gerechtes Leben zu führen", wie sie in einem verzweifelten Brief an den Präsidenten der Republik Giorgio Napolitano schrieb.

Sabatino kam als Klempner getarnt ins Haus und griff Garofalo an. Nur das unerwartete Auftauchen der Tochter rettete ihr das Leben. "Der einzige Mensch, der von der defekten Waschmaschine wusste, war mein Freund", vertraute sie später der Anwältin Rando an. Da ahnte sie bereits, dass es nicht bei einem Anschlag bleiben würde.

"Ich hätte sie nie allein lassen sollen"

Im November 2009 traf sich Garofalo der Staatsanwaltschaft zufolge ein letztes Mal in Mailand mit ihrem Ex-Freund, um über die Zukunft der gemeinsamen Tochter Denise zu sprechen. Bilder von Überwachungskameras zeigen Lea und die damals 17-Jährige in der Nähe des Friedhofs nahe der Via Montello. Danach verschwindet die Mutter spurlos. "Ich hätte sie nie allein lassen sollen", bereut Denise später. Ihr Vater, Carlo Cosco, habe die Mutter als vermisst gemeldet: "Er schaute mich nicht einmal an, sagte nur, meine Mutter sei nicht wieder aufgetaucht, weil sie mich loswerden wollte. Er war ungerührt."

So zeigt sich Carlo Cosco, ein bulliger Mann mit Boxernase und unterschiedlich langen Augenbrauen, auch im Gerichtssaal. Fröhlich winkt er seinen Verwandten zu, die hinter der hölzernen Absperrung Stellung bezogen haben.

Cosco soll schon vier Tage vor Leas Verschwinden über einen Mittelsmann einen Lieferwagen gemietet und eine Pistole besorgt haben. Außerdem 50 Liter Säure. Massimo Sabatino und ein weiterer Angeklagter, Denises Verlobter Carmine Venturino, sollen Garofalo dann entführt haben. Das Opfer sei gefoltert und mit einem Genickschuss getötet worden, so die Anklage. Die Leiche habe man in die Gemeinde San Fruttuoso gebracht und dort in Säure aufgelöst.

Wenn es so war, leisteten die Täter ganze Arbeit: Zwar wurde der Säurecontainer gefunden, allerdings keinerlei Rückstände oder DNA-Spuren. Die Verteidiger der insgesamt sechs Angeklagten vertreten daher die Theorie, dass Lea Garofalo gar nicht tot sei.

Ein Mord ohne Leiche - der Fall ist ein klassischer Indizienprozess. Und weil er in Italien spielt, ist Zeit ein wichtiger Faktor. Die Justiz ist chronisch überlastet. Bis zur Urteilsverkündung vergehen häufig viele Jahre. Bis zum Juli dürfen die Angeklagten im Prozess Garofalo in Untersuchungshaft bleiben, danach werden sie freigelassen.

Nach den ersten sechs Sitzungen im Jahr 2011, die Zeugenbefragung war gerade in vollem Gange, wurde der Vorsitzende Richter Filippo Grisolia ins Justizministerium berufen. Seine Kollegin Anna Introini ersetzte ihn, allerdings müssen nun sämtliche Zeugen neu befragt werden.

Auch die Hauptbelastungszeugin Denise Cosco soll ein weiteres Mal gegen ihren Vater aussagen, hinter einem Wandschirm, direkt neben dem Käfig. Eine riesige Belastung für die junge Frau, die ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurde und seit dem Bruch mit der Familie mit einer neuen Identität lebt. "Denise ist ein kluge, entschlossene Frau, sie hat die letzten Blutsbande zerschnitten und ein Leben in Isolation auf sich genommen, damit die Wahrheit herauskommt", sagt ihre Anwältin. Unterstützung bekommt Denise von ihrer Tante und der Großmutter, die ebenfalls als Nebenklägerinnen auftreten.

"Lea wurde zweimal ermordet"

In einem Fernsehinterview vom November erhob Garofalos Schwester Marisa schwere Vorwürfe gegen den italienischen Staat: "Meine Schwester wurde nicht ausreichend geschützt", sagte sie. Tatsächlich erhielt Garofalo keine vollständige Unterstützung, obwohl sie die Justiz mit zahlreichen Informationen über den 'Ndrangheta-Clan aus dem kalabrischen Petilia Policastro versorgte und sich vor ihrer Familie verstecken musste. Lea hatte intime Kenntnisse über die Fehde zwischen den Familien Garofalo und Mirabelli. Sie berichtete den Ermittlern über mehrere Mafiamorde, die sich in den neunziger Jahren in der Lombardei zutrugen, wie der an Antonimi Comperati 1995, an dem auch der eigene Bruder beteiligt gewesen sein soll.

Nie hätten die Angaben ihrer Schwester zu einem Prozess geführt, so die Schwester. Lea Garofalo sei zwischenzeitlich arbeitslos und ohne Wohnung gewesen, was sie letztlich dazu trieb, aus dem Zeugenschutzprogramm auszusteigen. "Meine Schwester ist zweimal ermordet worden, einmal von den Strafverfolgungsbehörden und das zweite Mal von der Mafia."

"Wir werden alles tun, um unnötiges Leid und Ungemach von den Betroffenen abzuwenden", versprach die Mailänder Gerichtspräsidentin Livia Pomodoro. Für die kommenden Monate sind etliche Anhörungen angesetzt - bis Mai sollen alle Zeugen vernommen worden sein, damit man vor Juli zu einem Urteil kommt.

Ein Skandal war die Wandlung des Hauptanklagepunkts von Mord mit mafiösem Hintergrund in Mord aus Leidenschaft. Ein Schock für Denise, ging es doch nicht um Mord aus Eifersucht, wie es die Verteidigung unter Berufung auf Garofalos Beziehung zu einem anderen Mann nahelegt, sondern um einen Mafia-Racheakt mit klar kalkulierter Signalwirkung.

Per Videokonferenz zugeschaltet ist am Dienstag in Mailand der Ex-Mafioso Angelo Cortese, der seit 2008 mit den Behörden zusammenarbeitet und Carlo Cosco im Gefängnis von Catanzaro kennenlernte: "Er hat mir von seiner Frau erzählt, die ihn verlassen hatte und mit einem anderen Mann zusammen war. Er bat mich Lea Garofalo zu töten", berichtete Cortese. Er habe allerdings erst die Erlaubnis seines Bosses einholen müssen. Die Sache ist dann aber im Sande verlaufen, weil eine Clan-Fehde damals für Aufruhr sorgte.

Die kalabrische 'Ndrangheta ist die mächtigste Mafia-Organisation in Italien und verfügt über ein weitverbreitetes internationales Netzwerk. Seit Jahrzehnten ist sie fest verwurzelt auch in der Lombardei, deren Hauptstadt Mailand als die Kokain-Hochburg des Landes gilt. Waren es in den siebziger Jahren noch überwiegend Entführungen, mit denen die Kalabrier im Norden Geld machten, verlagerte sich der Fokus schnell auf den Drogenhandel. Das Institut für pharmakologische Forschung hat 2009 nach einer Analyse der Abwässer Mailands errechnet, dass in der Stadt täglich mindestens 10.000 Dosen Kokain konsumiert werden - am Wochenende steigt der Anteil um 50 Prozent.

Ein neuer Bericht der Gruppe SOS Impresa zeigt: Die Mafia hat sich in der Wirtschaftskrise zum größten Geldgeber für kleine Unternehmen gemausert, die von den Banken keine Kredite mehr bekommen. Mit flüssigen Mitteln von geschätzten 65 Milliarden Euro sei sie die "Bank Nummer 1" in Italien, erklärte ein Sprecher der Organisation. Bei einem Umsatz von 140 Milliarden Euro mache die organisierte Kriminalität aus Italien etwa 100 Milliarden Gewinn - das sind sieben Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes.

Angesichts der Modernität der Mafia wirkt das Schicksal Lea Garofalos geradezu anachronistisch. Und ist dennoch eine Seite derselben Medaille. "Sie wollte frei sein, wollte, dass ihre Tochter jenseits des engen Mikrokosmos der Clans groß wird und eine gute Schulbildung erhält", erinnert sich Anwältin Rando. "Sie hat gefühlt, dass ihr Tod nah ist, aber sie hat mit aller Kraft versucht, aus der Situation herauszukommen." Vergeblich. Die Anti-Mafia-Aktivistin hofft auf ein rechtzeitiges und hartes Urteil: "Für Denise, für das Land und für die Gerechtigkeit.">

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Basler Zeitung
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13.4.2012: <Polizei verhaftet 'Ndrangheta-«Superboss»>

aus: Basler Zeitung online; 13.4.2012;
http://bazonline.ch/panorama/vermischtes/Polizei-verhaftet--NdranghetaSuperboss/story/12528739

<Der italienischen Polizei ist ein wichtiger Schlag gegen die organisierte Kriminalität gelungen: Sie hat den Chef der kalabresischen Mafia gefasst. Er gilt als einer der 100 gefährlichsten Kriminellen des Landes.

Der «Superboss» der kalabresischen 'Ndrangheta, Franco Presta, ist in der süditalienischen Stadt Cosenza verhaftet worden. Der 52-Jährige, der seit 2009 gesucht wurde, zählt zu den 100 gefährlichsten Kriminellen in Italien. Er wird beschuldigt, drei Mitglieder rivalisierender Clans getötet zu haben.

Presta versteckte sich in einer Wohnung nahe der Universität von Cosenza, wie die Polizei heute mitteilte. Die kalabrische 'Ndrangheta gilt in Ermittlerkreisen als die derzeit schlagkräftigste der grossen italienischen Mafia-Organisationen. Die drei anderen Mafiagruppen sind die Camorra in Neapel, die Cosa Nostra aus Sizilien und die kleinere Sacra Corona Unita aus Apulien.

(rbi/sda)>

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Basler Zeitung
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24.4.2012: Ndrangheta-Boss verhaftet

aus: Basler Zeitung online: Polizei schnappt Mafia-Boss der 'Ndrangheta; 24.4.2012;
http://bazonline.ch/panorama/vermischtes/Polizei-schnappt-MafiaBoss-der--Ndrangheta/story/31535333

<Die italienische Polizei hat zum Schlag gegen die Mafia ausgeholt: In Kalabrien verhaftete sie einen der meistgesuchten Mafiosi des Landes, bei einer Razzia gegen die Camorra wurden 44 Personen festgenommen.

Die italienische Polizei hat einen der meistgesuchten Mafiosi des Landes sowie Dutzende weitere Verdächtige festgenommen. Der 45-jährige Rocco Trimboli sei in der Kleinstadt Casignana in der Region Kalabrien verhaftet worden, meldete die italienische Nachrichtenagentur Ansa.

Trimboli gehört der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta an. Die Polizei habe ihn schlafend im Haus eines älteren Ehepaars aufgespürt, berichtete die Tageszeitung «Corriere della Sera» heute. Demnach war er unbewaffnet und hat sich nicht gegen seine Verhaftung gewehrt. Gegen das Ehepaar wird ermittelt.

Zu elf Monaten Haft verurteilt

Trimboli war fast zwei Jahre lang flüchtig und soll sich in den vergangenen Monaten oft in unterirdischen Verstecken verborgen haben. Im Jahr 2010 war Trimboli in Abwesenheit zu elf Monaten Haft wegen Drogenschmuggels aus Lateinamerika verurteilt worden.

Bereits 2003 hatte er eine Gefängnisstrafe verbüsst, nachdem er in der nordwestlichen Provinz Piemont bei einem Schlag der Polizei gegen die Mafia festgenommen worden war.

Trimboli soll in den frühen 90er Jahren nach der Ermordung seines Bruders und seines Schwagers einen 'Ndrangheta-Clan übernommen und dessen Aktivitäten aus dem Süden in den wirtschaftsstarken Nordwesten Italiens ausgedehnt haben.

44 Festnahmen in Neapel

Im Rahmen einer grossangelegten Razzia gegen die Camorra, den neapolitanischen Arm der Mafia, sind heute im Grossraum von Neapel ausserdem 44 Personen festgenommen worden. Dabei handelt es sich um Mitglieder des einflussreichen Clans Belforte, wie die Polizei mitteilte.

Der Clan hatte sich vor allem mit der Erpressung von Geschäftsinhabern bereichert. Immobilien im Wert von zehn Millionen Euro seien beschlagnahmt worden. Die Polizei stellte fest, dass Ehefrauen von prominenten inhaftierten Camorra-Mitgliedern die Geschäfte des Clans in Abwesenheit ihrer Männer führten. (fko/sda)>


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Basler Zeitung
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14.6.2012: <Italien konfisziert Mafiabesitz in Milliardenhöhe>

aus: Basler Zeitung online; 14.6.2012;
http://bazonline.ch/ausland/europa/Italien-konfisziert-Mafiabesitz-in-Milliardenhoehe/story/11121314

<Im Kampf gegen die Mafia konzentriert sich Italien auf die wirtschaftlichen Interessen der Organisation. Die Polizei ist aber auf die Hilfe anderer Länder angewiesen.

In den vergangenen drei Jahren wurden Besitztümer im Wert von 15 Milliarden Euro beschlagnahmt, wie die italienischen Behörden bekanntgaben. Allein im vergangenen Jahr wurden Immobilien, Grundstücke und Unternehmensbeteiligungen im Wert von neun Milliarden Euro konfisziert, wie der italienische Polizeichef Antonio Manganelli am Donnerstag berichtete.

Die Mafia zu bekämpfen heisse heute vor allem, ihre finanziellen und wirtschaftlichen Interessen anzugreifen. Italien habe auf diesem Weg grosse Fortschritte gemacht, erklärte Manganelli.

Grenzübergreifende Kooperation nötig

Wichtig dabei sei, die grenzüberschreitende Kooperation zwischen Polizeisystemen zu fördern. Da die Mafia immer stärker auch im Ausland Fuss fasse, sei die Zusammenarbeit im Rahmen des Interpol-Systems von ausschlaggebender Bedeutung.

Italien setze sich mit weiteren 26 Ländern dafür ein, die Ermittlungstechniken bei der Bekämpfung des organisierten Verbrechens aufeinander abzustimmen. Dies soll die Zusammenarbeit erleichtern.

«Ohne die Hilfe anderer Länder kann man keine Resultate erreichen», betonte der Polizeichef. In Palermo weihte er ein technologisches Zentrum der Polizei mit moderner Infrastruktur für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens ein.

Restaurants und Bauunternehmen

In den vergangenen Jahren wurden 1516 Unternehmen konfisziert. Davon sind heute nur noch 176 aktiv. Die restlichen 89 Prozent wurden geschlossen, wie aus Informationen der nationalen Agentur für die Verwaltung von der Mafia beschlagnahmter Besitztümer (ANBSC) hervorgeht. 37 Prozent der konfiszierten Unternehmen befinden sich auf Sizilien. Kampanien und Kalabrien folgen auf Platz zwei und drei im Ranking der Regionen, in denen der Staat am stärksten gegen die Interessen der Mafia vorgegangen ist.

Konfisziert wurden mehrheitlich Restaurants, Bars, Bauunternehmen, Sportzentren und Informatikgesellschaften, die oft als Tarnung zur Geldwäsche genutzt werden. (ses/sda)>

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Basler Zeitung
                          online, Logo

23.7.2012: In Italien bestimmt die Mafia auch das Essen - mit minderwertigen Lebensmitteln

aus: Basler Zeitung online: Wie die Mafia beim Essen Milliarden verdient; 23.7.2012;
http://bazonline.ch/ausland/europa/Wie-die-Mafia-beim-Essen-Milliarden-verdient/story/12214417

<In Teilen Italiens bestimmt die Mafia, was auf den Tisch kommt. Auch der Verkauf von Fleisch, das von kranken Tieren stammt, oder von Made-in-Italy-Produkten aus China gehört zum üblen Geschäft der Agromafia.

Mit gepanschter Mozzarella und anderen vermeintlich hochwertigen Lebensmitteln hat Giuseppe Mandara jahrelang Millionen verdient – seit letzter Woche ist Schluss damit. Der «Armani des Mozzarella» sitzt in Untersuchungshaft. Er ist als Mitglied der Camorra, der neapolitanischen Mafia, entlarvt worden. Der Fall Mandara wirft ein Licht auf ein grosses Problem: Die Produktion gefälschter Lebensmittel ist zu einem Business-Schwerpunkt der Mafia geworden. Gemäss Schätzungen des Landwirtschaftsverbands Coldiretti erzielt die Agromafia einen Umsatz von mindestens 12,5 Milliarden Euro jährlich.

In einem Beitrag für die Zeitung «Repubblica» schildert Roberto Saviano, Journalist und Mafia-Kenner, wie sich die Organisierte Kriminalität in der Nahrungsmittelbranche breitgemacht hat. Laut Saviano, der mit seinem Anti-Mafia-Buch «Gomorrha» Berühmtheit erlangt hatte, kontrolliert die Mafia viele Lebensmittel des täglichen Bedarfs. Das heisst: Sie hat Einfluss auf Produktion, Handel und Verkauf von Kaffee, Brot, Butter, Fleisch, Mineralwasser, Fische und Früchte. Der lange Arm der Agromafia reicht teilweise bis nach Norditalien und ins Ausland.

Bosse sagen, welcher Kaffee getrunken wird

Am schlimmsten ist das Problem im Süden Italiens, wo die Mafia am stärksten ist. Beispielsweise zwang der Clan Mallardo di Giugliano in der Region von Neapel Bars und Restaurants dazu, Kaffee der Marke Seddio zu kaufen. Produziert wurde dieser Kaffee von einer Firma, die dem Neffen des Bosses Feliciano Mallardo gehörte. Auch andere Clans bestimmten, welche Kaffeeprodukte in welchen Lokalen angeboten wurden. Das System funktionierte dank Einschüchterungen und Erpressung. Vor zwei Jahren schritt zwar die Finanzpolizei gegen die Leute des Mallardo-Clans ein, in der Region Kampanien wird der Kaffeemarkt aber weiterhin von der Camorra kontrolliert.

Bedenklich sind auch die Mafia-Praktiken auf dem Fleischmarkt, wo Viehzüchter, Metzger und Behördenvertreter unter der Regie der Organisierten Kriminalität gemeinsame Sache machen. So berichtet Mafia-Kenner Saviano von einer mafiösen Organisation, die Fleisch von kranken Tieren auf den Markt brachte. Das funktionierte, weil bestochene Veterinäre auch kranken Tieren eine gute Gesundheit attestierten. Zudem wurden kranke Tiere mit Medikamenten behandelt, damit sie noch geschlachtet werden konnten. Die Camorra installiert auch beim Fleischmarkt ein Monopol – und sagt den Metzgern, bei wem diese das Fleisch kaufen sollen.

Teurer Verkauf von importierten Billigprodukten

Die Mafia, so Saviano weiter, kontrolliert auch den Handel und Transport von Früchten und Gemüse. Präsent ist sie beispielsweise bei Häfen: So werden Schiffsladungen blockiert, wenn Lieferanten und Transporteure keine Schutzgelder bezahlen. Mafia-Kenner Saviano berichtet weiter von Preiskartellen, auf die sich Clans der neapolitanischen Camorra und der sizilianischen Cosa Nostra geeinigt hatten.

Bei den Mafia-Händlern ist es zudem beliebt, Billigprodukte aus dem Ausland zu importieren und als hochqualitative Made-in-Italy-Ware zu höheren Preisen weiterzuverkaufen. Für Schlagzeilen sorgten beispielsweise Bresaola-Schinken mit Rindfleisch aus Uruguay, Mozzarella mit Milchpulver aus Bolivien und Pelati-Dosen mit Tomaten aus China. Die Liste der kriminellen Machenschaften in der Lebensmittelbranche liesse sich ohne Probleme verlängern. (vin)>

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Italien 23.7.2012: Mafia-Frauen ersetzen die untergetauchten Männer

aus: Welt online: Patin der Camorra: Die verschwiegenen Schwestern der Mafia; 23.7.2012;
http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article108361311/Die-verschwiegenen-Schwestern-der-Mafia.html

<Bei kriminellen Banden Italiens kommt die Gleichberechtigung: Beinahe unbemerkt besorgen Frauen Waffen für ihre untergetauchten Männer, planen Verbrechen und machen Karriere – als Patin der Familie.

Von Paul Badde

Die Handschellen klickten leise. Keine Martinshörner hatten den Paten im Morgengrauen des 26. Juni in Neapel gewarnt. Blondes Haar fiel dem Capo auf die Schultern. Der Pate war eine Patin. Raffaella D’Alterio führte den berüchtigten Pianese-D’Alterio-Clan der Camorra seit der Ermordung ihres Mannes im Jahr 2006.

In der Razzia rings um die Bucht unter dem Vesuv gingen der Polizei mit ihr insgesamt 66 verdächtigte Mafiosi ins Netz. Bars und Supermärkte, Sportwagen und Bankkonten wurden beschlagnahmt.

Der blonden Witwe werden viele Gewaltakte vorgeworfen: im Geschäft mit Erpressung, Drogenhandel und Falschgeld, auch im Baubereich und der Müllentsorgung. Die Patin hatte Milliarden verdient und versucht, ihre Poleposition mörderisch zu verteidigen.

Auch Petra Reski ist blond und eine Patin, jedoch ganz anderer Art. Seit 20 Jahren ist sie mit ihren Berichten und Büchern zur Nummer eins unter den Mafia-Experten der Halbinsel geworden, bei der viele heimlich abschreiben. Sie wohnt jedoch nicht in Palermo, sondern in Venedig, wo wir uns in einem verschwiegenen Winkel hinter dem berühmten Opernhaus La Fenice treffen.

"Wohl aus biografischen Gründen", antwortet sie auf die Frage, wie sie zur Mafia kam. "Ich komme aus einer großen ostpreußisch-schlesischen Familie, mit starkem Familienzusammenhalt nach der Flucht aus dem Osten.

Dieser Verband hat mich geprägt. So bin ich auf den ,Paten' von Mario Puzo gestoßen. Mit 20 bin ich von Kamen nach Corleone gefahren und war sehr enttäuscht, weil da nur alte Männer mit Schlägermützen am Straßenrand saßen." Doch dabei blieb es nicht.

Die Mafia sitzt im Wohnzimmer

Heute wollen wir von Reski mehr über Frauen in der "ehrenwerten Gesellschaft" erfahren. In einem ihrer Bücher heißt es: "Als wir die Trattoria verlassen, heben die Frauen des 'Bella Napoli' zum ersten Mal den Blick. Die Greisin starrt auf uns und auf das Geld, das ihr der Kellner auf einem kleinen silbernen Tablett bringt, die Schwiegertochter hört endlich auf, die Theke zu polieren, und wischt ihre Hände an der Schürze ab." Aber Mädchen und Mafia, ist das nicht ein Widerspruch? Reski lacht leise. "Überhaupt nicht. Erstens haben Frauen ja ohnehin das Sagen im Süden. Das ist in der Mafia nicht anders.

Zweitens haben die sich ihre Männer nicht zufällig ausgesucht. Es ist eine klare Rechnung. Und Frauen berechnen gern. Sie sind auch nicht besser als Männer. Darum sind sie das Fundament der Mafia. Die Mafia sitzt im Wohnzimmer. Sie liegt im Bett, sie isst am Tisch, sie kehrt mit Blut an den Stiefeln zurück. Und die Frauen? Man kann ihnen vorwerfen, dass sie schweigen, vertuschen und lügen. Dass sie wegsehen. Nur eines nicht: dass sie nichts wissen.

Bei allen großen Bossen muss man sich eine Frau an ihrer Seite vorstellen!" Sie sind keine passiven Opfer der blutigen Clankriege, sondern Hauptdarstellerinnen dieser Dramen. Sie transportieren Waffen für ihre untergetauchten Männer, sie planen Verbrechen, überbringen Botschaften und bedienen sich der Medien.

Sie verwalten die Waffenlager des Clans so selbstverständlich, "als handele es sich um eine Friseurkette". Droht eine Hausdurchsuchung, lassen sie die Waffen einmauern. Der Anteil der Frauen an der Mafia sei fifty-fifty, wenn nicht höher – "wie in jedem italienischen Haushalt. Die Frauen sind die unbekannte andere Hälfte der Mafia."

Von der Witwe zur Patin

Wie in der Cosa Nostra Siziliens und in der Camorra Neapels tragen sie auch in Kalabrien die Mafiakultur von Generation zu Generation weiter. Es sind die Mütter, die nach Blutrache verlangen, das Gedenken an die Toten aufrechterhalten und ihre Söhne für das Leben in der ’Ndrangheta vorbereiten. Auch die Frauen aus San Luca sind keine duldsamen Opfer brutaler Männer. Sie verkleiden sich, verstecken Flüchtige, bereiten Morde vor "und erziehen ihre Kinder als Zeitbomben".

Sie erhalten die Verbindung zwischen inhaftierten Bossen und dem Clan aufrecht – womit sie sich sogar den Ehrentitel einer "sorella d’omertà" verdienen können, einer Schwester der Verschwiegenheit.

"Teresa Strangio, eine der drei Schwestern des mutmaßlichen Killers Giovanni Strangio, schritt nach ihrer Verhaftung erhobenen Hauptes die Treppen des Polizeipräsidiums von Reggio Calabria herab, den Blick in die Ferne gerichtet, als schmerzensreiche Mater Dolorosa. Handschellen verliehen ihr die Aura einer Märtyrerin. Die Polizisten, die sie abführten, würdigte sie mit keinem Blick."

Bei der Camorra in Neapel, wo das Matriarchat noch viel stärker ist als im Rest Italiens, sei die Rolle der Frau noch viel ausgeprägter, sagt Reski. Darum erstaune auch niemanden der Fall Raffaella D’Alterios, die als Witwe zur Patin wurde. In Sizilien wurde Antonietta Bagarella berühmt, die Frau Totò Riinas, eines der berühmtesten Bosse.

Sie kannte ihren Mann schon von Kindesbeinen an. Ninetta stammt aus einer alten Corleoneser Mafiafamilie, ihr Bruder war ein aufstrebender Mafioso. "Ihm wurde die Ehre zuteil, von seinem zukünftigen Schwager ermordet zu werden. Ninetta erfuhr das erst, als sie schon mit Riina verheiratet war. Sicher ist, dass sie das nicht an der Eheschließung gehindert hätte. Eine Frau wie Ninetta aus altem Mafiaadel leistet sich keine Sentimentalitäten."

"Es gibt schwule Mafiosi"

Und wieso wurde das bisher nie thematisiert? Warum gibt es keinen Film über "Die Patin"? "Ganz einfach", antwortet Reski: Italiens Justiz stelle die Familie über das Gesetz. Selbst wenn eine Ehefrau mehr als 20 Jahre lang mit einem Mörder untergetaucht war, gelte sie nicht als Komplizin, sie mache sich nicht mal der Beihilfe schuldig. Keine Ehefrau kann gezwungen werden, gegen ihren Mann auszusagen.

Das macht sie für die Mafia so wertvoll. "Ich weiß nichts von der Mafia. Ich weiß nichts von der ’Ndrangheta. Ich weiß nur etwas von meinen acht Kindern, sieben Söhnen und einer Tochter", sagte die Mutter von Sebastiano Nirta, einem der vier mutmaßlichen Mafiakiller von Duisburg.

Gibt es denn auch schwule Paten? "Es gibt schwule Mafiosi", sagt Petra Reski, bevor sie wieder in Venedigs engen Gassen verschwindet, "doch Palermo ist nicht Berlin. In Sizilien halten die Traditionen sich länger als woanders.

Da wird der erste schwule Capo wohl noch lange auf sich warten lassen.">


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